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in 2014
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Dem Andenken
der Märtyrer von Auschwitz
Gandhis ,
Kings
IN TIEFER NOT. EIN VORWORT
ffir sind in tiefer Not, wir Alle, die territorialen,
ethnischen, sozialen und geistigen Gruppen, aus denen die
Menschheit besteht, und tiefer noch ist die Not zahlloser
Einsamen» Wir leben in einer Welt, die groß, aber nicht glück-
lich genannt werden kann und von nie vorher gekannten Gefahren
umgeben ist» In der Beziehung des Menschen zur Natur, in der
Natur an sich und darin, was in uns selbst immer noch Natur
ist, ist eine Krise entstanden, und sie ist es, die auch die
Menschheit in feindliche Lager gespalten hat und alles Leben #
bedroht, Wir sind nicht geneigt, das zu glauben, obzwar manche
Befürchtungen $$§SJtö schon Wirklichkeit sind und das Kommende
teilweise voraussehbar ist. Es ist eine der schon eingetretenen
Folgen dieser Lage, daß den meisten von uns die psychologische
Fähigkeit fehlt, die Dinge in ihrer drastischen Tatsächlich-
keit zu sehen, und das bedeutet Mangel an Bereitschaft zur
Abwehr und Rettung. Kurzsichtiger Gruppenegoismus versperrt
die Wege und lähmt oder verhindert umfassende Aktionen.
Bemühungen, dem Verderben vorzubeugen, werden daher unwirksam.
So gibt es Denker, die zu dem unheimlichen Schluß gekommen
sind, die Menschheit habe keine Zukunft.
Dennoch wird hier ein Versuch unternommen, die Fragen
durch Schilderung und Analyse zu klären, die Zusammenhänge
zwischen ihnen aufzudecken, Möglichkeiten zu prüfen und
Lösungen zu finden. Realistische Antworten auf einen so kom-
plizierten Sachverhalt können jedoch leider weder angenehm
noch billig sein. Es kann kein Angebot umfassender Lösungen
geben, für das allgemeine Zustimmung zu erwarten wäre, weil
II
es mächtigen, von den Gegensätzen der Interessen herkommenden
Widerständen begegnen muß. Nichtsdestoweniger gibt es immer
noch Viele, die gesund genug sind, die Frage von Sein oder
Nichtsein in ihrer schonungslosen Totalität zu sehen. Sie
verstehen oder können verstehen, daß es selbstloser Anstren-
gungen und Zugeständnisse und schwerster Opfer bedarf, um
dem katastrophalen Ende zu entgehen. An sie, die das Leben
höher schätzen als seine einzelnen Werte, Erscheinungsformen
und Attribute, wendet sich der vorliegende Versuch. Es ist
ein Memorandum an denkende Menschen, insbesondere an diejeni-
gen, die in bedeutenden Stellungen schwere Verantwortung
tragen und an der Abwehr des Unheils direkt mitwirken können.
Jedes mit Fragen der Gegenwart beschäftigte Buch ist in
unserer geteilten Welt dem begreiflichen Verdacht der Partei-
lichkeit ausgesetzt, vielleicht gerade dann, wenn es nicht in
eigentlich politischem Geiste und ohne die übliche Phraseo-
logie geschrieben ist. Meine undoktrinäre und unverhüllte
Stellungnahme wird dem wirklich lesenden Leser ermöglichen,
das Maß meiner Unabhängigkeit zu beurteilen. Die Rettung vor
dem nuklearen Weltkrieg und vor den andern Gefahren der Ver-
nichtung bildet das Ziel, dem andere Erwägungen untergeordnet
werden müssen und in diesem Versuch untergeordnet werden.
Dieses enorm praktische Ziel verlangt Einschränkung der
eigentlich philosophischen Untersuchung auf das mit dem Haupt-
thema direkt Zusammenhängende. Ergebnisse über den Menschen
selbst wie über Sein und Erkennen und fernere Fragen, die alle
das Rettungswerk zur Voraussetzung halbes*, seien einem späteren
Buche vorbehalten.
Während der Arbeit an der vorliegenden Schrift sind auch
gute Omina aufgetaucht. -In mohno^on Jör\r\ n^n^oraeiiicncn- von
III
Die hier im Abschnitt über den Süd-Sudan wiedergegebenen schaurigen
Berichte sind auch von holländischen und kanadischen Zeitungen auf-
genommen worden, sodaß zu hoffen ist, daß die Ermordung eines Volkes
nicht mehr lange ungestört weitergehen wird» Und wichtige Regierungen
sind im Begriffe, ihre Bevölkerungspolitik gründlich zu ändern,
Nicht minder sinnfällig, ja in interkontinentalen Dimensionen
sichtbar, wird eine Wendung zum Guten, deren konsequente Weiterentwic
lung die gesamte Beziehung des Menschen zur Natur erfassen und uns
zu der hier dargestellten Erneuerung unseres Daseins in ihr führen
müßte. Ökologisch Einsichtige haben sich zu ansehnlichen Organisatio-
nen zusammengeschlossen und manche Regierungen scheinen ihrem Druck
und dem Beispiel ihres direkten Eingreifens nicht ungern zu folgen.
Die ökologische Perspektive zeigt Vielen die ungebändigte Profitgier
als blinde Macht der Zerstörung noch deutlicher als in ihren längst
bekannten Auswirkungen,
Anderseits ist es die enorme und vielgestaltige Schwierigkeit
der Herstellung und Aufrechterhaltung regionalen Friedens als Vor-
bedingung der Abwehr totalen Untergangs, die dem hier vorgebrachten
System zur Rettung allzu klare und dringende Bestätigung verleiht.
Dieses Buch will weder alarmieren noch ein trügerisches Empfin-
den der Sicherheit begünstigen. Es soll Illusionen beseitigen und
zur Entwirrung des Denkens beitragen. Es soll autkk feindselig geteilte
Menschen zu weitgehenden Revisionen anregen und zur Aktion für das
Gemeinsame zusammenbringen helfen.
INHALT
I. VERFALL DES MENSCHEN IM 20. JAHRHUNDERT
Mensch und Natur heute.
Ohne Luft und Licht.
Ein gehetzter Flüchtling
Sein, Haben, Kaufen
Was beabsichtigt die Maschine?
Konsument wider willen
Ein entartendes Geschlechtswesen
Rauschgift
Arzneien und Ärzte
Die Irrealität des Geldes
Der moderne Mensch und die Arbeit
Menschenwürde
Die Beziehung des modernen Menschen zum Wert
Wer ist glücklich?
Thank you, fine •
II. VERGIFTUNG UNSERER HEIMAT
Chemie gegen Atmung. •
Psychologie der Tötung
Ein verfrühter Rechsstandpunkt
Gegen und für Insekten, gegen und für das Leben. .
In memoriam Rachel Carson
Ein verfrühter Ausblick
III. EXPLODIERENDE MENSCHHEIT
Eine Kurzgeschichte
Gegen ein tödliches Gedränge
Der Vatikan und die Menschheit
Gegen den Hunger und fernere Möglichkeiten
IV. GRUNDLEGUInTG EINER ALT±NEUEN ETHIK 1.
Über Religion und Ethik
Kar ma
Chinesische Prinzipien .
Die griechische Philosophie und ihre Ethik
Spätere Ethik
Die Idee der Vollkommenheit
Menschliche Vollkommenheit
Die Ethik und das Verbrechen des Krieges
Die Ethik und das Verbrechen der Versklavung
Mensch und Tier
Über Tod und Leben
Das Kriterium der Ethik
V. IDEEN UNSERER ZEIT
Religionsgeschichte und Religion
Ökumenismus
Ein Versuch über Religion und Philosophie
Das Wesentliche und das Unwesentliche
Zum alten Problem der Ursächlichkeit und der Willensfrei-
heit. . .
Über das Verhalten der Philosophie
Versuch über Beziehung
In den Kirchen etwas weiter unten
Die Rolle der Erziehung im Niedergang des
Menschen
Eine Zeit und ihre Kunst: Fünf Phasen eines
Prozesses. . • .
Kunst entsagt ihrem Inhalt
Kunst ohne Porm
Kunst ohne Gegenstand; Kunst ohne Künstler
Überbleibsel einer Tätigkeit
Nichts
Nach dem Nichts
Eine zusätzliche Klarstellung
Ein Wort über Musik
Ein V/ort über Lyrik
Die Kunst der Zeit als menschliches Problem
und eine prähistorische Parallele
VI. DIE SITUATION DER MENSCHHEIT: TIEPSTE SCHATTEN UND
EIN WENIG LICHT
Versuch einer Klassifikation der Katastrophen
Tradition und Revolution
Geteilte Menschheit
Prinzip und Konsequenzen des Kapitalismus
Eine unkonventionelle Auffassung von Paschismus....
Eine Deutung des Kommunismus
Ein Versuch über Amerika
China und der Bankrott doktrinären Denkens
Rüstungsindustrie
Sozialismus und Wirklichkeit -
Ein Zwischenspiel: Die letzten Menschen ,
VII. NUKLEARER KRIEG UND DIE ALTERNATIVE ,
Erfahrung und das Heue
Der Globus als Spielball.
Womit beschäftigen sich die Menschen heute?...
Von öffentlicher Meinung
Das Recht
Möglichkeiten der Entstehung und des Verlaufes
Nach dem Ende
Schlußfolgerungen
VIII. DIE ALTERNATIVE: FRIEDENSKONFERENZ OHNE KRIEG...
Grundlegung •
Drei Konferenzen und deren Vorbereitung
Der Geist der Friedensverhandlungen
Prinzipien des Völkerrechts
Anwendung auf Vietnam
Anwendung auf Tai wan
Anwendung auf Tibet *
Anwendung auf Kasnmir
Anwendung auf Afrika
Was geht im südlichen Sudan vor?
Biaf ra
Anwendung von Völkerrechtsprinzipien
auf Deutschland
Anwendung auf Ungarn
Polen, Osteuropa und die Tschechoslovakei
Die neue Sowjetpolitik und ihre Opfer
Die Revolution der Neger Amerikas
Südamerika
Greuelmärchen aus Guatemala
Die Indianer leben
In Brasilien wird ein Volk ermordet ,
Durch die Meerengen zum Frieden #
Das Hauptziel der Friedenskonferenz
Ein Recht, das die größte politische Errungenschaft
werden könnte
Hindernisse auf dem Wege zur Abrüstung
Die Liethode der Abrüstung und die Arbeiten
der Friedenskonferenz..
Die militärischen Auslandsbasen
Die künftige Rolle und Bedeutung der
Vereinigten Nationen
Souveränität als Problem
Geschichtsschreibung und Politik
Eine Begründung des Prinzips der Gewaltlosigkeit. .
Nachwort :
Utopie und Prophetie
Ein Einblick
Ein Ausblick
VERFALL DES MENSCHEN IM ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT
Mensch und Natur heute
Beginnen wir mit einem der Vorkommnisse, die an sich
belanglos sind, aber als Symptome sinnvoll v/erden, wenn sie
uns in eine ganze Zivilisation unerwarteten Einblick geben.
Vor kurzem saß eine Gesellschaft in einem Garten. Man
sah Allen an, daß sie sich selten in s± einer solchen Umgebung
aufhielten. Sie waren nicht in ihrem Element.
Da flog auf das normal geschminkte, etwas verfettete
und nicht unintelligente Gesicht einer Frau in mittleren
Jahren ein harmloser Käfer zu. Ihre zusammenfahrende Abwehr-
bewegung, ihre Angst, ihr Abscheu, ihr unartikulierter Hilfe-
ruf, ihre Erbitterung über die Gleichgiltigkeit der Andern,
ihr Entsetzen und ihre Wut über den Eindringling, der plötzlich
in dieser Welt erschien, die doch nur ihr und ihresgleichen
gehörte, diese ziemlich komplizierte und doch in weniger als
einer Sekunde erfolgende Reaktion wurde zum Indikator unseres
jetzigen Zustandes.
Denn weniger drastisch, aber im selben Sinne, hätten
Unzählige reagiert, und sie tun es auch, sooft das ihnen so
völlig Entfremdete, Natur in jeder Gestalt, ungerufen im
Bereich ihres künstlichen Daseins erscheint, schon durch den bloßen
Hinweis auf ein anderes Sein empfindlich störend, ja verletzend.
Diese Leute fürchten also die Natur und hassen sie. Sollten
wir es nicht Physiophobie nennen ? Es ist schwer zu sagen, ob der
Haß der Furcht entstammt oder ob eine Wechselwirkung besteht.
Das zeitlich Vorausgegangene und die logische Voraussetzung ist
jedenfalls die Fremdheit , und diese kam nach der Entfernung des
Menschen aus seiner Weit, nach seiner Flucht in eine selbstgemachte
Scheinwelt. Die Flucht folgte dem Verlust oder der Vertreibung
der in ihm anwesenden, ihn bewirkenden und in ihm wirkenden
Gesetzmäßigkeit und der Einsetzung willkürlicher Surrogate,
2
die zu einem ganzen System angewachsen sind. Es ist , als
hätte dieses System eine Alleinherrschaft errichtet, um nun
in einer entscheidenden Offensive gegen die noch nicht verdräng-
ten Heste der Natur ringsum und gegen letzte menschliche
Ursprünglichkeit vorzugehen. Zunächst geht es um elementare
Naturwerte wie Luft und Licht.
Ohne Luft und Licht
Die Luft, die wir nolens volens atmen, kommt zwar immer noch
aus der Atmosphäre. Als Hauptlieferantin hat aber die Atmosphäre ±
in der Industrie eine Partnerin von zunehmender Bedeutung. Die
Fenster werden geschlossen gehalten und man atmet drinnen einen $m
Luftersatz, dessen regulierter Feucht igkeitsgrad und dessen
wunschgemäße Temperatur über die fehlende Frische und über die
Sauerstoff knappheit glänzend hinwegtäuschen. Man gewöhnt sich
die Frischluft einfach ab. Mit der Erforschung der Folgen befassen
sich Spezialisten, die uns von der reinen Luft noch weiter ab-
sperren und uns von der Atmosphäre noch um einen Grad unabhän-
giger machen.
Es ist "natürlich" noch viel einfacher, unsere Innenräume
durch Vorhänge vor dem störenden Sonnenlicht zu schützen und
die elektrische Beleuchtung auch am Tage zu benützen. Gegen
die Blässe läßt sich ultraviolette Bestrahlung oder eines der
garantiert unschädlichen Färbemittel verwenden.
So sind wir in ständig abnehmender, bereits auf ein
Minimum reduzierter Fühlung mit den Jahreszeiten, dem Wetter,
der Sonne, den Sternen. Aber sehen und hören wir denn im Bildfunk
nicht genug davon? Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir uns
auch einer Architektur ohne Fenster nähern, da diese schon jetzt
ziemlich überflüssig und eher lästig geworden sind.
Unsere Verkehrsmittel ergänzen unsere Verschanzung gegn
die Luft. Es ist nur ein ubergangszustand, daß wir vom Hause
in den v/agen und umgekehrt eine gewisse Strecke zu Fuß zurück-
legen und unsere Lungen mit der Atmosphäre noch in Berührung
kommen.
Ein gehetzter Flüchtling
Diese Flucht ist nicht unsere einzige, denn wir flüchten
in mehreren Richtungen gleichzeitig, vor dem Sein um uns und
vor dem Sein in uns. Zugleich verfolgen wir unsere wirklichen
oder vermeintlichen Ziele mit derselben Hast, mit der wir vor
allem, was uns zu verfolgen scheint, davonrennen. Theoretisch
müßten wir viel mehr Zeit haben als unsere Väter, denn wir
besitzen ja die Maschinen, die, wie man meinen sollte, unsere
Arbeit für uns tun. Wir haben aber weniger Zeit als Menschen
jemals hatten, denn dasjenige Maß an Zeit, das wir, Schwer-
arbeiter oder Müßiggänger, tatsächlich haben, füllen wir mit
all dem aus, was wir zur Flucht brauchen. Oder genauer, die
Ausfüllung erfolgt nahezu automatisch, fast ohne unser Hinzutun,
indem die vielzuvielen Füllstoffe da sind, sich ansammeln,
einander und uns stoßen und drängen, ohne daß wir eigentlich
zu sagen wüßten, wer sie gerufen und eingelassen hat und wann
und woher sie gekommen sind. Wenn wir sie nach ihren Namen
fragen, nennen sie sich Geschäfte, Konkurrenz, Pflichten,
Interessen, Besitz, Gewinn, Sorgen, Intrigen, Gefahren, Konflikte,
aber sie tragen auch schönere Hamen, wie Verantwdtung , Seligion,
Vaterland, Familie, Partei, Studium, Carriere, Beruf, Vergnügen,
Sport, Kunst, Liebe. Ganz Iiastig finden wir noch Zeit, über Ent-
spannung zu reden und zu lesen, das letztere nach der soeben
rasch erlernten Methode des Schnell-lesens. fir sind von Schemen h
umzingelt, umlagert. Manche ihrer Gesichter sind uns seit langem x
vertraut, andere tragen neu aussehende Masken und wir erkennen
sie nicht.
Sein, Haben, Kaufen
Veränderungen in unserer Denkungsweise sind Ergebnisse
veränderter Bedingungen, wie vor allem unserer Entfernung von
den Grundlagen; doch anderseits ist es unser Denken, das jene
schlimmen Veränderungen bewirkt oder zumindest widerstandslos
zuläßt. Das Medium, an dem wir diese tiefgreifenden Vorgänge am
deutlichsten erkennen, ist unser Dasein selbst und die Art wie
wir uns jetzt in ihm verhalten.
Haben steht höher im Kurs als das Sein, das Kaufen aber
gilt mehr als das Haben. Fabrikant und Händler haben es erreicht,
daß man es vorzieht, von ihnen zu kaufen, was man sowieso hat.
Gegenüber dem an sich Voliandenen wird die besonders erzeugte
und mit allen Mit celn so nachdrücklich empfohlene Ware schon
4
irgedwelche Vozüge haben. Der Ankauf ist zunächst der Ausweis
über ein gev/isses Können und bietet schon darum die Befriedigung,
deren Ausmaß zur Zahl derjenigen, die sie sich leisten können,
in umgekehrtem Verhältnis steht. So sind wir in eine gewisse
Primitivität gesunken, die ein negatives Vorzeichen hat. Es
ist nicht die Primitivität eines Frühzustandes, sondern die eines
Spätzustandes.
Nach weiten Umwegen sind wir nämlich wieder in den Zustand der
Herde zurückgelangt. Eine umfassende Untersuchung der Motive
jegichen Handelns würde für keine der vergangenen Geschichts-
epochen ein so trauriges Ergebnis haben wie für unsere Zeit,
in der fast alles als Nachahmung und Wirkung der bereits genügend
bekannten Gesetze der Massenpsychologie erklärt werden kann,
einschließlich der Ambition, originell oder doch anders zu sein.
Hoden als solche sind ja nicht Züge dieser Zeit, sondern eine
sozusagen zeitlose Eigenheit aller Zeiten, ein stabiler Ausdruck
flüchtiger Gesellschaf ts^zustände. Aber die extrem unkritische
Art, wie die Leute in Massen den verschiedenen Verlockungen,
Schlagworten, Verhetzungen und Anpreisungen folgen, auch den
sinnlosesten, verantwortungslosesten und unmittelbar verhängnis-
vollen, ist ein offensichtliches Merkmal der Gegenwart.
<Statt vieler Einzelheiten können wir uns mit einem einzigen
Beispiel begnügen, das eine Art Selbstverleugnung in grellem
Licht zeigt und zum Spiegelbild einer Gesellschaft macht. Es
ist die wahrscheinlich aus Paris stammende Poor__Boy genannte
Mode. Dia reiche Jugend scheint der vielen und unaufhörlich
wechselnden, für Geld käuflichen Genüsse und schließlich ihres
Reichtums eelbst überdrüssig zu werden. Das verbraucht, abgewetzt,
geflickt und recht lumpenproletarisch Aussehende wird nun
angeboten, gekauft und statt der Eleganz getragen oder mit dieser
kombiniert. Als wollte die Mode beweisen, daß sie nicht immer nur
auf sich selbet zurückgreift, sondern endlich etwas erfinden kann.
Solche Experimente wurden allerdings schon im 18. Jahrhundert
mit mehr Geschmack durchgeführt, wenn auch ohne satirische
Zuspitzung oder\die Geste der Feindseligkeit einer Gesellschaft
gegen sich selbst .\
f
In gewissem Maße gehört die jüngst augetauchte Vorliebe für
ziemlich unehrv/ürdige Altertümlichkeit hierher, für Hausrat, der
weder Jahrtausende noch Jahrhunderte, sondern nur Jahrzehnte alt
ist. Auch der neue Gebrauchsgegenstand bezieht seine Gestalt zuwei-
5
len aus der Maskenleihanstalt ,aie nicht Antikes, sondern nur Veral-
tetes bietet, z.B. ein wie vom Dachboden heruntergeholtes Telephon .
Ebenso ahmen elektrische Lampen ihre <£ür Petroleum gemachten Vor-
läufer nach. Mehr oder weniger überzeugend wirkt der Stil der
Schäbigkeit in den aus unbearbeitetem und wurmstichigem Holz
angefertigten Bilderrahmen, denn diese werden damit motiviert,
daß sie dem Gemälde Charakter geben; und warum sollte es denn
ganz ohne Charakter sein? Aber die tüchtige Industrie hat auch
diese Nachfrage aufgenommen und weiß die Wurmstichigkeit mit
einer Naturtreue nachzubilden, die den Fachmann in Verlegenheit
bringt«
ffas beabsichtigt die Maschine ?
Der abnehmenden Stärke des Renschen entspricht die zu-
nehmende Stärke der Maschine. Daß sie nicht mehr sei als das
Um und Auf der eigentlichen Industrie, zugleich ihre Sklavin und
Beherrscherin, ist ein Märchen aus uralten Zeiten, u.zw. aus
den Jahren vor etwa 1930. Damals kam der technisierte Mensch
aus Fabrik und Geschäft in sein Heim, um einen freundlicheren
Ablauf von Vorgängen zu genießen, in dem er selbst eine schmei-
chelhaftere Rolle spielte als die eines Dieners sachlicher und
sächlicher Gebilde. Seither ist aber nicht nur das Heim zu einer
kleinen Maschinenhalle geworden, sondern die andern Maschinen,
diejenigen, auf die es ankommt, haben sich zu nie geahnter
Vollkommenheit durchgearbeitet, die Grenzen ihrer damaligen
Kompetenz weit hinter sich gelassen und Gebiete erobert, die
ihnen noch völlig fremd waren, wie Logik und Psychologie.
Dieses letztere Fach ist nun offenbar der Brückenkopf, der
den Vorstoß in die eigentliche Welt des Menschen ermöglichen
soll, jene Welt, die für den Menschen selbst noch nicht geheim-
nislos ist. Ganz wie jene einfache infrarote Zelle, die wortlos in
den Makrokosmos vorstößt und die Temperatur von Himmelkörpern
feststellt, sollen die ihr artgleichen wesenlosen Wesen in das
Innerste des Mikrokosmos dringen, um dem Rätselraten und der
Mystik ein Ende zu bereiten« Vorbei sind also jene Zeiten, da
der Mensch noch in ziemlich hochmütiger Einseitigkeitä über
die Maschine grübelte und an ihrer Verbesserung arbeitete.
Heute ist er eher ihr Objekt, und sie meistert es. Einst bot
sie ihm ihre Dienste an, er nahm an und geriet unversehens in
hoffnungslose Abhängigkeit. Noch wagt er da und dort mit ihr
^^^o^öcm^i^eiii^^ager isi^: raas^itesaajasäaasöK^bßhfe am?
6
zu konkurrieren, aber sie macht ja alles nicht nur billiger,
sondern auch besser, m/o die Konkurrenz zwischen den Herrensklaven
der Maschine i.mreer brutaler wird, kann nur sie die Führung über-
nehmen, weil ohne sie auch ihre Leute verloren sind.
Leichteres, freieres Leben war einmal ein Mittel, das
Glück des Menschen war der Zweck. Doch in der Hitze des Gefechte, k
und da eben dieses Gefecht so lange dauert, gerät der nicht erfüll-
te Zweck in Vergessenheit. Dann ist es, als ob das leichtere Leben
der Zweck gewesen wäre. Doch an diesem wiederholt sich der Vorgang
des Vergessens und Verwechselns, und das Mittel, das zum entschwun-
denen Zweck führen sollte, spielt selbst dessen verlassene Rolle.
Konsument wider Willen
Das Fernsehen macht uns kurzsichtig. Das gilt nicht nur
für die Schwächung unserer physischen Augen, denn diese unablässige
Unterhaltung, die aus einer verhängnisvollen Mischung schonungs-
loser Reizungen besteht, verschlingt unsere Freizeit, beraubt uns
der eigenen Aktivität und normalen Produktivität, erniedrigt uns
zu einem bloßen Auf nahmöorgan. Infolge der Menge und Dauer dieser
Aufnahme, die uns mit Eindrücken vollstopft, merken wir nicht,
wie unser Seelenleben verarmt, wie dieses aufnehmende Ich dahin-
schwindet. Wir könnten es merken, wenn uns dieser immer spendende
und nie versiegende Apparat infolge einer Panne einmal fehlt.
Aber selbst wenn nicht ein Reserve-Apparat sofort dessen Platz
einnimmt, reagieren wir auf den chronischen Sadismus des gewohn-
ten Geräts einfach masochistisch, indem wir ohne die dauernde
Verdrängung und Verzehrung unseres Innenlebens alles schal und
langweilig finden. Unsere unmeßbar gewachsene Leere gähnt uns an.
Was wir außer diesen Programmen zu sehen und zu hören bekommen^
nehmen wir als notwendiges Übel hin, denn schwerlich bereitet die
Reklame jemandem das ebenfalls geplante Vergnügen. Es vollzieht
sich aber unbewußt oder halbbewußt, daß wir uns gerade von dieser
unerwünschten Reklame unserer Freiheit berauben und zu ungewollten
Handlungen bewegen lassen. Der Bildfunk ist es ja nicht allein,
sondern Rundjfunk, Presse und alle andern Organe der Propaganda
v/irken zusammen. Der Bildfunk ist nur der stärkste Exponent dieser
-acht, weil wir uns ihm gegenüber in einer besonders v/ehrlosen
Situation befinden.
7
Die Konkurrenz, die immer noch frei heißt, ihre Teilnehmer
aber nicht weniger despotisch gefangen halt als diese uns in
ihren Fängen halten, muß viel, viel, noch viel mehr produzieren
und alles Produzierte loswerden, und wir müssen es kaufen, kaufen,
kaufen. Um die Reste unserer Logik zu schlagen, genügt der Vor-
kriegstyp des Reklamefachmanns längst nicht mehr. Da wir mit
besserer oder mit ebenso schlechter Ware reichlich eingedeckt sind,
kann uns die Versicherung, die neue Ware sei die beste, nicht zu h
unzweifelhaft überflüssigen Ankäufen bewegen« Da muß das gesamte K
Wissen der Psychologen herhalten, um unwiderstehliche Tricks zu
erfinden. Wir sollen tief aufatmend auf das neueste Angebot zu-
fliegen, denn das ist es endlich, was wir bisher sehnsüchtig
erwartet haben. Ja, nun ist das Ende unserer Not oder gar aller
unserer Nöte gekommen. Schon das bloße Material des von jeher
erträumten, aber in solcher Vollendung auch in unsern Träumen
p
nicht geahnten synthetischen Tepjchs wird alle unsere drückenden
Probleme lösen und seine Farbe garantiert uns ungetrübte Seligkeit.
Angesichts der in dem neuen Erzeugnis verkörperten Lebensfreude
und der nun verbürgten paradiesischen Häuslichkeit ist es also
eine selbstverständliche Kleinigkeit, die alten Teppiche hinaus-
zuwerfen. So müssen wir es eben mit allen noc& ziemlich neu aus-
sehenden Waren halten, um für die neueren Platz zu schaffen.
Durch ein Triumphtor kommen sie herein, durch eis etwas beschei-
deneres gelangen sie in den Hof und zur Müllabfuhr. Da jeder diesen
sinnlosen Kreislauf zur Genüge kennt, machen die Psychologen von
ihrer raffinierten Kenntnis des Unbewußten Gebrauch, wie etwa durch
die Bilder, die für den Bruchteil einer Sekunde erscheinen und dafe
her nur in die sublogische Sphäre gelangen, von dieser aus sich
aber umso sicherer in Realität umsetzen, wie etwa bei posthypnoti-
schen Handlungen, und ein Widerstand gar nicht aufkommt.
Auf den entsprechenden Gebieten der Warenproduktion werden
Frauen und Kinder zu Bundesgenossen gemacht, innerhalb der Familie
wird eine analoge Konkurrenz hervorgerufen und der Sieger bekommt
das Seine, dessen er sich dann so lange erfreuen kann, bis er srarHr
seiner durch die nächste Lockung überdrüssig wird und der Wunsch,
es loszuwerden, stärker wird als das Verlangen danach je gewesen
war.
8
Die stärkste aller Tendenzen, die im Dienste dieser den
wirklichen Bedarf so vielfach übersteigenden Überproduktion
stehen, ist aber jener von der gesellschaftlichen Ambition
angestachelte Herdentrieb der gegenseitigen, doch als einseitig
ins Bewußtsein gelangenden Nachahmung. Man schafft es an, weil die
Nachbarn es schon haben oder um ihnen zuvorzukommen. Die verhung
gernde und von den neuesten Wagenmodellen alljährlich wieder
aufgefütterte Selbstachtung ist eines der traurigsten Symbole
des entwerteten Menschen und einer entwerteten Gesellschaft.
Nur in einer Hinsicht war die systematische Überproduktion
bisher inkonsequent und bereitete sich selbst eine gewisse Schwie-
rigkeit. Noch schleppte sie ein sinnwidrig gewordenes Erbe mit
sich, indem sie relativ dauerhafte Materialien verwendete und
z.T. auch selbst herstellte. Schon in der Epoche zwischen den
beiden Weltkriegen war eine Seihe von Industrieländern sozusagen
fortschrittlich, aber in konservativeren Gegenden machte sich
das Publikum über jeme Eintagsmaterialien lustig und ließ sich
deren Infiltration nur widerstrebend gefallen. Doch nur die
Erzeugung für den unverhohlen vorgeseheüaensna: Zweck des baldigen
Hinauswerf ens versprach einen Verbrauch wie er den Mengen der
Ware entsprach, die produziert wird und produziert werden muß»
Seit der Jahrhundertmitte schrumpft der Unterschied zwischen
der Progressivität des Tandmaterials und der von einem programmlosen
und daher immer wieder nachgiebigen Publikum schon halb aufgegebe-
nen Behäbigkeit soliderer Stoffe. Z.B. für Spielzeug und manche
Büroartikel war ja der sofort ablaufende Verbrauch längst das
Gegebene, aber andere Waren boten dem Konservativismus bisher
noch Unterschlupf. Taktisch ist es daher eine glänzende Idee der
,.aterialprogressivität,ihre neuestenExperimente mit Papier für Ssoa
Damenmode in das grelle Licht einer wohldurchdachten Propaganda
zu rücken und Papier für Bekleidung überhaupt als eine Art Vision
künftigen Heils zu verkünden, das endlich unser Aller Erwartungen
erfüllen würde $ zugleich aber mit dem Papier in ein Geriet ein-
zudringen, das noch eine Festung von Holz und Metall war, in die
Domäne des Möbels. Wenn das neue Geschäft das alte auch nur teil-
weise verdrängen sollte, v/erden manche neuen Eroberungen automatisch
folgen. Pflege der Möbel, Übersiedlungen und ähnliche Scherereien
9
haben, lang genug zur Vergeudung kostbarer Zeit gezwungen. Die
neue Ware, die man nicht nur rasch hinauswerfen kann, sondern muß,
weil sie ephemer ist wie eine Zeitung, wird ihren Konsumenten
bald in festen Händen halten. Er wird nun ganz zu ihrem Instrument
werden, allerdings zu einem nur leicht angestrengten, das Kauf
in Permanenz und ebensolche Abfuhr nicht selbst zu besorgen, sondern
nur zu bezahlen braucht, da wie bei jedem Abonnement der Ersatz für
die in regelmäßigen Zeitabständen weggeschafften Möbel auch automa-
tisch ins traute Heim nachgeliefert wird.
Ein entartendes Geschlechtswesen
Von den natürlichen Gegebenheiten immer mehr abgeschnitten,
müssen "wir" in mancher Beziehung degenerieren. Der Verfall und
das gelegentliche Wiedererstarken unserer erotischen Gesundheit
läßt sich leicht bis in die Antike zurückverfolgen, die nicht nur
des Inzestes, der Sodomie, des Sadismus, der Prostitution und der
Homosexualität voll war, sondern auch in ihrer Kunst da und dort
pornographische Tendenzen aufweist. Die Präge, was diese eigentlich
seien, die neuerdings wieder hübsch aktuell geworden ist, muß
endlich theoretisch sowohl den Krallen der Reaktion als auch denen
übler Profitmacher entzogen werden.
Der Geschlechtstrieb des Menschen mit seinen gKHaa&KHge samten
mentalen Auswirkungen, vom primitiven Eros bis zum sublimen, ist,
es sei zunächst in einfacher Aussage festgestellt, als Motiv des
Schaffens in einzigartiger Fülle vohanden; aber eben darum ist
das Motiv in seiner vollen Existenzberechtigung genügend erwiesen,
durchaus nicht weniger als etwa religiöse Motive. Doch hier beginntx
der gewisse Unterschied zwischen Eros und Eros. Die Pairness sexuel-
ler Kunst ist unbestreitbar, wofern sie das Triebleben des Schaffen-
den widerspiegelt, seine Emotionen oder auch nur Wunschbilder zum
Ausdruck bringt. Sie ist jedoch unfair und unter Umständen ver-
brecherisch, wenn sie ohne eigene emotionale Beteiligung es nur
auf das Anstacheln des Triebes bei Andern , bzhw. auf dessen
Scheinbefriedigung abgesehen hat. Die verschlungenen Paare in
den Bildv/erken der Schwarzen Pagode zu Konarak in Orissa gereichen
der indischen Kunst zur Ehre, nicht minder als die vorklassischen
und klassischen Akte der Griechen ihre zärtliche Beziehung zum
harmonischen Naturgebilde verewigen. Doch rücken schon einige
hellenistische und römische Aphrodite-, bzhw. Venusgestalten
10
auf die andere Seite« Da wenden sich nicht weniger geschickte,
doch weniger saubere Meister an den Fetischismus, an die Pygo-
philie, bieten dem verbrauchten Verbraucher die gefragte Ware
oder fachen durch ihr Angebot die erst halb vorhandene Nachfrage
an. Es ist gewiß nicht immer einfach, die zuweilen wohlverhüllte
pornographische Tendenz aufzudecken. In den besten Zeiten frühe-
rer Kulturen trat diese nur vereinzelt in Erscheinung, fand aber
ihren eigentlichen Nährboden in Zuständen der Fäulnis, wie etwa im
Rokoko,
Der Unterschied ergibt sich nur in drastischen Fällen von
selbst; im allgemeinen sieht er nicht nur kompliziert aus, son-
dern ist es auch. Zum größten Teil ist z.B. die eher hypertro-
phierte Erotik der japanischen Malerei und Graphik nicht nur
Geschäft, sondern zugleich durch Ursprünglichkeit und Echtheit
gerechtfertigt, also als ehrbare Kunst bestätigt. Solche Doppel-
naturen sind im Westen ziemlich zahlreich, wodurch die eingehende
Untersuchung des Einzelfalles erst recht zur Glicht wird.
Die künstlerischen Spiegelbilder ungesunder Sexualität
bereiten uns auf das eigentliche Problem vor, das eines unserer
Zeitprobleme ist. Psychoanalyse und verwandte Heilmethoden gibt
es zwar erst neuerdings, und sie selbst liefern auch überreiche
Beweise für ihre Notwendigkeit; doch ist es auch unwahrscheinlich,
daß die Menschen der Vergangenheit solcher Hilfe in gleichem
Laße bedürftig waren. Wahrscheinlich ist vielmehr, daß die einzels
nen Durchschnittsmenschen als auch die Gesellschaft von Neurosen
weit weniger angefressen waren als heute. Dieses Ausmaß an Sexual-
pathologie in ihren verschiedenen Formen und Graden ist offenbar
ein trauriges Privileg der Gegenwart.
Indem wir also indirekte Indikatoren verlassen und uns
direkten Kriterien zuwenden, stehen wir vor der Frage, warum
blutige Sexualverbrechen wie auch die häufigen Vergewaltigungen
ohne Mord in der Gegenwart weitaus zahlreicher sind als jemals.
Zunächst bilden sie einen Teil der gegenüber der Vergangenheit
überhaupt um ein Vielfaches gesteigerten allgemeinen Kriminalität.
Zu dieser tragen z.B. Umstände wie die Massenverbreitung der
Privatwagen sicherlich bei, denn sie bieten dem Verbrechen zahl-
reiche Möglichkeiten und Anreize. Doch der Schwerpunkt liegt
auch hier wieder im Psychologischen. Kriminalität überhaupt
11
spielt heute im "bewertenden Bewußtsein eine stark veränderte
Rolle, die im Kult der Gewalt zu charakteristischem Ausdruck
kommt. Innerhalb der vielgestaltigen Gewaltsamkeit ist nun die
geschlechtliche eine besonders verbreitete Abart. Daß die Opfer
so oft Wehrlose sind, auch Kinder und Halbwüchsige, ist nicht
ein Merkmal der Gegenwart. Aber die weite Verbreitung scheint mit
einem in zahllosen Menschen dieser Zeit besonders ausgeprägten
Zug zusammenzuhängen, mit ihrer degenerativen Selbsteinschätzung«
Denn wer durch die physische Verbindung mit seiner Person
Entwürdigung, Entwertung, Schädigung oder Zerstörung des Partners
herbeizuführen wünscht, bringt nicht nur seinen Sadismus zum
Ausdruck, sondern vor allem tief negative Selbstbewertung. Er
definiert sich selbst, auch ohne volles Bewußtsein dieses Sach-
verhaltes, als Unwert, dessen Führung beleidigend wirkt und
wie durch Ansteckung weiteren Unwert zur Folge hat. In dem
Maße des Bewußtwerdens tritt eine zusätzliche Reaktion des
Hasses gegen den auslösenden Paktor hinzu, und der Wusch, diesen
dafür zu bestrafen, daß freiwillige Liebe von ihm sowieso nicht
zu erwarten war, bzhw. sich an ihm für das Pehlen, oder für die
Empfindung des Pehlens der eigenen Liebesfähigkeit zu rächen.
Die aus der Sexualfolter und dem Sexualmord gewonnene Befriedigung
ist also hauptsächlich die der Rache, der erzwungenen Begleichung
einer Rechnung.
Der verirrte Trieb muß aber nicht unbedingt zum Mord führen,
um auf die mit diesem gemeinsame Quelle zurückzugehen. Ein großer
Teil des Geschlechtslebens unserer Zeit ist von weniger schweren,
doch ebenfalls der Sexualkriminalität zu Grunde liegenden Sörungen
heimgesucht. Häufige, als harmlos oder witzig geltende Äußerungen
weisen auf eine Umdeutung hin, durch die das Liebesorgan des
Mannes zu einer Waffe wird. Dieser von Vielen entdeckte und un-
« e
atfhörlich bestätigte Umstand, dem ein weiblicher Gegnspieler
entsprechen mag, sollte nicht nur warnen, sondern zu umfassender
Heilung durch die bestehenden und durch noch zu schaffende Institu-
tionen führen. Noch fehlt die Methode. Ihr Ausgangspunkt müßte das
Bewußtmachen, bzhw. Bewußtwerden der Störung sein. Der beste Weg
zu ihrer Erkenntnis und der erste Schritt zu ihrer Heilung wäre
12
die Konfrontierung mit der ursprünglichen, naturgegebenen Liebes-
funktion«
..essen schämten sich Menschen früher und wessen schämt man
sich heute? Im 6. Jahrhundert n.Chr. sagte es Prokopios in frappan-
ter Weise, daß er sich schäme, einen Körper zu haben.Dieser gewisse
Abscheu vor dem eigenen Leibe wurzelt wahrscheinlich in in einer
altmesopotamischen, vielleicht einem neolithischen Erbe entstam-
menden Weltanschauung, von der manches Echo noch im antiken Juden-
tum nachhallt. Das Christentum erbte dessen Auffassung, nicht die
griechische Körperbejahung, und gelangte über Jene hinaus zu der k
heute erschreckenden Formel des Prokopios, u.zw. nicht nur im byzan-
tinischen Raum, sondern auch im mittelalterlichen Westen; wie manche
Züge der gotischen Kunst zeigen, feilte es da freilich nicht an
Gegenströmungen, die dann in der Renaissance triumphierten.
Jenen alten Gegensätzen steht aber heute ein Drittes gegen-
über. Man schämt sich alles dessen, was man, zumeist völlig
grundlos, Romantik nennt, einer Schwärmerei, eines Glaubens,
und vor allem der Liebe. Die Terminologie von Trinkern, Prostituier-
ten und mehr oder minder destruktiv gesinnten Halb-Intellektuellen
ist annähernd gleich, als wären sie Alle darauf bedacht, einander
und sich selbst mit Verachtung zu behandeln. Daß ihnen irgend etwas
heilig sein könnte, ist zu einem der vielen humorlosen Witze gewor-
den. Die Motive dieses Verhaltens zum Andern sind offenbar sadistisc'
wie die Erwartung und Herausforderung einer entsprechenden Reaktion*
masochistisch ist.
Auch der Scham schämt man sich, falls man noch etwas von ihr
hat. Ein Arzt und eine Ärztin, die für den fachlichen amerikanischen
Leser ein Buch über das Verhalten beim Geschlechtsverkehr vorbereite-
ten, stellten anfangs Beobachtungen an Prostituierten beiderlei
Geschlechts an, weil sie ihre Zeitgenossen noch falsch einschätzten^
und die Teilnahme anderer Leute der vorausgesetzten Hemmungen wegen
für unmöglich hielten.Als es sich aber herumsprach, hatten sie einen
Massenzulauf von Paaren aus allen Kreisen, alles klappte wundervoll
und man ließ sich auch von diversem Personal sowie von Photo- und
Filmkameras nicht stören.
Unter der den Zeitgeist so überdemtlich anzeigenden Schicht
13
muß aber etwas anderes stecken, sonst gäbe es nicht die häufigen
Fälle von Bekehrten und Büßern beider Geschlechter, die ihr Leben
eines Tages schal finden und sich Religionsgemeinden oder radikalans
Parteien anschließen. Es mag überraschen, daß auch der Anschluß an
Organisationen von Berufsverbrechern hierher gehört. Der gerne insa-
■rt • j_ j . , . ,,n danach, was es in rjener hohlen
me Wenner ist der intensive utfusch ^-cu-iC^iX» o
Gesellschaft nicht gibt, nach Gemeinschaft. Jene vielen Jugendlichen,
die ethischen Werten den Rücken kehren und ihre Tage und itfächte mit
einander verbringen, fühlen zuweilen, daß sie im Grunde einsam
sind, und dieses Gefühl kann bis zur Uherträglichkeit wachsen.
Dieser Typus und der von vornherein Einsame, der sich keiner
andern Gemeinschaft anschließen kann, findet oft unschwer Aufnahme
im organisierten Verbrechen, das in seiner unvergleichlichen Kohä-
sion die schmerzliche Einsamkeit aufhebt und in einem höchst gefahr-
vollen Leben des Verfolgens und Verfolgtseins ein groteskes Gefühl
der Sicherheit, oder gar Geborgenheit, entstehen läßt.
Rauschgift
Doch diese Schicht des Elementaren unterhalb des Trivialen
bricht immerhin relativ selten hervor, u.zw. in den Fällen, die mann
Dissidenten oder Sektierern vergleichen könnte, die eine mächtige
Kirche verlassen. Die Mehrheit lebt in Genüssen ohne Befriedigung,
vor allem in einer Sexualität ohne Liebe. Die Zeit aber eilt dahin
und Manche sehen das einmalige Leben ergebnislos entschwinden.
Man braucht Ersatz für dessen verstoßene oder nie erreichte Werte,
oder noch eigentlicher, Ersatz für die unerreichbare Realität.
Indem so einer zum Warkotiker wird, flüchtet er im Grunde nicht
aus der Realität in die Irrealität, sondern aus einer Irrealität
in die amdere.Er vertauscht nur die unlustvolle mit einer lustvollen.
Und wie man gewohnt ist, die Ware zu bekommen und später, bzhw. auf
Raten zu bezahlen, genießt man auch die narkotische Irrealität, die
künstliche Euphorie, ohne viel an die später fällige Zahlung aus dem
Schatz der Gesundheit zu denken, die ja zumeist auf Raten erfolgt,
sodaß bis zum Ende noch Zeit genug bleibt. Das Opfer übersieht ge-
flissentlich den krassen Widerspruch zischen dem exklusiven Ego-
ismus, der ohne Maske auftritt und die soziale Verantwortung einfach
abschüttelt, und seiner Selbstauf hebung durch Zerstörung des Lebens.
14
Die Rauschgifte waren auch eine der Plagen früherer Jahr-
hunderte, besonders des vorigen, so daß sie an sich nicht zu den
Eigenheiten der Gegenwart gehören. Auch die besonders in Südost-
asien immer noch zunehmenden Dimensionen der Produktion und des
Handels wie auch das Auftauchen neuer und neuester Gifte und die
Entdeckung der narkotischen Verwendbarkeit von Stoffen des Alltags
bfdet keinen einschneidenden Unterschied. Im Westen ist ein spezi-
fischer Gegensatz zur Vergangenheit erst dadurch entstanden, daß ±
das mächtige Handelsinteresse die tiefe psychologische Schwäche
der nassen, und am meisten die zahlloser Intellektuellen, zur
künstlichen Erzeugung einer Massenbewegung auszunützen wußte, die
sich nicht mehr verkriecht wie damals, sondern sich eine Ideologie
oder doch eine Phraseologie, ein ideologisches Gefasel zurechtge-
legt hat und unter Anführung mä von Epigonen der alten Boheme
schamlos vor die Öffentlichkeit tritt, diese unter gut geplanten
und vielfachen Druck setzt und in einem fast legalen Status üble
Vorstellungen veranstaltet, die das gewaltige Geschäft vergrößern
sollen und von Tag zu Tag und von Nacht zu Nacht auch vergrößern.
Der Schmuggel und Handel liegt einerseits in den unwählerischen
Tatzen von Verbrecherorganisationen und in den kranken Händen
ihrer in|das Riemenwerk der Erpressung fest eingespannten Opfer, ms.
anderseits in den Händchen moderner Poeten, Künstler und Künst-
lerinnen, deren gesamte Talente an die der entschwundenen Auslagen-
arrangeure jedoch nicht heranreichen; obwohl die LSD-und Marihuana-
Agenten gerade mit der Behauptung arbeiten, ihre Ware steigere die
schöpferischen Fähigkeiten ins Ungemessene. Es ist eines der Zeichen
der Zeit, daß bei dem Schmuggel auch der am lautesten schreiende
Professor erwischt wurde und daß Kollegen sich seiner heroisch
annehmen. Solche Apostel wissen die Päulnis zu einer Art Religions-
ersatz zu machen und wir dürfen es nicht überhören, daß einer den
hübschen Einfall hatte, das LSD das westliche Yoga zu nennen, als
Ute er beweisen, daß Spenglers Prophezeiung jetzt in Erfüllung
gehe, v/ir sollten noch weniger übersehen, daß die wohl künstlich
gemachte, aber in ihren Auswirkungen die Natur der Menschen gründ-
lich genug erfassende Rauschgifthysterie als Massenphänomen mit dem
Verfall der Religion oder der Kirchen zusammenfällt, von dem bald
die Rede sein soll.Dieser Ersatz für Religion, noch viel ungeschmink-
ter kommerziell und tos* noch viel giftiger ^ ^ Aus^
16
rügte sie gereizt: "Du hast wohl zum Frechsein eingenommen!"
"0 nein," erwiderte sie "ich könnte, wenn ich wollte, frech sein,
ohne dazu etwas einzunehmen, " In den Vorstellungen des Apothekers
hatte die Pharmakologie nach und nach die Natur als treibende
Kraft verdrängt. Alles menschliche Tun erfolgte da als wjFkung
von Medikamenten, so daß der Mensch kaum noch eigene Funktionen
hatte. Unter dem Einfluß des Berufes und gewiß auch anderer Paktoren
hatte sein Denken den Begriff der Fhysis verloren. Dieser Verlust
mußte sich in seiner Lebensf ührung verheerend auswirken. Sicherlich
war er in hoffnungslose Abhängigkeit von seiner Apothekerware
geraten und hatte manche Punktionen buchstäblich eingebüßt. v'/ahrsEja-
scheinlich gab er ganze Serien von Lähmungen auch an Andere weiter ,
indem er Ratsuchenden einen dem seinen gleichen Gebrauch von
Arzneien empfahl, durch die relativ Gesunde nach und nach zu
Krüppeln wurden.Es wäre völlig zwecklos gewesen, ihn eines bessern
belehren und von so schlimmen Empfehlungen abbringen zu wollen,
weil er an seine Verkehrtheiten glaubte und gesunden Denkens un-
fähig geworden war. In den psychophysischen Gesamtorganismen
jener Leute war die direkte Verderbnis zuerst im Physischen vor
sich gegangen, um dann, in ihren weiteren Polgen, die psychischen
Punktionen einzübeziehen.Analoge stoffliche Eingriffe von außen
erfolgen auch durch die Rauschgifte, und ein Unterschied besteht ±
darin, daß diese zunächst das Nervensystem treffen, auf die seeli-
schen Punktionen überspringen und dann auch ihre Wirkungen auf
die Körperorgane nicht verfehlen. Das dem Unterschied gegenüberste-
hende Gemeinsame ist der mit Geld gekaufte Stoff, der an die Stelle
der Eigenfunktionen tritt, um seine Superiorität gleichsam unter
Beweis zu stellen, abgesehen davon, daß der Eidringling da und dort
die Herrschaft an sich reißt und partielle oder totale Abhängigkeit
bewirkt. Für das Fremde und Gekaufte wird das Eigene und Nicht käuf-
liche aufgegeben. Auch wo ein Durchschnittsmaß an Kritik vorhanden
war, fällt es als eines der ersten Opfer. Es ist der prompt eintreten-
de Scheinerfolg, der das kritische Vermögen sofort verschlingt.
So merkt der Süchtige nie, daß jene Erlebnisse nicht die seinen
sind, und daß infolgedessen er auch nicht mehr er ist. Er ist zu s
einem Gehäuse fremder Stoffe und Vorgänge, zu einer Durchgangs-
station für die Effekte einer in einem kommerziellen Laboratorium
17
in§ang gesetzten Dynamik geworden. Von jenen fremden Stoffen
vorwärts oder rückwärts gestoßen, abwärts oder aufwärts gedrückt,
in Ruhe versetzt oder erregt, bleibt ihm als Eigenes nur eine
gewisse Empf indungs^reaktion auf das mit ihm und in ihm Geschehen-
de. Die Reaktion kann Lust oder Unlust sein, ist aber fast nur
Lust, weil sie ihm ja sonst nicht zum Ersatz für das nie genügend
entwickelte, doch immerhin gewesene und weggeworfene Icfi^wfeden
könnten. Pur jene Genüsse, die schon aus diesen entscheidenden
Gründen nur Scheingenüsse sind, bezahlt das Opfer also nicht allein
mit seiner Gesundheit, sondern mit seiner Essenz; mit dieser ist
seine Existenz wohl nicht identisch, aber sie ist von ihr untrennbar.
Arzneien und Arzt ex
Fast Alle, die nicht selbst zu den Opfern der Rauschgifte
zählen, verstehen deren verderbliche Bedeutung; wennjsie genug Oha*
rakter haben, hüten sie sich und xindere vor dem schlecht getarnten
Selbstmord. Diese Selbstwehr fehlt aber gegenüber den Arzneien,
den Produkten einer der größten Industrien der Welt, die von
sämtlichen Regierungen nicht nur geduldet, sondern gefördert,
von einem die Erde umspannenden Handel vertriehen und von der Presse
sowie allen andern Propaganda-Organen und vor allem von den
Ärzten als nützlich und unerläßlich empfohlen werden. An sie
haben wir uns fast zugleich mit der Muttermilch zu gewöhnen.
Bald werden wir mit freundlichen oder unfreundlichen Mitteln
angehalten, sie einzunehmen, bis unser natürlicher Widerstand
überwunden ist und wir es sozusagen freiwillig tun. Selbst wenn
wir erkranken, wird unserem Organismus kein Frieden gegönnt.
Lan läßt der Natur keine Chance, in Ruhe ihre heilenden Kräfte
einzusetzen. Pillen, Tropfen oder gar Injektionen dringen in
unsere Gewebe ein, so daß der gegen die Kraniche it serreger
kämpfende Körper sich gleichzeitig gegen eine chemische Offensive
zu wehren hat. Die Natur siegt trotz allem oft, aber nicht immer,
./enn die Polgen erträglich sind, werden sie als unerwünschte
Begleiterscheinungen der Irwünschten Heilwirkung hingestellt,
oind sie aber schlimm, so kann man sie entweder andern Paktoren
zuschreiben oder eine übertriebene Dosis verantwortlich machen.
Die Polgen treten manchmal spät ein. Der Krebs, der nach Jahren
1.8
oder nach. Jahrzehnten erscheinen mag, kann ja auf vielerlei
Ursachen zurückgehen. Daß diesen im Einzelfalle jemand gründ-
lich nachforscht, oder daß das überhaupt möglich ist, kommt
praktisch kaum jemals vor«
Da die medizinische Schule, die jene Arzneien mit ihrer
Autorität deckt, unbestreitbar gewaltige Leistungen aufzuweisen
hat, besonders auf den theoretischen Gebieten und in der prakti-
schen Diagnostik, hat sich bisher gegen die gesamte Schule viel
weniger Kritik oder Opposition erhoben als gegen alle Mächte
der Erde, einschließlich der geistigen, Nur eine einzige Scfeule
bestreitet hartnackig die Richtigkeit der herrschenden* ärztlichen
Praxis und der ihr zu Grunde liegenden Theorie* und wendet
andere, z.T. entgegengesetzte Grundsätze an.Es ist die Naturheilkun-
de, die in manchen Ländern verboten ist wie übler Schwindel,
in andern in bescheidenem Maße legal wirken kann. Sie vernach-
lässigt zumeist die Diagnostik, v/eil ihrer Krankheitslehre ent-
sprechend dio Natur die Natur die Kraft hat, Krankheiten zu
heilen, auch wenn diese nicht definiert sindj vorausgesetzt, daß
der Leidende zu naturgemäßen Lebensbedingungen zurückkehrt und
die Natur in ihrer automatischen Therapie nicht gestört wird.
Ihre therapeutischen Leistungen fallen gerade da auf, wo die
Schulmedizin versagt. Ihre Eigenart und Stärke liegt dennoch
nicht in der Heilung, sondern in der Vorbeugung, im Verständnis
für Prinzipien der Natur und in deren Anwendung auf die Lebens-
weise des Menschen zur Erhaltung und Förderung seiner Gesundheit.
Als eine der wichtigsten natürlichen Lebensbedingungen wurde die
vegetarische Ernährung, bzhw. Rohkost erkannt. Die Therapie dieser
Schule, praktische Heilung, die ohne Medikamente das v/irken der Na-
turkräfte erleichtert, hat begreiflicherweise die stärksten Erfolge
bei denjenigen, die nach ihren Regeln der Vorbeugung leben.Es
scheint zu stimmen, daß noch nie ein konsequenter Rohköstler
krebskrank geworden ist.
Eine Psychologie der Medizin ist noch nicht geschrieben
worden. Um aber unseren Schlußfolgerungen das mögliche Höchstmaß
an Objektivität zu sichern, wollen wir einige psychologische
Beobachtungen zusammenfassen, die einer systematischen Bearbeitung
des Problems vielleicht als Ausgangspunkt dienen können.
äSTir erinnern uns der im Anfang dieses Kapitels geschilderten
Gesellschaft im Garten und an das Erlebnis der Dame, das nun
19
gleichsam zum Motto wird. Auch die Medizin geht gegen die
nichtmenschlichen Naturwesen vor, als ob sie alle gegen uns
verschworen wären und als ob in keinem Falle Symbiose oder friedli-
che Entfernung in Betracht käme, sondern nur ein einziger unab-
lässiger Vernichtungskrieg. Es ist unmöglich, sich des Eindrucks x
zu erwehren, daß auch die klugen Köpfe, die diesen Feldzug planen?
und führen, infolge gewisser Vorgänge in ihnen, die ihnen unbe-
wußt bleiben, der Natur gegenüber in eine Situation unfreiwilliger
Peinseligkeit geraten sind. Der konkrete Umstand der Verbindung
mit den Interessen der naturfeindlichen pharmazeutischen Industrie
mag mitwirken, spielt aber gewiß nicht die Hauptrolle. Die ent-
scheidenden Ursachen liegen auf der bereits aufgezeigten Linie,
und darauf weisen auch die sinnfälligen Symptome hin. In den
Empfangs- und Ordinationszimmern der modernen Ärzte sind die
Fenster in jeder Jahreszeit geschlossen, und auch in den sonnenar»
men Ländern sind diese Räume Tag und Nacht durch Vorhänge
verfinstert und künstlich beleuchtet.
Die Haupttätigkeit des Chirurgen besteht im Wegschneiden
und Herausschneiden, die des Internisten im Töten schädlicher
oder für schädlich gehaltener Organismen. Diese Ärzte stoßen immer
wieder auf die Präge, wie die Tötungen erfolgen können, ohne daß
auch der Mensch getötet oder geschädigt wird. Der übliche vernich-
tende Angriff auf Amöben kann, um nur auf ein einziges Beispiel
hinzuweisen, entweder den erwünschten Erfolg haben oder einen
Teil von ihnen in die Leber treiben, wo sie viel schlimmeren
ochaden anrichten als im Darm; oder der Mensch wird durch den
chemischen Angriff mitgetötet. Natur heilkundige, die nicht auf
das Töten erpicht sind, wenden mit erstaunlichem Erfolg eine
Diät an, die das entzündete Darmgewebe heilt, den Amöben also
die Lebensbedingungen entzieht und sie zur Auswanderung zwingt,
nid* zur Einwanderung in die Leber. Daß die herrschende Schule
nicht auf so naheliegende Ideen kommt, kann sich nur aus Natur-
furcht und Naturfeindschaft erklären.
Das Verhalten der so weithin anerkannten Schule ist eine
seiüsame Mischung aus kühnem Vordringen in das Unbekannte und
starr orthodoxer Abneigung gegen logische und einfache Revisionen,
die allerdings furchtlose Selbstprüfung zur Voraussetzung hätten
20
Die stärkste Stütze dieses widerspruchsvollen Standes ist
der nahezu allgemein verbreitete Glaube, man habe keine Wahl und
sei auf die Ärzte angewiesen, obwohl sie oft selbst chronisch
krank sind und auch ihren Familien nicht immer helfen können
oder sogar schaden»
Als wollte das von den Ärzten abhängige populäre Denken sich
an ihnen rächen, lebt die Kritik sich in einer Unzahl von Witzen
aus, die jedoch zumeist mit relativ geringen Variationen aus
Realitäten hervorgehen. Daß dem so ist, wird z.B. durch jene trag
sehen Gegebenheiten erhärtet, deren eine als frischer Reuter-
Bericht aus Buenos Aires vorliegt:
Zur Entfernung einer Deformation und Entzündung an einer
großen Zehe (hallux valgus) kam ein Mann in ein Spital. Aus
Furcht vor den Schmerzen ersuchte der Patient um Narkose und
diese rief nach einem Bericht der Zeitung "El Mundo" einen Herz-
anfall hervor. Die Ärzte brachten den Mann durch Herzmassage zum
Leben zurück und legten ihn in ein Sauerstoffzelt, wo aber sein
Magen sich zusammenzog und dann zerriß, was Bauchfellentzündung
zur Folge hatte. Als er nach weiterer Behandlung auf einer Tragba
re transportiert wurde, fiel er von dieser hinunter, brach ein
Schlüsselbein und ein Bein und sein Herz wurde noch mehr geschä-
digt, wodurch Tracheotomie (Luftröhreneinschnitt) notwendig
wurde. Und als er mit einem Abzugsrohr im Magen, einem Atemröhr-
chen in der Luftröhre, einem Bein in Gips und einem Arm in der
Binde dalag, war der Zustand der großen Zehe noch unverändert.
Wer sich in der Chemie und in den Apparaturen der diversen
Anästhesien ein wenig zurechtfindet, wird einen solchen Fall
aber nicht phantastisch finden, sondern sich eher darüber wun-
dern, daß so eine Serie von Unglücksfällen sich fast nie ereignet
Die Medizin hat aber keinen Grund, die Zahl der Todesfälle infolg
der bloßen Anästhesie mit besonderem Stolz als äußerst gering zu
bezeichnen und darauf hinzuweisen, daß weniger als 10% sämtlicher
Operationen tödlich ausgehen. Zumal ja diese Statistiken nur die
unmittelbaren Folgen in Betracht ziehen, nicht die später oder
viel später eintretenden.
Die Abhängigkeit von den Ärzten wird ferner diich eine häufig
Erscheinungsform der Trägheit gefördert. Es ist ja um so viel ±s±
leichter, für eine von Andern ausgeführte Behandlung zu bezahlen
als für die eigene Gesundheit x selbst zu sorgen, etwa durch täg-
liche Gymnastik. Um operiert zu werden, braucht der .Patient ja
20a
zumeist nicht viel mehr zu tun als sich hinzulegen. Ein
Naturarzt, mein Freund, sagte es treffend: "Die Leute glauben
beim Arzt oder beim Apotheker Gesundheit kaufen zu können."
Doch die gefährlichste Stütze der offiziellen Heilkunde sind
sind die oft sofort sichtbaren Erfolge oder Scheinerfolge
ihrer Ph<2makologie , die den langsamer wirkenden Schaden
verschleiern.
Der Flucht in die giftige Euphorie entspricht eine andere,
der dauernde Drang zum Arzt oder ins Krankenhaus. Vielleicht m
wäre Iatromanie der rechte Name dafür. Es sind kaum jemals reine
Erfindungen, die alle diese Leute zu den Ärzten und oft auf
den Operationstisch bringen. Die vorgebrachten Beschwerden söhJ
pflegen einen wahren Kern zu enthalten. Aber psychische Motive
werden diesem Kern zum Treibhaus. Es sind zumeist Unbefriedigte (
oder Gescheiterte, die Liebe vergeblich gesucht haben, und
Andere brauchen, die ihnen Fürsorge als Liebesersatz angedeihen
lassen. Psychisch Gesündere unter ihnen finden einen konstruk-
tiveren Ersatz, und annähernd auch Genesung, in sozialer
Arbeit für Schwächere, Unglücklichere. Darauf sollten
Bemühungen um psychische Massenheilung planmäßig hinarbeiten.
Der doppelte Erfolg der Heilung und Aktivierung wäre umso
bedeutender als die irreale oder halbreale Arbeitsunfähig-
keit zu einer volkswirtschaftlich unerträglichen Last zu
werden beginnt.
Die Irrealität des Geldes
Der neueste Abschnitt der Gesellschafts- und Geistesge-
schichte sah einen alle Voraussicht übersteigenden W.
Triumph des Materialismus, und dieser Triumph hat einen
Januskopf . Sein kommunistisches Gesicht verkündet die
Verwirklichung der Ideologie des naturwissenschaftlich-
historischen Materialismus in der marxistisch-leninistischen
Gesellschaft von Staaten, die etwa ein Drittel der Erdbevölke«
rung umfassen. Die kommunistische Soziologie bezeichnet
21
die Kultur und das geistige Schaffen als den Überbau der
Gesellschaft. Obwohl dieser Name nicht besonders gut gewählt
ist, weist er doch den nicht-materiellen oder mehr-als-materiellen
Gütern einen funktionalen Platz in einem Ganzen an. Diese Sozio-
logie ist also monistisch.
Das kapitalistische Gesicht des Januskopfes proklamiert
die Macht und Größe des ihm gehörenden Drittels, in dem ein
anderer Materialismus blüht, der ökonomische «Die Kräfte dieser
Ökonomie scheinen von ihrem Höhepunkt noch weit entfernt zu
sein und v/erden von Tag zu Tag zusehends größer. In seiner
Ungeheuern Dynamik und in seinem Expansions drang wächst dieser
Materialismus mit seiner Ökonomie nach innen und außen. Aber
über die Grenzen der Ökonomie kommt er nicht hinaus und kann
in einer absehbaren Zukunft die ideologischen Bereiche seines
Drittels nicht erobern noch durchsetzen. Die Ideologien verweh-
ren ihm den Einlaß und sind kohärent genug, um seine Vorstöße
abzuweisen. Diese Ideologien werden zumeist als ideale Werte
angesehen und heißen Religion, Nation, Tradition, berufen sich
auf einen Vertrag mit dem philosophischen Idealismus und nehmen
von Zeit zu Zeit und nach Bedarf anders klingende Namen an,
ohne sich aber stark zu verändern, Sie nemen nur an Radikalität
zu und ab und rücken bald nach rechts, bald nach links. Sie ver-
ändern sozusagen ihre Temperatur und ihr Volumen, aber nicht
ihre chemische Zusammensetzung. Derselbe Bankier, der nur aus
Berechnung und Profit zu bestehen scheint, geht hie und da auch
zur Kirche, unterstützt sie aber lieber durch sein Scherflein.
Er kann z.B. auch dem Ku Klux Klan angehören, einem Operntheater
großzügig unter die Arme greifen oder einem Museum Originale vqqe
War hol und Moore schenken. Hie Geld, hie Ideal,
Eine Dame, die einen umfangreichen Apparat zur Propaganda
ihrer tüchtigen Weisheiten, besonders zur Bekämpfung des Altru-
ismus , zustande gebracht hat und die amerikanischen Städte mit
ihren Vorträgen heimsucht, scheint eine Ausnahme zu bilden, indem
sie von so etwas wie einem Dollarkult als neuester Religion
träumt. Ein solcher Versuch zur Überschreitung der Demarkations-
linie wird dem Materialismus wenig nützen. Denn dieses gesamte
Drittel versteht teils logisch, teils instinktiv, daß es seinen
22
Dualismus braucht, weil es aus ihm "besteht, mit ihm identisch ist.
Es ist einer der monumentalen Widersprüche im Kapitalismus ,
daß die immensen materiellen Werte, die seine gesamte weit bewe-
gen, in ihm im Grunde einen untergeordneten Rang einnehmen. Obwohl
sie die wahren Herrscher sind, verneigen sie sich vor den Idealen
wie vor Göttern, die ihnen Legitimität verleihen und sie schütaen.
Die Übergeordneten und die Untergeordneten bleiben beharrlich in
ihren Rollen, si© müssen es tun, und es lohnt ihnen.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, innerhalb der
materiellen Werte sei das Geld die Hauptsache, Das gerade Gegen-
teil ist der Fall. Nichts ist scheinbarer als die Existenz des
Geldes, es ist fast nur ein Symbol. Theoretisch wäre es ziemlich
leicht, das Geld abzuschaffen ohne daß die Wirt Schafts -und
Gesellschaftsordnung bedeutende Veränderungen zu erfahren
braucht; manches Regime, wie das des Dritten Reiches, hat
diese Abschaffung erwogen, wenn auch nicht gewagt.
Dem ökonomischen Leichtgewicht des Geldes steht jedoch
ein enormes Schwergewicht seiner psychologischen Funktion
gegenüber. Zwar sind es nicht mehr die berauschenden Gold- und
Silbermünzen, sondern nur von Maschinen besorgte mathematische
Operationen, von denen die armen Reichen nicht mehr in Händen
halten als die auch ästhetisch wesenlosen Scheine, Aber die
Bedeutung dieses Nichts für Arm und Reich ist viel größer als die
der glitzernden Münzen es jemals war. Warum?
Es braucht natürlich nicht erst zugegeben zu werden, daß
das Geld, solange es in Geltung bleibt, für jeden real notwendig
ist. Doch unsere Frage bezieht sich auf die Überschreitung der
Notwendigkeit, z.B. auf die Geldgier von Millionären, die in
manchen Fällen nicht minder intensiv ist als die Abhängigkeit s:
von Rauschgiften. Oder auf tödliche Raufereien zwischen Händlern,
bei denen es um eine Scheidemünze geht. Die Lösung ist den frühe-
ren Ergebnissen völlig analog. Das Wesenlose ist auch hier wieder
ein Ersatz für das Wesenhafte, für echte Befriedigung, für alles
Echte, dessen Kern für den Menschen ohne Zweifel die Liebe ist,
u.zw. Liebe im besten Sinne, auch im Sinne des frühen Buddhismus
und des frühen Christentums.
23
Denn das Verlangen nach Liebe wird umso größer, je liebloser
das Leben wird. In eine Heilanstalt für Geisteskranke geriet
ein seiner Veranlagung nach normaler und begabter junger Mann,
v/eil sein Leben zu einer Serie von Enttäuschungen und Erschüt-
terungen geworden war. Herzenskälte, Feindseligkeit, Hinter-
hältigkeit, Wortbruch und die täglich bewiesene Flüchtigkeit
von Gefühlen und Unverläßlichkeit von Beziehungen hatten ihm
das ±k biologisch unerläßliche Minimum an Vertrauen und Sicherte
heit genommen. In der Anstalt aber hatte er das Glück, eine
Partnerin zu finden, der dasselbe widerfahren war. So gaben Bei-
de einander das Vertrauen wieder und konnten gemeinsam ins
Leben zurückkehren. Diese Kurzgeschichte, die fast zu rührend k
klingen mag, um wahr zu sein, ist es dennoch, aber es gibt im
Jammertal der Wirklichkeit viele lange Geschichten ohne happy
end und unzählige Lebensläufe ganz ohne die herbeigesehnten
Ereignisse und Fügungen, Abläufe menschlichen Daseins ohne den
geringsten Trost. Die Mechanisierung der Gesellschaft verviel-
facht die Beziehimgslosigkeit. iüfer schaut den Beamten oder die
Beamtin am Schalter an, wer hat für solche Studien oder für
solche Fühlungnahme Zeit? Eine Atmosphäre der Unbarmherzigkeit
verschlingt wärmere Hegungen. Zwischen Lehrern und Schülern bee
steht Fremdheit, die Maschine trennt auch siel). So gerät unsere
1) Vgl. S.
Menschlichkeit auf den Weg zu aussichtsloser Verarmung.
was Wunder, wenn wir mit allem Käuflichen prunken, um
unseren Mangel zu verbergen, und uns ein von Kopf bis Fuß künst-
liches Exterieur anschaffen, um Andern und uns selbst vorzu-
täuschen, daß wir der Liebe wert seien und sie reichlich genießen;
und daß wir nach dem schäbigsten aller Ersatzmittel jagen, um j±
dieses dagegen einzutauschen, was wir um unseretwillen nie zu
erlangen hoffen ?
So ist das Geld, das der moderne Mensch für das maximal
fieale, oder sogar für die einzige Healität hält, verwiegend
Fiktion. Was wir tun, um es zu erlangen, ist daher in zweiter
oder noch viel höherer Potenz irreal, von relativ harmloser
Verleugnung unserer selbst bis in die Abgründe routinierten
Verbrechens.
24
Der moderne Mensch und die Arbeit
Je zärtlicher das Verhältnis zum Gelde wird, desto frostiger
wird die Beziehung zur Arbeit. Das einfachste Kriterium der
Verbundenheit ist das festhalten anginer bestimmten Arbeit trotz
lockenden Aussichten auf Verbesserung des Einkommens. Dieser Prüf-
stein kommt allerdings nur in denjenigen Gesellschaften in frage,
in denen freie Berufswahl herrscht und der Übergang von einer
wirtschaftlichen Position zu einer andern nicht verboten ist.
Solch ein Verbot existiert theoretisch und praktisch immer noch
in dem durch die religiöse Weihe geschützten starren Kastenwesens
Indiens, das den Söhnen aller Generationen die Berufe der Väter
aufzwingt, ohne daß ihre individuellen Neigungen oder Begabungen
etwas ändern können. Aimfo Außerhalb der eigentlichen Sklaverei
waren halb-versklavte Stände dem Fluch diese Erbes auch in Europa
durch lange Geschichtperioden unterworfen, insbesondere im Peuda-
lismus, der ja auch heute lebende Nachkommen hat, wo immer es
noch Großgrundbesitz gibt.
Immer wieder tauchen auch noch Autoren auf, die an der
Sklaverei ein gutes Haar finden wollen und mit der Behauptung m
operieren, der Versklavung von Kriegsgefangenen ss± und ganzer
Bevölkerungen eroberter Gebiete sei der Brauch der allgemeinen
Kiedermetzelung vorausgegangen. Demnach sei die Versklavung ein
Aufstieg von der brutalsten Barbarei zu milderer Behandlung.
Diese Annahme ist logisch defektiv. Denn wo es bereits Arbeit
zu tun gab, wie die der primitiven Landwirtschaft und Viehzucht,
oder Bauarbeit, wurde sie ja ursprünglich ndtfendigerweise von
eben denjenigen getan, die sie später den Besiegten aufbürdeten.
So ging also die Entwicklung von der produktiven eigenen Arbeit
zur mörderischen Ausbeutung. Wenn wir daher im Sinne von Wert-
urteilen Bilder wie die des Auf- und Abstiegs verwenden wollen,
können wir den Übergang von einer produktiven zu einer parasitären
Gesellschaft schwerlich als Aufstieg bezeichnen, auch wenn wir
auf jede eigentlich ethische Bewertung verzichten.
Der Niedergang zu einer auf Sklaverei gegründeten para-
sitären Gesellschaft kam wahrscheinlich gleichzeitig mit den
positiven Entwicklungen, die zum vollen Neolithikum führten.
Es war deren negative Kehrseite, oder das abwärts führende ge-
sellschaftliche Gegenspiel eines starken Aufstiegs der Wirtschaft,
25
die von der parasitären Stufe der Jagd zur Produktivität des
Ackerbaues gelangte, was eine höchst bemerkenswerte, doktrinä-
rer Auffassung ausgesprochen unbequeme Divergenz von Wirtschaft
und Gesellschaft bedeutet.
Oft kehrt auch die Behauptung wieder, die Arbeit ziehe den
Menschen nicht an, er habe sie immer nur gezwungen getan. Solche
Beobachtungen können aber nur da gemacht worden sein, wo Sklaverei
oder ähnlicher Verfall der Gesellschaft und des Menschen bereits
den Hintergrund bildeten. Hingegen ist erfolgreiche Bemühung,
solche, die zur Verbesserung von Zuständen führt, primär lust-
betont wie die Freude des Kindes an seinem wachsenden Können.
Sie ist der Ausgangspunkt für Zusammenwirken, ein gemeinschafts-
bildender Faktor. Es ist die Arbeit an sich, wie sie sein konnte
und kann, im Gegensatz zu der degradierten und degradierenden
Arbeit.
Die üatürliche Freude an der Arbeit hat sich in bescheidenem
Maße erhalten, indem sie fast unbemerkt durch diejenigen Bedingun-
gen hindurchgelangte, die als Zwang, Fron und Erniedrigung das
Arbeiten mit tiefem leid assoziierten.
Der lustvollen Beziehung zur Arbeit sind aber nicht nur
jene größtenteils überwundenen Greuel ungünstig, sondern auch
die modernen Lebensbedingungen, jedenfalls im kapitalistischen
Sektor, vielleicht auch im kommunistischen. Der Profit als Ziel-
punkt der Planung und Ausführung ist schon anrieh eine Großmacht
der Demoralisierung. Unter der Herrschaft dieses Prinzips wird
Ar^beit nicht um ihres Wertes willen getan, und am allerwenigsten
um ihrer selbst willen. Der Mensch gerät wieder in eine geringge-
achtete Position, als Konsument wie auch als Produzent. Die Rolle
des Konsumenten ist mit der Zahlung fast schon beendet. Wohl soll
er auch zufrieden sein, aber nur um weiter zu bezahlen und Andere
zu Konsum, d.h. Bezahlung, anzuregen. Die Rolle des Produzenten
ist im Frühstadium die des Konkurrenten der Maschine, doch aus
dieser Konkurrenz geht er, der weitaus Schwächere, als halb und
halb geduldeter Diener der Siegerin hervor.
Unter solchen Umständen doch noch einer gewissen Liebe zmr
Arbeit oder ihrer Wertschätzung zu begegnen, ist überraschend.
Es war in Jerusalem, wo ich vor einigen Jahren auf dem Wege zu
einer Begegnung bemerkte, daß meine Schuhe schmutzig waren.
Ich trat an einen Schuhputzer heran, der an sein Werk ging,
26
rieb, glättete, bürstete, und das noch und noch wiede^üolte ,
als ob Sein oder Nichtsein davon abhinge. Der schwarze Lederer-
satz glänzte schon wie ein Spiegel und es war für mich fast schon
zu spät. Ich drängte ihn zum Abschluß, indem ich seine Arbeit
lobte und bezahlte, aber er ließ nicht locker und hielt mich fast
wie einen Gefangenen fest, bis er selbst seine Arbeit vollendet
fand. Gerade weil es eine unbedeutende Aufgabe war, der er sein
Können mit solchem Ernst und Eifer widmete, und viel mehr tat a
als er mußte, um seinen Lohn zu bekommen, verdient jener junge
Orientale der Vergessenheit entrissen zu werden und als Symbol
fortzuleben. Er tat seine Arbeit nicht nur für den Lohn, sondern^
zugleich um ihrer selbst willen und schöpfte aus ihr reinere
Befriedigung als der moderne Durchschnittsmensch aus der seinen.'
Es muß eine in tiefen Schichten des Seelenlebens bewahrte
Tradition sein, die Integrität seiner Beziehung zur Arbeit
trotz allen ihr so ungünstigen Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Die Stärke des Eindrucks der Ausnahme läßt die Regel natürlich
noch deutlicher hervortreten. Angesichts der klaren Regel muß
zugegeben werden, daß der Kommunismus einer gesunden Beziehung
zur Arbeit günstiger ist als der Kapitalismus. Doch kommt es auf
die Praxis an; nur lange und vielseitige Beobachtung des Lebens
und der Arbeit hüben und drüben würde ein kompetentes Urteil
ermöglichen«
Menschenwürde
Zu den Charakteristika einer Zeit gehört sicherlich deren
Auffassung von würde und die Beziehung der Menschen zu dieser.
In den alten Königtümern und Diktaturen waren Hochmut nach untoa
und Kriecherei nach oben in Jahrtausenden derart zur Selbstver-
ständlichkeit geworden, daß es auch unter den am höchsten ent-
wickelten Individuen nur ganz wenige Ausnahmen gab. -Man erinnere
eich oinor wohl nicht mithnnti n^nn , lehrreichen Anekdote /
über das Benehmen Goethes und dao Beethovens* /
Die neuen Diktaturen, die mit der kommunistischen begannen,
mußten einen andern Stil entv/ickeln. Dem vorkominunisti sehen
Sozialismus hatte brüderliches Benehmen entsprochen und die'
kommunistische Diktatur konnte es nicht bald verlassen, ohne
ihr proletarisches Prestige zu gefährden. Der italienische und
der spanische Paschismus hatten es in dieser Präge einfacher,
denn das vorausgegangene Regime verpflichtete zu nichts, 2?
so daß ein paar Imitationen schnoddriger Vökstümlichkeit genüg-
ten. Hingegen ging das in der deutschen Partei, die sich ausge-
rechnet nationalsozialistisch" nannte, nicht ganz so glatt.
Der extrem militaristische Charakter, dessen Kriegspläne in die
Fundamente eingebaut waren, erforderte straffste Über- und Unter-
ordnung; aber die in den Massen noch eingewurzelten Stimmungen,
sozialistische und kommunistische, verlangten ein paar Nachahmun-
gen des brüderlichen Stils, der in den Anfängen Homosexualität
noch mehr anzuregen drohte, was mit Rücksicht auf die Parteige-
nossinnen u.s.w. nicht anging. So stürmte man zwischen Skylla
und Charybdis los. Alle Diktaturen, links und rechts, gelangten
nach tastenden Versuchen zu jener aufrecht männlichen Routine,
die ganz gut geeignet ist, Angst, Unterwürfigkeit und Masochis-
mus einerseits und Größenwahn und Sadismus anderseits zu tarnen»
Aber jede Staatsform hat ihre Schwächen, auch die von de-
finitiver Auswirkung ihrer Möglichkeiten gewiß noch weit entfernte
Demokratie. An sich ist sie für die Würde der einfachen Leute
nicht ungesund. Im Gegenteil, sie gibt ihnen, besonders wenn wählen
sich nähern, ein erhöhtes Selbstbewußtsein. Zwar leidet dieses
unter der häufigen Begleiterscheinung der gegenseitigen Herab-
setzung, doch bleiben solche Trübungen in ihren krassen Formen
so ziemlich auf die Zeit des Wahlkampf es beschränkt. Hingegen
wird hübsch viel von der Würde der Oberen, der Kandidaten, der
Popularität geopfert, was schwer sein mag, wenn viel von ihr vor-
handen war. Da konkurriert der Staatsmann mit dem Filmliebling.
Er gibt offen zu, sein verwelkendes Gesicht für den Bildfunk
färben und schminken zu lassen, um den Effekt der z.T. selbstge-
machten Rede nicht durch ein erotisch neutrales Äußeres zu beein-
trächtigen. Lächeln und Erregung sind unter der Anleitung von
Fachleuten vor dem Spiegel einstudiert und der Klang der Stimme
wird nach Tunlichkeit veredelt.XWomöglich mobilisiert der Mann
auch seine Frau.
Niemand kritisiert diese Methoden, im Gegenteil, sie finden
Nachahmung, auch bei Nichtpolitikern, für deren Geschäft Beliebt-
heit von Wert ist. Man wird erfinderisch, produziert Neuheiten
und kopiert einander. In der nächsten Phase des politischen Lebens
scheint der Mensch also zum Clown werden zu sollen.
28
Die Beziehung des modernen Menschen zum Wert
Wertbegriff e waren immer in Bewegung, obwohl die religiösen
und philosophischen Lehren grandiose Versuche darstellen, sie
ein für allemal festzulegen, um spätere Änderungen auszuschließen«
Die Veränderlichkeit ist der anschauliche Beweis der Subjektivität
und weist darauf hin, daß auch dasjenige, was als objektiver
wert erscheint, nur ein intersüb jektiver ist, durch die "allgemei-
ne" Zustimmung den Anschein der Objektivität erlangt hat,
Subjektivität bedeutet zugleich Relativität« Wir haben also nie
die unbestreitbare Gewähr dafür, daß die existenten oder postu-
lierten Dinge den Wert, den wir ihnen beilegen, an sich haben.
Doch kann für frühere Epochen zumindest das als Segel gelten,
daß Menschen sich daran hielten, was sie selbst als Wert er-
kannten und anerkannten.
Die Betrachtung der Gegenwart erweckt Zweifel, ob das
immer noch gilt. Die Leute beten z,B, den Erfolg an, ohne ihn
auch nur auf die eigene Annahme einer Berechtigung zu gründen^
auch ohne zu bestreiten, daß ja sie selbst den Erfolg machen
oder doch den Hauptanteil an seinem Zustandekommen im haben«
Die neueste Literatur, Kunst und Musik bietet für die Nicht Ob-
jektivität des Erfolges manche klassischen Belege, wenn hingegaac
gen ungedruckte Bücher, unauf geführte Theaterstücke, unbekannt
gebliebene Symphonien und staubbedeckte unausgestellte Skulpturen
systematisch aufgenommen Äsissx und mit den veröffentlichten
"Werken verglichen würden, könnte sich herausstellen, käEHisxsdbzk
daß die Summe des Verschmähten gegenüber der Summe des Anerkann-
ten Wesensunterschiede auf v/eist, bedeutend genug, um das §esamt-
bild der Zivilisation zu verschieben, aber auch einen markanten
wertunter schied zu Gunsten des Unbekannten oder Zurückgewiesenen,
Wahrscheinlich würde aber an fast allen Werken dieser letzteren
Kategorie eine gewisse Fremdheit gegen die Interessen und Tenden-
zen der Heutigen auffallen und hie und da wären sie in deutlich
erkennbarer Opposition zum herrschenden Geschmack; während sich
für das erfolgreiche Schaffen als bezeichnend erweisen würde,
daß es dem Zeitgeschmack entspricht. Die Kongruenz von Zeitge-
schmack und Erfolg wird zum Teil darauf beruhen, daß es eben
diese Werke waren, die den existierenden Geschmack erzeugten
29
oder mitbestimmten, zum Teil aber auf' elastischer Anpassung an
wohlverstandene Wünsche oder Bedürfnisse. Sine solche Gegen-
überstellung würde jedenfalls mit Sicherheit ergeben, daß Wert
und Geltung üicht in der naiv angenommenen Beziehung von Ursache
und Wirkung stehen. SSTie Banalität eine Welt erobern kann, dafür
besitzen wir ja in den Beatles und deren vielen Nachahmern und
Nachfolgern ganz hübsche Beispiele; obzwar eben diese auch die
Flüchtigkeit des auf nichts gegründeten Huhmes beweisen. Diejenige
Jugend, die ihresgleichen nachläuft, kann in solchen einen Inhalt
zur Füllung der schmerzlichen Leere nicht finden und sucht ihn
wohl auch nicht; aber sie findet Trost für die Leere wie sie
eben ist, berauschende Belustigung über große Armut.
Damit soll keineswegs gesagt sein, daß der Gegenwart Wert
überhaupt fremd geworden sei oder daß erfolgreiche Literatur,
Kunst und Musik insgesamt minderwertig seien. Aber Wert und
Erfolg bestehen jetzt nebeneinander, als würde jeder von Beiden
einer andern Ursächlichkeit angehören. Es ist als ob unsere Zeit
einen uralten Kausalnexus unterbrochen hätte.
Wer ist glücklich ?
Da wir so wesenlos und so lieblos geworden sind, läßt es
sich für die Gegenwart kaum noch aufrechterhalten, daß hie und
da ein Glücklicher gewesen« Oder doch ?
^EjsJ^eße jedenfalls nicht Amerika entdecken, wenn man fest-
stellte ?/^denen reichlich Unterstützung geschickt, aber unterwegs
zu einem hübschen Teil gestohlen wird, nicht zu den Glücklichen
gehören. Die Millionen Inder und Latein-Amerikaner, die sich im
Laufe ihres kurzen Lebens kaum jemals satt essen, werden eher g:
gefressen, u.zw. von der eigenen Erbitterung über die verhaßten
deichen. In Indien v/erden sie durch dasXverste inerte Gesellschafts-
system ganz unten gehalten; im mittelstandslosen Westen leben x
sie unterste dem Druck der grausamen, von Willkür verschärften
Bedrohung durch Justiz und Polizei, deren unverhüllte Aufgabe s
es ist, die so kraß ungleiche Verteilung der Güter zu verteidigen.
Die Elenden fragen nicht danach, ob die Heichen glücklich sind.
Für die chronisch Darbenden ist das eine selbstverständliche
Voraussetzung, da ja die Besitzenden in Fülle alles das haben,
dessen Mangel so unglücklich macht. Der Mangel bringt infolge
der vergiftenden Akkumulation von Haß und Wut auch ihre unauf-
hörlichen Privatkonflikte und Familientragödien. Allerdings
30
stellen sich die Reichen, aus der Nähe "betrachtet, als keineswegs
so beneidenwert heraus. Sie leben in schleichender, ihnen nicht
ganz bewußter Unruhe und Sorge, und eine Mflk^dLOTMjwRIiaiiLtcxwi; mw
mehr oder minder vage Empfindung des Barohtseins vergällt ihre
oft krampfhaft übertriebenen Genüsse; in ihren Palästen können
sie den gelegentlichen Anblick von aus Abfallblech errichteten
wohnbuden schwer vergessen. Auch der Trost der Kirche bringt
sie nicht über den Argwohn hJÜweg, daß das nicht ev/ig dauern
kann. Sie leiden auch unter Höten, die nicht direkt auf ihre
privilegierte Stellung zurückgehen. Ihre Ernährung bringt erst
recht Krankheit und Tod; und der Luxus hebt die vielen Spannun-
gen nicht auf, sondern begünstigt noch Konflikte, in einzelnen
Fällen auch Lebensüberdruß.
Betrachten wir nun die menschlichen Hintergründe politischer
Macht, so kommen wir zu einem nicht minder traurigen Ergebnis.
Einen Diktator beneiden vernünftige Leute nie. Am allerwenigste
tut er es selbst, es sei denn daß schizophrene Euphorie ihn
jeder Selbstkritik beraubt. Aber auch die Megalomanie kann
zuweilen von Anfällen abgelöst werden, die den Kranken in seiner
Sebsteinschätzung noch kleiner machen als er ist. Zermürbende
Inf erioritätsvorstellungen mögen in andern Schichten seines
Seelenlebens erhalten bleiben und zu leidvollen Spannungen
führen, die von den bekannten Explosionen gefolgt sind, Sie
können auch plötzlichen Geständnis zwang oder die überraschene
Enthüllung eines empfindlichen Gewissens bewirken, der Peinigung
Anderer kann die unerwartete Reaktion der Selbstpeinigung
folgen. Der Diktator braucht aber nicht in solche Hilflosigkeit
zu geraten und muß vom Hormalmenschen überhaupt nicht drastisch
abweichen, um in ständigem Unbehagen zu leben, unter Umständen
real, doch noch eher in seiner Vorstellung angegriffen und zum
Gegenangriff gezwungen oder verfolgend, um Verfolgung abzuwehren.
Den Diktatoren fehlt offenbar das bescheidene Maß an Gleich-
gewicht, da® dem durchschnittlichen Hichtpolitiker trotz allem
noch geblieben ist. Ausnahmen müssen freilich eingeräumt v/erden •
Im Falle Chruschtschew scheint der intensive lille zur Macht
die einzige ausgesprochene Anomalie gebildet zu haben, und
auch von dieser scheint er durch seine Absetzung kuriert zu
sein.xuit entsprechenden Einschränkumgen trifft die Konstatierung
psychologischer Schwierigkeiten auch für Leute in den obersten
-rositionen demokratischer Länder zu, und sogar für weitaus gerin-
31
gere Großen der Politik und verwandter Tätigkeiten, Selbst
auf einem Gebiet, das einst als das gerade Gegenteil der
Politik und des Kriegswesens galt, in der Wissenschaft , sind
bedeutende Köpfe in schwere Konflikte mit sich selbst graten,
vor allem Atomforscher und Andere, die sich der grausamen
Konsequenzen ihres Perkes wohl bewußt sind, ohne aber wie ein
-arm in allen Staaten des Erdballs ihre Arbeit niederbiegen
und ihr überlegenes Können in den Dienst der Lebenserhaltung
zu stellen.
Mag sein, daß einmal eine Zeit kom en wird, da Macht-
hunger von Überdruß und der Besinnung auf die unersetzbaren
werte des einmaligen Lebens abgelöst sein wird,Dann wird es
schwer werden, Leute zu finden, die bereit sein werden, die
Führung zu übernehmen. Ähnliches soll schon vorgekommen sein,
Nach dem biblischen Text wollten sich Propheten mehrmals vor
der Berufung drücken, um in frieden zu leben.
Der friede , der das Glück ist, hat den Verzicht auf die
vielen Scheinwerte gewiß zur Voraussetzung, Der Verzicht ist
aber noch nicht selbst das Glück. Dieses ist gestuft und nicht
für Alle gleich, doch die unterste Stufe ist für Alle dieselbe.
Es ist die der Befriedigung der elementaren Bedürfnisse. Da die
Liebe zu diesen gehört, sollte das Recht auf Liebe in eine
revidierte Formulierung der Menschenrechte aufgenommen werden,
-de tt höchste Stufe der Glückseligkeit nennen die Inder die
des Einswerdens von ütman und Brahman, der individuellen Seele
und der Weltseele, Doch vielleicht könnte man das einfacher
sagen. Dann wäre es unsere Einheit mit uns selbst und mit Allem,
v4üiflüiuü uüuujntori .nri*!» dfefc, vollkommenem Realität.
Theoretisch wäre es durchaus nicht unmöglich, die höchste
Stufe zu erreichen. Sie erfordert nicht Weisheit, setzt sie nicht
voraus, denn sie schließt die Weisheit ein, weil sie der Inbegriff
des Wissens ist und zugleich mehr als das. Wissen ist ja eine
gewisse Bezienung eines Subjekts zu einem Objekt; wenn aber
beide eins geworden sind, ist das Wissen durch ein Höheres
aufgehoben, durch die Identität von Subjekt und Objekt.
Die konkreteste Frage, die uns Alle angeht, ist die, ob
in unserer Zeit einfaches Menschenglück möglich ist. In Washington
Moskau und Peking blüht es wahrscheinlich nicht. Doch scheint es
32
im Ozean der Mot und der Angst irgendwo Inseln zu geben,
deren Bewohner naturverbunden, einfach und zufrieden sind,
über den Wert der Langlebigkeit läßt sich ja streiten und
sie ist gewiß kein genügender Beweis der Glückseligkeit,
aber immerhin ein Anzeichen, denn sie beweist Gesundheit,
ohne die es eine einigermaßen gefestigte glückliche Existenz
nicht gibt. Vor einiger Zeit brachte das Sunday Times Magazine
einen mit farbigen und schwarz-weißen Photos illustrierten
Bericht aus georgischen Dörfern, in denen nach dem neuesten
Zensus der Sowjetunion fast 2000 uberhundertjährige leben,
in den Weinbergen und auf dem Felde arbeiten, maßvoll Wein,
Weib und Gesang lieben. Sie werden von einem gerontologischen
Institut beobachtet; die Angaben über ihr Alter wurden mit
den erreichbaren Urkunden verglichen und größtenteils bestä-
tigt. Der älteste Georgier ist 123« Die Musikalischen unter
ihnen haben ein Orchester gegründet, das in Suchomi am
Schwarzen Meer Konzerte gibt. Da uns die Maßstäbe zur Schätzung
solchen Alters fehlen, läßt sich nach den Bildern nur sagen,
daß sie viel jünger aussehen. Zv/ei kernige Gestalten machen
fast den Eindruck von Fünfzigern. Als der älteste lebende
Mensch gilt ein anderer Kaukasier, ams Aserbeidschan, der im
genannten Bildbericht als Eseltreiber zu sehen ist. Er soll
1805 geboren sein, lach unsern Begriffen würden wir ihn für einen
hohen Siebziger halten.
Die Ostseite des Kaukasus mit dem Ufer des Kaspiscnen
Meeres gehört offenbar zu jenem Paradies der Langlebigkeit.
Von dort ging später ein von der Associated Press verbreitetes
Photo durch die nordamerikanische Presse, mit einem seit 101
Jahren verheirateten Paar, er 130, sie 114. Beide blicken
gesund und fast unternehmungslustig drein und ihre zufriedenen
Gesichter sind vollkommen überzeugend. Schließlich liegt noch e
ein vom Chicago Daily News Service wiedergegebener Bericht der
Bulgarischen Telegraphenagentur vor, nach dem in ihrem Lande
unter &x 8,200.600 Jüngern 1412 uberhundertjährige leben.
Wohl hat schwerlich einer von uns Andern den Wunsch nach
so hohem Alter noch auch Aussichten auf ein solches, doch ist
es ein Trost zu sehen, daß die Menschenrasse noch verborgene
Kraftquellen hat. Diese könnten uns ja helfen, manches zu überstehen,
und Antworten besteht? Erfordernisse einer vom Menschlichen
astronomisch weit entfernten Höflichkeit werden in solchen Phra-
sen auf jeden i'all ohne Rücksicht auf dessen Eigenart wahllos an-
gewendet, so daß sie durch Kollision mit gelegentlicher Tragik
komisch werden. Man hat für jede Nachfrage zu danken, was immer
man sich dabei denken mag; der befragten Person und allen Andern
geht es natürlich wundervoll, nur daß die Itformalantwort nach
dem Befinden des Gatten ausnahmsweise noch die Hinzufügung er-
fordert, er sei gestern leider gestorben.
Diepordamerikanischen parties, die den europäischen Haus-
bällenxnur wenig entsprechen, bieten zu Studien dieser menschli-
chen Situation konzentrierte Gelegenheit, auch wenn es an rich-
tigen Individuen auch da nicht ganz fehlt. Der angegebene Zweck
ist Entspannung durch freien Genuß der Geselligkeit, Aber schon
die Kleidung der Männer und fast auch die der brauen zeigt, daß
sie ja Uniformen tragen, Uniformen eines längst toten Zeremoniells
oder zuweilen die eines outrierten und humorlosen Unsinns; und
in dieser wenn auch für den Reiz erdachten Uniform fühlen und fe
benehmen sie sich entsprechend unfrei» Sie sind darauf bedacht,
einander in allem zu gleichen, auch in dem auffallenden Wunsche,
sich durch Verschiedenheit und Besonderheit auszuzeichnen in
leerem Lächeln und in leeren Worten völlig konform zu sein,
alles zu loben, alles entzückend zu finden, auch wenn sie es weder
sehen noch hören noch kosten; zu lachen, ohne zu wissen worüber
und ausgelassene Freude zu äußern, weil die Andern es tun. Da sie
satt sind, müssen sie, um essen und trinken, also irgend etwas
tun zu können, was als Genuß gilt, erst appetizer vorgesetzt be-
kommen, die schließlich leicht modifiziert in ihrem sozusagen
eigentlichen Privatleben wiederkehren und in gewissem Sinne
zu Symbolen eines Kulturzustandes werden. Diese Beobachtungen
erinnern an die alte Weisheit, daß extreme Armut und extremer
Reichtum dem Menschen gleich schädlich sind; aber es ist nicht
ganz so. Wie fast alles, ist zuweilen auch der Reichtum nur
scheinbar, imitiertes Gebaren, denn manche der parfümierten
Herren sind Kunden von Frackverleihern.
Sie und ihre Artgenossen
34
auf andern Kontinenten geben sich in nichts so wie sie sind,
v/eil sie im Grunde vielleicht überhaupt nicht sind. Dieses
Benehmen ist ihnen zur zweiten Natur geworden, nicht weil
sie eine erste Natur verloren haben, sondern weil ihnen eine
solche nicht eigen gewesen war. Im Sinne einer Entwicklung
wären sie zu einem Eigenwesen noch nicht gelangt; doch da Entwick-
lung nur als Punktion eines Zeitablaufes verstanden werden kann
und der Zeitbegriff in diesem Zusammenhang zur Erklärung des
Phänomens nicht viel beiträgt, werden wir besser tun , einen
Entwicklungs Standpunkt hier nur mit Vorbehalt einzunehmen.
Sie haben ihre Persönlichkeit wohl so wenig verloren wie die
von ihnen geknabberten Kücken ihre Freiheit, da sie hinter
Draht schon aus dem Ei geschlüpft waren und ein anderes Dasein
nie gekannt hatten.
Ist es für Menschen ein Glück oder ein Unglück, daß sie
nie zu einem Bewußtsein ihrer Identität slosigkeit gelangen?
Ist es nicht tragisch, daß sie in ihrem "Verhalten eben dadurch
echt sind, daß sie nichts zum Ausdruck bringen? Anderseits werden
wir uns noch v/iederholt überzeugen müssen, daß wir hier keineswegs
reinem Nichts gegenüberstehen. Ihrer Qualität, odm? ihrem
Zustand, sind reichliche Polgen gegeben. Da es, um die vVärmeenergie
zum Vergleich heranzuziehen, nur der Nullpunkt einer von Menschen
festgesetzten Skala, aber nicht der absolute Nullpunkt ist,
verbinden sich die immerhin vorhandenen Energien, die quantitativ
nicht unterschätzt werden sollten, zu Wirkungen, die nicht so
belanglos sind wie man annehmen könnte, sondern ihrerseits Gefahren
bilden, die bisher noch unerkannt geblieben sind. Die materielle
Armut wird so der seelischen zum Gleichnis; potenziell sind
beides zerstörerisch. In weiterer Folge, indirekt, können aller-
dings beide zu irgend einer Positivität führen.
Das hat nicht viel mit den ähnlich dre inblickenden, doch g
ganz anders gearteten Kategorien der Unechtheit zu tun, wie z.B .
mit der tückischen, in ihrer Wurzel verbrecherischen, die
böse Pläne zu verhüllen hat und von solchen einen Teil bildet.
Das ausgeweidete Benehmen, das jedes Sinnes bar ist, stammt «ätee-
von Konventionen ab, die ihre Geschichte haben, einmal
Standesbräuche mit Symbolbedeutungen waren und durch Nachahmung
und dann durch Nachahmung von Nachahmung zu Schemen für den
35
Gebrauch einer Gesellschaft geworden sind, in der Alle etwas
sagen möchten, aber nur noch wenige etwas zu sagen wissen.
Die spätesten Ahnen dieses Mangels waren die Briefsteller des
19. Jahrhunderts, die ungenügend gebidete Leute unter leichter
Anpassung an den Sonderfall als Ersatz für eigene Ausdrucksfähig-
keit benützen konnten. Ein präfabriziertes Surrogat für ein
Gespräch scheint es damals noch nicht gegeben zu habenx2).Die
2 Allerdings ist z.B. die jenen Generationen entstammende
Bezeichnung "Konversationslexikon" verdächtig, denn sie meint
ja das Angebot eines Wissens oder Wissensersatzes für den Zweck
einer Gesprächsführung, in der man sich versiert zeigen kann,
schematisierte Konversation von heute ist ein Teil eines allge-
meineren Phänomens; es ist so etwas wie eine nicht-industrielle,
private Nachbildung der Industrie. Die eigentliche, warenprodu-
zierende Industrie hat sich durch überspringen in geistige Gebiete
einerseits neuer Artikel bemächtigt, anderseits weiß sie ihre Ab-
satzgebiete zu erweitern, indem sie einen zunehmenden Teil der
Produzenten zu Konsumenten macht und ihnen fertig liefert, was
sie nach wie vor zu produzieren vorgeben. Vortragende z.B., pro-
fessionelle wie Dilettanten, können sich viel Kopfzerbrechen
und Umstände ersparen, denn fachmännisch ausgearbeitete Texte
sind seit langem zu haben. Ebenso werden für Schriftsteller
bereits Pezepte hergestellt, die der Kachfrage genau entsprechen
und ihre Rückwirkung auf den Geschmack des Publikums nicht ver£
fehlen. Die frühen und späten homiletischen Bücher haben ja
längst für den ggfey«H«k Prediger gesorgt; und schließlich ist
das Gebet, das nicht spontan aus dem Herzen hervorbricht,
sondern als fertiger Text vorliegt, ein antiker Vorläufer
der Industrie, die demjenigen Konsumenten, der selber Produ-
zent ist oder zu sein hat, die Arbeit abnimmt. Umso mehr natürlich
allen den Konsumenten, die v/eder den Produzenten zu spielen
noch auch sonst eine Ware an Andere weiterzugeben haben. Die
Schwierigkeiten der Meinungsbildung werden ihnen schließlich sk
ebenso abgenommen, durch Presse, Fernsehen, Hundfunk, und der
ästhetische Geschmack der Heutigen kann ja gar nicht anders er-
klärt werden denn als Präfabrikat, das die ideale Methode wurde,
gewissen Interessen zu annähernd totaler Herrschaft zu verhelfen.
Spontaneität und jenes Maß an Produktivität, das jedem
36
gesunden Menschen gegeben ist, gehören ebenso zusammen wie
das vorfabrizierte Fühlen, Denken und Benehmen einerseits
und die Hohlheit und Unechtheit anderseits zusammengehören.
Auf diese letztere Gruppe von Paktoren des Verfalls stoßen
wir auch ohne planmäßige Beobachtung so oft, daß unsere Kritik
beinahe abgestumpft genug ist, um diese Erscheinungen als Norm
hinzunehmen, so daß wir uns über die wahrscheinlichen Folgen
leicht hinwegtäuschen lassen. Umsomehr finden wir durch kon-
sequente Beobachtung deutliche Beispiele für manche Spiel-
arten eines Benehmens, das weder einer Eigenart noch einem
Gemütszustand oder Trieben des Menschen entspricht, noch auch
seinem Wissen und Urteilen, ob dieses hochentwickelt oder un-
entwickelt sei. Begnügen wir uns jetzt mit einer Reminiszenz.
In meiner frühen Jugend sah ich einen Film, in dem erst
das tatsächliche Betragen von Leuten gezeigt, dann aber jenes
rekonstruiert wurde, das sie an den Tag gelegt hätten, wenn sie
sich freimütig benommen hätten, ohne ihre Gefühle zu unterdrük-
ken. Die Gegenüberstellung ergab lehrreiche Komik, aber doch nur
Komik. Leicht können wir aber auch zu einer andern Rekonstruktion
gelangen, u/enn wir uns vergegenwärtigen, daß es ein Verdrängungs-
vorgang ist, u.zw. ein umfassender, der sich in manchem Leben bis
an den Rand des Grabes hinzieht, ahnen wir die Grausamkeit
dessen, was selbst eine weitgehend demokratisierte und verwis-
senschaftlichte Gesellschaft der individuellen Freiheit antut,
der von innen her gesehen eigentlichen Freiheit, der des Aus-
drucks von Empfinden und Denken. Es liegt also auf der Hand, daß
das unter Hochdruck chronisch gepreßte Triebleben zwei Auswege
hat, die auch in Mitteldingen oder in Mischungen resultieren
können. Der eine ist eine Verkrüppelung des Charakters, die in
zahlreichen Fällen im derartige Erstarrung übergeht, daß sie
durch nichts mehr gutgemacht werden kann, es sei denn, daß
ein Erlebnis die Wunderwirkung einer Schocktherapie hätte. Der
andere Ausweg ist der durch das unsichtbare Ventil, das sich,
zumeist still, nach dem Verbrechen hin auf tut, oder nach dessen
allotroper Modifikation, dem Selbstmord. Rückschließend können
wir also nicht umhin, die große Flage der Kriminalität, und
37
sobald
deren arme kleine Verwandte, die Selbstzerstörung, zumindest
teilweise der Herrschaft der Konvention zuzuschreiben, die uns
sowohl von geschriebenen als auch ungeschriebenen Gesetzen auf-
erlegt und von einem kritiklosen Erziehungssystem von Generation
zu Generation übertragen wird.
x^ommen wir nun auf die Komik zurück, die zuweilen zu begrü-
ßenswerter, nämlich harmloser Auflösung führt. In einer alten
Stadt, die für mich ziemlich neu war, suchte ich einmal ein
der Bevölkerung wenig bekanntes Institut. Ein Bürger jener
Stadt war höflich genug, mir nicht nur Auskunft zu erteilen,
sondern mich auch noch ein Stück zu begleiten. Ich war sicherlich
mitschuldig daran, daß das Gespräch nichtssagend und übertrieben
höflich war; es mag auch die Verschiedenheit der Nationalitäten
gewesen sein, die zu einer Atmosphäre von sozusagen außenpoliti-
scher Courtoisie beitrug. Als ich mich dankend verabschiedete,
s±& ich mich genügend zurechtfand, und mich dann nach ein paar
Schritten durch, irgend einen Zufall umdrehte, sah ich ihn für
den Bruchteil einer Sekunde mir nachblicken, vornübergebeugt,
mit ausgestreckter Zunge und mit einer Grimasse, die sein Gesicht
fast bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Indem ich weiterging,
als hätte ich es nicht bemerkt, verstand ich unmittelbar die
Notwendigkeit der Entladung, die viel schlimmer hätte ausfallen
können. Es war der ausnahmsweise durch ein Verkleinerungsglas
gesehene Eluch der Unecht heit.
Im frühen, nochjrelativ unverfälschten Menschen war das
Fundament der Echtheit vor allem eine Beziehung zum eigenen
Körper, die im Industriezeitalter geradezu spurlos verschwunden
ist. Während für den Körper der Arzt zu sorgen und alles das zu
veranlassen hat, wovon der Betroffene nicht einmal eine Ahnung
zu haben braucht, liefert der Industriekoloß alles nicht nur iäop.
ihm, sondern auch dem Arzt; auch die Verantwortung wird mitgelie-
fert, indem der Arzt sich auf den mächtigen Erzeuger nicht nur
verlassen kann, sondern auch muß. Der Apotheker selbst kocht nicht
mehr noch mischt er, sondern gibt nur die ihm gelieferte Ware
an den Kunden weiter.
Die Distanz von den Dingen erzeugt Abhängigkeit vom Fabri-
kant en, und einmal begonnen nimmt die Abhängigkeit automatisch
38
zu und dringt in immer weitere Gebiete ein, indem sie zugleich
befreit und versklavt, wie es an der Hausfrau besonders deutlich
wird. Ähnlich geht es dem modernen Maler, der nicht nur nicht
weiß, was er malt, sondern auch nicht, womit er malt. So glaubt
er dem, der es ja wissen muß, wenn er ihm versichert, er könne
die Farben ruhig vermischen, sie würden nicht nachdunkeln,
zumal der nichts produzierende Produzent sich nicht mehr einbil-
det, das wäre ein Malheur. Der Essende weiß ja zumeist ebenso-
wenig, was er ißt, denn er hat es nie als Ganzes gesehen, nicht
auf dem Baume noch auf dem Felde, bevor es zur ursprungsverlas-
senen Ware wurde.
Das sind keineswegs spezifische Züge eines bestimmten
Landes, sondern sie kommen eher von den großen Städten her, in
denen u.a. der moderne Mensch fabriziert wird. Wir sprechen
uns selbst ein hartes Urteil, indem wir eingestehen, daß nur
dort, wo sich noch eine gewisse Primitivität erhalten hat,
Menschen tiMlM eine gewisse Beziehung zu den Dingen und zu sich
selbst haben. Die in ihrer Anzahl so beschränkten Dinge, mit
denen der Primitive in lebendigem Zusammenhang steht, kennt
er intim und ist in hohem Maße Erzeuger. ''Mit Ausnahme uesYImports
erlangt er alles an seinem Ursprung und bildet es von da bis zur
Verwendbarkeit und zum Verbrauch. Das Denken derjenigen, die wir
primitiv nennen, ist im Einklang damit elementar und nie inhalts-
los noch sinnlos. Es hat oft irrationalen Sinn, ist aber nie
rationaler Unsinn.
Auch der Kaufmann hat in wenig entwickelten Ländern zu sei-
ner Ware eine intime Beziehung. ' DerVorientalisches Händler kennt
keine fixen Preise, die doch alle Emotionalität annullieren
würden. Er und der Käufer verzichtete nicht auf die Lustprämie,
die dem westlichen Warenhaus bei allen seinen raffinierten
Anreizen dennoch fehlt. Verglichen mit dem Osten und manchen
südlichen Ländern ist der moderne Einkauf wie ein mit allen
Reizen ausgestattetes, aber liebloses Geschlechtsleben.
Von der Präge des ökonomischen Hintergrundes und anderer
Paktoren der menschlichen Unecht he it können wir nun zu dieser
selbst zurückkehren, um zu erwägen, welche Eigenkräfte oder
39
welche erzieherischen Faktoren unsere Echtheit wiederherstellen
könnten« Da kann ein großer Erzieher dieses Jahrhunderts* uns
zum legweiser werden, A.S. Neill 3), dem Weisheit, Opfermut
3)Alexander Sutherland Neill, Summerhill. A radical approach
to child rearing. Hart, Uew York 1963
und selbstlose Hingabe mit Verkennung, Undank und Anfeindung
vergolten wurden. Die Idee, der dieser durch und durch echte
Charakter sein Leben gewidmet hatte, ist einfach die eines
natürlichen laisser faire als Prinzip einer Erziehung, die
nicht unterdrücken und nicht verkrüppeln, sondern jedem Menschen
die gesunde Entfaltung seiner Anlagen ermöglichen soll, um ihn
persönlich möglichst glücklich und dadurch auch für die Gesell-
schaft verhältnismäßig nützlich zu machen. Seine Erziehung müßte
in mancher Hinsicht uns Alle umerziehen, uns von künstlichen
Ambitionen befreien, von kläglicher Titelsucht?: als Zweck des
Studiums, von dem krankhaften Bedürfnis nach Anerkennung als
Zweck der Leistung, von Bildung um des Eindrucks willen, den
wir auf Andere zu machen wünschen, von der chronischen Jagd nach
Scheinwerten, denen wir unser Wesen opfern. Seine Erkenntnis,
daß ein gesunder und glücklicher Schuster einem kranken und
unglücklichen Gelehrten oder Millionär vorzuziehen sei, ist
eine der elementaren *Vahrheiten,Adie degenerierte Majorität kei-
ne Macht haben noch haben können und erst eine Zeit lang wirken
müßten, um verstanden zu v/erden. In der Gefahr dieses circulus
vitiosus liegt ja die eigentliche Schwierigkeit aller analogen
Vorschläge, auch der vorliegenden. Aber itfeills Mut, sein Glaube
und seine Beharrlichkeit sind schon manchen Zeitgenossen zum
.-aßstab und zum Vorbild geworden.
Von ihm lernen wir zunächst, eine gewisse Destruktivität
nicht unbedingt zu verdammen. So sehr wir Höflichkeit als
Regulator des Gesellschaftslebens schätzen müssen, müssen wir a:
auch bedenken, daß sie mit Freundlichkeit und Menschlichkeit
weder identisch sein muß noch ist, da sie der Verlogenheit
dienstbar sein, die verächtlichsten Absichten bemänteln und
den übelsten Handlungen Vorschub leisten kann. Doch auch ohne
diese Extreme Auswirkung ist die Höflichkeit besonders für die
westliche Zivilisation fast schon verhängnisvoll geworden, da
sie in ihr in ein System ausgeartet ist, in dem die Emotionalität,
40
die Freiheit und die Aufrichtigkeit den Erstickungstod erleiden,
Sie ist zu einem der Züge gewoden, die das 20, mit dem 18. Jahr-
hundert gemeinsam hat. In weiterer Folge bedeutet das Entwertung
des Menschen selbst und der zwischenmenschlichen Beziehungen,
auch der besten. Bis zu einem gewissen Punkte war ja die Erziehung
zup Höflichkeit sicherlich notwendig und für uns Alle günstig.
Aber dadurch, daß wir uns auf den Scheidewegen von heute so
oft zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit entscheiden müssen,
ist eine Lage entstanden, in der sich vorwiegend die Hegativität
der Höflichkeit auswirkt und es wieder verdienstlich wird, sich
an Primitiven oder doch Primitiveren ein Beispiel zu nehmen.
Dem geleckten Gewäsch der präfabrizierten Phraseologie v/erden
wir also eine gewisse, wenn nur nicht allzu zerstörerische Agres-
sivität vorziehen; u.zw. nicht allein wegen ihres Nutzwertes als
günstigeres Abreagieren, sondern weil sie an sich eine höhere
Ethik verkörpert als die völlige Falschheit. Zank und Grobheit
werden entschieden zum kleineren Übel und beinahe verdienstlich,
wenn wir das gläserne Lächeln vom Puppenmenschen in seiner gan-
zen Jämmerlichkeit durchschauen und endlich verstehen, daß es
nicht mehr die Kultur ist, sondern nur noch deren Karrikatur.
Das sind ja die Vielzuvielen, die nichts um seiner selbst willen
tun noch tun können»
Bei näherem Hinsehen bemerken wir bei ihnen sogar einen
deutlichen Verfall des Egoismus. Denn als dieser noch einige
Kraft besaß, kauften sie sich den neuen Wagen, weil er ihnen
besser gefiel oder bequemer war als der vorjährige. Heute schaf-
fen sie ihn kaum noch für sich an, sondern um auf andere Puppen-
menschen Eindruck zu machen. Diesem einen Beispiel ließen sich
noch Hullen anhängen, der Zahl der heutigen Hullen entsprechend,
die gestern noch mathematische Größen waren.
Doch wäre nichts verfehlter als nur die Komik dieser ganzen
Unechtheit zu sehen. Ihre Tragik ist viel größer, und sie be-
steht darin, daß Millionen Menschen ihr Selbst immer mehr
verlieren, zu hohlen Schalen werden, zu Mechanismen ohne eine e
eigene treibende Kraft, zu Spiegelbildern der in der Industrie
sich vollziehenden Automatisierung. In diesem hohl tönenden
41
Innern ist wohl noch ein bis zur Unkenntlichkeit geschrumpfter
und verdorrter Kern« Der Ifonf orniismus hat sie nicht ihrer
gesamten Kritik beraubt, sie besitzen ein noch zuweilen zu
worte kommendes Halbbewußtsein ihres wesenlosen Lebens, Mit
diesem halben Blick sehen sie sich immer auf einer Bühne, von
der sie nie heruntergelangen, was immer sie tun oder sagen,
muß mit Rücksicht auf Zuschauer und Zuhörer getan und gesagt szs
werden. Den Ausdruck ihrer selbst haben sie sich nur^einmal
versagt und er bleibt ihnen versagt, wenn sie einmal einen
Nicht konformen erblicken, können sie die Begegnung kaum ertragen
und suchen sie rasch zu vergessen, um der Pein der Konfrontierung
zu entgehen.
Der furchtbare Prozeß der Entselbstung scheint alle Gesell-
schaftsschichten erfaßt zu haben. Es ist als hätte der Reichtum
den Reichen seines Menschentums beraubt und als würde der Arbei-
ter durch seine Lebensbedingungen das Analoge erfahren, da ihn
seinerseits die Automatisierung zum Automaten macht, zu einem
immer weniger bedeutenden Teilchen einer ihm unbekannten Pro-
duktion, von der er mehr als das Geld nicht einmal erwartet.
So ist seine Menschlichkeit auf dieselbe schiefe Ebene geraten.
Nur daß in dieser fatalen Parallelität die menschlichen Aussich-
ten des Arbeiters günstiger stehen. In psychologischer Beziehung
ist die größere Dynamik auf seiner Seite, schon weil das Bewußt-
sein der ökonomischen Ungleichheit und Benachteiligung ihn nie
zu völliger Ruhe kommen läßt und daher sein kritisches Vermögen
wachhält. Er denkt an ein Morgen, Selbst wenn er nicht mehr gei
lernt hat als eine dürre Doktrin, weiß er, daß die Rolle, die
er heute spielt, nicht die endgiltige ist. Mit der Persönliches
keitslosigkeit, in die der Bürger geraten ist, verbindet sich
hingegen der Wunsch, das Bestehende zu erhalteni und ihm ist das
mit seinem Besitz mehr oder weniger gleichbedeutend, zumal sein
Realitätsbegriff kaum noch einen andern Inhalt hat. So tut er s
sein Bestes, sich einzubilden, sein Zustand sei mehr oder weniger
definitiv. Er will es Tieren und Kindern gleichtun, indem er
versucht, in einer Art ewiger Gegenwart zu leben und die ihn
anspringenden Zeitgefühle nach Tunlichkeit zurückweist. Für
das, was er als Zukunft ansieht, hat er ja genug getan, wenn er
Versicherungen eingegangen ist und ein Testament gemacht hat,
4-2
das den Status quo auf seine Erben at&lehnen soll. Und wenn das
alles noch nicht genügt, um ihn in einem wesenlosen Äein zu fe
befestigen, kann er sich alles kaufen, was das Wesen ersetzt
und diesem zu gleichen vorgibt, den Genuß und den Rausch, ein
Schein-Du und ein Schein-Es, das die hohle Resonanz des Schein-
Ichs zu übertönen hat.
Je mehr Menschen der Unechtheit verfallen, desto sinnloser
wird auch das öffentliche Leben mit seinen Institutionen. Der
jeder Echtheit bare Mensch hat auch in der Politik keine eigent-
lichen Wünsche und ist heilsfroh, sich des Stimmzettels ent-
ledigen zu können, v/eil er trotz der schreienden Selbsttäuschung
weder Anteil nehmen will noch kann. Er stirbt, ohne je gewußt x
zu haben, daß es schon wegen der Existenz an sich sein Sinn
gewesen war, irgend etwas zu bewirken, etwa eine Besserung des
allgemeinen oder doch des eigenen Daseins. Er war auch unfähig
gewesen zu erfahren, daß der Mangel eines Selbst auch den Besitzx
zur Illusion gemacht hatte, weil diesem das Substrat fehlte,
so daß -e* ohne das Ich war, nicht besessen.
Sicherlich ist jeder Versuch, das Rad der Geschichte
zurückzudrehen, zum Scheitern verurteilt. Aber muß die Vorwärts-
bewegung alle Tendenzen zur Annullierung des Menschen notwendig
vollenden?
Unter der Voraussetzung, daß es dem vorhandenen Maß an
Eisicht gelingen wird, die drohenden Katastrophen durch Zusam-
menarbeit abzuwehren, wären allen verstreuten, verschiedenen
und gegensätzlichen Kräften Wege zu positivem Zusammenwirken ge-
öffnet, um den Menschen als ein höchst vollkommenes, für ihn
selbst wichtigstes Naturgebilde zu rekonstruieren. In vielen Hin-
sichten wäre die Auferstehung des Menschen im Gefolge gesünderer
Arbeits- und Lebensbedingungen als selbsttätig erfolgender
Prozeß vorstellbar. Dennoch bedarf es wohl eines umfassenden
Programms. Viele Ansätze zu eimem solchen liegen vor und manche
Zeitgenossen arbeiten an Programmen, auch ich,
Biese__ Jxigend
Es ist erst wenige Jahre her seit, in unverkennbarem Zusam-
menhang mit der chinesischen Kulturrevolution, den Altern und
Eltern, den Regierenden
42 a
und Regierten Frankreichs, Deutschlands, Italiens und l>einafie"ganz
Europas einschließlich Polens, fast zugleich aber auch Amerikas,
der große Schreck in die Glieder fuhr. Sie standen ja nicht nur vor
der an sich keineswegs neuartigen Frage, wie man sich dieses über
die Landesgrenzen dahinstürmenden Aufruhrs erwehren könnte, sondern
vor dem weitaus schwierigeren und nicht nur theoretischen Problem
des Sinnes dieser Bewegung, die in den kapitalistischen Ländern ein
kommunistisches, im Bereich der kommunistischen Herrschaft ein eher
itjjcommunistisches Gesicht machte und durch widerspruchsvolle program-
matische Erklärungen noch verworrener schien. Jeder weiß, daß dieser
Sturm sich nur halb und nur zeitweilig gelegt hat. Die Universitäten
suchen den Wünschen ihrer Studenten zuvorzukommen, was freilich durc
die Inkonsequenz und üneinheitlichkeit dieser Wünsche erschwert wird.
Unzählige tauschen ihre Studien gegen Gelegenheitsarbeit ein, oder
gegen ein arbeitsloses Leben des leichten Genusses, der Entbehrung
und der Mystik aus dessen Bitterkeit das Rauschgift nicht her-
aushilft. Nicht minder hilflos sind die verlassenen Eltern. Und
hilflos scheinen oft die Mächte, die diese Jungen zum Schutze des
Hergebrachten grausam verfolgen zu sollen glauben. Dennoch gilt die-
ser nicht beneidenswerten Jugend Liebe als der höchste Wert und das
stärkste Band. Ein Widerspruch zwischen dem Prinzip der Liebe und
der leidenschaftlichen Zerstörungstendenz sowie diversen Verbindungen
mit dem Verbrechen oder zwischen ihr und der Promiskuität wird nicht
zugegeben. Zuweilen hat es den Anschein, als entschiede keine Ideolo-
gie mehr, sondern der Bart und das verwahrloste Äußere, denn Fälle
kultischen und noch schnöderen Mordes werden von gef üäsmäßiger
Solidarität nicht wirklich ausgeschlossen.
Wenn wir aber versuchen, die® Abscheulichkeiten den im voraus-
gegangenen Abschnitt beobachteten Phänomenen vergleichend gegenüber-
zustellen, um von gesellschaftskritischer und kulturkritischer Be-
trachtung zu der Präge vorzustoßen, welcher der beiden Gegensätze für
unsere? Hoffnung auf Herstellung menschlicher Echtheit günstiger
ist, halten wir in unserer Ablehnung oder Verurteilung der Jungen
von heute inne. Wenn das ginge, würden wir gewiß aus dem "Guten"
beider Lager einen Extrakt zu gewinnen suchen, wie er den Tm^gx
kommenden Trägern der Verantwortung am besten zu Gesicht stünde.
Falls es ein Morgen gibt, setzt es einen Teil eines solchen Vor-
gangs wohl voraus; also nicht ein synkretistisches Ideal, sondern
das denkbare Mindestmaß.
II
43
VERGIFTUNG UNSERER HEIMAT
Unter unserer Heimat verstehe ich die Erde mit ihrer
Lufthülle, ihren Meeren, Seen, Flüssen und Bächen. Sie ist
unsere Heimat, die aller Menschen, Tiere und Pflanzen.
Chemie gegen Atmung
Wenige Jahre vor dem ersten Weltkrieg widerfuhr der Bevölke-
rung einer mittelgroßen Stadt Zentraleuropas etwas recht Unan-
genehmes, An einem Sommermorgen fand man es mitten im städti-
schen Park, vor dem Aufgang zum Musikpavillon. Sofort wurde
der Platz gründlich gereinigt und desinfiziert und die Polizei
begann eine umfangreiche und lange Untersuchung. Alle wußten es,
aber niemand sprach davon. Man versuchte zu lächeln, aber anfangs
ging es nicht recht, man war nicht mehr so gesprächig wie sonst}
nur Wenige spazierten in den Stfaßen, die Meisten gingen nur
ihren Geschäften nach. Einige Tage öffneten Manche trotz dem
warmen Detter ihre Fenster nur für eine Weile. Es war, als
würde man den Atem anzuhalten versuchen.
Dann kam eine Zeit, da die Städte und Städtchen Europas
und der andern Erdteile viel schlimmer verunreinigt wurden
und man hörte ganz auf, so frei und so tief zu atmen. Viele
vergessen fast, daß Fenster ursprünglich zum Öffnen und Schließen
da waren. Die meisten modernen Fenster lassen sich «fow K^M^ky^«^
schwerer öffnen, und manche gehen überhaupt nicht auf. Die Archi*
tektur scheint Fenster überhaupt abschaffen zu wollen, denn sie
werden immer überflüssiger. Vor allem ist die Luft draußen kaum
noch frischer als drinnen, im Gegenteil, innen scheint sie etwas
besser zu sein. Auch in öffentlichen Fahrzeugen hat ja die Partei
derjenigen, die immer auf Schließen der Fenster bestanden, auf
der ganzen Linie gesiegt. In Autobussen, Eisenbahnen, Schiffen
und Flugzeugen sind wir vom umgebenden Luftmeer so ziemlich
abgeschnitten. Es ist uns verwehrt, zu nehmen, was uns die
Natur ringsum in unbegrenzter Fülle bietet. Wir haben zu kaufen,
was die Industrie für uns erzeugt. Wie man zu Hause nicht mehr
darauf neugierig ist, was auf der Straße vorgeht, weil es näher
44-
p
liegt, fenzusehen, blickt man auch während der Fahrt durch die
Landschaft in die spannende Bilderkiste, ^s kann passieren, daß ±
in ihr etwas ähnliches sichtbar wird wie draußen, doch das ist
kein Grund mehr, es aus erster Hand zu beziehen.
..o aber ist die berühmte gute Luft? Irgendwo wird sie
wohl sein, aber hier, um uns, ist sie nicht. Wicht nur infolge
der Ausatmung der Industrie, sondern vor allem wegen der Autos,
die das Leben so bequem machen und sej?g Grundbedingungen in
Frage stellen. Abgesehen vom Verderbnis Aäv Atmosphäre haben sie
auch sonst mehr als genug sozusagen auf dem Gewissen. Wir drücken
uns gern vor Statistik, daher erzählt sie uns nicht viel, aber
es ist doch allerhand, daß in den 56 Jahren von 1899 bis 1955
mehr Amerikaner an Autounfällen starben als in allen Kriegen
einschließlich der beiden Weltkriege. Der unaufhörlich steigende
Preis, den die Zivilisation für ihre eleganten Fahrzeuge zu bezah-
len hat, ist damit aber noch lange nicht errechnet. Da, wie wir
Alle gelernt haben, das Kohlendioxyd auch eine thermische Wirkung
hat, die in globalem Maßstab noch unfühlbar, aber erkennbar ein-
gesetzt hat, muß die weitere Verschlechterung der Luft, wenn sie
so v/eitergeht, dem größten Teil der Kontinente fast tropische
oder tropische, und schließlich noch höhere Temperatur bringen,
daraus folgt, daß die arktischen und antarktischen Eismassen
sich in die Ozeane ergießen und ihren Spiegel derart heben müs-
sen, daß viele Inseln, Halbinseln und Küsten dem Versinken aus-
gesetzt säM werden. Da aber die Erdbevölkerung nicht abnimmt,
sondern in beängstigender Weise zunimmt, würde die Abnahme frucht-
baren und bewohnbaren Festlandes für die Menschheit zu einer
Katastrophe werden, bzhw. eine andere Katastrophe, die der Bevölfe
kerungsexplosion, vergrößern und beschleunigen. Wir brauchen nur
an das mittelländische Meer zu denken, um uns zugleich vorstellen
zu können, was das Eintreten solcher Befürchtungen für die
hohen Kulturen bedeuten würde.
Um die bedrohte Menschheit illusionslos zu beurteilen,
müssen wir unsere Lage von zwei Gesichtspunkten her betrachten,
von dem des Durchschnittsmenschen und von dem eines Milliarden-
geschäftes. Da das allgemeine Unglück einer nicht mehr gutzuma-
chenden Verpestung der Atmosphäre mit ihren weiteren Folgen
weder sofort noch auch irgendwann plötzlich zu erwarten ist,
sondern im Laufe von Jahrzehnten zunehmend Wirklichkeit werden
4-5
muß, wenn es nicht durch radikale Maßnahmen rechtzeitig
abgewehrt wird, können viele in den Sorgen und Genüssen des
Augenblickes befangene und gefangene Leute sich in ein klägliches
apres nous le deluge zurückziehen, und sie tun es.
Dem willen, aus einem Verderben hinauszugelangen, dem
Wunsche, das große Kollektivum der Lebenden und der Kommenden
und zugleich das kleine und nächste Kollektivum zu erhalten,
stehen noch Interessen gegenüber, die, an Umfang und Sinn der
Gefahr gemessen, nm\i viel bedrohlicher erscheinen als jene
nur aus Beziehungslosigkeit und Trägheit bestehende Porm des
Egoismus. Natürlich gibt es kein Zurück; es ist uns völlig un-
möglich geworden, aus einer Stadt in die andere Tage und Wochen
zu Fuß zu gehen oder zu den nur noch als sentimentale Erinnerung
gehegten Pferden zurückzukehren. So hingt für die nähere und ferne
Zukunft das meiste von der Autoindustrie ab, dem Milliardenge-
schäft, das einer Einschränkung oder Festlegung auf den gegenwär^
tigen Zustand nicht zustimmen kann, da es unter dem Zwange, dem
es selbst ausgesetzt ist, auf unablässiger Ausdehnung bestehen
muß. Glücklicherweise bestehen Möglichkeiten zu einer tiefgreifend
den .Reform, die das Hauptübel abschaffen würde, ohne die im fam
Gesamtsystem der industriellen Produktion unerläßliche Dynamik
aufzuheben oder auch nur einzudämmen. Das Hauptübel ist der
Benzinmotor, und dieser konnte dank einer erstaunlich rasch ent-
wickelten Akkumulationstechnik schon im Anfang des Jahrhunderts
durch Elektrizität ersetzt werden. Es waren, abgesehen von der
Vorsintflutlichkeit der damaligen Modelle, im Grunde nur geringe
technologische Schwierigkeiten, die den frei bewegten, nicht an
bestimmte Fahrbahnen gebundenen Wagen bisher auf wenige und dem
Publikum fast unbekannt gebliebene Beispiele beschränkten, so
daß er sich nicht in dem großen Maßstab durchsetzen konnte, der
allein den Benzinmotor mit seinen verderblichen Polgen besei-
tigen kann. Nun, seit die Not zusehends wächst und seit über das
der Atmosphäre unaufhörlich Angetane und über den prognostischen
Sinn verschiedene Meinungen nicht mehr möglich sind, konnten sich
die führenden Pinnen der Autoindustrie den zunehmend dringenden
Warnungen nicht länger verschließen und gingen an die Bearbeitung
des Problems mit der erforderlichen Dringlichkeit heran. Es muß
besonders optimistisch stimmen, daß es die größte, die amerikani-
sche Industrie ist, die den kühnen Vorstoß unternimmt,
46
da sie nicht nur die westliche Halbkugel beherrscht, sondern taz
durch ihren Export auch für das Schicksal der östlichen bestimmen!
wird und der konkurrierenden Autoindustrie Europas und der übri-
gen -Zelt zum Vorbild werden dürfte, so daß die Lösung einer bren-
nenden internationalen .Frage in|greifbare Nähe rückt.
Seit dem Ende der 50er Jahre gehen Experimente in mehreren
Zentren der amerikanischen Produktion gleichzeitig vor sich, so
daß es mehrere Methoden sind, in denen die Probleme angegriffen
werden. Die Programme bestehen nicht allein in in der £hx Her-
stellung der für direkte Lieferung der Energie zweckmäßigsten
Batterien; sondern zugleich in Kraftstoff zellen, die statt der
relativ einfachen Aufspeicherung und sukzessiven Abgabe der
Energie die Umwandlung- von Stoff in Kraft vollziehen, wodurch ein
in der ßaumschif fahrt bereits angewandtes Prinzip auf den Kraft-
wagen übertragen wirdx 4). Kleine Zellen dieser Art, die Wasser-
4)_Eine anschauliche Darstellung der beschichte dieser Por-
^S£6en;^™™""""Mii^™«M^veröff entlichte C.P.Gil-
mofe^im Dezember 1966 in Populär Science.Sfew York, "Electric
Autos they're on the Vfay". ' JLJ-ecT;:r:LC
Stoff und Sauerstoff aufnehmen und diese Stoffe in Wasser und
elektrischen Strom verwandeln, sind versuchsweise bereits in Ge-
brauch, einer der Beweise dafür, daß Technik keineswegs nur
Unheil hervorzubringen brauchte. Die an der weiteren Entwicklung a
arbeitenden Fachleute betonlpdaß mehrere Prägen des elektrisch
betriebenen Wagens noch ungelöst sind.
Als Nebenprodukt der technischen Neuerung ergibt sich eine
ästhetische Umgestaltung/Wenn die den Benzinmotor verdrängende
Apparatur in den Boden des Fahrzeugs verlegt wird, wodurch der
Schwerpunkt nach unten gerückt und die Sicherheit verbessert wäre,
wäre die Gesamtform auch von einem Klumpen befreit, der bisher
durch Einbeziehung aus der Not zur lugend gemacht, aber nicht be-
seitigt werden konnte^). Es geschähe nicht zum ersten Mal, daß i
Der Entwurf wäre damit aus chronischer Gebundenheit plötzlich
in unerwartete Freiheit gelangt. Da viele Zeichner gerade in ä
der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten zu Hause^ind! SimJ
te es kommen, besonders im Frühstadium, daß die Befreiuni auf
allein^* W±rken ZiTd> Wenn lb"e ^antaSe!1^ tfoh
rfi S 1 -i gelassen, nichts rechtes anzufangen wissen wird
Gebundenheit und Freiheit als ästhetisches Problem sind ein
Teilchen eines großen Gesamtproblems , und diese ist unsere
Pin^6^6^6^ mit der Scheit überhaupt?
eine ästhetische Vervollkommnung dem Erfolg eines technischen
Bemühens zu krönender Bestätigung wird.lV
eder weiß, daß das Vordringen und die Ausbreitung von
Daß die Menschheit dank der Elektrizität der
Befreiung von einem ihrer "bösesten Heinde ganz nahe sei,
cn ~j qqq Hoff nun££
ist eine unserer großen Hoffnungen, doch Haft sa* einen schweren
Schlag erlitten. Eine offizielle Kommission, deren Urteil
sicherlich höchste praktische Bedeutung hat, hat sich zwar
nicht gegen den elektrischen Wagen überhaupt ausgesprochen,
aber diesen als ein noch fernes Ideal hingestellt. Wer gut
lesen kann, mußte die Begründungen schwach, ja seltsam finden
und schließlich verstehen, daß es auf diese nicht besonders
ankommt, wo mächtige Interessen betroffen sind. So wird die VergiJ
giftung der Atmosphäre einen noch unmeßbar großen Vorsprung
gewinnen.
Während die Benzinmotoren sich mit den Automobilen
stündlich mehren, und professionelle Beschwichtigung kaum noch
etwas vorzubringen hat, ist es zugleich höchste Zeit, sich
auch dessen bewußt zu werden, was die Luftschiffahrt der Atmo«|sM
Sphäre antut. Was von einem einzigen Düsenflugzeug auf uns
niederregnet, soll der Verpestung der Luft durch tausend Auto-
mobile gleichkommen.
Für das Auto und vielleicht auch für Flugzeuge sollen nun
Versuche mit einem chemischen gjtenosscüi&ü Ersatz für die Rein-
haltung der Atmosphäre folgen. Die schlimmsten der gasförmigen
Abfallprodukte sollen sich in feste Körper verwandeln und wie
alle Schlacken entfernt werden können. Eine teilweise Besserung
ist auf diesem Wege sicherlich zu erwarten, selbst wenn sie
die totale Vergiftung nur verlangsamen sollte.
47
C02 nicht alles ist. Mit CO, dem Kohlenmonoxyd, verglichen,
wirkt es erst durch eine gewisse Menge und durch Beeinträchti-
gung des Säuerst offgehaltes der Luft, während das letztere
schon in verschwindend geringen Quantitäten durch Reduktion
unseres Hämoglobins Bewußtlosigkeit, bzhw. den Tod zur Folge
hat. Daß Schwalben und andere schnell fliegende Vögel zuweilen
tot in Schornsteinen aufgefunden werden, so daß der Mensch sich
selbst vor dem Zurückströmen des aufgehaltenen Gases nur durch
ihre Entfernung retten kann, kommt daher, daß die Zeit, die sie
brauchen, um die Öffnung zu überfliegen, nicht ausreicht, um sie
auch nur außen niederfallen zu lassen. Und die deutschen Techniker
des Dritten Reiches brauchten, um die in Autos eingesperrten
Juden schon während der Fahrten zu töten, das Auspuffgas nur in
das Innere umzuleiten. Das moderne Leuchtgas wird als ungiftig
bezeichnet, und das j^teine ziemlich relative Wahrheit. An
Kohlenmonoxyd scheinend?) er immer nur Linzelwesen, obzwar zusammen I
reichlich viele, zu sterbei^feie eigentliche Bedrohung für die
Gesamtheit der Atmosphäre liegt^^tem an sich viel harmloseren
Dioxyd. Und dieses ist nicht mehr als ein einzelner Faktor in
einer Flut feindlicher Stoffe, denen wir seit dem Beginn des
^aschinenzeitalters ausgesetzt sind, wir, die Menschen, Tiere und
Lflanzen. Die böse Flut geht sowohl drastisch sichtbar als auch
unsichtbar, z.T. auch unriechbar, auf alles unterschiedslos
nieder, besonders in den Städten, aber nicht nur in ihnen. Schon
im 19. Jahrhundert sah der v/anderer oder der Reisende die Vege-
tation immer spärlicher werden, je mehr er sich Städten näherte,
ochon damals schlössen sich Menschen zusammen und debattierten
über die Möglichkeiten der Abwehr gegen die Verbrennungs- und
Zerre ibungsprodukte von Kohle, von Oxyden der Metalle und des
Siliziums, von Beton, bzhw. Zement, und von Kunstdünger, die als
Rauch und Staub in Millionen Tonnen jährlich Städte und Länder zu
ersticken drohten und, wie die schwefelige Säure, die Atmosphäre
weithin zu durchsetzen begannen. Aber alles das drohte nicht nur,
und in den industriell hochentwickelten Ländern kam es außer
chronischen und schleichenden Schädigungen der Volksgesundheit
zu Katastrophen wie 1952 zum Vergiftungstod von fast 4000 Per-
sonen in 6 Tagen in London, der Hauptstadt des Landes, das seit
langem eine führende Rolle in den theoretischen und praktischen
Bemühungen um Wiederherstellung elementarer Lebensbedingungen
gespielt hatte. \7ty
4?a
nach russischen Forschungen ist das Maximum des für den
Menschen noch nicht direkt Gefährlichen ein Millionstel der
Atemluft. In eurppäischen Industriezentren und insbesondere
in nordamerikanischen Großstädten ist dieses Maximum aber schon
erschreckend überschritten; in einer Stadt wie Toronto
fünf zehnfach, in Los Angeles dreißigfach.
47b
Auch Kanadas bislang noch relativ rein gebliebene
Atmosphäre ist nun intensiver Vergiftung ausgesetzt. Im
Südosten Ontarios starb in den letzten Jahren Vieh, und eine
chemische Fabrik auf dem Lande zahlte den Landwirten Entschädi-
gungen. Seit auch Menschen aus denselben Ursachen umgekommen
sind, beginnt man zu verstehen, was vorgeht; und was mit
unerbittlicher Notwendigkeit folgen muß, wenn nicht radikale
und umfassende Maßnahmen einsetzen, durch die der Mensch
endlich sich selbst höher stellt als seinen Besitz; und wenn
unsere Entschlossenheit unseren Fatalismus und unsere Trägheit
nicht endlich überwindet.
48
Die Stoffe dieser Kategorien, die selbst anorganische
Materialien angreifen, müssen naturgemäß auf Organismen umso
destruktiver wirken. Eine ihrer von Jahr zu Jahr zunehmenden
Polgen ist der Krebs, der wahrscheinlich von den verschieden-
sten, mit einander schwerlich zusammenhängenden Faktoren her-
kommt. Obwohl es unter diesen unzweifelhaft solche gibt, die
viel früher existierten als der Mensch und sogar jedes Lebewesen,
haben alle diese Zerstörer für uns doch mit einander gemeinsam,
daß wir uns ihnen nicht anpassen, mit ihnen nicht zusammen
leben können, und daher Wege suchen müssen, um Gegenkräfte zu
mobilisieren oder, da es mit solchen Aussichten nicht allzu gut s
steht, um ihre Einwirkung auszuschließen. Vor allem dürfen wir
diese mächtigen Feinde nicht selbst herbeirufen oder schaffen.
Wie sich aber an Ruß und Teer und anderen Beispielen gezeigt
hat, tun wir das. Die Zahl der karzinogenen Substanzen ist
nach offiziellen Angaben bereits auf 500 angewachsen, aber ich
wage zu behaupten, daß die Wirklichkeit bei weitem schlimmer ist.
Jene Annahmen stützen sich auf Laboratoriumsevidenz , deren Wert a
aber in diesem Falle stark überschätzt wird, weil die (der Inku-
bationsfrist bakteriogener Krankheiten analoge) Latenzzeit des
Karzinoms sich oft genug als Periode von Jahrzehnten erwiesen hat
und uns überraschende Entdeckungen über die potenzielle oder reai
le Länge der Latenz <*vio 11 eicht noch bevorstehen. Theoretisch ist
es nicht ausgeschlossen, daß sie die Lebenszeit von Individuen
überschreitet. Obzwar die Krankheit bisher nicht als erblich
erwiesen war und nur die Erblichkeit der Neigung angenommen
wurde, könnten genetische Veränderungen, die sich heute voll-
ziehen, ihr hereditären Charakter verleihen. Ihre Eigenschaften*!^
Auswirkungen sind nicht im voraus für immer festgelegt. Unter den
rapid wechselnden Einflüssen, der zunehmenden Menge und Intensität
der ungünstigen und der Ausschaltung oder Schwächung der günstigst
gen, kann sie sogar epidemisch werden.
Zu den erkannten Krebserregern gehören einerseits alte Be-
kannte, wie die Zigarette, der in Nordamerika Manche jetzt ein
Drittel aller Todesfälle zuschreiben, anderseits eine Reihe der
erst in unserer Generation hergestellten Stoffe* einschließlich
scheinbarer Harmlosigkeiten wie Cellophan; aber vor allem die
fast schon unübersehbar zahlreichen Produkte der chemischen
Industrie, mit denen eine militante, auf dem möglichen Maximum
49
an 'Tötung bestehende Landwirtschaft ihre wirklichen oder angeb-
lichen Schädlinge schonungslos verfolgt, insbesondere Insekten,
und ungewollt unter Renschen, ihrem Vieh, Säugetieren der Felder
und Wälder, Fischen, Vögeln, Würmern, Mikroben und nährenden
Pflanzen Tod und Verderben sät.
Unsere anorganischen Feinde und die das Leben und dessen
Bedingungen bekämpfenden organischen Gifte haben eine höchst
verhängnisvolle Eigenschaft gemeinsam, Sie wirken nicht allein
auf dem Schauplatz ihres ersten Auftretens oder ihrer absichtli^fe
chen Anwendung und Rennen keine topographischen Beschränkungen,
auch keine Landesgrenzen. Wenn die kanadische Provinz Ontario über
Mittel berät, um die Wolken von Gasen und festen Stoff teilchenf
die von Detroit, dem Industriezentrum von Michigan, herübergeweht
werden, wo jede ^uadratmeile alljährlich einem Hegen von 864
Tonnen so zerstörerischer Stoffe ausgesetzt ist, so ist das in-
sofern eines der kleineren Übel, als Vereinbarungen zwischen den
Regierungen der Vereinigten Staaten und Kanadas unschwer zustande-
zukommen pflegen. Staubmassen, die sich über Afrika erheben und
die Alpenländer und selbst Nordeuropa heimsuchen, bilden hingegen
eine der komplizierten Fragen, bei denen die beteiligten Parteien
nicht einmal definierbar sind. Die Ausfallprodukte der fortge-
setzten Atomversuche Chinas und der anscheinend milderen franzö-
sischen werden von den Winden über den ganzen Erdball getragen
und sinken allmählich, ohne daß die Topographie oder die Geschwin-
digkeit dieser fatalen Niederschläge voraugesagt werden könnte.
Hicht minder unlenkbar ist die Wanderung der ebenfalls von
Menschen erzeugten Gifte, die den Boden wie auch die Gewässer
in den Tiefen und oben die luftumhüllte Landschaft durchdringen
und unter deren vielgestaltigen, für einander und für die Gesamt-
heit der Lebenden höchst wesentlichen Bewohnern langen und immer
wieder erneuerten Massenmord verüben, mit dem ungescheuten Ziel
der Ausrottung ganzer Arten.
Mit den zunehmenden und in zunehmendem Tempo anwachsenden
Übeln aller dieser Kategorien beschäftigen sich Regierungen von
Staaten und die Behörden von Provinzen sowie städtische und dörf-
liche Gemeinden, die freilich durch Irrtum und Irreführung und
die eine allzu mächtige
50
Industrie ausübt, zumindest mit einem Fuß im lebensfeindlichen
Lager stehen« Internationalität der Destruktion setzt aber
jedem guten Hillen einzelner Behörden und Volksvertretungen
allzu enge Grenzen, abgesehen von den solche Grenzen weithin
überschreitenden Einflüssen der an der Zerstörung direkt betei-
ligten Wirtschaf tsmächte. Die Menschüeit, die in der Natur und
mit ihr leben will und weder einer gänzlich verblendeten Profit-
sucht noch der §egenwehr der im Großen und Kleinen immer noch
stärkeren Natur zum Opfer fallen will, wird nicht nur radikale,
sondern auch umfassende Maßnahmen ergreifen müssen, um diesen nun
einmal begonnenen Krieg gegen die Natur, zugleich aber auch
deren schon begonnene Gegliof f ensive zu beenden und für einen
Frieden zu sorgen, der unsere Erhaltung sichert. Deshalb Kescheid
nen alle nationalen, regionalen und lokalen Bemühungen dankens-
wert, doch schließlich mit aller Wahrscheinlichkeit, selbst unter
der Voraussetzung einer systematischen Serie internationaler
Abmachungen, zum Scheitern verurteilt zu sein. Das ist mit allen
Verzweigungen und Teilfragen eines der ganz großen Probleme unse-
res Portbestandes, mit denen zu ringen und die zu bezwingen nur
die Vereinigten Nationen hoffen können. Schon das Ziel der Lösung
dieses Fragenkomplexes würde die Weiterentwicklung der VN recht-
fertigen, die planmäßige Erweiterung ihrer Hechte und die syste-
matische Ausgestaltung der internationalen Zusammenarb eit( vgl. S. ),
Die Ernsthaftigkeit der durch den Großkrieg gegen das Leben
geschaffenen Lage und die Dringlichkeit eines ebenso planmäßigen
und gründlichen Abwehr können wir ermessen, wenn wir bedenken,
daß jene lebensfeindlichen Einwirkungen gleichzeitig mit Angriffen
von zahllosen bekannten und unbekannten Krankheitsepregern anderer
Kategorien erfolgen, das einander den weg zu unserer Vernichtung
bahnen. Sie müssen uns nicht sofort töten, um unsere Widerstands-
kräfte zu lähmen und die Gefahr unserer genetischen Verkrüppelung
heraufzubeschwören; schon durch ihre noch wenig erklärten Wechsel-
wirkungen vervielfachen sie sich alle zu einer Macht, die uns
unter den heutigen Umständen nicht viel Hoffnung auf Erhaltung un-
serer Art läßt.
Das alles haben wir selbst heraufbeschworen; wir haben unsere
erfindungsreiche und intensive Arbeit zur allgemeinen Mobilisier
rung gegen uns selbst noch nicht aufgegeben. Sittlich und geistig
so bedeutende Zeitgenossen wie Albert Schv/eitzer haben die Mensch-
51
heit der Selbstzerstörung angeklagt. Das ist leider unbestreitbar
richtig, aber in dieser verallgemeinerten Form wird die Anklage
zur Abstraktion, die nur die eigentlich Schuldigen in einen Nebel
hüllt und ihnen die Portsetzung ihres furchtbaren Werkes erleich-
tert. Diese Schuldigen sind in der Wissenschaft zu suchen. Nicht
in der Wissenschaft an sich und nicht in der, die den Menschen
aus der Primitivität zur Zivilisation geführt hat. Sondern in
derjenigen Wissenschaft, die für Geld zu allem bereit und zu
einem charakterlosen Instrument ökonomischer Mächte geworden ist.
Das Folgende wird dazu beitragen, zu zeigen, wie die chemische
Industrie mit ihren Forschungsinstituten und in Verbindung mit
Universtäten die Natur bekämpft und deren noch unverbrauchte Gegen-|
kräfte herausfordert, während die antike und klassische Wissen-
schaft an der Verbesserung unseres Loses arbeitete, glauben viele
moderne Forscher dasselbe zu tun, aber sie, wie jedenfalls ein
Großteil der modernen Chemie, tun objektiv ebenso das Gegenteil
wie die heutige Nuklearphysik.
Sollte man nicht schon lange verstanden haben, daß auch
Studien ihre Psychologie haben? Was für jedes Beobachten und
Forschen einerseits und Lernen anderseits gilt, muß, sollte man
meinen, auch für das Studium der Vergiftung unserer Naturumgebung
gelten. Wir gehen unklaren Tatsachen wie auch Rätseln mehr oder m
minder gern nach, soweit diese Aktivität unserem Wissenwollen
entspricht. Um aber ermessen zu können, wie mächtig in uns das
Nichtwissenwollen ist und wie es uns lähmt und blendet, brauchen
wir nur den Umfang des Wissens einer Anzahl von Durchschnitts-
gebildeten ein wenig zu analysieren. Da stellt sich bald heraus,
daß manches unbequem ist, daß das Lernen in seiner Thematik
selektiv, siebend oder zensurierend vorgeht und daß Verdrängungs-
vorgänge leicht Erfahrbares in dunkle Hintergründe außerhalb des
Horizonts der Interessen abschieben. Das ist ein häufiges indivi4
duelles und zugleich ein chronisches kollektives Phänomen*
Nicht nur Ignoranten, sondern auch zahllose Vertreter der
intellektuellen Oberschicht sehen z.B. in Meeren nur eine Art cHm
dynamischer Oberfläche, und unterhalb dieser, nur ein wenig tiefer,
macht der Gedanke halt. Da gibt es keine Gebirge mehr, in denen
sich die der sichtbaren Erde fortsetzen, keine Ströme, keine
Schluchten, keine Ebenen. Man hört und liest von einem überrei-
chen .beben in den Ozeanen, in den Seen und Sümpfen, und schließlich
52
in jenen Gewässern, die den Gesetzen ihrer Bewegung in den
Tiefen unter unseren Füßen folgen« Wir erfahren davon, doch
das Wissen darum verwurzelt sich in uruä nicht, verflüchtigt
sich bald« Unsere Konsequenz bleibt auf andere Gebiete beschränkt.
So ergeht es auch der Erde, die in der Auffassung Vieler lebloses
Material ist, auch wenn darin da und dort ein Wurm kriecht. Daß
das eine anorganisch- organische Masse mit einer höchst kompli-
zierten und konzentrierten Flora und Fauna in unaufhörlicher
und zyklischer Bewegung ist, in unablässiger Wechselwirkung
ihrer Wesen und Substanzen untereinander und mit denen der für
uns sichtbaren feit, kann unsere Vorstellungen nicht allein
verwirren, sondern ruft noch ein besonderes, durch Schuldgefühle
bestimmtes Unbehagen hervor.
Doch ist diese gesamte Begrenztheit nicht ganz ursprünglich«
Antike Menschen müssen die Lebendigkeit des Bodens intuitiv
empfunden haben« Das mosaische Gesetz fand ihn gewisser Ruhe-
pausen der ausbeutenden Bearbeitung bedürftig. In der chinesische^
indischen und griechischen Literatur lassen sich bo stimmt Stellen
finden, die ein ähnliches Gefühl für die Natur des Bodens reflek-
tieren; so etwas gibt es gowiß auch in indianischen Überlieferun-
gen* Das Verständnis für den Boden ist erst später, namentlich
im Zeitalter der ausbeuterischen Beziehung zu allem, in Verfall
geraten. Wir sind zwar sicher, daß unser Wissen unvergleichlich
weit ist, aber es ist in vielen Hinsichten verkümmert, z.T. in-
folge unseres vielfachen Nichtwissenwollens.
Die Abfälle unseres Lebens und unserer Arbeit schütten und
gießen wir "weg". Die Probleme des Unrats und der Verwesung
sollen für uns gelöst und aus der Welt geschafft sein, sobald
die von uns stammenden oder von uns erzeugten und verwendeten
scheußlichen oder schädlichen Stoffe für uns unsichtbar und wo-
möglich auch unriechbar geworden sind. Unsere Aufmerksamkeit
will ihnen nicht in jene Unterwelt folgen, in der sie, wenn sie
nicht an der Luft vermodern und auf der Erdoberfläche einem nie
endenden Prozeß von Umwandlungen ausgesetzt sind, den lebendigen
Schwärmen der Tiefen begegnen, den schwimmenden wie jenen graben-
den und wühlenden, die sich durch das Erdreich fressen, es durch*
lüften, befruchten und sein unbändiges Werden bewirken. Schütten
wir etwa über sie dieselben beißenden und zersetzenden Waschmittel,
53
vor denen wir uns halb und halb in Acht nehmen, wenn wir sie
für Küchengeräte und vVäsche verwenden? Verseuchen, verpesten
und verwüsten etwa unsere Fabriken das Heim der Fische und der
schwimmenden Insekten? Gewiß, es ist viel einfacher, die Angele-
genheit als erledigt zu betrachten, sobald ein Kanalrohr den grau-
sigen Schmutz aufgenommen und ins Unbekannte entführt hat. So
stellen wir uns dumm und merken nicht, daß wir in Gefahr gera-
ten, es zu werden.
Unser Kichtwissenwollen nützt uns freilich nicht viel, denn
das Verderben, das wir weithin aussenden, bleibt in den so vage
vorgestellten Fernen nicht stehen. Seltsame Kreisläufe führen es
zu uns zurück. Ob wir es mögen oder nicht, sind wir in das Schick-
sal, das wir unzähligen Bekannten und Unbekannten bereiten, in
zunehmendem Maße auch selbst einbezogen. Das drastischeste Teil-
problem dieser schlimmen, doch unvermeidlichen Naturtat Sachen
ist die Frage, was man mit den greulichen Abfällen der Erzeugung
von Atomenergie anfangen soll, um ihre Rückwirkung auf uns zu
verhindern, sie also "weg"zukriegen.Da eine Lösung noch nicht
gefunden wurde, behilft man sich mit Betonbehältern, Pandorabüch©
sen, denen nur die Hoffnung fehlt. Denn v/ehe uns, wenn sie durch
irgend ein künftiges Unglück bersten oder wenn das selbst durch
kleine Kriegshandlungen geschehen sollte, wovor uns weder tiefes
Vergraben noch das Versenken auf den Meeresgrund sichern kann,
unter den vielen Vorschlägen verdient ein besonders absurder
Erwähnung, daß diese Betongefäße des Unheils auf den Mond ge-
schleudert werden sollen. Dieser Vorschlag zeigt nämlich das Maß
unserer .Ratlosigkeit.
wem eigentlich verdanken wir diese? Vielleicht dem Mangel
an Verständnis für unsere Grenzen, dem Mangel eines Gefühles
dafür, daß wir nicht alles erobern dürfen. Im Abendland haben bis-l
her nur Religiöse eine solche Selbstbeschränkung zum Ausdruck gefe |
bracht oder angedeutet und gegenüber der Räume roberung eine war- j
nende Haltung eingenommen, u.zw. auf Grund des Verses der Psal-
men 115,16% 6). Sollte eine soche Frömmigkeit im v/eltlichen Sinne
6 feines Wissens hat bisher nur ein einziger bedeutender
Wissenschaftler gegenüber den modernen Raumprogram :en eine
negative und auf belangvolle Argumente gestützte Stellung-
nahme geäußert, u.zw. der Nobelpreisträger Max Born, in einem
Aufsatz Blessings and Evil of Space Travel", Bulletin of the
Atomic Scientists, Chicago, Oktober 1966.
allen andern Menschen entschwunden sein? Sollte sie sich nicht
54-
in erster Linie auf die uns nächste lebendige .Natur beziehen?
Am einfachsten läßt sich die Erklärung unserer Ratlosigkeit
dahin formulieren, daß wir uns seit langem mit Dingen beschäf-
tigen, die wir äußerst ungenügend kennen und denen wir nicht
gewachsen sind, wir haben Kämpfe mit vielen unbekannten Kräften
begonnen und der Ausgang ist entsprechend ungewiß. Die alten Griee
chen, die diese Einsicht zweifellos von älteren orientalischen
__ . e
Erkenntnissen lernten, nannten ein Verhalten wie das des modrnen
menschen hybris ^^Frevel, und darunter verstanden sie hauptsäch-
lieh Anmaßung, Frechheit, iffie die klassischen Griechen, in deren
Charakter Stolz und Demut vereint waren, sowie auch die ihnen
gefolgten Kulturen in ihren epischen, dramatischen und lyrischen
Werken merken ließen und stellenweise ausdrücklich sagten, waren
sie intuitiv überzeugt, daß Arroganz ein Fluch sei, der notwen-
dig zum Abgrund führe. Alle ihre Dichter und Denker wußten, daß
der Arme, dem die Demut fehlt, verloren ist; es ist denkwürdig,
daß die griechische Literatur dieses Gefühl mit den biblischen
Büchern gemeinsam hat. Weijsich als Teil dieser großen Tradition ±
fühlt, wird also zu dem Schluß gelangen, daß der Mensch zur
Demut zurückfinden muß. würde das seine Größe beeinträchtigen?
Bedeutet es Verneinung oder Bejahung und Bestätigung der Größe,
daß sie verpflichtet? So sohlten wir uns wohl in konsequenter
Selbstprüfung unserer Grenzen bewußt werden; wenn v/ir uns selbst
Rechte zuerkennen, sollten wir die der Andern nicht vergessen.
Um das Verständnis der im Folgenden betrachteten Fragen
zu vereinfachen, knüpfen wir an eine im ersten Kapitel berührte
Angelegenheit an. Das Töten ist weder eine zufällige Handlung von
Wenigen oder Vielen noch aus den im allgemeinen und in der
kehrzahl der Einzelfälle angegebenen Motiven erklärlich. Der
Antrieb zur Tötung, dessen Stärke sich im Umfang der Ergebnisse
spiegelt, ist leider in unsere Tiefen gerückt. Ihn theoretisch
aufzufinden wird nicht wertlos gewesen sein, wenn seine prak-
tische Überwindung dadurch erleichtert wird.
Zur Psychologie der Tötung >^^^ftMtö)
Wir Menschen dieses Jahrhunderts sind in unserer Charaktero-
logie so uneinheitlich wie nur irgend eine Generation es jemals
54-a
...we praise all His works, with fervent
enthusiasm - of words; and in the same
moment we kill a fly, which is as much
one of His works as is any other. • • we
do it in a spirit of measureless disapproval
even a spirit of hatred, exasperation, **Mrii«
vindictiveness. • .
Mark Twain, The Intelligence of God,
in Letters from the Earth
55
war. Uneinheitlich sind wir Zeitgenossen untereinander und
jedes kollektive wie jedes individuelle Ich ist überdies
höchst uneinheitlich in sich seihst. So z.B. fällt gegenüber hypo-
chondrischer Sorge um die Gesundheit eine seltsame Gleichgiltig-kg
keit auf, eine Nichtbeachtung des eigenenLebens, das den Leuten
oft weniger wichtig erscheint als die Erfüllung einer Laune,
als ein flüchtiger, manchmal unverhüllt schäbiger Genuß; oder
ein Gewinn, der fast schon weg ist, sobald man ihn erlangt hat,
oder so klein, daß er nur durch das Vergrößerungsglas systemati«E
scher Selbstverkleinerung sichtbar wird. Dieses Phänomen der
Gewichtslosigkeit des eigenen Daseins bildet einen Teil eines
noch viel größeren Mißverhältnisses. Es ist das zwischen dem
bewertenden Denken und demLeben überhaupt, nicht nur dem eigenen
und dem Menschlichen; vielleicht Mangel an Beziehung zum Leben
schlechtweg, oder eine ungesunde, verdorbene Beziehung.
Schon im ersten Kapitel waren wir nahe daran, zu merken,
mit welcher Leichtigkeit Leben weggeworfen wird, das eigene und
fremdes, als ob eine uralte, in der Geschichte des Menschen
dem Tötungswahn entgegenwirkende Tendenz zur Lebenserhaltung
im Begriffe wäre, verloren zu gehen. Um uns für die folgenden
Erörterungen von Tatsachen und Fragen vorzubereiten, indem wir
die Problemstellung vereinfachen, versuchen wir, Tötung aus-
schließlich von der Subjektivität des Tötenden her zu betrach-
ten und hier vom Getöteten abzusehen, das Erlebnis des den Tod
Erleidenden und die Polgen des Vorgangs für ihn außer Acht zu
lassen, um zunächst nur den Täter zu verstehen. f „ ^ ^
Dieser Abstraktionsvorgang schließt sich an^^das Verständ-
nis fundamentale Präzedenz an. Denn der primitive Mörder - und
diese Qualifizierung trifft wahrscheinlich für die meisten zu -
vollzieht selbst diese Abstraktion als Erster, da er nur seinen ±
Trieb befriedigen will und nur mit seinen Motiven beschäftigt
ist, gleichviel ob diesen reale oder vermeintliche Existenz zu-
kommt, ob er sie selbst ersinnt und ob sie ihm vor oder nach
seiner Handlung oder während dieser zur Rechtfertigung einfallen.
Doch sind solche Hinzufügungen eher sekundär; auf der untersten
Stufe der Primitivität mag der schicksalhafte Vorgang sich noch
56
ohne motivierendes Bewußtsein abspielen. Kain «»mordet zwar
infolge eines als primär dargestellten Motivs, aber nach, der
Aussage der Umstände ist er der Inbegriff des primitiven Mörders,
da er sich um Abel fast nicht kümmert und ihn tötet, um einen
Druck loszuwerden, den er nicht ertragen kann.
Die primitive Tötung seitens des Menschen hat einen überaus
bedeutenden Vorläufer, den animalischen Häuber, der wohl nicht
zu den vollkommensten Naturwesen zählt, aber im Haushalt der
Natur eine unübersehbar ernste J^unktion erfüllt; in dem unsagbar
mächtigen, nur den eigenen Gesetzen folgenden Naturhaushalt ,
der nicht sittlich noch unsittlich, sondern vorsittlich oder
nichtsittlich ist, sich außerhalb der dem Menschengeiste ent-
stammenden Ethik vollzieht. Das raubende Tier besorgt etwas
elementar notwendiges, dem wirken des Parasiten ähnliches,
indem es die Vermehrung einer Art oder mehrerer Arten eindämmt,
ihrem unproportionalen Überhandnehmen vorbeugt, die Explosion
ihrer Bevölkerung verhindert und zumeist den erbeuteten Stoff
passiv an einen übergeordneten fiäuber weitergibt, indem es ihm
erliegt. Andersartig ist die Position der Vegetarier des Tier-
reiches, die nur Andern zur Nahrung werden, während ihnen selbst
das Töten als Tendenz HHifcÄfcmE fremd ist. Dem entspricht auch
ihr Triebleben, denn wenn sie überhaupt gelegentlich angreifen,
tun sie es offensichtlich ohne den Wunsch nach Tötung , so daß ä±
diese in den meisten derartigen Fällen eher ein Nebenprodukt einer
ursprünglich relativ harmlosen Kauflust bildet, wenn sie nicht
etwa in der Defensive erfolgt und Überschreitung einer Notwehr
ist. Manche der nichtagressiven Pflanzenfresser sind jedoch
besonders stark, mutig und geschickt in der Verteidigung und
viele von ihnen sind vor gut oder besser bewaffneten Räubern
durch Zusammenschluß als Herde oder kleinere gesellschaftliche
Einheit in hohem Maße geschützt, wenn auch nicht völlig gefeit.
Zu dieser Kategorie gehören injden weitaus meisten Zügen ihrer
Lebensführung die von so ziemlich allen Zoologen als unsere
Cousins anerkannten Affen. Jedenfalls haben sie, wie wir aus den
uns heute zur Verfügung stehenden anthropologischen Gegebenheiten
vergleichend schließen können, die Eigenschaften und das Verhal-
ten der gemeinsamen Ahnen treuer bewahrt als wir. Als frühe, doch
nicht früheste Generationen unserer Kasse, einer durch Natur-
57
Vorgänge verursachten Knappheit an nährenden .Früchten folgend,
von den Bäumen herunterstiegen, den durch die frühere Haltung
nur teilweise vorausgenommenen aufrechten Gang annahmen,
der für das Überblicken der Ebene, für die Verwertung der
vorderen Gliedmaßen und Kampfhandlungen besser geeignet ist,
und später die reißenden Tiere imitierten, indem sie Andern
nachjagten und auflauerten, um sie zu erlegen und zu fressen,
wurden wir unserer Art untreu. Unserem Ursprung und unserem wesen
entsprechend sind wir nichtagressive Eruktivoren, unserer später
angenommenen Lebensführung nach mörderisch und Karnivoren.
Dieser Umschwung ist erst vor relativ kurzer z^eit erfolgt, # .
jedenfalls vor nicht mehr als hunderttausend Jahren, die nur. om-
^«^uZehntel des Alters unserer Rasse bilden. Einem so tiefgreifenden
Umbruch in unserer Lebensweise, Ernährung und Mentalität konnte s
sich unser Organismus in dieser Zeitspanne noch nicht anpassen.
Liane he unserer Krankheiten, an deren individueller Erwerbung
noch Niemand gezweifelt hat, weisen auf phylogenetischen
Charakter hin, sind Krankheiten der Menschenrasse; als wollte
die Natur uns daran erinnern, wer wir waren und was wir aus
uns gemacht haben.
Diese anthropologischen Schlußfolgerungen werden gev/iß
früher oder später Gemeingut aller derjenigen sein, die Tatsachen
sehen wollen wie sie sind. Viele, auch Gelehrte verschiesädener
Gebiete, verschließen sich der anthropologisch-prähistorischen
Wirklichkeit?: und glauben die Naturgemäßheit und Ursprünglichkeit
ihrer heutigen Lebensweise verteidigen zu sollen, indem sie z.B.
altsteinzeitliche Höhlengemälde mit unverkennbaren Jagddarstel-
lungen zu ihren Gunsten anführen, ohne aber in Betracht zu
ziehen, daß diese noch viel später entstanden sind, u.zw. frühe-
30.000
stens vor -25000 Jahren, also einige Zehntausende von Jahren
nachdem der Mensch sich seiner Natur derart entfremdet hatte,
Wie immer zu leben wir uns entscheiden, müssen wir der
.'ahrheit zu Ehren zugeben, daß vegetarisches und friedliches
Leben unsere Natur ist und daß wir demnach logisch handeln,
wenn wir unsere Ethik und unsere Gesellschaft auf unsere Natur
gründen; daß es aber unlogisch ist und deshalb unzweckmäßig
und für uns ungünstig sein muß, wenn wir unserer Natur zuwider-
handeln.
Dieses Zuwiderhandeln vollzieht sich seit jenen Zeiten
unaufhörlich, in und zwischen den Gemeinschaften der Menschen
58
und im Leben der Einzelnen. Es bildet einen Hauptteil der
menschlichen Geschichte und hat uns bisher gehindert, glücklich
zu sein oder zu werden, niemand kann glücklich sein, wenn er
nicht seiner Natur entsprechend lebt. Auch unser geistiges Tun
muß widerspruchsvoll und Stückwerk bleiben, solange e© unserem
Wesen entgegengesetzt ist.
oo ist es einer unserer ersten Schlüsse, daß das Morden
imitativ und nicht originell ist, Ergebnis und zugleich Enste&inag
hungsursache unserer Selbstentf remdung. Ein Gefühl der Befriedige
gung durch Tötung konnte nur dadurch entstehen, daß der so han-
delnde mensch sich in eine ihm fremde Holle versetzt hatte.
Im laufe von Jahrtausenden haben Menschen so in fremden Rollen
gehandelt und fremde Erlebnisse sich zu eigen gemacht. Je allgess
meiner dieser Rollentausch wurde und je mehr ihm entsprechende
Ideologien und Prinzipien überhandnahmen und verkehrt erziehe-
rischer kten, desto mehr verflog auch das Gefühl des Mangels
unserer Kongruenz mit uns selbst. Die Mängel der jeweiligen
Ethik entsprechen der Größe der sich aus der Inkongruenz erge-
benden Lücken.
Der wirkenden Zeit entspricht das Wirken der schiefen
Ebene. Einmal betreten, führt sie tiefer hinab und weiter weg.
Mit dem wissen und Rönnen nimmt die Technik des Mordens zu
und die fremde Befriedigung wird, zum Ersatz für vieles fehlende,
wohl vor allem für die in immer v/eitere Eernen gerückte und un-
erreichbar gewordene eigene Natur. Das Bedürfnis nimmt zu und
die primitive Ereude am Können wird in verfeinerte Eormen über-
setzt. Sie erfährt durch eben jene wachsende Technik auch phan-
tastische Liultiplikationen. Das fremde Bedürfnis verlangt nach
-assentötung und die Technik bietet die noch fremdere Befriedi-
gung. Nur hie und da enthüllt sich eine Leere, die von einem
wenn auch ganz selten auftauchenden Gefühl für die Rieht identität
mit einem solchen Bedürfnis und einer solchen Erfüllung herkommt.
Es ist nicht wahr, daß Kinder Mörder sind. Sie wollen nur s±
etwas Beängstigendes oder nur Lästiges entfernen, es irgendwohin
entschwiaen machen, wie die großen Kinder, daß es für sie unsicht-
bar werde; denn mehr als das ist die Nichtexistenz für sie nicht.
Erst die Erwachsenen depravieren solche Harmlosigkeit durch
ihre ümdeutung, durch Entgegenkommen in ihrem Sinne und durch
59
ihr Vorbild. Sadismus ist weder ein erbliches Übel noch epi-
demisch. Er wird von relativ Wenigen durch Umstände des eigenen
Lebens individuell erv/orben, während die vielen Andern nur mit
einer gewissen Zugänglichkeit belastet sind. In den meisten
Fällen ist Sadismus also gezüchtet.
Für das Töten ist es keineswegs der einzigg: entscheidende
Unterschied, ob ein uns nur eh in wenigen oder in den meisten
und sinnfälligsten Zügengleiches Wesen das Opfer ist. Innerhalb
der Subjektivität des Tötenden erfüllt das Tier eine ursprünglich
vom menschlichen Opfer nur graduell verschiedene, aber analoge
Funktion. Daher bestehen zwischen Krieg und Jagd unabweisbare
Analogien und intensive Wechselwirkungen. In der Menschenjagd
und dem Krieg gegen die Tiere sind die Differenzen auf ein
Minimum reduziert. Aber die alten, in unserer Generation
sowohl qualitativ als auch quantitativ enorm gesteigerten G^uel st
der Jagd verblassen nun angesichts zweier Phänomene, Das eine
ist ein alljährlich am Ende des Winters im ho hen^ Nor den Nieder-
metzeln und Schind eil von mehreren Zehntausenden neugeborener
Seehunde, eine Schmach, deren Erwähnung ich dem Leser lieber
ersparen würde (S. ); das andere ist eine neue, planmäßig auf
die Vernichtung ganzer Arten ausgehende Wissenschaft der Massentö-
tung« Es ist wohl eine denkwürdige Eigenheit der modernen Zivilie
sation, daß auch so etwas Motivierungen findet.
Nicht nur Taten, sonder auch ihre Begründungen haben ihre
Geschichte. Motivierungen sehen wir mit andern Augen, seit uns
die Freud1 sehe Tiefenpsychologie gelehrt hat, daß die vom Pa-
tienten angegebenen logischen Motive richtig und gleichsam
triftig sein können, ohne die eigentlichen zu sein. In den als ßa-
tionalisierungen bezeichneten Fällen kann der Antrieb hochgradig
real sein, ist aber dem Bewußtsein unzugänglich und dieses hat
die Aufgabe übernommen, die fehlende Begründung aufzutreiben.
Was der mehr oder weniger Kranke, der nicht als buchstäblich
krank angesehen werden muß, im nachninein als Motivierung liefert,
glaubt er meistens selbst. Die Mehrheit der Menschen hat durch
Jahrtausende geglaubt, daß Menschen Tiere töten müssen, weil sie
ihr Fleisch zur Ernährung brauchen.
fahrend dieser Epoche spielte sich aber im eigentlichen
Menschen ein anderer Vorgang ab, der mit den landläufigen
Angaben wenig zu tun hat. Das Töten wurde einerseits zur
60
Routine und produzierte anderseits jene Befriedigung, die
aus JJiflwäer prähistorischen und in vervielfachten formen fort-
gesetzten Selbstentf remdung stammt. Die fremde Holle bot die
höhere Lustprämie. Die aus der Übereinstimmung mit der eigenen
^atur und aus ihrer Betätigung erwachsenden Freuden verlieren
an Reiz. So betrachtet erscheinen Systeme der Ethik als Schuts-
keller, in denen sich noch Elemente von Ursprünglichkeit
erhalten; dennoch vollzieht sich insofern eine grünliche Ver-
wandlung ihrer Urgestalt, als Freuden echten Daseins, des Da-
seins in Harmonie mit dem eigenen ■.■/eseny und mit der Welt,
in Gebote und Verbote umgebidet sind, aus denen schließlich
Prinzipien und Ideale werden, wie stark die Lustprämie der frem-
den Holle ist, beweist gerade die Ethik als Versuch ihrer Bezwing*
gung. So wird die Ethik, das wenn auch verzerrte Spiegelbild
des Ureigenen, zu einem der Beweise für die Macht des Fremden.
Mag sein, daß das Verbot noch zur würze wurde, als jene Lust-
prämie sich zum Verhängnis des Sadismus auswuchs.
Die Vergesellschaftung mit dem Gegentrieb oder gefnkom-
plex, dem Masochismus, enthüllt den Charakter des Sadismus
vollends. Zerstörung von Leben, partielle oder totale, ist das
Gemeinsame, während die Hichtung nach dem Objekt hin oder die
Inversion in das Subjekt den Unterschied bezeichnet. Die Houtine
ist nur einer Schmiere vergleichbar, die einer Bewegung glatten,
unbehinderten Ablauf ermöglicht, ohne aber selbst treibende
Kraft zu sein. Eine solche ist jedoch der Sadismus. Auch er
tritt in der Hegel nicht nackt auf, sonder in mehr oder minder
konventionell gewordenen Kleidungen. Seit der verlassene Ursprung
zum Gewissen und dann zur Ethik geworden ist, zieht der Sadismus
es vor, sich in Interessen zu kleiden, die wie jede Rationali-
sierung- einigermaßen fundiert sein und ihn überdies gut verhüllen
mögen. In der Verwendung solcher Hüllen ist er nicht wählerisch.
Das schwächere und leicht zerstörbare Lebewesen braucht nur
ein wenig unbequem zu sein, um zum Tode verurteilt zu werden.
Eine Beschuldigung kann kaum zu unwahrscheinlich, zu unbewiesen
und zu willkürlich sein, um zur Begründung der vorausgewollten
und vorausbeschlossenen Vernichtung benützt zu werden. Solche
Begründungen ohne Inhalt werden im Laufe der Zeit leicht zu
Konventionen, zu stillschweigenden Voraussetzungen, wenn nicht
gar zu völligen Überflüssigkeiten. Der oft gründlich verkannte
61
Einfluß der Religion auf' die Beziehung des Menschen zum Tier
wird Gegenstand einer besondern Untersuchung werden müssen;
in den monotheistischen Religionen war es namentlich eine
Interpolation oder eine spätere Redaktion einer Stelle der
Genesis, die viel konkretes und viel geistiges Unheil gestiftet
hat. Auf jene Stelle gründet sich die seit dem Altertum ein-
gebürgerte jüdisch-christliche Auffassung, Tiere seien geschaffen,
um dem Menschen zur Nahrung zu dienen & 8)»
8) Es ist 9» 2-3. Diese Stelle steht mit der vegetarischen
Ethik von 1, 29-30, in unversöhnlichem Widerspruch, über
den kein Kommentator hinweggekommen ist. In einem späteren
Buche hoffe ich den ursprünglichen Text zu rekonstruieren.
Eine unverkennbare Affinität besteht zwischen dem Verlangen
nach Tötung und dem für Viele unwiderstehlichen Drang, in
möglichst vieles einzugreif en, möglichst vieles zu ändern.
Der Zusammenhang zwischen den beiden Trieben geht schon aus
dem ihnen gemeinsamen Gegenteil hervor. Dieses ist eine gewisse
Duldsamkeit gegenüber dem Bestehenden, Wichteinmischung, in
Frieden lassen. Der vom Bedürfnis nach verändernder Intervention
Besessene merkt fast nie, daß das Bedürfnis primär ist und daß
er sich chronisch auf doppelter Suche befindet, nach Argumenten
und nach mehr oder weniger geeigneten Objekten. Tötung wird zuwei-
len die Form sein, die dieser Interventionsdrang annimmt, doch
dürfte in vielen Fällen ein noch unter dieser Schicht entsprun-
genes Tötungsbedürfnis der eigentliche Antrieb sein und der
Einmischungsdrang eher eine Begleiterscheinung büden.
Bekanntlich ist die Natur vielgestaltig genug, um beiden
Bedürfnissen reichlich Angriffsflächen zu bieten, und der Mensch
ist erfinderisch genug, vor sich selbst und Andern beide hinter
Rationalisierungen zu bergen. Diese Tendenz kommt zugleich einem
dritten sublogischen Faktor entgegen, dem bereits beobachteten
Beschuldigungsbedürfnis. Das System der vorwiegend vagen und
oost factum zuweilen als irrig zurückgezogenen Beschuldigungen
als Ausgangsbasis für Vernichtungsfeldzüge ist nun mitten im
20. Jahrhundert in die Naturwissenschaft eingedrungen, seit
diese in^Ab*hängigkeit von den großen '//irtschaf tsmächten geraten
ist. Nur Einzelne bringen noch die Kraft auf, unbeeinflußt und
frei zu forschen und zu denken und ihre Ergebnisse furchtlos
auszusprechen. Diese einem tief entmutigenden Niedergang entgegen-
wirkenden Kräfte helfen uns, unsern so schwer verwundeten Stolz
62
auf unser ivlenschsein aufrechtzuerhalten.
Vor der Erörterung so bedeutsamer Tatsachen, die notwendig
zu einer Auseinandersetzung mit der geg%wärtigen Wissenschaft
führen, war es gut, sich über ihren dem Unbewußten entstammen-
den und gänzlich unwissenschaftlichen Hintergrund klar zu werden.
Ein verfrühter Rechtsstandpunkfc
vorauf gründen wir Renschen unser Recht zu leben? Es ist
wohl nicht mehr die Liehrheit, aber immerhin eine überaus an-
sehnliche Minderheit der Menschheit, die das Leben auf göttli-
chen Ursprung zurückführt. Doch v/er seinen religiösen Glauben
aufgibt oder verliert, verzichtet damit nicht auf sein Recht
zu leben. Er stellt sich auf eine andere Begründung um, auf eine
wohl weltliche, die jedoch von seinem Erleben aus gesehen nicht
minder heilig sein muß, zugleich aber schwerer angreifbar, ja
sogar unbestreitbar wird und sich durch die eigene Existenx
beweist; Indem das Leben sich nicht mehr auf eine ihm von außen
verliehene Berechtigung stützt, beruft es sich auf sich selbst,
auf die Berechtigung, die in ihm ist. Das ist denkwürdig einfach,
läßt sich aber noch einfacher sagen, u.zw. schweigend, ohne
Begründung^, indem man lebt, ohne diese Tatsache überhaupt moti-
vierungs^u^f-nden. n, * TT T ,
^ — -^ul:) man den 2 Ursprung des Lebens und dessen
.;esen im Göttlichen sieht oder die Zweiheit in der Eigenberech-
tigung des Lebens überwindet, sind es zwei konvergente Auffassun-
gen, da der Endpunkt gemeinsam ist. Auf beiden Wegen gelangen
wir also zur Annahme der Heiligkeit unseres Lebens. Diese Grund-
lage ist recht breit, ja allgemein, aber eben darum stoßen wir
sofort auf die Notwendigkeit, dieses "Unsere" zu definieren,
wenn ich nur dem eigenen Leben höchste Anerkennung gewährte,
würde ich mich zu einer Engherzigkeit oder Schäbigkeit bekennen,
die meinen Anspruch von vornerein geradezu aufhöbe oder doch
kompromittierte, üm einen Grad weniger kläglich wäre demgegenüber
schon die faschistische Zuerkennung des vollen Lebensrechtes
an die eigene Sippe, das eigene Volk und Land, die doch die
Aberkennung des gleichen Recnts aller Andern impliziert. Oder
können wir den Aufbau unserer ^ogik und Ethik als abgeschlossen
betrachten, wenn wir zu einer kosmopolitischen Ideologie gelan-
gen, die das Recht auf Leben innerhalb der Menschenrasse gleich
verteilt, so daß ein und dieselbe Grenzziehung den "Umfang beider
63
Begriffe, des Lebensrechtes wie der kenschenspezies, bestimmen
würde? Eines solchen Standpunktes brauchte sich niemand zu
schämen, denn er ist dem unserer größten Lehrer und unerreichten
Vorbilder nachgebildet oder innerlich verwandt. Nichtsdestowe-
niger ist Kritik an dieser Anschauung möglich und darum auch
notwendig.
Zunächst soll uns weder die Liebe zu bestimmten Menschen
noch die Vorliebe für die eigene Art abhalten, uns der ethischen
Relativität einer Haltung oder eines Prinzips bewußt zu werden,
durch das wir, wieder ohne ausdrückliche Proklamation, der
gesamten übrigen Natur das Hecht zu leben absprechen. Unver-
sehens gleiten wir von einer solchen Prämisse in eine noch
weitaus traurigere Konsequenz, in den Anspruch auf Entscheidung
über Leben und Tod alles nichtmenschlichen Lebens, in die Bean-
spruchung eines ethisch völlig hinfälligen, weil auf nichts
gegründeten Eigentumsrechtes .Um aber zunächst das definierte
Monopol und den entsprechenden Ausschluß auf irgend etwas
stützen zu können, müßten wir entweder in extreme Primitivität m
verfallen oder uns infolge der Unmöglichkeit des in diesem Falle
erforderten Beweises einer willkürlichen Behauptung bedienen.
Im ersten Fal-Le müßten wir so genügsam sein, zuzugeben, daß wir
für uns allein das elementare Recht nur darum beanspruchen,
weil wir eben wir sind, die Beanspruchenden. Jis ist durchaus nisfe
nicht einzusehen, daß nicht jede Spezies dasselbe tun könnte;
nur daß man sich bei einiger Einbildungskraft auch vorstellen
könnte, daß jene Spezies, wenn sie einen Anspruch formulieren
könnte und wenn es ein i'orum gäbe, vor das sie ihn brächte, es
wahrscheinlich unterließe, weil sie der gegenseitigen Abhängig-
keit eingedenk wäre« Im andern Jj'alle müßten wir uns auf die
Vorzüglickeit unserer Art berufen, und auf mehr als diese,
nämlich auf eine über alles Leben derart erhabene Überlegenheit,
daß sich aus ihr die absolute Ausschießlichkeit mit logischer
Notwendigkeit ergäbe; und erst dann v/äre der weitere Schluß
auf die Rechtlosigkeit aller Inferioren, der Schluß, auf den es
ankommt, noch mehr als fragwürdig.
Die uneingeschränkte Inferiorität als die andere Seite
der uneingeschränkten Superiorität könnte aber nicht nur nicht
bewiesen werden, sondern gegen ihre Annahme sprächen die
Resultate der Zoologie und Erkenntnisse vieler Generationen,
die trotz tierfeindlichen Ideen, v/ie etwa denen eines Lescartes,
64
immer wieder nur zum Ergebnis der Andersartigkeit geführt haben,
nicht zu dem einer generellen Überwertigkeit einerseits und
lückenlosen Unt erwert igkeit anderseits. Je empirischer die
Naturwissenschaft vorgeht, desto deutlicher zeigt es sich,
Haß den unleugbaren Vorzügen der Menschen Vorzüge vieler Tiere
entsprechen, daß sie hohe Fähigkeiten besitzen, die uns fehlen
und die für uns teilweise sogar noch unerklärlich sind. Ander«s±i
seits f indenjvir bei Tieren Leistungen, die von meschlichen
zwar äußerst verschieden, ihnen aber analog sind. Unsere Sprache
anerkennt das unwillkürlich, indem wir z/B. nicht nur von Gesell-
schaften und Staaten, sondern auch von Zivilisationen vieler
Ameisenarten reden. Die für uns so bequeme Behauptung der Inferior
rität der gesamten Tierwelt erf o%ert also höchst belangvolle Vorh
behalte, so daß von einer Exklusivität unserer Rechte, wenn wir
xsh dem jeder Spezies bis zu einem gewissen Grade eigenen Ego-
ismus endlich das Wort entziehen, nicht viel übrig bleibt.
Wir haben an Klarheit der Begriffe nichtsdestoweniger erst
v/enig gewonnen, solange wir nur das Lebensrecht als solches in
Betracht ziehen, weil es injsolcher Isolierung abstrakt bleiben
muß, ohne rechte Anwendbarkeit, die allein seinen vollen wert
bestimmen kann. Wir müssen ebenso auch diejenigen Ansprüche
prüfen, aus denen das Lebensrecht besteht und die sich aus ihm
direkt ergeben, wie das Recht auf ifehrung oder Behausung. Denn
erst durch diese thematische Erweiterung treten wir in die Erör-
terung des unablässigen Kampfes als eines unübersehbaren Begleit-
umstandes ein, der sich auf die theoretische Begriffsbildung
überträgt und uns zu konfliktreicherer Entscheidung zwingt.
Indem wir den als Regulator der Beziehungen zwischen den Orga-
nismen längst genügend erkannten und geschilderten Kampf ums
dasein auch zur Motivierung unserer Ansprüche und unseres Han-
delns machen, geraten wir in Widersprüche. Die Rücksichtslosigkeit
die der Rolle des Kämpf enden und insbesondere der des nur Kämpfen-
den eigen ist, paßt schlecht zu der eines übergeordneten, der üfegp
über denjenigen zu stehen behauptet, die notwendig immer nur
irartei sind und nur für sich selbst einstehen können. Sie paßt
schlecht zu den weit höheren Ansprüchen des Denkenden und
erkennenden, zu allen religiösen, philosophischen und quasi
philosophischen Ideologien, durch die wir uns über das Tierreich
65
Zu erheben vermeinen und die wir ebenfalls zur Ernährung ver-
wenden, u.zw. zu der unseres Selbstbewußtseins. Jedenfalls haben
wir uns theoretisch zu entscheiden, wir können Tiere sexn wxe
die andem.fressen und uns nach Tunlichkeit gegen das Gefres-
senwerden wehren; oder wir können die überparteiliche Rolle
für uns in Anspruch nehmen und uns auf die uns von 3enen unter-
scheidende Erkenntnis und andere Vorzüge berufen. Doch diese
Holle, und insbesondere die Erkenntnis, ist verpflichtend, und«x
wir würden damit Verbindlichkeiten auf uns nehmen, denen wir Ä
schwerlich gewachsen wären; es sei denn, daß wir zu deren Er-
füllung weitgehende Änderungen unserer Handlungsweise wxe auch
Revisionen unserer Prinzipien durchführen würden. Wir müßten
bereit sein, unseren persönlichen und kollektiven Egoismus, von
dem unser Leben nun einmal nicht absolut frei sein kann, wexse
zu beschränken und zu diesem Zwecke vor allem aufs neue zu prü-
fen, was tatsächlich für uns günstig ist und alles ausznschlxe-
ßen, was als Genuß anzusehen wir uns gewöhnt haben, während es *
objektiv auch uns schädigt.
Eine solche fundamentale Präge ist die der Fleischnahrung,
die, wie gesagt, der Menschenrasse fremd war und die sie erst
in einer nicht nur naturgeschichtlich, sondern auch anthropologx
gisch späten Zeit angenommen hat. Nehmen wir zur Kenntnis, daß
gegenwärtig eine Majorität der biologisch, anthropologisch und
prähistorisch ungenügend oder gar nicht geschulten Arzte die
Karnivorennahrung mit. einer gewissen Leidenschaftlichkeit oe-
fürwortet, während e^TS.a. aus Naturheilkundigen bestehende
Minorität ist, die vor der Fleischnahrung als Quelle moralischer
Degeneration und der meisten Krankheiten einschließlich des
Krebses warnt und vegetarische Ernährung als hygienisch, ethisch
und sozialökonomisch heilsam empfiehlt. Diese Frage sei hier
nur in einem eher indirekten Zusammenhang mit dem üechtsproblem
erwähnt, da aus ihr die große Flut unserer Konflikte mit der
Tierwelt entspringt; diese Konflikte sind schon dadurch als
überflüssig definiert, daß sie unserer Verkennung der eigenen
Interessen entstammen.
Wenn wir uns nicht für eine ausschließlich animalische
oder radikal animalische Haltung entscheiden, sonder die auch
von uns selbst als höher bewertete wählen, werden wir nicht
alleinfuSs mmm südlichen Praxis, sondern auch mancher
66
andern Gewohnheit entsagen müssen, und einem unser unwürdigen
Tun auch dann, wenn es uns tatsächlich Vorteile bringt. Wenn
wir die der Erfahrung abgewonnenen Prinzipien menschlichen
Zusammenlebens auf unsere Behandlung der Tiere auch nur versuchs-
weise anwenden, muß es uns moralisch unerträglich werden,
etwa für Belästigung, oder für noch viel weniger, die Todes-
strafe zu verhangen und zugleich auszuführen. Wenn wir auf
Lebewesen, die durch ihre vitalen Handlungen oder durch ihre üsk
Behausung, also infolge höchster Notwendigkeit, uns stören
oder wirtschaftlich schädigen, tödliche Angriffe unternehmen,
können wir uns selbst mit den von den zwischenmenschlichen
Beziehungen empfangenen Maßstäben nicht genug verurteilen.
Wenn aber solche Handlungen zum System werden und zu vernich-
tenden Offensiven gegen ganze Arten führen, um noch unbeteiligte
und unseren Interessen günstige Arten einzubeziehen, wird
unser Tun in der Natur zu dem unter Menschen Völkermord oder
genocide genannten Wahn und Verbrechen. Dessen ethische oder
juridische Betrachtung zeigt uns grell , in welche Erniedrigung x
wir auf der Höhe unserer Zivilisation geraten sind. Zugleich
müssen wir mit Bestürzung erkennen, daß unsere Seligion uns
von diesem Abgrund nicht abgehalten hat. Ganz im Gegenteil hat s±
sie uns durch Verbote, die ihr, aber nicht uns günstig waren,
von der Erkenntnis unseres Wesens und von den ethischen Möglich-
keiten unserer ursprünglichen Natur abgelenkt. Aber auch die
meisten Philosophen sind von Einseitigkeit und Inkonsequenz, ja
von einer völligen Pehlauf f assung der Natur nicht freizusprechen»
Das gilt namentlich von denjenigen, die nicht einmal eine die
ganze Menschheit in gleicher weise umfassende Ethik erreicht
haben.
.io selbst einer nur noch formalen Apologetik, deren alleini-
ger Zweck es zuweilen noch sein mag, irgend etwas zu sagen,
kaum ein Rest von Sinn geblieben ist, v/ollen wir mit einem
Blick nocn den offenen .Raubmord streifen, der seit vielen
Jahrtausenden auf jede Begründung verzichtet. In einer sachli-
chen Aufzählung dessen, was wir seit unserem Auftauchen auf
diesem Planeten getan und vollbracht haben, wird weder Jagd und
Fischerei noch deren Verherrlichung ein Ruhmesblatt bilden.
6 7
Indem wir die im menschlichen Zusammenleben erworbenen
Grundsätze auf unsere Beziehung zum Tier anwenden, dürfen wir
uns schließlich darauf berufen, daß die Berechtigung dieser Anwen-
dung zwar bestritten, aber nicht widerlegt werden kann; zumal
die Menschheit als Ganzes, einschließlich ihrer primitivsten
Vertreter, nur dann über die Tierwelt als Ganzes, einschließlich
ihrer am höchsten entwickelten Vertreter, gestellt werden kann,
wenn man extrem subjektiv bewertend vorgeht und Andersartigkeit
mit Minderwertigkeit hartnäckig verwechselt.
Die praktische Folgerung oder Empfehlung, zu der diese
Erwägung führt, mag, wie die Erwägung selbst, unzeitgemäß oder x
verfrüht erscheinen, da ja die Mehrheit der Menschen sogar von s
einem für die eigene Spezies gleichen Beurteilungsmaßstab noch
allzu weit entfernt ist und die Zugehörigkeit zur Menschenrasse
überdies Dü in allen Gesetzgebungen die wenn auch unausgespro-
chene Vorbedingung jeglichen Rechtes bildet. Mit dem notwendigen
Zugeständnis, daß diese Empfehlung heute nur bei einer kleinen
Minorität Verständnis finden kann, sollte sie immerhin vorge-
bracht werden dürfen, tfie die Tiere mit einer Notwendigkeit,
deren Härtegrad wir nicht immer beurteilen können, einander
bekämpfen, dürfen wohl auch wir kämpfen, soweit unser Kampf
Verteidigung ist. Doch dürfen wir es nur mit der Einschränkung,
die wir ebenfalls von dem unter Menschen geltenden Hecht ablei-
ten können: Notwehr steht uns zu, deren Überschreitung nicht.
Dieser Grundsatz dürfte sich in der folgenden Auseinander-
setzung nützlich erweisen.
Gegen und für Insekten, gegen und für das Leben
wir mögen die Ameisenvölker hassen, weil zwischen ihnen
und unserer Landwirtschaft Interessenkonflikte bestehen. Und
wir mögen sie verabscheuen, weil in ihren Staaten die furcht-
barsten Übel der menschlichen Gesellschaft vorausgenommen und
offensichtlich unabschaffbar konserviert sind, wie Sklaverei,
Ausbeutung, Kastenwesen, Diktatur, Raubkrieg und Völkermord;
auch weil die Rolle des Individuums in ihren Gesellschaften
im Großen und Ganzen eine überaus traurige ist. Aber abgesehen x
von einzelnen ihrer Eigenschaften und Leistungen, denen wir
Sympathie und sogar Bewunderung nicht versagen können, haben
diese Völker eine Geschichte, von deren gedrängter Fülle,
6 7
Indem wir die im menschlichen Zusammenleben erworbenen
Grundsätze auf unsere Beziehung zum Tier anwenden, dürfen wir
uns schließlich darauf berufen, daß die Ber'chtigung dieser Anwen
dung zwar bestritten, aber nicht widerlegt werden kann; zumal
die Menschheit als Ganzes, einschließlich ihrer primitivsten
Vertreter, nur dann über die Tierwelt als Ganzes, einschließlich
ihrer am höchsten entwickelten Vertreter, gestellt weraen kann,
wenn man extrem subjektiv bewertend vorgeht und Andersartigkeit
mit Minderwertigkeit hartnäckig verwechselt.
Die praktische Polgerung oder Empfehlung, zu der diese
Erwägung führt, mag, wie die Erwägung selbst, unzeitgemäß oder x
verfrüht erscheinen, da ja die Mehrheit der Menschen sogar von s
einem für die eigene Spezies gleichen Beurteilungsmaßstab noch
allzu weit entfernt ist und die Zugehörigkeit zur Menschenrasse
überdies JllÖ. in allen Gesetzgebungen die wenn auch unausgespro-
chene Vorbedingung jeglichen Rechtes bildet. Mit dem notwendigen
Zugeständnis, daß diese Empfehlung heute nur bei einer kleinen
Minorität Verständnis finden kann, sollte sie immerhin vorge-
bracht werden dürfen, fie die Tiere mit einer Notwendigkeit,
deren Härtegrad wir nicht immer beurteilen können, einander
bekämpfen, dürfen wohl auch wir kämpfen, soweit unser Kampf
Verteidigung ist. Doch dürfen wir es nur mit der Einschränkung,
die wir ebenfalls von dem unter Menschen geltenden Recht ablei-
ten können; Notwehr steht uns zu, deren Überschreitung nicht.
Dieser Grundsatz dürfte sich in der folgenden Auseinander-
setzung nützlich erweisen.
Gegen und für Insekten, gegen und für das Leben
wir mögen die Ameisenvölker hassen, weil zwischen ihnen
und unserer Landwirtschaft Interessenkonflikte bestehen. Und
wir mögen sie verabscheuen, weil in ihren Staaten die furcht-
barsten Übel der menschlichen Gesellschaft vorausgenommen und
offensichtlich unabschaf fbar konserviert sind, wie Sklaverei,
Ausbeutung, Kastenwesen, Diktatur, Raubkrieg und Völkermord;
auch weil die Rolle des Individuums in ihren Gesellschaften
im Großen und Ganzen eine überaus traurige ist. Aber abgesehen x
von einzelnen ihrer Eigenschaften und Leistungen, denen wir
Sympathie und sogar Bewunderung nicht versagen können, haben
diese Völker eine Geschichte, von deren gedrängter Fülle,
68
beispielloser Intensität und globaler Weite Forschungen
dieses Jahrhunderts uns eine Vorstellung geben, allerdings
nicht mehr als eine Vorstellung, Denn diese unbekannte Geschich-
te, die zumindest 50 Millionen Jahre umfaßt, also 50mal tiefer
in die Vergangenheit des Planeten zurückreicht^: als die zum
weitaus größten Teil ebenfalls unbekannte Geschichte unserer
Hasse, wäre selbst für den Fall, daß uns Quellen zu ihrer Erfor-
schung offenstünden, zu reich, um jemals von Menschenhänden
geschrieben zu v/erden.
Von der frühesten bis zur spätesten Vergangenheit menschli-
cher Gruppen ereignete es sich wiederholt, daß in einer Situation
stärkster Gärung, materieller und geistiger, und in einer äußerst;
komplizierten Problematik antagonistischer Energien statt einer
Lösung von Problemen ein unvorhergesehener, mit dem gesamten
inneren Geschehen nicht erkennbar zusammenhängender Überfall
einer höchst brutalen Macht erfolgte und allem plötzlich ein
Ende setze. Auch ruhige Entwicklungen wurden zuweilen ebenso
unerwartet wie restlos von Ungeheuern gebrochen. Historiker
und Schriftsteller werden immer wieder zu rekonstruieren ver-
suchen, was inPompeji dem Untergang vorausgegangen sein mag«
Auchjlm Dasein jedes Einzelnen, in jeder Hütte, in jedem Lehr-
hause und in jedem Spital Osteuropas erstarb eine phantastische
Verkettung von Ereignissen durch den Beginn des 2.V/eltkrieges.
Autoren von Büchern, Grübler, Ekstatiker, Mathematiker und
Künstler fanden statt ihrer Lösungen den grausamen Tod« Andere
Riesengebiete der östlichen Halbkugel erlitten dann das gleiche
Schicksal, das aus lauter Einzelschicksalen bestand, die ihrer-
seits äußerst komplexe Gebilde betrafen. Bedenken wir nun, daß
es dem niedergetrampelten Ameisennest und dem ausgeräucherten
Termitenbau ebenso ergeht. Grausig potenziert ist das seit den
40er Jahren unseres Jahrhunderts das unablässig wiederholte
Los vieler Arten in weiten Gebieten von Festländern und Gewässern»
Das Dasein dieser Seesen, das von der Geburt bis zum Tode eine
kurze, aus Leid, Kampf und maximaler Anstrengung zusammenge-
setzte Dynamik ist, die nur selten von flüchtiger Befriedigung
unterbrochen wird, ist nun Katastrophen preisgegeben, die der
Mensch ausheckt und herbeiführt und die den Zweck haben, nicht h
nur die unübersehbaren Scharen der betroffenen Individuen,
69
sondern auch ihre ganze Nachkommenschaft rapid aus der weit
zu schaffen.
Dem zweibeinigen Täter aber gleitet die Herrschaft
über sein Tun sofort aus den Händen, Die weiteren Vorgänge
folgen nicht seinen wünschen, sondern den alten Bahnen der
Natur, in denen die Arten sich in bestimmten Folgen von ein-
ander nähren« So geht das gegen Insekten gerichtete Gift
auf die kleinen Singvögel über, die in Massen und oft unter
langen Qualen sterben und unter den mildesten Umständen
ihrer Fruchtbarkeit beraubt werden und tote oder lebensun-
fähige Eier legen; und zugleich auf Insektenarten, denen
kein Mensch etwas vorzuwerfen hat, auf Nager und viele
andere Säugetiere, auf Reptilien und Amphibien, Es gelangt
hoch hinauf bis in die Nester der Adler, deren es schon seit ±sch
langem immer weniger wird. Tödliche Attacken werden teils
gegen unerwünschte Pflajizen gerichtet, teils fallen erwünschte
wie unerwünschte den Anschlägen auf das Dasein der Insekten
nebenbei zum Opfer. Die Winde dehnen Tod und Entartung weit-
hin aus. Aber der Hegen macht das Verderben tief in den Boden
einsickern, das chemische Gemetzel geht in der Flora und Fauna
des Erdreichs weiter, auch unter den ganz Kleinen, den nur
mikroskopisch Sichtbaren, und von da geht es nochmals aufwärts,
zur Oberwelt zurück. Der Hegen schwemmt das grausige, von
vielen Leuten als harmloses Hausmittel gehandhabte DDT und
andere Chlorkohlenwasserstoff gif te wie die scheußlichen Alkyle,
die organische Phosphate sind, über Felder und Ladfetraßen in die
Bäche, Flüsse und Seen, wo das winzige Plankton, die zarten
Insekten des Wassers und die Fische von den kleinsten bis zu
den stärksten und größten rasch dahinsterben oder allmählich
verelenden und vergehen. Es gibt uns eine Vorstellung von den
Dimensionen der Vergiftung, daß neuerdings in den Gewässern
von British Columbia allein 40.000 tote Lachse gefunden wurden.
Auch das Lebens he iligtum des Waldes schützt seine Geschöpfe
vor den chemischen Eindringlingen so wenig wie vor den Jägern,
und Tswkwxrk an den Küsten und Mündungen der Flüsse ergießt sich
der chemische Tod auch in die Meere« Und während die vielen
einzelnen Zerstäuber doch|nur ouckwerk vollbringen, schweben
Flugzeuge über die Landschaft dahin, um die Fülle $e**s
70
der Kreaturen ganz v/ahllos chemisch hinzurichten. Und Aerosol-
wolken schweben über Feldern und Wäldern, um mit Hilfe der
schuldlosen winde undefinierbare und unzählbare Wesen umzu-
bringen. So muß der Mensch bald vor dem eigenen Tun erschrec-
ken. Zuweilen überkommt es einen und er wünscht, eijkönnte es
rückgängig machen oder einhalten. Denn die Singvögel, die
Bienen, die Schmetterlinge und die wilden Blumen mag er;
und das Sterben seines Viehs trifft ihn gerade an der empf indiis
lichsten Stelle seines Daseins, am Gelde, das ihm ja leider mehr
gilt als alles. Doch um eben dieses Giftes willen wendet er die
andern Gifte an, sodaß sein Bedauern, seine Reue und selbst sein
Schmerz über wirtschaftliche Verluste ihn nicht abhalten, es
immer wieder aufs neue zu tun, um sich von den angeblichen
Vorteilen der zerstörenden laren zu überzeugen, die von Labora-
torien und Fabriken in schier unübersehbaren Zusammensetzungen
und in ungeheueren Mengen produziert werden.
Die Massentötungen, deren Maßstab inkier Geschichte des
Lebens auf Erden erstmalig ist, haben seltsame Nebenprodukte,
lie jeder beobachten kann, sind es z.B. nicht mehr alle Zug-
vögel, äBk die, wenn die Zeit gekommen ist, aus den kalten
und kühlen Ländern in die warmen und heißen fliegen. So manche
bleiben im Norden, und auf der südlichen Halbkugel vollzieht sich
wahrscheinlich das entsprechende; viele der zurückbleibenden
Vögel kommen um. Haben sie, wie man behauptet, ihren Wanderin-
stinkt verloren? Und wenn dem so ist, sind die heillosen Strah-
lungen daran schuld? Näher liegt es wohl, diese Wirkung den Ghem
mikalien zuzuschreiben, deren zu jenen Individuen gelangte
Dosis zu klein war, um sofort zu töten, aber genügt, um im
Nervensystem Lähmungen hervorzurufen. Die langen Flüge erfordern
aber zunächst einen bedeutenden Energie vorr at , und dieser muß ts.
fehlen, wo Vögel sich von Würmern nähren und diese infolge der
Durchgiftung des Bodens allzu spärlich geworden sind. Ander-
seits kann in Betracht gezogen werden, daß in diesen den natur-
widrigen Aktionen folgenden Phänomenen destruktive Strahlungen
und Stoffe zusammenwirken und selbst Wechselbeziehungen möglich
sind $ 9),
9)..
oJ:?1110? liesS die PraSe bei den "radiomimetischen"
Stpen, deren Verhalten als eine Art Nachahmung des
Januar Iskolß^^^^^^^&J^TA
71
der Exaktheit oinor oo exakten "Wiooonoohaf t wie der Chemie
annehmen, da die Zuerkennung der primären oder der sekun-
dären Holle in der Deutung der beiden Faktoren w^w* am
Deutenden liegt. Die Deutung ist nämlich|uiakehrbar, da die
Strahlen als sekundär und gleichsam als Nachahmer von
Stoffen aufgefaßt und etwa als "hylomimetisch" bezeichnet
v/erden könnten,
Zu den tiefgreifenden Änderungen, die das neu herausgebilde-
te System und dessen Praxis zur Folge hat, gehört auch eine
nie geahnte Umkehrung von Hechtsbegrif f'en. Nie und nirgends hat*
te jemand als berechtigt gegolten, das Vieh seines Nachbarn
zu töten oder auch nur zu schlagen oder fremde Felder zu be-
schädigen, Nun ist ein Maßstab der Tötung entstanden, für den
es Eigentumsgrenzen nicht mehr gibt, auch nicht in Ländern,
in denen das Privateigentum dreimal he ^^^l"^- i^f^g*1 der
legalen Situation ist da Recht und Praxis/\und öffentlicher
Institutionen verwickelt; Gemeinde, Provinz und Staat sind
zuweilen verschiedener Meinung, aber umfassende Vernichtungs-
aktionen gehen meistens recht einheitlich und ungestört von-
statten. Ziemlich selten kommt es zu Schadenersatzklagen,
weil die moderne Routine sie zu vermeiden weiß,
üuch eine andere Rechtsgrundlage hat sich stark verscho-
ben. Als die Alten von heute jung waren, hatten nur Chemiker
und Apotheker legalen Zutritt zu Giften, und auch ihre Manipula-
tionen waren recht scharf bewacht. Verglichen mit den teuflische.
Substanzen von heute waren jene zwar nicht harmlos, aber eher
primitiv und für iviassenmord schlecht geeignet. Mit den Produkten
der modernen Laboratorien beschäftigen sich hingegen Zahllose,
von denen v/eder eine besondere Befähigung noch eine amtliche
Lizenz verlangt wird. Es sind Arbeiter und Angestellte jener
riesengroßen und bescheidenerer Fabriken oder Winkelbetriebe,
ferner Transportarbeiter, Kleinhändler, P0stboten, landwirt-
scnaftliche Arbeiter und ganze Bauernfamilien. Nicht alle haben
eine Ahnung davon, womit sie in Berührung kommen und was es ist,
wovor auch gute Verpackung nicht immer schützt. Bei dieser Preis-
gabe der schlimmsten Gifte an die Allgemeinheit und der Allge-
meinheit an die Gifte wirkt es eher als Ironie, daß die Vorsichts-
maßnahmen innerhalb der Apotheke noch aufrechterhalten k±s±too:
werden.
72
Doch nicht allein diejenigen, durch deren Hände die neuen
chemischen Waffen gehen, sind von ihnen bedroht. In einem von
zerstörerischen Strahlungen durchzogenen und von so mächtigen
Chemikalien durchgifteten Lebensraum mußte auch der Sieger in
manchen Beziehungen zum Besiegten werden. Die Fälle von Tod und
Verkrüppelung^hnungslosen Erwachsenen und Kinder, die mit sol-
chen Giften oder auch nur mit leerem Packmaterial in Berührung
kommen, würden die Schuldigen zwar lieber verschweigen, aber sie
sind längst allgemein bekannt. Immerhin ist Unglück dieser Art
bisher auf Einzelfälle beschränkt geblieben. In die Zukunft blicken
können wir nicht, zumal die Erzeugung dieser Tötungsmittel erst x
unlängst begonnen hat und die Anwendung der vielen neuen und neu-
esten jeder Erfahrungsgrundlage entbehrt, so daß auch die amtliche
Freigabe der neuen Gifte zur Verwendung höchst anfechtbar erscheint
Die Besorgnis, daß wir die schwersten genetischen Folgen zu gewär-
tigen haben, zieht immer weitere Kreise. Die interessierte Industrie
die nicht nur für ihre wissenschaftliche Arbeit, sondern auch für
ihre Propaganda tüchtige, z.f. sogar prominente Fachleute beschäf-
tigt, sieht sich genötigt, das Publikum möglichst autoritativ be-
ruhigen zu lassen. So geben sich auch anerkannte Gelehrte dazu her,
in Wort und Schrift zu beschwichtigen , Vorzüge der tötlichen Sub-
stanzen zu behaupten und um Beweise für den Widersinn zu bemühen.
Inzwischen freilich mehren sich harte Tatsachen. Der Umstand, daß
iriloten, die das Unheil über Felder, Teiche und Bäche sprühen,
gerade in ihren männlichen Punktionen Schaden nehmen, gehört zu
denjenigen, die auf die genetischen Gefahren deutlich hinweisen.
Die Bedeutung anderer Gefahren scheint sich vorläufig auf Einzel-
fälle zu beziehen^: 10).
10) Piloten sind auf solchen Flügen wiederholt in einer bisher
unerklärten Weise abgestürzt, wovon die Öffentlichkeit allerdings
?/enig erfahren hat. Der Grund dürfte in Siniiesverwirrung zu
suchen sein, bzhw. in der direkt lähmenden 'Wirkung der Gifte
auf Gehirnzentren; ob der Tod der Piloten dem Absturz nicht etwa
vorausging, hätte sich feststellen lassen.
S©oh di© Befürchtung, die heute die Meisten befallen hat,
bezieht sich auf den Krebs, der seit dem Aufblühen der Industrie
des chemischen Todes unaufhaltsam zunimmt. Was sich jetzt vollzieht,
könnte das Anfangs Stadium einer viel böseren Ausbreitung werden,
weil nicht viel Phantasie dazu gehört, sich vorzustellen, daß
dieselben Eingriffe in die Physiologie unserer Zellen, die von
Radiationen und Chemikalien bisher nur in Einzelfällen, wenn auch
in zunehmend zahlreichen, bewirkt wurden, epidemischen Charakter
annehmen können. Der Krebs^ als Massenkrankheit auch eine von
mehreren katastrophalen Folgen unserer Tötungssucht und Profit-
gier werden oder er könnte seine "bisher manifesten Eigenschaf-
ten ändern, Wie die angewandten Agentien selbst neu sind,
könnten sie außer der Sxtensivierung und Intensivierung
existierender Übel auch gänzlich neue Reaktionen herbeiführen,
deren weitere Auswirkung auf drastische phylogenetische Ver-
kümmerung der Menschenrasse hinauslaufen könnte^. Mit solchen
Erscheinungen wüßten wir gewiß nicht viel anzufangen, zumal
wir es^^em alten Krebs gegenüber zwar zu einer gut f unktiojaaaaBBSBf
nierenden Diagnostik gebracht haben, aber etiologisch aus dem
Stadium der Versuche und Hypothesen noch nicht hinausgelangt
sind und therapeutisch seit Generationen außer der Chirurgie
noch nichts eigentliches besitzen, abgesehen von Fastenkuren,
mit denen Matur heilkundige beachtenswerte Erfolge hatten.
Vielleicht sind wir überhaupt auf dem Holzwege, wenn wir nach h±
einem bestimmten Zusammenhang zwischen den Chemikalien und
der Krebsbildung suchen. Sffie es der neuen Gifte so viele gibt,
können auch ihre Einwirkungen mehrfach sein und auf verschie-
denen v/egen erfolgen, was wir schom einigermaßen kennen, ist die
Fähigkeit unserer Leber, manche der eindringenden Feinde, bis
zu einem gewissen Grade wahrscheinlich auch an sich karzinogene
Substanzen, durch ihre Enzyme entgiftend abzuwehren. Aber die
arme Leber ist selbst allerhand Angriffen ausgesetzt. Scnon ihre
schv/ere Überanstrengung durch das ihr aufgezwungene Hingen mit
einer plötzlich vervielfachten Zahl von Krankheitserregern,
vor allem mit völlig neuartigen, mit denen unsere Abwehrkräfte
sich nie zu messen hatten, ist ein schlimmer Angriff, der
genügen würde, neoplasmatische Entartung dieses unsagbar
wesentlichen Organs zu erklären. Darüber hinaus ist nicht abzuwa-
schen, durch welche der vielen in Betracht kommenden Einfalls-
tore unsere neuen Feinde nocbjä indringen könnten. Demnach ist
einfach jede pathologische Veränderung als phylogenetische Folge
unseres Umgangs mit den im Grunde unbekannten Kräften vorstell-
bar. Es ist für die Spezies Mensch eine der furchtbarsten
Aussichten.
Ein Kampf, in dem einer sich für vielfach stärker hält,
in dem aber die Waffe f auf die er seine Hoffnung gesetzt hatte,
74
sich als Bumerang herausstellt, ist tragisch genug, wenn
der Verfolger selbst verfolgt zu sein glaubte oder es gar war.
Wenn er aber einen geschlagenen und für tot gehaltenen Gegner
mit erneuter Kraft aufstehen sieht, kann er mit Grauen an
geheimnisvolle Mächte glauben, die schützend dem Feinde bei-
stehen« Und noch schlimmer als die Opfer und Verluste mag
für den verzweifelten Angreifer die Vergeblichkeit einer
Offensive sein. Denn die mit den satanischen Giften massakrier-
ten Insekten und andere, die gelähmt, verkümmert und fast
lebensunfähig davonkommen, haben eine kurze Lebensspanne,
ihr Generationswechsel vollzieht sich rasch; doch irgend etwas
ist in diesen kurzlebigen Generationen vor sich gegangen
und auf einmal sind die gemeuchelten Arten wieder da. Die
Wissenschaftler der Ausrotbingsindustrie kratzen sich die
Köpfe, mischen neue, womöglich noch intensivere Gifte. Sie lauBßi
hoffen nicht mehr aufs Spiel zu setzen als in früheren Schlach^E
ten desselben Krieges und sehen nach wie vor dem Endsieg ent-
gegen. Andere, die diesen nicht ernstlich erhoffen, wollen
jedenfalls den Krieg fortsetzen, um die Rüstungsindustrie
und die Profite in Gang zu halten.
Alle forschen nach den Ursachen der rätselhaften Auf-
erstehung und des unerwarteten neuen Widerstandes. Fromme
Landwirte denken, ob es ihnen gut oder schlecht gehe, in
theologischen und teleologischen Kategorien. Hingegen suchen
die Helfer der Industrie keinen überlegenen Intellekt hinter
dem Vorgang. Sie schließen sich iijdieser Frage objektiv gesinn-
ten Forschern an, und die meisten von diesen denken an das er-
wähnte entgiftende Enzym, das die verfolgten Arten in ihrer Not
mobilisiert haben konnten, und eine solche Erklärung ist
verhältnismäßig einleuchtend. Dieses Enzym wird seit den Anfang oo.
jener Arten vorhanden gev/esen sein, vorher aber eine andere
Funktion gehabt haben und nun gegen den größten Feind mobili-
siert worden sein, dem es durch Fermentation einigermaßen bei-
kommt. Es ist wohl auch nicht ausgeschlossen, daß sich in der he
normalen Physiologie der Insekten mehrere rasche Änderungen
abgespielt haben, Funktionswechsel innerhalb mehrerer Organe,
die Anpassung an die äußerst erschwerten Lebensbedingungen
ermöglichen, vielleicht eine Art eingeschränkter Fortsetzung
des Daseins ohne die durch die Vergiftung m^&^SSmmtmm Orga-
ne, oder Teilung des Organismus in tote und lebende Partien.
75
Obwohl das nicht v/under im religiösen Sinne sind, wird man
nicht umhin können, die lebenserhaltende Natur, wie immer
sie es gemacht habe, aufs neue staunend zu verehren.
Wie der ü'eldzug aus sublogischen Motiven hervorge-
gangen und auf falsche Logik gegründet ist, ist auch die
Konsequenz, die man aus dem großen Pehlschlag zieht, nur
von Gewinnsucht und Unmenschlichkeit diktiert, aber kurzsichtig
und sicherlich zu neuen Niederlagen verurteilt. Grausamkeit
ohne Rationalität wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch
das Schicksal neuer Ausrottungsträume bestimmen. In Auschwitz
haben die Gamma-Strahlen den Sterilisierungsprof essoren alle
Ehre gemacht, weil die Widerstandskraf t des menschlichen
Organismus gegen das tückisch Neue viel schwächer ist und
Anpassungsfähigkeit auf eine enge Auswahl von Bedingungen
beschränkt zu sein scheint. Bezüglich der bedrohten animali-
schen Arten läßt sich hingegen nach den bisherigen Erfahrun-
gen hoffen, daß sie auch den andern, nicht chemischen, sondern
physikalischen Greueln entgehen werden, wie der umfassenden
i.iassentötung durch Überschallelektronik. Die Wirksamkeit
neuer chemischer Sterilisierungsmittel ist ebenfalls noch
zweif elhaf ter als ihre voraussichtliche Rückwirkung auf
den keuschen.
Dieser Standpunkt scheint den Interessen der eigenen
Basse entgegengesetzt zu sein. Doch was sich als Kampf zwischen
unserer Rasse und andern Rassen ausgab, hat sich als Kampf
gegen das Leben erwiesen. Daraus ergibt sich sowohl die prak-
tische als auch die sittliche Notwendigkeit, sich fest auf
die Seite des Lebens zu stellen.
In memoriam Rachel Carson
In ihrem Leben war eine Sendung und auch ihr Tod war
nicht ohne einen Sinn.
Die konventionellen Mitteilungen, die über sie in einigen
Nachschlagewerken zu finden sind$ und sich von einander nur
wenig unterscheiden, können diesen ruhig überlassen bleiben.
Dieser Zweig der Literatur ist durchaus berechtigt und nütz-
lich, denn an diesen biographischen Abrissen ist etwas. Indem
sie Zeiten und Örtlichkeiten von Geburt und Tod und die dazwi-
schen liegende Karriere der Studien und ihrer Verwertung
76
notieren, mit den Daten des Porschens, Lehrens und Veröff entliefe
chens von Büchern, nebst einigen Berichten über deren Erfolge,
gehen sie das Skelett eines Lebens. Und da Skelette einander
ähnlicher sind als die Gesamtge stalten der Menschen, könnten
manche Lebensdarstellungen dieser Art fast verwechselt oder
ausgetauscht werden. Das sind also keineswegs Fälschungen,
es ist vielmehr Realität, wenn auch nicht die ganze. Bis an &
einen gewissen Punkt verläuft manches überduchschnittliche
Leben so, bis jener Tag da ist, der sowohl im Normalverlauf als
auch in der Normaldarstellung ausbleibt. An jenem Tage, oder
in jener Nacht, genügt das Erreichte nicht mehr, man mag nicht
im selben Geleise fortfahren, weil man nun weiß, daß es ein
falsches Geleise ist. Der Mensch hat sich selbst entdeckt
und versteht kaum noch, wie er das Ziel, das sich erst jetzt
deutlich abzeichnet, bisher übersehen konnte. Dieses Ziel ist
die vielfach größere objektivierte Projektion seiner selbst
in das Werk. Sein Anblick gibt einen nie gekannten Mut und
das Begreifen gibt eine nie erfahrene Sicherheit. Die Züge
der furchtbaren Sphinx, der man bange gegenübergestanden
war, sind nicht mehr dieselben, sie sind vertraute Wahrheit.
Im Leben der Rachel Louise Garson kam ein großer Tag,
dem ein nicht viel kleinerer vorausgegangen war. Sie hatte
der Arbeit gelebt; hingebungsvolle Naturforschung und die Preude
an wissenschaftlichem Lehren mag ihr zuweilen geholfen haben,
ihre Praulichkeit zu vergessen. Ihre Liebe war offenbar viel
weiter, gehörte den ±ke uSi^i^8feMe"n Kreaturen. An jenem kleinen
Tage gab sie den schönen Beruf auf, um einer Berufung zu folgen.
Daß sie nur noch Bücher schreiben wollte, kam gewiß von dem
Verlangen, zu vielen Tausenden, indirekt sogar zu Millionen
zu sprechen. Der große Tag aber brachte den Umschwung zu
gänzlicher Selbstlosigkeit, zu nahezu selbstvergessener
Arbeit an einer Sache, denn diese Sache war nun erkannt.
Es war die Sachfe der gefolterten Natur, des von einem
Milliardengeschäft verfolgten Lebens. Den Wesen, die in keiner
Sprache für ihre Rechte eÄreten und sich gegen die Anklagen
ihrer unzugänglichen Mörder nicht verteidigen können, erstand
in unserer Generation noch vor ihr mancher gerechte Pürsprech.
Außer den Verfolgern des Lebens, den Mitarbeitern der Vernich-
tungsindustrie, waren auch viele uneigennützige und objektive
77
Forschers^ um die Probleme der Beziehungen zwischen Mensch
und Itfatur bemüht« Ihre Schriften sind zu einer Literatur an-
gewachsen, in der es schon schwer fällt, sich auch nur klar
zurechtzufinden, geschweige denn f st alles zu lesen und zu
verarbeiten« Die erschöpfende Bibliographie, die dem wichtig-
sten Buch von Kachel Carson folgt, und die Gegenüberstellung
zwischen der bibliographischen Übersicht und ihrem Buch selbst,
bezeugen unverkennbar, wie sie in umfassender Kompilation und
zugleich in höchst eigenen Forschung und Gedankenarbeit vorge-
gangen war, um aus den Leistungen vieler Einzelnen und den
eigenen Ergebnissen das entscheidende Gesamtwerk zu machen.
"Silent Spring" mm fckw 11) mußte sich gegen die zuweilen recht
^"^Bei Houghton Mifflin, Boston, 1« Auf läge 1962« Im selben
Jahre und später erschienen weitere Aufla.gen, auch in
Paperback (Grest Books), schließlich Übersetzungen in
etwa 30 Sprachen.
traurige Polemik und eine noch traurigere Verspottung einfach
darum durchsetzen, weil es durch und durch echt und den grau-
sigen Tatsachen getreu ist. Wie die Aktionen, die es bekämpft,
wurde auc& dieses Buch zu einem der Phänomene, die unsere
Zeit charakterisieren.
So öffnete sie Augen ohne Zahl, auch halb offene wie
die meinen, die schon gesehen hatten, was zwischen dem Menschen
und der flatur vorging, denen aber erst sie den vollen Umfang
der Untat und ihrer Rückwirkung auf den Menschen zeigte. Doch
wenn sie später, als es allzu schwer wurde, der Gegenoffensive
der mächtigen Industrie standzuhalten, den geraden Rücken ein
wenig neigte, indem sie zugab, ganz ohne Zerstäuben gehe es nicti;
und sie sei nur gegen das wahllose Zerstäuben, so war das sicher— |
lieh ein schmerzliches, ihren reinen und intensiven Gefühlen
abgezwungenes Zugeständnis. Daher wird, wer ihre Menschlichkeit,
ihre Ideale und ihren wissenschaftlichen Standpunkt tiefer ver«t
steht, sich weder gedrängt fühlen noch verpflichtet finden,
ihr auch in diese Abweichung von ihrer Generallinie zu folgen.
Die Generallinie ist Stärke, die Abweichung Schwäche, und wer
weiß, ob diese nicht auch physisch verursacht war, zumal die
tödliche Krankheit schon in ihr steckte und ihrem Bewußtsein
bald zugänglich geworden war.
wie weit ihr Leiden zurückreichte, war offenbar auch
damals nicht feststellbar, doch wenn sie in ihrem magnum opus
78
den Zusammenhang zwischen dem chemischen Krieg gegen die
Insekten und den rapid zunehmenden Krebsfällen unter den
Renschen mit solchem Nachdruck wiederholt hervorhob, war es
fast unmöglich, sich des Eindrucks zu erwehren, daß sich hinter
der objektiven Warnung schmerzliche eigene Erfahrung barg.
Vor dem Verderben, dem sie sich nicht mehr entwinden konnte,
wollte sie ihre Mitmenschen schützen. Oder sollte die tödliche
Erkrankung sie erst im nachhinein überfallen haben, wie um dem
von ihr aufgezeigten Zusammenhang zu unverkennbarer Bestätigung
zu werden ?
An 14. April 1964 ging sie selbst in den schweigenden
Frühling ein. Ein Jahr und ein paar Tage vorher war ihren
Lesern eine willkommene Ergänzung und vielen Ahnungslosen eine
Enthüllung, als sie im Bildfunk des Columbia Broadcasting System
die nach ihrem Tode von den New York Times wiedergegebenen
Erklärungen abgab :["Es ist die Öffentlichkeit, von der verlangt
wird, die von den Insektenbekämpf ern errechneten Gefahren auf
sich zu nehmen. Die Öffentlichkeit hat zu entscheiden, ob sie
auf dem bisherigen Wege fortfahren will, und das kann sie nur
dann tun, wenn sie volle Kenntnis der Tatsachen besitzt.5'
"Wir sprechen immer noch so, als ginge es um Eroberung.
SÄTir sind noch nicht reif genug, um uns als winzigen Teil
eines unermeßlichen und unglaublichen Universums zu betrachten.
Die Beziehung des Menschen zur Natur ist heute entscheidend
wichtig geworden, einfach darum, weil wir jetzt eine schicksal-
hafte Macht erlangt haben, die Natur zu verändern und zu zer-
stören. "
"Der Mensch ist aber ein Teil der Natur, und sein Krieg
gegen siefist unvermeidlich ein Krieg gegen ihn selbst. Der
Hegen ist zu einem Mittel geworden, die tödlichen Produkte
der Atomexplosionen aus der Atmosphäre herabzubringen. Vom
Wasser, das gewiß unsere wichtigste Naturgabe ist, wird jetzt
ohne Unterlaß unglaublich rücksichtsloser Gebrauch gemacht'1.
"Nun glaube ich wirklich, daß wir, diese Generation,
zu einem Ausgleich mit der Natur gelangen müssen, und ich
meine, daß von uns gefordert wird wie nie zuvor von der
Menschheit, zu beweisen, daß wir reif sind und Beherrschung
besitzen, nicht über die Natur, sondern über uns selbst."
Julian Huxley, der die Ausgabe des "Silent Spring" für Eh
79
England mit einem Vorwort versah, schrieb wenige Tage nach
ihrem Tode in den New York Times: "Als ich meinem Bruder
Aldous die Tatsachen erzählte, sagte er: Wir zerstören die
Hälfte von den Grundlagen englischer Dichtung."
Ein ttöLguswbmßM
Ausblick /9<c > u-r)
Die alte, längst vergessene Degenerationstheorie ,
nch der dem frühesten Menschen die höchste Offenbarung und
Erkenntnis Gottes zuteil geworden ist, mit der es dann von Stufe
zu Stufe abwärts ging, hat etwas für sich. Hur müßte sie der
religiongescfeichtlichen Gasubla entkleidet werden, um durch !
viel allgemeinere Anwendbarkeit zu einer der einigermaßen
brauchbaren Evolutionshypothesen beizutragen, Davon, was dann m
noch von ihr übrig bliebe, müßte die ganz einseitig pessimisti-
sche Auffassung der Entwicklung als dauernder Abwärtsbewegung
durch die landläufige Idee der einfachen Aufwärtsbewegung
ergänzt werden, um einer aus unvoreingenommener prähistorisch-
historischer Erfahrung gewonnenen Kritik standzuhalten.
f I
Denn so war es. Nicht nur, daß umfassender Austieg und umfassend
der Niedergang einander ablösten, sondern innerhalb des gesam-
ten Habitus des kenschen und der Gesellschaft vollzogen sich
beide Bewegungen gleichzeitig, so daß dem Verfall einer Kompo^ss:
nente des menschlichen Daseins der Aufbau einer andern entsprach
oder die Waage hielt. Da das Bekenntnis zu unvoreingenommener
Forschung uns verbietet, uns aus Furcht vor Konsequenzen einer
Realität zu verschließen, dürfen wir nicht zurückweichen, auch
wenn auf dem Horizont hohler Nihilismus auftaucht. So müssen
wir die Entwicklung als das ansehen , als was sie sich immer
wieder bietet, als unablässiges Auf und Nieder, dessen Anfang
so unsichtbar ist wie das Ende. Wir können nur einzugreifen
versuchen, indem wir durch uns selbst und mit dem Einsatz
unserer schöpferischen Kräfte den einen Vorgang fördern, den
andern hemmen.
Die Fragen, denen wir jetzt gegenüberstehen, erfordern
in erster Linie zur Ergänzung des im Abschnitt "Zur Psychologie
der Tötung" Gesagten einen unschematischen und möglichst
vorurteilslosen tfückblick auf die Beziehung des kenschen
zum Tier. Die Geschichte dieser Beziehung würde ich in drei
Hauptabschnitte einteilen, die durch das Vorwiegen je eines
79a
Der Wolf wird mit dem Lamm wohnen, der
Tiger mit dem Zicklein lagern, das Kalb, der junge
Löwe und das junge Mastvieh gehen zusammen und
ein kleines Kind führt sie. Die Kuh wird mit dem
Bären weiden, zusammen werden ihre Jungen lagern
und der Löwe wird wie das Rind Gras fressen. Ein
Säugling wird am Loch der Giftschlange spielen,
ein Kleinkind seine Hand in die Höhle der Viper
stecken. Auf meinem ganzen heiligen Berge wird
man nicht böse handeln noch zerstören, denn die
Erde wird des Wissens Gottes voll sein wie das
Wasser das Meer erfüllt.
//
Jesaja 5s,6-9
80
Inhalts oder je einer Qualität dieser Beziehung charakterisiert
sind: a) Relativ friedliches Zusammenleben, b) Jagd, c) Krieg
gegen die Konkurrenten,
vir müssen den Versuch eines kurzen Überblicks mit der
zweiten Ära beginnen, weil es die Jagd ist, durch deren künst-
lerische Reflexe und direkte Darstellungen das Dunkel unserer
Vergangenheit die erste starke Aufhellung erfährt und durch die
das Bild als Dokument zugleich zum Vorläufer der Schrift wird,
JJie Kulturen des jungem Paläolithikums in Westeuropa und ihre
nordafrikanischen Ausläufer geben im Anschluß an eine Serie bild-
hauerischer Ausdrücke, in denen das Tier noch selten in Erschei-
nung tritt und das Weib als Thema der Interessen des Mannes
vorherrscht, durch Malereien in Höhlen und an Felswänden
beredten Einblick in die Erlebnisse und Wünsche des Jägers.
Diese Gemälde waren es, die zu der bereits erklärten Fehlbeurtei-
lung als Dokumentation des gesamten Paläolithikums führten,
nicht allein seiner spätem Epochen. Im Hinblick auf diese
Hauptwerke der steinzeitlichen Malerei, die im vorigen Jahr-
hundert bekannt wurden, war es allzu leicht, den Menschen als
ursprünglichen Karnivoren zu deuten, wenn man nicht in Betracht
zog, daß diese Malereien eine anthropologische Spätzeit reprä-
sentieren.
Der früher dargestellte Abstieg der vorzeitlichen Men-
schen von den Bäumen hinterließ in ihren Nachfahren die Vor-
stellung vom einstigen Leben als Erinnerung an ein verlorenes
Paradies und eine in tieferen Schichten der Seele fortlebende
Sehnsucht. Ein Widerstand gegen jenen, schon im späten Diluvium
offenbar restlos verallgemeinerten Umschwung läßt sich dement-
sprechend in zahllosen Ausdrucksformen der Legende, der Kunst
und der Literatur sowie in einzelnen Zügen der Religionen
nachweisen. Ein Empfinden für das dem Menschen nicht Gemäße
einer jagenden, tötenden und zerfleischenden Lebensweise
spiegelt sich wohl in manchen religiösen Einschränkungen,
doch noch mehr in einer erstaunlichen psychologischen Opposi-
tion, in Kundgebungen inniger Vertrautheit mit dem Tier.
Obwohl die Annahme von der Nützlichkeit, ja ünentbehrlichkeit
der Pleiscinahrung die Majorität derart beherrscht, daß nur
eine kleine Minorität zur friihpcsfpn tök.
_ zui iruhesten Lebensweise zurückgekehrt
ist, und ohne zu wissen, daß es eine Rückkehr war, hat es
81
auch in der Philosophie und insbesondere in der Ethik und
im Leben mancher bedeutenden Menschen alter und neuerer Zeiten
an mehr oder minder bewußtem Verständnis für das Gesetz unserer
Art nicht gefehlt. Dennoch, trotz allen Gegenkräften, sind
Jagd und Eleischnahrung vorherrschende Züge der letzten
100.000 Jahre geblieben.
Der v/unsch, sich vom Tier zu nähren, hat zwar im Laufe der
Zeit noch v/eitere Ausartung erwiesen, indem die Jagd unter
Vorantritt der oberen Klassen noci^viel tiefer gesunken und
zu einem Sport geworden ist, wie auch die Fischerei mit ihrem
gruseligen Zubehör nicht unter innerem Widerstand betrieben,
sondern wegen ihrer angeblich beruhigenden Wirkung empfohlen
wird. Die Verheerung, die durch die jagende Verfolgung unter
der Tierwelt unaufhörlich angerichtet wird, ist jedoch trotz
ihrer zuweilen schier unglaublichen Massenhaf tigkeit und trotz
der das Töten so schäbig erleichternden modernen Technik
eher primitiv zu nennen, wenn man sie mit den Tötungsprogrammen
und der Tötungstechnik vergleicht, die erst in der dritten
Periode der Mensch-Tier-Beziehung eingesetzt haben. '.Venn wir in
diesem Zusammenhang von der früher aufgedeckten psychologischen
Tötungstendenz absehen, fällt die mehr oder weniger auch offi-
ziell adoptierte Motivierung auf, daß eine Reihe von Insekten
in die »Sphäre unserer Landwirtschaft eingedrungen sind und
uns wirtschaftlich geschädigt haben. Es ist also ein Konkur-
renzverhältnis, das ihnen unverhüllt zum Vorwurf gemacht wird.
Wir übersehen dabei zunächst, daß es im Grunde um einen genau
umgekehrten Sachverhalt geht, weil ja wir um viele Millionen
Jahre später auf diesem Planeten aufgetaucht sind als die
meisten Insektenarten, und später auch als die von uns ver-
folgten Fische und Säugetiere« Bei näherer Untersuchung stellt
sich aber oft genug die Beschuldigung als ausgesprochen falsch
heraus, und auch in dieser Hinsicht verdanken wir Rachel
Carson bedeutungsvolle objektive Richtigstellungen. Es muß
übrigens auffallen, daß die ganz auf freie Konkurrenz gestellte
Gesellschaft noch nirgends so ohne eine Spur von Menschlichkeit
verfahren ist wie gegen die der Konkurrenz Bezichtigten; auch
wenn es in Wirklichkeit zuweilen nicht mehr als Belästigung
ist, die doch unter Menschen nie mit dem Tode bestraft wird,
jedenfalls nicht mit Massenvertilgung. Da die Chemie auch
82
gegen Pflanzen Vernichtungskriege führt, u.zw. sowohl mit den
neuerdings vorgezogenen selektiven Giften, die bestimmte Pflan-
zen umbringen, als auch mit denjenigen herbiziggn^Gggueln, die
alles pflanzliche Leben wailos zerstören, auch" dxej ernlgen^ die
das Erdreich erhalten und Erosion verhindern, wird die Vegeta-
tion in die ideologischen Attacken der schonungslosen Selbst-
sucht und in die auf Konkurrenz gegründeten Anklagen einbe-
zogen. Das einzig Überzeugende, das von der gesamten Natur-
feindschaft nach einiger Prüfung ihrer Argumentation übrig
bleibt, ist das Programm gigantischer und immer noch größerer
Profite, das die künstliche Anfachung einer chemischen Hysterie
braucht, um höchst notwendig zu erscheinen, das also ein all-
gemeines Gefühl des Angegriffenseins und des Notstandes er-
zeugen und so zur allgemeinen Bereitschaft führen soll, den
Krieg auf möglichst viel von allem Lebenden auszudehnen und
für das eigene Interesse auch das eigenste zu riskieren,
nämlich den Portbestand unserer Art in einer lebendigen,
lebensfähigen und lebenspendenden Naturumgebung,
In tiefste Entartung ist der homo sapiens auch im Norden
der Erde verfallen, in Aktionen, die offizieller Euphemismus
als Jagd bezeichnet, die mit dieser aber nur Tötung zwecks
Beraubung gemeinsam haben, jedoch nicht den zahlenmäßigen Um-
fang noch die ethische Abgründigkeit. Alljährlich im März
bedecken sich die riesigen Eisflächen der Nord- und Nordost-
küsten Nordamerikas fast auf einmal mit vielen Scharen neuge-
borener Seehunde. Pür diese Tierchen mit ihren großen Augen
fühlt der Normalmensch unv/illkürlich Sympathie und es ent-
spricht eher seinem natürlichen Wunsch, sich dieser unschul-
digen, lieblichen und wehrlosen Wesen anzunehmen. Aber bevor sie
sich noch in dieser Welt umsehen können, kommen auf Schiffen und
von der Landseite viele Zweibeinige, und die Luft ist voller
Plugzeuge und Hubschrauber, und Knüttel und Keulen gehen über
die Köpfchen der Seehundekinder nieder und sie v/erden aufge-
schlitzt und geschunden. An der Mündung des St. Lorenz Stromes
dürfen gesetzlich "nur" 50.000 neugeborene Pelze davonge schleppt
werden, die der Erwachsenen sind ganz ungeschützt; dann geht
an die neuf undländische Küste und weiter, wo es auch für das
Niede^metzelnjnid Häuten der Neugeborenen keine Beschränkung
gibt. ^w^mtMKKk dauerte die Arbeit an den 50.000 nur 3
läge, jp@p etwas länger. Die Proteste mehren sich, obwohl
83 I
sää die Presse sich mehr als flau benimmt. Doch wird der Mei-
nungsaustausch auf ein Nebengeleise abgeschobeil, von der I
himmelschreienden Tatsache selbst zu den Fragen des Grades
der Grausamkeit. Als ob, wenn man sicher sein könnte, daß
die Tierchen von den Keulenhieben wirklich schon tot sind, k '
bevor sie aufgeschlitzt werden, bereits alles in Ordnung
wäre, Von der so grob gefälschten Thematik der Fragestellung
läßt man sich über die Ungeheuerlichkeit ohne weitere Einwände
hinwegtäuschen, lie in Auschwitz und in den andern Todeslagern, I
gab es anfangs auch unter den Schlächtern des hohen Nordens
diverse Meinungen über die zweckmäßigste Methode, Auf dem I
Eise arbeitete man erst wild mit Fußtritten, mit Aufspießen,
mit raschem Häuten, mit Ertränken; das Sterben dieser Lungen-
atmer des Meeres soll aber 20 Minuten dauern, und Zeit ist I
Geld, Ein weißer Pelz bringt 8 Dollar. Neben andern offiziellen
Motivierungen war das charakteristische Argument zu hören,
die Seehunde würden, wenn man sie alle am Leben ließe, zu viel
Fische fressen; was aber keineswegs Besorgnis um die Fische istf'l
sondern um die Erträge der Fischerei. So daß es offenbar die
Konkurrenz ist, die auch hier beim Verlust der Identität des
Menschen mit spieltxl 2). Immerhin kamen Vorschriften heraus,
12) Ich konnte allerdings nicht ermitteln, ob Menschen und
Seehundft sich tatsächlich von denselben Fischarten nähren,
gegen das Lebendschinden, und über eine gewisse Länge und
Härte der Keulen, und 4-8 amtliche Aufseher sollen sHrs? ZehntauescE
sende von Behandlungen der Säuglinge und d^nrx w ifwa< «Vi mm mmh-
ihrer Eltern und Geschwister überwachen und für die Einhaltung
der Hegeln sorgen 13 )•
13) Qualifizierende Ausdrücke würden da nicht viel weniger
versagen als gegenüber Auschwitz. Können offene Augen umhin,
den Zusammenhang zu sehen? - Der Leser sei auf eine ATcucrSfyj.
ccriftcinung aufmerksam gemacht, Peter Lust, The Last Seal Pup^'
Harvest House, Montreal 1967. Der Autor ist sicher, daß diese
Praxis in wenigen Jahren zum Aussterben der Art führen muß.
Auch wo der Vernichtungsfeldzug gegen das Tier sich in
kleinerem Maßstab vollzieht, können die Tatsachen oft nicht i|
mehr diskutiert v/erden, ohne daß die Frage von Sein oder
Nichtsein ganzer Arten zum Thema wird. In einer Press ephotogr
graphie sind 31 an einen Baum gehängte Wölfe mit 4 Fallen- |
stellern zu sehen, und der kommentierende Text bringt Mei-
nungen für und wider großangelegte Ausrottungspläne, Wölfe
können gewiß nie unsere Lieblinge werden, aber ihre Qualen
in der Falle* ddas Verdursten, Verhungern und Erfrieren noch
84
vor der Tötung sind ihnen dersrt anzusehen, daß sie
unversehens an menschliche Märtyrer erinnern, die solches
von menschlichem Intellekt und Menschenhänden erlitten
haben.
Es wäre vielleicht am Platze, dem Leser wenig bekannte
Tatsachen in Erinnerung zujruf en oder von unbekannten zu
berichten; z.B. weiß der Außenstehende herzlich wenig
über die normale Laboratoriumspraxis. Doch betrachte ich
es nicht als mein Ziel, die Greuel an sich zu bekämpfen,
weil das vom Menschen aus gesehen nur eine Art Palliativ-
behandlung wäre. Das Ziel ist ein Beitrag zur Rettung des
Menschen aus seinen gegenwärtigen Nöten und darüber hinaus
ein Versuch, unsere eigentliche Natur zu rekonstruieren.
Erst dann wird unsere gesunde Beziehung zur Natur als Kern
der Rekonstruktion unser selbst wieder lebendig werden.
Der Kampf gegen das Tier als Konkurrenten, neben dem
der alte Kampf um das Tier als Nährstoff zwar fortgesetzt
wird, wenn auch nicht ohne schmerzlich beklagte Schädigungen
durch das neue Programm, hat ssäs. seinerseits Vorläufer im Tier»
reich. Das direkte Erjagen und Zerfleischen der Beute ist
wohl der übliche, aber nicht der einzige Weg. Manche jagen
andern Räubern die Beute ab, entreißen sie ihnen, beteiligen
sich gewaltsam am Verschlingen, üb es so etwas wie ein Besitz*:
tum, geschweige denn ein Eigentumsrecht, gibt oder nicht,
tritt die Konkurrenz in Kraft, wo immer eine Möglichkeit
erspäht wirdx ±£14-). In der durch keinen Vertrag einge-
igt-) «Tie uralt und wie allgemein diese Erfahrung ist, in
welchem Maße sie also die Auffassung vom Instinkt als
Erfahrung der Art zu bekräftigen geeignet ist, können
wir selbst noch am Verhalten von Haustieren beobachten,
die auch dann, wenn ihnen ihr Bissen von niemandem strei-
tig gemacht wird, sich mit diesem zumeist irgendwohin
zurückziehen, wenn auch nur wenige Schritte abseits.
schränkten, also völlig freien Konkurrenz kann nur der
Stärkere siegen, um dann dem noch Stärkeren zum Opfer zu
fallen. Außer solchen Schlachten zwischen Individuen gibt es
im Tierreich Kriege großen Maßstabs zwischen Staaten, wie
zwischen Insektennationen, um Land oder ganze Länder, und
für eine der konkurrierenden Nationen ist der Ausgang in
der Regel vernichtend.
Von ihnen ist hingegen ein Eigenlob wie daß sie die
höchste Rasse und die Krone der Schöpfung seien, bisher nicht
bekannt geworden, Alle handeln einfach nach dem Gesetz ihrer
Art, darin vom Menschen verschieden, der den höchsten Platz in
der Rangordnung der Kreaturen von jeher für sich in Anspruch
nimmt, tfenn wir unserer Spezies diese Stellung lassen sollen,
85
müssen wir allerdings auf dem alten Grundsatz noblesse
oblige "bestehen und uns gegn die Inkonsequenz und die
doppelzüngige Moral verwahren, die das Privileg des Niedrigsten
zugleich mit dem des Höchsten besitzen und ausüben will.
Wir können nicht die Arten imitieren, die wir für tief inferior
zu erklären pflegen, und uns gleichzeitig über alle Geschöpfe
stellen, um, von zwei einander vervielfachenden Egoismen,
einem materiellen und einem geistigen, angetrieben, verviel-
fachten Gewinn einzuheimsen. S¥ir dürfen mit Tieren tierisch
oder mit Göttern göttlich sein, wenn damit Qualitäten definiert
sein sollen; aber unser Hecht dürfen wir nicht je nach Bedarf
in beiden Richtungen drehen.
Da unser in der Tat unrühmlicher Dualismus uns verwehrt,
uns unseres Lebens zu freuen und als Selbstvergeltung des
Tuns im indischen Sinne (S. ) uns zu zerstören droht, suchen
wir einen logischen und sicheren Ausweg, Wir können ihn finden,
vtfir müssen uns nur auf uns selbst besinnen, auf unsere fried-
liche, freundliche und kraftvolle Natur, zu der wir noch
zurückkehren künnen.
Das muß keineswegs Rückfall in die Primitivität bedeuten.
Es war der Schatten einer solchen Konsequenz, der die licht-
vollen Ideen Jean Jacques Rousseaus nicht zu konkreten Weg-
weisern der Menschheit werden ließ. Um aus dieser Krise
unserer Essenz und unserer Existenz hinaus zugelangen, müssen
wir uns nur ein uns adäquates Leben aufbauen. Der Wegweiser
zu einem solchen kann nur eine unserer unverfälschten Natur
gemäße Ethik sein. Der afrikanische Elefant hat die seiner
Art entsprechende Gesellschaft, Denkung sweise und Lebensweise;
warum sollte es uns unmöglich sein, das analoge Gut zu erlangst
gen ? Auf das allmenschliche und interanimalische Recht auf
direkte Notwehr haben wir weder in unserer Urzeit verzichtet
noch brauchen wir ihm künftig zu entsagen. Wir dürfen unsere
Selbstwehr nur nicht drastisfah überschreiten und aus der Über-
schreitung die herrschenden Systeme errichten, wenn wir uns
selbst treu sein und glücklich v/erden wollen.
Es widerspricht nicht dem Prinzip der Notwehr , wenn
einsichtige Naturforscher uns nahelegen, eine in der Natur
vorgesehene Methode anzunehmen, indem wir verschiedene
Arten ge^h einander ausspielen. Offenbar ist es in der
86
durch jahrmillionenlanges Wirken mit einander und gegen einander
gestalteten vVeltordnung festgelegt, daß die vielen Gruppen,
die sich gegnseitig dulden oder verdrängen, berauben und
fressen, auch zu Regulatoren der ihnen gegenüberstehenden
Bevölkerungen werden, sie eindämmen und ihre Explosion ver-
hindern. In der letzten Zeit fest mehren sich seltsame Mach-
richten über kollektive Selbstmorde im Tierreich^?), die
15) Aus den antiken Literaturen ist mir nur ein Beitrag
zu diesem Problem erinnerlich, die Geschichte vom Selbst-
mord der Schweineherdt in Matth. 8, 28-32. Dort wird das
Vorkommnis Dämonen zugeschrieben, die aus zwei besessenen
i.-ännern in die Herde gefahren sind.
vielleicht auf unser 3hm zurückgehen. Mag sein, daß jene Bevölteä
kerungen aus Nahrungsmangel zur Selbst Zerstörung gezwungen
sind, da infolge unserer unmenschlichen Einmischung die Feinde
fehlen, die sie in Schach hielten und vor einem die gegebenen
Ernährungsmöglichkeiten übersteigenden Zuwachs schützten.
Daß das System des gegenseitigen Schutzes vor Übervölkerung
da und dort zusammenbricht, scheint sein Vorhandensein und
seinen Sinn vom Negativen her zu bestätigen.
Die uns vorliegenden Empfehlungen, deren Nützlichkeit
durch überraschend einhellige Berichte bereits bewiesen ist,
würden sich in das Rahmenwerk organischen Lebens und Sterbens
einfügen. Sie meinen das üusf indigmachen und Herbeiholen
von Arten, die sich von den uns gefährlich gewordenen nähren.
Auch Pflanzen können diese Solle des natürlichen Feindes
übernehmen 16). Biologische Eingriffe solcher Art sind auch
16)Einem von Rachel Carson zitierten Beispiel aus Holland
zufolge waren es Dotterblumen, die, in ein vonFadenwürmern
Nematodes ; angegriffenes Rosenbeet gepflanzt, diesen Wür-
mern die Lebensbedingungen entzogen und so die Rosen auf-
olunen machten.
Kriegshandlungen, aber weder naturwidrig wie die chemische
Kriegsführung noch auch mit deren sinnlos in alle Windrichtun-
gen rasenden Massenmorden vergleichbar. Sie sind örtlich genau
begrenzbar und begrenzt und auf bestimmte Objekte gerichtet,
also ein relativ erträglicher Tribut an einen gemäßigten Ego-
ismus, ein Kompromiß, ein Mittelding zwischen der Praxis von
heute und dem erstrebenswerten Verhalten.
Es gibt noch andere Methoden der Notwehr. Guter Wille
87
und kompetente Forschung können noch viele erfinden, eine
gründliche Revision unserer bejammernswerten Auffassung von ferira
Natur und von unserer Rolle in ihr vorausgesetzt. Die längst
erprobten populären Techniken sollten nicht vergessen werden.
Als das einfachste Mittel, um das den Menschen direkt belästi-
gende, in seine Haut, Kleidung und Behausung eindringende
parasitäre Insekt abzuhalten, hat von jeher Reinlichkeit
gegolten. Wenn wir von diesem unserer Würde wahrhaft unschädli^fej
chen Mittel vollen Gebrauch machen, brauchen wir uns weder
zum Mord herabzuwürdigen noch unsere gegenwärtige und künftige
Gesundheit und Lebensfähigkeit zu riskieren. Auch das Prinzip
der zur Abhaltung bestimmten Fliegennetze in den Fenstern,
die uns und den Fliegen den Kampf ersparen, ist v/eiteren Aus-
baues fähig. Ich glaube dem unvoreingenommenen Leser aus
eigener Erfahrung versichern zu sollen, daß es durchaus mög-
lich ist, zu leben ohne je zu töten oder aus irgend einer
Tötung Nutzen zu ziehen.
Auf diesem Abschnitt unseres Weges stehen wir schon einem
höhern, auch praktisch für uns ungemein belangvollen Prinzip
geg*hüberf der Symbiose. Als eines der hohen Prinzipien können
wir sie allerdings nur dann bezeichnen, wenn wir einige der
nach manchen Autoren dazugehörigen Beziehungen zwischen Tieren
oder zwischen Pflanzen oder zwischen Organismen beider Kategos?±s
rien aus diesem Begriff ausschließen, etwa den Parasitismus
in allen seinen Formen wie auch jedes antipathetische Verhält-
nis zwischen den Partnern. Als ein solches betrachten wir
etwa die Beziehung des Bauern zu "seinem" Vieh, und ooinon Go
troidobau, ferner das Halten und "Melken" von Blattläusen
durch Ameisen wie auch deren Pilzzucht und die der Termiten.
Die eigentlich symbiotische Beziehung ist ohne Tyrannei,. noch ist!
-es- Sklaverei. Wenn ganz kleine Fische großen zwischen ihren
Zähnen die Speisereste wegfressen, was von den großen gern
geduldet wird, da es zu gegenseitigem Nutzen geschieht, oder 2
Insekten durch ihre Nahrungsaufnahme die Fortpflanzung von
Blütenpflanzen besorgen, sind beide Partner frei und begehen
keine einseitige Ausbeutung. Doch ohne eine solche oder selbst
mit dieser stehen dem erfinderischen Menschen zahllose, auch
noch ungeahnte Wege symbiotischer Ausgestaltung seiner Rolle
in der Natur offen. Auf solchen Wegen mag unserer Existenz
88
immense Verbesserung und Bereicherung ohne Krieg gegen die Mit-
bewohner der Erde erreichbar sein, wenn wir von unserer Seelen-
kraft und unserem Verstand Gebrauch machen werden, um droiATUA.
Voraus Setzungen zu erfüllen:
a) Unsere falsche und für alle Beteiligten fatale Beziehung
zur Hatur von Grund auf zu revidieren;
b) unsere Auffassung vom Tier zu entgiften;
c) jeden Kampf nach gründlicher Prüfung seiner Unerläßlichkeit
auf wirkliche Hotwehr zu beschränken;
d) das mögliche Maximum an Symbiosen aufzubauen, auch mit
solchen großen und kleinen Arten, die wir bisher nur tödlich
verfolgen zu sollen glaubten.
. 1t der letzteren Serie wäre eine machtvoll produktive
Kettenreaktion eröffnet. Zu den ersten Gliedern der Kette würde
die Lösung des Problems der Geg^nschläge des Tierreiches gehören,
die jetzt so viel Kopfzerbrechen verursacht. Das Ende dieser Ent-
wicklung und ihre Höhen sind nicht abzusehen, weil uns das unserem
Stamm entfremdete Leben für viele Möglichkeiten blind gemacht
hat. In Feindseligkeit, Ausbeutungs sucht, Engherzigkeit, Habgier
und Angst befangen, können wir uns eine ganz weit gespannte Freund-
schaft mit der Tierwelt nicht vorstellen. Einzelne Beispiele,
wie freundliches Zusammenleben von Menschen mit Tigern und Wölfen,
vermögen uns infolge unserer noch ungelösten Befangenheit nicht
zu überzeugen, auch wenn wir an der Tatsächlichkeit der Berichte
und Bilder nicht zweifeln. Und der unumstößliche Umstand, daß uns
seit prähistorischen und protohistorischen Zeiten Domestizierungen
in größtem Maßstab gelungen sind, deren halb und halb rekonstru-
ierbare Vorgeschichte wie eine Legende oder eine nicht auf Glaub-
haftigkeit berechnete Sage klingen würde, lädt unsere Phantasie
nicht ein, weitere Konsequenzen zu ziehen, weil wir in unserer
Verstocktheit so erstarrt sind. Pferde und .Rinder sind zwar ur-
sprünglich friedlich, aber wie weitgehend der Mensch die Hunde
und Katzen verändert hat, zeigen ihre Verwandten, die der Inbegriff
reißenden Getiers sind. Vom Frieden auf Erden haben wir Alle in
der oder jener Form gehört, aber es ist uns bequemer, nämlich kon-
fliktloser, solche Ideen messianischen Schwärmern zu überlassen.
Doch eben darum, weil wir uns heute in solchen Abgründen des
Fühlens und Handelns befinden, dürfen wir vielleicht zu hoffen
wagen, daß es mit uns nicht noch weiter abwärts gehen wird,
89
oder wir dürfen glauben, daß es nicht so weiter gehen muß. _
Für jede weiter Fortbildung unserer Wünsche und Ideen ist
die Zeit noch nicht gekommen; leider ist es sogar unsicher, oh
sie jemals kommen wird. Für Ideen jenseits der bisher erörterten
können wir nur ein einziges Hecht in Anspruch nehmen, das fiecht
auf Traum und Utopie, das jedem zusteht, der denkend sich seinem
Gewissen verantwortlich weiß. Umso mehr, wenn die Verantwortung
nicht allein dem eigenen Gewissen verbindet, sondern einer groß«
Gemeinschaft des Lebens, wie sie einmal gewesen sein und durch
Einsicht, liebe, Mut und Ausdauer wieder auferstehen konnte.
90
III
WBMmwmm Menschheit
Eine Kurzgeschichte
Der Apparat, der die vor fast hundert Jahren Eingefrorenen
zu überwachen und sowohl jeden lall endgiltigen Erlöschens
als auch jede Eegung der erstarrten Nerven zu melden hatte,
schien letztens außerstande, die eigenen Schwächen und Schwie-
rigkeiten mit der alten Genauigkeit zu registrieren. Ein Todes-
fall war ihm entgangen. Während. Auf sieht sapparat e , oder mit
ihnen verbundene Personen, einander unbekannt und für niemanden
auffindbar, über die Präge einer umfassenden Untersuchung oder
den Ersatz des gesamten Systems durch ein neues verhandelten,
meldete die Apperzeptionszentrale, die offenbar einen schlagen-
den Beweis für ihre ungeminderte Verläßlichkeit erbringen wollte,
eine neue Lebensregung, Die erste automatische Bestrahlung be-
stätigte zwar den Befund, brachte aber noch keinen deutlichen
Fortschritt. So wendete die Zentrale die zweite und dritte
regenerative Behandlung und die Anfangsdosis von Energiezufuhr
an, die nach der üblichen Pause zu neuem Einsetzen des Bewußt-
seins führte. Der Wiederbelebte sah und hörte noch nicht, hatte
aber eine Empfindung des eigenen Daseins, ein Gefühl seiner Kör-
perlichkeit und die normalen Schmerzempfindungen, die zugleich
mit der Wiederkehr enden Atmung aufzutreten pflegen. Mail beseitigt
sie nicht, weil sie für das weitere Erwachen förderlich sind.
Nun machte er einen verfrühten Versuch zu sprechen, da er ja
nicht wissen konnte, wie überflüssig das für die Verständigung
geworden war.
Der unsichtbare Partner, ob er nun eine Verbindung von
Stoffen und unpersönlichen Energien war oder gar ein aus natür-
lichen Geweben bestehendes Gehirn, war sofort ein Teil der
neuen Besinnung und Wahrnehmung, antwortete und stellte Fragen.
Ob zwar Stimmen nicht zu hören waren, wurde das Gespräch nach
und nach genügend deutlich.
"Wo bin ich?8' hatten auch seine meisten Vorgänger in der
selben Lage gefragt, noch bevor ein Ich sich selbst einigermaßen
wahrgenommen hatte. Es war ein Unbehagen, eine Unsicherheit,
in einzelnen Fällen Angst.
"In Sicherheit. Man sorgt für dich." Diese Antwort war
reichlich ungenau, indem sie auf die Sache der ürtlichkeit
91
gar nicht einging, doch schien sie wohldurchdadt ,da sie Vertrauen
erweckte und das weitere Interesse anregte,
"luan? wer? Habe ich geschlafen? Bin ich krank? Wie lange
bin ich schon - "
mehrere fragen zugleich waren nicht ungewöhnlich, Sie
zeigten vor allein, daß die Erinnerung wiederkehrte und daß die
Beschleunigung ihrer Wiederherstellung zu erwarten war. Es war
so auch leichter, die erste, die unbequeme Präge zu überhören
und nur auf die andern zu erwidern.
"Du hast geschlafen, lang geschlafen. Du bist vom langen
Schlaf geschwächt, wir flößen dir neue Kraft ein. Fühlst du sie?"
"0 ja. Ich danke dir. Wer bist du?"
"Das kannst du noch nicht verstehen. Aber du wirst mit mir
reden können, sooft du willst."
"Gut. Aber wo ist denn - wie heißt sie doch? Wo sind j&exheds
meine -? Könnte ich nicht wieder aufstehen?"
"Ja, aber nicht sofort. Sobald du kräftiger wirst."
"wissen sie, daß ich hier bin? Was machen sie?"
"Vieles hat sich geändert. Die Xeute von damals sind nicht
mehr da, "
"0 weh!" Es war die erste am andern Ende auch akustisch
wahrnehmbare "Äußerung, Sie glich einem Stöhnen: "Warum sind
sie nicht mehr da?"
"Wegen der langen Zeit. Auch ist es gut, daß sie nicht
mehr da sind,"
".jeh mir! Wie kann es dich freuen, daß sie nicht mehr
da sind?"
"Die guten Zeiten sind vorüber. Damals war für Jeden Platz,
jeder konnte essen wie viel er wollte und tun was er wollte."
"Ich weiß nicht mehr genau, was Jeder wollte."
" Männer und Frauen waren beisammen und alles war erlaubt
und sie hatten Kinder, viele, viele Kinder, und die Kinder hatten
noch mehr Kinder,"
"Konnten sie keinen Platz finden?"
"Das eben ist es."
"Auch nicht auf andern - ?"
"Auf andern Planeten? Das ging bis heute nicht."
"Sie haben .ja schon damals versucht, wir haben experimen-
tiert, o ich bin ja selbst -"
"Weißt du es schonV "
92
Für eine Weile war keine Antwort vernehmbar , als ob der
Befragte von einem innern Vorgang ganz in Anspruch genommen
wäre, so daß er erst nach einer Pause reagierte.
"Ob ich schon weiß? Ja. Aber ich habe solche Schmerzen.
Ich glaube, daß ich einmal auf alles verzichtet habe, um
Eutzen zu bringen. !!
"Das tust du. Du wirst jetzt untersucht."
"Wer untersucht mich denn?"
"Strahlen untersuchen dich. Es geht gut. Du hilfst uns,
Platz zu finden."
"Nun weiß ich alles wieder. Ihr macht es gewiß besser.
Ihr sucht in weiter Ferne Platz. Ihr wollt die Heise überleben.
Nun sage mir doch, wie sind die Menschen von heute? Wann werde
ich sie sehen?"
"Du wirst nicht viele sehen können."
"Du sagst doch, daß es viel zu Yiele gibt."
"Eben darum."
"Geht es ihnen schlecht? Hungern sie, sind sie krank?
Finden sie Hilfe?"
"Hilfe? Das gab es in deinen Zeiten. Für Jeden war Platz
und Futter genug. Man freute sich, wenn Leute lang lebten
und wenn sie Kinder hatten. Heute muß man Platz schaffen."
"Durch Krieg?"
"Das will keiner mehr, denn dann müßten Alle umkommen.
Heute will jeder selber übrig bleiben und die Andern -"
"Beseitigen? 0 ihr Armen, was habt ihr aus dem Leben
gemacht ! "
"Was das Leben aus uns gemacht hat. Ich kann es dich zwar
nicht sehen lassen, aber du wirst gleich etwas hören."
Ein betäubendes Stimmengewirr folgte. Menschliche und
tierische Schreie waren mit fiöcheln, Drohen und Jammern
vermischt, dann schien ein Gerüst oder ein Gebäude einzu-
stürzen. Mit einer Menge kreischender Stimmen war Getöse wie
von Maschinen zu hören. Plötzlich schwieg der ganze Spuk.
Angst und Schaudern erdrückten die erwachenden Erinnerun-
gen an sein altes Heldentum, das ihn dazu gebracht hatte, aus
einer bessern Welt zu scheiden und eine solche zu erleben. Nun
war der Unbekannte wieder da:
"Sei zuversichtlich. Du stehst unter dem Schutz einer
mächtigen Gruppe." 93
"Werdet ihr mich schützen müssen, damit nicht auch ich -?**
"Wir haben dein Verdienst anerkannt, wir werden dich
schützen wie jeder sich selbst schützt und wie wir einander
schützen. "
"Wollt ihr mich verstecken?"
"Das würde nicht genügen, denn bald würden sie dich finden.
Wir machen dich unsichtbar."
"Ist das möglich?"
"Du bist ja schon unsichtbar."
"Vielleicht auch unhörbar?"
"Sicherlich, so'fet würde ja deine Unsichtbarkeit nichts
nützen." . ,
"Vielleicht. Aber ich brauche dich nicht zu sehen, denn
wir sind in untrennbarer Verbindung für die ganze garantierte
Lebenszeit. "
"Für wie lange ist das Leben garantiert?"
"Für kürzere Zeit als damals dein uligarantiertes Leben
gedauert hat. Deine Zeit wird demnächst errechnet."
"Wie v/ird denn die Zeit berechnet?"
"Auf Grund des Hutzens und auf Grund von Verträgen, an
die wir gebunden sind."
"Es gibt also noch Verträge?" Der alte Neuankömmling hätte s
eine solche Kritik aber lieber zurückgezogen. Da die andere Seite
sein Unbehagen merkte, bekam er eine sofort beruhigende Antwort:
"Gewiß. Sonst ginge es ja auch uns wie den Fressern, die
immer um Platz kämpfen und ihn nie erobern."
"Du bist wohl ein Arzt. Bist du da nicht genügend geschützt?"
"Gut, daß dich niemand hören kann. Wenn ich Arzt bin, darf
es keiner wissen. Ärzte werden scharf gesucht und radikal besei-
tigt. Auch Pflegerinnen. Alle, die beschuldigt v/erden, das Leben
der Fresser zu verlängern und Plätze besetzt zu halten. Man
bleibt so unsichtbar und unhörbar wie möglich."
"Werde ich bald aufstehen können?"
"Ja. Dein Platz und alle Schutzmaßnahmen werden vorbereitet.
Für's erste bist du genügend informiert. Hast du besondere
Dünsche?"
"Ich habe noch keinen Appetit. Aber sobald er sich
9*4- M
einstellt?"
"Du hast keinen Appetit, weil du dauernde Energiezufuhr
hast. Du wirst sie weiter bekommen. Zu essen brauchst du nicht
yüe ich dir sagte, sorgt man für dich."
"Vielen Dank. Aber mein Leben braucht ihr nicht zu garan-
tieren. "
"Warum nicht?"
"Ich ziehe es vor, Platz zu machen."
Gegen ein tödliches Gedränge
Die üblich gewordene Bezeichnung "Explosion" ist insofern
unrichtig und sogar irreführend, als wir unter einer solchen
einen rapiden Vorgang der Entladung zusammengedrängter Energien
und der Hervorschleuderung, bzhw. räumlichen Ausbreitung von
Materie verstehen. Aber die Multiplikation der Bevölkerung,
für sie selbst eine der schwersten verstellbaren Gefahren,
nicht viel geringer als die des Atomkrieges, ist ein schritt-
weise vor sich gehender, tief in die Vergangenheit zurückrei-
chender Prozeß, der, wenn er ungehindert v/eitergeht, erst in
Jahrzehnten seinen Höhepunkt und seine mörderische Selbstauf-
hebung erreichen wird. Die Folgen, bzhw. Begleiterscheinungen,
werden nach und nach eintreten, und zu einem gewissen Teile
sind sie bereits da, ohne daß wir sie als solche erkennen
und in der Vielheit ihrer Ursachen die eigentlich entscheidende
entdecken, weil wir immer schwerer erträgliche Übel unserer
Zeit auf andere Paktoren zurückzuführen pflegen. Wie z.B. den
nach einem vorübergehenden Abstieg weiter ansteigenden Haß von
menschen gegen Menschen, dessen verschiedenartige Namen und
Motivierungen uns von der für uns wichtigsten ursächlichen
Herkunft ablenken.
Solche Zusammenhänge sollten uns vor einseitiger Betrachtung
der direkten und direkt sinnfälligen Polgen von allgemein bekann-
ten 'Patsachen warnen. Die von der Unesco errechneten 63 ,100. 000
jährlicher Geburten bedeuten nicht allein Mangel an Nahrung und
Wasser, an v/ohnraum und Rohstoffen sowie den Mitteln zu deren
Verarbeitung und daher auch Mangel an lebensnotwendigen Konsum-
gütern aller Kategorien, sondemauch Multiplikation anderer
Übel und Bedrohungen, auch solcher, deren Peststellung und
95
Deutung uns noch bevorstehen. Daher muß die Übervölkerung
als ein Unheil verstanden werden, das die Lösungen aller
Probleme, seiner selbst und der andern, geradezu hoffnungs-
los erschwert.
Um uns nicht zu täuschen und die Drohung realistisch zu
beurteilen, sollten wir vor allem den psychologischen Veitfalls-
prozeß in Betracht ziehen, dem eine nicht nur zahlenmäßig,
sondern auch prozentuell zunehmende Masse von Individuen
zugleich mit der Gesamtheit als solcher ausgesetzt ist;
wobei dieseDiff erenzierung einerseits die Schädigung des Einzelnen,
anderseits die Zerrüttung aller zwischenmenschlichen Beziehun-
gen meint, die das bedeutendste Plus geschaffen haben, eben
jenes, das wir bald Gesellschaft, bald Zivilisation nennen.
Die Neurosen überhaupt müssen nicht nur in einem noch nicht
feststellbaren mathematischen Verhältnis zur fortschreitenden
Verschlimmerung der Bedingungen wachsen, sondern ihrerseits
die Verschlimmerung der objektiven Bedingungen fördern und
beschleunigen. Die Neurosen der Massen sind, so paradox es
klingen mag, u.a. eine Polge der kassenhaf tigkeit der Neurosen
oder der Massenhaf tigkeit tatsächlicher und virtueller Neuro-
tiker. Schon jetzt wirkt sich diese Dynamik intensiv aus, wenn
auch zu einem großen Teil noch latent. Und die kollektive Neu-
rose überträgt sich mehr oder weniger automatis¥ft?Sur'rSiÖ(3"Eiii-
zelnen, wird zur Krankheit des Individuums. Wir wissen nicht, wie
viele Ärzte, Chirurgen, Apotheker, Polizisten, Offiziere, Richter,
Beamte, Gesetzgeber, Staatsführer und Andere, denen diemG^asä-
heit und Wohlfahrt ihrer Mitmenschen anvertraut ist, schon heute
krank sind und in welchem Maße Krankheit ihr Tun unmittelbar
und im Zusammenwirken mit andern destruktiven Paktoren bestimmt.
Wir merken es ja annähernd, wie Wenige in Situationen der Be-
drängnis, besonders wenn diese zugleich von innen und außen
kommt, die volle Rationalität ihres Handelns aufrechterhalten
können; und wie stark die Zahl derjenigen, die es können, in
unserer Generation abnimmt. Beijnäherem Zusehen und im Umkreis
unserer direkten Beobachtungsmöglichkeiten erfahren wir auf
Schritt und Tritt, daß v/irklich Gesunde immer seltener werden
und daß viele es immer schwerer haben, im menschlichen Zusam-
menleben ihre ff licht zu tun oder zumindest die Maske der
Normalität zu wahren. Es liegt auf der Hand, daß in dem drohen-
den wilden Gedränge jedem alles aus den Händen gestoßen werden
96
kann, vor allem jede Xontrolle, auch die über sich selbst, auch
die über die Atomwaffen,
Für einen Autor, der Menschen wichtiges sagen will, hat es
wenig Sinn, Zahlen zu zitieren, an deren Errechnung er keinen
Anteil hat, so daß es besser scheint, sich auf die notwendigsten
Erwähnungen zu beschränken, zumal demographische Berechnungen
seit langem vorliegen und in einigen weit verbreiteten Untersu-
chungen und in allgemein zugänglichen Machschlage werken zu finden
sind. Die letztens publizierten Schätzungen der Erdbevölkerung,
von denen so viel abhängt, gehen leider derart auseinander, daß s±
sich in den möglichen Schlußfolgerungen eine schwer überbrück-
bare Kluft ergibt. Das gereicht aber nicht den Demographen und
Statistikern zum Vorwurf, denn gerade aus den volkreichsten
Ländern, aus China und Indien, sind nur ungenaue Mitteilungen
über Volkszählungen mit nicht wider spruchslosen Zahlen über
Geburt und Tod zu erlangen; ähnlich steht es mit den Angaben
über Indonesien und über die meisten afrikanischen Länder. So
beträgt heute die Gesamtzahl der Menschen nach minimalen Berech-
nungen, bzhw. Schätzungen, 2.7 Milliarden, nach maximalen 3» 5
Milliarden. Da aber nicht nur die Bevölkerung, sondern sogar
deren Zunahme zunimmt, nützt es uns nicht viel, wenn wir, unter
dem Einfluß von Beschwichtigungshof räten und von den eigenen
wünschen geleitet, uns an das Minimum halten. Denn auch aus
dieser optimistischen Annahme resultiert für das nicht mehr
ferne Jahr 2000 der Alptraum einer Bevölkerung von annähernd
sechs Milliarden. Selbst für den Fall, daß bis dahin neue Ernäh-
rungsmöglichkeiten erschlossen werden sollten, was mit hoher Wahr-
scheinlichkeit zu erhoffen ist, besteht für jene Zeit kaum noch
eine Aussicht auf Erreichung des biologischen Minimums 17)«
17) Es ist bemerkenswert, daß bedeutende Demographen der uns
vorausgegangenen Generation, wie der Amerikaner Prof. Raymond
Pearl und seine Mitarbeiter, für die Vergangenheit genaue, aber
für die Zeit, die damals Zukunft war, ganz verfehlte Berechnung
gen anstellen konnten. Um 1630, also während des 30jährigen
Krieges, soll die Erdbevölkerung W? Millionen umfaßt haben.
Auf Grund des Zensus von 1910 sagte er den Vereinigten Staaten
für das Jahr 2100 eine Bevölkerung von 197 Millionen voraus,
aber nach dem Zensus von 194-C1 setzte er seine Voraussage auf
184- Millionen herab, die ja X960 last^chon erreicht war. Viel
schlimmer erging es ihm 1936 mit seiner Schätzung der Erdbevöl-
kerung des Jahres 2100 auf 2650 Millionen, die ja schon heute
99
Zerrüttung hin, die so lange dauern muß, bis die nach dem bittern
Ende hindrängenden Energien über die noch v/irksamen natürlichen
und sozialen Abwehrkräf te die Oberhand gewonnen haben. Auf dem
wege dahin sind in dicht bevölkerten Ländern Hungersnöte zu er-
warten, die sich mit dem bisher aufgebrachten Kraftaufwand kaum
noch bekämpfen lassen werden, vielleicht schon in 10 Jahren oder
früher. In einer solchen Lage kann es geschehen, daß die heute
noch überreichen Territorien keine Überschüsse mehr haben werden
und selbst von Hunger bedroht sein werden« Tragödien von Millionen
wie die von Bihar in Indien müßten sich dann von Land zu Land aus-
breiten, wie Epidemien, und im Verein mit anderem Unheil in die
jetzt noch wohlhabenden Länder eindringen. Zugleich ist Demorali-
sierung jeder Art überall zu gewärtigen, und diese muß in quanti-
tativ und qualitativ präzedenzloser Kriminalität zum Ausdruck
kommen, in grenzenlosem Suchern von Elend, Krankheit und Entartung;
vor allem aber in unaufhaltsamer Ausbreitung unbezähmbaren Hasses
zwischen Individuen und diversen Gruppen, hauptsächlich von solchen
Gruppen, die noch nicht da sind und erst aus dem maximalen Haß
heraus entstehen müssen. Unter solchen Umständen dürfte bald alle
Autorität aufgezehrt sein. Die größte Gefahr für die künftige
Konsistenz der Gesellschaft bilden gewiß weder Revolutionen noch
Konterrevolutionen mit bestimmten Programmen, sondern Wühlerei
und Plünderung überall, programmloser Umsturz in Serien, rasende
Wut und Gewalt ohne soziale Ziele und ohne Motivierungen. Noch
bestehende Staaten oder andere Organisationen und Machtgruppen,
die zersetzte und umgekommene Staaten beerbt haben v/erden, werden
vergeblich versuchen, die geraubte Herrschaft aufrechtzuerhalten,
denn da sie in jenem Stadium nicht mehr Nahrung uns Platz werden
schaffen können, werden die Kräfte der Anarchie alle verzweifelten
Versuche zur Wiederherstellung irgend einer Ordnung verschlingen.
Im nächsten Stadium, in dem kaum noch jemand eine bestimmte
Wohnung haben wmä oder einen bestimmten Platz einnemen wird,
werden Mord und Kannibalismus offen dahinstürmen. Massenhafte
geg^hseitige Menschen jagd wird nur scheinbare Druckabnahme und
psychologische Erleichterung bringen können, weil infolge bodenlo-
ser Demoralisierung und Verkommenheit jegliche Rückkehr zu Mensch-
lichkeit und Menschenwürde unmöglich werden muß. Die Fortsetzung
der Vision des Grauens ist kaum noch möglich, sondern nur noch
die Hoffnung, daß irgend eine gnädige Fügung, wie etwa die
100
Zerschmetterung des Planeten durch eine kosmische Katastrophe,
die Agonie seiner nicht mehr lebensfähigen Bevölkerung abkürzen
wird. Es sei denn, daß die Menschheit jetzt, solange sie noch so
vernünftig, so geordnet und so mächtig ist, sich zu ihrer Bettung
aufraffen wird«
Dennoch soll wohl verstanden werden, daß schon die Forderung
nach psychologischer Umstellung, die doch nur eine Voraussetzung ±
für die unumgänglich notwendigen konkreten Maßnamen bildet, zunächst
grausam oder unannehmbar klingen muß.Die Fortpflanzung ist ja nicht
nur allgemeinstes Maturgesetz, und nicht nur mit unserem animali^
sehen Wesensgrund schier unlösbar verbunden, sondern bildet auch
einen überaus kostbaren Inhalt des Gefühlslebens der meisten
Männer und Frauen. Es würde der personifizierenden teleologischen
Auffassung entsprechen, anzunehmen, die Fortpflanzung sei das Ziel,
um dessentwillen die Matur uns die libido eingegeben und beide
Geschlechter so gebaut und ausgestattet habe, daß sie erregt werde
und schier unwiderstehlich sei. Die Entwicklung des Geisteslebens
und neuere Tendenzen der Zivilisation haben aber dem Naturtrieb,
bzhw. dem Gesetz, das er zu erfüllen scheint, zwei Gegnspieler
erstehen lassen. Der eine ist der weitabgewandte, die Lust negieren-
de, den Trieb verurteilende asketische Sinn, durch den besonders
seit der Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends Mönche
und Nonnen sich dem Liebesleben und damit auch dessen natürlicher
Folge entzogen. Der andere Gegnspieler besteht in der schon im
Altertum begonnenen Reihe von Erfindungen, durch die der Mensch,
wenn die Natur ihn durch Trieb und Lockung auch ohne seinen Hillen
zu Zeugung und Geburt veranlaßt, die Watur seinerseits betrügt,
indem er die Lust genießt, ohne der Natur den Tribut zu bezahlen,
der ihre Zweckerfüllung zu bilden scheint. Es ist offensichtlich,
daß die beiden von einander derart wesensverschiedenen und einan-
der feindlichen Faktoren eine gemeinsame Funktion haben, sie wirken
der Fortpflanzung entgegen. Wenn es Wege gäbe, zu errechnen, wie
lange und in welchem Umfang die Zunahme der Bevölkerung durch die
beiden Kräfte eingeschränkt worden ist, wüßten wir, für wie lange
sie die Übervölkerung der Erde hinausgeschoben und die Existenz
der Menschenrasse prolongiert haben. Auch ohne Kenntnis von Zahlen
können wir wohl annehmen, daß ea eine geraume Zeit war. Es war
gewiß ein Glück für die Menschheit, daß die höchste Not nicht
plötzlich, ohne verständliche Vorboten, und nicht schon in einer
Epoche eintrat, in der Rettungsmaßnahmen noch viel schwerer gewe-
sen wären als sie heute sind; und daß es in der gegenwärtigen
101
Notlage eine Anzahl von Köpfen gibt, die denken können oder es
gelernt haben«
Obwohl es eben diese Köpfe und andere Gegnkräfte gab und gibt,
haben wir jedoch damit zu rechnen, daß es immer noch die Majorität
der Menschheit ist, der ein Verzicht auf Kindersegen oder dessen
systematische Einschränkung gefühlsmäßig zuwiderläuf t. Aber nicht
immer kann sman den Gefährdeten fragen, ob er gerettet zu werden
wünscht, insbesondere wenn er seine Lage nicht beurteilen kann.
Im Falle der heutigen Menschheit liegt zugleich eine weit verbrei£
tete Weigerung vor, die Lage der Gesamtheit überhaupt in Betracht
zu ziehen, bzhw. eine aus emotionalen Bindungen erklärliche Ver-
antwortungslosigkeit, die es vorzieht, die Rücksicht auf die
Gesamtheit Andern zu überlassen. Die Leute dieser Kategorie ent-
behren durchaus nicht logischen Denkens, aber es versagt, wenn
der Maßstab sich bedeutend vergrößert und wenn ihre im Unbewußten
verankerten Interessen auf dem Spiele stehen. Ohne spezifische
Kollision mit jenen Interessen verstehen sie z.B. ohne weiteres,
daß ein für 8 Personen gebauter Aufzug aller Wahrscheinlichkeit
nach auch 10 oder 12 ertragen kann, daß aber das Unglück unabwend-
bar wird, wenn 100 Personen eindringen. Freilich gibt es außer
dem blinden, dem in den Bedingungen unseres Zeitalters noch fort-
vegetierenden naiven Egoismus eine gefährlichere Abart, die im
Zusammenhang mit allen akuten Gefahren Erwähnung verdient; das
ist ein schamloser, planmäßiger Egoismus, ein skrupelloser Versuch,
den destruktivsten aller aus menschlichen Schwächen erwachsenen
Gesellschaftsschäden zu einem System zu machen.
Die absichtliche Ermutigung des Zeugens und Gebärens wurde
von altersher von schnöden Interessen genährt, die trotz allen
historischen Veränderungen immer noch fortwirken. Sie war das
billigste Mittel zur Sicherung des Nachwuchses und der Vermehrung
von Sklaven einschließlich der kolonialen, von Leibeigenen, von
Industrieproleten und von Kanonenfutter. Die männlichen wie die
weiblichen Geschlechtsorgane hatten also in jenen Bedingungen
die Scheinfunktion der Lockung mit der Lustprämie, diexa^afee:
Aufgabe eines Köders, während die Zweckerf üllung die dem Sklaven-
halter, Feudalherrn, Kapitalisten und Fürsten genehme war. BSlr
müssen auch in Betracht ziehen, daß in allen Formen der Sklaverei
und Halbsklaverei das natürliche Glück von Eltern und Kindern,
ihre gegenseitige Liebe und die Freude an einander, illusorisch
geworden und im Grunde abgeschafft v/aren. Mit dem Grade der
102
Ausbeutung wuchs die Nachfrage danach, was in den modernen Sprachen
so hübsch Menschenmaterial heißt. Seit der schlimmste Mißbrauch vcn
Menschen teilweise vorüber und der Bedarf an Arbeitsarmeen infolge
der Mechanisierung und Automatisierung mehr als gedeckt ist, ist
freilich die Benützung des Menschen zur Kriegführung noch voll er-
halten geblieben und alle diesem Zweck dienenden Ideologien werden
in beiden Lagern der heutigen Menschheit aufrechterhalten und wei-
terentwickelt. Seit es Herrendienst gibt, beginnt er mit der
Zeugung und ist mit dem Tode beendet. Im Laufe unzähliger Generatio-
nen war für den einzelnen Menschen aus dem Volke die Askese der
einzige Weg, sich der totalen, auch seine Genitalien einschließen-
den Hörigkeit mitsamt der Knechtung seines Kachwuchses zu ent-
ziehen. Diese Befreiung hatte er allerdings mit der Unfreiheit
des Klosters und mit einem oft lebenslänglichen Kampfe gegn den
eigenen Trieb zu erkaufen. Neben der Beschränkung der Bevölkerungs-
vermehrung hatte die Askese zu allen Zeiten auch ein Ergebnis von
unvergleichlich hoher Bedeutung, die Sublimierung des Triebes,
die Quelle einzigartiger Geistestaten und des m vielleicht be-
deutendsten Antriebes zum Kulturschaffen, Als fegenkraf t gegen
§ie rapide Vermehrung ihrer Mitmenschen sind jedoch die Mönche
und Können der ganzen Erde viel zu schwach geworden, da ihre
Wirkung nur als schwache Subtraktion einer Ungeheuern Multi-
plikation entgegenarbeitet.
Koch im Anfang unseres Jahrhunderts wurde gelehrt und gelernt*
daß Kriege auf die Bevölkerung regulierend wirken. Viele können sich
ein solches Gerede iimner noch nicht abgewöhnen. Obzwar gegn die be-
rühmte Regelung durch systematischen Massenmord seit langem einiges
gesagt worden ist und noch manches zu sagen ist, hat die heutige
Lage dem Kriege auch diesen aus so unmoralischen Motiven prokla-
mierten Scheinvorteil genommen. Der Krieg in Vietnam mit don Vor
boroitungon zur Erweiterung genügt ja, jedem klarzumachen, daß
die konventionelle Unmenschlichkeit über kurz oder lang zur nukle-
aren Unmenschlichkeit führen kann oder gar muß, und in diesem Falle
gäbe es schwerlich viele, die aus der Katastrophe Nutzen ziehen
könnten; zumal die Überlebenden "Siechtum, Hunger, Verelendung und
späterem, doch unvermeidlichem Dahinsterben auf einer vergifteten
Erde verurteilt wären. Wenn es also in der Vergangenheit vernünfti-
ge und subjektiv anständige Leute geben konnte, die für Krieg eine
103
Rechtfertigung suchten, kann es solche heute nicht mehr geben.
So haben wir die Idee irgend eines Nutzens von Kriegen für immer
aufzugeben, Zur Kettling vor dem Untergang durch Übervölkerung
müssen wir also andere Wege beschreiten.
Die Gesetzgebung ging bisher in allen Staaten auf der
gleichen Linie vor, hier schärfer, dort weniger scharf. Mussolini
war seinerzeit hemmungslos genug gewesen, sein legislatives Pro-
gramm eine demographische Peitsche zu nennen. Wenn ich nicht irre,
ist die Unterbrechung der Schwaiigerschaf t ohne amtlichs bescheinig-
te iajsk Indikation auch heute noch überall verboten, w ob eT> in Man-
chen Staaten nebst der medizinischen auch eine soziale Indikation
Geltung hat und zumeist nicht so heiß gegessen wie gekocht wird*
Zwischen dem noch nicht gestrichenen Wortlaut und der Handhabung
bestehen deshalb noch da und dort groteske Unterschiede, wenn z.B.
alle Parteien einer Volksvertretung sich für progressive Maßnahmen
aussprechen, die Drogisten aber Artikel des für Manche täglichen
Bedarfes nur im Hintergrund ihres Ladens verkaufen. In Kanada
scheint die Liquidierung solcher Widersprüche bevorzustehen, da
ein Parlamentskomitee g einhellig gegen das sinnwidrig gewordene
Gesetz Stellung genommen hat. Da aber die Realität ungeduldig ist,
sehen sich Menschen und Institutionen oft genug genötigt, der
legalen Prozedur ein wenig vorzugreifen. -&we± Universitätskliniken
haben ihre Praxis bereits liberalisiert , indem sie Mädchen, die
heiraten zu wollen erklären, "die Pille" verabfolgen; andere Spitä-
ler sind zu anerkennenswert freisinnigen Interpretationen des medi-
zinischen Indikationsprinzips übergegangen^fZwischen langwierigen
Erwägungen und Beratungen anderer Regierungen und Parlamente Imk&n
KäKkxtoxMgttgMH und ihrer Praxis haben sich hingegen Ge^nsätze er-
geben, da trotz realistischen Erklärungen und Ankündigungen einer
günstigen Lösung drakonisch reaktionäre Kanhabung unverändert ausge-
übt wird ünd sinnlose Terrorisierung von Prauen und Männern die
Hoffnungen auf den Sieg der Einsicht untergräbt. Ein bedeutender
Lichtblick wird nichtsdestov/eniger durch das orale Kontrazeptiv
eröffnet, das im Westen weite Verbreitung gefunden und begonnen
hat, das vorwärts dräng ende Unheil einzudämmen. Japan, dessen
Übervölkerung eine der Ursachen des Zweiten Weltkriegs gewesen
war, sah sich nach dem Ausgang in allen Erwartungen enttäuscht,
vor allem in der Hoffnung auf Territorien für Auswanderung,
und unternahm, um das herannahende Verhungern der Massen
104
abzuwehren, radikale gesetzgeberische und praktische Schritte
einschließlich der Verteilung desselben Vorbeugungsmittels • Auch
die Sowjetunion soll dessen Erzeugung beschlossen oder schon
begonnen haben. Erf indimgen mit noch höheren Sicherheitskoeffi-
zienten sind unterwegs.
Doch inzwischen wird die begonnene neue Linie diskreditiert
und Verwirrung und Demoralisation gesät, indem ein in der heutigen
Lage kraß antisozialer Kinderreichtum offiziell belohnt wird,
mit barer ivlünze, mit kostspieligen Geschenken und mit Steuernach-
lässen, die zur Nacheiferung anspornen sollen. Hie und da fehlt es
auch nicht an schwer reaktionären, bzhw. unverhüllt faschistischen
Erklärungen, die an ausgesprochen militaristischen Programmen
keinen Zweifel lassen. Auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs
fällt dieser Geisteszustand auf, die Blindheit für das nahende
Unglück Aller, auch des eigenen Volkes.
Um die Warnungen seitens der Sehenden zu schwächen, weisen
solche Leute mit Vorliebe auf Aussichten hin, die sich bei nähe-
rem Hinsehen als irreal erweisen und durch Ablenkung von der
Wirklichkeit und Behinderung oder Verzögerung der Lösung dem
Zusammenbruch der kommenden Generation vorarbeiten. Gewiß, wir
könnten glücklich sein, wenn systematische Besiedlung der Sahara
und anderer Wüsten und Steppen möglich würde; wenn die JÜfordterrito»
rien von Kanada und andere subarktische oder gar arktische Zonen
für Millionen Menschen bewohnbar würden; wenn der vor sich gehende
Landverlust aufhörte und umgekehrt den Ozeanen und kleineren
Meeren Land abzugewinnen wäre; wenn im Wasser von Meeren und Seen
nährende Gewächse in großen Mengen gepflanzt und Salzwasser in
Süßwasser verwandelt werden könnte; wenn Menschen in Kiemenatmer
verwandelt werden und mäßig tiefen Meeresboden besiedeln könnten;
und wenn schließlich der Mond oder gar ein Planet kolonisiert gmi
werden könnte. Aber keine dieser extrem phantastischen Aussichten
hältfrealistischer Prüfung stand. Selbst die größten der noch unbe-
siedelten Landflächen der Erde wären schon in kurzer Zeit voll,
wenn sie auch nur die berstenden Überschüsse Indiens aufnähmen.
Insbesondere werden Siedlungen außerhalb der Erde, die z.B. der
Moskauer Astrophysiker Prof. Dimitri Martinow unter der Voraus-
setzung vorheriger Überpflanzung niederer Lebensformen für möglich
hält, voraussichtlich trotz allem Träume bleiben, weil nicht
einzusehen ist, woher jemals die für die Überfahrten von Millionen
105
Personen erforderlichen Raumfahrzeuge und Energiemengen und die
für deren Erlangung und Anwendung notwendigen wirtschaftlichen
Energien kommen sollen. Doch was laßt sich selbst auf einleuch-
tende oder theoretisch überzeugende Ideen gründen, solange sie
reine Phantasien sind und unter keinen Umständen abzusehen ist,
ob sie jemals realisierbar sein werden oder wie fern wir von
ihrer Verwirklichung sind, während das Verderben in Siebenmeilen-
stiefeln heranmarschiert?
fie irreal alles das ist, zeigt, um nur ein Beispiel heraus-
zugreifen, eine ohne Bedenken publizierte Idee, nach der in einer
vielfach vermehrten Menschheit auch die Zahl der Genies verviel-
facht wäre, die eine Lösung schon finden würden. Auf üngeborene
soll also die Verantwortung für unsere schmähliche Gedankenlosi^-
keit und Fahrlässigkeit abgewälzt werden. Wir können das Ungeheuer
also ruhig noch um ein Vielfaches wachsen lassen; sie werden sich
schon Hat schaffen. Auch der Einfall, daß in einem verzweifelten ä
Gedränge, in dem Verhungernde einander niedertrampeln, fenies
gezeugt und geboren werden sollen und injsolchen Bedingungen
segensreiche Ideen werden aushecken können, ist nicht gerade
genial. Was in einer solchen Situation der Massen aus dem Indi-
viduum werden muß, ist desto leichter vorauszusagen, mit je ein-
facherer Logik man verfährt.
äfie manche realistisch Denkenden, fühle ich mich also ver-
pflichtet und daher berechtigt, Vorschläge zu unterbreiten. Die
Annahme der folgenden seitens einer Regierung wäre ein höchst
wertvoller Schritt, doch immerhin nur ein einleitender, da sie
nur in internationalem Maßstab voll wirksam v/erden können.
1. Planmäßige Aufklärungsarbeit für Umstellung der populären
Anschauungen auf die aus der wachsenden Gefahr resultierenden
Erfordernisse.
2. Einstellung aller iüaßnahmen, die als Gutheißung von
Kinde Aichtum gedeutet v/erden können.
3. Umstellung der Steuerpolitik: Kleine Steuernachlässe
für Familien mit einem Kind; Wegfall des Nachlasses für Familien
mit zwei Kindern; Übertragung der Hauptlast von Alleinstehenden
und Kinderlosen auf Familien mit drei oder mehr Kindern.
4« Freie Verteilung wirksamer Kontrazeptive.
5. Auf Wunsch kostenlose Aufnahme jeder Frau vor Ablauf
des dritten Schwanger sc haf tsmonats in einem öffentlichen Kranken-
haus zur Unterbrechung der Schwangerschaft.
106
6. Auf Wunsch kostenlose Aufnahme jedes Mannes in
ein öffentliches Krankenhaus zur Durchführung einer die potentia
coeundi erhaltenden und die potentia generandi aufhebenden
Operation«
7« Verbot der Zeugung von mehr als drei Kindern« Abge-
stufte Geldstrafen, Obligate Operation nach Punkt 6 an Vätern von
vier Kindern.
8# Obligate Operation nach Punkt 6 an einwandfrei für
unverantwortlich befundenen Männern, von denen die Einhaltung des
in Punkt 7 genannten Verbotes nicht zu erwarten ist.
Diese Vorschläge mögen bei allen emotional Interessierten
vehementen Widerstand hervorrufen und von Verblendeten als un-
menschlich hingestellt werden. Wer sie bringt oder unterstützt,
muß den Pluch der Unbeliebtheit oder Verhaßtheit in weiten und
mächtigen Kreisen auf sich nehmen. Aber die beantragten Reformen
sollen die kommenden Menschen vor dem bellum omnium contra omnes,
der gegenseitigen Vernichtung retten, und zunächst dem für den
Fall der Ablehnung unvermeidlichen Zwang zu weitaus schlimmeren,
von einer schon verzweifelten Xage diktierten Abwehrmaßnahmen
vorbeugenx 19)«
19 )
' J In der Präge internationaler Giltigkeit von Reformen, die von
der Mehrzahl der Menschen oder ihrer gewählten Vertreter als
notwendig anerkannt werden, vgl. S. .
Die Richtigkeit offizieller Erklärungen und ihrer Wiedergabe
in g-gr, Presse vorausgesetzt, verhalten sich die meisten in dxsser
Prage/Vwi^feHgifi^^g^Srungen wie folgt:
Afrika, Mehrheit: Schwankend, inaktiv.
Ägypten: Preundlich, mit Ansätzen zur Aktivität«
Australien: Inaktiv.
Britannien: Preundlich, inaktiv.
Chile: Preundlich, aktiv.
China: Preundlich, schwach aktiv.
Europa, Mehrheit: Preundlich, inaktiv.
Prankreich: P e indl ic hyc t ar I c
Indien: Preundlich^Saktiv«
Israel: Schwankend, inaktiv.
Japan: Preundlich, aktiv. sCsbzA** vitM» ^Urv^u^U .
t
Kanada: Preundlich, inaktiv.
Kenya: Preundlich, aktiv.
Latein- Amerika, Mehrheit: Unfreundlich, inaktiv«
Pakistan: Preundlich, aktiv.
Rumänien: Unfreundlich, aktiv,
Sowjetunion: Freundlich, aktiv,
Südafrika: Feindlich, aktivT
107
Vereinigte Staaten: VorwiegenöTTreundlich, aktiv.
Diesem Überblick steht ein ausführlicher Bericht des
Chicago Daily Hews Service gegnüber, der sich auf Mitteilungen
ost- imd mitteleuropäischer Regierungen beruft. Nach diesen soll
dort eine Schrumpfung der Geburten und eine Verschiebung nach
Überalterung und Sterblichkeit hin stattgefunden haben, wie auch
ein Üo erhandnehmen der Frauen gegenüber den Männern; offiziell
werden diese Erscheinungen auf weitgehende Liberalität in der
Anwendung der Gesetze über Unterbrechung der Schwangerschaft
und auf übertriebene "Verbreitung der Mittel zu ihrer Verhütung
zurückgeführt. Am meisten klagen Ungarn, Ostdeutschland und die
Gzechoslovakei über den Rückgangs: 20).
20) Ich bin der Meinung, daß Nachrichten aus dem Osten im all-
gemeinen weder mit größerer noch mit geringerer Vorsicht aufzu-
nehmen sind als westliche. Doch bezüglich der hier w * ugbikuil faww
wiedergegebenen Mitteilungen ist der Zweck propagandistischer
Einleitung zu konkreten Maßnahmen durchsichtig. In Ungarn
wendet sich diese Propaganda auch schon offen gegen die zu
niedrige Besteuerung von Kinderlosen und gegen Mangel an Be-
günstigung von Kinderreichen, parallel der klassisch verkehrten
Bevölkerungspolitik^^.gP*»eÄi»at FranJb?eich*4^Ä^«44fi4^^Ä^
Es wäre wohl ein Wunder, wenn die Diktatur der Apartheid,
die das weiße Antlitz schamrot färbt, nicht auch eine ihrer
würdige Tätigkeit zur Vermehrung ihrer Weißen entfaltete, um deren
Kraft zur Unterdrückung der afrikanischen Bevölkerung noch zu
steigern.
Die im voranstehenden Überblick erwähnten Aussichten
bezüglich Chinas beruhen leider nicht auf nachprüfbaren Einzel-
heiten, was umso bedauerlicher ist als China und Indien für die
nächsten Jahre das Hauptproblem der Erdbevölkerung bilden. In
Indien wird offiziell zugegeben, daß die Bevölkerungszahl schon
mehr als eine halbe Milliarde betrage und daß auf 1000 Einwohner
die entsetzliche Zahl von 40 Geburten entfalle. Wenn der Präsident
Sarvapalli Radhakrishnan erklärt, die Regierung wolle die Propor-
tion auf 25 zu reduzieren suchen, so klingt das im Vergleich mit
der Horm von 14-15 wie Hohn, besonders angesichts der grausamen
Tatsache, daß Indien sich selbst nicht ernähren kann und schon
durch Beanspruchung amerikanischer Hilfe auch andere bedrohte
Länder gefährdet. So stoßen wir v/ieder auf ein Schulbeispiel
für die Farce der "inneren Angelegenheit".
3r 1 ^ „
108
Der Vatikan und die. Menschheit
Für die Entschlüsse, die das Menschengeschlecht über das
eigene Schicksal und zunächst in der Frage der Geburt enkontr olle
durch seine Führer und Beauftragten frald fassen müssen wird,
ist die Haltung des Vatikans von vielfach höherer Bedeutung als
man sich bei flüchtiger Überlegung vorstellen kann. Man sollte
annehmen, die Stellungnahme der katholischen Kirche sei nur für
katholische Eheleute in aller Welt maßgebend, und v/ohl auch nicht
für alle, zumal Viele eine günstige Entscheidung nicht nur erwar-
teten, sondern sich seit geraumer Zeit so verhalten als ob eine
solche erfolgt wäre. Doch das kann Realisten nicht veranlass
sen, die Bedeutung des päpstlichen Beschlusses zu unterschätzen,
auch nicht dessen Bedeutung für die nichtkatholische Menschheit.
Manche nichtkatholischen Regierungen konnten sich erst durch eine
freundliche Erklärung des Papstes ermutigt fühlen, die seit langem
erwogenen Schritte vor ihre Parlamente zu bringen, bzhw. durch-
zuführen. Auch Washington wünschte im Einklang mit dem Vatikan
seiner Hilfe für notleidende Länder Mittel zur Regelung der
Geburten in zweckmäßigen Mengen hinzuzufügen oder nicht. Angesichts
der menschheitlichen Bedeutung der Frage war der von Papst PaulVI.
erwartete Beschluß gewiß der schwerste, den er T>ihor zu fassen
hatte. Dieser Beschluß, nichts weniger als eine innere Angelegenes:
heit der Kirche, war darum auch für sie von schicksalhafter
Bedeutung.
Nach dem Ökumenischen Konzil, in dem so viel Licht unerwartet
aufleuchtete, hatte sich eine komplizierte Lage ergeben, indem
Einsicht und guter Wille mit vitalen Interessen der Kirche zu
kollidieren drohten. Längst war die Untersuchung fertig, die
Ärzte, Soziologen, Theologen und andere Fachleute ausgearbeitet hat-
ten, um dem Papst für seinen schweren Entschluß eine sachliche
Grundlage zu bieten. Durch viele Monate wurde eine Erklärung und
Entscheidung mit wachsender Ungeduld erwartet, während dieser Zeit
trafen wiederholt eher unheilvoll klingende Meldungen ein. Seit
de facto eine gewisse Demokratisierung im Vatikan Platz gegriffen
hat, ist die Situation des Papstes in manc*br Hinsicht schwerer.
Es ist verständlich, daß seine Rolle**^ nicht ausschließlich
aktiv sein kann, da er zwischen relativ fortschrittlichen Kräften
und solchen, die päpstlicher sein wollen als er, die Mitte halten
muß und doch nicht leicht zugeben kann, in^der Defensive zu sein.
In dieser Lage muß es ihm ungemein schwer /coi-a, einzusehen, daß
109
die Menschheit wichtiger ist als die Kirche oder gar danach zu
handeln und sich zu vergegenwärtigen, daß mit der Menschheit auch
die Kirche dahin wäre. Dieser beispiellosen Verantwortung wird
das Unfehlbarkeitsdogma durch die Bedingungen unserer Zeit zu
einem gefahrvoll komplizierenden Faktor. tHUuja dieses Dogma,
das dem Vatikanischen Konzil von 1870 entstammt und durch das
zweite Konzil oder durch dessen Geist seiner logischen Funktion
beraubt wurde, den Papst nach wie vor an seine Unfehlbarkeit
bindet, macht es ihn zum Gefangenen, läßt ihn nur unter bedeuten-
den theoretischen Schwierigkeiten seine Beschlußfassung mit einer
Körperschaft teilen, und am schwersten mit einer nicht kirchlichen,
ausschließlich ethischen. Die objektive Schwierigkeit ist leichter
zu verstehen als sie zu beheben war. Man muß kein so weitblickender
Politiker sein wie der Papst und seine Berater, um die furcht-
baren Ziffern zu einer Wahrscheinlichkeitsrechnung zu machen,
die keinen denkenden und fühlenden Menschen gleichgiltig lassen
kann. Man muß auch nicht einseitig modern gesinnt sein, um zu
begreifen, daß es Ixjder zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhun-
derts nicht angeht, den katholischen Ehepaaren aller Länder
die Einschränkung ihrer intimen Beziehungen bis auf die Zeugung;
und auf dio aus ihr rocultiorondo Zoitspanno aufzuerlegen, darüber
hinaus aber auf Enthaltsamkeit zu bestehen oder die Paare an den
leider unsicheren Kalender zu verweisen. Anderseits mußte unbe-
dingte Bejahung der ohne Hechtfertigung durch die Fortpflanzung
genossenen Lust als allzu rasche Versöhnung mit dem Allzumensch-
lichen erscheinen. So manchen Köpfen war es gegeben, diese Proble-
matik gründlich zu verstehen; diejenigen, die Einfluß zu haben
glaubten, setzten ihn in verdienstvoller Weise ein. Schon im Sommer
1966 hatte eine große Gruppe von untereinander stark verschiedenen
und nicht ausschließlich katholischen Prominenten, unter ihuon
nicht weniger als 21 Hob elpreis trägerer an den Papst einen Appell g
gerichtet, der erst viel später veröffentlicht wurde. In diesem
heißt es, es sei ein Merkmal großer Religionen und die Pflicht
großer Führer, anzuerkennen, daß geänderte Bedingungen auch
Änderungen in der Anwendung unabänderlicher sittlicher Werte ver-
langen. Die Verantwortung des Menschen gegenüber der nächsten
Generation bedeute va? allem die Pflicht, deren Umfang einzuschrän-
ken. Gewiß, sich diesem fiuf zu verschließen, schien geradezu
110
unmöglich» zumal die ebenso bescheiden wie eindringlich
formulierte Begründung nichts enthält, was nicht so ziemlich
jeder wüßte. Was aber Papst Paul VI. seinerseits in lew York
vor das Weltforum der Vereinigten Nationen brachte, ließ sei-
ne Schwierigkeiten recht deutlich merken und viele hörten
es mit Bestürzung: "Euere Aufgabe ist, für den Tisch der
Menschheit genügend Brot zu sichern, nicht künstliche Ge-
burtenbeschränkung zji begünstigen, weil es irrational wäre,
die Zahl der Gäste beim Gastmahl des Lebens zu verringern."
Auf v/elcher Seite war die Irrationalität? Ist es denkbar,
daß der Papst so gesprochen hätte, wenn er nicht selbst
in einer so komplizierten läge gewesen v/äre? So erwiderte
U Thant nur, daß es in unserem Jahrhundert unmöglich sei,
genug Brot zu beschaffen.
Die heikle Lage innerhalb der katholischen Kirche ging
daraus hervor, was die Beichtväter berichten konnten, ohne
ihre Pflicht der Geheimhaltung zu verletzen. Zahllose gläu-
bige Männer und Erauen waren letztens von Gewissens quälen
und Schuldgefühlen gepeinigt. Es ist wohl das erste Mal in
der Geschichte der Kirche, daß die Beichtväter selbst
ihre alten Satzungen mit der gewohnten Eifachheit anwenden
konnten, sondern in jedem der unzähligen Einzelfälle aufs
neue nach einer Lösung suchen mußten. Zum ersten Mal waren
sie genötigt, Beichtkindern Prinzipien und Probleme zu er-
klären, um ihnen selbst einen den Meisten nicht einmal er-
wünschten Anteil an der Lösung einzuräumen oder eigentlich
aufzuerlegen; was ja sowohl mit dem sakramentalen als auch
insbesondere mit dem psychologischen Sinn der Beichte schwer
in Einklang zu bringen ist. In Amerika wurde die Lage zugleich
durch öffentliche Befragung beleuchtet. Eine solche zeigte
im Jahre 1955» daß 30 % der römisch-katholischen Frauen das
noch bestehende kirchliche Verbot verletzen, i960 waren es
58 %, 1965 55 %• Spätere Mitteilungen liegen noch- nicht vor.
Im Grunde war so etwas wie eine faktische Entscheidung damit
schon erfolgt, besonders seit jene, die nicht umhin konnten,
die freundliche Entscheidung im eigenen Leben schon vorweg-
zunehmen, zur Mehrheit geworden waren.
Das offizielle Organ der United Church, "Observer",
beging in Anbetracht der eigenen Schwierigkeiten des Papstes
gewiß einen Fehler, indem es in der Hitze des Gefechts
■
111
im Namen der verarmten und hungernden Mchtkatholiken einen
in seiner Leidenschaftlichkeit und Schärfe übertriebenen
Leitartikel publizierte, dessen Argumente in der Sache aller-
dings unbestreitbar berechtigt waren. Abgesehen von der sti-
listischen Vehemenz hatte jener Artikel jedoch ein gutes
Stück Weltmeinung hinter sich. Viele erwarteten deshalb
vom Vatikan schon damals ein Meisterwerk der Diplomatie,
ein Salomonisches Urteil, das den Fähigkeiten des Vatikans
zur Ehre gereichen würde. - *
Am 27. März 1967 ie£ d-iooo Entscheidung im Prinzip er-
folgt. Ein erleichtertes Aufatmen in den verschiedensten
sozialen, ethnischen und politischen Gerden und eine Flut
von Danksagungen und begeisterten Anerkennungen bS^I, daß
sowohl sowohl das Bwußtsein der Schwierigkeiten, die zu über-
winden waren als auch die gerechte Bewertung der Lösung
allgemein &3.nd. Es wäre aber weniger gerecht, die textliche
Fassung der Enzyklika "Über die Entwicklung der Völker"
allzu kritisch zu analysieren. Im Gegenteil, die Art, wie
da eine grundsätzliche Zustimmung ausgesprochen ist, ohne
daß der extremen Reaktion eine Angriffsfläche ausgesetzt s
wird, und wie eine einschränkende Warnung hinzugefügt wird,
abstrakt genug, um der Linken Wie der Hechten für einige In-
terpretation Raum zu lassen, zeigt eine alte Schule hochge-
züchteter Intelligenz in ihrem besten Lichte. Wer auf der
umgeänderten Richtung besteht, kann hier eine neue Bestäti-
gung der sowieso schon früher gebilligten Vorbeugungsmethode
nach dem Kai ende rrythmus hineindeuten, aber nicht minder
naheliegend und berechtigt ist die Auffassung, daß der oralen
und jeder noch verläßlicheren Kontrazeption nichts mehr im
Wege stehe: öffentliche Behörden können eingreifen, in-
dem sie die Erreichbarkeit geeigneter Information fördern
und entsprechende Maßnahmen ergreifen. " Die Betonung der
unveräußerlichen Rechte der Ehe und der Zeugung im Zusammen-
hang mit der Menschenwürde ist offensichtlich gegen die zu-
nehmende Promiskuität gerichtet. Doch die andere Seite die-
ser Rechte, auf die es in unserer Generation ankommt, ist
genügend eindeutig hervorgehoben: "Es liegt an den Eltern,
die Zahl ihrer Kinder zu bestimmen und ihre Verantwortung
gegenüber Gott, sich selbst, den Kindern, die sie schon
112
in die Welt gesetzt haben und der Gemeinschaft, der sie
angehören, in Betracht zu ziehen."
In dieser so lang und so gründlich durchdachten Formulie-
rung fällt auf, daß es nicht einfach eine den Katholiken erteil-
te Erlaubnis ist, sondern ein den Staaten ausgestellter Frei-
brief, den Staaten ohne Unterschied ihrer Beziehungen zur
katholischen Kirche und ohne Beschränkung auf Nationen mit
katholischer Majorität. Es kann nicht bestritten werden,
daß das ein origineller und besonders kluger Schachzug ist.
Durch diesen wird einerseits die Hauptlast der Verantwortung
für die Ausführung auf die Regierungen übertragen. Indem
anderseits der Papst ihnen, allen Regierungen, eine Bewil-
ligung erteilt, um die keine von ihnen, auch nicht die gegen
wart ige Regierung Italiens, ihn formell hätte ersuchen können ,
stellt er die Kirche nun wieder über sie. Das geschieht in
einer Weise, der man sich nicht gut widersetzen kann, da die
in Betracht kommenden Regierungen an jeder Erleichterung der
Geburtenkontrolle interessiert sind und eine Ermutigung darum
nur willkommen heißen können, ausdrücklich oder stillschweigend.
Die einmal faktisch durchgesetzte, von den Beteiligten angenom-
mene Gutheißung in einer Angelegenheit schließt theoretisch
smeria- die Anwendbarkeit des Prinzips auf umgekehrte Fälle ein,
bedeutet grundsätzlich auch den Anspruch auf das Recht zu
verbieten und dessen Anerkennung, auch wenn es kein verbrief-
tes Vetorecht ist, sondern ehier ein Brauch, der zur Tradition
werden oder eigentlich in ein verlassenes Geleise zurückkehren
kann.
Es entspräche der Mentalität der meisten Zeitgenossen,
daß ihre Stellungnahme zuroinor Erneuerung eines Tatbestandes
aus früheren Zeiten nur von Ideologien oder Doktrinen bestimmt
sein kann, und eine solche Auffassung kann nicht als unberech-
tigt abgelehnt werden. Doch sollten Fragen von virtuell mensch-
heitlicher Bedeutung nicht ausschließlich von Gesichtspunkten
der politischen Doktrin aus betrachtet werden, es sollte also
nicht allein eine prinzipielle Stellungnahme zum Papsttum als
solchem und zu dessen internationalen Rechten sein, sondern
in erster Linie sollte das Individuelle, die Frage der agieren-
den Persönlichkeit berücksichtigt werden. Als Paul III. starb,
strömte Alt und Jung, Arm und Reich in die Straßen und auf st
113
die Plätze Roms, man jauchzte und umarmte einander vor Freude. Wer
die Geschichte des Psfettums einigermaßen kennt, kann dem einen Beispiel
viele gleichartige wie auch gegensätzliche und dramatische Mischungen
von Li<rht und Finsternis hinzufügen. Zu den auffallenden Unterschieden
innerhalb eines Jahrhunderts gehört der zwischen Pius XII. und Johannes
XXIII. Die Aussicht auf ein Wiedererstarken der päpstlichen Macht hat
daher ein Doppelantlitz, ein segensreiches und ein schauriges. Die
Präge, welcher Geist jeweilig überwiegen kann, ist in hohem Maße von
individuellen Paktoren mitbestimmt. In der für das Geschick der Mensch-
heit so belangvollen Präge hat der gegenwärtige Papst sich unverkennbar
für Menschlichkeit und Einsicht entscheiden wollen 21).
21) Ein mit dem Hauptthema derselben Enzyklika eher indirekt zusam-
menhängender Satz erinnert an den Geist des frühesten Christentums:
Überflüssiger Reichtum sollte in den Dienst der armen Nationen gestellt
werden. ..denn weitere Habgier der reichen Nationen würde das Gericht
Rottes und die Wut der Armen mit ihren unabsehbaren Polgen herausfordern'!
Aber die Anerkennung dieser Enzyklika hat ihre Grenzen. Angesichts
der noch offen gebliebenen Möglichkeiten für ihre Interpretation hatte
sie in der Auffasung weltlicher Kreise und in der zahlreicher Kirchen-
männer einschließlich oppositioneller Jesuiten nur Sinn und Wert eines
ersten Schrittes. Sofort erhob sich also die Forderung nach Konkretisier
rung, nach unzweideutiger Billigung der Kontrazeption. Die Dringlichkeit
des Wunsches nach völliger Klarheit war zu begreiflich, um verurteilt
werden zu können. Der Papst konnte selbst oder Jurch einen Bevollmäch-
tigten eine Form finden, um die zwar nicht mehr^drückende , aber keines-
wegs gewicheie internationale Besorgnis zu beseitigen. Anderseits war
jedoch der Weg zu den Regierungen der kürzeste zu legaler und praktischer
Realisierung gewoden; sie waren jafnaclider Enzyklika berechtigt, das
Einverständnis des Papstes anzuwenden wie sie es für richtig fanden.
Methodisch waren sie es also, die eilends überzeugt werden mußten, daß
sie die aktive Geburtenkontrolle nicht länger aufschieben dürfen. Ihr
so unnötiges weiteres Zögern konnte doch niemandem weniger erwünscht
sein als dem Papst. Es mußte ihn geradezu zwingen, eine eindeutige
Entscheidung folgen zu lassen, die als Reaktion auf ihre Inaktivität
nur negativ sein konnte. Die unschlüssigen Regierungen haben also haupt-
sächlich sich selber zuzuschreiben, was sie leicht hätten abwenden
können. Daß sie die bestmögliche Konjunktur versäumt haben, können sie
nur noch mit weitaus größerer Entschlossenheit gutmachen.
Denn die Welle der flehentlichen Appelle und feierlichen Warnungen,
von international geachteten Individuen, zusammengeschlossenen Staats-
oberhäuptern und Regierungen einschließlich der amerikanischen, ist
nach ihrem Scheitern für unvorhersehbar lange Zeit vorüber. Innerhalb
114
des Katholizismus und auf der ganzen Erdoberfläche mehren sich noch
andere Probleme, ja alles ist gedrängt voll von -Fragen, die sofortige
Lösungen erheischen. So bleiben die teils erst erwogenen, teils schon
in Angriff genommenen Maßnahmen zur Eindämmung der Übervölkerung in
ihren noch wirkungslosen Anfängen stecken und unser Eilmarsch zum
Abgrund geht beschleunigt weiter. Es ist wahrscheinlich weit mehr als
die Hälfte aller Menschen, die von ihrer Lage noch iramgr nicht die
geringste Ahnung haben. Selbst zahllose Intellektuelleynaben noch nicht
begonnen, zu begreifen, warum sie denn Zeugung und Geburt auf das Min-
destmaß beschränken sollen, wenn sie sich das Vergnügen uneingeschränkt
leisten können; ebenso wollen regierende und Oppositionsparteien sich
bei ihren Wählern nicht unbeliebt machen und ziehen es vor »abzuwarten.
In dieser Hoffnungslosigkeit entsinnen wir uns der ausgestorbenen Arten,
die an Zahl den noch existierenden vielleicht nicht nachstehen. Um eine
Vorstellung davon zu gewinnen, wie die Übervölkerung ihr eigenes Ende
herbeiführen könnte, erinnern wir uns tragischer Vorgänge im heutigen
Tierreich, wie des Massensterbens ohne erkennbare Ursachen; des skandi-
navischen Lemmings, der, ähnlich seiner amerikanischen Abart, weite,
auch jahrelange Massenwanderungen über Land und durch Flüsse unternimmt,
zum Meer, um in diesem zu ertrinkenx; der Scharen jener nordkanadischen
Pelztiere, die alle i 9,7 Jahre dahinsterben, ohne daß die Zoologen zu
sagen wüßten, woran. Sollte unserer Spezies ein wilder und wüster Tod
bevorstehen, von langer Dauer, in verschiedenen Stadien physischen und
moralischen Verfalls infolge Hungers und aller denkbaren und vielleicht
auch unvorhergesehener folgen unserer verantwortungslosen Vermehrung?
Oder gar eine Art psychologischen Absterbens ohne oder fast ohne soma-
tische Zerstörung? Oder ein multiformes Ende, regional und sogar indi-
viduell verschsieden?
Aber verzweifeln wir noch nicht: Solange solche Symptome der
letzten Phase noch nicht eingetreten sind, können Lebenswille, Vernunft
und Beherztheit uns noch retten.
* *
Der eigentliche Schlag war die Enzyklika "Humanae vitae", die dem
Rest einer Illusion ein Ende bereitete. Obwohl niemand überrascht sein
konnte, waren beinahe Alle bestürzt, selbst diejenigen, die es nicht
zugeben wollten und die es erwartet hatten: die mitschuldigen Regierun-
gen, denkende katholische Laien, Massen einfacher Gläubigen und eine
in der neuen Lage unerf orschlich gewordene Anzahl katholischer Priester
und Lehrer; und überdies die zahllosen nichtkatholischen Christen,
deren Glaube an die Möglichkeit der christlichen Einheit mit einer
• ■ I
115
allzu schweren Enttäuschung zu ringen hat; und die Mehrheit in den ars*
nichtchristlichen und teilweise christlichen Wationen, die zu begreifen
beginnen, daß sie alle ohne rasche und gründliche Bekämpfung der Über-
völkerung elend und hilflos umkommen müssen.
Wäre es im alten Stil weitergegangen, so hätte ja alle Welt
zwischen Menschlichkeit und andern Interessen zu unterscheiden gewußt;
so hätten alle Gläubigen nach wie vor verstanden, daß ihnen unbeding-
ter Gehorsam auferlegt ist und daß Kritik und Freiheit ihnen nicht
zustehen; und daß sie einem kompromißlosen Absolutismus für immer I
Untertan sind. Aber durch die Großtat der Vermenschlichung hatte
^SL^ut^r^ Licht des MorSens geöffnet, und
herrlich^versprechen wiederholt und anfangs zum I
Teil erfüllt. Bis ein Schauder vor den Konsequenzen der Befreiung
über ihn zu kommen schalen und er dem Schwanken zwischen zwei Welten
ein Ende bereiten zu müssen meinte. Ist es nicht allzu tragisch, daß
das im Namen der Menschenwürde geschah? Und unter so intensivem,
zwischen den Zeilen so deutlich lesbarem Widerstreben?
Doch kann jeder, der Geschichte studiert, sich leicht überzeugen,
daß es so etwas wie einen Abschluß nie gegeben hat, denn was so aus-
sieht oder so gemeint ist, ist immer zugleich auch ein Anfang: Eine
tiefe Krise innerhalb der katholischen Kirche und eine lange und viel-
gestaltige Serie von Krisen zwischen ihr und der gepeinigten Menschheit
hat begonnen.
aas
Johann .XXIII
PauTTlVhl
Der Zustand, aus dem die Menschheit jetzt befreit werden muß, um
fortleben zu können, ist ein seltsames Dilemma: Zwischen einem Trieb,
den die Natur ihr gegeben zu haben scheint, damit sie lebe, dessen
gegenwärtige Auswirkungen aber ihre Existenz bedrohen; und dem EntschluJ
zu partieller Aufhebung der Polgen dieses Triebes, damit sein Ursprung*
licher Sinn erfüllt werde.
Gegen den Hunger und fernere Möglichkeiten
Innerhalb unserer gegenwärtigen Problemstellung betrachten wir
das Thema der Ernährung nur indirekt auch als anthropologische, ethi-
sche und gesundheitliche Frage, doch zunächst als eine rein volks-
wirtschaftliche Angelegenheit; als solche ist sie für die Aussichten
unseres Kampfes gegen Übervölkerung
117
oio für dio Auooiohton unooroc Kampf oo gogon tfecrvölkorung
und Verhungern entscheidend. Der wichtigste Punkt sei voraus-
genommen: Was an sich genügen würde, die Aussichten auf Fort-
bestand des Menschengeschlechtes über die Schwierigkeiten
der nahen Zukunft hinweg bedeutend zu verbessern , wäre
vegetarische Ernährung, selbst wenn si£ nicht lückenlos auf
dem ganzen Erdball durchgeführt würde. Wie auch alle gebilde-
ten Gegner des Vegetarismus wissen, stammen die Nährwerte von
der Energie der Sonne. Der pflanzliche Organismus setzt sie
in Materie um, und das Tier, das die Pflanze frißt, vollzieht
die Rückumwandlung der Materie in Energie. Wenn dieses Tier
seinerseits gefressen wird, wiederholt sich die Umsetzung
von Materie in Energie, u.s.w. Wie aber errechnet wurde und
allgemein angenommen wird, nimmt die Pflanze nur etwa 0,1
Prozent von der ihrer Oberfläche, dem Strahlungswinkel und
der Expositionszeit entsprechenden Sonnenenergie auf. Von
diesem Bruchteil nehmen Pflanzenfresser etwa ein Zehntel
auf, Fleischfresser jedoch nur ungefähr ein Zehntel dieses
Zehntels; so entfällt auf diese letzteren nur ein Hundertstel
der von der Pflanze selbst verzehrten Energie. Die wirklichen
Karnivoren können die für sie so ungünstige Ungleichheit der
Verteilung nicht ändern, weil sie, obzwar es einzelne zoolo-
gische Gegenbeispiele gibt, nicht Herbivoren werden können,
zumindest nicht in ihrer Gesamtheit. Die Fleischnahrung der
Menschenrasse ist hingegen, wie wir wissen, keineswegs ur-
sprünglich (S. ) und nachweisbar unvorteilhaft (S. ). Es
liegt also an uns, die erworbene Lebensweise aufzugeben
und zu der uns eigenen zurückzukehren, ganz oder teilweise,
über Nacht oder schrittweise. Wo immer Lebensmittel knapp
werden, und insbesondere da das der gesamten Menschheit in
präzedenzlosem Maße bevorsteht, hört die uns gemäße Nahrung
auf, nur eine empfehlenswerte Reform zu sein und wird zu
einer gebieterischen Notwendigkeit, zu einer Bedingung
unserer Selbst erhaltung. Wer die neuere Geschichte Europas
kennt, wird, wie die noch lebenden Zeugen jener Zeit, sich
erinnern, daß im ersten Weltkrieg die durch die Blockade
arg behängte Regierung Dänemarks einen Pionier, den Arzt
Mikkel jlSffiede^Ss der soeben wiedergegebenen naturwissen-
schaftlichen Erkenntnis gemäße Experiment mit ihrem ganzen
Volke durchzuführen. Man hatte keine Zeit zu verlieren. Die
118
Schweinezucht wurde zwar nicht ganz abgeschafft, aber auf
ein Fünftel reduziert. Die Dänen aßen damals hauptsächlich
Kartoffeln und Gerstegrütze und tranken weder Alkohol noch
Kaffee, sondern Wasser und Milch. Vorher war 1913 das Jahr
ihrer niedrigsten Sterblichkeit gewesen, doch in der Kriegs-
zeit sank sie noch um 6300 unter jenes Minimum, und in ebenso
überraschendem Maße verringerten sich die Erkrankungen 22).
22)Die Zahlen entnehme ich Alfred Braue hie, Das große
Buch der Naturheilkunde , C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh
1957.
In der viel schwereren Zeit, für die sich nicht ein klei-
nes Land, sondern die ganze Menschheit zu rüsten hat, kann
die aus jenem gelungenen Versuch zu ziehende lehre entschei-
dende Bedeutung erlangen. Nach neuesten, unter Berücksichti-
gung aller vorhersehbaren Faktoren angestellten Berechnung ein
würde die Landfläche, die heute noch nötig ist, um das von
einer Person zu verzehrende Schlachtvieh zu züchten, genügen,
um sechs Personen mit Getreide, Gemüsen und Früchten für
ihren gesamten Ernährungsbedarf zu versorgen. Mehrere Regie-
rungen sollen gegenwärtig aus diesen rein wirtschaftlichen
Gründen Reformen erwägen, sehen aber keinen Weg zur Verstän-
digung mit der Karnivorenmentalität des Publikums, weil sie
selbst von dieser beherrscht sind. Konsequent in den ganz großen
Maßstab übertragen, müßte die richtige Ernährung im Verein
mit den früher empfohlenen Maßnahmen in allen Ländern das
Unheil nicht allein hinausschieben, sondern definitiv verhin-
dern. Betrachten wir diese Chance kurz und sachlich.
Die dem heutigen Stand des Wissens entsprechende vegeta-
rische Ernährung besteht nicht einfach im Weglassen der ani-
malischen Kost, sondern in einer Reihe von Revisionen gegenüber
schädlichen Gepflogenheiten, die sich seit der Einführung von
Jagd und Fischerei nach und nach als Begleiterscheinungen
eingebürgert haben. Wie sich auch während der beiden Weltkriege
mit aller Deutlichkeit gezeigt hat, sind wir zu gefahrvoller
Überschätzung der Kalorien gelangt und unterschätzen die Bedeu-
tung der Vitamine und Mineralien. Dieser Einseitigkeit gesellt
sich seit frühgeschichtlichen Epochen ein unaufhörliches
Kochen, Backen und Braten, das den Wert der Nährstoffe wesent-
lich herabmindert und uns noch viel weiter vom Ursprung ent-
fernt. Da es v/ahllos angewendet wird, vermehrt es noch die
119
Krankheiten, die auf die schon in ihren Grundlagen falsche
Ernährung zurückgehen. Es zerstört überdies den natürlichen
Gesfchmack der Speisen, der durch die Hitzebehandlung so
übel wird, daß er durch Gewürze korrigiert werden muß; und
diese tragen zu unserer weitern Entartung noch ihr Scherf-
lein bei. Es ist ein altes, Reich und Arm umfassendes, alle
Zivilisationen schwächendes System der Verwöhnung. Diese Ten-
denz mag einen gesunden Kern haben, den Wunsch nach Verbesse-
rung der Daseinsbedingungen, doch führt sie auf allen jenen
ausgetretenen Wegen zum gegenteiligen Ergebnis. Rein wvrkmrk
wirtschaftlich sind jene Unnatürlichkeiten in ihrem realen
Maßstab nicht nur ungeheuere Energievergeudung, sondern
haben noch grausam extensive Kettenreaktionen von Verlusten
zur Folge, denn die Flut der Krankheiten, der Verkrüppelungen,
des Siechtums, der noch ihrerseits degenerativ wirkenden
medizinischen Behandlungen und der Massenerzeugung der zer-
störerischen Arzneien gehören sämtlich hierher. All dem gegen-
über ist Vegetarismus weit mehr als eine Diät zum Zwecke der
Heilung oder Vorbeugung, Es ist eine auf systematischer Revi-
sion beruhende Lebensweise, die in wirtschaftlicher Hinsicht
tiefgreifende Ökonomisierung bedeutet.
Die günstigen Ergebnisse, die für die menschliche Gesell-
schaft von vegetarischer Lebensführung in andern, nicht er-
nährungspolitischen Beziehungen zu erwarten sind, können hier
aber nicht unerwähnt bleiben, v/eil auch sie mit der Übervöl-
kerungsgefahr zusammenhängen. Die naturgemäße Ernährung bietet
nicht allein die Aussicht auf baldige Ab?/ehr des Hungers und
somit Milderung des Leidens der Menschen und ihrer Reaktion
auf das Leiden. In Anbetracht der früher ins Auge gefaßten
Gefahr einer unauf halt s amen Zunahme aller unserer nicht pri-
mären, sondern erworbenen wild zerstörerischen Tendenzen
gewährleistet die unserer Art eigene Nahrung auch die eigent-
liche Menschlichkeit unseres Trieblebens, die gesunde Ent-
faltung unserer Naturanlage, die, wie sich schon früher ge-
zeigt hat und im nächsten Kapitel weiter ausgeführt werden
soll, nicht destruktiv noch agressiv ist. Diese Auswirkung
der Ernährung wird, wie die bisherige Erfahrung zu schließen
gestattet, sich auf zwei Wegen vollziehen, direkt somatisch
und neuro-psychologisch. Beobachtungen an der vegetarischen
120
Minorität im Vergleich mit der Majorität erweisen den Vege-
tarismus als eine den Neurosen entgegenwirkende Kraft, die
jedoch heute quantitativ noch viel zu unentwickelt ist, um
genügend wirksam zu sein. Allerdings zeigt die Statistik die
vegetarische Bewegung im Anstieg, gewiß nicht dank einer all-
zu schwachen Aufklärungsarbeit, sondern wahrscheinlich durch
ein gewisses Wieder erwachen eines eher instinktiven Verständ-
nisses als ifaktion auf den allgemeinen Wahn der Widernatür-
lichkeit. Erst unter der Voraussetzung voller Restitution
der elementaren Erfordernisse und Rechte unserer Natur können
wir auf eine Atmosphäre hoffen, in der Menschen verschieden-
st er Art unschwer zusammenarbeiten können werden, Mkkm den
Sinn des Gemeinwohls ms. vergessen oder der Selbstsucht im
verfallen, die, wenn wir nicht fähig sein sollten, ihr vermöge
unserer ursprünglichen Natur Einhalt zu gebieten, in immer
sinnloserem Rasen sich selbst aufheben müßte.
Zur Abwehr des Hungers für Jahrhunderte oder gar Jähr-
ig*
tausende würde der Vegetarismus nur dann genügen, wenn im auf
der andern Seite nicht ein fortgesetzt hemmungsloses Anwach-
sen der Bevölkerung entgegenarbeitete. Die Dauer und der Grad
der Wirksamkeit bilden eine mathematische Frage, deren Lösung
von der Gesamtheit der aufgezeigten Paktoren abhängt, nament-
lich von allgemeiner und konsequenter Durchführung des notwen-
digen Maßes an Geburtenkontrolle. In Anpassung an die künfti-
ge demographische Entwicklung müßte die Ernährung gegebenen-
falls noch weiter rationalisiert, bzhw. verwissenschaftlicht
werden, öbzwar die bisherigen Versuche mit Vegetabilien im
Wasser, bzhw. auf dem Wasser, bewiesen zu haben scheinen, daß
auf diesem Wege nie auch nur annähernd der Ertrag zu erwarten
ist, den das Festland hervorbringt, werden die Kommenden auf
diesen Zusatz gewiß nicht verzichten dürfen. Auch die wenigen
Forschungen über rein chemische Ernährung haben zwar noch
nirgends hingeführt, sollten aber als Teillösung, bzhw. als
Ergänzung nicht für immer verworfen sein. In ihrer Fortsetzung
würde sich der heute in gigantischen Ausmaßen zerstörerischen
chemischen Industrie ein neues, geradezu unbegrenzt weites
Feld zu produktiver Arbeit bieten; so könnte sie vielleicht
endlich von der hoffnungslosen Massentötung zum Dienst an
der Erhaltung des Lebens übergehen,
Doch früher oder später, je nach dem Druck der Umstände,
121
wären noch zwei bisher in keiner Form bestehende Neuerungen
vorstellbar. Eine von ihnen wäre der "Übergang zu andern
Energiequellen als Grundlage der Ernährung; theoretisch steht
es ja durchaus nicht fest, daß die Sonnenstrahlung für immer
die einzige Quelle bleiben muß. Der drohende Fluch der frei-
gewordenen Energie des gespaltenen Atoms könnte so zum Segen
der Menschheit werden, die auch schon ohne einen nuklearen
Krieg unter ihren Erfindungen genug gelitten hat. Die andere
denkbare Neuerung ist jeder Verwirklichungsmöglichkeit gegen-
wärtig noch viel ferner. Im Gegensatz zu unserem physiologi-
schen Assimilationsvorgang könnte irgendwann eine Methode der
Lebenserhaltung gefunden werden, die überhaupt nicht auf Er-
nährung im bekannten Sinne beruht, sodern auf einer direkten
Übertragung von Energie auf den Organismus, sei es von der
Sonne oder von einer andern Quelle, u.zw. auf dem in der
Pflanzenphysiologie vorgebildeten oder auf einem unserer
Erfahrung noch unbekannten Wege. Diese Idee wird freilich
zu einem ungewollten Vorstoß in die Metaphysik, denn hier
erhebt sich die Frage, ob der als Ernährung bezeichnete fun-
damentale Naturvorgang nur eine der Bedingungen zur Erhaltung
animalischen Lebens ist und in diesem Falle theoretisch
durch einen andern Prozeß ersetzbar wäre oder ob er das
tierisch-menschliche Leben selbst ist und von diesem so unab-
trennbar wie die Oxydation. Wenn eine direkte Umwandlung
fremder Energie in eigene sich als möglich erweisen sollte,
wäre das jedenfalls ein von dem aller tierischen Organismen
unseres Planeten verschiedenes Leben. Vielleicht werden ein-
mal systematische Versuche Klarheit darüber schaffen können«
Die Möglichkeit einer direkten Energiezufuhr würde unsere
Problemstellung bis auf den Grund ändern; von der theoreti-
schen Entdeckung einer Möglichkeit bis zur Anwendung können
sich ungeahnte Wege eröffnen 23). ^
±23) In der voranstehenden Kurzgeschichte habo ich die
Möglichkeit als gegeben angenommen, aber noch als Privi-
leg weniger Eingeweihten.
Eine Rettung erstrebende Maßnahme, ob sie nun in unserer
Generation angebahnt und später vervollkommt oder erst nach
uns erfunden v/erden sollte, hat jedenfalls WtäB&mlgmgm. zur
Voraussetzung, in denen sich menschliche Intelligenz voll
auswirken kann. Die Grundbedingung ist deshalb die Verhütung
globaler und regionaler Katastrophen. Eine andere Bedingung
■ .-••.■*
WM
122
7
ist die Verhütung jener menschlichen Entartung, in der dem
wüsten Egoismus keine Schranken mehr gesetzt wären, so daß
er alles bis ans Ende verschlingen würde. Über die Zweckmä-
ßigkeit der Aufeinanderfolge oder des Ineinandergreif ens
der empfehlenswerten Maßnahmen läßt sich gewiß streiten.
Es ist aber sicherlich bes&i^feehler zu begehen als untätig
das Unglück herankommen zu lassen.
Bleiben wir schließlich dessen eingedenk, daß die Ernäh-
rung nicht das einzige unserer von ungehemmter Fortpflanzung
bedrohten Lebensbedürfnisse ist. Auch wenn wir die Existenz
an sich so hoch über alles stellen, daß wir um ihretwillen
auf alles das verzichten, was wir mit dem Sammelnamen Zivi-
lisation bezeichnen, bleiben noch elementare, praktisch mit
dem Dasein gleichbedeutende Bedürfnisse übrig, wie etwa ein
gewisses Minimum verfügbaren Raumes. Doch auch in dieser Hin-
sicht beraubt uns die unerbittliche Mathematik aller Illusio-
nen. Wenn es zu jener angsttraumhaften Vermehrung käme, würden
"wir" nicht nur den Tieren keinen Lebensraum übrig lassen,
sondern selbst ohne Gebäude und Städte die für Landwirtschaft
geeignete Eläche der Kontinente so dicht beschatten, daß für
den Anbau von Getreide und anderer uns ernährenden Pflanzen
nicht genug Platz an der Sonne bliebe würden also mit
den Bedingungen unserer Existenz in einen höllischen Wettbe-
werb treten und nicht nur mit einander, sondern auch mit
ihnen 'um-Ma&m kämpfen müssen.
Auf allen Wegen gelangen unsere Erwägungen also in ein
Inferno, aus dem unsere Phantasie nur einen einzigen Ausweg
findet. Es ist die klare Folgerung, daß alle gegen die Aus-
wirkung der Übervölkerung in Betracht gezogenen Maßnahmen
nur dann v/irksam und sinnvoll sein werden, wenn sie Ergän-
zungen der zu erfüllenden Grundbedingung bilden werden,
der radikalen Geburtenkontrolle.
i^och schlimmer als alles wäre es, wenn unsere Bauten und alle von uns
erzeugten Objekte die Photosynthese ersticken müßten, die Hauptquelle
des atmosphärischen Sauerstoffs.
BT
123
GRUNDIßGUNG EINER ALT-HEUEN ETHIK
Das unweise, unreife oder ungesunde Walten des Menschen in
der Natur hat in ihr, zwischen ihr und uns und in uns selbst
einen Zustand geschaffen, der nicht fortdauern kann, ohne in
absehbarer Zeit zu unserem Untergang zu führen; auch wenn es
nicht die drastischeste Folge der großen Disharmonie sein sollte,
nämlich die Teilung der Menschheit in feindliche Lager, die unser
Ende am frühesten und radikalsten herbeiführen wird. Was uns
jedoch vor Verzweiflung schützt und uns ermutigen sollte, ist
die Gewißheit, daß wir uns nicht fatalistisch dem herankommen-
den Unheil zu überlassen brauchen, sondern denken und handeln
können, um das Verfehlte und Falsche in unserer Rolle zu erkennen
und unser Leben aufs neue aufzubauen. Wenn wir mit der erforder-
lichen Serie von Revisionen auch nur beginnen, werden wir uns ä
überzeugen können, daß eine Revision die andere erleichtern wird;
daß das Heil nicht weltenfern, sondern ganz nahe ist, vielleicht
in uns selbst; daß wir Erkenntnisse, die für dieses Heil höchst
bedeutend sind, noch nicht erlangt haben, daß wir ihnen aber nahe
sind oder sie virtuell in uns haben; daß wir in^iner an sich guten
Welt leben und in ihr glücklich werden können, wenn wir entschlos-
sen und konsequent die Fehler beheben, die wir seit langem und
neuerdings noch mit vervi elf acht erE Tragweite begehen. Es ist der
Einblick in die eigenen Fehler und der Ausblick nach einem echten
und guten Leben, was ich Ethik nennen möchte, nicht ein System
von Vorschriften, die Menschen andern Menschen erteilen. Wenn es
sich in der Ethik um Prinzipien handelt, so sollen es diejenigen
sein, die wir in uns haben, die unsere ursprüngliche Natur sind.
Wer so denkt, fühlt sich nicht berechtigt, den vorhandenen
Systemen der Ethik ein neues hinzuzufügen. Iclinöchte eher versu-
chen, so tief ich kann in unsere Menschennatur zu schauen, zurück,
durch die während unserer vdwiegend unsittlichen Geschichte ent-
standenen Systeme hindurch nach unserem Ursprung, von dem aus
wir zur Erfüllung des uns virtuell Gegebenen, zu unserer Erfüllung
gelangen könnten. Die aus dieser Betrachtungsweise sich ergebende
Ethik ist also alt, sehr alt. Sie ist nur insofern neu, als die
Notwendigkeit, das zwischen dem Ältesten und der Gegenwart Gedachte
und Gelehrte kritisch zu betrachten,
124
Achtung, ja Verehrung gegenüber vergangener Größe zwar ermöglicht,
aber Unabhängigkeit erfordert; und diese bedeutet eigene Kritik,
eigene Verantwortung und eigene Stellungnahme auch zu den längst
festgelegten Prinzipien und Idealen. Was an den Sittenlehren der
klassischen Zivilisationen auffällt, sind, um das vorauszunehmen,
vor allem drei Mängel:
a) Bas Fehlen der Verurteilung des Krieges,
b) die Duldung der Sklaverei,
c) der Ausschluß der Tierwelt aus Rechtsgrundsätzen und
Heilslehren.
Über Religion und Ethik
Zwischen den vielen Religionen gibt es nicht allein die
altbekannten Unterschiede und Gegensätze, sondern auch Gemein-
samkeiten, die heute in stärkeres Licht rücken, weil die Geneigt-
heit, sie zu sehen und anzuerkennen, überall zunimmt. Daher ist
es heute leichter als je, sowohl die positiven als auch die nega-
tiven Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. So ziemlich jede Religion hat
ihre Morallehre, und diese nennt gewisse Handlungen gut, deren
Gegenteil schlecht oder böse. Für das "Gute" verspricht sie
Belohnungen, das "Böse" bedroht sie mit Strafen. Die soziale
Verdienstlichkeit dieser primitiven Erziehungsmethode ist unbe-
streitbar. Sie hat die Menschenrasse vor völligem Versinken in
bodenlose Abgründe des Egoismus und der Barbarei geschützt.
Dieses Verdienst darf uns aber nicht hindern, zu sehen, auf einer
wie niedrigen Stufe diese Sittlichkeit an sich steht. Das Tun
von Dingen um einer Belohnung willen und ihre Unterlassung aus
Furcht vor Strafe hat daher auch keine im vollen Sinne des Wortes
philosophische Schule als sittlich anerkannt. Alle Denker, die
Philosophie und Religion jemals mit einander zs versöhnen oder
gar verbinden zu können glaubten, hatten es schwer, konsequente
Kritik dieses Standpunktes zu vermeiden, der eher der Anleitung
des Kleinkindes gemäß erscheint. Er ist es, der den Religionen
eine historische Doppelfunktion auferlegt hat: Die Menschen über
die niedrigste Stufe zu erheben und sie auf der nächsthöheren
festzuhalten. Erst auf den dem religionsgebundenen Menschen ver-
sagten Stufen sittlicher Entwicklung werden Dinge um der ihnen
eigenen Verdienstlichkeit willen, bzhw. um ihrer selbst willen
getan oder ihrer Verwerf lichkeit wegen unterlassen. Der Maßstab
der Beurteilung ist nach innen gerückt. Ein solches Bewußtsein
125
positiven oder negativen Wefcfces unserer Handlungen nennen wir
von altersher Gewissen. Bei Sokrates, einem seiner Entdecker,
heißt es in der Sprache seiner Zeit und Gesellschaft 2 "irgend
ein Gott", also ein nicht identifizierter oder identif izier-
barer, #£05- . Zwar liegt darin zugleich der Ansatz zu einer
Personifikation, die weiterzuentwickeln auch wir geneigt sind,
wenn wir dem Guten und Bösen eine Art objektiver, von unserem
Seelenleben losgelöster und an dieses nicht gebundener Existenz
zuschreiben. Doch das hohe Gut, das Sokrates uns hinterlassen hat,
ist die Gewißheit, daß wir es virtuell in uns haben und es nicht
von einem deus ex machina zu empfangen brauchen.
Karma
In allen Erdteilen und zu allen Zeiten gläubige und denkende
Menschen oder solche, die zwischen Glauben und Denken schwankten,
der Frage gegenüber, warum es den Bösen gut gehe und die Guten
leiden. Das großartigste Dokument des Ringens mit diesen Zweifeln
ist sicherlich das Buch Hiob. In der noch vorphilosophischen
früh-indischen Gedankenwelt war es die Idee der Wanderung und
wiederholten Fleischwerdung der Seele, die zur Begründung eines
beneidenswerten oder beklagenswerten Loses herhalten konnte und
mußte, unter der Voraussetzung, daß Verdienst oder Staf Würdigkeit ,
auch die neugeborener Kinder, in einem früheren Leben erworben
sein konnte. Der alte, wenn auch nicht älteste Hinduismus nennt
Lohn und Strafe Karma. Doch ist das nicht Vergeltung durch einen
Gott, denn keine beurteilende oder richtende Instanz schaltet sich
zwischen Tat und Folge ein. Es ist ein eigenartiger Automatismus,
vermöge dessen die Taten selbst von ihrer Vergeltung gefolgt sind,
sie direkt ursächlich auslösen, u.zw. in kommenden Reinkarnationen.
Es ist ein zweischneidiges Schwert, denn einerseits bedeutet es
eine absolute, über jede Willkür erhabene Gerechtigkeit, aber ander-
seits fesselt es den Menschen für immer durch eine unentrinnbare
Notwendigkeit 25). öamit versperrt das Karma den Weg zur Idee des
nll Di?.a?-te2 Recken- ha°en den Begriff einer metaphysischen
^t^^t9**"^** doch bei iimen ist es <*er ein mytho-
logisches Motiv, durch das nur die Macht der Götter beschränkt,
^L-^?SC£ ab£jL.nxch'? konse<luent gebunden erscheint. In der
!?ä^iS°£en J^ogonie, ^hw. Theogonie, bildet diese Notwen-
digkeit eher den Ausgang spunkt als eine das Geschehen für alle
Zukunft bestimmende Macht.
freien Willens, der auch wenn wir ihn metaphysisch nicht unein-
geschränkt gelten lassen können, für jede Ethik als solche uner-
126
läßlich ist, weil die Verantwortung mit der wenn auch
nur relativen Willensfreiheit steht und fällt 25)» Der
25) Vgl. S. .
Jainismus und der Buddhismus empfingen die Idee des Karma
vom Hinduismus und unternahmen in ihren Spekulationen kühne
Versuche, sie mit den fundamentalen Erfordernissen einer
praktisch brauchbaren Ethik auszusöhnen.
Chinesische Prinzipien
In den ältesten Urkunden chinesischer Metaphysik ist
das Universum als aus ssan ts'ai, drei Mächten, "bestehend ge-
dacht, die der Himmel, die Erde und der Mensch sind. Daraus,
daß wir nur das dritte der Elemente des Seins sind, ergibt sich
für uns eine eher bescheidene, aber sichere Rolle im WeltgaarfP
zen. Wir folgen der Führung der Natur, die als ebenso dyna-
misch wie regelmäßig vorgestellt wird, u.zw. der Natur in
ihren beiden Aspekten, dem kosmischen und dem tellurischen«
Daß wir der Natur folgen, wird zugleich feststellend als
Tatsache behandelt und als an sich höchst verdienstlich
postuliert. Der Anschluß an die Natur wird uns zum Segen
und er ist es, der uns unsere volle Identität gibt. Das
sittlich Gute und die Glückseligkeit v/erden dadurch kv,mxx%&
eins 26). Es hat die logische Doppelfunktion von Voraussetzung
26) Dieser Grundgedanke kehrt in den besten ethischen
Systemen mehrerer Völker wieder.
pga xVMKaaa und Folge zugleich, daß der Mensch ursprünglich
gut ist 27).
27) Vgl. S. .
Die griechische Philosophie und ihre Ethik
Im Vergleich mit chinesischem Geist und der ganzen Ideen-
welt des übrigen Orients scheint dem griechischen Denken von
dem beinahe noch legendären Genie des Pythagoras bis zu den
Neuplatonikern und den spätesten Aristotelikern nur ein ein-
ziges Prinzip gemeinsam zu sein, u.zw. die zentrale Rolle
des keuschen, wie sie Protagoras am einfachsten proklamierte:
Das Maß aller Werte ist der Mensch, jtiviuy ^ ^itiov /i^txqov ZyMponof.
Obzwar alle untereinander so herrlich verschiedenen Schulen
das Gute (ro tyccüov ) empfehlen und die Tugend ( *?ct^ )
preisen, kann erst das Werk Zenos und der Stoischen Schule
127
als ein eigentliches System der Ethik bezeichnet v/erden.
In diesem ist dem konsequenten Anhänger moralischer Grund-
sätze der höchste Rang unter den Geschöpfen zuerkannt. Er
wird als Überwinder der Notwendigkeit gefeiert, der die
Kette von Ursache und Wirkung zerreißen konnte und stärker
ist als das Schicksal. Die Stoiker, zu denen auch "bedeutende
Römer gehören, wie Seneca und der Kaiser Marcus Aurelius,
gehen so weit, Ethik nicht als ein Entwicklungsergebnis
anzusehen, sondern als primär und zeitlos, ein lex naturae.
Von dieser und einigen verwandten Schulen ist die
andere Seite, der Eudämonismus , bzhw. Hedonismus, nicht so k
weit entfernt wie Viele glauben. Diese Schule bejaht wohl die
Lust als das Ziel, und selbst die "Vorbedingung, sittlichen
Lebens, doch ist es keineswegs die triviale, billige Lust,
sondern die Heiterkeit des Geistes, dessen Erlebnis und
Genuß seiner selbst. Der richtunggebende Meister dieser weit
verbreiteten und lange Geschichtsepochen umfassenden Strömung
ist ein in späteren Generationen und deren lebensf eindlichen
Lehren oft als Widersacher der Religion und Moral angegriffener
Denker, Epikur. Wer aber seine Werke nicht vom Hörensagen
kennt, sondern ihn auch nur ein wenig wirklich gelesen hat,
für den ist er ein maßvoller Reformator und einer der frei-
esten Köpfe eines freien Volkes, ein eigenartiger Wegweiser
durch Sittlichkeit zur Glückseligkeit.
Von den Denkern des Mittelalters und der Neuzeit wird
wohl gesagt werden können, daß sie ihren geistigen Ahnen an
Originalität, aber nicht an Tiefe nachstehen. Im Denken des
Mittelalters und der frühen Neuzeit waren die alten Probleme
noch nicht gelöst. Begründer von Systemen, wie die Christen
Abelard, Bonaventura, Thomas von Aquino, Roger Bacon ,
Duns Scotus, Hugo Grotius und wohl auch Bentham, die Juden
Maimonides und Spinoza und die Mohammedaner Avicenna und
Averroes nahmen das alte Ringen mit den Fragen gerechten
Lebens und seines Zieles wieder auf, doch war ihr Forschen
in theologische Schwierigkeiten verwickelt und dementsprechend
erschwert. Wenn Viele einem Maimonides das Verdienst zuerkennen,
sein gewaltiges Lebenswerk sei die Ifepsöhnung zwischen der S
127a
Der gute Wille ist nicht durch das, was er 3s
bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine
Tauglichkeit zur Erreichung irgend eines vorge-
setzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen,
d.i. an sich, gut, und, für sich selbst betrachtet,
ohne Vergleich weit höher zu schätzen als alles,
was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung,
ja wenn man will, der Summe aller Neigungen,
nur immer zustande gebracht werden könnte.
Kant, Grundlegung zur Metaphysik
der Sitten
Endlich gibt es einen Imperativ, der, ohne
irgend eine andere durch ein gewisses Verhalten
zu erreichende Absicht als Bedingung zum Grunde
zu legen, dieses Verhalten unmittelbar gebietet.
Dieser Imperativ ist kategorisch. Er betrifft nicht
die Materie der Handlung und das, was aus ihr er-
folgen soll, sondern die Form und das Prinzip,
woraus sie selbst folgt, und das Wesentlich-Gute
derselben besteht in der Gesinnung, der Erfolg
mag sein, welcher er wolle. Dieser Imperativ
mag der der Sittlichkeit heißen.
Ebenda
128
überkommenen Theologie und völlig freiem philosophischen
Denken, so kann objektiv vergleichende Prüfung wohl das
kühne Bestreben anerkennen, aber das Ziel nicht erreicht
finden. Ihn und wohl alle Philosophen des Mittelalters
ließ Religionsgebundenheit nie dazu gelangen, was sie nur
in vollkommener Geistesfreiheit hätten erreichen können.
Aus der Zwiclaaühle mancher harten Tatsachen, wie etwa
unheilbaren Krankheiten neugeborener Kinder, gab es für
eine theologisch umrahmte, einem Glauben untergeordnete
Ethik keinen logischen Ausv/eg, sondern nur ein im Grunde
apologetisches Bemühen, dessen Tragik nur die ebenso Gebundene!
übersehen können, Der gemeinsame Nenner aller Kant vorausgehenden
ethischen Ideen war ihre Beziehung zu bestimmten Zwecken und
ihre Rechtfertigung durch diese. Gegenüber allen auf Zwecke
gegründeten Deduktionen und Postulaten war Kants Prinzip
einer Sittlichkeit um ihrer selbst willen die erste unab-
hängige Ethik und die reinste und freieste aller bestehenden
Morallehren.
So war das Denken seit der Antike ein Antagonismus
verschiedener Zweckhaf tigkeiten, auch der erhabensten, auf
der einen Seite, und des KanSschen Absolutismus der Ethik
auf der Andern. Sollte zwischen diesen großen Gegensätzen
nicht eine dritte Lösung möglich sein? Vielleicht liegt sie
in einer Ethik der Vollkommenheit.
Die Idee der Vollkommenheit
Als ihr Symbol kann der Kreis gelten, denn gx ±s± in ihm
ist seine platonische Idee gänzlich verkörpert, da er mit dem
Begriff der Bewegung in einer Ebene in immer gleichem Abstand
von einem Punkt identisch ist^ Diese Idee ist jedoch nicht auf
die von Plato gelehrte außerweltliche Existenz beschränkt. Sie
ist zugleich das Vollkommene mitten im Unvollkommenen, das
virtuelle Vorhandensein der Vollkommenheit in unserem Dasein.
Obzwar der Kreis, den wir zeichnen können, immer nur eine un-
genaue, aus unregelmäßigen Quantitäten von Materie bestehende
Kurve sein kann, beweist er die Anwesenheit des Kreises als
eines Prinzips und daher seine Realität. Die Realität des
Prinzips besteht darin, daß es wirkt, daß Polgen sich aus
ihm ergeben. Dank dieser zweifachen Existenz des Kreises,
der idealen und der konkreten, verstehen wir, daß uns in
129
unserer Wirklichkeit ein Anteil am Absoluten gegeben ist;
und daß in unserer Fehlerhaftigkeit das Ideal wohnt.
Das ist die Funktion des Ideals in unserem leben:
Gleichsam abwesend und für ewig unerreichbar, doch immer
führend erhebend, gestaltend, schaffend. Zerstörerische
Kräfte bekämpfen es unablässig und besiegen es immer wieder,
sowohl in der sogenannten Außenwelt als auch in uns selbst.
Dieser nie endende Kampf selbst ist unser ewiger Sieg. Das
Streben ist das Erreichen.
Menschliche Vollkommenheit
Indem die Menschheit in ihren Legenden Gestalten frei
erfand und historische Persönlichkeiten verschönerte und ver-
größerte, schuf sie sich die Vorbilder, nach denen sie sich
sehnt, die sie anzubeten und xwj zu denen sie sich zu erheben
wünscht. Durch Nachahmung solcher Gestalten ahmen die Leute
hauptsächlich ihre Illusionen nach. So haben verschiedene Kul-
turen die eigenen Charaktere in ihre Übermenschen projiziert.
Wie jene Kulturen und ihre vielen einzelnen Träger, sollten
nicht auch wir das Recht haben, den Vollkommenen zu schildern
wie unsere Phantasie ihn formt?
Gleich den Königen der Sage, die unter den gewaltigen
Schwingen göttlicher Beschützer herrschten, schließt sich
auch unser vollkommener Mensch hohen Mächten an. Die Kräfte
der Natur sind seine Väter und Mütter. Weder erobert noch
bedrückt er, noch auch helfen sie ihm, solches zu tun. Er ist
allen lebenden Wesen der Freund; Vater-Mutter, Brüder und
Schwestern sind mit ihm. So ist seine Kraft unermeßlich, und
von Zeit zu Zeit wird uns erzählt, er habe Höhere übeirwunden,
das Joch von Weltgesetzön%abgeschüttelt , das Schicksal besiegt.
Er ist der Gerechte. Wo die Sonne aufgeht und wo sie untergeht,
wissen Leute von seiner uferlosen Weisheit. Was keiner je er-
fuhr, ist sein Erbe. Viele sagen, er habe viel gelernt, aber
Andere wissen zu berichten, er habe nie gelernt und immer
gewußt. Quellen rauschten, vertrauten ihm ihre Geheimnisse an,
Büsche flüsterten, sagten es ihm, er lauschte Vögeln, blickte
Kühen in die Augen, Sterne brachten ihm Kunde. Mit ihnen schloß
er einen Bund. Sie alle sind er, und er ist sie. Er tut keinem
ein Unrecht, er könnte es ja nicht, sonst würde er es sich
130
selbst tun. Der Duft der Felder ist mit ihm, Bäume geben ihm
ihre Frucht.
Wie jene Ahnen, ist auch er eins in Leib und Seele.
Solange er dem Bund der Natur treu bleibt, weiß er nicht,
was Krankheit sei. Langes leben ist sein rechtmäßiges Erbgut.
Nicht kennt er die Lüste von Entarteten noch verläßt er die
Natur, um es mit den Asketen zu halten. Er segnet die Schön-
heit der Welt und Urenkel singen von seiner Weisheit, seiner
Reinheit, seinem Glück.
Die Ethik und das Verbrechen des Krieges
Pourquoi me tuez-vous? - Eh quoi,
ne demeurez-vous de l'autre c6te
de lf eau?
Pascal, Pensees
Der Krieg, den Menschen gegen Menschen führen, ist nicht
so alt wie die Menschheit. Ich wage zu behaupten, daß es erst
spät zu den ersten Kriegen kam, nicht vor der Jüngern Stein-
zeit. Die Waffen früherer Perioden sind nicht gegen Menschen
gemacht, sondern gegen Tiere. Selbst als der Mensch schon sein
idyllisches Leben auf Bäumen aufgegeben hatte und statt ihrer
kräftigenden Früchte das anstachelnde, aber schwächende Fleisch
von getöteten Tieren aß, bestand noch lange kein Grund dafür,
daß auch die wenigen Menschen blutig aneinander gerieten. Erst
als Landwirtschaft, Seßhaftigkeit, Aufhäufung von Vorräten,
Halten von Herden, Landbesitz und Ungleichheit den Anreiz für
Neid, Haß und Gier hervorbrachten, und das halbf er^^e^lchon
freie Hand hatte, Menschen auch dazu zu bringen, was nicht in
ihrer Natur lag, waren die Voraussetzungen für brutale Agres-
sion geschaffen. Das geschah also während des Neolithikums,
das in Europa viel später begann und entsprechend später be-
endet war als im Orient. Unter jenen immer noch nicht zahlrei-
chen Menschen waren unsere wirklichen Ahnen. Hasch lernten sie,
kollektiv zu rauben, zu morden und Nachbarn in die Sklaverei
zu schleppen. Verbesserung der Methoden und Waffen führte mit
gewissen Rückfällen in das Atomzeitalter.
Die Vorbilder der Menschheit sahen das nimmer endende
Schlachten von Unschuldigen und hörten das Geschrei des Kampfes
und die Verzweiflung der Opfer. Doch in ihren unsterblichen
Lehren suchen wir vergeblich nach irgend einer adäquaten Ver-
urteilung des großen Verbrechens, das der zweite Verrat des
131
Menschen an sich selbst war. Die Weisheit Mesopotamiens war
mit den Bahnen der Planeten und ihren Umlauf Zeiten vertraut,
aber dachte nicht an Wege zur Einstellung des chronisch gewor-
denen Gemetzels» Das alte Ägypten war weniger blutdürstig,
doch selbst in den herrlichen Hymnen eines Genies wie des
friedensliebenden Königs Echnaton ist kein deutliches Wort
gegen den Krieg zu finden. Die großen griechischen Philoso-
phen schwiegen über das dringendste aller Themen. Über das
unrühmliche Schweigen hinaus lobte noch ein Sokrates militä-
rische Tapferkeit. Nur vom Pazifismus des Pythagoras haben
wir eine nicht ganz vage Vorstellung. Durch Kleinasien konn-
ten ihm Ideen des weiteren Morgenlandes zugänglich geworden
sein. Vielleicht solche der biblischen Propheten, von denen
einige der späteren seine Zeitgenossen waren. Vielleicht 9cse%
gelangten Gedanken aus Indien bis zu ihm.
Auf dem indischen Subkontinent war ja religiöse Abnei-
gung gegen Tötung von alter sher zu Hause. Man muß sich daher
eher darüber wundern, daß sie nie zu allgemeiner und radikaler
Ablehnung des Krieges geführt hat, daß vielmehr schäbig selbst-
süchtige Politik viele Kriegsunternehmungen zur Folge hatte.
Auch der Buddhismus war als Lehre des Friedens nicht konsequent
und in den geographischen Gebieten seiner Ausbreitung wie in
verschiedenen Generationen von stark ungleicher Wirksamkeit.
Im dritten vorchristlichen Jahrhundert führte Ashoka, der erste
buddhistische König, eine ausgesprochen pazif istisbhe Politik,
aber schließlich wurden buddhistische Mönche Ostasiens zu be-
waffneten kriegerischen Horden.
Obwohl in der ältesten Literatur Chinas, soweit sie er-
halten ist, markante Friedenslehren nicht zu finden sind,
deuten die der späteren Philosophen auf eine weit zurückreichen-
de Tradition. Der chinesische Charakterf^wof ern es einen
einem ganzen, namentlich einem so großen Volk eigenen Charakter
überhaupt geben kann, in einer viertausendjährigen Geschichte
keine unzweideutige Kriegslust bekundet. Die T 1 ang-Periode
(618-907), die in der Regel als besonders militärisch gesinnt
hingestellt wird, war das Ergebnis dynastischer Herrschsucht,
des Expansionsdranges und wiederholter Zusammenstöße von
Sippschaften, für die nur eine ganz unkritische Ge Schicht sse-
schreibung die Massen verantwortlich machen kann. Im Gegenteil,
132
es waren die Gefühle des Volkes, die ihren Ausdruck im
schönsten Gedicht jener Zeit fanden, in dem Li tai po
jeglichem Krieg fluchte.
Im Osten jener Mittelmeerländer, die zum Schauplatz
unaufhörlicher Kriege geworden waren, und westlich von jenem
Zweistromland, in dem Völker wie das ohne Erbarmen verfolgte
Jagdwild lebten, erstanden die Propheten. Die früheren bib-
lischen Bücher sind ganz und gar nicht pazifistisch. Aber die-
selben Revolutionäre, die alle gebotenen blutigen Opfer ver-
warfen, verkündeten auch ewigen Frieden, in Visionen, deren
Größe wir nur im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte erfassen
können, wie ässg Jesaja 11,2-4; IX, 6; XI, 6-9} Arnos IX, 15-15;
Micha IV, 1-4. Ihre frühesten uns bekannten Nachfolger lebten
erst Jahrhunderte nach ihnen. Es waren die Bruderschaften der
Essäer, von denen wir gerade genug wissen, um ihre historische
Rolle als Pazifisten und Vegetarier würdigen zu können* 20).
2^)Vgl. S. 7
Es ist geradezu undenkbar, daß zwischen ihnen und der
ersten Christengemeinde nicht ein gewisser Zusammenhang
bestanden haben sollte. Einige Stellen des Neuen Testaments
sprechen scheinbar dagegen, da von Fleischgenuß a^drück\ich
die Rede ist; doch nur seitens der Jünger, iinTtuf^in^pbetle
geht hervor, daß Jesus selbst Fleisch aß. Auch werden Soldaten
wie jeder andere Beruf nur berichtend und ohne besondere Kritik
erwähnt, was für die Annahme des Pazifismus eher ungünstig ist,
obzwar anderseits die Idee der die Feinde einschließenden
Liebe (Matth.V,44) mit der Billigung des Krieges schwerlich
zu vereinbaren gewesen wäre. Diskrepanzen müssen also wohl
beachtet werden, aber sie heben die Wahrscheinlichkeit einer
teilweisen Identität xhh des ersten Christentums mit Lehre h
und Lebensführung der Essäer nicht auf. Denn die Essäer waren*
keine Partei oder Sekte, sondern eine Bewegung, zwischen deren
einzelnen Gruppen, die z.T. Orden|waren, bedeutende Unterschiede
bestanden, geistige und praktische, wie z.B. in ihren Auffas-
sungen von Askese. Daß der Messianismus, der zu den Bindeglie-
dern des ganzen Volkes gehörte, in den essäischen Lehren eine
zentrale Stellung einnahm, ist sicher. Angesichts der losen
Verbindung der essäischen Gruppen unter einander kann also s
angenommen werden, daß das Urchristentum aus einer von ihnen
hervorgegangen ist. Essäischem Geiste entsprach es auch
133
durchaus, daß damals von einer gewaltsamen Verbreitung des &
Glaubens noch keine Rede sein konnte; auch die Idee einer
Einbeziehung von Heiden war noch nicht aufgetaucht.
Wenn man ferner versuchen will, zu einer objektiven
Gesamtbeurteilung der Ethik des Späteren Christentums zu
gelangen, und insbesondere zu einem Ergebnis über seine
Haltung zum Kriege, ist es ungemein schwer, der Versuchung
naheliegender und doch völlig unzulässiger Rückschlüsse zu
widerstehen, wie etwa von den Quäkern und vielen andern
selbstlosen Pionieren des Friedens und der Menschlichkeit
auf vorausgegangene Epochen und Richtungen; oder von Idee
und Praxis grausam ausgerotteter Minoritäten auf die herr-
schende Kirche. Wir können z.B. , heute unvoreingenommener
als je, an das furchtbare Martyrium der Albigenser denken,
die durch Inquisition und einen mörderischen Kreuzzug ins-
gesamt umkamen. Oder an die fast vernichteten Waldenser.
von denen es> WBfflmm r&oc n Tiesree* g«b Wir haben, alles
in allem, wohl die beste Aussicht, der Kirche, und nach den
Teilungen auch noch jeder Kirche für sich, Gerechtigkeit wider-
fahren zu lassen, wenn wir sie als komplexes und Änderungen
unterworfenes Gebilde betrachten. Und umgekehrt, je konser-
vativer wir an der Vorstellung von einheitlichen Mächten
festhalten, desto weniger verstehen wir die Geschichte und
desto mehr Rätsel bietet sie uns. Darüber hinaus ist diese
unreife, von emotionalen Motiven durchsetzte simplifizierende
Geschichtsauffassung selbst zu einem Faktor geschichtlichen
Geschehens geworden. Sie begünstigt jene billig schematisieren-
den Verallgemeinerungen, von denen auch nichtreligiöse poli-
tische Strömungen, wie etwa der Faschismus, beherrscht und
teilweise sogar venJsacht sind.
Die Uneinheitlichkeit und Bewegtheit trifft in noch sinn-
fälligerer Weise für die ethische Stellung der christlichen
Philosophen und für ihre Beziehung zur Frage des Krieges zu.
Auch in dieser Hinsicht erhebt sich Kant über alle. Auch wenn
er nicht mehr vollbracht hätte als jenes Manifest für den
ewigen Frieden zu schreiben, wäre sein Genius einer an
schöpferischem Geschehen immerhin reichen Zeit weit genug
vorausgeeilt. Doch auch die unsere spricht seiner Verkündung
Hohn, und mehr als jede frühere, da Krieg einen Sinn beko:
134
hat, den er nie hatte, als noch kein Despot inder Lage war,
zu tun, was heute ein demokratischer Präsident oder ein
kommunistischer Diktator ge|benenf alls kann, das Leben auf
diesem Planeten ertöten. Wodurch jeder konventionelle Klein-
krieg zum potenziellen Auslöser des totalen Untergangs wird.
Wenn wir die Haltung eines Kant, der in einer Zeit
geringeren, aber fast ununterbrochenen Blutvergießens lebte,
zum Augangspunkt machen, ra damit uns auch die ethische Stel-
lungnahme der neuesten Philosophie klarer werde, müssen wir aa*
zunächst der zahllosen denkenden und doch in ihrer Mehrheit
einfachen Menschen bewußt werden, die, von brennender Sorge
um das Los der Menschheit in verzweifelte Opposition getrie-
ben, ihre Stellung, ihr Brot, und in nicht wenigen Fällen ihr
Leben gefährden oder es sogar nach dem Vorbild von Heiligen
früherer Zeiten buchstäblich opfern. Wir müssen zugleich
jedes gutwilligen Menschen von heute gedenken, der ursprünglich
nichts wollte als in Frieden leben und arbeiten, aber durch
die Realität in die Problematik der Zeit und in den politi-
schen Kampf gedrängt wurde. Von eben dieser Realität und von
der Not des einfachen Menschen her gesehen, nimmt es Wunder,
daß die meisten zeitgenössischen Denker überhaupt umhin kön-
nen, im grellen Licht der Gegenwart die Fragen von Sein oder
Nichtsein aufs neue zu ihren zentralen Themen zu machen und
sich so vielfach mit Problemen beschäftigen, denen überzeugende,
nämlich menschliche Aktualität abgeht; und die auf dem schau-
rigen Hintergrund unserer unaufhörlich drängenden Zeitprobleme
uns durch ihre Belanglosigkeit befremden. In der Philosophie
versteht es sich ja von selbst, daß Aktualität mit der des
Journalismus nicht gleichbedeutend sein kann. Im Philosophie
sehen Denken würde es darum gehen, mit dem erhöhten Ernst
erhöhter Verantwortung sich auf diejenigen Untersuchungen
oder Erörterungen zu konzentrieren, die leicht die letzten
sein könnten und schon darum die eigentlichen, die wesentli-
chen sein sollten. Und zugleich auf welcher Ebene immer den-
jenigen beizustehen, die sich um Abwehr der Katastrophe
bemühen.
Das in einem bedauerlichen Sinne zeitabgewandte Denken
scheint mancher innerhalb unserer Zeit spezifisch gewordenen
Fragen nicht gewahr zu werden, namentlich derjenigen, die den
nach Frieden verlangenden und der Verzweiflung chronisch nahen
135
Menschen sowohl theoretisch und prinzipiell als auch enorm
praktisch bedeutsame Schwierigkeiten entgegensetzen. Die
Bejahung des Friedens, bzhw. die Verneinung des Krieges,
kann absolut oder relativ sein, und von dieser Entscheidung
hängt eine ganze Serie weiterer schicksalsschwerer Entschei-
dungen ab. Wie steht es also mit dem Gebot der Selbstwehr?
Gegen was für einen Feind ist sie ein Recht, in was für Fällen
Pflicht? Bezieht sie sich ausschließlich auf den eigenen
Körper oder auf die Famil^e1^ Freunde , die Heim^^daa Volk?
In den für die politische Ethik un^e^s^'ja^nunderts^ildete
diese Schicksalsfrage ein überaus großes Problem; im Text des
Briand-Kellog-Paktes und in manchen andern Dokumenten bedeu-
tender Friedensbemühungen ist die nicht restlos überwundene
Schwierigkeit noch fühlbar. Gewiß, es gibt auf dieser blutge-
tränkten Erde auch Menschen, die beschlossen haben, nie und
unter keinen Umständen eine Waffe zu berühren. Sicherlich ge-
bührt ihnen höchste Achtung, aber es ist schwer, zu beurteilen,
ob es das Ausbleiben von ganz schwierigen und zwingenden Situ-
ationen in ihrem Leben ist, das ihnen ermöglicht, die eines
Heiligen würdige Integrität bis ans Ende aufrechtzuerhalten
oder ob es doch einen Ernstfall geben kann, dem ihre Unbeugsam-
keit nicht gewachsen wäre. Es ist, um eine Situation aus unse-
rem Jahrhundert zu zitieren, eine genügend verbürgte Tatsache,
daß unter den Warschauer §hettokämpf ern, den lebenden Skeletten,
die gegen die deutsche Armee mit selbstgemachten Molotowf laschen
und Museumsgewehren losgingen, manche waren, die zum ersten
Mal ein Kriegsgerät in der Hand hielten. Gereicht auch ihnen
die Relativität ihres Pazifismus oder ihre Inkonsequenz zum
Vorwurf? Die Tragweite der Frage erhellt einfach aus dem Um-
stand, daß die prinzipielle Zulassung der Verteidigung jeder
Erweiterung und schließlich jedem Mißbrauch Tür und Tor öffnet.
Vergessen wir nicht, daß so ziemlich jeder Angriff heute Ver-
teidigung genannt werden kann und auch tatsächlich genannt
wird. Trotz einigen achtbaren Versuchen ist das also eines ä
der noch nicht wirklich gelösten Probleme. Es ist aber auch
eine der Schwierigkeiten, die keinen billigen Aus?/eg vertragen.
Die adäquate Lösung müßte sowohl für Jedermann verbindlich x
sein können, u.zw. im Kant» sehen Sinne, als auch ausnahmslos
in jeder Lage anwendbar sein. Ich gebe zu, eine solche, die
diesen Anforderungen vollkommen entspräche, noch nicht bieten
■
136
zu können. Ich fürchte, daß Viele immer noch, wer weiß wie i
lange, mit den Besonderheiten jeder Situation emotional
und ideologisch zu ringen haben werden, um der vollen Zu-
stimmung ihres Gewissens sicher au sein.
Außer den ethischen Fragen, die mit den Bemühungen um £
Rettung des Lebens auf Erden direkt zusammenhängen, gibt es
solche, bei denen es - unter der Voraussetzung der Abwehr
des nahenden Untergangs - um Möglichkeiten einer bessern
Zukunft geht. Wir alle sind nach Systemen erzugen worden,
die uns Heldenverehrung lehrten, wobei unter dem Helden ^rhr*-
schlechtweg, auch ohne ausdrückliche Definition, der Kriegs-
held gemeint war. Zur Prüfung der grundlagen einer Erziehung,
deren Ergebnisse in vielen Belangen unser Denken bestimmen,
müssen wir uns vor Augen halten, daß alle Interessengruppen
ihre spezifische Auswahl von Tugenden zu treffen pflegen
und diese in ihren Erziehungsmethoden zur Geltung bringen.
In einer auf Sklaverei oder Feudalismus gegründeten Gesell-
schaft galt blinder Gehorsam als besonders rühmenswerte Tugend,
während die Funktion der Kriegführung in dieser Gesellschaf t
wie in jeder andern die stammverwandte Tugend des Heroismus
erfordert. Blinder Gehorsam wird nicht mehr mit der alten
Allgeme ingilt igkeit und mit dem altgewohnten Nachdruck als
Zier des Mannes angesehen, seit die gesellschaftlichen Bedin-
gungen einige Änderungen erfahren haben. Doch auch die imnenx
noch so aktuelle, den Erfordernissen der Kriegführung ent-
stammende und ihr gemäße Verehrung des Kriegers, der seine
Mitmenschen tötet, müßten wir endlich überwinden, seit die
Zweckhaf tigkeit dieses Ideals und seine Herkunft aus Inter-
essen so durchsichtig geworden sind. Zugleich sollten wir zu
verstehen beginnen, daß der Kriegsheld selbst, ob er nun
mit dem Leben davonkam oder kämpfend fiel, irregeführt und
geopfert war. Wann also wird die Jugend lernen, den kon-
struktiven Arbeiter, den Forscher, den Schöpfer und den
Liebenden zu bewundern?
Analoge Tendenzen führten zu verhängnisvoller Hypertro-
phie der natürlichen Beziehung des Menschen zu seinem Volke
und seinem Lande. Sowohl der ungeschminkte Faschismus, auf
den ich von andern Gesichtspunkten her zurückkomme, als auch
dessen diverse Verkleidungen üben noch immer eine fatale
Macht über die Majorität der Menschheit aus. Die kommunistischen
137
Länder, die den Faschismus auf das schärfste verurteilen
und ihn als den Hauptfeind bekämpfen, haben niemals konse-
quenten Internationalismus eingeführt, sondern manchen Ersatz
faschistischen Benehmens und faschistischer Phraseologie
aufrechterhalten. Es braucht wohl nicht besonders aufgezeigt
zu werden, daß das andere Lager, in dem die bekannten Seuchen-
herde stärker fortwirken, noch viel weiter geht. Wo in aller
Welt wird ein Handeln, eine Bemühung, ein Opfer für die
Menschheit höher bewertet als ein entsprechendes Tun für
einen ihrer Teile, wo gilt Humanismus mehr als Patriotismus?
Die Ethik und das Verbrechen der Versklavung
Es geht nicht um die verschiedenen Anwendungen, nicht
um den besondern Punkt innerhalb des weiten Umfangs eines x±
vielgestaltigen Verbrechens. Nicht um den Unterschied zwischen
dem Lebendbegraben oder Schlachten von Sklavenim im Grabe bei
der Bestattung von Königen, wie es in Sumer Brauch war, und
den Milderungen des Loses der Knechte, wie sie das seiner Zeit
vorauseilende mosaische Gesetz vorsah. Es ist auch weder der
Gegensatz zwischen dem relativ erträglichen Schicksal der
Versklavten in Griechenland und ihrer grausigen Behandlung in
Rom, besonders in den Bergwerken, noch sind es die Abgründe
des neuzeitlichen Sklavenhandels. Es ist die Institution selbst,
die unserem Stolz auf unsere Zugehörigkeit zur Menschenrasse
einen unaufhörlich schmerzenden Schlag versetzt.
Allerdings haben wir nicht mit jenen abzurechnen, die
Überfälle, Menschenraub, Folter und Mord von Wesen wie wir
seit vorgeschichtlichen Epochen bis in die Neuzeit verübten,
sondern mit unsern moralischen Führern, die dessen Zeugen
waren und es duldeten. In den klassischen Werken von Plato
und Aristoteles findet sich keine Spur einer Verdammung der
Ungeheuerlichkeit, aus der sie persönlich Nutzen zogen. In
dieser geistigen Höhenluft stoßen wir sogar auf Äußerungen
der Verachtung jener Unglücklichen, deren Geschick den glück-
lichen Weisen nur dank Zufällen erspart blieb, da in ihren
Zeiten jedes Kind und selbst jeder Erwachsene leicht geraubt
und Sklavenhändlern oder Sklavenhaltern verkauft werden konnte.
Ohne übertriebene Phantasie können wir uns vorstellen, daß
unter den Unzählbaren, deren Persönlichkeit auf diese Weise
vernichtet wurde, auch solche waren, deren Anlagen denen
138
unserer großen Lehrer ebenbürtig waren. Von den elementar ethi-
schen Erwägungen der bedeutendsten Denker waren somit alle
jene Opfer ausgeschlossen, deren ursprüngliche Gleichwertig-
keit und Unschuld keinem Zweifel unterligen konnten. Eicht
die Menschlichkeit der Philosophen, sondern nur ihr Nationalis-
mus regte sich insofern als sie sich gegen das Halten griechi-
scher Sklaven in Griechenland aussprachen. Die Epikuräer,
deren meiste auf ein ungestört genußreiches Leben besonders
bedacht waren, mochten am allerwenigsten auf die Sklavenarbeit
verzichten, die sie selbst jeder Anstrengung enthob. Die Stoi-
ker verschanzten sich in ihrer Indifferenz gegenüber der auch
für sie derart bequemen Institution, indem sie ihrer nur als
eines belanglosen Umstandes Erwähnung taten; einwandfreie
Bewertung dieser unbeirrbaren Weisen ergibt sich aus der ein-
fachen Präge, ob etwa einer von ihnen das §eschick der Sklaven
als belanglosen Umstand angesehen hätte, wenn er selbst das
Opfer gewesen wäre. Da also selbst im Bereich der antiken
Philosophie jeder erzieherische Einfluß fehlte und kein Pionier
auftrat, war die Freiheitsberaubung eines Teiles der Mensch-
heit für die Ausnützer eine solche Selbstverständlichkeit,
daß das Trägheitsgesetz unbehindert v/alten konnte. Wenn etwa,
was theoretisch möglich gewesen wäre, Marc Aurel die Sklaverei
hätte abschaffen wollen, hätte er gewiß einen riesenhaften
Aufstand und Bürgerkrieg riskiert, aber er scheint es nie auch
nur erwogen zu haben, zumal ein das Los der Sklaven noch ver-
schärfender Paragraph ihm zugeschrieben wird. Was die privaten
und Klasseninteressen gefährdete, wurde also dem ethischen
Denken der griechisch-römischen Antike zum Fallstrick, lockte
es unwiderstehlich in die Selbstnegation.
Was Christen über Sklaverei dachten, war nie homogen.
Auch die christlichen Kaiser Horns schafften das Ungeheuer
weder ab noch verurteilten sie es. Priester waren Sklavenhalter.
Erst fünf Jahrhunderte nachdem Christus geboren war, saäss&&k
beseitigte Justinian ein Greuel, nicht etwa die eigentliche
Knechtung von Menschen, sondern nur die Vorstellungen ihrer
blutigen Kämpfe mit wilden Tieren zum Vergnügen der Zuschauer.
So überlebte die Sklaverei das römische Weltreich und viele
späteren Mächte. In den Südstaaten Amerikas waren die meisten
Kirchen für Milderung der Sklaverei, aber ihrer Aufhebung ab-
hold. Schließlich war es dennoch christlicher Geist, der
139
an der Sklavexibef reiung einen Hauptanteil hatte + namentlich
unter den Völkern des englischen Sprachkreises,
Das Scheusal ist aber noch nicht tot. Nach in der Encyclo-
paedia Britannica vorliegenden Schätzungen wurden in arabi-
schen Ländern noch gegen Ende der ^Oeio Jahre unseres Jahrhun-
derts 500.000 bis 700.000 Sklaven gehalten. Neuere Berichte
gibt es meines Wissens nicht. Der Unterschied gegenüber der
Vergangenheit besteht j edenfalls darin, daß alles, was sich
ethisch nennt, endlich dagegen ist. Für diese Stellungnahme
wäre das frühe Altertum die geeignete Zeit gewesen.
Mensch und Tier
In den Augen des neuzeitlichen Menschen, der nicht nach
Hechten fragt, sondern hauptsächlich in Kategorien faktischer
Macht denkt, ist das Tier eines der Materialien, die er zu s
seinem Nutzen oder zu seinem vermeintlichen Nutzen verwendet ;
solche Entartung seines Denkens ist freilich vom Ursprung
ebenso weit entfernt wie der heutige Mensch vom ältesten.
Zwar waren wir durch Jahrtausende Gefangene unserer Delusion
des Jagens und Fischens und sind neuestens in noch viel tie-
fere Abgründe des Mordens geraten. Die neue Wendung, die wäh-
rend des zweiten Weltkriegs einsetzte, brachte Vervielfachung
des Egoismus und der Destruktionssucht wie auch das weitere
Erlöschen positiver Gefühle; während der technologische Fort-
schritt, besonders der & chemische, Zerstörung in einem nie
geahnten Maßstabe ermöglichte. Doch besitzen wir in einer
Anzahl erhaltener Werke alter Kunst höchst beredte Zeugnisse
dafür, daß es der Menschenseele an Gegenkräften nicht ganz
fehlt. Es ist wohl berechtigt, daß solche Zeugnisse auf uns
den stärksten Eindruck machen, wenn sie mitten in einer blut-
rünstigen Umgebung auftauchen, wobei unter Umgebung sowohl
gesellschaft und Staat als auch die herrschende Mentalität g
gemeint sind. Die bedeutendsten jener Werke gehören der
klassischen Kunst Assyriens an. Um die in diesen fielief s
erkennbare Beziehung zum Tiere zu kennzeichnen, amcte benannte
ich diese Beziehung in meinem frühesten Buche nach
30) Das chinesische Vordergrundbild. Wien-Prag-Leipzig 1954
Bergson "communication sympathique" und "Sympathie divinatrice"
und nach Wundt "Einfühlung"™ Beide Denker hatten das intuitive
Verständnis eines Wesens und den aus einem solchen Verständnis
£W3ov*^ — > 3/) —5. 139 et
139 a
3<f) Vgl. Prov.12,10: Der Gerechte weiß die Seele seines
Viehs.. Hier sind alle klassischen Übersetzer fehlgegangen,
vielleicht unter dem Einfluß desjfc olgenden Halbverses, in
dem von Mitleid die Rede ist. Die Konkordanz des "Wissens"
beweist, daß die Begriffe Bergsons, und noch mehr der
vVundts, mit dem biblischen übereinstimmen.
resultierenden Yorgang einer Ar£\ Identif izierung/mit diesem
Wesen gemeint. Den assyrischen Darstellungen sterbender Tiere
sind eine Reihe chinesischer und japanischer Tiermalereien
und in gewissem Grade auch indische und persische Miniaturen
kongenial, währen europäische Künstler in der Erfassung von
Tieren nur ganz selten in solche Tiefen hinabstiegen. Und auch
jene einzelnen Meisterwerke des Westens sind von der Gefahr
eines gewissen Anthropomorphismus beschattet; wenn der AbecLlän-
der dem dargestellten Tier Seele verleiht, wird diese Seelen-
haftigkeit eher eine vermenschlichte als spezifisch animalische.
Was im Westen auf die Beziehung zum Tiere besonders nachhaltig
einwirkte, wobei der Begriff der Beziehung in einem allgemei-
neren Sinne verstanden sei, war der Rationalismus, der für die
Entwicklung auf den meisten Gebieten die eigentliche Verant-
wortung trägt. Die extrem rationalistische Tendenz war es
schließlich, die einerseits die Landwirtschaft und anderseits
die Lab Oratoriumspraxis dorthin brachte, wo beide heute sind,
in einem Zustand, in dem sie, der Zweckhaf tigkeit ganz ver-
kauft* und der Menschlichkeit beraubt, die Erniedrigung unserer
Spezies am treffendsten symbolisieren.
Die Wiedergeburt des Menschen und die Wiederherstellung
seiner ursprünglichen Beziehung zu den Mitwesen hängen not-
wendig voneinander ab. Eine umfassende Revision unseres Verhal-
tens zum Tiere bedeutet darum unsere Rückkehr zur Harmonie
mit dem Kosmos und mit uns selbst.
über Tod und Leben
Groß ist die Gemeinschaft der Menschheit, größer die
alles organischen Lebens. Noch weit größer als dieses ist jedoch
das Reich des anorganischen Seins, dessen Ausdehnung, Vielheit
und Kraft wohl keine Phantasie noch irgend eine andere mentale
Punktion adäquat erfassen kann. Aber noch unermeßlich größer
als alles Sein ist das Nichtsein, das Leere, Raum genannt.
Wenn wir die Theorie, auch dieses sei endlich, uns zu eigen
machten, würden wir in einencirculus vitiosus geraten; wir
wüßten ja nicht zu sagen, was es sei, das den Raum begrenzt,
was also jenseits des Raumes sei. Nur vergleichsweise können
wir das vom Nichtsein umgebene Seiende eine Insel im Ozean
nennen und diese Insel in unserer Vorstellung zu einem
Stäubchen machen. Vorgänge, zu denen weder die Erfahrung
noch der Gedanke je einen Zugang fanden, zogen immer den
141
poetischen Genius an, aus dessen lyrischem und narrativea
Ersatz für das Wissen religiöse Doktrinen gebaut wurden. Wir
nehmen ganz vage an, daß die geistige Welt von der organischen
stammt, die ihrerseits aus anorganischer Materie entstanden ist,
und wir sind geneigt, den Ursprung des Anorganischen in jenem
unerf orschlichen Nichts zu suchen, das der Ausgangspunkt
und die Voraussetzung jeglicher Ontologie ist.
Doch neben diesen unergründlichen Verwandlungen oder Umge-
staltungen, oder gegen s±£ sie, oder als ihr Ausgleich, wirkt
die umgekehrte Folge, die uns als± die negative erscheint. Durch
die ebenso geheimnisvollen Prozesse dieser Folge werden wir zu
organischem Stoff reduziert und kehren dann zu anorganischer
Substanz zurück, die ihrerseits zu ihrer Quelle, der Nichtexi-
stenz, zurückfinden wird. Den ersten dieser Übergänge nennen wir
das Sterben, dessen Ergebnis heißt der Tod. Da wir die entgegen-
gesetzte, aber analoge Katastrophe der Geburt völlig vergessen,
pflegen wir an das Ende unseres persönlichen Lebens mit Furcht
oder gar mit Schaudern zu denken; und noch weniger sind v/ir be-
fähigt, uns mit dem Gedanken an unser definitives Nichtsein zu
befreunden. Die Vosrtellung von dieser allen bevorstehenden Tat-
sache ist allzu oft von Angst und Verzweiflung begleitet, und
diese erzeugen seit jeher viele individuelle und kollektive Ver-
suche, dem Unentrinnbaren zu entrinnen. Diese unsere Schwäche
wurde zur treibenden Kraft großer geistiger Leistungen, vor a±
allem monumentaler Deutungen des Weltgeschehens; doch ist dieser
Antrieb zumeist wohlverborgen und nur selten kommt zum Vorschein,
daß solche Geistestaten einer Furcht entstammen und eine Flucht
sind. Auf eben dieser Flucht gelangt man aber auch in so manche
Trunkenheit oder in tiefsten Pessimismus, der ein Schatten des
Todes im Leben ist. Der Trieb, Lebendes zu martern und zu zer-
stören, der Sadismus, ist die andere Seite jener Furcht. Die Tbl
Beseitigung dieser Plage allein würde wahrscheinlich genügen,
uns und unsere Mitwesen direkt und indirekt von einem Großteil
unserer Leiden zu befreien. Erlösung hängt also in erster
Linie von der Überwindung der Todesfurcht ab.
Der Weg zur Heilung der Menschheit vom & Übel der Todes-
furcht ist jedoch leider allzu lang und allzu schwierig. Vor-
derhand haben nur Individuen die Aussicht, sich davon zu
befreien; und dazu könnte folgende einfache Erwägung
uns einige Hilfe bringen:
V
IDEEN UNSERER ZEIT
143
Religionsgeschichte und Religion
Si Dieu nous a fait a son image, nous le lui
avons bienrendu.
"Voltaire, Le Scottisier
Es ist nicht die Religion an sich und die Philosophie
an sich, zwischen denen ein unabänderlicher Antagonismus oder
ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht. Denn der Buddhismus,
wenigstens der ursprüngliche, ist eine atheistische Seligion,
und anderseits waren manche der bedeutenden Philosophen
gottesgläubig in einem mehr oder weniger kirchlichen Sinne,
Die entscheidenden Gegensätze liegen im Spezifischen bestimm-
ter Religionen und bestimmter philosophischen Systeme,
Gehen wir von einem der kleinen Gegensätze aus, der sich
jedoch auf das Ganze bezieht und die fundamentale Methode zum
Gegenstand hat. Religionen jeden Reifegrades berichten und
stellen dar, erteilen Befehle und erlassen Verbote. Das Berich-
tete und Dargestellte soll geglaubt werden, und dieser Glaube ist
die hauptsächliche Forderung oder doch die Voraussetzung für
alle Vorschriften* Das zu Glaubende wird aber nicht bewiesen,
weder durch Erfahrungstatsachen noch durch Logik, und stützt sich
nur auf Zeugnisse, die keiner Nachprüfung zugänglich sind. Die
Annahme des Glaubens erfolgt auf nicht-empirischen Wegen vermöge
nicht-logischer psychologischer Vorgänge, die jedoch einem Spiel
überaus bedeutender Kräfte entsprechen. Das Festhalten am Glauben
und die dauernde Befolgung der Vorschriften ist hingegen ein
vorwiegend kollektives Phänomen, an dem sowohl das psychologi-
sche Trägheitsgesetz als auch wirtschaftliche und politische Mäch-
te mitwirken.
Zwar ist auch die Philosophie nicht ohne treibende Kräfte,
die aus dem Sublogischen stammen; über Annahme oder Ablehnung
ihrer Lehren entscheiden zuweilen ebenfalls emotionale Reaktio-
nen. Doch dasjenige, worauf es hier ankommt, ist der Beweis.
Er kann mehr oder weniger restlos gelingen, und selbst die An-
sprüche an einen Beweis sind in ihrer Strenge verschieden und
veränderlich, aber er ist es, auf den die Philosophie Behauptungen
zu gründen unternimmt und der jedenfalls von ihr gefordert werden
kann und gefordert wird. So ergibt sich die Evidenz einerseits
144
aus der Übereinstimmung des Vorgebrachten mit Erfahrung und
Logik, anderseits aus der Urteilskraft des Lesers oder Hörers.
Wir können diesen Unterschied zwischen Religion und Philo-
sophie einen der kleineren Unterschiede nennen, weil auf beiden
Wegen annähernde Gleichheit der Resultate im Prinzip denkbar
wäre. Es ist nicht unmöglich, daß die bewiesene Behauptung
und die unbewiesene dasselbe besagen. Die größeren Gegensätze
zwischen den Religionen und den Philosophien liegen im Inhalt,
Die Religion hat eine narrative Grundlage, und diese liegt
philosophischem Denken so fern, daß die Religion vermöge eben
dieses Motivs der Dichtung desto näher rückt, je größer die
Divergenz zwischen Religion und Philosophie wird. Der Philosoph
hat bescheiden zu sein, und ist es wohl auch, indem er nur im
eigenen Itfamen spricht, während die Religion sich in ihrer beweis-
losen Belehrung auf die höchsten Mächte beruft, die nach eben
dieser Lehre den Menschen immer erreichen und für ihn immer un-
erreichbar sind. Doch auch da bildet der Buddhismus eine Aus-
nahme, da sein Stifter die Lehre nur im eigenen Namen verkün-
dete, als Ergebnis eigenen Denkens.
Die immense Literatur zur Geschichte der Religion streut
uns viel Sand in die Augen, und ihre Hauptwerke sind nicht min-
der tendenziös geschrieben als die der politischen Geschichte,
Die Anfänge der Religion sind nicht ganz so dunkel, sie werden s
eher verdunkelt, denn unsere psychologische Erfahrung bringt
immerhin einige Helligkeit, Wer erinnert sich nicht an Beobach-
tungen wie die der Katze, die einen kleinen Teppich fürchtet?
Das nennen sie Pananimismus. Es ist die Projektion der eigenen
Lebendigkeit in das Leblose, der eigenen Absichten und Fähig-
keiten in das Nicht-ich. Die Proportion zwischen dem Projizieren-
den und dem Projizierten verschiebt sich zu Gunsten des letzteren
wie die wachsenden Schatten. So werden Dämonen, und diese wachsen
weiter, von Scheinerfahrung genährt, werden zu Göttern, Die
Priester, die sie zu nähren haben, nähren sich redlich mit,
Sie behaupten von ihrem Gott, er sei der stärkste. Sobald er
im Wettstreit der Götter alle andern machtvoll überragt, so
daß sie nur noch irgendwo am Rande der w"elt halb vergessen
dahinleben, ist die Stufe des Henotheismus erreicht. Schließlich
scnwinden alle Schatten und nur eine einzige strahlende Riesen-
erscheinung bleibt übrig.
Eine so drastische Vereinfachung der Religionsgeschichte
145
war notwendig, um endlich die vielen Komplikationen auszubalancie-
ren, deren Autoren enorme Gelehrsamkeit aufwenden, um aus gener
Kette von Geschehnissen mit ihren Strömen menschlichen und tieri-
schen Blutes eine "brauchbare Vorgeschichte ihres Glaubens zu
machen, der Seligion jedes Autors, die, da sie ja die absolute
Wahrheit ist, das Endziel der Entwicklung bilden muß.
Es ist schwer zu sagen, ob es jemals einen von Massen getra-
genen und durch Generationen herrschenden reinen Monotheismus
gegeben hat. Das l.Buch Mosis v/eist deutliche Spuren protohistori-
scher, offenbar mesopotamischer Vorläufer der Idee des Monotheis-
mus auf 33). Von ihnen mögen verborgene Pfade zu Pharao Echnaton,
33) Vgl. 14,18-20
dem Psalmisten der Sonne, führen, der dem Anfang des mosaischen
Monotheismus zeitlich merkwürdig naherückt. An unzähligen Stellen
der Bibel aber schimmert Henotheismus durch oder ist sogar un-
zweideutig ausgesprochen. Hartnäckiger als man zugeben will,
erh^-ält sich die Vorstellung von dem nationalen Gott, der über
die Götter der Völker triumphiert, doch ohne die von uns Späten
hineingedeutete ontologische Negation ihres Daseins. Wenn ich
nicht irre, ist das Buch Jonah die erste anti-henotheistische,
klar monotheistische Tendenzschrif t , die Proklamation einer
Gottheit ohne geographische Grenzen, einer göttlichen Universalität
Das Christentum als Ganzes ist keineswegs eindeutig monothe-
istisch. Wohl ist die Dreizahl der Einzahl näher als die Zweizahl,
die Dreieinigkeit vom Ideal des Monotheismus weniger verschieden
als der iranische Dualismus oder dieser von ihr. Doch die Idee
der Dreieinigkeit als solche, der sich die Unitarier in denk-
würdiger Weise entgegenstellen, mag als eine aus dem Ebenbilde
des Menschen entstandene mystische Vision und Daseinsdeutung
bewundernswert sein, ist aber gewiß nicht konsequenter Monotheis-
mus. Noch weniger sind es die eigentlich mystischen Sichtungen
im Christentum, die im Rahmen der herrschenden Kirchen gedulde-
ten wie die verketzerten und verfolgten, die vor allem von
pantheistischen Neigungen aus dem Monotheismus hinausgeführt
wurden. Spinoza hält im Grunde noch an der alten theologischen
Terminologie fest, obzwar seine Begriffe von ihr so yttMh»> ver-
schieden sind. Die Terminologie ist in jenen Zeiten oft ein
verzweifelter Versuch, Überzeugung und Leben durch ein71 Kompro-
miß mit den herrschenden Mächten zu retten. Es war nicht die
direkte Inquisition allen, die von der Agonie der Antike bis
zur französischen Revolution und über diese hinaus alle Denker
146
unter einem Terror hielt, der innen nur ein paar Atempausen
gönnte. Nur wenige Bewunderer der großen Geister jener langen
Epoche der Gefahr sind sich darüber klar, daß die ganze Geschich-
te der rhilosophie völlig anders aussehen würde, wenn alle so |
geschrieben hätten wie sie wirklich dachten und wenn die über-
mächtige Zensur nicht auch ihr Denken beeinflußt hätte*. Abgesehen
von dem unvo"stellbar reichen Gedankengut, das nie zu Papier ge- I
bracht wurde, Noch ein Mark Twain sah sich genötigt, die Geheim-
haltung seiner freigeistigen Ideen, von deren literarischem
Niederschlag das Publikum keine Ahnung hatte, testamentarisch
anzuordnen. Die Verfügung, daß die Veröffentlichung erst in
einem halben Jahrtausend erfolgen sollte, hatte er gewiß nicht j
so ernst gemeint, so daß sie doch schon erfolgte, und wohl mit
Recht 34- )• Eine eigene Ironie aber liegt darin, daß es ein Sohn j
3>4)Ref lections on Religion. Hudson Review, Quarterly,
Uew York, Oktober 1963
des monotheistischen Volkes war, Spinoza, der einerseits der
französischen Revolution mit allen ihrenvSrgebnissen den Weg
bahnte, anderseits aber auch das Ende einer Vorstellung vorbe-
reitete, die bis in unser Jahrhundert einen ansehnlichen Teil
der iäenschheit beherrscht hat.
Es ist die Vorstellung, daß alles Seiende von einem ewig
seienden Wesen geschaffen wurde und immerdar von ihm geleitet
wird. Dieser fundamentale Mythos, dem das Judentum keine von ihm
wesensverschiedenen Elemente hinzugefügt hat, ist sowohl im
Christentum als auch im Islam Voraussetzung ihrer spezifischen
Mythen geblieben. Der gemeinsame Nenner hat eine tiefe Wurzel.
Bevor Gott die Welt schuf, war er allein; sobald er ihr ein
Ende bereiten wird, wird er wieder allein sein. Viele Variatio-
nen dieser schaurigen Vorstellung finden sich in mystischen Tradi-
tionen, Sie ist das Thema eines Hymnus, mit dem fromme Juden ihre
täglichen Gebete beschließen. Vielleicht steckt in dieser Idee 32
ein nicht ganz bewußter Versuch, den Dualismus von Gott und
Welt aufzuheben, oder ist dieser Versuch konsequenten Bemühungen
dieser Art zumindest affin; denn die Welt erscheint hier als
zeitweilige Punktion Gottes, als vorübergehende Auswirkung seiner
Realität, die als die alleinige aufgefaßt wird. Gegenüber allen
pantheistisAn Richtungen fällt hier zugleich Gegensatz und
Übereinstimmung auf« D& die Pantheisten Gott mit der Welt
identifizieren, ist eigentlich er es, der, auch wenn sie es
147
nickt zugeben, seine Realität verliert. Doch das da und dort
Gemeinsame ist die Aufhebung der Zweiheit. Beiden Bestrebungen m
mag ein Gefühl für die Schwäche der naiven Religion zu Grunde
liegen«
In jeder naiven Religion wird die Frage des Anfangs zu-
rüc Jever sc hoben, nicht gelöst. Es ist die Frage, der Atheisten
lieber ausweichen, um nicht hören zu müssen, Gott habe die
Welt erschaffen. Während die Theisten aufi die Frage, wer Gott er-
schaffen habe, imaer nur zu v/iederholen wissen, er sei ewig und
unerschaff en. Es ist, als wären sie die Gewinnenden in einer
Situation, in der Glaube gegen Glauben zu stehen scheint. Doch
es scheint nur so. Denn die Annahme , daß die Welt geschaffen
worden sein müsse, und daher einen Schöpfer voraussetzte, ist
eine uralte und immer noch nicht genug untersuchte Fehlleistung,
die einer Scheinanalogie entstammt. Alle Kinder beobachten von
jeher, daß der Tischler den Tisch bewirkt, die Sonne das Licht,
der Vater den Sohn« Aus diesem Ursprung der Einzelerscheinungen
in andern Einzelerscheinungen ziehen Kinder selbst in vorge-
schrittenem Alter und trotz hoher Gelehrsamkeit den Trugschluß,
auch die Summe alles Einzelnen habe einen Erzeuger. Es ist aber
ungemein schwer und erfordert hohe Reife, den sich derart auf-
drängenden, u.zw. uns von einer verfehlten Erziehung systematisch
aufgedrängten Trugschluß loszuwerden; und dessen Überwindung mit
der Erkenntnis zu beginnen, daß die für die Einzelwesen richtige
Beobachtung für das Weltganze durchaus nicht zutreffen muß. Und
sich ferner zu vergegenwärtigen, daß nicht nur keine Notwendigkeit^
sondern auch keine Berechtigung für eine solche Anwendung auf
das Ganze gefunden oder von irgend etwas abgeleitet werden kann.
Erst die Befreiung von der Notwendigkeitsannahme ermöglicht uns,
die logische Absurdität der gleichsam selbstverständlichen Über£
tragung einzusehen. Wenn das Sein an sich einen Anfang hatte,
könnte dasjenige, welches es geschaffen hat , auch nur als seiend
vorgestellt werden, müßte also selbst dem Sein angehören, die $k
Welt oder ein Teil von ihr sein, was de# Negation des Schöpf ungs-#
begriff es gleichbedeutend wäre; oder müßte dasjenige, was das &k
Sein geschaffen hat, selbst nicht sein, wodurch sich die Ver-
neinung des Schöpfungsaktes auf dem umgekehrten Wege ergibt.
So fällt die Idee eines Anfangs. Mit der falschen Prämisse ist
auch jene fundamentale Fragestellung aufgehoben und die Religion
verliert ihr metaphysisches Kernstück.
■ I
148
Daß der Gottesbegriff im Sinne des Monotheismus eine der
bedeutendsten kulturschöpf erischen Kräfte war, unterliegt so wenig
einem Zweifel wie seine einschränkende, ja lähmende Rolle im philoso-
phischen Denken. Kant unternahm es nicht, seinen persönlichen Gottes-
glauben metaphysisch zu fundieren; und die einzigartige Leistung,
die er in seiner Erkenntnistheorie vollbrachte, wurde nur dadurch
möglich, daß er sie von jeder Verquickung mit religiös gesinnter
Metaphysik frei hielt. Nur in seine Ethik mischte sich ein Element
ein, das von seiner religiösen Gebundenheit, also von einer Beschrän-
kung seiner ansonsten unvergleichlichen Freiheit, herstammte« Daß
er im Gottesbegriff, oder genauer, im Begriff der Existenz Gottes,
eine sittliche Notwendigkeit fand, ist seine als Zeitgebundenheit
erklärliche Relativität, eine Lücke in seinem höchst geeinten Werk«
Seiner vollendeten Logik hätte viel mehr das Gegenteil entsprochen,
nämlich Theismus und Ethik einander ausschließend zu finden, da
theistische Grunsätze ein lun um seiner selbst willen nicht zulassen
und anderseits eine rein auf sich selbst gestellte Ethik den Gottes-
begriff zumindest als Fremdkörper behandeln oder unerwähnt lassen müß-
te, selbst wenn der Ethiker aus der Unvereinbarkeit nicht die metaphy-
sisce. Konsequenz der Negation des Gottesbegriffes zöge«
Das ist das Wort der Logik, doch nur der Logik« Nöda besteht
die ungelöste Frage, ob die Logik das letzte Wort haben muß oder ob
sie das kann; ob sich menschlichem Geist nicht etwa noch irgend
eine andere Möglichkeit erschließen könnte, eine nicht unlogische, ±
doch nichtlogische. Rühren wir aber zunächst nur an Dinge, die mit
den ausschließlichen Mitteid der Logik zu klären sind«
Eine andere so konkrete Schicksalsfrage der Religion ist die,
wo Gott sei. Die Gottheit kann sich nicht in der Welt befinden, denn
das wäre degradierend und mit den proklamierten Eigenschaften Gottes
unvereinbar, da die Welt so viel Böses und Unreines enthält; es
ist das Dilemma, an dem auch der Pantheismus leidet. Eine Lokali-
sierung Gottes außerhalb der Welt wird anderseits besonders schwer,
wenn man deren Unendlichkeit annimmt. Auch verliert die Idee des
Wirkens Gottes in der Welt im Falle seiner extramundanen Existenz
den letzten Rest ihrer Anschaulichkeit, d«h« ihrer psychologischen
Wirksamkeit. Gerade dem primitiven Raumsinn des einfachen Menschen
läuft ein solches Außerhalb zuwider. Die Schwierigkeit wächst noch
angesichts der zahllosen Anthropomorphismen, die der Vorstellung
von Gott bis in die Gegenwart anhaften und für den Durchschnitts-
menschen kaum jemals von ihr ablösbar v/erden können. Die christliche
149
Kunst hat an der Eonservierung des auf der Kindheitsstuf e
ganz natürlichen, schlechtweg anthropomorphen Gottes einen
Hauptanteil. Das Bedürfnis nach Lokalisierung wird aber umso
zwingender, je sinnfälliger die alteingebürgerte Menschen-
ähnlichkeit ist« Anderseits wird es immer schwerer, in dem
schon ein wenig durchforschten Kosmos einen noch in Betracht
kommenden Platz zu finden. Ein russischer Astronaut sagte es
ziemlich grob, er habe unterwegs keinen Gott entdecken können.
Im Rahmen der primitiven Materialität der üblichen Fragestellung
wird eine befriedigende Antwort auch nie zu fiimden sein,
ÜTun haben gegenüber den frommen Blicken nach oben Einige
immer schon auf das menschliche Herz verwiesen, in dem Gott wohne«
Ein solches Gefühl, doch veredelt, durchdacht und vertieft, ist
zur Grundlage einer neuen, überaus belangvollen Bewegung geworden.
Vor ihr wollen wir aber des Ökumenismus gedenken, von dem die
geistige Selbständigkeit unserer Zeit kraftvolle Impulse
empfangen hat.
Ökumenismus
von
Das Zweite Vatikanische Konzil, das Johann XXIII. eröffnet
und von Paul VI, geschlossen wurde, hob die Starrheit der rö-
misch-katholischen Kirche auf und es scheint, daß es den früher
für unabänderlich gehaltenen Zustand, der sie zu einem Synonym
der Reaktion und zu einer der unmenschlichsten Mächte auf Erden
gemacht hatte, zu beseitigen begann. Schon daß Johann XXIII.
trotz dem Unfehlbarkeitsdogma, auf das er theoretisch und sogar
praktisch so ziemlich jede persönliche Entscheidung gründen
konnte, das Konzil überhaupt einberief, war ein Echo der
Demokratie, In seinem Verlauf war das Konzil nichts weniger
als eine Parce, denn die Bischöfe hatten miteinander zu ringen
und beide Päpste hatten es oft schwer genug, ausgleichend ein-
zugreifen. Nichtkatholiken und später auch Prauen waren als
Beobachter eingeladen. Die monolithe Einheitlichkeit war also
vorbei, eine Mehrheit von Richtungen, die einander nicht ver-
ketzern, sondern als legitim anerkennen, war manifest.
Dem weitgehenden Liberalismus der Prozedur entsprachen
die Ergebnisse nicht ganz, doch um gerecht und realistisch
zu urteilen, müssen wir uns vor Augen halten, wie groß die zu*
rückgelegte Strecke dennoch war und welche Stärke der steinharte
150
widerstand besaß, der immerhin teilweise überwunden wurde.
Als es zum Beispiel darum ging, nicht nur die Juden von heute,
sondern auch die der Zeit Christi von der mörderischen Beschul-
digung des Gottesmordes endlich freizusprechen, waren es die ara-
bischen Bischöfe, gegen die nur ein Kompromiß durchzusetzen
war. So stießen in allen Fragen sehr konkrete, keineswegs nur
religiöse Interessen zusammen. Und brennende Fragen mußten unge-
löst bleiben, wenn vitale Interessen der Kirche selbst auf dem
Spiel standen. Die teilweise Ersetzung der lateinischen Litur-
gie durch eine in Landessprachen übersetzte war eine der klei-
neren Überraschungen; nichts aber war so neu und kühn wie die
prinzipielle Annahme der Idee religiöser Toleranz.
Ist das die endgiltige Absage an Scheiterhaufen und Folter?
Aller Wahrscheinlichkeit nach haben nicht nur die beiden Päpste,
sondern auch die meisten Häupter des Klerus das ehrlich gewollt.
Was beinahe als Beweis für die Echtheit der Absicht gelten kann,
ist die logische Verbindung zwischen der Wendung zur Toleranz
und dem Hauptziel des Konzils, der christlichen Einheit; zumal
wohl an der Erreichbarkeit, aber nicht an der Ernsthaftigkeit
dieses Ziels gezweifelt werden kann. Unsere Erinnerung kehrt
zu der langen Kette der Kriege von Christen gegen Christen im
Namen des Christentums zurück, und zu schonungslosem Massen-
mord wegen dogmatischer Verschiedenheit. Die astronomische Distaaz
zwischen der Idee der Einheit durch Unterdrückung oder Ausrottung
und der Idee einer freiwilligen Einheit selbstbewußter und un-
beugsamer, doch einsichtiger Verhandlungspartner ist entscheidend,
nicht nur die Frage, wie weit die Bemühungen um Einheit bisher g
gediehen sind. Und die christliche Einheit als Postulat könnte,
heute trotz dem Konzil fast noch utopisch, irgendwann zu noch
viel höherer Bedeutung gelangen. Sie wird zwar schwerlich
jemals zum Kern für die Einheit der Menschheit werden können,
aber die um so vieles wichtigere Einheit könnte aus einer ge-
einten Christenheit Ermutigung schöpfen.
Leute, die immer dann auftauchen, wenn es gilt, eine
monumentale Sache durch Verkleinerung der Motive zu bagatel-
lisieren, oder zu diskreditieren, hatten im Stadium der Vorberei-
tung behauptet, die eigentliche treibende Kraft sei die Furcht
vor dem Kommunismus. Dieser Versuch scheint vor keinem belang-
vollen Forum eine ernste Diskussion hervorgerufen zu haben.
Aber auch wenn er seine Berechtigung hätte, würden die Gesehen-
151
nisse an Saul erinnern, dem, als er Eselinnen suchte, das
Königtum zuteil wurde.
So ist der Ökumenismus zum Symbol geworden. Zu dem der
unbestreitbaren Manifestation guten Willens, wo sie am schwierigsten
war und ganz und gar nicht erwartet wurde«
Ein Versuch über Religion und Philosophie
We^5e veux que tout me soit explique ou rien.
Albert Camus, Le mythe de Sisyphe.
Peut-on etre un saint sans Dieu: c'est le seul probleme
concret que ^e connaisse aujourd'hui.
Camus, La peste
Die Wendung im Katholizismus war wie ein Auftauen des dicksten
Eises, das dem Schmelzen dünnerer Schichten in andern Gegenden gefolgt
und von ihm begleitet war, viele ähnliche Folgeerscheinungen aber auch
ihrerseits ermöglichte. Das Wasser dieses ehemaligen Eises bringt, um
im Bilde zu bleiben, Freude den Sterblichen, mehr als das der Elüsse, ä
die immer lebendig waren, weil wir der Änderung zum Guten höhere Bedeu-
tung beizulegen neigen als dem Guten selbst. So wollen wir nun auch nicht
Meistern der voraussetzungslosen Philosophie huldigen, sondern Kirchen-
männern, die ein schweres Joch zu brechen hatten und es brachen.
Die ihnen gemeinsamen evangelischen Wegbahner waren Albert
Schweitzer und Rudolf Bultmann. Als Schweitzer sich zu der Erkenntnis
durchrang, daß Jesus ein Mensch gewesen sei, war dazu für einen gläubi-
gen Christen noch ein nahezu unerhörter Mut erforderlich, nach außen
und innen. Als Theologe ging Bultmann insofern über ihn hinaus als er
sich mit der Gestalt Jesu in neuartiger Weise auseinandersetzte, die
Erzählungen von seinem Leben von der drückenden Dogmatik befreite und
sich auf die Suche nach einem Christentum ohne die Vorherrschaft des
Mythos begab. Keiner klärte uns so lichtvoll wie er über die Unecht he it
unserer Existenz auf 35); doch blieb er in einer tragischen Schwäche
55)Kerygma und Mythos. Mit Beiträgen von.. Rudolf Bultmann. .. »heraus-
gegeben von Hans Werner Bartsch, Evangelischer Verlag, Hamburg 1948. -
Kerygma und Mythos. 5 Bde, hg. von H.W0Bartsch, mit Beiträgen von
Rudolf Bultmann et al. »ebenda, 1952, 1954, i960.- Von den übrigen Wer-
ken Bultmanns sei in unserem Zusammenhang "Jesus Christ and Mytho-
logy"hervorgehoben, Scribner, New York 1958,1965.
stecken, indem er für den Menschen keinen Weg zur Erlösung seiner selbst
fand, so daß diese einem göttlichen Gnadenakt vorbehalten blieb.
Statt einer Reihe von Denkern, die annähernd gleichen
151 a
Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier
Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir,
Johannis Angeli Silesii Cherubinischer
Wandersmann
Gott will im Neoel wohnen.
I Könige, 8,12
152
Zielen zustreben, seien dann drei genannt, deren sittliches
und gedankliches Verdienst es berechtigt erscheinen läßt, die
ihnen gemeinsamen Ideen stärker hervorzuheben als die Beson-
derheiten ihrer Leistungen: Die deutschen protestantischen
Theologen Paul Johannes Tillich 36) und Dietrich Bonhoeff er 37)
36) Gesammelte Werke, Evangelische Verlagsanstalt,
Stuttgart 1959 ff . "Philosophie und Schicksal" und
"Systematische Theologie" sind wohl seine Hauptwerke,
37) Gesammelte Schriften, 4 Bde, G.Kaiser Verlag,
München 1958 ff- Als seine Hauptwerke können die "Christo-
logie", die "Ethik" und "Widerstand und Ergebung" gelten.
Vgl. J.D. Godsey, The Theology of Dietrich Bonhoeff er ,1960.
Einige von Bonhoeff ers und von Tillichs Werken sind auch
englisch erschienen.
und der Anglikaner A.T. Robinson* der Bioohof von Woolwioh 38).
38) Honest to God, 1963; Christian Morals Today, 1964;
The New Reformation? 1965; alle in s SGM Press, London.
Den Geistestaten Bonhoeff ers gesellt sich sein Leben für
Wahrheit und Menschlichkeit und sein Martyrium. Kurz vor dem Ende
Nazideutschlands wurde er für aktive Teilnahme an der Wider-
standsbewegung in einem Konzentrationslager gehängt.
Wenn jemand zu der pessimistischen Meinung neigte, die
großen gedanklichen Leistungen der Vergangenheit seien in
der Gegenwart ohne Portsetzung geblieben, so würden schon der
Mut, die Hingabe und die Selbstlosigkeit solcher Menschen genü-
gen, ihn eines bessern zu belehren. Während sie sich in ihrem
schweren Ringen von einer machtvollen Glaubenstradition befrei-
ten, gruben sie zugleich nach einem Kern, den sie bewahren
könnten. Diese Synthese von gedanklicher Voraus setzungslosig-
keit und gefühlsmäßiger Wurzelhaf tigkeit und Treue scheint
sicherlich würdig, als Vorbild zu gelten, wenn wir an Vorbild-
lichkeit im Kantschen Sinne denken.
Das Um und Auf dieses Ringens ist der Gottesbegriff, mit
dem ja in der Theologie die meisten theoretischen und praktischen^
Konsequenzen stehen und fallen. Vorausnehmend soll anerkannt wer-
den, daß keine Philosophie in der Läuterung dieses Begriffes
weiter ging, wofern sie ihn nicht aufhob. Nicht nur daß er
von allen Ssfes Resten anthropomorpher Kindereien befreit wird
wie von vermoderten Kleidern. Gott ist keine Person mehr und
hat keine Eigenschaften einer Person, weder die einer realen
noch die einer gänzlich idealisierten Person. Ebensowenig
wird er im pant heistischen Sinne dem Weltbegriff einverleibt.
153
Er wird zum Urgrund unseres Seins, ist dessen Tiefe.
Dadurch wird er nicht minder real, sondern wird zur eigentlichen
Realität,
Diese Autoren sind Christen und wollen es "bleiben. Damit
beginnt eine neue Phase ihres schweren Mühens, aus dem Christus
als der leidende, liebende, für Andere lebende Mensch hervor-
geht, Vorbild und Wegweiser innerhalb dieser Welt wie sie ist.
Erinnern wir uns nun an die tragische Größe des Van Gogh, der
damals als Priester der Bergleute scheitern mußte, weil seine
ganze Kirche gegen ihn war. Das neue Postulat ist ein Christen-
tum, das nicht Seligion ist. Die vor einem Menschenalter noch
überraschende Differenzierung zwischen Religion und Religiosität
hatte Martin Buber in seiner Prühzeit hervorgehoben. Es ist
eine denkwürdige Verwirklichung der Idee einer religionslosen
Religiosität, der wir nun begegnen.
Mit Zustimmung oder Ablehnung ist es da gewiß nicht getan.
Die metaphysische und logische Schwäche des Gottesbegriffes
in seiner erstarrt traditionellen Formel einschließlich seiner
noch starreren Kosmogonie wird nun zum ziemlich genauen Negativ
der Stärke neuer Begriffe. Der neue Gottesbegriff ist in der
Tat so groß, daß wir unwillkürlich die Enge der bisherigen
Terminologie entdecken und es nicht mehr notwendig noch adäquat
finden, den Urgrund, die tiefste Realität, Gott zu nennen.
Tillich gibt die Unzulänglichkeit des alt ehrwürdigen Wortes mit
bewundernswertem Freimut zu. Erst jetzt ist der Theismus zum
ersten Mal in unserer Zeit von innen her wirklich besiegt.
Wer aufhört, einen Namen anzubeten, der sein Ideal nicht
mehr zu wahrem Ausdruck bringt, wird sich nicht scheuen dürfen,
auch die eigene Benennung zu ändern. Der ehemalige Theist, der
zu solchen Konsequenzen gelangt ist, wird sich nicht Atheist
nennen müssen, aber können« In bösen Jahrhunderten hat dieses
Wort den giftigen Dunst der Beschuldigung und den Blutgeruch
der Verfolgung eingesogen. Nun wird es immer öfter mit Sympathie
und Achtung ausgesprochen, denn man lernt nach und nach, Über-
zeugungen zu ehren, unter der einzigen Voraussetzung, daß sie
echt sind. Was mich selbst betrifft, bekenne ich mich nicht
zum Atheismus, u.zw. mit folgender Begründung:
Außer dem sinnfälligen Unterschied zwischen Theismus und
Atheismus besteht zwischen ihnen auch eine bedeutende Gemeinsam*'
keit. Beide beruhen auf einem Axiom, das fortgesetzte Prüfung
154
ausschließt oder den Verzicht auf Prüfung einschließt. Beiden
fehlt also die Voraussetzungslosigkeit , die das philosophische
Denken, wie es als Postulat reichlich anerkannt ist, ohne aber
ebenso lückenlos auch durchgeführt zu werden, von den vielen
populären mentalen "Vorgängen unterscheidet, von einer Fortbewe-
gung, die in lauter "Voraussetzungen watet. Im philosophischen
Denken ist der Schluß zugleich ein Anfang» Er eröffnet neue
Möglichkeiten, auch die seiner Aufhebung, Was Theismus und
Atheismus "setzen", läßt Polgerungen nur dann zu, wenn sie dem
a priori Gesetzten nicht widersprechen. Beide sind infolgedessen
im Grunde Glaubenslehren,
Der Sinn der Überwindung eines Glaubens kann nur die Er-
langung höherer Freiheit sein. Der Übergang von einem Glauben
zum andern ist jedoch nur die Vertauschung einer Unfreiheit
mit einer andern.
Zu dieser logischen Gewißheit kommen die folgenden Erwä-
gungen: Seit langem haben viele Denker auf die Grenzen unseres
Wissens hingewiesen. Es ist aber nicht nur ä±x hohe Wahrschein-
lichkeit, daß die Zeitspanne, die der Menschenrasse noch übrig-
geblieben sein mag - auch wenn sie nicht durch eine selbstver-
schuldete Katastrophe vernichtet werden s ollte °~-\r^ mit; den
bestehenden oder sogar noch vielfach verbesserten Mitteln
alles Seiende einschließlich des eigenen Daseins zu erforschen
und jemals zu annähernder Allwissenheit zu gelangen. Es sind
vielmehr die ererbten, unsere Natur und Konstitution bildenden,
sicherlich unverrückbaren Vorbedingungen unseres Denkens, aus
denen sich dessen Endlichkeit und Begrenztheit im Sinne einer
erkenntnistheoretischen Tatsache ergibt; trotz Hypnose und
andern möglichen oder vorstellbaren Eingriffen und trotz
spontanen Erlebnissen, die weit mehr als jede derartige Inter-
vention die gegebenen Grenzen des Menschen zuweilen zu erwei-
tern vermögen.
Da unser Wissen also partiell und daher relativ bleiben
muß, haben wir uns dieses Umstände s bewußt zu werden und aus ihm
eine unausweichliche Konsequenz zu ziehen: Daß dasjenige, was
uns notwendig unbekannt bleibt, das Wichtigste sein kann, dem
gegenüber das Erkennbare unwichtig sein mag^Alle uns erreichbare
Erkenntnis wird darum untrennbar von einem Fragezeichen begleitet.
Wenn manche unserer Erfahrungen und Vorstellungen in uns eine
Ahnung hervorruft, deren Entstehung sich unserer introspektiven
155
Beobachtung entzieht, und unter Umständen auch inhaltlich von
den Ergebnissen unserer normalen Denkprozesse ganz verschieden ±
ist, hindert uns nichts, für möglich zu halten, daß diese
Ahnung eine Reflexion des Unerkennbaren sei, und diese Deutung
auf die Erfahrung von Ahnungen aller Art auszudehnen.
Daß wir der als Ahnung bezeichneten vagen Vorstellung,
die zuweilen von intensiven Emotionen begleitet ist, eine so
bedeutende Funktion zuerkennen, ist sicherlich eine weitgehende
Einschränkung der Schätzung unseres Wissens. Sie ist aber not-
wendig und überdies nützlich, denn virtuell erweitert sie unsern
Horizont, vervielfacht unsern Sinn für Möglichkeiten. Erst die
Offenheit für solche, ihre Einbeziehung in unser Vorstellen
und Denken, ist Voraussetzungslosigkeit und daher Freiheit,
iffir nennen diese Denkungswtfise oder diese Gesinnung agnostisch.
Die Benennung möchte auch ich niaht überschätzen, sondern
bereit bleiben, sie durch eine bessere zu ersetzen, um nicht
etwa durch den Kult eines Hamens aus der Freiheit zurück in
die Bindung eines Glaubens zu geraten.
Doch, in jenes Unbekannte dürfen wir unsere intensivsten
Gefühle projizieren und es in uns selbst suchen, in unserem
Subjekt als Objekt, oder in unserer Subjekt-Objekt-Identität.
Wir dürfen es als die eigentliche Realität erleben; in einer
nie wirklich definierbaren Weise, die nicht das religiöse
Erlebnis, aber ihm affin ist. Die Beziehung zu diesem Unbe-
kannten wird unwillkürlich als unsäglich kostbar und zentral
wichtig empfunden. Der Denkende ist sich ihrer Irrationalität xh
voll bewußt. Für irgend einen Formalismus isinSfirSSi^er Beziehung
so wenig Platz acwie in der Beziehung des Menschen zu sich selbst^
Und vielleicht ist diese letztere Beziehung jener noch enger
verwandt. Mit aller Deutlichkeit läßt sich beobachten, daß
die Beziehung zum Unbekannten auf unser gesamtes Leben bestimmend
einwirkt, es veredelt und unsere Beziehungen zu allen Objekten
vertieft, und zuweilen ist es, als würden diese das Unbekannte
widerspiegeln. Es scheint die Objekte zu seinem Symbol zu
machen. Auch Liebe kann zu einer Auswirkung unserer Verbindung
mit dem Unbekannten werden.
Nun kann ich auf die unkirchlichen Kirchenmänner und auf
meine Bewunderung für sie zurückkommen. Abgesehen von nicht ganz
überzeugend ausgefallenen Versuchen, ihren neuen Gottesbegriff
156
durch Berufung auf das Neue Testament mit dem des frühesten
Christentums zu versöhnen, bekennen sie sich mit edlem Freimut
zu einer Metaphysik ohne Gott, und sie tun es um jeden Preis
und unter jeder Gefahr, heroisch nach innen und außen; es un-
terliegt keinem Zweifel, daß sie von Anbeginn alle Konsequen-
zen bedacht haben, auch die in ihren Schriften nicht ausdrück-
lich erwähnten« Die erste Konsequenz müßte doch der Wegfall
jedes Zeremoniells sein; wenn man aber die Bedeutung des
Ritus für jede Kirche in Erwägung zieht, versteht man die manifest
widerspruchsvolle Not des Meeres, das auf sein Wasser verzichten
und doch Meer bleiben soll. Dieser Vergleich ist schwerlich
übertrieben, wenn wir bedenken, daß es ja auch außerhalb der
Religion kaum Gemeinschaften ganz ohne Riten oder rituelle Elemen-
te gibt. Fortgesetzte Pflege des überkommenen Ritus gliche
fetischistischer Zärtlichkeit für ein Gewand, das einmal einen
lieblichen Körper bekleidet hat. Ein neuer Ritus wäre nur ein
neues Gewand, das «iHMafr yffdHMM in keiner Weise an jenen Körper
erinnern würde. Das hieße alsox eine Gemeinde ohne Vergangenheit
gründen, was immerhin möglich, doci^in recht unsicheres Unter-
fangen wäre. Ein Kompromiß würde wohl auch die Nachteile
beider Extreme verbinden.
Warum der Verzicht auf den Ritus so schwer sein muß, macht
uns sein intensiv deutlicher Sinn verständlich. Den einzelnen
Inhalten des Glaubens und dessen Hauptsachen ist er Bestätigung
durch Betätigung, Widerspiegelung und Wiederholung der unter
Schauern der Angst und der Wonne vorgestellten Vorgänge von höch-
ster Bedeutung, die symbolisch in gesetzmäßigem Rhythmus wieder-
kehrende Deutung des Daseins, durch die der einfache Mensch
einen Anteil am Göttlichen erhält, so daß auch er durch die
Symbolhandlung zu einer gewissen Heiligkeit emporrückt. Die
rhythmisch wiederholten entsühnenden Handlungen befreien ihn
zugleich von seinen in entsprechendem Rhythmus angesammelten
Schuldgefühlen.. Die Bindung an das Göttliche, die er frei-
ie
willig zu vollzähen glaubt, ist ihm eine reiche Quelle der
Beruhigung, des Gefühles der Sicherheit, erhöhter Selbstachtung.
Der Versuch, eine Gemeinde unter Verzicht auf die Magie des
Ritus umzubauen, ist also eines der Wagnisse, deren Aussichten
angesichts der Präzedenzlosigkeit kaum prognostizierbar sind.
Dem Ritus ist ein anderer Paktor von einzigartigem
menschlichem Wert verbunden, der durch die furchtlose Revision
157
oder Revolution dasselbe Schicksal erfahren muß, das
Gebet. Indem diesem sein Ziel genommen ist und der Adressat zu s
einem ortlosen und zugleich im Heilssuchenden selbst anwesen-
den Prinzip wird, gerät der Mensch in noch tiefere Einsamkeit.
Auch für den mit der Religion nur lose oder nur gelegentlich
Verbundenen wird eine letzte Zufluchtsstätte, die ihm in
größter Not noch offen stand, unerbittlich geschlossen; als
hätte er als Reicher aufgehört, arm zu sein oder wäre als
Erwachsener kein Kind mehr. Der Vater, dessen Echo fernab den
Aussagen des Verstandes noch nachhallt, ist ihm genommen, er
kami sich nicht mehr an ihn wenden. So wird auch vom kleinen
Mann ein nicht geringer Heroismus verlangt. Erhöhte Menschlich-
keit muß das ins Abstrakte entschwundene Göttliche ersetzen.
Die menschliche Deutung Christi erfährt durch ihre kurze
Vorgeschichte, insbesondere in der Gemeinde der Unitarier und
der mit ihnen vereinigten Universalisten, sicherlich Ermutigung.
In ihren dem Mittelalter am weitesten entrückten Kirchen konnte
die alte Ikonographie nicht weiter gepflegt und das zur Anbetung
auffordernde Bild mußte aufgegeben werden, was sollte nun im
Gebäude einer den menschlichen Kern des ursprünglichen Christen-
tums wahrenden und anderseits einer stark visuellen Kultur
angehörenden Kirche die Stirnwand einnehmen, welches Motiv soll-
te den Blicken begegnen, die früher den machtvollen Darstellun-
gen im Altarraum und in der Apsis zugewendet waren? Die glück-
lichste Lösung war wohl die Fußwaschung, der zum echten Menschen
gewordene Gott, der nicht mehr kniefällig und in Zerknirschung
angebetet sein will, sondern selbstlose Liebe gibt.
Doch in weiterer Ferne erwachsen aus so ergreifender Ver-
menschlichung neue Probleme. Obzv/ar das Erlebnis des menschli-
chen Christus tiefer sein muß als das seiner Apotheose, ist
dieses Erlebnis nun auf sich selbst gestellt, der neue Christus
ist auf die eigene Kraft angewiesen, die einst übermächtige
Autorität schützt ihn nicht mehr. Seine Stellung als menschliches
Vorbild hebt seine Einzigartigkeit auf. Eür den zugleich von
andern menschlichen Idealen umworbenen Christen ist Christus
mit der Idealität einer Mehrzahl von Religionsstiftern, Genies,
Propheten, Heiligen und Märtyrern in Wettbewerb getreten.
Diese Position ist, wie die gesamte Konzeption, für den
am höchsten entwickelten Leser und Hörer gewiß nicht nur annehm-
bar, sondern ungemein anziehend. Wie aber aus andern Aspekten des
Problems bereits klar geworden ist, nimmt die umfassende
158
Neuorientierung dem einfachen Mann weit mehr als sie ihm gibt.
Er verliert seinen unfruchtbar gewordenen, doch anscheinend
noch ziemlich festen Boden und gerät in einen leeren Raum, in
dessen Schwerelosigkeit er weniger zu Hause ist als der Astronaut«
So ist das gesamte Ergebnis zunächst eine Lehre für eine Minder-
heit, deren Umfang undefinierbar bleibt, solange die Ansprüche
an eine solche Auserlesenheit nicht auf Grund neuer Erfahrung
präzisiert sind. Bis dahin können wir uns unter dieser Minorität
nur eine dünne intellektuelle Oberschicht vorstellen, gefolgt von
verwirrten, haltlos gewordenen, durch die Bedingungen des
Maschinenzeitalters ihrer geistigen Bodenständigkeit beraubten
einfacheren Leuten.
So stehen wir unversehens vor der Frage, ob durch die
praktischen Ergebnisse der Erkenntnisse und der menschlichen
Erneuerung Einzelner den konkreten Bedürfnissen der Heutigen
Genüge getan s&t oder in welchem Maße das geschieht. Es muß wohl
nicht erst bewiesen werden, daß die Gesellschaft einer praktixsja-
schen Lebenslehre bedarf, einer harten und belastungsfähigen
Gebrauchsethik, und eine solche kann nicht auf reine Einsicht
gegründet sein, sondern verlangt, um verbindlich zu sein und
zu bleiben, eine einigermaßen autoritative Stütze. Ohne eine
solche muß es viel schwerer werden als es dem jungen David ging,
der Goliath gegenüberstand. Wenn wir MFWMMtäxxsjsümja., daß die
Religion trotz den nie ganz unwirksamen Gegenkräften sich fe± so
lange erhalten konnte, u.zw. nicht durch ihre brutale Macht aüeda]
allein, muß sie als System zumindest einem Teil der allgemein
menschlichen Bedürfnisse entsprechen. Und wenn wir in Betracht x
ziehen, daß in dieser von so Vielen als Endstadium der Religion
angesehenen Zeit ganz seltsame Reversionen, Rückfälle in antike
Ekstase, auf einmal wieder da sind, wie die nahezu massenhaft
auftauchende Glossolalie, oder wenn wir nur an den noch unge-
milderten religiösen Fanatismus orientalischer Länder denken»
können wir solche ±fcaoc Phänomene nicht einfach als vereinzelte
Atavismen deuten; da erheben sich vielmehr Zweifel an der Dok-
trin vom unaufhaltsamen Niedergang aller Kirchen. Im vVesten
hatte wohl eine Therese von Konnersreuth genügt, um uns fühlen
zu lassen, wieviel Leben der alte Glaube noch in sich haben
muß. Wenn wir in allen Anzeichen seiner intensiven Lebendigkeit
nach einem Gemeinsamen suchen, ist es eine Dynamik extrem irra-
tionaler, , r» . .
der Rationalität sogar polar entgegenwirkender
159
Fairtoren, Gerade aus denjenigen Elementen, die unsere Logik
mit besonderer Entschiedenheit ablehnt, bezieht die Religion
offenbar auch heute den Hauptteil der wenn auch unsichtbaren
Energien ihrer Selbsterhaltung,
Der rationale, doch von intensiver Emotionalität deutlich
begleitete Umschwung, der sich heute sowohl ideologisch als auch
methodisch vollzieht, ist also schon angesichts der Kräfte,
mit denen er zu kämpfen hat, nicht weniger revolutionär als
das Christentum in statu nascendi war. Das erst teilweise
aufgebaute neue Christentum wird aber die benötigte Bestätigung
und Festigung nicht durch theologischen Disput erfahren können,
sondern durch eine den veränderten Bedürfnissen entsprechende^
Praxis. Das ist seine eigentliche Schicksalsfrage. Das neue Chri-
stentum könnte sich wahrscheinlich durchsetzen, wenn es dem
Vorwurf des Atheismus und den andern Argumenten nicht theologisch
oder durch sonstige Versuche theoretischer Apologetik begegnete,
sondern tätig, durch die von seinen Autoren selbst, besonders
von Bonhoeff er, verkündete Pragmatik, Nicht einem Gott des
Interstellarraumes noch einem Gott des Kircheninnern, aber auch
nicht dem, den Menschen in der Einsamkeit suchen, sondern dem-
jenigen, der mit den Menschen mitten im Elend dieses Lebens
leidet, sollen seine Priester dienen. Da solche Priester in be-
achtenswerter Anzahl noch nicht vorhanden sind, müßte die beste
und wirksamste Ausbildung sie entwickeln, die Selbsterziehung.
Sie sollten gesünder und glücklicher, aber nicht weniger selbsti
los sein wollen als Van Gogh es gewesen war.
Ehe wir zu einer Zusammenfassung gelangen, werfen wir einen
Blick hinüber in die kommunistische, jedenfalls theoretisch
religionslose Gesellschaft. Wodurch hält sie den Kräften der
Zersetzung stand? Wenn diese in ihr schwächer sein sollten -
warum sind sie es? Und mit welcher Kraft begegnet sie ihnen?
Offenbar ist die Selbstidealisierung dieser Gesellschaft
stark genug geworden, um das Individuum zu einem uns unbekannten
Grade an Identifizierung seiner selbst mit dem Kollektivum zu
bringen. Die Verdienstlichkeit des positiven Handelns zu Gunsten
der Gesellschaft wird daher dort stärker bewußt. Sowohl die
Ethik als auch die Sebstbewertung des Einzelnen ergeben sich
aus seinem Kollektivismus.
160
Auch die auf freie Konkurrenz gestellte Gesellschaft
versucht ähnliche Tugenden hervorzubringen und zu verwerten«
Zu diesem Zwecke mobilisiert si£ Patriotismus und Nationalismus,
die jedoch den Zauberbesen in sich bergen und auf Gelegenheiten
warten, die hervorbringende Demokratie zu verschlingen.
Obwohl es nicht heilsam sein kann, sich einer im realen
Leben wirkenden Kraft zu verschließen, sollte die neue Kirche
ihre politischen Bindungen und Interessen nach Tunlichkeit
abbauen. Die gewaltigen Energiemengen, die durch Abschaffung
des Zeremoniells und so vieler überflüssig und sinnlos gewor-
denen Tätigkeiten frei werden müssen, könnte sie dann in das rein
Menschliche überleiten, um dem Menschen, nicht nur der Gesellest
schaft, echte Hilfe zu bringen. Das könnte sie dadurch bewerk-
stelligen, daß sie als neue Kirche begänne, um aber bald zu
einer ebenso notwendigen wie neuartigen Hilfsorganisation zu
werden. Diese Organisation müßte mit der Erforschung ihres
virtuellen Wirkungskreises anfangen.
Außer der normalen und typischen Hilfsbedürftigkeit,
die weder unterschätzt noch als Angelegenheit problemloser
ßoutine behandelt werden dürfte, gibt es eine unter den Heuti-
gen weit verbreitete und für organisierte Hilfe schwer zugäng-
liche. Die meisten dieser Leute gehören nicht eigentlich einer
Klasse an und stehen eher außerhalb der bekannten Gruppen.
Sie sind unvorstellbar einsam, und darin besteht ihr Haupt-
problem, nicht in materieller Not. So einer übernachtet gewöhnir
lieh nicht auf einer Bank in einem öffentlichen Park, denn er
hat ein Obdach, aber mit denen, die es mit ihm teilen, spricht er
nur böse Worte oder nichts. Er hat Ideen, Träume, Gefühle,
aber im Laufe der Zeit verwandelt sich alles in ihm in Bitterkeit,
wie die in seinem Darm faulende Nahrung zu Gift wird. Er möchte
sich entladen, sprechen, jemandem alles erzählen, beneidet die
frommen Katholiken, die zur Beichte gehen. Ihm will keiner zu-
hören, Alle sind feindselig, hochmütig, verschlagen, wollen
alles besser wissen, und vielleicht wissen sie es wirklich besser.
So bleibt nichts übrig als -
Diese Einzelnen, die man hie und da sieht, aber nicht recht
wahrnimmt, von denen man aber eher liest, im Polizeibericht und
in der Gericht ssaalrubrik, summieren sich in großen Städten
zu einem nicht unbeträchtlichen Sektor der Gesamtbevölkerung.
Dennoch sind sie unaufdringlich und halb verborgen, müssen
zumeist gesucht werden. Wenn man nur ihren Argw0hn beheben
161
kann, sprechen sie, denn auf diese Gelegenheit haben sie lange
genug gewartet. Vor allem haben sie nicht geglaubt, daß sie noch
kommen würde, Wenn man ihnen nur ein wenig Hoffnung geben kann,
schmilzt zuweilen ihr Nihilismus wie Schnee in starker Sonne.
De|i Fülie der Beobachtungen, die der Hilfsbereite machen kann,
entlohnen ihn oft für einen Großteil der Mühe und Gefahr,
Manche, denen jede Lebensfreude versagt zu sein scheint, ver-
kennen völlig ihren realen Zustand, Sie meinen, es gehe für sie
um die Beseitigung eines unerträglichen einzelnen Übelst wie m
eines physischen Leidens, einer gehässigen Frau, eines tyranni-
schen Vorgestzten, oder eines bösen Nachbarn. Daß das aber nur
Rationalisierungen sind, geht schon daraus hervor, daß noch vor
jeder Intervention und vor jedem Versuch, zu helfen, eine sicht-
liche Erleichterung eintritt, die deutliche Reaktion auf die
an sich zum Erlebnis werdende Aufmerksamkeit, So gern sie spre^k
chen, so schwer fällt es manchen, weil sie an Gelegenheit zu
zusammenhängender Rede nicht gewöhnt sind, sondern an Unterbro-
chenwerden, Mißachtung und Hohn, an Gespräche, die in Feind-
seligkeit enden und am besten überhaupt vermieden werdenx 39)»
39) Das mag auch der private Zauber politische Situationen
sein, in denen auf einmal Alle eines Sinnes sind und nicht
einander, sondern einen Abwesenden bekämpfen.
Ob der Kontakt zwischen dem Redenden und dem Hörenden den von
jenem angegebenen Zweck erfüllt, ist deshalb nicht immer das
Entscheidende, jedenfalls nicht das allein Entscheidende.
Um ihren neuen Sinn allen Ernstes erfüllen zn können,
wird die zur Schwester der Leidendenfeewordene Kirche den zur
Unauf richtigkeity^hleitenden Sprechstundenstil verwerfen und
die realen Schwierigkeiten in furchtloser und undoktrinärer
Weise angreifen müssen. Sie würde gewiß gut tun, auf ihre salfeHE
bungsvollen Predigten und Zitate sowie auf ihre Theatergarderobe
zu verzichten und den Geist solcher Neuerungen auch auf die
Architektur neuer Gebäude zu übertragen. Sie wird nicht den
ethischen Gesellschaften mit ihren glänzenden Vorträgen und
anregenden Diskussionen zu gleichen haben, sondern wird, um
adäquate Methoden pragmatischer Menschlichkeit zu finden, die Säe
Tätigkeit verschiedener Gruppen ungeachtet ihrer Weltanschauungen
studieren müssen, wie die der Quäker, oder der Heilsarmee, und
wahrscheinlich läßt sich auch von orientalischen Bruderschaften
manches lernen. Die Geste der routinierten Philanthropie wird
durch ein schlichtes, nicht uniformes Benehmen zu ersetzen sein.
Die Propaganda für die eigene Institution wird aufzugeben
162
sein, niemand soll das Gefühl haben, daß er mit Anerkennung ,
Dankbarkeit oder Empfehlung zu bezahlen hat. Der Empfänger der fi
Hilfe soll nur verstehen, daß Leute sich für ihn einsetzen
wollen, weil es ihm schlechter geht als ihnen und v/eil dieser
Unter sc h&l sie verpflichtet. Und daß sie von ihm nichts er-
warten als daß auch er Andern hilft, wenn er kann. NPV
Aktive Selbstlosigkeit is£ die beste Selbsterziehung.
Wer sie ausübt, wird mit den als Pfarrer oder Rabbiner ver-
kleideten Reklamehelden und Börsenspekulanten bald nicht
mehr gemeinsam haben als die Bezeichnung eines Berufes.
Das Wesentliche und das Unwesentliche
mensch, werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht,-
So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.
Johannis Angeli Silesii Cherubinischer Wandersmann
Der Leser erzählender Literatur erwartet und genießt
Scheinidentif ikationen und Ersatzbefriedigungen. Je mehr
die fiktiven Personen und Vorgänge die Bedürfnisse, Besorg-
nisse und Wünsche, oder mit einem Wort, die Situation des Lesers
zur gegebenen Zeit reflektieren, desto besser gelingt es ihm, sx
sich mit jener Welt der Piktion zu vereinigen, sie seiner
Realität einzuverleiben und aus solchem Gewinn Befriedigung
zu schöpfen. Die ideale Fiktion wäre demnach eine für einen
bestimmten Leser in Kenntnis seines Lebens und seiner Bedürf-
nisse verfaßte. Am nächsten kommt dieser völligen Zweckerfüllung
das für eine bestimmte Kategorie von Lesern geschriebene Buch,
etwa für Mädchen einer bestimmten Altersstufe, eines bestimmten
Landes und einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Je primitiver
die Leser sind, desto besser wird der Allen zusammen gebotene
Lesestoff jedem Einzelnen passen, wie die Konfekt ionskleidung
dem Durchschnittsbau.
Mit philosophischer Lektüre verhält es sich nicht ganz so.
Denn wenn im Leben des Lesers der Epik allmähliche oder plötzlie
che Änderungen eintreten, wenn seine Situation derjenigen, in
der er jene Erzählung gelesen hat, nicht mehr entspricht,
gehören auch die Ansprüche an die ehemalige Lektüre der Ver-
gangenheit an. Damals, als sie einen Zweck hatte, erfüllte sie ±
ihn; in der neuen Situation, in der sie keinen mehr hat, kann
jene Lektüre in Vergessenheit geraten. JSTur literarische Werke
von besonderer menschlicher Tragweite werden nicht, oder nicht
Das praktische Christentum, das wir noch ^ 162a
einfacher selbstlose Menschenliebe nennen können,
ist seit langem mehr als eine abstrakte Idee. Der kühne Versuch,
ein Stück Urchristentum in die Tat umzusetzen, hat seit
Van Gogh eine ganze Reihe echter Verkörperungen erfahren,
die vorwiegend dem protestantischen Lager entstammen.
Gedenken wir aber ehrend und liebevoll auch katholischer
Menschlichkeit in unserem Jahrhundert. Einen historischen Akt
hat Paul-Emile Leger vollbracht, als er seinen Kardinalshut
ablegte und seinen Palast in Montreal verließ, um Leprakranken
in Afrika Bruder und Helfer zu sein. Nach der jüdischen Legende
von den sechsunddreißig Gerechten sind es solche Menschen,
um derentwillen die Welt erhalten bleibt, )t#t**Jk***m< dU^iUm.
163
im selben Maße, inaktuell, bleiben in der Erinnerung lange
erhalten, und angesichts neuer Ereignisse führen Assoziationen
immer wieder zu ihnen zurück.
Philosophisches Lesen wird hingegen nie mit ausgesprochen
ephemeren Wünschen unternommen. Der Leser sucht darin Klärung
der Prägen, die ihn und Andere mehr oder minder konstant be-
schäftigen, Lösung von Problemen, d±eren Geltung sich mit der
Beendigung der Lektüre nicht verflüchtigt. Der philosophische
Autor soll sein Wegweiser zu größerer Klarheit in solchen
Dingen sein, an deren Kenntnis und Verarbeitung er selbst
einen Anteil hat. Der Erwartung des vorausdenkenden, mitden-
kenden und nachdenkenden Lesers entsprechend, sollen philoso-
phische Erkenntnisse weitgehende Allgemeinheit besitzen.
Lehren der Philosophie sollen auf jede Situation anwendbar
sein. Während etwa in der Not eines Schiffbruchs die Erin-
nerung an einen Rokokoroman oder an ein Lehrbuch der Etikette,
falls sie durch Einmischung einer selbstquälerischen Tendenz
überhaupt zustande kommt, zu einem peinlichen Witz wird, soll
das Ergebnis philosophischer Studien immer seinen Sinn bewahren.
Es soll^icht nur trotz der Notlage behalten, sondern ihn in
einer solchen Situation erst recht erweisen. Es kann als sicher
angenommen werden, daß eine weite Umfrage nach dem philosophier
scher Lektüre zugeschriebenen Wert diese Erwartung als inter-
subjektive Tatsache beweisen würde; auch wäre schwerlich ein
Argument gegen das Recht auf eine solche Erwartung zu f inden^O).
40) Es gehört nicht eigentlich zu diesem Thema, ist aber an-
läßlich dieser Erörterung erwähnenswert , daß Schopenhauer
(in den'Tarerga und Paralipomena" ) dem Leser den Rat gab,
Autoren, deren Gedanken weniger klar sind als die seinen,
•angelesen zu lassen und diejenigen zu lesen, die ihm zu
höherer Klarheit verhelfen.
Das philosophische Denken ist zu einem großen Teil ein
Prüfen, doch von Zeit zu Zeit muß es auch selbst geprüft werden.
Das Folgende ist ein Versuch, einige für das Denken der Gegenwart
repräsentative Schulen, bzhw. Richtungen darauf zu prüfen, in
welchem Maße sie dem Anspruch auf Sinn, also Giltigkeit, in ;
allen Situationen entsprechen; ferner ist es auch ein Versuch,
den bestehenden Lehren und Lösungen einige neue Ergebnisse
gegenüberzustellen.
Die Situationen, die alle geistigen Güter auf die schwerste
Probe stellen, sind persönliche und noch mehr kollektive Katastro-
phen. Wie ein Glaube, oder allgemeiner: eine intensiv erlebte
164
Gewißheit, sich mit dem Zusammenbruch der gesamten individuellen
Realität auseinandersetzt und ihn nicht etwa nur passiv übersteht,
sondern aus einem Ringen siegreich hervorgeht, ist wofcüjnirgends
so tief dargestellt und gestaltet wie im Buche Hiob. Welche
Idee oder Lehre hat einem solchen Zusammenprall jemals so stand-
gehalten? Es ist vorstellbar, daß Plato, Spinoza oder Kant sich
im Leben eines Menschen in so monumentaler Weise als Heilsbringer
bewähren könnten. Vielleicht könnten wir mit Sicherheit fest-
stellen, daß es der Fall war, wenn wir von einer Situation wie
Auschwitz nicht nur Tatsachenberichte, sondern auch eingehende
Protokolle über das geistige Agieren und Reagieren der Märtyrer
besäßen. Nun geht uns die Präge an, ob es in der Philosophie
unserer Zeit Kräfte gibt, die Menschen das Rüstzeug für einen sol-
chen Kampf verleihen können. Betrachten wir also eine ganz enge
Auswahl einiger Ideen, gleichviel ob sie eine weit zurückreichende
Vorgeschichte haben oder mit einiger Ausschließlichkeit der
Gegenwart angehören. (&xnUvv> **&4+, Uty** fc£~**.t *~u*+ JW^mvc azM
Zum alten Problem der Ursächlichkeit und der Willensfreiheit
Seit dem vorigen Jahrhundert ist das uralte Problem der
Willensfreiheit zu enormer Aktualität gelangt. Es hat, um das
Ergebnis dieser Auseinandersetzung teilweise vorauszunehmen,
einen metaphysischen und naturwissenschaftlichen, logischen
und ethischen Aspekt einerseits, einen sozialen anderseits.
Der erste kann zusammenfassend theoretisch, der zweite praktisch
genannt werden. Nur diese methodische Trennung führt zu einer
anwendbaren und daher berechtigten Lösung. In den Lehren, denen
diese Trennung fehlt oder durch einseitige Argumentation ersetzt
ist, muß eine gewisse Konfusion der Standpunkte eintreten, so
daß aus umfangreicher, von verdienstvollen Denkern unternommener
Arbeit nur eine neue Phase im häufigen Wechsel der Meinung,
ein erneutes Setzen von Annahme gegen Annahme resultiert, nicht
eine reale Lösung.
Konfusion entsteht zuweilen daraus, daß man eine Annahme machtl
und sie mit oder ohne Erfolg zu beweisen unternimmt, weil man sie
braucht. Der Existentialismus brauchte die Annahme der Willens-
freiheit, wenn auch nur die einer weitgehenden. Schon sein Alt-
meister Kierkegaard entblößte eine unbestreitbare Schwäche,
indem er in einem Atem sowohl den Willen für frei erklärte als
auch auf die Angst hinwies. Der Psychologie seiner Zeit war die
165
gegenseitige Ausschließung von Freiheit und Angst wohlbekannt;
u.zw. nicht allein als Ergebnis empirischer Forschung, denn
schon aus den beiden Begriffen muß ihre Unvereinbarkeit not-
wendig deduziert werden. Auch|iie spätere Existenzphilosophie
einschließlich Heideggers, die ja kein eigentliches System,
und mit Ausnahme von Jaspers auch nichts einem System annähernd
Entsprechendes hervorgebracht hat, setzt an die Stelle von
Beweisen oft genug Behauptungen und Pos^ulate. MI Die Argu-
mentation des Existenzphilosophen wird unter Umständen zu
reinem Ausdruck von Wünschen, etwa wenn er den eigenen Glauben
an Willensfreiheit gleichsam als Beweis anführt.
Zu einem noch entschiedener negativen Resultat führen
die gegen das eigentliche Kausalitätsprinzip gerichteten
Bemühungen. Daß der Willensakt ohne Ursache sei, kann man
nur proklamieren, wenn man einen Vorstoß gegen die Logik begeht,
indem man übersieht, daß ohne Ursache sein mit Nichtsein gleich-
bedeutend sein muß, sodaß der extreme Indeterminismus sich
hier selbst aufhebt. Q^^Ji
Denn wer die Möglichkeit einer inVallett. Geschehens waltenden
Ursächlichkeit zugibt, begeht nicht einfach eine Inkonsequenz;
er unternimmt damit eine partielle Deutung seiner Erfahrung.
Doch weiß er nicht zu sagen, auf Grund wessen sich das übrige
Geschehen vollzieht, das innerhalb und das außerhalb der Reichwei-
te seiner Erfahrung vor sich gehende. Er muß jedenfalls zugeben,
daß seine Erfahrung ursachenlose Vorgänge nie erwiesen hat. So
wird die Einräumung der Möglichkeit der Kausalität zur ersten,
wenn auch indirekten, Bestätigung ihrer Allgemeingiltigkeit.
Damit sind wir aber noch nicht am Ende der mit ihr verbundenen £
Fragen angelangt, sondern erst an deren Anfang.
Wohl bestätigt die Logik das metaphysische Kausalitätsprinzip
direkt, da schon sein bloßer Begriff begrenzten Umfang seiner
Geltung nicht zuläßt, doch dadurch wird die Notwendigkeit noch-
maliger Befragung unserer allgemeinsten Erkenntnisgielle, der Er-
fahrung, keineswegs überflüssig. Um diese in ihrer AGänze zu erfas-
sen und nicht willkürlich zu teilen, müssen wir die Ergebnisse
der Introspektion und Selbstbeobachtung in den Begriff der Erfah-
rung einbeziehen, nicht minder als psychologische Beobachtung
Anderer. Aber diese introspektive Erfahrung liefert uns unauf-
hörlich auch Beweise für die Existenz des Willens, den wir
166
unmittelbar in uns selbst erfahren, sogar unmittelbarer als
alles andere. Indem wir den Willensakt in uns wahrnehmen und,
zugleich oder fast zugleich, durch unsere Sinne seiner Auswir-
kung gewahr werden, machen wir zwei Erfahrungen, deren zweite
die erste bestätigt. Diese Doppelerfahrung, die der Existenz
des Willens und die seiner Wirkung, erfüllt fast unser ganzes
Leben. In Schlaf und Traum verläuft sie lückenhaft oder anders,
bei pathologischen Willenslähmungen oder Sinnestäuschungen
fehlt sie oder wird durch Scheinerfahrung ersetzt. Die Rolle
der Erfahrung des Willensaktes in unserem Leben wird schon in
den Frühstadien ihres Auftretens deutlich. Die Entdeckung des
Kleinkindes, daß es sein Begehren durch Aktionen in Wirkungen
umsetzen kann, ist von Lustgefühlen gefolgt, aus denen nach
einiger Wiederholung die Vorstufe des Bewußtseins hervorgeht.
So fällt die eigentliche Entstehung des Ichs mit dessen Ent-
deckung zeitlich fast zusammen. Dieser Vorgang entspricht nicht
dem Cogito ergo sum des Descartes, das erst die Reflexion und
Selbstbestätigung reifsten Intellekts ist. Das Bewußtsein ent-
steht aus einem Vorgang, der Volo ergo sum genannt werden könnte,
da auf den Willensakt immer wieder aus dessen Folgen geschlossen
wird; und da der selbsttätig weitere Rückschluß die Existenz des
Wollenden ergibt. Die Funktion des Wollens führt uns also auf
jener Stufe zur Entdeckung unsererselbst. Die Entdeckung des Ichs
können wir klarer beurteilen, wenn/\in Betracht ziehen, daß sie
der Apperzeption anderer Objekte entwicklungsmäßig immer erst
folgt, ihr nie vorausgeht. Selbstentdeckung ist in ihrem ersten
Stadium ein fragmentarischer und wenig auffallender Vorgang«
"Weitere und immer reichere Erfahrungen und Rückschlüsse folgen
ergänzend der Erfahrung des Willens als ersten Objekts des ent-
stehenden Selbstbewußtseins. Erst das Zusammenströmen der verschie-
denen Erfahrungen in derselben Richtung schafft das allen gemein-
same Substrat, die Subjekt-Objekt-Beziehung ist hergestellt, und
aus dieser ergibt sich durch einen schrittweisen Isolierungs-
prozeß der vollendete Begriff des Ichs.
Der zumeist im zweiten Lebensjahr gemachten elementaren
Erfahrung sind die späteren Wahrnehmungen unseres Willens analog •
Sie Ergeben eine Evidenz, deren Grad geradezu jede andere Evidenz
übertrifft, so daß die primär psychologische Existenz des Willens
schv/erer geleugnet v/erden könnte als jede andere Existenz. Er
ist der Inbegriff der auf direkte Empirie gegründeten Gewißheit.
167
Wenn man unter der Führung der Logik zu zwei Erkenntnissen
gelangt, die weder identisch sind noch auch vereinbar zu sein
scheinen, wird man geneigt sein, der Schwierigkeit zu entgehen,
indem man eine von beiden zurückweist; sich für eine von "beiden
zu entscheiden, ist immerhin das einfachste. . Doch versuchen wir,
der Schwierigkeit bis ans Ende zu folgen.
Der Begriff der Kausalität an sich erfordert keine neue
Nachprüfung. Doch ergibt sich aus ihm die Frage, ob die nun
gewisse Existenz des Willens mit seiner Freiheit gleichbedeutend
sei. Fragen wir auch danach zunächst die Erfahrung. Deren ebenso
einfaches wie häufiges Ergebnis ist, daß wir nicht nur beschlie-
ßen und handeln, sondern auf Grund unseres Beschlusses die Handi
lung auch unterlassen können. Wir können auch abwechselnd positiv
und negativ beschließen und entsprechend handeln, und das Ex-
periment nach Belieben wiederholen. Schon aus dieser einfachsten
Erfahrung geht hervor, daß unsere Willensakte nicht völlig
unfrei sein können. Allerdings geht aus ihr ebensowenig hervor,
daß sie völlig frei sind.
Wenn wir uns nun der notwendig ausnahmslosen Geltung des
Kausalitätsprinzips erinnern, ergibt sich die besonders schwieri-
ge Frage, wie etwas zugleich unfrei und frei sein kann. Frei in
einem idealen, u.zw. im absoluten Sinne, wäre etwas, das wirkt,
ohne selbst bewirkt zu sein; wofür jedoch die Erfahrung kein
Beispiel bietet. Unfrei hieße etwas, was bewirkt ist und wohl
auch seinerseits wirkt oder wirken kann, aber nur in einer Weise, ,
die durch die ihm vorausgegangenen Ursachen bestimmt ist; das so
Definierte läßt sich empirisch vielfach belegen. Da aber unser $
Willensakt einerseits bewirkt ist, wie alles, aber anderseits aus
der Erfahrung der Wahl oder der Entscheidung zwischen entgegen-
gesetzten Möglichkeiten seine Freiheit hervorgeht, muß für ihn ±
die Eigenschaft des zugleich Unfreien und Freien zutreffen.
Der_Willensakt ist notwendig bewirkt, aber virtuell befähigt ,
Ifl äSinga Fortwirkung die Richtung des auf ihn Wirkenden zu
zu ändern 41). Durch anfänglich widerspruchsvoll erscheinende
41) Der Begriff einer Ursache und ihres Fortwirkens, also
der Übertragung, die wir Kausalität nennen, unter Änderung
ihrer Richtung, hat hier eine eher einem Gleichnis ähnliche
Gestalt angenommen. Abstrakt und grundsätzlich würde es
lauten: Wir können weder sein noch wirken, ohne bewirkt
zu sein; docfe_muß die Wirkung, die wir ausüben, der
empfangenen nicht gleichen.
Gegebenheiten gelangen wir also zum Ergebnis einer relativen
168
Willensfreiheit, zum Begriff eines komplexen Willens, dessen
Ursachen und Wirkungen potenziell heterogen sind, also zu einem
in sich selbst determinierten Determinismus.
Die weitere Erforschung des Willens im Zusammenhang mit
der Kausalität ist eine Frage rein empirischer Beobachtungen,
die allenthalben im Gange sind und den Begrenzungen unserer MHJl
Willensfreiheit nachzugehen haben, u.zw. ihren pathologischen und
andern Lähmungen und Störungen.
Die theoretische Lösung des Problems der Willensfreiheit
bedeutet zunächst an sich, daß wir endlich einerseits die meta-
physische und logische Schwäche eines in der Luft schwebenden,
aus dem universellen Kausalgesetz herausgehobenen Indeterminis-
mus überwinden, uns aber auch von einem absolutistischen Deter-
minismus befreien, innerhalb dessen für bedeutende Tatsachen
wie die aufgezeigten kein Raum zu finden ist. Schließlich
ergibt sich noch ein Resultat von hoher Wichtigkeit.
Von der Allgeme ingilt igkeit der Kausalität war bereits
die Rede. Die metaphysische Evidenz, daß es eine partielle
Ursächlichkeit nicht geben kann, muß selbst gegn Kant aufrecht-
erhalten werden. Denn der Umstand, daß es uns nicht gelingt,
alles als Folge von Ursachen zu erklären, wie im Sinne Kants
das sittliche Erlebnis, kann keineswegs besagen, daß Kausalität
nur da bestehe, wo sie nachweisbar is£. Unter solchen Umständen
müßten wir, statt nach den Ursachen der vielen uns noch unerklär-
lichen Naturtatsachen zu forschen, uns damit begnügen, sie
einfach als ursachenlos zu bezeichnen, was wohl keiner so ent-
schieden abgelehnt hätte wie Kant. Dem scheinbaren Ausschluß
bestimmter Vorgänge aus dem Kaus^lprinzip ist entgegenzuhalten, j
daß die Kausalität nur unbegrenzt allgemein sein kann, da sie |
sonst mit der gleichen Allgemeinheit geleugnet werden müßte.
Diese Alternative ist abstrakt logisch durchaus möglich,
doch würde eine totale Negation der Ursächlichkeit mit der
auf die konstante Erfahrung gegründeten Evidenz zusammenstoßen.
Auf dem empirischen Wege gelangen wir also nochmals zur
Allgemeingiltigkeit der Kausalität.
Schließlich erfährt ein der Naturwissenschaft entlehnter
Begriff, der des voraus sagbaren Eintretens von Vorgängen,
abwegige Anwendung, die infolgedessen zu falschen Resultaten führt,
Ursächlichkeit und Voraus sagbar keit sind völlig verschiedene Dinga
169
Was voraussagbar ist, muß zwar ursächlich bedingt sein,
aber dieser Satz ist nicht umkehrbar, das ursächlich Bedingte
muß durchaus nicht voraussagbar sein. Das wird durch jede
Überraschung und jedes unerwartete Vorkommnis bewiesen. Die
Voraussage hat die Kenntnis des Kausalnexus im gegebenen Falle
zur Voraussetzung, nicht nur den Kausalnexus selbst.
Den Versuchen Sartre s und andere Existenzphilosophen
zu Gunsten eines weitgehenden Indeterminismus muß dennoch ein
VB
ungemein verdienstvolles Ziel zarkannt werden. Der Begriff
der Freiheit mit allen seinen positiven Auswirkungen, den
psychologischen und den noch konkreteren, soll gefördert werden,
Mensch und Gesellschaft sollen von lähmendem Fatalismus in
allen seinen Formen befreit sein, schöpferische Kräfte sollen
wachsen können. Im Zusammenhang damit soll eine tiefere Beziehung
zwischen den Menschen rekonstruiert werden, wie auch der Begriff
des Menschenrechtes Vertiefung erfährt» Ferner muß den Existen-
tialisten zugutegehalten werden, daß ein gewisser Verzicht auf
Systematik mit gelegentlichen Ausflügen ins Literarische eine
gesunde Reaktion gsgxH auf formalistische Erstarrung war.
Sartre und der Existentialismus haben den Stil des Gedankens
und des Wortes n«Klr verlebendigt. Dank ihnen haben Viele sich
von dem Vorurteil befreit, Trockenheit sei an sich ein Vorzug«
Den so schwer verdaulichen Stil Kants zu imitieren, ist gewiß ±k
leicht, aber keine derartige Nachahmung ist in irgend einer
Hinsicht bedeutend«
Die Verdienste der Existent ialisten anzuerkennen, heißt ggfcü
natürlich nicht, auch ihrer Argumentation en bloc zuzustimmen.
Die Erkenntnis der Kausalität, die durch die Arbeit der Natur-
wissenschaft des 19. Jahrhunderts bis zu einer gewissen Lücken-
losmgkeit gediehen war, muß in Geltung bleiben, bzhw. aufs
neue in ihre Rechte eingesetzte werden, solange wir sie nicht
durch eine evidentere Deutung unserer Erfahrung ersetzen können.
Doch auch mit der notwendigen theoretischen Rückkehr zum
Determinismus ist es nicht getan und er kann nicbt das letzte
Wort sein, denn es gibt noch eine Frage von höchster Bedeutung,
die er allein nicht lösen kann. So kommen wir auf die eingangs
(S. ) aufgezeigte Seite des Problems zurück. Es ist eine sinn-
fällige und mit keinem Scharfsinn bestreitbare Schwäche des
Determinismus, daß er mit dem Prinzip der Verantwortung schlecht
zusammengeht. Jede konsequente Negation der Willensfreiheit
170
zwingt mit unweigerlicher Notwendigkeit zum Ausschluß von
Lohn und Strafe, Wer nicht frei wählen und entscheiden kann,
wer es nur scheinbar frei tut, aber in einer weniger sicht-
baren oder unsichtbaren Wirklichkeit dem unentrinnbaren Zwang
der Ursächlichkeit unterworfen ist, von der seine ihm als
Willensakte zu Bewußtsein kommenden Funktionen einen Teil
bilden wie alle andern Vorgänge im Universum, verdient für
sein Tun nicht Verherrlichung noch Verurteilung, nicht Lohn
noch Strafe. Zu dieser immer wieder erschreckenden Schlußfol-
gerung gelangen wir ungachtet der vorausgegangenen theoreti-
schen Erwägungen und in gewissem Grade durch sie. Die Folgerung
muß uns erschrecken, weil sie, jedenfalls in dieser Fassung,
u.a. die Abschaffung jeglicher Justiz erfordert. Bekanntlich ist
eine solche Maßnahme bisher von keiner noch &E so revolutio-
nären Gesellschaft durchgeführt oder auch nur geplant worden,
abgesehen von den vorderhand verfrühten, auf psychopatholo-
gischen Forschungen beruhenden Hypothesen, die alle antiso-
zielen Handlungen für pathogen- Erklären und das Strafgericht
durch verbesserte und verallgemeinerte Therapien ersetzen
wollen. Für den Fall, daß die Menschheit dem nuklearen Untergang
und den andern drohenden Katastrophen entgehen sollte, werden
die vorhandenen Heilungs- und Erziehungsmethoden voraussicht-
lich manche Vervollkommnung erfahren, und es ist nicht einzusehen, ]
warum unter der Voraussetzung allgemeinen neiien Aufstiegs oder
doch einer erträglichen Gesamtlage nicht konduktiv zweckmäßige,
wenn auch radikale Neuerungen erfunden und durchgeführt werden
sollten. Doch haben wir zunächst mit der Realität von heute
und morgen zu rechnen und müssen das Strafgesetz deshalb gsEBBCHan
permanent reformieren, doch im Prinzip daran festhalten. Die
Reform in Permanenz muß nicht allein ein qualitativer, sondern
auch ein quantitativer Prozeß sein: Je mehr Boden Erziehung
und; Heilung gewinnen, desto mehr muß die Justiz an Boden ver-
lieren; sobald Erziehung und Heilung neue Anwendbarkeit erweisen,
hat döe Anwendung des Strafgestzes auf eben diesem Gebiete
aufzuhören.
So bleibt das Strafrecht an die grundsätzliche Voraussetzung
der Willensfreiheit geknüpft, ohne die es auch nicht zeitweilig
bestehen kann. In ihrer Komplexität wird der Willensfreiheit
ein entscheidend wichtiger Platz im Leben gewahrt, als soziales
Erfordernis, als gesellschaf tserhaltendes Prinzip; während die
171
Erkenntnis und die Anerkennung ihrer Relativität ihre
Anwendbarkeit sichert: Die Unfreiheit des Willens muß in
allen drastisch deutlichen Fällen gelten und selbst in Grenz-
fällen Strafbarkeit ausschließen, vorderhand auch überall, wo
Erziehung und Heilung in der Tat noch ohnmächtig sind. Praktisch
wird die Freiheit des Willens somit zur Arbeitshypothese,
und als solche unentbehrlich. Sowohl der Theorie des unter-
suchten Begriffes als auch der Praxis wird durch dessen Doppel-
funktion als komplexe Erkenntnis und einfache Arbeitshypothese
Autonomie gewährleistet und gegenseitige Störungen wie die
Notwendigkeit von Kompromissen sind aufgehoben» 4-2)
4-2) Analoges geschieht de facto auf vielen Gebieten« Was
z.B. die thermische Energie sei, ist eine Präge, die auf
Erzeugung, Erhaltung, Regulierung und Verwertung von Wärme
keinen Einfluß ausübt. Selbst wenn klar werden sollte,
daß es eine solche Energie nicht gibt, müßte die Wärmetech-
nik in ihrer Arbeit ungestört fortfahren.
Es bedarf wohl nicht besonderer Hervorhebung, daß der
hier dargestellte Willensbegrif f in einer Hinsicht dem
Schopenhauers nahe ist, u.zw. in der Kritik des als
Willensfreiheit Erscheinenden; doch ohne Übereinstimmung
in metaphysischen und andern Voraussetzungen und Polgerungen.
tfoer das Verhalten der Philosophie
Erinnern wir uns nun an das erwähnte und ziemlich
allgemein anerkannte Prinzip, daß Philosophie einen Sinn haben
muß.
Von altersher wurden die großen und kleinen Gebilde und
Stoffe sowie die Organismen einschließlich des Menschen beob-
achtet. Seit dem Altertum war aber die Beobachtung ihres Verhalt
tens an sich fast irrelevant. Es kam auf die Polgerungen an, auf
die Gebäude, die über diesen Fundamenten errichtet wurden.
Die Bedeutung der Beobachtung ist der Rolle der Rohstoffe in der
Industrie vergleichbar. Sie sind die Vorbedingung für alles
und als solche von höchster Wichtigkeit; an sich aber sind
sie nichts. Dieses Nichts ist in der Ge^hwart sehr anspruchs-
voll geworden. Der stummen Rolle des Materiallieferanten
überdrüssig, gibt es sich als Philosophie aus, nennt sich
Behaviourism und füllt seine Leere mit geschickt gemachter
latein-griechischer Terminologie. Es ist die Munition für eine
noch nicht beendete Offensive, in der es ums Ganze geht. Immer
gab es verschiedene Wege und iimaer ging man auf ihnen zu einem
Ziel. Für alles, was sich jemals Philosophie nannte, war die
172
Erkenntnis des Wesens, oder zumindest die des Wesentlichen,
das Ziel, Das Wesen oder das Wesentliche läßt man nun links
liegen und lächelt nicht einmal über so etwas verschrobenes.
In der Psychologie wie in der Physik und Chemie studiert man das
Verhalten der Objekte, wodurch man sich um die Erweiterung der
geistigen Rohstoff lager unbestreitbare Verdienste erwirbt;
während die Frage, was die Objekte seien, und gar die, ob
sie seien, als unzulässig gilt. Man nennt solche Problem-
stellungen Metaphysik und spricht dieses Wort aus wie die
Bezeichnung für eine nicht zimmerreine Handlung, Viele Andere,
die sich gar nicht Behaviouristen nennen, halten es zur Vor-
sicht ebenso. Der Begriff des Beweises wird ohne Scheu vor
Absurdität derart entstellt, daß ein Beweis kaum noch möglich
ist. Daß ein von einem brennenden Zündholz berührter Haufe
trockenen Strohs ebenfalls brennt, ist für diese Schule kein
Beweis einer Kausalbe Ziehung zwischen den beiden Erscheinungen,
auch die beliebige Wiederholbarkeit des Experiments ist es nicht
Man erklärt es einfach für unerwiesen, <iaß die Polge nicht auch
ausbleiben konnte.
Der völlig willkürlichen Simplif ikation setzt die Realität
selbst gewisse Grenzen, Da man den asketischen Beschluß, sich
rein deskriptiv zu verhalten, nicht durchführen kann, ohne auch
solche Vorgänge aufzunehmen, die das Kausalprinzip direkt demon-
strieren, wie Aktionen mit den ihnen unmittelbar folgenden Re-
aktionen, sieht man sich genötigt, das Zugeständnis der Ursäch-
lichkeit hinter einer sehr mathematisch-naturwissenschaftlichen
Terminologie zu tarnen. Die Ursache heißt von nuna: an S, Stimulus,
die Polge R, response. R und S zu definieren, oder zu erklären,
inwiefern sie sich von aller abgetanen Etiologie unterscheiden,
kann man sowieso ruhig ablehnen, denn das zu untersuchen wäre
ja Metaphysik. So verliert man sich prinzipiell an Einzelheiten
und verurteilt sie alle zur Sinnlosigkeit.
Nicht so der Atomismus, dessen kleine Welt sehr groß ist.
Zwar ist es möglich, daß die technologischen Konsequenzen zur
Zerstörung des Lebens auf unserem Planeten führen werden, da sie
wenigen oder gar Einem eine Macht geben wie sie Sterbliche
nie hatten. Der schlimmste Angsttraum unseres Jahrhunderts
darf aber nicht den Maßstab für die Bewertung von Forschungen
bilden, die um der Erkenntnis willen seit der griechischen
Antike bis in die Gegenwart unternommen wurden. Was einem Demo-
173
kritos vorschwebte und woran noch früher Parmenides
arbeitete, war die Ergründung des Wesens der Materie, und
von da aus hofften sie und ihre Nachfolger zu Lösungen aller
Rätsel zu gelangen. Ist es nicht das Streben nach dem Ganzen,
durch das wir unsern Sinn erfüllen?
Es ist nicht das Ganze, aber es sind immerhin Ganzheiten
und somit Brücken zum Ganzen, die durch die Gestalttheorie
jenem den Verfall der Begriffe einleitenden Verhalten ent-
wunden und wiederhergestellt werden. 8fir mußten es endlich
erfahren, daß ein Brief mehr ist als ein mit Buchstaben be-
kritzeltes Stück Papier und ein Mensch mehr als eine Anzahl
von Singeweiden mit Zubehör samt ihren einzelnen Punktionen.
Man wagt also wieder an das Wesen der Dinge zu denken, und
das ist wesentlich.
Versuch über Beziehung
In der folgenden Skizze sei eine Qualität oder Wesen-
heit behandelt, die, bisher zu wenig beachtet, unserer Daseins-
deutung eine Möglichkeit erschließt.
Die vielen Doppelsterne, die Sterngruppen, die Milchstraßen
und die ihnen noch übergeordneten Gruppierungen von Himmels-
körpern, aber auch die Planeten unseres Sofiensystems und ihre
Satelliten, sowie die der andern Gestirne, und schließlich
die Bauteile der Atome kreisen in Bahnen, die, wie wir auf
Grund von Beobachtung und Vergleich annehmen, von den selben
Kräften bestimmt sind, die wir aus unserem Alltag kennen oder zu
kennen glauben. Als sicher kann gelten, daß zwischen allen
jenen Einheiten Beziehungen bestehen und daß sie ohne diese
Beziehungen nicht denkbar sind, daß also Beziehung einen integra-
len Teil ihrer Natur oder gar ihr eigentliches Wesen bildet.
Auch in unserer Lebenssphäre beobachten wir zahllose Objekte,
bzhw. Subjekte, die durch Beziehungen definiert sind. Kein
Kind kann ein Kind sein ohne Eltern zu haben oder gehabt zu
haben, die Zeugung kann nur durch Zwei erfolgen, ein Arzt
setzt Kranke voraus, und auch Haß und Feindschaft kommen ohne
den Hasser und den Gehaßten nicht zustande. Zur Vervollstän-
digung dieser Beispiele müßten wir geradezu unsere gesamte
Erfahrung heranziehen. Darüber hinaus gibt es auch solche
Beziehungen, die nicht in einem so einfachen Sinne eine direkte
Resultante zweier Komponenten sind. Heimattreue z.B. ergibt sich
174
nicht allein aus einem Land und einer in ihm geborenen Person,
da Andere, die im selben Land geboren sost wurden, diesem nicht
treu sind. Dritte Faktoren, wie der Charakter oder die Er-
ziehung, waren für das Zustandekommen oder die Au1t?echfcea?hal-
tung einer solchen Beziehung bestimmend. Solche dritte Faktoren
bestimmen den Grad der Beziehung oder ihre Intensität. In
gewissen Kategorien psychologisch qualifizierbarer Beziehungen
füllen diese das Subjekt so restlos aus, als bestünde es ganz
aus dieser Beziehung und hätte keine Existenz außerhalb ihrer.
Wie etwa ein Soldat, der ganz aus soldatischen Tugenden zu
bestehen und keinerlei andere Wünsche zu haben scheint;
oder der sexuell Hörige, der alles leichter opfern könnte als
seine Ansprüche an de)i Person, von der er abhängt. Hierher
gehören auch Erscheinungen der Tierpsychologie wie die der
Anhänglichkeit des Hundes.
Die mathematischen Operationen beruhen ebenfalls auf
Beziehungen oder reflektieren solche. Die Musik macht uns
die Bedeutung der Beziehung erst völlig klar, wenn wir die kh
Charakterlosigkeit eines einzelnen Tones mit seiner aktiven und
passiven, durch Gegenseitigkeit bestimmten Rolle in der Melodie
und in der Polyphonie vergleichen. Der naive Betrachter von
Gemälden und anderen farbigen Gebilden hat, wie die meisten
der heutigen Maler, kaum eine Vorstellung von der Unwesentlich-
keit und Bedeutungslosigkeit einer einzelnen und isolierten üfa wia
Parbe, weil er nicht beachtet, daß sie als wirkende Kraft erst
durch die Wechselwirkung mit andern Farben entsteht, daß also
die Parben an sich leblos und sinnlos sind, jedoch einander
Leben und Sinn geben.
Beachten wir, daß für die Parben nicht nur ihre gegen-
seitigen Beziehungen entscheidend sind, sondern auch die zu
andern Elementen, wie etwa zum Objekt. Daraus ergibt sich
der Unterschied zwischen einem grünen Peld und einem grünen
Gesicht oder der zwischen gelben Blumen und einem gelben
Himmel. Ähnliche Gesetze gelten für die Beziehung zwischen
einer Melodie und der Begleitmusik oder für die fugale Beziehung
zwischen zwei Melodien. Ein analoger Unterschied ergibt sich
aus einer Melodie, die in einem Rhythmus fröhlich, in einem
andern elegisch wird«
Jede entwickelte Sprache hat ein reiches Vocabulaire
zur Bezeichnung von Beziehungen, reicher als die Arbeit,
175
welche die Logik und die Metaphysik an ihnen bisher geleistet
haben. Sie erfordern aber nicht nur qualitative Analyse und S±
Klassifizierung, sondern bilden auch quantitative Probleme. In
welchem Maße sind z.B. Liebende mit der Liebesbeziehung iden-
tisch, durch sie definiert, und in welchem Maße ist jedem
von Beiden extrarelationale Existenz gewahrt? Dafür ließen sich
wahrscheinlich Prozentzahlen finden, und solche wären, in die
Psychologie eingeführt, voraussichtlich nicht wertlos. So könn-
ten auch andere emotionale Bindungen nach entsprechenden Vor-
arbeiten mathematisch definiert werden. Um die Bedeutung eines x
solchen neuen Arbeitsfeldes zu ermessen, brauchen wir uns nur
an die früher erörterte praktische Seit des Problems der Willens-
freiheit zu erinnern. Die Errechnung des Prozentsatzes der
Unfreiheit würde der forensischen Praxis ermöglichen, die noch
vage, der Realität kaum jemals entsprechende Alternative von
frei oder unfrei durch eine gewisse Präzision zu ersetzen.
Der prozentuelle Anteil einer Beziehung an ihren Kompo-
nenten ist eine variable Größe, wofern es um psychologische äbsag
Prägen geht. Eine gev/isseVariaüüfcät besteht aber selbst in der
Astronomie, denn nur so werden kosmische Katastrophen erklär-
lich. Katastrophale ksmische Kettenreaktionen wären ein Ein-
bruch der Variabilität in die Konstanz einer Gruppe, oder
eines relationalen Systems.
Die Bedeutung der Beziehung für den Makrokosmos, die uns
schon durch die Gravitation genügend anschaulich wird, trägt zu
der Vorstellung von Weisen und Astronomen bei, daß alle Welt-
körper einmal eine einzige Masse gewesen seien. Obzwar eine Tat«
sache erwähnt werden muß, die in der Präge einer objektiven
Berchtigung dieser kosmogenetischen Annahme nicht übersehen
werden kann, u.zw. die Gleichheit der physikalischen Struktur
jeder uns bekannten Materie und sogar die Identität der spek-
tralanalytisch zugänglichen Elemente des Universums, bleibe
dieses Problem selbst hier unberührt; nur eine auffallende
Analogie der Denkungsweise , bzhw. Phantasie sei in Erinnerung
gebracht, die auch für das menschliche Leben die Beziehung
einem ursprünglichen Einssein zuschreibt. Die Alten hielten
die Liebe für eine Sehnsucht der Zweiheit nach dem Urzustand
des Einsseins. Wenn wir solche Legenden nicht als vorwissenssk
schaftlichen Versuch zur Rekonstruktion der Entstehung werten,
sondern als mythologischen Ausdruck für die metaphysische
176
Einschätzung der Beziehung, nötigt uns die Intuition der
frühen Menschheit wieder Bewunderung ab.
Sowohl auf den animalischen Vorstufen der Entwicklung eines
Bewußtseins als auch in den tfrühstadien des menschlichen Klein-
kindes wird ja deutlich genug, daß die Beziehung zum Andern
dem Bewußtsein der eigenen Existenz vorausgeht (vgl. S. )•
So ist es die Beziehung, die im kosmischen Geschehen,
im Kräftespiel der irdischen Hatur und im Leben der Menschen
zu einem großen Teil Wesen, bzhw, Realität verleiht oder
gegebenenfalls entzieht. Da wir zwischen Sein und Beziehung
unterscheiden können, ist sie nicht selbst das Sein, doch
ist sie zwischen dessen Einheiten und wird in ihnen manifest.
In den Kirchen etwas weiter unten
Die früher erörterte zögernde und doch revolutionäre SsHSgs
Froblematikern und Denkern großen .Formats eingeleitet und vom
Verlangen nach Wahrheit und Leben getragen, weiter geht als
jemals eine Reformation es konnte, löste bisher weit schwä-
chere Reaktionen konservativer Tendenzen aus als zu erwarten war
war. Solche sind wahrscheinlich unterwegs und werden eintreten,
wenn die Bedingungen sich zu Gunsten der Konservativen ändern
sollten. Hingegen kam es fast gleichzeitig in den geistigen
Unterschichten der Kirchen zu einer entsprechenden Bewegung, die,
den Schwächen der Kirchen von heute entsprungen, diese infolge
falscher Berechnung und einer Reihe von Mißverständnissen,
privaten Interessen und persönlichen Entgleisungen noch
viel mehr schwächt.
Als die kleineren und weniger selbständigen Köpfe im
Laufe der letzten Jahre es im_üer deutlicher erfahren mußten,
daß die Anziehungskraft der Routine, der Routine des Glaubens he
der des Zeremoniells, in unaufhaltsamem Abnehmen war und die
alterprobten Injektionen erfolglos blieben, sahen sie sich eine
Weile den ansteigenden Kräften des Freidenkertums und der
Apostasie hilflos gegenüber. In den Büchern der großen Köpfe £as
fanden sie zugleich Revisionsbereitschaft um jeden Preis und
jene Rücksichtslosigkeit, die starken Gharaktern immer dann s±gs
eigen ist, wenn es um die wichtigsten Entscheidungen geht. Statt
also die aussichtslose Sache des alten Glaubens bis zum letzten
Mann zu verteidigen, entschlossen sich manche der Schwankenden,
Bewegung in der geistigen Oberschicht von
von
177
zu den Angreifern überzugehen und den Glauben womöglich noch
erbarmungsloser zu schlagen. Die meisten tun das injder Hoff-
nung, den Rahmen, die kirchliche Organisation als solche,
erhalten zu können, als ob vom leeren Rahmen die Wunder zu
erwarten wären, die das Gnadenbild nicht vollbrachte.
Sie und auch diejenigen, die vor der äußersten Konsequenz
der Liquidierung des Glaubens noch innehalten, um alle möglichen
Folgen nochmals zu erwägen und in vielen Beratungen misi in
Betracht zji ziehen, was Andere tun , wollen auf alle Fälle
anderen Inhalt herbeischaffen, um die Gemeinde, die schließlich
immer noch zahlt und nach irgend einer Anleitung und Betreuung
verlangt, zusammenzuhalten; sie wissen, daß sie ihr irgend
etwas bieten müssen. Diese Priester wollen ihre Position
wechseln, der neuen Lage anpassen, aber keinesfalls aufgeben.
Da das Ganze in Frage steht und inf oledessen die Besoderhei-
ten der einzelnen Kirchen um so viel weniger belangvoll gewor-
den sind, sucht man zunächst deren Anziehungskraft durch
betonte Steigerung des persönlicten Magnetismus zu ersetzen.
Das allein genügt aber nicht« Man sieht sich also in einiger
Hast nach neuen Punktionen um. Man will anerkannt bleiben,
Achtung und Dank ernten. Das Ziel ist jetzt, sich nützlich
zu machen.
Man versucht es mit neuen Diensten und Hilfeleistungen,
um die niemand ersucht hat, um zuerst die ausgetretenen Pfade
der psychologischen Intervention aufs neue und womöglich in
neuem Stil zu benützen. Einzelne Geistliche hypnotisieren,
andere lehren Kollegen das frisch Erlernte. Manche demonstrie-
ren einen Zusammenhang mit ihrem Beruf, und sozusagen eine
Art Kompetenz, indem sie die Leute nicht auf glänzende Knöpfe
starren lassen, sondern in die Augen eines Christusbildes.
Sie fragen nicht viel, ob es gesetzlich sei, denn sie wissen,
daß mah ihrem Stand gegenüber, solange es noch irgend geht,
eher beide Augen zudrückt. Sie fragen nicht einmal, ob nicht
gerade dieser krasseDilettantismus ihre gesamte Vertrauenswür-
digkeit in Frage stellt. Andere versuchen es mit Wunderkuren,
Die unter günstigen psychologischen Voraussetzungen auch
gelingen, wobei ja dem Gesundbeten u.dgl. durch die enge
Verbindung mit dem Glauben das Vertrauen gesichert ist.
Doch dazu sind nicht Viele unternehmungslustig und wagemutig
genug, und es würde, wenn von zu Vielen praktiziert, den
178
Reiz der Besonderheit verlieren und nicht mehr wirken.
Es gibt aber ein Gebiet von allgemeinstem Interesse,
das für fast unbegrenzt viele Ratgeber Platz hat. Es ist das
Geschlecht, mit seinen vielen Zusammenstößen von Lust und
Unlust, mit seinen Genüssen und Nöten, seinen Anreizen und
Verboten, Lockungen und Gefahren. Mit der durchschnittlichen
privaten Erfahrung und einem Minimum an wissenschaftlicher
Kenntnis kann jeder als Fachmann auftreten. Er kann sogar auf £x
Erfolg hoffen, denn in problematischen sexuellen Situationen
sieht zumeist jeder Unbeteiligte klarer als der Verstrickte.
So wird er die Kompetenz, die er nicht besitzt, oft sozusagen
unter Beweis stellen können. Wie der Psychologe und namentlich
der Psychoanalytiker, wird auch er unbegrenzte Toleranz zeigen
müssen, denn nur sie bietet volle Gewähr dafür, daß der Ratsuefea.
chende sich verstanden fühlt, was ja für das Vertrauen die wich*
tigste Bedingung bildet. Dem Rat- "Suchenden" kommt man auf
halbem Wege entgegen oder man findet einen Stil, Hilfe anzubie*
ten, wo sie nicht erbeten wurde.
Sobald die Straße der uneingeschränkten oder wahllosen
Toleranz betreten ist, gerät man leicht in groteske Übertreibung
gen, an denen sowohl der wachsende Diensteifer als auch die
v/achsende Konkurrenz schuld sein mögen. Ein Geistlicher brachte
es fertig, den Redakteur eines Magazins für erotische Attraktion
als Moralisten zu feiern. Doch bald war er übertroffen. Kein
vernünftiger Mensch verurteilt heute noch die Homosexuellen 4-3),
4-3) Wir sprechen jetzt über den Westen. Doch kann nicht uner-
wähnt bleiben, daß der 60jährige Ahmed el-Osamy in San'a,:™
der^ Hauptstadt Yemens, im Jahre 1966 n.Chr. wegen Homosexua-
lität vor 6000 Zuschauern hingerichtet wurde.
Die westlichen Gesetzgebungen haben eine umfassende Revision
erst begonnen, aber die Verfolgung hat praktisch f st schon
aufgehört, weil jeder weiß, daß es eine Krankheit ist; obzwar nur
wenige dieser Kranken bereit sind, sich heilen zu lassen. Aber
auch da führt der vi/unsch, eine noch nie dagewesene Nützlichkeit
und einzigartige Toleranz an den Tag zu legen, zu derb komischen
Auswüchsen, indem ein Pfarrer homosexuellen Paaren kirchlichen
Segen als Imitation des Ritus der Eheschließung anbietet, kag
sein, daß auch dieses Angebot die nicht vorhandene Nachfrage
noch nervorrui'en wird, im Hinblick auf mögliche zivilrechtliche
Konsequenzen, wie etwa im Erbrecht. Das analoge Angebot an die
Lesbierinnen steht noch aus.
179
Nur in extremen Fällen, die unliebsames Aufsehen hervorriefen,
war die Einmischung in die Einmischung unumgänglich, wie etwa
gegen einen Geistlichen, der Halbwüchsige beiderlei^ Geschlechts
in seine Kirche lud und ihnen in einem ihrer Räume Gelegenheit
und Anregung bot.
Mag sein, daß ein Rechenfehler schon hier beginnt. Wenn
der Washingtoner Kaplan Earl H. Brill recht hat, ist der ganze
Sex-Rummel schon im Abflauen und zumindest in Nordamerika
scheint das Riesengeschäft schwächer zu werden. So wurden also
die Priester, die sich beeilt haben, in diese Firma einzutreten,
der rapiden Entwicklung nachhinken und am Ende in ein schon
absteigendes Unternehmen eingetreten sein.
Um aber einen viel größeren Rechenfehler zu finden, müssen
wir uns vergegenwärtigen, daß in den Religionen, zu deren weite*
rer Gruppe das Christentum gehört, der Priester seit Menschen-
gedenken einen Gott repräsentierte, der zuweilen wohl liebte,
aber doch nie aufhörte, auch die befehlende, mahnende, warnende
und strafende Macht zu sein. Dem Charakter und der Stellung
der Kirche entsprechend, war der Priester einmal gefürchtet,
und in der Achtung, die er auch in der Zeit der geschrumpften
Macht der Kirche genießt, ist noch ein Eoiio jener Furcht. Da
diese nur noch im Unbewußten nistet, und in dem der Protestan-
ten wohl nicht viel weniger als in dem der Katholiken, sitzt
sie umso tiefer. Der berufsmäßige Diener der Gottheit war seit
einer langen Kette von Generationen, wahrscheinlich seit vor-
geschichtlichen Epochen, das verkörperte Uberich. Bis zur Ref ora
mation war im Christentum, wenn wir von verketzerten Gegenströ-
mungen absehen, die Stellung des Überichs zum Geschlecht deut-
lich negativ, nicht um vieles weniger als im Buddhismus. Die
Wendung zu relativer Lebensbejahung hob das psychologische
Begleitmotiv nicht ganz auf. Die menschlich so widerspruchsvolle
Situation von heute besteht darin, daß der Priester selbst
der alten Wirklichkeit seiner negativen Autorität die neue Wirki
lichkeit seiner positiven Autoritätslosigkeit gegenüberstellt.
Die Vertreter der Kirche wollen sie, oder sich, um jeden
Preis den Bedürfnissen der Gegenwart anpassen, aber der Preis
könnte zu hoch sein. Die vielen Verwirrten, deren Glaube ohne-
dies erschüttert ist, und schweren Belastungsproben nicht mehr
standhalten kann, sind dem Widerspruch zwischen den beiden
Wirklichkeiten nicht gewachsen und müssen ihr Heil in der Flucht
180
suchen, in der Flucht vor der Kirche und ihren Vertretern.
Die Flucht hat schon begonnen und an ihr nehmen immer
mehr Pastoren teil. Doctjhöchst selten ereignet es sich, daß s±ks.
einer auf seine Bezüge verzichtet und aus seiner beschleunigten
und glücklich "beendeten Ablehnung der Religion die männliche
Konsequenz des Austrittes zieht. Man behält einfach den schönen
Posten und erklärt frei nach Nietzsche, Gott sei tot. Si duo
faciunt idem, non est idem. Für das kranke Genie war das Selbst-
befreiung aus einem unerträglich gewordenen Zwangszustand.
Die moderne Nachahmung riecht eher nach Vatermord aus schäbigen
Motiven. Das allerdings kann kaum noch übertrof ien werden,
insbesondere wenn eine solche Proklamation oder die Zustimmung
zu ihr mit unverhüllter Erleichterung oder Genugtuung erfolgt,
nicht etwa im Sinne der antiken kultischen Trauer um Thammuz-
Adonis. Die neueste Moral gehört nicht zu den« zeitgenössischen
Erscheinungen, für die in der Natur Präzedenzen zu finden sind.
Gibt es etwa einen Hund, der den sterbenden oder toten Herrn
beißen oder beschmutzen würde?
Ja, a propos beschmutzen, da das vielleicht noch nicht
genügt und Jesus in den Büchern denkender Freigeister der
Kirchen gerade als Mensch, als leidender, liebender, hingebungs-
voller und sich aufopfernder Mensch in neuer Heiligkeit aufer-
standen ist, schreibt man auch ein Buch mit dem speziellen
Zweck von Verdächtigungen und Besudelungen. Die Beschmutzungs<©HS
sucht ist leider eine der Seuchen unserer Zeit, die an beiden
Hemisphären frißt. Stalin ließ seine ihm gefährlich oder auch
nur unbequem gewordenen Mitkämpfer keineswegs nur als gefallene
Engel anklagen und richten, sondern vor ihrem Ende wurden sie
erst tief in den Kot getaucht oder mußten selbst untertauchen
und gestehen, daß sie immer schon faschistische Spitzel gewesen
seien, ^ad^^ler maoistische Neostalinismus will nicht verstehen,
wie sehr das chinesische Volk sich selbst beleidigt, indem es ä±
die gefeierten Revolutionär^-iänd_^Führer von gestern in Pfützen x
zerrt und durch ihre erzwungenen SerB^trbe^huldigungen sich
selbst bezichtigt, bisher Lumpen vertrauensvolT^ulid-JiB^eistert
gefolgt und von ihnen durch viele Jahre erzogen worden zus^i»»)
Daß das aber nicht nur die Übel der Diktaturen sind, zeigt sich
am deutlichsten in den berühmten Demokratien der westlichen
Halbkugel, v/o keiner behaupten kann, unter unwiderstehlicher
Befehlsgewalt und aus Furcht zu handeln. Die Fairness der
181
Diskussion, auf die der Angelsachse in vielen Generationen
mit Fug und Recht stolz war, ist in rapidem Verfall« Da fehlen
der Politik und dem Journalismus zwar die Machtmittel der
Diktaturen, aber mit bona f ides und prozeduraler Sauberkeit
steht es kaum mehr besser. Die Typen, denen ein gelungener
Angriff intensive Befriedigung verschafft, mehren sich und
erfassen neue und vorher noch unberührte Gebiete des Lebens.
Wenn man einem Richter üble Manipulationen nachweisen kann,
tut man es nicht in Zerknirschung, wie noch das vorige STahr-
hundert, das dabei ein Empfinden des Verlustes seiner Lebens-
grundlagen hatte; sondern gröhlende Pöbeleien der modernen
Kommunikation machen aus der machtberauschten Befriedigung
kein Hehl, Beide Seiten scheinen den Schmutz in vollen Zügen
zu genießen, die beruflichen Materiallief eranten und die
belieferte Konsumentenmasse .Was Wunder, daß diese interkonti-
nentale Dekadenz auch in Kirchen einbricht. Der pathologische
Unterton weist leider auf Fortsetzung und kommende Erweiterung
hin* Doch den armen Kirchen werden anderseits pathogene Motive
als mögliche Milderungsgründe immer schwerer erreichbar. Im
Wettkampf der Besudelungen kam ein professioneller Priester
Christi auf den Einfall, Jesus als Playboy zu schildern und
ihn "grauen Asketen" gegenüberzustellen. Die Krönung dieser
in einem hochspezialisierten Magazin erfolgten Publikation
besteht in Zitaten aus dem Neuen Testament, die beweisen sollen,
daß Jesus ein bon vivant war. Uga *^Un l^pb+jji h»4, J** Jldluvt., ktf.
Die Phraseologie des Atheismus, dessen historische Ver- y
dienstlichkeit und gegenwärtige Achtbarkeit nicht feierlich
genug betont werden können, wird nach und nach zum bon ton
dieser substanzlosen Geistlichkeit. Je mehr Kirchen an diesem ms.
umfassenden Prozeß teilnehmen, desto mehr schwinden die Unter-
schiede, sodaß die einzelnen Kirchen ihre Ansprüche auf geson-
derte Existenz sowieso verlieren. Desto näher rückt also das
von führenden Christen proklamierte Ideal der Vereinigung.
Allerdings mit einem negativen Vorzeichen. Denn statt der
postulierten Vereinigung im Glauben vollzint sich eine Vereini-
gung der Kirchen im Unglauben.
Der inneren Zerrüttung einzelner Kirchen und des ihnen
Gemeinsamen und sie Verbindenden sind viele Angriffe von auJBen
vorausgegangen und beSle^e^^e i^h. Die scharfsinnigste der
mir bekannten neue st ea- Attacken^ist The Comf ortable Pew (Der
182
bequeme Kirchensitz") von Pierre Berton 44), zu dessen Erfolg
44) McClelland & Stewart, Toronto 1965
eine Welle ziemlich kraftloser Gegenangriffe nicht wenig
beigetragen hat.
So wird der innere Abfall mit seinem starken Widerhall
ein schwerlich noch korrigierbares Zerrbild des Vorganges,
der sich in den besten Geistern des protestantischen und
des anglikanischen Christentums abspielt, eine beklagens-
werte Parodie auf das Entstehen und Vergehen von Ideen.
Daß die katholische Kirche nicht erst dank dem Ökumenismus
auftaute und noch oder schon um die Mitte des Jahrhunderts
ein intensives, wenn auch nicht allzu manifestes Geistesleben
besaß, und nicht ohne Originalität war, bekundet eine Spitzen-
leistung, "Le phenomene humain", von Pierre Teilhard de 6ühM tu
Chardin 45); da umfaßt ein nicht auffallend modernisierter,
aber stark persönlicher Katholizismus den Mensc'ten und da®
Universum in meisterhafter Diktion und stellt im alten Stil
der neute wieder erstarkenden Forderung nach dem Beweis die
Forderung nach Glauben des Unerwiesenen und Unbeweisbaren
unbekümmert gegenüber. Wie aber steht es mit dem durchschnitt-
lichen katholischen Priester? Mit der andern Seite verglichen,
hat er es in seiner nicht mehr starren Kirche scheinbar^ doch
in mancher Beziehung schwerer, intakt zu bleiben und seine
Erstgeburt für kein Linsengericht herzugeben.
^Doch hat die katholische Kirche mit dem Zeitgeist andere
Schwierigkeiten, über die das große Publikum wenig erfährt.
In den Vereinigten Staaten"» f ünf Institute zur Behandlung
trunksüchtiger katholischer Priester, und diese fünf gelten als
ungenügend. Auch in Kanada wird demnächst eins eröffnet. Nach
Austin Ripley, der eines der Institute leitet, und den Bau
eines ;ieuen beendet hat, sind 4000 von 59*000 dieser amerika-
nische: l Geistlichen behandlungsbedürftige Alkoholiker.
Atich wo kein Alkohol im Spiele ist, wo es ganz im Gegen-
t o ilfl ^andenkenden Mensc hen, -go ht , dxe im Warnen der seelischen
45) 1. Auf läge Paris 1956
133
Gesundheit sprechen, steht die katholische Kirche zuweilen
vor ziemlich präzedenzlosen Situationen, gerade weil sie nicht
mehr die konservativste aller Mächte und nicht mehr der Inbegn
griff des Absolutismus ist. In einem erschütternden Artikel,
den der Londoner "Observer" in seiner Neujahrsnummer 1967
veröffentlichte, schleuderte ein Theologieprofessor vom
Jesuitencollege in Heythrop bei Oxford dem Papst und der Kirche
Anklagen ins Gesicht, die ich ihrer Vehemenz wegen nur kurz
erwähne« Er, Charles David, fandst: das zögernde, die Entschei-
dung hinausschiebende Verhalten des Papstes in der Präge der
Übervölkerung unverzeihlich und die Kirche unmenschlich und
unempfindlich gegen die Leiden der Menschen, nicht auf die
Lehre des Heilands, sondern auf die eigene Machtstellung 1
bedacht. Die Polle der Kirche in Nazideutschland bildete einen
Hauptpunkt der leidenschaftlichen Vorwürfe. Prof. David ging
nun auch gegen fundamentale Dogmen vor und übernahm die psychoa»
nalytische Terminologie , indem er die Kirche für kollektiv
neurotisch erklärte, üifie schwer das Ringen war, durch das er
sich befreite, zeigt sein jm^9mm/^mSSSSfS»m^Buch "God's
Grace in History" 46) mit seinem noch wohlverdienten kirchli-
46) Sheed & Ward, New York 1967
chen Imprimatur. So ist es durchaus menschlich, daß er als
ehrlicher Renegat von der Kirche spricht wie befreite Gefangene
vom Kerker. Allerdings hat seine Befreiung ein rein persönliches'
Motiv, und die ses^l&S4**So achtbar es auch sei, seine Argumenta-'
. ZA.
tion ehog schwächen. Er hat inzwischen eine katholische Theologi
giestudentin, seine Schülerin, dio mit ihm oinoo Sinnes icts
geheiratet. Nach seinen Worten war es die Liebe, die ihm die L
Selbstbefreiung ermöglichte. Dieser Zusammenstoß awicchca m
Leben und Denken eines sicherlich beachtenswerten Menschen »*S/c
waä der Problematik der Kirche steht gewiß nicht am Ende, son4EX
dern am Anfang einer Serie. Die katholische Kirche hat zwar in
bedeutender Weise begonnen, sich mit dem 20. Jahrhundert aus- 5
einanderzusetzen, aber auch das 20 . Jahrhundert setzt sich mit
ihr au s e inande r Jn^s-.ia^^afe^&cheinl iehr^aß~"d-a^"Ergebni&-"-neeit
-in diesem Jahrhundort doutliclTwGraren" ^
Die Kirche, die sich zur Überraschung Aller neuerdings mim
Prinzip der Toleranz bekennt, wird nicht umhin können, einen
Unterschied zwischen unedler und edler Apostasie anzuerkennen.
Gewiß ist die Zeit gekommen, von der Geschichte zu lernen.
184
Selbst als Luther seine Thesen schon veröffentlicht hatte,
hätte ein einigermaßen einsichtiger und realistisch denkender
Vatikan die Situation noch retten können; aber das damalige
Papsttum bestätigte de^. monumentale Anklage, indem es sich
zur Selbstprüfung und zu jeder Revision unfähig erwies.
Eine Kirche, die eingesehen hat, daß es nicht Starrheit ist,
die ihr über eine solche Zeit hinweghelfen kann, wird in jede131
Einzelfalle gründlich erwägen müssen, ob und in welchem Maße
eine selbst gegen ihre elementarenlnteressen gerichtete Kritik
menschlich verständlich und objektiv berechtigt ist; und als
Schule einer eigenen Diplomatie, die heute die Existenz der
Kirche für unbestimmbar lange Zeit sichern oder alles verlie-
ren kann, wird sie nicht den Fehler begehen dürfen, durch den
andere dächte ihre gesamte Position aufs Spiel setzen; sie wird
begreifen müssen, daß die Psychologie eine der stärksten
Realitäten ist.
Es gibt noch eine Reihe von Problemen, vor denen es kein
Ausweichen gibt, weil fast jedes von ihnen und alle zusammen
mit aller Deutlichkeit zeigen, daß die Fundamente in Bewegung
geraten sind und deshalb durch bloßes Nichtwissenwollen nicht
zum Stillstand kommen werden. Mag sein, daß diese Generation,
nicht nur im Katholizismus, zu verstehen beginnt, freiwillig
oder unfreiwillig, daß bisher unzugängliche, hinter Interessen
und Dogmen verschanzte Probleme zugänglich gemacht und mutig
aufgerollt werden müssen; und daß es keine neue Festigkeit
und Lebensfähigkeit geben kann, wenn man sich nicht ganz bis
an die Grundlagen durcharbeitet. Nur so kann auch die Kirche
hoffen, aus einem der Vergangenheit angehörigen, einzig auf
sie gegründeten, von ihr zehrenden Organismus zu einer vor-
wärt sgerichteten, von der Vision einer Zukunft gelenisten
Kraft zu werdendem außenstehenden Historiker scheint ein
solcher Prozeß nur dann möglich, wenn das Stehenbleiben auf
halbem Wege nicht von vornherein diktiert ist uno^ie Z***^
starre Vorbedingung für jede Reform und Revision bildet. Wie
niemand mehr Inquisition bei elektrischer Beleuchtung mit
Fortschritt verwechseln würde, wäre wohl auch von einer ganzen
Serie von Halbheiten nicht viel zu erwarten. Da die Kirche
ihre immer noch gigantische ^acht nicht für immer ipso facto
auszuüben hoffen kann, wird sie um ihren einzigartig umfassen-
den psychologischen Einfluß aufs neue kä#mpfen müssen. In
185
diesem Kampfe wird sie nur dann Erfolg haben, wenn sie
die Massen wird überzeugen können, daß nicht ihre Interessen
ihre treibenden Kräfte sind und daß es ihr um das Wohl und Wehe
der Menschen geht. Dafür aber fordert die Zeit von der Kirche
Beweise, und zu solchen hat sie ihr auch reichlich Gelegen-
heit geboten, wie wir z.B. angesichts der drohenden Bevöl- k
kerungsexplosion sehen konnten. Auch was die katholische 3
Kirche und andere Kirchen unternommen haben und was insbesondere
der Papst versucht hat, um dem Blutbad in Vietnam ein Ende
zu machen und es nicht zur Einleitung des allgemeinen Endes 1
werden zu lassen, ist jedoch nicht stark genug, nicht mutig j
genug, nicht radikal genug, um aller Welt warme, opferbereite äe
Herzen zu zeigen und blinden Egoismus und Machtwahn zu bezwin-
gen. Wer überlegene Intelligenz und überlegene Macht entschlos- :
sen in den Dienst des Fortbestandes stellen wird, wird auch um
den eigenen Fortbestand nicht zu sorgen haben. ;
Es ist schließlich bemerkenswert, daß der Anteil der Juden s
am Freidenkertum auch noch gewachsen ist, wenn auch nicht mehr
als proportional; daß aber, wie das an Eichtungen reiche
Judentum Nordamerikas zeigt, die jüdischen Gemeinden ihre ;
Kohäsion bewahren. Ihre typischen geistigen Führer, deren
Altruismus sich keineswegs über die heutige Norm erhebt,
zeigen immerhin keine Neigung zur Fahnenflucht. Es scheint
nur eine kleine Gruppe zu geben, die einem atheistisch gesinn- ■
ten Reformrabbiner gefolgt ist. Doch ist anzunehmen, daß solche ,:
Experimente, wenn sie gelingen sollten, Nachahmer anregen
werden, auch ihre Originalität au zeigen. Hingegen ist mehr
als begreiflich, daß es unter den Überlebenden der Vernichtungs-1
lager und den Hinterbliebenen der sechs Millionen Ermordeten
nicht viele gibt,^eren Glaube an einen zugleich allmächtigen,
gerechten und liebenden Gott die furchtbarste Konfrontation
mit der Wirklichkeit überstehen konnte.
Das Ende jeder Religion wäre wohl nichtsdestoweniger
auch von einem ganz und gar nicht kirchlichen Standpunkt zu
bedauern. Was immer es sei, das zwangsläufig zur Aufhebung des
Glaubens führt und in irgend einem unvorhersehbaren Tempo den
B°den entzieht» stellt uns vor die bereits berührte
Fraget für ihre soziale, oder genauer: ge Seilschaft serhaltende
Funktion.
Das Bekenntnis zu illusionsloser Wahrhaftigkeit als Ziel
186
jeder kollektiven und individuellen Erziehung erfordert sicheri:
lieh rücksichtslose Abrechnung mit der Religion im allgemeinen
und mit den orthodoxen Mächten im besondern. Doch zugleich
haben wir den zu erwartenden und teilweise schon eingetretenen
Konsequenzen in die Augen zu blicken.
Fast jede Religion hat in ihren Anfängen, solange sie eine
aus der Negation vorhandener Zustände zu positiver Forderung
revolutionär hervorbrechende Kraft war, den Menschen empor-
gebracht, um aber in späteren Erstarrungszuständen m weitere
Entwicklung zu verhindern. Vom militanten Konservativismus
führte einer der Wege zu brutalstem Egoismus und in die Ab-
gründe des Verbrechens. Von der Inquisition haben blutgetränkte
Länder sich bis heute nicht erholt. Das Festhalten am Greuel
der Stierkämpfe mag eine noch fortwirkende sadistische Reaktion
eines gequälten Volkes sein. Diese Tatsachen haben aber auch
eine Kehrseite. Zwischen der heute zumindest im Westen rapid
zunemenden Kriminalität und der Erschütterung des Glaubens
fällt ein unleugbarer Zusammenhang auf. Der Furcht vor dem
strafenden Gotte folgt ein Vakuum, die Hemmungslosigkeit,
deren der Staat allen nichljperr werden kann. Man wird wahr-
scheinlich noch längere Zeit die bestehenden und netie Erzie-
hungsmittel mobilisieren und den bedrohlichen Energieüberschuß
in den Sport und in die diversen Vergnügungen abzuleiten suchenj
Das wird wenig nützen, solange die vom Glauben hinterlassene 3
Leere nicht gefüllt sein wird.
Es ist aber ebenso traurig wie wahr, daß diese Füllung
sich nur dort annähernd problemlos vollzieht, v/o sie schon vor&jj
her mehr oder weniger überflüssig war, wo nämlich sittliche,
bzhw. seelische Gesundheit antisoziale Tendenzen nicht erst
entstehen ließ oder doch in Schach hielt. Wo aber_, wie bei sdoma]
einem grausigen Prozentsatz der Gesamtbevölkero^^fückenhaf te
Gesundheit zersetzende Kräfte unaufhörlich und mit zunehmender
Intensität einlädt, wird eine Nachfolge für die zu einem ge-
wissen Teil schon vertriebene Religion zum brennenden Problem.
Da erwacht also die Sorge, ob der Durchschnittsmensch überhaupt
zu einer Ethik erhoben werden kann, die nicht auf Lohn und
Strafe beruht; ob der in der durchschnittsmenschlichen Seele
in der bekannt wirksamen Weise vertretene himmlische ä&SSdfSg&fcEEl
187
Gesetzgeber, Staatsanwalt, Verteidiger und Richter
durch irgend etwas zu ersetzen ist. Für die kapitalistische
und die kommunistische Gesellschaft mögen die Resultanten
verschieden sein, da die Komponenten verschieden verlaufen.
Doch nahen beide Systeme ihre Kriminalität. Da diese mit
wechselnder Besetzung der Anklagebank Herrschende und Beherrsch*
te einschließt, ist da und dort ein archimedischer fester Punkt,
von dem aus für soziale Einsicht und andere Idealbegriffe Korneas
men festgelegt werden könnten, schwerlich auffindbar. Für die
westliche Welt ist klar, daß sie zur Erlangung eines Ersatzes
für Religion Komponenten ihrer Zivilisation entwickeln oder,
wenn sie es kann, ein Neues hervorbringen muß, um ihr zuneh-
mendes Vakuum zu füllen. Welche existierenden Elemente könnten
zu solcher Bedeutung entwickelt werden? Kann es der Patriotis-
mus sein?
Die Annahme, erfhebe die Moral und schränke die Kriminalität
ein, erfährt ihre gründlichste Prüfung in Kriegszeiten, die
mit Recht als die der besten Konjunktur für die Patriotismen
gelten. Zwar wird da unter zugleich äußerem und innerem Druck
Burgfriede der Parteien und das mögliche Maximum an Soldarität
der Bevölkerung eines Landes erreicht. Die organisierte Unter-
welt verliert an Kräften durch Einrücken ihrer meisten Mit-
glieder; das ist aber weder das Ende ihres Bestandes noch
das ihrer Aktivität. Bald nach Beendigung des Krieges erweist s±
sich alles als künstlich und sämtliche Gruppierungen nach Inter-
essen kehren wieder. In der uranittc Ibaron Gegenwart sahen wir
z.B. in Südvietnam ein Beispiel bewaffneter Konflikte innerhalb
innerhalb eines kriegführenden Staates während des Krieges.
Der patriotische Impuls müßte also viel natürlicher sein als
er ist, um solche zersetzenden Kräfte zu beseitigen.
Die Rolle der Erziehung im Niedergang des Menschen
Plato, Republik, 7
Wenn wir weiter Umschau halten, um zu finden, was nach der
voraussichtlich unvermeidlichen Portsetzung des Schrumpfungs-
prozesses die Religion ersetzen könnte und nach dem heutigen
Erziehungswesen blicken, können wir auch von diesem nicht
das Heil erwarten, selbst wenn es, den neuesten Bestrebungen und
Versuchen in einer Reihe von Ländern entsprechend, diverse
188
jetzt geplante Reformen erfahren sollte. Da die heutige
Erziehungsarbeit bis auf den Grund verfehlt ist, und in
einem schlimmeren Zustand als je, und sich in Geleisen befindet,
die schnurstracks in die Selbstauf hebung führen, werden einzeln
Verbesserungen nicht helfen. Alle neuesten Beratungen beziehen
sich vor allem nicht auf das eigentliche Ziel der Erziehung,
auf den Menschen. Zumindest ist nirgends zu erkennen, daß
dieser wichtigste Ausgangspunkt genügend klar geworden oder
der Not der Zeit entsprechend definiert worden wäre. Statt nach
dem Menschen zu und seiner, wie man annehmen sollte, heute
besser erkennbaren Natur gemäß, rückt die Erziehung immer mehr
vom Menschen ab. Ihr Betrieb wird von Jahr zu Jahr mechanischer.
Zwischen die sowieso einander schon stark entfremdeten Haupt-
beteiligten, den Lehrer und den Schüler, tritt die Maschine
und errichtet eine nicht-menschlicäe Diktatur. Noch lehren
Lehrer, aber sie tun es notgedrungen immer mehr im Geiste
der Maschine. Sie hat auch das Prüfungswesen übernommen
und auch auf diesem Gebiete die Menschlichkeit des Lehrers
und in gewissem Grade auch seine Intelligenz bereits ausge-
schaltet. Die Arbeit des Lehrers ist einerseits erleichtert, wi
jede Arbeit, in der die Maschine entscheidet, anderseits haben
die Lehrer immer weniger mitzureden. Die Maschine trägt die
Verantwortung. Wenn etwa ein junger Mensch zusammenbricht,
was unvermeidlich geworden ist und immer öfter vorkommt,
lehnt der Lehrer die Verantwortung ab, und mit Recht, da
er am Gesamtverfahren kaum noch einen größeren Anteil hat
als der Wächter oder Handlanger in der Maschinenhalle der
Fabrik. Selbstmorde sind glücklicherweise noch relativ selten,
doch in solchen Fällen wollen auch Schuldirektoren, Inspektoren
u.s.w. nichts von Verantwortung wissen und weisen mit Bedauern s
auf vorschriftsmäßige Prozeduren hin, denn wer diese einhält, ia
ist frei von Schuld. Man kann das Bedauern so ziemlich jedem g±a
glauben, zumal die meisten Erzieher und Administratoren der
Erziehung unterer Mechanisierung selber zu leiden haben.
Über ihnen waltet eine anonyme Macht. Diese Macht besitzt Eagfim
Empfindlichkeit, doch nicht Intelligenz, ist präzis, doch
blind für die Polgen ihres Wirkens. Die demoralisierende
Aufhebung der Verantwortung frißt um sich wie eine Epidemie
und verzehrt die Reite von Sympathie und Achtung zwischen
Lernenden und Lehrenden. An ihre Stelle ist ein erneutes
189
:Regime der Drohung und Furcht getreten, das die Phraseologie st
der Demokratie rücksichtslos kompromittiert.
Die Konkurrenz, die Unheil gebiert und Unheil vermehrt,
hat einen Großteil dieser Greuel verursacht. Sie ist es, die
die Maschine braucht und herbeiruft, und auch ohne sie, direkt,
bricht sie tief in das Erziehungswesen ein. Hier ist es nicht se
so sehr der Wettbewerb zwischen Firmen desselben Faches, sondere1
der Interessenkonflikt zwischen ganzen Fächern, wie Gas und
Elektrizität, und noch mehr der Wirtschaftskampf zwischen den
ein «a.
Ländern um Absatzgebiete, und Wettk$mpfE im Zusammenhang mit
weitaus schlimmeren Vorbereitungen, der von Gruppen und Einzel«»
nen höchste Effektivität der Arbeit und maximale Leistung
erfordert. Von den Elementarschulen bis zu den Hochschulen
wachsen die Ansprüche ins Phantastische. Die Ideen, die ausgeto
heckt werden, wären einfach teuflisch, wenn sie nicht zugleich
krankhaft wären. Es gibt Leute, die an Methoden des Raubbaues
am Kleinkindergehirn arbeiten, um Dreijährigen oder Zweijäh-
rigen das Lesen und Schreiben beizubringen, damit sie mit
zunehmendem Alter schon zu entsprechend höheren Leistungen
befähigt seien. Noch wird aus Gründen der künftigen Arbeitsfähig
higkeit, nicht etwa aus Menschlichkeit, anerkannt, daß das
Kind spielen, also Kind sein muß. Das soll aber nur noch ein
partielles Recht sein. Neue, verwissenschaftlichte Ausbeutung
hat auch das Kleinkind aufs Korn genommen, Sklavenhaltermoral
kehrt in veränderter, bis zur Unkenntlichkeit modernisierter
Gestalt wieder.
Zugleich wird die Konkurrenz zwischen den Studierenden
als Ansporn zu weiteren Leistungen systematisch gesteigert, 1
ohne daß die den neuen Lehr- und Prüfungsmethoden zu Grunde
liegende Scheinlogik entlarvt wird. Denn das von den Anfangs-
gründen des Lernens bis an die Grenze seiner professionellen
Verwertung reichende Auspressen der maximalen Ergebnisse
durch planmäßig abgestuften Terror ermöglicht nur ein Studium
in dauernder Hochspannung. Niemand kann eine solche Schule
lieben. Man verschließt sich der elementaren Einsicht, daß
die chronische Atmosphäre der unpersönlichen Grausamkeit
immer nur zu scheinbaren Höchstleistungen führen kann, da so
nichts mehr um seiner selbst willen gelernt wird; wie auch die
aus einem solchen Studium resultierende berufliche Arbeit nie
190
um ihrer selbst willen getan werden kann. Man bezahlt
Schulpsychologen, aber nicht um ihnen zur Warnung vor dem
Verhängnis der terroristischen Mechanisierung oder zu sonst
einer unabhängigen und ihrer Einsicht gemäßen Tätigkeit
Gelegenheit zu geben, sondern um mit ihrer Hilfe das Uner-
trägliche möglichst einträglich zu machen und der psycholo-
gisch-neurologischen Ausbeutung durch Beseitigung von indivi-
duellen und etwaigen Gruppenwiderständen höhere Effektivität
zu sichern.
Ist das vollkommen richtig oder in irgend einem Punkte
unrichtig? Um uns vor einem möglichen Mangel an Objektivität
zu sichern, stellen wir die Frage: Was denkt oder behauptet
diese Schule von sich selbst? Schimmert irgendwo ein Bewußtsein
des abgründigen Zustande s ihrer Selbstverneinung durch?
Merken diese Erzieher, woran sie mitarbeiten oder welchem
Vorgang sie passiv zusehen? Gibt es doch noch Kritik, gibt es
Nahrhaftigkeit? Oder was sucht man sich und Ändern vorzutäuschen
und wie tut man das? In einem amtlichen nordamerikanischen
Zeugnisformular heißt es unter wExplanation" :
4-. Attitudes and Application - This includes
(a) attitude toward self-improvement , (b) co-operation,
(c) sense of responsibility , (d) leadership and
(e) emotional control.
(a) Hier erfahren wir also zu unserer Überraschung,
Selbstverbesserung werde in Betracht gezogen. Da aber diese
Schule alles tut, um die natürlichen Anlagen eines jungen
Menschen zu unterdrücken, ihn zu versklaven, und ihm selbst
in der der Tortur der Prüfungen die bekannt unfairen Listen
falscher Antworten vorlegt, unter denen er eine richtige
herausfinden soll, kann es sich ja nur um eine Selbstver-
besserung handeln, die der Schüler nicht dank der Schule,
sondern trotz ihr und gegen sie erreicht. Das ist in einzelnen
Fällen denkbar, wenn der Schüler einen unbeugsamen, großen
Charakter besitzt, der aus der Mißhandlung während seiner
Entwicklungsjahre in wunderbarer Ganzheit hervorgeht. Doch
ein solches Ergebnis so hinzudrucken, als ob es im Normalfall
zu erwarten wäre, und obendrein noch dank eben dieser Schule,
ist das nur Gedankenlosigkeit oder abgründige Unwahrhaf tigkeit?
(b) In unserer Zeit werden manche Realitäten, deren man s±s
sich ein wenig schämen mag, oder die nachteilig wirken könnten,
zv/ar nicht abgeschafft, bekommen aber schönere Namen. Gehorsam
WBSKBmB^BSKBmBSi
191
heißt jetzt Co-operation.
(c) Da steht es nun schwarz auf weiß: Derselbe Mechanismus,
dessen Bedienungsmannschaft befugt ist, Verantwortung abzuleh-
nen, fordert solche - von seinem Opfer. Da zuguterletzt irgend
jemand verantwortlich sein muß, wenn dieses hübsche Wort nicht
ganz gestrichen werden soll, hat er, der wehrlose Schüler,
von irgendwoher den Sinn für Verantwortung zu besitzen und ihn
auch zu beweisen.
(d) Soll etwa dieser Arme, sobald die Pein eines solchen
Schulsystems vorüber ist, sich noch irgendwie aufrichten oder
gar zum Führer werden können? Daß die Unterdrückung in der ent-
scheidenden Jugendzeit dann durch Umkehrung, durchs: den imitati-
ven Wunsch nach Unterdrückung Anderer, zum Führertum werden k
könnte, ist im Diktaturstaat einigermaßen wahrscheinlich,
aber nicht in einer auch nur formell gewahrten Demokratie,
Doch da jede Gesellschaft Führer braucht, einen oder mehrere,
mit mehr oder weniger beschränkten Vollmachten, sieht sich
diese Schule genötigt, die drastisch widersinnige Phrase vom
Führertum einzube ziehen. Denn kann jemand über die einfache
Logik hinwegkommen, daß aus einer versklavten Jugend nicht
demoggjj^iche Führer hervorgehen können, sondern Diktatoren
und ^H^skE, die es um jeden Preis v/erden wollen?
(e) Unter Beherrschung von Gefühlen ist hier die Fähigkeit
des Schülers zu verstehen, seine natürliche Reaktion gegen chro-
nische Verstümmelung im Zaum zu halten. Ers soll seine emotionai
le Abwehr unterdrücken können, alles soll der verhängnisvollen
Verdrängung anheimfallen, wie sie mit ihren Folgen in der
psychoanalytischen Literatur längst dargestellt ist und jedem an
elementarem pädagogischen Wissen Interessierten bekannt
sein sollte.
So wird diese Zeugnisformular zum Zeugnis für ein System,
das nicht einem einzigen Land, sondern vielen Ländern zum
Verderbnis v/erden kann, oder muß.
Die moderne Schule, die noch vor einer Generation auf ihre
Progressivität stolz sein konnte, ist mutatis mutandis weit
schlimmer als alte und primitive Schulen mit ihren Prügelmetho-
den jemals warenlr^roße Pädagogen der Vergangenheit, wie
Pestalozzi, oder zeitgenössische wie Janusz Korczak, der mit
seinen Schülern freiwillig in den Vergasungstod ging, sind zu
I9U
Die entsetzlich beschämende und jeden nicht gänzlich Verblen-
deten zugleich beängstigende Tatsache, daß es an niederen Schul^J^l
immer noch eine Prügelstrafe gibt, u.zw. nicht nur in den von der
Zivilisation leicht beleckten Ländern, sondern auch in solchen,
die als ihre Repräsentanten gelten, gehört allzu unumgänglich
hierher. Wenn junge Menschen sei es "unverdienten", sei es "verdien-
ten" Mißhandlungen ausgesetzt sind, so vollziehen sich Erlebnisse,
die das Rohmaterial späterer Charakterge staltung bilden und in den
meisten Fällen für das ganze Leben entscheidend bleiben. Es ^isu
vor allem die Beschämung und Erniedrigung in Situationen tiefen
Bedürfnisses nach Anerkennung, die zugleich durch völlige Wehr-
losmgkeit gekennzeichnet sind, und, weit mehr als die physische
Schädigung, Haß, Racheträume und ganze Serien ihrer weiteren Auswir-
kungen zur Folge haben. Die von vielfachen psychologischen Kompli-
kationen heimgesuchten und falsch geschulten Lehrer unserer Zeit
sind allzu weit entf ernt\davon, verstehen zu können, an was für
einer Durchgif tung des ihnen anvertrauten Menschen sie tätig schul-
dig werden und in welchem Maße sie an der v/eiteren Zerrüttung der
Gesellschaft arbeiten. Manche fühlen sich irjder Festung ihrer gesetz-
lichen Unangrn^f barkeit recht sicher, wo so menschenunwürdige Gesetze
noch existieren. Es sollte aber nicht noch länger verkannt werden,
daß gerade das die Mißhandlung der Jugend duldende oder schützende
Gesetz eines der höchst wirksamen Werkzeuge bildet, durch die die
Gesellschaft ihre Fundamente untergräbt. Wer den Zusammenhang des
auf den unteren Stufen der Erziehung Erfahrenen mit dem Denken und
Handeln der reifen Jugend und der jungen Erwachsenen nicht begreift,
ist ««kl verantwortlicher Mitarbeit an der Lösung von Problemen
gewiß unfähig.
Dieser Zusammenhang des gesetzlich geschützten oder aus Träg-
heit unbeachteten Frü^ffino mit spezifischen Nöten von heute und
gewiß noch mehr von morgen liegt für den Sehenden auf der Hand.
Doch ist das Prügeln in der sogenannten Erziehung eine an sich,
nicnt spezifische Erscheinung dieser Zeit, die sich. einerseits
die Eroberung des Kosmos in den Kopf gesetzt hat, anderseits aber
die drastischen Merkmale des Mittelalters und weit primitiverer
Zustände nicht abstreifen kann. Wir unterlassen also das Eingehen s
auf die Einzelheiten dieser Erscheinung, um die gorackjunserer Zeit
eigene Problematik nicht aus den Augen zu verlieren.
192
fernen Legenden geworden, die zu nichts verpflichten und von
denen man nicht lernen mag, Oder genauer: wenn ein Bewunderer
ihren Lehren auch folgen wollte, könnte er es nicht, v/eil er
einer unpersönlichen, anonymen und verantwortungslosen Macht
Untertan ist.
Es ist klar, daß diese unheimliche Macht nur schrittweise
abgeschafft werden könnte, doch müßte die restlose, gänzliche
Abschaffung und Wiedereinf ührung der Menschlichkeit das Ziel
bilden, Menschlichkeit auf allen Gebieten des Schulwesens
einschließlich der höchsten fachlichen Ausbildung könnte zu
einer Kraft werden, die einen erneuerten Menschen zu erneuer-
tem Inhalt und zur Formung neuer Gemeinschaft führt. Im Prinzip
wäre eine Lösung unseres Ausgangsproblems, der Frage einer
Nachfolge für die Religion, als inbegriffen zumindest
vorstellbar 47).
47) Diese Problematik hat eine inhaltsreiche Kehrseite,
nämlic& die Schwierigkeiten der Lehrer. Doch lasse ich es Me
hier aus zwei Gründen bei wenigen Andeutungen bewenden:
1« Bs sind die Probleme der Jugend, nicht die der Lehrer,
die dem Ausgangsproblem entsprechend zu behandeln waren.
2« Das los der Jugend ist in höherem Maße als das der
Lehrer ein spezifisches Problem unserer Zeit.
. BecJo^wärc co mehr als gerechtfertigt, wejm_ain--%e sonders
*™r erfahr enerT^h5»S£L>ej3^mt^ Arbeit des
/92 a praktischenJPäxla^ eine umfassende
'ndr renj±i^rgiGcho Darotcllunglsu'l^Tfrcn«
Im Anfang unseres Jahrhunderts waren manche Freigeister
der optimistischen Meinung, die Kunst solle und könne den von
der Religion zu räumenden Platz einnehmen. Das war damals nicht
ganz von der Hand zu weisen, da die Kunst noch Qualitäten hatte,
die sie zu einer wesentlichen sozialen und psychologischen
Aufgabe befähigten. Betrachten wir daraufhin so unvoreingenommen
wie möglich den neuesten Abschnitt der Entwicklungsgeschichte
der Kunst und ihren heutigen Zustand.
Eine Zeit und ihre Kunst: Fünf Phasen eines Prozesses
...auditque vocatus Apollo.
Vergil, Georgica
Ist es Bereicherung oder Verarmung, Aufstieg oder Nieder-
gang? Statt es den üblichen Auseinandersetzungen gleichzutun,
die mit ihrem Gegenstand an Nebelhaf tigkeit und Willkür
jtffotzw (ja.
192 a
Die im Abschnitt "Diese Jugend" in gedrängter Kürze betrach-
tete internationale Bewegung ist aus ihrer drastisch revolutionären
in eine scheinbar ruhige und trotzdem tief lebendige und intensive
Phase geraten. So muß man es wohl vermeiden, sie in einer Weise zu
charakterisieren, die als rückblickend oder gar abschließend ange-
sehen werden kann. Vermeiden wir die schon allzu schematisch gewor-
dene Ödipus-Deutung und andere einseitige Vereinfachungen. Jedoch
liegt der Zusammenhang mit dem hier Aufgewiesenen auf der Hand.
Es ist die Gesamtheit der Erlebnisse einschließlich der aus der
reiferen Kindheit, die das Denken und Handeln der Menschen bestimmt. I
Den°weitss zurückliegenden Faktoren gegenüber wird selbst Empörung
über unmittelbare Gegenwart als psychologische Pealtät minder wich-
tig. Den Hauptanteil an der Kluft hat offenbar das den Jungen in
ihrer wehrlosen Frühzeit Angetane.
Aber vergessen wir auch nicht für einen Augenblick den eigent-
lichen Zv/eck unserer gesamten Beschreibung und Analyse, von dem aus
wir alle SiEZsitefckgsx Phänomene prüfen, nämlich Klarheit darüber,
was für unseren Portbestand günstig, was für ihn ungünstig ist.
Aus dieser Perspektive ergibt sich als die entscheidende Präge
nicht die, ob es zu einem Sieg der Söhne oder der Väter kommen
wird, sondern die, ob die Söhne, sobald sie die Führung übernehmen
werden* - sei es ruhig und dem natürlichen Zeitablauf gemäß, sei
es vorzeitig und stürmisch -, mit der Natur einsichtiger umgehen,
eine lebensfähigere Gesellschaft aufbauen und imstande sein werden,
Frieden und Liebe, über die sie so gläubig reden, in globale
Realität umzusetzen.
193
wetteifern, unternehme ich im Folgenden einen Versuch zur
Klärung, indem ich der Kunst, namentlich der Malerei, auf
ihrem Wege von schöpferischer Ganzheit bis in ihren gegenwär-
tigen Zustand folge, Das Thema dieser Bilanz ist die Gesamtheit
der Entwicklung mit ihren allzu deutlich sichtbaren Tendenzen
und ihren Änderungen; unter Ausschluß der dem Hauptstrom entgegs
gengesetzten Kräfte einsamen Schaffens Einzelner.
Was sich auf der breiten Straße westlicher Kunst seit
dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ereignete, ist in der
Hauptsache eine Geschichte von Verlusten, die nicht leicht
erkennbar sind, weil mehrere von ihnen zusammen mit positiven,
z.T. sogar großen Errungenschaften auftraten. Infolge dieser
Gleichzeitigkeit wurden Neuerungen den VerluifePzu einer
anziehenden und ablenkenden Hülle, unter der die zerstörenden Sie
Kräfte so lange verborgen bleiben und einen Erschöpfungsvorgang
bewirken konnten, der schließlich den absoluten Nullpunkt
erreicht hat. Die früheste Richtung, in der sich stark posi-
tive Züge mit einer ausgesprochen negativen Funktion verbanden,
war der Impressionismus.
Kunst entsagt ihrem Inhalt
Seit den erkennbaren Anfängen dessen, was bisher Kunst
genannt wurde, im Laufe von etwa 300 Jahrhunderten, wechselten
die Materialien, die Formen und der Sinn dieses komplexen 'Tuns
immer wieder und viele untereinander äußerst verschiedene
Schaf fensbereiche bestanden in jeder Epoche gleichzeitig. Doch
daß Materialien verwendet wurden, um Formen hervorzubringen, die
einen Sinntoks hatten, war trotz allen Unterschieden und Ände-
rungen der gemeinsame Nenner. Der Sinn war vorwiegend kollektiv,
ein Ergebnis der Gefühle, des Glaubens und der Wünsche kleiner
und großer Gruppen. Je mehr das Denken sich entwickelte, desto
mehr durchleuchteten seine Spiegelungen die Kunst. Magische
Versuche, die Wirklichkeit zu beeinflussen oder gar zu beherr-
schen, sind längst als eines der Motive erkannt worden, die
den diluvialen Jäger zu seinem künstlerischen Naturalismus
führten und den Bauer der Jüngern Steinzeit und seine Nachfolger
zum Symbolismus ihrer Ornamentik inspirierten. Die bewundernswer
testen Werke mittelalterlichen Schaffens, die europäischen
Kathedralen, erstanden durch lange Gruppenbemühungen, Monumente
kollektiven Geistes, obwohl überragende Individuen an ihnen
mitwirkten. Andere Zivilisationen, wie das klassische Griechen-
194
land, das mittelalterliche China und Italien seit dem
14. Jahrhundert, brachten bedeutende individuelle Kräfte hervor,
Kunstwelten, die in hohem Maße von Persönlichkeiten mit ihren
Erlebnissen und Idealen bestimmt waren. In allen jenen Zeiten
und Kulturen waren es die Menschen vereinigenden und Menschen
trennenden Ideen und Gefühle, die Dinge, für die man lebte und
starb, die auch den Inhalt der Kunst bildeten, immer in der
selben dreifachen Holle, als treibende Kraft, Grundlage und
Krönung.
Als die französischen Meister des pleinair mit ihrem
vom alten Tizian ererbten breiten Pinsel, die Eroberer einer
nie vorher gekannten malerischen Freiheit, Indifferenz gegen-
über dem Sujet proklamierten, begann die Absage an den Inhalt
oder doch dessen Einschränkung. Doch will es der rückblicken-
den Analyse nun scheinen, daß das als Konsequenz de/SäcIStigon-
Errungensc haften dieser mächtigen Schule gar nicht notwendig
war. In dieser vielleicht überraschenden Auffassung wird man toj
durch den Umstand bestärkt, daß jene Meister das selbst zugaben,
indem zwischen ihrer Praxis und ihrer Theorie eine merkwürdige
Inkongruenz bestand und nicht wich, ürtir ausgesprochene Theoreti«
ker und einige Maler, die ihrer Veranlagung nach eher TheoretiisJ
ker waren, konnten das Sujet, worunter sie den Inhalt verstan-
den, ziemlich einfach für belanglos und nicht dazugehörig erklä*|
ren; es ist nur auffallend, daß auch richtunggebende Künstler
so dachten und zugleich das Gegenteil taten. Denn Manet,
Renoir, Degas und alle Andern, die von Allen ohne Ausnahme
als die charakteristischesten Repräsentanten des Impressionis-
mus angesehen werden, erhielten in gewissem Grade den Inhalt as*\
aufrecht, und er war in ihrem Schaffen keineswegs minder an-
ziehend als in dem irgend einer früheren Schule. Hingegen war
Monet das Haupt einer Minorität, deren Kunst selbst eine Absage
an den Inhalt war, also zunächst an einen Gefühlen entsprin-
genden und Gefühle hervorrufenden oder geistig energiegeladenen!
Sinn, in genauer Übereinstimmung mit der impressionistischen
Theorie. Da das aber nur eine Minderheit war, haben Autoren
einschließlich der neuesten, die für ihre Kunstbücher Schul-
beispiele brauchen, es oft schwer genug, solche ausfindig zu
machen, die dem Thema gegenüber genügend indifferent sind
und menschliche Bedeutungen oder irgend eine Seelenhaf tigkeit
nicht einlassen, auch nicht in jenen Andeutungen, die gerade
195
manchen der Hauptwerke dws Impressionismus ihren unvergleich-
lichen Reiz verleihen,
Erst auf die späten Impressionisten, innerhalb und außerted
halb Frankreichs, gewann jene Theorie reichlich Einfluß; und
die noch späteren Maler der Ecole de Paris, denen peinture
picturale zum Programm wurde, übernahmen vom Impressionismus
das Vakuum, das sie unter Ausschluß des Erlebnisses zu füllen M
hatten. So hatte die Abschaffung des Inhalts als PrinziJ^pät m
indirekt die Reichweite erlangt, die ihr in den Generationen
der Bahnbrecher und Hauptmeister fehlte. Dennoch muß anerkannt
werden, daß auch unter jenen Späten Viele das Programm nicht
wörtlich nahmen und so etwas wie einen Inhalt zuweilen mit
voller Freiheit behandelten.
Während die noch maßvoll beschränkten Konsequenzen des
Impressionismus sich hauptsächlich auf den Innalt beziogen,
ms. u.zw. in seiner eigentlichen Wortbedeutung als menschlicher
Wert, wird sich bald zeigen, daß es dann der Gegenstand als sol-
cher wurde, in seinem elementaren Sinn als eine mit den Mitteln
der Kunst gemachte Aussage, der dem v/eiteren Reduktionsprozeß
zum Opferfallen sollte.
Kunst ohne Form
Die unbestrittenen Verdienste des Impressionismus, die
Überwindung des oft steifen Konturs jener Zeit und der Um-
schwung von einer Art Parbzeichnung zu echt koloristischem
Sehen, und insbesondere die malerische Verbindung von Licht und
Farbe, wie sie nie vorher in solcher Vollendung erreicht worden
war, hoben als solche die Lebensrechte der Form nicht auf;
obwohl schwache Zeichner wie Cezanne die Überbetonung der
Farbe zur Verschleierung ihrer Unzulänglichkeiten benützen
konnten. Die machtvolle Beziehung eines Degas zu Iiiasse und
Raum, und trotz der formauflösenden pointillistischen Methode
auch die des Seurat, verbinden das Lager des Impressionismus
mit der dämonischen Formgewalt Van Goghs, mit dem zuweilen
nicht minder intensiven Gefühl für Form bei Gauguin, mit
ihrer von Münch erlebten Dynamik, mit ihrer rhythmischen Ver-
lebendigung bei Kodier. Doch nach den Höhen der Form, die
jene inErmangelung eines bessern gemeinsamen Nenners im all-
gemeinen als Postimpressionisten bezeichneten Individualitäten
erreicht hatten, schwenkte eine ganze Generation über Nacht
zur Beseitigung der Formwerte um, nannte ihr -trogramm jäsfem&fcsbE
196
Deformation und führte es schonungslos aus. Der russische
und deutsche Expressionismus, der französische Kubismus und
der italienische Futurismus waren die Scharfrichter.
Auch diese Bewegung verquickte und verschmolz konstruk-
tive mit destruktiven Faktoren in einer Weise, deren logische
Notwendigkeit angefochten werden kann. Die übermächtig expressi-
ve Kunst des Mittelalters beweist schon allein zur Genüge,
daß auch das 20. Jahrhundert seinen tiefsten Erlebnissen
stärksten und uneingeschränkt persönlichen Ausdruck hätte
geben können, ohne die Elemente der Objektivität aus seiner
Erfassung der Wirklichkeit zu entfernen. Ebenso konnte analyti«s
sches Eindringen in die Form, wie der Kubismus es unternommen
hatte, ohne kapriziöses Zerschneiden des Bildes in Stücke und
Stückchen erfolgen. Und um die Relativität des Zeitbegriffes ita
durch die Synchronisierung von Elementen einer zeitlichen Auf-
einanderfolge oder die allgemeinere Idee der den Bildraum
durchdringenden Zeit zu veranschaulichen, mußte der Futurismus h
nicht Anatomie und Perspektive wegwerfen.
Daß zerstörerische Konsequenzen nicht überzeugend notwen-
dig oder sogar offensichtlich überflüssig waren, trifft noch für
viele andere Richtungen zu, die seit dem Vorabend des ersten
Weltkriegs mehr oder weniger künstlich gemacht wurden. Schon
damals pflegte man mit lauten Manifesten und schreierischen
Extravaganzen loszugehen, die|bald noch weniger logischen Folgen
Platz machten. Ein ihnen allen gemeinsamer Zug war der Mangel
eines Ersatzes für die zerstörte Form.
?V??^.???e.??§'????^' Kunst ohne Künstler
Die Richtungen, die eine Leistung* wie* die" Formzerstörung m
für sich in Anspruch nehmen können, hielten zunächst noch an
einer Aussage, einer Bedeutung fest, die mit der Realität
direkt oder durch symbolische Andeutung verbunden sein konnte,
«fahrend eine Autorität wie Jean Dubuffet erklärte, die Malerei
könne von jedermann ausgeübt werden, ohne Vorbereitung oder tesa
besondere Ausbildung und selbst ohne Talent, hatten die freiwili
ligen oder unfreiwilligen Vollbringer ei%s solchen Programms
dennoch Ideen und Überzeugungen; manche von ihnen gehörten
Parteien an und betrachteten ihre Verwendung von Materialien
mit Bruchstücken der zertrümmerten Form als Bekenntnisse oder
Aufrufe, obwohl niemand ihre Sprache verstand. Diese Unverständi
lichkeit hatte den Vorzug, hübsch vielen Kommentatoren ein er-
197
trägliches Einkommen zu verschaffen, zumal sie in ihren
Interpretationen die zu erklärenden Werke an Dunkelheit nur
noch zu ubertreffen brauchten.
Doch auch in jenem Stadium, als ein vorgetäuschter Gegen-
stand aus völlig subjektiven oder willkürlichen Zeichen bestand,
die auf einen nebelhaften, oft selbst ihrem Erfinder unverständ-
lichen Sinn hindeuteten, war der Gegenstand im Prinzip noch ^
erhalten. Erst durch Verwendung von Materialien ohne die Ambi-
tion irgend einer Bedeutung und die Erzeugung von Gebilden,
die eine Mitteilung zu enthalten nicht einmal mehr vorgaben,
war der Gegenstand endgiltig aufgegeben. Eine visuell faßbare ±
Aktivität, die jedes Gegenstandes entbehrte, war nun oft konse-
quent genug, auch eine Begleiterscheinung fallen zu lassen, die |
bis dahin doch eine Äußerlichice it der Kunst geblieben war oder
jedenfalls die Zugehörigkeit zur Kunst zu bescheinigen hatte,
nämlich den Titel. Das Kopfzerbrechen über eine passende Be-
zeichnung konnte vermieden werden und jede immerhin verpflich-
tende Angabe einer bestimmten Bedeutung wurde unnötig. Die
Einbildungskraft des Betrachters war ihren lockeren Spielen
überlassen und konnte nun alles auslegen wie sie wollte. Die
unbetitelten Gegenstandslosigkeiten sind somit gut durchsichti-
ge Repräsentanten einer Entwicklungsphase kläglicher, doch
noch nicht äußerster Verarmung.
Es war nicht 3xsEgs± Mangel an Folgerichtigkeit, als sich
auch ein Materialgebrauch einstellte, der, von keiner Intelli-
genz geleitet, von der Schwerkraft und andern physikalischen
Faktoren besorgt wurde und Menschenhände beinahe überflüssig
machte. Solche konnten z.B. durch Autoreifen ersetzt werden,
die über frisch hingegossene Farben rollten, und selbst der
Phantasieloseste kann ja eine Menge derartiger Effekte verur-
sachen und mehr oder weniger automatisch sich vollziehen lassen,
Als Quellen gleichsam kreativer Prozesse oder als Zwischen-
stadien auf dem Wege zu solchen stehen Tiere mechanischen
Faktoren und unbelebten Gebilden aller Art natürlich nicht nach
sondern sind ihnen überlegen. Was hingegen der berühmte Künst-
leraffe tut, hat mit jeder ähnlichen Tätigkeit von Menschen
nicht mehr zu tun als die Papageienstimme mit jeder unserer
Sprachen. Vielleicht weniger. Denn der Papagei wiederholt
eine Form, deren Sinn er nicht versteht. Der mißbrauchte Affe
198
aber imitiert Normlosigkeit, die schon an sich sinnlos war,
sodaß sein Produkt zu potenzierter Sinnlosigkeit wird. Händler
und Schreiber, die Freud gelesen oder von ihm gehört haben,
pflegen die abstrakte Malerei in ihrer neuesten Phase dem
Unbewußten zuzuschreiben, was nicht ganz falsch ist. In einer
nichtkommerziellen Welt könnte das sogar ernstgenommen und
experimentell nachgeprüft werden. Der Affe, dessen Stammverwandte
nie etwas dem Malen ähnliches taten, da ihnen eine solche Neigmg
abgeht, bringt also auch im besten Falle nicht seine Psychologie
zum Ausdruck, sondern ahmt Menschen nach, die ihre Psychologie
auszudrücken behaupten.
Es gibt einen Mann, der verdächtigt wird, die Malereien
jenes Affen zu kopieren. In diesem billigen Witz muß eine gewisse|
Wahrheit stecken, denn er ist die Kehrseite einer künstleri-
schen und zugleich moralischen Realität.
tberbleibsel^ einer Tätigkeit
Durch das Vorausgegangene war der unterste Punkt der
Erniedrigung noch nicht erreicht. Denn soweit es den homo
sapiens als Maler und Bildhauer angeht, war er bisher ganz und
gar nicht inaktiv. Alle Künstler genannten Leute, von den Ver-
tretern der leichten Verdrehungen bis zu den Radikalen, die Ex-
plosionen und andere Ägsktofeg physikalische Vorgänge benützen,
um Effekte zu erzielen, tun jedenfalls etwas, handeln, zumindest
teilweise.
Doch die Erfolge des schon in der vorigen Phase so stark
reduzierten luns scheinen noch weitere Arbeitsersparnis angeregt
zu haben. Zusammengeschweißter Abfall von Maschinenbestandteilen
und anderem Metallkehricht, die relativ mühelos und kostenlos
ein Skulpturales, wenn auch gestaltloses Objekt vortäuschen,
sind eine schon hochbetagte Mode, die aber die Arroganz der Neu-
heit nicht aufgeben will, solange de\i Nachfrage nach frappieren-
der und schockierender Ware noch anhält. Diese Gebilde können
zugleich auch den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, Vorläufer
einer nicht minder aparten und dem Erzeuger fast jede Anstrengug
ersparenden Erfindung zu sein. Der neuerliche Sprung noch weiter
hinab landet auf einer Stufe ohne £ jede Materialbearbeitung,
auch nicht die dem Zufall überlassene. Arrangements existierender
Artikel, wie trivialer Industrieprodukte, erwecken ja im phanta-
siebegabten Besucher des Museums auch Assoziationen. Warum sollte
er sicn denn nichts vorstellen, wenn er Gabel und Messer in einer
1 j ^
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199
Schachtel sieht? Und warum sollte er nicht glauben, daß die
Person, die das Besteck in die Schachtel gelegt hat, von
einer Idee geleitet war?
Nichts
Jenseits der Arrangements, die doch noch Kombinationen
von Objekten und daher von andern Kombinationen von Objekten
verschieden sind, gibt es noch etwas. In einem allgemein bekann-|
ten Museum ist auf einem Postament einer der kubischen Körper tl
zu sehen, die aus alten Autokarosserien von Maschinen gepreßt
und als Blech zum Einschmelzen auf Gewicht verkauft werden.
Ein bald feinerer, bald etwas gröberer Regen von farbigem
Lackstaub, der von dem mißhandelten Blech auf den Fußboden
rieselt, sorgt für dauernde Beschäftigung des Reinigungsperso-
nals.
Damit ist endlich jede persönliche Aktivität abgeschafft.
Der Mann, dem das Objekt sozusagen zugeschrieben wird, hat es
nie gemacht; auch hat er keine Materialien spielen lassen.
Er hat nicht einmal etwas arrangirt, abgesehen vom Arrangement
des Transportes vom Abfallplatz ins Museum. Schließlich brauch-
te r]e aucia nicht mehr für die Wahl eines Objekts zu sorgen,
denn der Unterschied zwischen einem solchen Block gepreßten
Altblechs und jedem andern ist ebenso groß wie der zwischen
zv/ei Eiern ein und derselben Henne.
Der Gegenpol des Schöpferischen scheint damit erreicht
zu sein.
im
Nach dem Nichts
Eine dem nackten Nichts gleichzeitige und gleichwertige
Geschäftigkeit ist auf dem Nullpunkt noch nicht verschwunden
und erweist sich durch diverse Mischungen mit dem und jenem
Etwas auch noch variationsfähig. Man kann z.B. leere Schachteln
von Suppenwürze oder von Socken ausstellen und verkaufen.
Museen, die den letzten Schatten entschwundener Würde weggebla-
sen haben, nehmen so etwas nicht als kulturgeschichtliche Kurio-
sität auf, sondern in einem irgendwie bewertenden und ihre übri-
gen Exponate ergänzenden Sinne, und bezahlen für die leeren
Schachteln, die der Verkaufende umsonst auflesen kann. Leider
weiß ich nicht zu sagen, ob diese Künstler "ihre" Werke auch
zu signieren pflegen.
Soll dem tiefsten Punkt des Falles die für immer regungslo-
se stille oder doch noch irgend
eine Erhebung folgen? Was x±:
199a
Und vielleicht doch noch nicht. Im Rahmen eines Festival
of Culture wurden in New York 32 Werke zeitgenössischer Bild-
hauer aufgestellt. Einer ließ im Central Park eine Art Grab
ausschaufeln und dann wieder zuschaufeln. Die Leere über der
flachen Aufschüttung nannte er eine unsichtbare Skulptur. Ein
sbeamte erklärte, ein Kunstwerk müsse nicht sichtbar sein. Was
ein Künstler für Kunst halte, sei eben Kunst. (Dank der in
solcher Logik beliebten Einbeziehung des zu Definierenden in
die Definition kann auch die stillschweigende Ernennung zum
Künstler ohne weitere Schwierigkeiten erfolgen. ) Daß man eine
Skulptur nicht sehen könne, bedeute keineswegs, daß sie nicht
da sei. Das Phänomen -der Handlung und ihres Kommentars legt
eine böse, schon angesichts des Benehmens mancher Surrealisten
seit langem mügliche Ssmig Deutung nahe, u.zw. daß wir uns
einer Zivilisation nähern, die durch eine schizophrene Majori-
tät bestimmt werden wird« Doch finden wir einigten Trost in der
Hoffnung, daß es zu einem guten Teil nur Simulation ist, deren
Motiv im Konformismus zu suchen ist.
Daß wir am Tiefpunkt angelangt sind, der die Vorstellung
eines weiteren Unterhalb ausschließt, ist auch theoretisch
nicht mehr zweifelhaft noch bestreitbar; und eine künftige
Auferstehung ist ebenso fraglich wie jede Auferstehung. Es ist
nichtsdestoweniger ein nicht ganz unschönes und nicht ganz
ruhmloses Ende. Das verstehen wir, wenn wir uns die Rolle des
Nichts oder des Leeren in früherer Kunst vergegenwärtigen.
Damals freilich war es echte Kunst, eine der vollkommenen Aus-
drucksformen menschlichen Pühlens und Denkens. Als Europa das
romanische und gothische Mittelalter durchlebte, blühte in
China und Japan eine vom Chan-, bzhw. Zen-Buddhismus inspirierte
Malerei, in deren Meisterwerken einzigartig erfaßte einzelne
Pflanzen oder Tiere den Vordergrund einnahmen, während ein
eigentlicher Hintergrund fehlte und um jene Lebewesen sich
völlige Leere auf tat. In dem auf S. zitierten Buche sind die
Traditionen, Erlebnisse und Ideen untersucht, die jene Meister
zu so verschwiegenem und doch unvergleichlich vollendetem Aus-
druck gebracht hatten. Im selben Geiste stellte auch die am
höchsten entwickelte Landschaftsmalerei Chinas und Japans ihre
Gegenstände nur zum Teil dar, gab aber das Eigentliche andeutend,
schweigend, durch eben fa jene höchst bedeutungsvolle Leere.
Ein äußerst beschränktes Maß an Darstellung wurde so der Weg
199b
Wegweiser zum Unausgesprochenen oder Unaussprechlichen, Europa
hat hie und da einigermaßen Ähnliches hervorgebracht, wie in
einigen Werken Dürers, aber auch Kaspar David Friedrichs Land-
schaften sind jenen verwandt« Alle jene Erlebnisse des leeren
Raumes, dem persischen horror vacui diametral entgegengesetzt,
waren aber wie dieser letztere unverkennbar echt, stammten aus
kollektiven und persönlichen Tiefen, nichts in ihnen war künst-
lich oder gemacht - oder "leer" im abendländischen Sinne •
Wenn wir uns von der unsagbar tiefen zur unsagbar flachen
Leere zurückwenden, fällt uns ein Trick auf, den die abstrakte
Malerei und Skulptur unseres Jahrhunderts schon durch ihr bloßes
Auftauchen vorausgenommen hatte. Die durch die Sinne auf unser
Seelenleben direkt einwirkenden Funktionen von Formen und
Farben waren ja seit Menschengedenken ein wesentlicher Zug
jeder echten Kunst gewesen, doch waren sie den Betrachtern figus
raier Werke, und auch den Schaffenden selbst, selten zu Bewußt-
sein gekommen. Kaum daß sie in unserem Jahrhundert theoretisch
recht entdeckt waren, bemächtigte sich ihrer aber schon eine
Praxis, isolierte sie als Rezept zum Schaffen und verselbstän-
digte sie. Die auf sich allein gestellten Wirkungen der Formen
und Farben wurden also durch eine ziemlich einfache Manipulation
zur abstrakten Kunst. Ein aus der pluralistischen Gesamtheit
der Elemente des Kunstschaffens herausgegriffener Faktor war
zum Alleinherrscher eingesetzt. Analog geht es nun der Idee der
Leere, deren Positivität und Größe auf der Zusammenwirkung mit
andern Elementen beruht und deren Sinn in einem Antagonismus
bestanden hatte. Indem nun das entgegengesetzte Element fehlt,
das der leere ihren Sinn gibt wie es ihn auch von ihr empfängt,
versinkt alles in Sinnlosigkeit.
Es ist dennoch fast versöhnend, oder doch tröstend, daß
das heutige Ende der Kunst dank einem Berührungspunkt an
schöpferische Größe erinnert.
200
eigentlich, war es, das stirbt oder starb? Es war gewiß nicht
die Kunst als Wesenheit oder Prinzip, die den Phasen des hier
nachgezeichneten Prozesses zum Opfer fiel. Es war nur einTeil
von ihr, aber eben dieser Teil ist die Hauptmasse des westli-
chen Kunstlebens und nimmt alle seine Schlüsselstellungen ein.
Die einzelnen Ergebnisse dieser Tatsache sollten nicht über-
raschen. Die Macht über das Kunstleben ist in unserer Generation
zu einem totalitären Regime geworden, wie es deren mehrere gege-
ben hat und nocj^ibt. Die Macht wird relativ milde ausgeübt.
Die Freiheit , ganz anders zu schaffen, ist dem eigensinnigen
Künstler im demokratischen Staat tefe durch kein Gestz genommen,
aber seine Freiheit, zu verhungern, unterliegt auch keiner Be-
schränkung. Die Milde der Anwendung ist nicht der einzige Maß-
stab der Macht, Die Herrschaft tut, was sie mag; solange sie
sich noch hält, kann niemand sie nach Recht und Wert fragen.
Wie die politische Diktatur Waffen, Generäle, Banken, Schulen
und alles übrige hat, besitzt auch das Kunstregime alle Insti-
tutionen, Personen und sämtliche Mittel, voi? allem die zur
Beherrschung der öffentlichen Meinung. Doch wie es zur Zeit
des Zusammenbruchs einer Diktatur überraschen muß, daß die
plötzlich zum Vorschein komme ndeh Gegenkräfte überhaupt noch
vorhanden waren, ist es fast wunderbar, daß es während des
ganzen, anscheinend restlosen oder randlosen Schrumpfungs-
prozesses auch schöpferische Arbeit gegeben hat, die, vom
Gefühl einer zeitlosen Sendung inspiriert, in einer so langen
Nacht nicht unterging. Jedes totale Regime hat immer behauptet,
im Namen einer Generation oder einesZeitalters zu handeln,
mit der Exklusivität, die im Gefolge der Totalität stillschwei-
gend zu erscheinen pflegt. Doch war dieä Uachwelt schon in man-
chen Fällen unverhofft schnell zum Richter eingesetzt. Was
immer der Kultur bevorstehen mag, kann Ausdauer wie schon so
oft auch für uns zum Kriterium unseres Glaubens und unserer
Kraft v/erden.
Obwohl das theoretische Ende dessen, was sich noch moderne
Kunst nennt, als Ergebnis ihrer inneren Entwicklung bereits
eingetreten ist, wird sie voraussichtlich noch von vielfachen
und zähen Wiederholungen, Auffrischungen und Scheinneuheiten
gefolgt sein, Schließlich aber müssen die Substanzreserven der
lebendig und unberührt gebliebenen Kunst sichtbar werden.
201
Eine zusätzliche Klarstellung
Im Eingang dieses Versuches über die Kunst unserer Zeit
als deren Symptom habe ich zwar hervorgehoben, daß ich hier nur
dem Entwicklungsweg der Majorität nachgehe, ohne Einbeziehung
stark unterschiedener oder entgegenwirkender Minoritäten wie
auch ausgesprochen individuellen Schaffens, das nicht zugleich
kollektiven Erscheinungen kongruent oder auch nur parallel ist.
Nun scheint es aber notwendig, zur Vermeidung von Verwechslungen
des persönlichen Ideals zu gedenken, das mir auch bei dieser
sachlichen Analyse der Mehrheitsentwicklung vorschwebt. Dieses
Ideal bekennend zu erwähnen und zu nennen, ist eher ein Recht
als eine Pflicht, denn auch ohne eine intensive Beziehung zu
bestimmten Möglichkeiten und Wegen schöpferischen Ausdrucks
war der analytische Überblick über die jüngste Vergangenheit
der Kunst berechtigt und zwingend. Was jenem gesamten Verfalls-
prozeß diametral entgegengesetzt ist, ist eine Kunst, sei es
eine in historischer oder gegenwärtiger Wirklichkeit bestehende,
sei es eine nur als Vision existierende, die den Ausdruck des
gesamten Menschen bildet.
Die bis in das Nichts geratene Wertreduktion hat aber auch
ein anderes Gegenteil. Es ist die glatt imitative Malerei und
Bildhauerei, das gefällig Gestrige, das, mit Recht oder Unrecht,
von Vielen imiaer noch akademisch genannt wird. J?ür die Malerei
erübrigen sich wohl nähere Hinweise und Beispiele. In der Bild»
nerei ist es das Abgleiten ins Niedliche, aufgewärmtes Genre,
theatralisches Pathos, bombastischer Monumentalitätsersatz,
und noch manche Entartung an den Grenzen künstlerischer und
moralischer Dekadenz. Im vorigen Jahrhundert wurden manche
Bildhauer mechanischer Abgüsse nach der ^atur bezichtigt; neuer-
dings gibt es solche, die sich derartigen Diebstahls nicht ein-
mal schämen und ihn eine persönliche Methode nennen. Mit dem
Ablauf der "modernen" Wertverlassenheit bis in ihre Schlußphasen
verglichen, erscheint der aufgefrischte Akademismus weitaus ein-
heitlicher und stabiler, einer dem Ursprung verbundenen Kunst
aber nicht weniger fern. Nur das die glatte Seite des Niedergangs
ein anderes Vorzeichen aufweist und der Unterschied sie eher zur
Karrikatur des Vorbildes macht. Wie etwa Kleidung zu den Attributen
von Leuten zu gehören pflegt, ein Anzug darum /aber doch kein
202
Menscfcjist, hat auch der imitative Faktor einen Anteil am
Schaffen, ohne seihst ein Schaffen zu seinx oder dessen andere
Faktoren ersetzen zu können. Eine im vollen Sinne menschliche
Ausdruckskunst hat mit den neuesten Auflagen eines hilligen
Akademismus nicht mehr zu tun als mit den Konformismen der
andern, der sumpfigen Seite, Auch dem Akademismus steht eine
Fassadendekoration zur Verfügung, hinter der die Ode heute
geschickter verdeckt werden kann als im vorigen Jahrhundert.
So ist echte Kunst nicht eines von zwei Lagern, sondern befindet
sich heute in dem schwierigen Raum zwischen zwei Lagern. Es
geht ihr also wie der Menschlichkeit.
Ein Wort über Musik
In der Musik bezeichnet schon die Atonalität den Sprung
ins Leere, von dem aus alle weiteren Sinnwidrigkeiten und Sinn-
losigkeiten ungehemmt in die platte Unmusikalität führen. Von
der Formlosigkeit läßt sich auch hier ein Taumeln und Stürzen
oder ein haltloses Geschleudertwerden durch entsprechende Sta-
dien der Zersetzung bis zur Verdunstung verfolgen. Als Verdun-
stung erscheint in der Musik die jedem Werturteil und jeder
ästhetischen Terminologie entzogene Kakophonie, die nicht nur
ohne Schönheit, sondern auch ohne besondere Häßlichkeit ist,
aus effektlosen Effekten besteht, durch nichts markant und
weder durch Können noch durch eine Verbindung mit dem Menschlie
chen legitimiert. Auch solche Exhibition hat natürlich ihre
Wortf ührer, und auch diese berufen sich mit Vorliebe auf die
freie Assoziation nach Freud. Durch diesen Anspruch leisten
sie ihrer Sache jedoch einen schlechten Dienst. Die Psychoanalyse
hat die freie Assoziation als Äußerung des Unbewußten entdeckt
und verwendet das systemlose Reden und Verhalten als einen ihrer
direkt diagnostischen und indirekt auch therapeutischen Zugänge
zum Unbewußten. Die Leute, die das als Rezept zum Schaffen
benützen wollen, tun aber nichts analoges, sondern mißbrauchen
eine wissenschaftliche Entdeckung, indem sie sie verkehrt imitie-
ren. Denn bei ihnen geht es nicht von innen nach außen, sondern
nur von außen nach außen.
Ein Wort über Lyrik
Den gleichen Zerfall v/eist vorderhand nicht die ganze Lite-
ratur auf, sondern nur die Lyrik tendiert mit aller Kraft zu ihm.
Das Wegwerfen des Reimes wurde nach und nach mit der Abschaffung
der Dokumentation elementaren Könnens gleichbedeutend, gewährte
jedermann Durchlaß in die bahnlose Wüste des outriert Formlosen,
des Gestammels, das es dem Leser überläßt, sich zu denken, was
er sich besser ohne solche Lektüre gedacht hätte. Dem Warenpro-
duzenten, der nichts zu bieten hat, ermöglicht es, den Kunden
die von ihnen selbst mitgebrachte Ware zu verkaufen. Was ohne
merkliche Einmischung des kritischen Verstandes oder eigentlich
nach dessen zu Konvention und Mode gewordener Vertreibung in
einem Zug niedergeschrieben ist, kann nur ein echtes Kunstwerk
oder ein echtes Nichts sein, und das letztere ist es leider oft.
Die Kunst der Jjeit__alg_^
£ijg^istori s^b^e _ParalJtele
Angesichts der Schrumpfung mehrerer Künste bis zum Null-
punkt und ihres unruhigen, aber langen Verharrens auf diesem
erhebt sich die Präge, wie das einer Zeit widerfahren konnte,
die an Schicksal so überreich ist, an Konflikten, Schmerzen,
Spannungen, Bedrohungen und ganz schweren Ladungen jeder Art.
Sollte etwa die Überfülle des nach Ausdruck Verlangenden zu
dieser einzigartigen Ausdruckslähmung geführt haben? Wir erinnern
uns der nach innen zu öffnenden Saaltüren, die sich im Falle
eines Alarms umso fester schließen, je stärker die eingeschlossene
-enge nach außen drängt, ohne daß diese Kraft bis zum Durchbruch
anwächst. Die Frage des Ausmaßes der drängenden Kraft im Verhält-
nis zur Stärke der geschlossenen Türen wird der Lage unserer Ge-
neration zum Gleichnis.
Riesenverluste an schöpferischen Fähigkeiten sind der Mensch-
heit nicht zum ersten Male in unsern Tagen widerfahren. Ähnliches
hat sich schon in den dem Paläolithikum direkt gefolgten Epochen
ereignet, aber, seltsam genug, die uns zeitgenössischen Vorgän-
ge scheinen uns an sich eher einfach zu sein, und nur die Frage
nach ihren Ursachen führt zu weitgehenden Komplikationen. In
Jenen prähistorischen Fernen scheint das Phänomen an sich kom-
plex, sodaß schon dessen beschreibende Wiedergabe auf Schwierig-
keiten stößt. Unter allen Menschenwerken ist es die erhaltene
Kunst, die jene Prozesse am deutlichsten enthüllt.
Schon im Ausgang der großen diluvialen Kulturen gerät das
gemalte Bild in eine gewisse Schematisierung, das Verständnis
für Körperhaftigkeit und volle Realität weicht einer Wiedergabe
204
in weitaus geringerer Intensität, der Wunsch nach Arbeits-
ersparnis macht sich "bemerkbar. Die Gestalt wird proportional
in die Länge gezogen und das malerische Verfahren wird durch
eine Strichen ähnliche Ausführung von Figuren abgekürzt, zum
Ersatz eingehender Darstellung wird die Andeutung. Das Abbild
des Menschen und des Tieres verfällt einer Typisierung, die es
fast schon zur Bilderschrift macht; in einer der westeuropäischen
Kulturen, in der von Mas d1 Azil in Südfrankreich, ist der Über-
gang zu dem auf knappe Mitteilung beschränkten Schriftzeichen
bereits vollzogen.
Dann aber kommt jene nahezu kulturlose Öde, wie sie etwa st
durch das Campignien und das Camp-de-Chasseen repräsentiert wird,
offenbar von totalem Erlöschen der Menschenwerke, und zu einem
großen Teil der Renschen selbst, begleitet und gefolgt. Während
der Grient in fortgesetzter Folge wirkt und gedeiht, ja sogar
kraftvoll aufsteigt, tut sich in der Entwicklung Europas, ganz
deutlich im Westen und in der Mitte, jene Kluft auf, die ältere
Prähistoriker als Hiatus bezeichneten. Nur dieser macht uns das
europäische Neolithikum als aus völliger Voraus setzungslosigkeit
erwachsen, als nochmaligen Anfang von Grund auf, verständlich.4-8),
48) Wer weiß, ob sich nicht in der Entstehung der neolithischen
Kunst etwas ganz Frühes wiederholt, nämlich eine dem Jungpaläo-
lithikum, den späteren Epochen der Altern Steinzeit, vorausgegan-
gene Kunstübung, die der ältesten erhaltenen Malerei noch völlig
unähnlich oder entgegengesetzt gewesen sein mag und von der wir,
offenbar wegen ihrer ephemeren Materialien, absolut nichts wissen
und nie etwas wissen werden. Wie auch eine Urmalerei vorstellbar
ist, die lange vor der ersten Anwendung der haltbaren Farbstoffe
in Blut ausgeführt worden sein könnte und rapid verdarb. Diese
Vermutung über die ersten Versuche liegt angesichts der durch
den Rückschluß wahrscheinlichen Motive der frühesten Tiermalerei
nahe DaS frütieste erhaltene rfralmaterial ,der braunrote , mit Baumharz
• verflüssigte Bleitri oxydstaub, würde sich so als der difchlV
Der neolithischen Menschheit, von der viele Stämme nicht s
ausgestorben, sondern zu unseren realen Ahnen geworden sind,
haben wir uns noch weniger zu schämen als unserer viel früheren
Ebenbilder, von denen wir jedoch nicht abstammen. Die Jüngere ä
Steinzeit hat eine Ornamentik, die keineswegs zu der p&tpaläo-
lithischen Schematisierung in Beziehung gesetzt zu werden braucht
und wahrscheinlich nicht als verkümmerte Figur, sondern als ein
Ursprüngliches zu erklären ist, als ein Zeichen, ein symbolisches
205
Festhalten von Erlebtem, Realem oder Vorgestelltem; als ein
dauernder Ersatz für Flüchtiges oder Entschwundenes. Vom Geschau-
ten oder Vorgestellten enthalt das Zeichen nur ein Teilchen,
eine pars pro toto, die von der Phantasie ergänzt wird. Als
Zeichen ist jede Zier selbständig, eine Projektion des Erinnerns
und Denkens, die Verkörperung eines seelischen Vorgangs. An sich
steht das Ornament also auf einer höheren Stufe des Schöpferi-
schen als eine nur imitative Kunst. Auch wenn wir seinen Sinn
nur vermuten und nicht deuten können, müssen wir diese Größe
anerkennen.
Diesem höchst Positiven entspricht aber in denselben neo-
lithischen Kulturen eine tiefe Negation, denn sie entwickeln
auch eine figurale Kunst, und diese müßte als gänzlich degenera-
tiv aufgefaßt v/erden, wenn sie nicht ein Anfang, eine Serie
traditionsloser Versuche wäre. An Stelle der Dreidimensionalität ,
der glyptischen wie der mit malerischen Mitteln erreichten,
stenen wir nun vor unanatomischen Blöcken und Platten, deren
Köpfe und Hände unorganisch eingezeichnet oder angesetzt wirken .
Der Bildhauer, der eine Gestalt mit einem Gegenstand in der
nand zeigen will, ist nicht imstande, eine Verbindung von Hand
und Gestalt zu veranschaulichen, das eine bleibt vom andern
losgelöst, fernab jeder Funktionalität. Der offenbar neuartigen»
aus den wurzeln des Menschenwesens stammenden Fähigkeit steht
also auf der andern Seite des Schaffens jener Periode eine er-
staunliche, wenn auch nicht unerklärliche Unfähigkeit gegenüber.
Eine gewisse Scheu vor dem Darstellen, oder vor der darzustel-
lenden Gestalt, scheint der ursprüngliche gemeinsame Nenner
jenes Positiven und dieses Negativen zu sein, indem jene Scheu
einerseits zum Ersatz des Darstellens durch das symbolische Zei-
chen, anderseits zu einem infolge der Übermacht der Gegenkräfte
so unvollkommenen Darstellen führt. Der Grund einer solchen Scheu
mag in Schuldgefühlen zu suchen sein. Die Dargestellten werden
auf der frühesten Stufe erschlagene und vergöttlichte Väter gewe-
sen sein, sowie ^uttergöttinnen, auf die auch andere, u.zw. sozio-
logische Spuren hinweisen, vor allem Legenden und ethnographische
Analogien. Scheinerfahrungen an Toten, auf die wir bei einer
späteren Gelegenheit zurückkommen?: (S. ) und die sich auch mit
der dort vorgebrachten Auffassung von den Gründen für die Sitte
der Bestattung decken, machen uns sowohl das Schuldgefühl an sich
als auch dessen weitere Auswirkungen verständlich.
In unserer Zeit hat ein ähnlicher Verfall des f iguralen
206
Könnens stattgefunden, der mit der dem Ornament artverwandten
Abstraktion zusammen auftrat. Als diese noch nicht eine ver-
altete Mode und abgegriffene Scheidemünze war, hatte auch sie
einen Sinn, wenn auch einen zumeist schwer verständlichen;
aber die Erfahrung, daß ein Sinn, ob er gedeutet werden konnte
oder nicht, zur stillschweigenden Voraussetzung wurde, machte
ihn schließlich überflüssig, denn im Massenbetrieb unserer
Großstädte ging es auch ohne Sinn. Zugleich bekam die noch
weiter verbilligte Abstraktion einen andern, einen soziolo-
gischen Sinn, nämlich als richtiger und getreuer Ausdruck einer
Gesellschaft, die wohl nichts mehr auszudrücken hat.
Auch das Motiv der Scheu kehrt jetzt in veränderter Gestalt
wieder. Nun ist es die Scheu vor der eigenen Substanzlosigkeit ,
die man als selbstverschuldet empfindet und die man sich doch
nicht eingestehen will. Der Anblick, der den Leuten den Einblick
in ihre Hohlheit erspart, ist für sie fast so wertvoll geworden
wie für Museen und Sammler das viele investierte Geld« Schon
des Geldes wegen mußte sich im neuesten Kunstbetrieb ein der es
revolutionären Phraseologie der Proklamationen auffallend
widersprechender und selbstverständlich lebhaft bestrittener
Konservativismus herausbilden, der den kläglichen, aus einer
Summe von Verlusten bestehenden Besitz zäh und verwegen vertei-
digt, aber anderseits in seinen leidenschaftlichen Gegenangriffen
zeigt, daß er nichts zu verlieren hat. Sind das nicht ziemlich
deutliche Alterserscheinungen?
Die Ähnlichkeit zwischen dem Neolithikum und unserem Jahr-
hundert entspricht der Ähnlichkeit zwischen Kindheit und Greisen-
alter. Die Zivilisation der Jüngern Steinzeit war ein Anfang,
die unseres Jahrhunderts scheint in mancher Beziehung ein Schluß-
kapitel zu bilden; das Prühe und das Späte werden zuweilen allzu
ähnlich. Ob dieses Späte dem Ende oder einem neuen Beginn voraus-
geht, hängt sicherlich von dem gesamten der Menschheit bevorste-
henden Schicksal ab, zu einem gewissen Teile also von uns selbst,
Angesichts des im Schaffen zum Ausdruck kommenden Alterszustandes
und anderseits der präzedenzlos gefahrvollen Dynamik dieser Zeit
muß unsere Sorge wachsen. Beeilen wir uns nicht, einzelne Anzei-
chen einer Umkehr im heutigen Kunstbetrieb optimistisch zu deuten.
Noch ist seine ganze Macht kein paper tiger, sondern ein Sklaven-
reich von gigantischen Ausmaßen, das den Höhepunkt seiner
207
Totalität aber wohl schon erreicht hat. Einer viel stilleren,
doch lebendigen und nicht minder zähen Minorität bleibt so
eine gewisse Hoffnung, daß alles das nicht das letzte Wort
der Geschichte gewesen sein wird; daß also das Werk der mitten
im Neolithikum des 20, Jahrhunderts schaffenden Opposition
einer bessern Kultur den Weg bahnen wird.
208
VI
DIB SITUATION DER MENSCHHEIT : TIEFSTE SCHATTEN UND EIN WENIG LIGHT
Unsere Generation ist in Katastrophen sozusagen spezia-
lisiert. Unsere heutige Kenntnis der alten Geschichte und
dieser neuen, die wir mehr oder weniger am eigenen Leibe er-
fahren haben, wie auch einiger Einblick in die Natur ringsum
sowie in dieWeiten der Astronomie und schließlich in die für
uns neue Welt des Atoms, ermöglichen uns den Versuch, Kata-
strophen zu klassifizieren. Versuchen wir es quantitativ,
nachjihrem Umfang.
Das Sterben als Ende des individuellen Lebens ist an sich
nicht katastrophal. Wenn das pflanzliche, tierische oder mensch-
liche Individuum das der Norm seiner Art entsprechende Alter
erreicht hat, tritt der Tod als integraler Teil der ^atur in
Kraft. Das Leben erlischt, der verwesende Organismus wird zum
Baustoff für andere Organismen, verläßt also den Kreislauf
des Lebens nicht. Nur dem Menschen erschien sein Verv/esen von
altersher als Greuel. Er machte schon in der Altern Steinzeit
eine Erfahrung, die er als Rache der Toten, für Tötung oder
anderes Leid, deuten mußte, indem Lebende, die mit einem Leich-
nam in Berührung kamen, ihrerseits erkrankten, starben, verwe-
sten und Lebende schlugen. So wird er zwei Methoden der Un-
schädlichmachung erfunden haben, das Begraben und das Verbren-
nen, deren Anfänge mit dem frühesten Ackerbau, also mit den
Anfängen der neusteinzeitlichen Kulturen zusammenfallen. Das
wird angesichs der mit der Landwirtschaft einsetzenden Boden«
ständigkeit verständlich* Dem nomadischen oder halbnomadischen
paläolithischen Menschen hatten die unbegrabenen Toten weit
weniger geschadet als dem seßhaften Bauer. Schwere Steine auf
Gräbern waren gewiß die den primitiven sAild gefühlen und
Befürchtungen entstammenden Vorsichtsmaßnahmen gegen das etwa-
ige Herauskommen der Toten. Später wurde der Brauch beibehalten,
aber umgedeutet und verschönert, indem er zum Schutz des Toten
wurde, vor dem Getier, das ihn fraß. Aus den Schuldgefühlen
erwuchs überdies das Streben, den Toten durch Ehrung oder
Anbetung zu beschwichtigen, und die das Grab beschwerenden
209
Steine erhielten den Sinn dieses Kultes und schließlich den
der von Furcht befreiten Erinnerung. Der Wunsch nach möglichst
sicherer Beseitigung war von der Tendenz zui? symbolischen
Verewigung gefolgt, der Verschluß des Gefängnisses wurde
zum Monument.
Im Kräftespiel der Wünsche erstand der barbarischen
Tötung und Beseitigung noch ein Gegenspieler, das Bemühen
um Erhaltung des Toten mit chemischen Mitteln und Räucherung.
Die Mumifizierung ist ein kühner, im Grunde unfrommer Versuch,
den verschiedenen König und andere Prominente dem Kreislauf
zu entziehen, die Rückkehr dieser Individuen in das Leben
der Gesamtnatur zu verhindern. Erst für die aus solcher
Überkompensation erwachsene Maßlosigkeit der Anhänglichkeit
und Trauer wurde das individuelle Ende, was es an sich nicht
ist, zur Katastrophe.
.Venn hingegen ein Reicher plötzlich verarmt, ein Herrscher
abgesetzt wird, ein Liebling der ^enge ins Gefängnis kommt,
wenn ein Laier sein Augenlicht verliert, eine Tänzerin ein Bein
bricht, ein gefeierter Sportler zum Krüppel wird, wenn junge
Bäume gefällt und junge Tiere von Jägern ihrer Mutter beraubt
oder selbst getötet werden, sind das individuelle Katastrophen ,
auch wenn der Betroffene einer Verfehlung bezichtigt oder von
eigenen Schuldgefühlen angeklagt wird, sodaß die Deutung das
Geschehnis zur Strafe macht.
jj'euer, das ein üaus oder mehrere Häuser und das Hab und
Gut einer Familie oder mehrerer Familien zerstört, ist eine
der kleinen kollektiven Katastrophen. Eine umfangreiche ifeuers-
brunst, Hochwasser 0der ein Erdrutsch verändern den Maßstab.
Die kriegerische Einnahme einer Stadt bedeutete seit Menschen-
gedenken iiiedermetzelung, Raub und Versklavung. Aufruhr der
Atmosphäre in den großen Stürmen und ebenso Erdbeben, wie erwei-
terte Kämpfe von Menschen gegen Menschen, Revolutionen, Gegen-
revolutionen und andere Zerrüttungen, sind regionale Katastro-
phen. Solche umfassen schließlich ganze Länder und Völker und
haben in den beiden Weltkriegen den vorher nie gekannten Um-
fang erreicht. Während der erste Weltkrieg noch ein Kampf von
Armeen gegen einander war, wurde der zweite zur Katastrophe
für ausgedehnte Zivilbevölkerungen, die einen ansehnlichen
Teil der Menschheit bildeten. Was Renschen weiterhin gegen
menschen planen, um die meisten Angehörigen der eigenen Art
210
zu ermorden und das eigene Volk, die eigene Pamilie und sich
selbst der Ermordung preiszugeben und diese blühende Erde zur
Wüste zu machen, wollen nur Wenige wissen, aber Alle wissen es.
Was darüber hinausgeht, verstehen wir wohl noch, doch fehlt
unsepem Verständnis volle Anschaulichkeit. So verstehen wir nur
halb anschaulich, daß ein Planet bersten und aus sich einen
neuen Körper hervorschleudern kann, der als Komet durch den
Raum stürzt, bis er in einer regelmäßigen Bahn zum Planeten
wird. Planeten können buchstäblich zusammenstoßen oder kann
Annäherung unter elektrischen Entladungen ihre Achse verschie-
ben. Solche Katastrophen, die wir tellurisch nennen, wenn sie
die Erde betreffen oder in Mitleidenschaft ziehen, haben sich
offenbar nicht nur lange vor der Geburt der Menschenrasse und
noch vor der Entstehung frühester Organismen ereignet, sondern
noct(in historischen Zeiten, wie Immanuel Velikovsky in seinen
Büchern 49) durch Gohr umfangreiches physikalisches, astrono-
e±ss±ss49) vVorlds in Collision, 1950; Ages in Chaos, 1952;
Earth in Upheaval, 1955; Oedipus and Akhnaton, i960
misches und archäologisches Material und durch auffallend
übereinstimmende Stellen aus den antiken Literaturen beider
Hemisphären belegt 50).
50) In einem noch fortdauernden Streit amerikanischer
Wissenschaftler, in dem die Mehrheit seine Theorien be-
kämpfte, brachte das Eintreffen einiger seiner Voraussagen
manche seiner bedeutendsten Gegner auf seine Seite.
Es gibt aber noch weitaus größeres Verheerungen, deren
Polgen wir mit eigenen Augen sehen, wenn auch in äußerster
Verkleinerung, ohne sie uns anschaulich vorstellen und ihre
Entstehungsgründe mit einiger Sicherheit deuten zu können.
Die novae und die Supernovae, über die uns kompetente Werke wie
das Handbuch der Physik, zusammenfassend aber auch manche Enzy-
klopädien, erschreckende Zahlen mitteilen, sind wahrscheinlich
kosmische Explosionen, u.zw. berstende Sterne, vielleicht mit
ganzen Planeten- und Satellitensystemen, deren Überreste später
in Gestalt von Nebeln sichtbar bleiben können.
In unserer vagen Phantasie können wir freilich, aus wissen-
schaftlichen Motiven oder von Ängsten und krankhaften Wünschen
nach aktiver oder passiver Qual getrieben, noch weiter gehen
und uns Zusammenstöße oder Zusammenbrüche ganzer Milchstraßen
vorstellen. Dieses Grauen wird von Hypothesen über die Umge-
staltung des Universums genährt, die, vielleicht Pehlanalogien
211
sich als der Theorie vom Geburt st rauma nachempf undene Explo-
sionsphantasien darstellen, Und wenn^'unser eine solche Angst
bemächtigt hat, könnte sie von einer noch viel grausigeren
Vorstellung befallen werden. Die geschilderten Vorgänge könn-
ten am Ende in eine Zerrüttung der Atome ausarten, des in sich
selbst geregelt dynamischen Baumaterials aller Welten, auch
unser selbst. Das wäre eine Kettenreaktion der Auflösung,
von der nichts verschont bliebe, und in der alles spurlos ver-
sinken würde. Theoretisch wäre eine solche Zerrüttung der
Atome kaum anders vorstellbar denn in ursächlicher Verbindung
mit einer Auflösung der Moleküle, die in einem allgemeinen
Umsturz oder in der Aufhebung der chemischen Affinität bestünde,
des unergründlichen Gesetzes, nach dem bestimmte Elemente ein-
ander anziehen oder abstoßen.
Offenbar besitzen wir gewisse psychologische Abwehrmecha-
nismen, die uns vor der destruktiven Wirkung in gewissem Grade
schützen. Eine Abwehr dieser Art tritt in Kraft, wenn wir alles
Furchtbare, das sich unseres Wissens bisher nie ereignet hat,
aus eben diesem Grunde absurd finden. Mit solchen Widerständen
oder ohne sie kopjmt man schließlich zu Vorstellungen vom Ende
des Seins, in denen Ängste des Mittelalters entsprechend moder-
nisiert wiederkehren und sich mit einer weit verbreiteten Vor-
stellung vom Anfang der Welt in denkwürdiger Weise berühren*
Könnte es in einer Zeit wie der unsern etwas geben, was
als Thema für wissenschaftliche Studien oder für schöpferische
Phantasien begreiflicher wäre als vergangene und in naher oder
ferner Zukunft mögliche Katastrophen?
Tradition und Revolution
Da wir uns unsern schwierigsten Probjemen nähern, werden
wir gewiß gut tun, einige Begriffe und Worte^ deren Unklarhei-
ten das Verständnis unserer Lage erschweren, wie etwa Konserva-
tivismus, Progressivität, Reaktion, Revolution*^ Reform.
Konservativ nennen sich diejenigen Personen, Gruppen und
Institutionen, die alle, oder nahezu alle, Systeme ihrer Wirt-
schaft, ihrer Gesellschaft und ihres Staates erhalten wollen
wie sie sind. Die meisten von ihnen sind nicht gegen einzelne
Verbesserungen, wofern solche ihnen geeignet scheinen, zur
Erhaltung, zur Anziehungskraft und zur Festigung des bestehen-
den Gesamtsystems beizutragen. Doch schon hier teilen sich die
tfege und führen zunächst in sanften Biegungen nach rechts und
212
nach links, wenn die für das Ziel der Erhaltung günstigen
Verbesserungen mit weitgehender Bereitwilligkeit unternommen
werden und diese Bereitschaft zum Merkmal und Programm wird,
und wenn Verbesserungen nicht sporadisch bleiben, sondern
eine gewisse Sysfcmatisierung erfahren, pflegen wir die Besin-
nung und Aktivität, die zu ihnen führt, als progressiv zu
bezeichnen. Auch Revolutionäre pflegen sich progressiv zu
nennen, wodurch aber die Verwirrung der Begriffe begünstigt w
wirdj doch ist in diesem Palie die Vorwärtsbewegung an smch
gemeint, nmcht ihre Geschwindigkeit noch ihre .Reichweite.
Rechts von der mehr oder weniger statischen Gruppe der
schlechtweg Konservativen sammeln sich die Kräfte, die alles
bekämpfen, was zu den maßvollen und vor allem zu den über diese
hinausgehenden Veränderungen führen kann. Sie glauben es nicht
den zu Reformen Geneigten und noch weniger den programmatisch
Progressiven, daß sie Änderungen wünschen oder durchführen,
um das System zu erhalten, sondern beschuldigen sie, daß sie
ebenso wie die noch viel weiter Linken das Gesamtsystem zer-
stören wollen. Jene stark dynamischen Rechtsgruppen sind frei-
lich für das System, da® sie erhalten wollen selbst unmittelbar
zerstörerisch, indem sie dessen fundamentale Gestze, vor allem
diejenigen, die das menschliche Leben schützen, schonungslos
verletzen. Die Extremen dieser Gruppe kämpfen offen gegen das
Bestehende, wofern es auch nur formell demokratisch ist und auf
dem Prinzip der Gleichheit aller Bürger, oder auf dem gleicher
Rechte und Chancen für Älie beruht. Sie kämpfen für Vorrechte,
für die ihrer Rasse oder ihrer Klasse.
Die radikale Linke hat es in unvergleichlich stärkerer ±
ideologischer Ausprägung auf die Änderung dem bestehenden
Systems abgesehen, proklamiert aber den Klassenkampf und ver-
urteilt den individuellen Terror. Wenn also Trotzky von Stali-
nisten ermordet wurde, war das nicht nur ein Verbrechen an sich,
sondern zugleich eine grobe Verletzung der marxistisch-lenini-
stischen Ideologie.
Lassen wir desem deskriptiven Versuch einige analytische
Bemerkungen folgen. Konservativismus ist keineswegs nur eine
politische IMeigung, sondern vor allem eine psychologische Dispo-
sition, und jene beruht auf dieser. Das Bestehende erhalten
wollen ja nicht nur diejenigen, die aus ihm direkt Profit
. , 213
ziehen, also Reiche und Privilegierte, sondern auch zahllose
Andere, deren direkter oder indirekter Anteil an den materiel-
len Interessen der Besitzenden sie an sich eher für die gemä-
ßigte oder gar für die extreme Linke prädestiniert. Wenn man
aber nicht doktrinär denkt, also nicht alles Geschehen aus
einer bestimmten vorgefaßten Einseitigkeit heraus deutet,
kann man sich nicht der mehr oder weniger landläufigen Auf-
fassung verschreiben, daß es ausschließlich Interessen seien,
die alles menschliche Tun bestimmen. Der Mensch gehört nicht
nur einer Klasse oder einer Rasse an, sondern ist auch ein
Individuum mit einem eigenen Seelenleben, wer das nicht glau-
ben kann, sei auf die Tatsache verwiesen, daß nicht nur Kranke,
sondern auch Gesunde oft genug gegen die eigenen Interessen
handeln und das zumeist spät oder nie entdecken; abgesehen
von der drastischen Verschiedenheit der Auffassungen von den
Interessen der Gruppe. Diese beiden Momente rühren u.a. davon
her, daß jedes Individuum faktische zu mehreren Gruppen gehört,
wie zu einer Klasse und zugleich zu einem Lande, und sich unter
wechselnden Einflüssen bald zh dieser, bald xh jener Gruppe
zugehörig fühlt. So profitiert die politische Konservativst
beispielsweise von einer schlechtweg menschlichen Neigung,
dem Ruhebedürfnis. Hingegen ist die Dynamik der Charaktere
in sich stark verschieden. Zum Alter der Menschen steht sie
in umgekehrter Proportion, fenn nach der natürlichen Sturm-
und Drangzeit die überschüssigen Energiemengen verausgebt sind,
stellt sich bei Vielen jenes Puhebedürf nis ebenso natürlich
ein; es ist eine allgemeine Abneigung gegen Änderungen, die
mit einiger Selbstverständlichkeit die Politik einbegreift.
Daß aber Tizian in hohem Alter jene Breitmalerei begründete,
durch die er mit der zeitgenössischen Maltechnik brach und
der des Impressionismus den Weg bahnte, und daß "Die Zukunft
einer Illusion" ein Alterswerk Preuds ist, sind zwei aus einer
PülleK von Tatsachen herausgegriffene Beispiele, die zeigen,
daß für die bedeutendsten Menschen andere Maßstäbe gelten.
Oder daß der Prozeß des Alterns, wie er gewöhnlich dargestellt
wird, für sie nicht ganz zutrifft; oder daß Revolutionär und
Jung konvergente, aber nicht identische Eigenschaften sind 51).
«JLDaf d^6 MeJs?hen nicht nur untereinander verschieden
die in seiner ^e^6CSRÄÄfÄ
214
als Eigenheiten der Lebensalter gelten, und selbst solche,
die neben einander und gleichzeitig in ihm zu existieren
und ihn dahin und dorthin zu zerren scheinen, ist ein reich-
licher, wenn auch allzu wenig beachteter Beweis für zv/ei
Qualitäten. Die eine ist die den Menschen einschließende,
schon von der altgriechischen Philosophie, namentlich von
Heraklit, gründlich untersuchte Veränderlichkeit und unab-
lässige Veränderung aller Dinge, natürlich auch unseres
Charakters; die andere ist die Komplexität, oder genauer:
die Pluralität des Individuums. Diese fällt besonders an
überragenden Persönlichkeiten au£, u.zw. an der häufigen
Vielfältigkeit ihrer Neigungen, Begabungen und Leistungen,
anderseits an der ünstetigkeit , Unschlüssigkeit oder Unver-
läßlichkeit, mit deren charakterologischer , und zuweilen
ethischer Problematik wir beim Studium mancher Biographien
nicht immer fertig werden können. Oft genug aber ergibt sich
der Eindruck, daß bestimmte große Charaktere ohne diese
Pluralität gar nicht denkbar wären, Ja daß diese zu ihren
Entstehungsbedingungen gehört und sie definiert. Von einer
gev/issen Tiefe der Betrachtung an wird die Pluralität zur
Lösung; obzwar wir praktisch zumeist vrrvrkrk über den sinnfäl-
ligen, einer platteren Tatsächlichkeit angehörenden Umstand
der Singularität nicht hinwegkommen, da sie uns als Schlüssel
zu den Phänomenen des Alltags genügt. Im Grunde ist jede
Typologie, auch die vorliegende, eine starke Vereinfachung,
gflLKM«hkR«Kk*gJk nur durch ihre methodische Unumgänglichkeit
gerechtfertigt. Erschöpfende Erklärungen, zunächst für die
Verschiedenheit der Phasen in einem Leben, werden dennoch
erst durch den Begriff der Pluralität möglich.
Der Konservative hat eine sentimentale Beziehung zur Ver-
gangenheit und wünscht Gegenwart und Zukunft zu ihrer unver-
änderten Portsetzung zu machen. Aber man sieht es schon an den
trivialen Äußerlichkeiten, wie an der Kleidung, den Möbelm,
der Architektur, den Gepflogenheiten, dann aber auch an den
Anschauungen und Idealen wie am literarischen und künstleri-
schen Geschmack, daß es nicht das klassische Altertum noch des
romantisch nachempfundene Mittelalter oder sonst eines der
älteren Kapitel der Geschichte, bzhw. Kulturgeschichte ist,
das den Konservativen vorschwebt. Es ist nur ganz späte und &
uninteressante Vergangenheit, die mit der eigenen Jugend been-
det ist und meistens nicht weiter hinaufreicht als bis zur
Zeit der Großeltern. Es also ein kurzsichtiges, inhaltsarmes
Zurückblicken, ein Kleben an '//ertbegriff en und Werturteilen
ohne historische Ehrwürdigkeit. Auch an der Art, wie eben
diese jüngste Vergangenheit aufgefaßt und gedeutet wird, ist
nichts Belangvolles. Obwohl der Konservativismus als Ganzes
eine ansehnliche Macht ist, ist es nicht leicht, ihn ernst-
zunehmen. Er ist nicht mehr als eine ideologische Auswirkung
des Trägheitsgesetzes, unfähig zu jeder Produktivität und
215
waA selbst zum Zurückgreifen auf fernere Vergangenheit. Ein-
gehende Beschreibung der typischen Vertreter dieser Geistes-
richtung hätte die Armut an Motivierungen ihrer Ansichten,
bzhw. das wiederholen statt einer Begründiing , die Tautologie
statt der Definition, und Mangel an Beziehung zu historischen
werten, gepaart mit einer galligen, ziemlich wahllos enxxaHx
ttgärartnre^^ Ablehnung alles Neuen festzu-
stellen.
Diesen Typus finden wir leicht auch dort, wo wir ihn nicht
zu suchen pflegen. Er gedeiht nicht nur in den relativ stabi-
len Gesellschaften, sodern ziemlich kurz nach dem Sieg einer
Revolution auch in der neuen Gesellschaft. Mit der analogen
Seichtheit will auch er an dem einmal Erreichten festhalten
und die Portsetzung des historischen Geschehens womöglich
verhindern. Hüben und drüben ist seine Auffassung von Legalität
durch Langel an geschichtlichem Denken, durch Kritiklosigkeit
und Plattheit charakterisiert.
Der dynamische Zwillingsbruder des Konservativen, der
Reaktionär, ist nie harmlos. Mit jenem hat dieser die Beziehung
zur Vergangenheit gemeinsam, doch greift er historisch zuweilen
weiter zurück, um das Vorbild zu finden, das er als Schlachtruf
gegen eine freiheitlich gewordene oder werdende Gegenwart
braucht. In extremen Fällen findet er es auch in jedem fremden
absolutistischen Regime und Polizeistaat, doch gibt er einer
solchen Herrschaft in der Vergangenheit des eigenen Landes den
Vorzug. Zum Unterschied von dem nur Konservativen geht es dem
reaktionär um Errichtung eines Regimes der Unterdrückung an
sich, nicht etwa aus Pietät für Vater und Großvater, und auch
gegen ihre Ideale nimmt er scharf Stellung, wenn sie ihm zu g
gemäßigt sind. Der Reaktionär ist keineswegs gegen Neuerungen
und Umsturz, wenn auf diesem Wege eine Herrschaft in seinem
Sinne aufgerichtet werden kann. Ideologisch erscheint die Reak-
tion daher bald als Mutter, bald als Tochter des Faschismus,
mit dem sie vor allem die Skrupellosigkeit der Methode gemein-
sam hat.
Der Revolutionär hingegen ist sich einer Beziehung zur
Vergangenheit kaum jemals bewußt. In seinem Bewußtsein voll-
zieht sich ener eine mehr oder minder totale Negation der Ver-
gangenheit zu Gunsten der vorgestellten Zukunft. Hier stoßen
wir jedoch auf eine bedeutsame Divergenz zwischen dem subjekti-
216
ven Denken, bzhw. Wollen, und der objektiven Rolle der
untereinander so stark verschiedenen Typen, auf die der
Begriff Revolutionär anwendbar ist. Indem sie das Neue postulie-
ren, kommen sie, wie die Erforschung ferner Vergangenheit uns
immer klarer lehrt, auf Altes, ja Uraltes zurück, auf Gewesenes
und längst Vergessenes. Die vorgeschichtlichen Kulturen der
Jüngern Steinzeit z.B. waren aller Wahrscheinlichkeit nach
die Frucht kleiner Gesellschaftskörper, noch ohne kristalli-
siertes Führertum. In ihnen und in einem Teil der bronzezeit-
lichen Kulturen wurden sowohl alltägliche als auch große Werke
mit gegenseitiger Hilfe vollbracht, ohne erkennbare Über- und
Unterordnung, und gewiß haben wir die vielbewunderten Werke
des lüegalithikums solchem freiwilligen Zusammenschluß zuzu-
schreiben. Direkte, nämlich geschriebene und lesbare Evidenz
über prähistorischen Kollektivismus in Wirtschaft und Gesell-
schaft besitzen wir natürlich nicht. Hingegen haben wir längst
gelernt, aus dem Studium der zeitgenössischen Primitiven Rück-
schlüsse zu ziehen, die sich für die Erforschung der Vorgeschich-
te höchst wertvoll erwiesen haben. Und die seit dem 19. Jahr-
hundert von unvoreingenommenen und unabhängigen Ethnographen
untersuchten primitiven Gesellschaften und deren Wirtschafts-
systeme sind revolutionären ökonomischen und sozialen Tenden-
zen ausnahmslos näher als etwa konservativen. Im Sinne der
letzteren ießen sich gesellschaftliche Urzustände keinesfalls
rekonstruieren.
Zwischen jene prähistorischen Frühstadien der Gesellschaf ts-
bfrdung und die ersten Usurpationen der zum Königtum führenden
Macht schaltet sich wohl relativ spät gelegentliches, takti-
sches, aus bestimmten Aufgaben erwachsendes und deren Durch-
führung erleichterndes Führertum ein. Ein populäres, vom Volke
noch nicht abgelöstes und von der anmaßenden Berufung auf Götter
noch fernes Königtum spiegelt ein schon dem J.Jahrtausend an-
gehöriges sumerisches Relief wieder, auf dem ein König und
seine Söhne als Bauarbeiter zu sehen sind.
wie Ideen des 19. und 20. Jahrhunderts in frühgeschichtli-
chen Gesellschaften, waren gewiß auch Geistesrichtungen, die
als Privilegien moderner Revolutionäre gelten, schon längst
vorausgenommen. Wenn wir die Ornamentik der noch schriftlosen
Zivilisationen besser zu deuten wüßten, könnten wir in ihr
gewiß manche Gedanken wiedererkennen, die wir in unserem Gegen-
217
wartsstolz und in unserer Gegenwaitenaivität für modern halten.
Spartakus war weder der erste noch der letzte Sklavenbefreier.
Seit es Sklaverei gab, gab es Befreiungsversuche. Da die
Geschichtsschreibung vorwiegend von Monarchen beherrscht war,
und auch die besten Historiographen ihrer getrübten Quellen
wegen nicht umfassend noch objektiv genug sein konnten, ist
unsere Vorstellung vom Ablauf der Menschheitsgeschichte bis
heute höchst einseitig und zu Gunsten der herrschenden Mächte,
der weltlichen und der geistlichen, derart verzerrt, daß nur
die Einbeziehung der andern Einseitigkeit, der marxistischen
Geschichtsdeutung und Geschichtsschreibung, zur Korrektur,
zum Ausgleich und zu realistischer Geschichtsrekonstruktion
führen kann. Vorläufig stehen wir vielen Anzeichen solcher
Korrekturbedürftigkeit gegenüber, die noch relativ zusammen-
hanglos erscheinen. Es ist z.B. schon erkennbar, aber noch
nicht beweisbar, daß die hellenistischen Könige eine Reihe oppo-
sitioneller Bewegungen, oder gar Revolten, zu unterdrücken
hatten. Die zensurierten Chroniken vieler Länder registrieren
wohl reichlich Machtkämpfe zwischen Herrschenden und Herrsch-
süchtigen, aber was zwischen Herrschenden und Beherrschten
vorging, bleibt fast unerwähnt, und das Volk erscheint als
vorwiegend passive, immer stumpfe, in übler Absicht oder über-
haupt nicht reagierende Herde. Wenn es eine solche wäre, wie
reaktionäre Autoren vom Schlage eines Gustave le Bon 52) es
52) Psychologie des foule s, Paris 1895
darzustellen pflegen, hätte es die Persönlichkeiten, die auch
sie verehren, je hervorbringen können?
Sobald wir Auf und Ab, Vorwärts und Rückwärts als sei es
rhythmische, sei es arhythmische Folge sehen und verstehen
werden können, werden wir auch unsere abergläubische Vorstellung
von Entwicklung loswerden. Dann wird uns Evolution nicht mehr
als die kindisch konstante Progression erscheinen, als die sie
zum großen Teil auch an Universitäten und in deren Lehrbüchern
immer noch hingestellt wird. Sowohl die materialistische als
auch die idealistische Geschichtsschreibung leiden hauptsäch-
lich daran, daß eine offene oder getarnte Geschichtsphiloso-
phie ihre Ausgangsbasis bildet. In ein so vorgefaßtes System
haben sich die schon gefundenen und die noch gesuchten Tatsa-
chen einzufügen, oder eigentlich: ^^xei^^^x sie haben
als Beweise für die Richtigkeit einer im Grunde aromatischen
Geschichtsauffassung zu dienen. Dem vorausbestimmten Ziel
218
strebt die Scheinempirie wohlgeordneten Materials zu.
Wäre die Realität jemals so gefällig und einfach gewesen
und hatte sie sich auf einem sauberen Fahr dämm immer hübsch
aufwärts bewegt, so hätte die Mathematik und Technik noch im
Altertum zu den Erfindungen und Erkenntnissen unseres Jahr-
hunderts geführt und es hätte nie ein Mittelalter gegeben.
Die Vielgestaltigkeit, oder gar Gestaltlosigkeit des
Geschehens war mit Tradition nie identisch, sondern diese bil-
det nur einen winzigen Ausschnitt aus der geschichtlichen
Realität. Was also ist Tradition? Sie ist einer der vielen mög-
lichen Extrakte aus der Evolutionsmasse, ein von einer ethni-
schen oder weltanschaulichen Einheit unternommener Versuch,
in geschichtliche Erinnerungen Sinn und Ordnung zu bringen,
sie selektiv, u.zw. Wünschen entsprechend, zu beschränken,
Zusammenhänge herzustellen und zu wahren; und die flüchtige
Sigensubstanz festzuhalten, um Ererbtes zu behüten und weiter
zu vererben.
Solche Herstellung von Zusammenhängen ve^indet späte
Generationen zuweilen mit sehr frühen, über deji gesicherte fe±
historische Kunde fehlt; so ergibt sich zwischen Tradition
und Konservativismus ein bedeutungsvoller Geeejasatz. Tradition
erreicht, virtuell zumindest, eine gewisse Tiefe, während
die Konservativität an sich flach ist und bleibt. Daß aber
Revolutionen nolens volens Uraltes wiederholen und ins Leben
zurückrufen können, bringt Tradition und Revolution, über-
raschend genug, in Konvergenz, oder doch in eine Prallelität,
deren Linien sich im Unendlichen t/reffen,
Der Begriff der Reform ist seit zwei Generationen in
Ungnade gefallen, vor allem unter dem Einfluß der Kommunisten,
die ihn von jeher verurteilten und lächerlich zu machen suchten.
In ihrem Lager ist eine große Minderheit, oder gar die Mehrheit,
der deutlich sadistisch-masochistischen Überzeugung, daß eine
bessere Weltordnung nur dann kommen könne, wenn die Lage schon
völlig unerträglich geworden ist und die Verzweiflung den
Massen keinen Weg offen läßt als den der Revolution. War es h
unter Hitlers Stiefelabsatz nicht zu der tiefsten Verträglich-
keit gekommen? Hatte aber der psychopathische Kern der Revolu-
tionsdoktrin das erwartete Resultat? Und beging nicht am Vora-
bend des zweiten Weltkriegs die damalige Sowjetregierung den
gegenteiligen Wahnwitz eines Vertrags mit Nazideutsßhland,
219
bevor die Sowjetunion die größte und blutigste Offensive der
Neuzeit am eigenen Leibe erfuhr?
Unter der allerdings schwer erfüllbaren Voraussetzung
seelischer Gesundheit ist, wie auch die schwierigsten Fälle
zeigen, jedes Gespräch möglich und hat immer gewisse Aussich-
ten. Historisch gesehen, entbehrt Revolution keineswegs ihrer
Berechtigung, und darüber hinaus ist sie als Vehikel der Ge-
schichte nicht minder bedeutend als die ruhigeren Kapitel
eben der Evolution, der sich Revolutionen durch das Walten
der Zeit nach und nach als organische Teile eingliedern.
Doch wofern elementare Ethik überhaupt einen Maßstab bildet,
ist die theoretische Anerkennung der Revolution als Teil der
Dynamik von Zivilisationen an eine Voraussetzung geknüpft,
an den Mangel jedes andern Auswegs aus hoffnungsloser Untere
drückung, als ultima ratio, wer gesund genug ist, Zerstörung
zu verabscheuen, und frei genug, um wählen zu können, wird
immer jeden andern Weg zum Ziele bevorzugen. Extreme Unglücki
lichkeit, Verzweiflung und sinnlose Wut sind nicht die uner-
läßlichen Vorbedingungen einer bessern Welt. Die Aktion muß
auch nicht unbedingt einseitig sein, nur von den Beraubten
gegen die Räuber unternommen. Sie kann, im Prinzip und de
facto, durch Kompromisse ersetzt werden, die das Leben aller
Leidenden verbessern. Zu glauben, daß den dann weniger Leiden-
den der Antrieb fehlen würde, total umstürzlerisch vorzugehen
und daß sie sich mit relativem Fortschritt zufriedengeben wür-
den, muß jedem unbenommen bleiben, wenn nur viele Menschen
zu besserem Leben gelangen.
Geteilte Menschheit
Psychoanalytiker schließen aus ihren Erfahrungen, daß
nichts so schwierig sei wie die objektive Beurteilung der
eigenen Eltern. Aber wie die heutige Erfahrung aller Bewohner
dieser Erde lehren sollte, ist Objektivität in einer andern
Frage noch schwerer und seltener, und es ist überhaupt frag-
lich, ob es auch nur einen Zeitgenossen gibt, der sie für sich
voll in Anspruch nehemen kann. Diese Frage besteht zwischen ±
den politischen Lagern, in die wi* geteilt sind, wir, die ganze
Menschheit und überdies noch die Teile, aus denen sie sich
zusammensetzt, da iedes Ap-p ■F+4-*At*~i. t
, a Deaes der feindlichen Lager zahllose Anhänger
220
im Gebiet des andern hat. Auf beiden Seiten, selbst in den
neutralen Ländern, geht die Trennung slinie durch vielerlei
Gruppen, auch durch Familien. Und wenn wir das Schwanken und
die Unausgeglichenheit Vieler in Betracht ziehen, und den Ein-
fluß, den jede der beiden Seiten zeitweilig auf sie ausübt,
um ihn wieder an die Gegenseite zu verlieren, sehen wir, daß
die Trennung slinie , variabel und daher umso grausamer, in-f
unzähligen Fällen durch das Individuum selbst hindurchgeht
In der so geteilten Welt ist es daher für jeden Autor,
der das strittigste aller Themen behandelt oder behandeln muß,
am sichersten, entweder über die roten Banditen oder die
Realität beider weiten voraussetzungslos dmd dem Leser ein in
dessen Sinne günstiges oder ungünstiges, und anderseits in
sich abgeschlossenes oder unfertiges Ergebnis vorzulegen,
kann ihm am ehesten die Feindschaft beider Mächtegruppen
und unter Umständen Verfolgung und schwersten Schaden bringen.
Doch zu unser Aller Heile gibt es doch auch Manche, die den
Willen zur Objektivität allenfalls als bona fides, wenn nicht
als Dienst an der Erhaltung des Lebens bewerten. lie eingangs
erklärt, wenden sich die vorliegenden Erörterungen an eben die-
se und an jeden, der sich noch etwas von der schon so raren
Unabhängigkeit gewahrt hat.
Prinzip und Konsequenzen des Kapitalismus
Der Kapitalismus ist der Erbe des Feudalismus mit seiner
Leibeigenschaft, wie dieser seinerseits die auf Sklavenarbeit
beruhende Wirtschaft beerbt hatte. Der historische Ablauf und
die jetzige .Phase sind aber komplizierter als diese Formeln
anzuzeigen scheinen. Denn der Kapitalismus ist heute einer-
seits vom Kommunismus gefolgt, anderseits ist seine klassische
Periode vorüber und er befindet sich in einem Stadium, in dem
er entweder dem gegnerischen Wirtschaftssystem erliegen oder
aus sich heraus transformiert werden muß; gleichzeitig gibt es
jedoch noch heute Feudalismus, ja Sklavenarbeit sowie längst
totgeglaubte Wirtschaftsformen wie Kleinhandwerk, Kleinhandel
und primitivste Hausindustrie.
Um zu einer auch heute anv/endbaren Definition zu gelangen,
kann man nicht umhin, Marx, dem radikalsten Kritiker des Kapi-
talismus, in einigen Belangen zu folgen. Kapitalismus ist der
imperialistischen Piraten zu wüten. Denn ein Versuch, Idee und
1 ... I
221
am höchsten entwickelte Teil eines größeren Ganzen, der
warenproduzierenden Wirtschaft, also derjenigen, die Gebrauchs-
gegenstände und andere Sachwerte Keder um ihrer selbst willen
noch auf Bestellung und für bestimmte Konsumenten erzeugt,
sondern für den Markt, für jeden, der sie kaufen mag. Damit
ist der weitere weg zur Massenproduktion vorgezeichnet; und
einerseits der zu großen Armeen von Arbeitern, anderseits der
zur Verwendung sowie der zur dauernden Verbesserung und Ver-
mehrung von Maschinen. Die Maschinen gehören dem Unternehmer,
dem Arbeiter gehören seine Hände. Der Unternehmer amortisiert
die Kosten der Maschinerie und erzielt darüber hinaus Profit,
indem er den Arbeitern nicht alles bezahlt, was sie erarbeiten,
sondern weniger. Die Differenz, der Mehrwert, wird durch Multi-
plikation zum Kapital. Der Mehrwert nimmt verschiedenen Umstän-
den entsprechend zu oder ab, doch bei aller Variabilität kann
er nie verschwinden, solange es ein Kapital gibt. Er ist des-
sen Existenzbedingung, denn er ist dessen Substanz.
Kein System hat das Gesetz der eigenen Dynamik je besser
verstanden als der Kapitalismus. Zu seinem dauernden Wachstum
bedurfte er einer immer zunehmenden Anzahl von Arbeitern, die
ihm nicht nur die Anwerbung lieferte, sondern auch die im
lateinischen treffend benannte proles, der Kinderreichtum der
Unterschicht. Zum selben Zwecke der größtmöglichen Multiplika-
tion des Mehrwertes bedurfte er, solange die Maschine nicht zu
ihrer übermächtigen Herrscher st eilung gelangt war, auch mög-
lichst ausgedehnter Arbeitsstunden bei möglichst niedrigen
Löhnen. Dieser explosionsbereite Konfliktstoff brachte schon
in der Entstehungszeit des eigentlichen Kapitalismus blutige
Empörung und blutige Unterdrückung. Den gewaltigen Erfolg der
unbarmherzigen Ausbeutung bezeugte aber nicht gerade der weit-
hin sichtbare Reichtum und Luxus der Herrenklasse, zumal diese
es zeitweilig klüger fand, den Reichtum hinter dem Stil einer
gewissen Einfachheit zu bergen; es sind vielmehr die durch
die enormen Überschüsse ermöglichen Investitionen, die den
steilen Anstieg des Kapitalismus direkt anzeigen. Der Löwen-
anteil an den Überschüssen wurde zu Gebäuden, zu verbesserter
Maschinerie, zu neuen Unternehmungen, zu erweiterten Absatzge-
bieten, zu riesigen Rohstoff lagern. So sorgte der Kapitalismus
vor allem für das eigene Wachstum, über er übersah nicht, daß
Investitionen ohne unmittelbaren Ertrag den früheren Wirtschats-
mächten indirekt viel Nutzen gebracht hatten, indem sie ihnen
222
halfen, ihre Herrschaft zu "befestigen. So gibt auch der
Kapitalismus ein Teilchen seiner Überschüsse für anscheinend
nur dekorative Zwecke aus, u, zw, für Philanthropie und für
Kultur* Die Philanthropie war der Weg, dem Proletariat das
ihm durch den Mehrwert entzogene oder Vorenthaltene teilweise
zurückzugeben. Doch war den flehmenden und wahrscheinlich
auch der Mehrheit der Gebenden die als solche unkenntlich
gewordene Rückerstattung kaum je bewußt. Auf verschiedenen
Gebieten der Kultur, wie etwa in der Architektur, genügte eben
ein Teilchen der Überschüsse, dem Kapitalismus hohes Ansehen
zu verleihen und Werte von unbestreitbarer Monumentalität zu
schaff en#HHsjt
Zu einem ungeschriebenen Bündnis mit der Kirche kam der
Kapitalismus relativ spät. Die größten Autoritäten der frühen
Kirche hatten eindeutig Stellung genommen; ihre Stellungnahme
war schon durch den Umstand vorbe stimmt , daß der historische
Kern der Christenheit eine Gemeinde von Armen gewesen war,
in deren schwarz auf weiß niedergeschriebenen und schwer
umdeutbaren Idealen die alten Gefühle der Armen gegen die
Reichen den wohlbekannten und wohlbegreiflichen Ausdruck
gefunden hatten. In der antiken und mittelalterlichen Termi-
nologie war natürlich noch von Reichen die Rede und selbst im
Anfang der Neuzeit verstand wahrscheinlich noch keiner von
den geistigen Erben der Kirchenväter und Heiligen, daß es nicht
um den Reichtum ging, zumindest nicht um den Reichtum als
solchen. Sie sahen im frühen Kapitalismus in erster Linie die
gefährliche Macht, die von Gott ablenkte und durch Luxus und
alles mit Geld Käufliche zu allem Bösen verführte. Die spätere
Ausprägung des Kapitalismus hatte aber zur neuzeitlichen
Klärung der Begriffe geführt: Wenn ein Unternehmer andere Hän-
de beschäftigt, aber trotz dem Mehrwert infolge falscher Speku-
lation ts. oder anderer Fehler und Umstände verarmt oder gar-
nicht zur Akkumulation von Vermögen gelangt, ist er dennoch
ein Kapitalist. Wenn sich hingegen etwa aus den Ersparnissen
eines gut bezahlten Facharztes im Laufe der Zeit ein Vermögen
ansammelt, ist er dermocii kein Kapitalist, sondern ein Arbei-
ter. Doch noch lange vor dieser Begriffsbildung gab die Kirche
ihre ursprüngliche Haltung auf und geriet nach und nach in die
immer gefährlichere Rolle der Beschützerin des Kapitalismus.
Der Arbeiter sollte nicht viel fragen, für wen er eigentlich
223
arbeite, sondern hatte zu glauben, Arbeit an sich sei
gottgefällig. Und das immer geflissentlicher betonte Jenseits
bot dem unbedingt Gehorsamen sowieso reichliche Entschädigung
für alle Leiden dieser Welt. Dazu kam noch die Verdammung
jeglicher Auflehnung, denn wer nun einmal die üiacht hatte,
dem war sie sicherlich von Gott verliehen. So hatte also
der wegen seiner Habgier von der ältesten Kirche verurteilte
Unternehmer es dank der späteren Kirche zu einer Stellung
gebracht, die der antiken Idee der von den Göttern eingesetz-
ten und beschützten Könige nicht ganz unähnlich war. Das
Ergebnis dieses Umkehrungsvorganges in der Kirche, das Bünd-
nis mit dem Kapitalismus, besteht nach wie vor in einem Umfang
der für bedeutende Unterschiede im Verhalten der einzelnen
Kirchen trotz aller Dynamik in ihrer neuesten Entwicklung
noch nicht viel Raum läßt.Wber Kapitalist weiß den Wert des &
Bündnisses zu schätzen und^gibt so viel er kann, ohne sich
weh zu tun. Das arbeitende Volk soll fromm sein und beherzigen
was ihm im Warnen Gottes eingeschärft wird, flirr er, der Kapita-
list selbst, ist zumeist unfromin, und nicht erst heute. Das
Objekt seines Realitätsglaubens ist der Besitz, im merkantilen
oder im späteren, etwas abstrakteren Sinne. Da aber die Kirche
selbst gegen den Realismus des Besitzes nicht ganz immun blieb,
wurde der Ausschluß des Besitzenden persönlich von dem das
Volk verpflichtenden Glauben une ingestanden geduldet, gleich-
sam als Teil des stillschweigenden, für beide Teile überaus
belangvollen Übereinkommens.
Seit dem Anfang unseres Jahrhunderts sind auch die beiden
bis dahin noch nicht völlig geformten Beziehungen zwischen dem
Kapital und der Staatsmacht genügend geregelt und genügend
erhärtet. Zwischen jedem Staat und jedem ungezähmten oder
unumschränkten Egoismus besteht ein unbestreitbarer, wenn auch
nicht immer deutlich sichtbarer Antagonismus, selbst wenn
Staat und Egoismus in denselben Händen konvergieren, 1 ' etat
e'est moit oder dann erst recht, wie der Kapitalist die Kirche
von Anbeginn zu seinem Instrument zu machen suchte, hielt er
es auch mit dem Staat. In wessen Händen immer die Gesetzgebung
war, halte sie alles zu unternehmen, was profitfördernd wirkte
und die Stellung- des Kapitalismus gegenüber den Arbeitern
sowie den Rohstoffquellen und den innern und äußern Absatzmärk-
ten stärken konnte. Entsprechende Steuerpolitik und noch mehr
Zollpolitik und vorteilhafte Hände iverträge mit andern
224
Staaten und zugleich Maßnahmen zu noch weiterer Förderung
des sowieso unbeschränkten Bevölkerungszuwachses waren die
naheliegenden Methoden, bei deren Anwendung der skrupellose,
zumeist unverblümte Ausschluß von Fragen des Gemeinwohls
sinnfällig wird. Durch die offene, oft äußerst dynamische
Mitwirkung des Staates am internationalen Konkurrenz kämpf
sowie durch Kriegsvorbereitungen und Kriege, die der Konkur-
renz entsprangen, wurde der Staat zum widerstandslosen Werk-
zeug des Kapitals. So waren Kriege das klassische Mittel zur
Förderung des "eigenen" Kapitalismus geworden, erlangten aber
darüber hinaus noch zwei fatale, doch für das Kapital günstige
Bedeutungen. Sine von ihnen ist der Krieg als direkte Einnahms-
quelle für die Industrie der Rüstung und andere mit dem Kriegs-
bedarf zusammenhängende Zweige der Erzeugung und des Handels;
in seiner andern Zerstörerrolle wurde der Krieg das Mittel
zur Unterjochung und Ausbeutung ganzer Völker, zum unver-
hüllten Verbrechen des Kolonialismus. Das System des Länderrau-
bes und der Völkerversklavung bot dem Kapitalismus die Befrie-
digung seiner Ungeheuern Bedürfnisse und vehementen Wünsche;
das waren riesenhafte, von ihm selbst beherrschte Absatzgebiete
und schier unbegrenzte Arbeitsarmeen, die vervielfachte Ergän-
zung und Erweiterung des zu Hause Unternommenen.
Es liegt auf der Hand, daß alle vom Staat gegen das Volk
und gegen sich selbst gerichteten Maßnahmen nicht im Warnen des
Kapitalismus erfolgen konnten, ohne schwersten Widerstand her-
vorzurufen. So wurden sie im Hamen des Volkes und der seit dem
19. Jahrhundert erstarkten nationalen Gefühle oder im Namen
Gottes unternommen, und die Mehrheit handelte sogar bona fide»
Wicht immer konnte es dem Kapitalismus genügen, daß die
Staatsmacht sich mit seinen Interessen identifizierte. Theore-
tisch müßte man annehmen, daß die Kapitalisten die von ihnen
erwirkten und zu ihren Gunsten erlassenen Gesetze in vorbildli-
cher Weise befolgen würden. Die Geschichte der sozialen Kämpfe
aber ist eine schlagende Widerlegung einer so naiven Annahme.
Was in Suropa und Amerika zur Unterdrückung streikender Arbei-
ter begangen wurde, gehört zu den schmachvollsten Kompromit-
tierungen herrschender Klassen.
Daß ein Mensch sich Menschen des eigenen Stammes enger
zugehörig fühlt als jenen, die ihm unähnlich sind und eine
ihm unbekannte Sprache sprechen, ist allgemein menschlich
und kann unter keinen Umständen verdammt werden. Und wenn der
225
Nationalismus sich gegen einen Unterdrücker wendet, hat er
überdies eine entschieden progressive Punktion. Daher waren
alle guten Gefühle Europas auf Seiten der Griechen, als sie
das türkische Joch abschüttelten. Um aberx den natürlichen,
der Menschenwürde gemäßen und an sich durchaus nicht agres-
siven Nationalismus in Paschismus zu vemradeln, mußten andere
Interessen eingreifen. Es war der Kapitalismus, der, als er
sich nach dem ersten Weltkrieg durch die Existenz eines bereits
bestehenden kommunistischen Staates bedroht fühlte, den Natio-
nalismus als Rohmaterial zu benützen wußte und die unselige
Metamorphose zustande brachte. Wir brauchen uns also nur zu
vergegenwärtigen, was es war, das den Paschismus gemacht hat,
zuerst den italienischen und dann den deutschen, um zu begrei-
fen, was nicht Viele wahr haben wollen: daß es dieselbe Macht
war, die wohl den Hauptanteil daran hatte, was wir die moderne
Zivilisation nennen und, mit dem Mehrwert beginnend, konse-
quent bis zur Zerstörung der Zivilisation und nach Auschwitz
gelangte.
Eine fundamentale, in Marx» Hauptwerk noch nicht vollends
gelöste Präge ist die, ob der Kapitalismus in sich selbst
Elemente habe, die notwendig zu seiner Aufhebung führen. Zu
ihrer Beantwortung liefert uns nun die neueste Realität Tat-
sachen, die damals noch ausstanden und auch schwerlich vorge«
stellt werden konnten. In seine heutige Phase trat der Kapita-
lismus durch die Begründung von Aktiengesellschaften ein.
Erst seit die aus ihnen hervorgegangenen, durch ihren Zusammen-
schluß gebildeten Kolosse völlig herauskristallisiert sind,
und ihre Praxis sich reibungslos durchgesetzt hat, merken die
Besitzenden, was vorgegangen ist. Ihr Eigentum ist in sicheren
Händen und niemand macht ihnen ihre Rechte streitig, aber eine
praktisch unsichtbare Exekutive verfügt darüber, spekuliert,
investiert und faßt alle Beschlüsse, ohne für sich selbst ein
Eigentumsrecht auch nur zu beanspruchen. Sie, die Eigentümer,
haben jedoch nicht die geringste Möglichkeit, dreinzureden
oder eine Meinung zu äußern. Sie können nicht einmal behaup-
ten, daß irgend eine Transaktion falsch gemacht worden sei
und daß sie Schaden gelitten hätten, der vermieden werden konn-
te, da alles fachmännisch geschieht. Auch mit den ihnen von ±
den gleichsam Unsichtbaren zugewiesenen* Dividenden haben sie
sich zufrieden zu geben und keine Wünsche vorzubringen. Sie
226
sind ja nicht die Einzigen, deren Einfluß der Vergangenheit
angehört. Wie den begüterten Aktionären, ergeht es auch dem
kleinen Mann mit seinem Pensionsfond, dem gegenüber er nur
auftreten kann wie alle Parteien im Warteraum und am Schalter,
um zu bekommen, was ebenso Unsichtbare ihm zuzuteilen für
richtig finden. Die Abtrennung des Besitzers von seinem Be-
sitz hatte sich halb und halb schon vorher in den Banken voll-
zogen; durch die Übergabe an die Bank begibt sich der Sparer
jeden Einflusses auf sein Geld. Niemand fragt ihn, wie es ver-
wertet werden soll, und er wüßte auch schwerlich etwas vorzu-
schlagen. Ihm steht nur das Recht zu, die Zinsen zu bekommen,
bzhw. sein Geld zurückzuverlangen. Einfluß auf die Verwendung
haben hingegen die Banken sich selbst vorbehalten; wenn sie
das Geliehene weiterleihen, müssen sie genau wissen, wofür
diese Leute es verwenden wollen.
Es wird wohl noch lange dauern, bis die altmodischen
Typen verschwinden, die sich mit der Entziehung ihres Verfü-
gungsrechtes nicht abfinden können. Anfangs regten sich noch
manche auf und fragten, ob denn der Kommunismus ausgebrochen
sei. Aber halblaut fragten sie nur einander, nicht etwa eine
Sekretärin der Direktion, und die Unsichtbaren blieben unsicht-
bar. Doch der Vorwurf des Kommunismus ist äeeh nicht ganz aus
der Luft gegriffen. Denn das Eigentum ist Vielen, besonders
auf der westlichen Halbkugel, so heilig, daß es im Gesetz und
im täglichen Sprachgebrauch gleich nach dem Leben genannt wird,
und im Falle kleiner Fehlleistungen noch vor diesem, was also
ist denn los? Ist es nicht doch eine Annäherung an jenes Ding,
das man womöglich ungenannt läßt, daß einem die Verfügung über
das Eigentum und damit auch der whre Genuß genommen ist?
Den Marktpreisen geht es nicht besser. Seit Menschenge-
denken wurden sie durch Angebot und Nachfrage bestimmt, aber
auf einmal beschließen jene Herren auch über Preise, und es
geht dennoch, vielleicht sogar besser. Ist das nicht zugleich
ein Einbruch in ein benachbartes Heiligtum, in das der freien
Konkurrenz? Drüben gibt es diese ja auch nicht. Was also soll
aus uns werden?
So ist die neueste Ökonomie durch die an sich durchaus
nicht neue Differenzierung zwischen Eigentum und Besitz charak-
terisiert. Diese Unterscheidung ist überdies zu Konsequenzen
gelangt, deren weitere Auswirkung noch nicht abzusehen ist.
227
Wer einige historische Schulung genossen hat, kann nicht umhin,
zu verstehen, daß alle Systeme und Mächte wie auch ganze Zivi-
lisationen sich immer schließlich vergänglich erweisen. Nur
die Einmischung von Wünschen trübt unsere einfache Logik.
Daher muß, wer sich ohne Bedenken "beliebt machen will, den
Leuten helfen, sich ihre Zukunft wunschgemäß vorzustellen,
ihrer Primitivität also Bestätigung bieten.
Hochentwickelte kapitalistische Wirtschaft kann offenbar
nicht die Entstehung von Erscheinungen verhindern, die Krank-
heitsherden in ihrem Innern gleichen und sich zunächst als ı
Widersprüche darstellen, als unlogische Konsequenzen des frprfr
Systems selbst, die es von innen her zu zerfressen drohen.
Die Heiligkeit des Privateigentums mag ja ein ethisch durch-
aus anfechtbares Prinzip sein, doch war dieses in der Zuspiz-
zung, die es letztens erfahren hat, eine einfache Abwehr des
Kommunismus. Nichtsdestoweniger ergab sich in den Gesetzen der
einigermaßen progressiven Staaten die ökonomische Notwendiges
keit, das Prinzip der Unverletzlichkeit des Privateigentums
einzuschränken. Für Eisenbahnbau und für ähnliche im Inter-
esse der Allgemeinheit zwingende öffentliche Arbeiten wurde
das Hecht der Enteignung von Grund und Boden oder auch von
Gebäuden vorgesehen, unter der Voraussetzung entsprechender
Entschädigung; in der uns vorausgegangenen Generation traf es
sich recht selten, daß demokratische oder halbdemokratische
Regierungen von diesem Recht Gebrauch machten. Dieses den
wichtigsten staatlichen Institutionen vorbehaltene Privileg
wurde aber nach und nach von immer mehr privaten Profitmachern
erobert. Bauunternehmern ,die ganze Reihen von Häusern plötz-
lich für enteignet erklären und die Einwohner später evakuies?
ren lassen dürfen, wenn sie ihnen die von Kommissionen fest-
gesetzten, von Einzelnen und Gruppen oft mit Empörung und Erfe
bitterung angefochtenen Entschädigungen zahlen, wird alsodas
Recht der großen Fische eingeräumt, die kleinen zu fressen.
Ein scharf antikommunistisches Regime sägt so den Ast ab, auf
dem es sitzt. Die so erzeugten Tragödien wirken psychologisch
zersetzend, und logisch bedeuten sie Selbstnegation«
228
Eine unkonventionelle Auffassung von Faschismus
Der vorstehenden äsfc&assKHg Deutung des Fachismus als
eines natürlichen Wurzeln entstammenden und durch Einmischung
kapitalistischer Interessen entarteten Gebildes muß einiges
hinzugefügt werden, Trotzky brachte ihn zum Kapitalismus in
noch engere Beziehung, indem er in der Philanthropie dessen
zärtliche, im Faschismus dessen harte Hand erblickte. Wenn wir
aber von einfacher Beobachtung ausgehen, ist der Faschist
zunächst das, was unsere Großväter einen Chauvinisten nannten.
Er fühlts sich ausschließlich dem eigenen Stamm zugehörig
und tritt gelegentlich und zeitweilig XH^gndaxH mit andern
Gruppierungen in Verbindung, wofern das, was er für das Inter-
esse seines Stammes hält, es objektiv oder vermeintlich er-
fordert, wie etwa politische und militärische Bündnisse mit
analogen Nationalismen.
Er denkt in einer eigentümlichen Abart kollektivistischer
Kategorien. Seinem Volk, bzhw. seiner Vorstellung von seinem
Volk, ist er ergeben, andere Völker haßt oder verachtet er,
oder sieht von ihnen in völliger Gleichgiltigkeit ab, als
würden sie nie existiert haben, und jede dieser Beziehungen
hat das Ganze zum Gegenstand, als wäre jedes Individuum nur
ein Repräsentant eines nationalen Kollektivums, u.zw. ein
typischer oder gar bevollmächtigter und für jenes Kollektivum
verantwortlicher. Sein Haß und sein Abscheu beziehen sich auf
alle Vertreter der andern Gattung merkwürdig unterschiedslos,
und nicht gerade auf Taten oder auch nur Gesinnungen, sondern
auf Naturtatsachen, wie Rassenmerkmale und diverse Eigenschaf-
ten des Äußern, auf charakteristische Züge des Verhaltens,
auf die Sprache und die Aussprache. Der Angehörige eines verab-
scheuten Volkes wird durchaus automatisch mitverabscheut, und
dieser Abscheu nimmt der Intensität der Merkmale jener ver-
haßten Wation nur zu oder ab. Daher gibt es keinen Wladyslaw
und keinen Janek, sondern nur Polen, nicht Pierre noch Rene,
sondern nur Franzosen. Die Russen sind so, die Amerikaner so.
Ja, so sind sie eben, deshalb kommt die Stunde der Abrechnung.
Alle Neger sind schwarz, sodaß es nicht nur zwischen Senegale-
sen und Zulukaffern, sondern auch zwischen abessinischen
feindlichen Brüdern keinen Unterschied gibt noch geben kann.
Die derart vereinfachten Formeln und die billige Emotio-
nalität sind nicht ganz imitativ, sondern vor allem Auswüchse
229
der uralten Fremdenfurcht und des fast gleichaltrigen
Fremdenhasses aus Troglodytensituationen und Modernisierungen
kannibalischer Instinkte, Primitive Stamme smentalität enthüllt
sich auch in einem dem Kollektivismus entgegengesetzten Ele-
ment. Es ist eine vorwiegend tragische, doch auch der Komik
nicht entbehrende Beziehung zu einem Individuum, dessen Größe
diese i-enge selbst gemacht hat, ohne es zu wollen und ohne es
zu wissen53 ) ; eine vom Kandidaten selbst und von den mit ihm
53) Berühmtheiten jeder Art macht die Menge nur dann, wenn
sie nicht merkt, daß sie selbst sie macht. Wenn sie hingegen
mehr oder weniger offen aufgefordert wird, sie zu machen,
zieht sie sich eher zurück und verhält sich ablehnend. Der
Grund dürfte darin zu suchen sein, daß ihr in solchen Fällen
Gelegenheit geboten wird, sich einerseits ihrer Macht und
anderseits ihrer Inkompetenz bewußt zu werden, also einer
widerspruc hsvollen, unbequemen Situation,
auf Gedeih und Verderb verbundenen Komplizen über Nacht geschaf
f ene erotische Abhängigkeit der Menge von einem Typus ihres-
gleichen, der doch plötzlich über innaöfc steht, und an ihrer ä
Spitze, zum Verlieben, Angst einjagend, lähmend und aufpeit-
schend, unwiderstehlich und imposant wie keiner. Auf einmal
erfahren sie es Alle, daß es der ist, auf den sie von jeher
v/arten, und daß er ihnen auch alle die Wünsche erfüllen wird,
von denen sie bisher nichts wußten. Für ihn müssen sie natür-
lich durchs Feuer gehen, und wehe dem, der sich das noch über-
legen will. Schon fließt neues Blut in den Adern der alten
Polizei, sie wächst und durchwächst das Volk, in einem allge-
meinen Wettbewerb der Anbetung will man sich auszeichnen. Um
sicher zu gehen, muß man auch das Leben riskieren, Furcht vor
ihm macht Alle zu Helden in seinem Dienst. Er hat nicht viele
Bücher gelesen, aber Leser und Schreiber bücken sich tief,
wenn auch zuweilen mit unhörbarem Zähneknirschen. Ist es nicht
schön von ihm, daß er so Viele leben läßt? Wer kann also um-
hin, mitzuschreien, vielleicht geht es am Ende doch nicht so
schlimm aus.
Die Aktion selbst vollendet die Prägung des Typus. Er ist
kein Prolet, Gott behüte, aber auch kein Bourgeois und natür-
lich kein Intelligenzler, im Gegenteil, er haßt sie Alle. Noch
eine Weile und er kann sein Mütchen kühlen, denn lang genug k
haben sie ihn von unten verhöhnt und bedroht, und von oben
haben sie hochnäsig herabgeschielt. Den Besserwissern wird er
es schon zeigen, den Bebrillten, die ausgespielt haben, wie
jeder im Radio hören kann. Auch die Reichen sind eine üble
Bande, dafür nennt man sie jetzt die Rlutokraten, besonders
230
die geizigen, die wenig geben, und solche werden auch nicht
in die Partei aufgenommen, sie werden schon sehen.
Mit solchen Vorstellungen und Impulsen beginnt schon das
rein imitative Element im Faschismus, die Nachahmung der
sozialistischen und kommunistischen Bewegungen und Parteien«
Als Reaktion auf die Arbeiterparteien und auf ihr beängsti-
gendes Überhandnehmen wurde der Paschismus etabliert, zugleich
aus Mißtrauen gegn die lendenlahmen Abwehrversuche der kapita-
listischen Oberschicht und mit dem ausgesprochenen ^eck, die
Massen selbst im entgegengesetzten Sinne zu organisieren und
zu aktivieren« Der Charakter der Epoche zwischen den beiden
Weltkriegen machte die Imitation zu einer zwingenden Notwen-
digkeit, In dieser Epoche, deren geistvollste Mißdeutung
wohl in Richard Rees* "A Theory of My Time" 54)vorliegt,
54) London 1963
war sozialistische Denkungsweise in Europa derart verallgemei-
nert, daß links und anständig oder verantwortlich und so ziem-
lich alle andern achtbaren Epitheta als synonym galten. Der
Proletarier begann erst in jener Zeit seine Minderwertigkeits-
gefühle so recht zu überwinden, und in weiten Kreisen des
Bürgertums wuchs ein von Schuldgefühlen gedrängter Zug nach
links, der jedoch nur eine eher kleine Minorität über die
gemäßigte Linke hinausführte. Viele distanzierten sich vom
Kommunismus, aber nicht viele gaben zu, auch gegen den Sozia-
lismus zu sein. Sozialistische Phraseologie hatte schon vor
1918 in die Parteien der Mitte Eingang gefunden. Um in die
Bereiche der Arbeiterklasse einzubrechen, was allein dem
faschistischen Programm einen Sinn und Massenerfolg zu geben
versprach, kisfi hieß es ihr marxistisches Vocabulaire adop-
tieren, u.zw. derart, daß das umgekehrte Vorzeichen noch an-
gehängt werden konnte. So kam ein logisches und sprachliches
Zwittergebilde wie die Nationalsozialistische Deutsche Arbeit
terpartei zustande, mit vielen grotesken Halbgeschwistern,
die aber in ihrer rapid v/achsenden Macht die Satire nicht zu
fürchten brauchten.
Mit der Realität, die sprachliche und selbst sachliche
Nachahmungen der Linken erforderte, wäres das faschistische
Unternehmen aber schlecht zusammengegangen, wenn sein Charak-
ter als Dienst am Kapitalismus und das ausgesprochene Abhängig-
keitsverhältnis weithin sichtbar in Erscheinung getreten wärst.
231
Die "beste Tarnung war also eine ocheinpppositiom, als deren ■
billigste Form sich eine ebenfalls von der Linken entlehnte
antikapitalistische Phraseologie ergab, doch ohne störende s5±
Wirkung auf die konkreten Aktionen des Faschismus. Im Gegen- j
teil, solange die Staatskasse noch nicht erobert war, zwangen
zunehmende Frechheiten die wahren Herren zu größerer Freigebig-I
keit, die dann die totale Eroberung ermöglichte.
Das innere Resultat, das Ergebnis innerhalb der vom Faess |
schismus befallenen Nationen, war also eine soziale Neubildung
eine Art Klasse mit einer Art Gesinnung, Diese Gesinnung war
freilich schon viel früher vorgebildet und ist bis heute nicht
gestorben. Ihre Vorgeschichte und ihr zähes Nachleben helfen
uns sogar, jene Mentalität klarer zu sehen. Der Faschist haßt '
den Andern dafür, daß dieser von ihm verschieden ist. Die I
sozusagen vorbestimmte, oder doch elementare Gegebenheit ist
die sinnfällige Verschiedenheit der Rasse. Nicht nur das
Individuum, dem die Rasse als nie zu beseitigende Naturtatsache
anhaftet, ist unfrei; sondern ebenso unfrei, der Überlegung
und Wahl entzogen, ist auch die Reaktion auf die Rasse mit al-
len ihren Konsequenzen. Unwandelbar wie die Verschiedenheit ±
ist der Haß, der in der faschistischen Auffassung für immer
bestehen muß. Darin nur Lüge und Verworfenheit zu sehen,
wäre aber reichlich oberflächlich. Die Betrachtung dieser
Denkungsweise führt vielmehr zur Entdeckung einer gewissen
Dosis von Fatalismus in der faschistischen Mentalität. Teil-
weise genügt diese fatalistische Tendenz zur Erklärung des
Phänomens der Widerstandslosigkeit und zugleich des Fanatis-
mus der Massen, ihres Verlustes aller Kritik und ihres sklavi-
schen Folgeleistaas.
Der Faschismus hat zwar kein Monopol auf Unmenschlich-
keit. Auch der Kapitalismus an sich, nicht nur sein faschisti-
scher Diener, sowie auch die Kirche und die kommunistische S±
Diktatur haben ihre Unmenschlichkeit mehr als reichlich bewie-
sen. Aber diejenige Richtung, deren unmenschliche Tendenz
in der theoretischen Grundlage verwurzelt ist, und sich daher
folgerichtig bis zum größten Verbrechen der Weltgeschichte
ausv/achsen konnte und mußte, ist der Faschismus, Der italieni-
sche hatte Judenverfolgung nicht in seinem Programm, solange
er noch einigermaßen selbständig v/ar; was auch bei der beschei-
denen Zahl und Rolle der Juden Italiens nicht gelohnt hätte
und in Anbetracht ihres übertriebenen Patriotismus nur
einen schlechten Eindruck hätte machen müssen. Erst als der
italienische Faschismus, durchaus nicht unlogisch, dem viel-
fach mächtigeren und um Eindruck wenig bekümmerten deutschen
ganz hörig geworden war, konnte es den italienischen Juden
nicht mehr viel besser gehen als den ukrainischen. Für alle
jene Tendenzen, aus denen die faschistische Judenverfolgung
hervorging, waren die Juden immer schon das überall vorhan-
dene und am leichtesten greifbare Opfer gewesen, die nirgends
fehlende fatale Verschiedenheit, der allgegenwärtige Gegen-
satz, die immerwährende Herausforderung. Skrupellosigkeit ,
vor allem wenn es nicht die eingeschmuggelte und verstohlene,
sondern die deklarierte und in alle Vitelt gebrüllte ist, neigt
zum Wachstum in geometrischer Reihe« Fast jedes große Verbre^
chen hat ja einmal scheu, zögernd und in kleinem Maßstab be-
gonnen. Bald geht die Skrupellosigkeit nicht mehr unauffällig
und in loser Berührung neben dem Sadismus einher, sondern
beide gehen in schauriger Vermählung in einander über.
Der Haß des Andern oder Fremdartigen scheint zunächst
dort verständlicher, wo er sich auf das ganz und gar Verschie-
dene oder Kontrastierende bezieht, doch wird eine solche An-
nahme durch unvoreingenommene Beobachtung nicht bestätigt.
Die psychologische Beobachtung ist vielmehr einem andern
Gesetz auf die Spur gekommen, das zuweilen gefährlichere Sach-
verhalte schafft; es ist das Gesetz des Hasses auf Grund der
kleinen Differenz. Die nationalistische Verhetzung hatte es
nicht schwerer, sondern leichter, zwischen Angehörige nur
leicht von einander verschiedener. Völker Haß zu säen. Dieselbe
schlimme Tendenz mag z.B. an den späteren Tragödien im befrei-
ten und in dem Befreiung suchenden Afrika mitschuldig sein.
Seit langem ist sie trotz zurückhaltendem und wohlerzogenem
Benehmen in Skandinavien erkennbar, , n . , .
u.zw. ohne politische
Motive wie territoriale Expansionssucht, ferner auf dem
Balkan, unterfLevantini sehen Nationen, zwischen slavischen
Völkern und im Fernen Osten. Auf solchen Nährböden ist der
Faschismus in unserer Generation recht gut gediehen, auch
wo er kein eigenes Regime aufrichten konnte.
Denn es kommt nicht allein auf das Regime und dessen
konkrete Greuel an; mit Ausnahme der zähen Senilität der bei4
den iberischen Diktaturen hat sich jede Herrschaft solcher Art
233
bisher als viel kurzlebiger erwiesen als sie prahlend anzukün-
digen pflegt. Vielleicht bilden auch die Neo-Nazis, falls sie
nicht eine unvorhersehbare Konjunktur sollten ausnützen können,
eine weitaus geringere Gefahr als Manche befürchten und Manche
erhoffen. Doch versuchen wir aus dem bisher Verstandenen ohne
Selbstbetrug zu lernen und den Kern des Faschismus zu definie-
ren: Er ist das Unedle, Halbe, Barbarische, dem das Edle des
Tieres schon fehlt und das Edle des Renschen noch fehlt; der
das Opfer sucht, an dem er sich für seine Minderwertigkeits-
gefühle rächen kann; ej ist die Tendenz des Inferioren, zu
hassen, was ihm nicht gleicht; des Lrbesunf ähigen, aus der
Zerstörung des Gehaßten Ersatzbefriedigung zu ziehen; und der
Trick des Herrschsüchtigen und Herrschaftsunfähigen, sich durch
die Irrealität eines Kultes über die eigene Nichtigkeit, durch
die Freude an der Versklavung und am Martyrium Anderer über die
eigene Sklaverei hinwegzutäuschen.
Haben wir portugiesischen Generälen und deutschen Rüstungs-
magnaten nachzugehen, um dieses grausige Unheil in ihnen ver-
körpert und in ihrem Tun wiederkehren zu sehen? Sollte nicht
vielmehr jeder von uns scharf in sich selbst blicken, um den
Schatten des lauernden Nazi im eigenen Herzen zu entdecken?
Nach allem v^tct durch sie Erlittenen bin ich zu dem Ergebnis g
gelangt, daß die Überwindung dieses Schattens die Aufgabe bildet,
die ich in dem mir gebliebenen Leben erfüllen will«
In dem Maße, in dem immer mehr Menschen dasselbe tun werden,
um das Ungeheuer in sich selbst zu finden und zu bezwingen und
einander brüderlich helfen werden, unablässig die eigene Vervoll-
kommnung zu suchen, muß der Faschismus an Boden verlieren. Wer
sich aber für zu rein und zu vollkommen hält, um zu glauben,
das Böseste sei auch in ihm, kann dessen Kern nicht angreifen,
das Übel nicht entwurzeln helfen. Die Verfolgung von Verbrechern
ist rational genügend motiviert, doch vielfach wichtiger ist
unser innerer Antrieb, den Verbrecher in uns selbst zu ergreifen«
Jenn wir das bewußt tun, brauchen wir nicht mehr die Verfolgung
Anderer als Ersatz für Selbstreinigung. Ebenso glaube ich, daß
im sozialen Leben auf die Dauer keine Kraft so groß ist wie die
des Vorbildes. Wie könnten sonst die biblischen Propheten,
Buddha und Christus Menschen bis heute beistehen und sie erzie-
hen und veredeln? Wie könnten überhaupt Menschen, die vor so
langer Zeit gelebt haben, bis heute fortwirken und zu einem ±n
integralen Teil unseres Lebens werden? Hat Tolstoi eine Partei
gegründet oder ist er als Vorbild so machtvoll?
Kriminologen klagen oft über die ühausrottbarkeit der
Habgier, des Zerstörungstriebes und der Grausamkeit und verglei-
chen das Verbrechen mit der Hydra, die jeden abgehackten Kopf
durch zwei neue Köpfe ersetzt. Die Aussichten stehen aber ganz
anders, wenn wir zuerst und am meisten an uns selbst arbeiten.
Unwillkürlich begeistern wir auch Andere. Unsere Schneeball-
wirkung tritt mit der des Verbrechens in einen Wettbewerb, den
wir hoffnungsvoll aufnehmen können.
Ich widme diesen Abschnitt einer Persönlichkeit, die ich
nicht nennen will. Infolge furchtbarer Erlebnisse hat sie in
ihrer Kindheit faschistisch gedacht, später aber den feg zu
reinster Menschlichkeit und Menschenliebe gefunden.
„ . ßL iL 1ü*Ma VtoMjwj vi4u*»u*, .
Eine Deutung des, KommimismugJJ!! ^aU/ S^UA^Mok, i
Im Geiste der im Vorwort gegebenen Erklärung sollen die
vorliegenden Betrachtungen einen brauchbaren Beitrag zur Lösung
der Probleme und zum Frieden ki^aii bilden. Vor allem sollen
sie aber die so komplizierte Lage nicht noch mehr komplizieren
und die Gefahr eines dritten Weltkriegs und des Untergangs
nicht noch vergrößern helfen. Wer also hier geistige Munition
zum Kampfe gegen eines der beiden Lager, oder gegen eines der
drei, oder gegen zwei von den drei Lagern zu finden hofft,
oder auch nur eine der üblichen Ersatzbefriedigungen durch
totale Verdammung seiner -feinde, wird besser tun, die Lektüre
dieses Abschnitts zu unterlassen. Kreuzritterrüstungen sind
in der Garderobe abzugeben.
Marx und Engels griffen im Anfang ihres "Kommunistischen
Manif ests" die wenigen schon damals existierenden Vorarbeiten
auf und nannten den gemeinsamen Bodenbesitz von Dorfgemeinden
die Urform der Gesellschaft von Indien bis Irland; was heute
nur die Einschränkung erfordert, daß die Anwendbarkeit dieser
Feststellung nicht weiter als bis zum Neolithikum zurückreicht.
Zu wirklicher Klärung, wie sie bisher noch nicht erreicht wor-
den ist, könnte eine sachlich und mit der größtmöglichen Voll-
ständigkeit geschriebene Vorgeschichte des Kommunismus einiges
beitragen. Über die dem Altertum angehörigen Kapitel dieser
Vorgeschichte läßt sich aus antiken Quellen manches schließen,
zumal die in unserer Generation am Toten Meer entdeckten hebrä-
ischen und aramäischen Handschriften auf das Essäertum und
235
verwandte Gemeinschaften einiges Licht werfen. Anderseits
sind kommunistische Gruppen des Altertums und des Mittelalters
Stiefkinder der neuzeitlichen Geschichtsforschung. Diese nega-
tive Beziehung zur Vorgeschichte des Kommunismus trifft nicht
nur für kapitalistische Länder zu, sondern auch für die kommu-
nistischen, denn jene auf religiösen Glauben gegründeten
Lebensbünde von Vegetariern und Ethikern mit einer teils unbe-
dingten, teils begrenzten Askese sind dem historischen Materia-
lismus nicht gerade bequem und willkommen. Sie werden daher x
von den meisten marxistischen Historikern wohl zur Kenntnis &x
genommen, aber als utopisch und abstrus abgetan. So besitzen
wir bis heute keine benutzbare Zusammenstellung der historischen
Aussagen, und umso weniger, wie schon früher bemerkt, konse-
quente Versuche zur Verwertung der noch viel spärlicheren
anschaulichen Belege aus prähistorischen Zeiten.
Die Folgerungen und Möglichkeiten, die zu Grundlagen einer
prähistorischen Soziologie führen und in unserem Zusammenhang
aufschlußreich v/erden können, haben uns z.T. schon beschäftigt.
Über protohistorischen und klassisch-historischen Kommunismus
wissen wir nichts; wenn wir die früher erwähnten Bedingungen
des Zustandekommens von Geschichtsquellen im Auge behalten,
wird es uns nicht wundern, daß Tatsachen solcher Art meistens
unbeachtet blieben^ durch Feindseligkeit und Mißachtung entet
stellt oder gestrichen wurdenx.Boch wäre es nicht allzu über-
raschend, wenn etwa weitere Erforschung der Ideen und des Lebens
der Pythagoräer uns einzelne Kapitel der griechischen Antike
in neuem Lichte zeigte oder wenn unter den vielen Bewegungen
und Sekten im alten Indien Gruppen entdeckt würden, die außer-
halb des Kastensystems Gütergemeinschaft aufrichten und für
einige Zeit aufrechterhalten konnten. Doch sind solche Möglich-
keiten noch hypothetisch. Die frühesten grundsätzlich kommu-
nistischen Gemeinschaften, zu denen der moderne Kommunismus je-
doch in höchst wichtigen Belangen in schroffem Gegensatz steht,
haben in Israel bestanden. Dank Philo, Josephus Flavius, Plinius
dem Altern und Hippolytus besitzen wir Ansätze zur Kenntnis
der Essäer, die aber erst durch die seit der Mitte unseres
Jahrhunderts an den Wordwestufern des Toten Meeres entdeckten
riandschrif ten entscheidend bereichert worden ist. Sie waren ±
keine Sekte, wohl auch nicht eine Vielheit von Sekten; sondern
eine Bewegung, die mehrere einander ähnliche, aber nicht gleiche
r
2^6
Orden umfaßte, wahrscheinlich, auch in andern Teilen des Landes.
Gütergemeinschaft war allen gemeinsam, auch den nach dem ffadi
Kumran benannten und den als Hemerobaptisten bezeichneten wir
auch einem im Ausland, nahe dem ägyptischen Alexandria leben-
den Orden, den Therapeuten. Alle lebten vegetarisch. Diejenigen,
welche am Kult im Tempel zu Jerusalem teilnahmen, brachten
keine tierischen, sondern pflanzliche Opfer dar. Die meisten
waren konsequente Asketen, nur einzelne Gruppen ließen eheli-
ches Zusammenleben bis zur Geburt von Kindern zu. Sie lebten
von der Arbeit ihrer Hände, auch darin Vorbilder der späteren
christlichen Mönche, und Treue und Gehorsam gehörten zu den
Ordensregeln.
Als die Epoche ihrer Wirksamkeit gelten die zwei letzten
vorchristlichen und das erste Jahrhundert der christlichen
Zeitrechnung. Aber gerade die nichtbiblischen, damals nieder-
geschriebenen Hollen weisen auf enge Zusammenhänge mit dem
Geiste der Propheten hin. Die Bewegung könnte um annähernd
hundert Jahre älter sein als allgemein angenommen wird und
vielleicht von der geistigen Reaktion auf den frühesten Helle-
nismus und dessen ethischer Ablehnung äs ihre ersten Impulse
empfangen haben, um bald darauf ihre spezifische Vertiefung zu
erfahren.
Bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts bildeten die Christen
noch eine jüdische Sekte und gingen in ihrer Opposition nicht
weiter als die andern Minderheiten oder die Mehrheitsgruppen
im Verhältnis zu einander. Zwischen den Sssäern und der urchrist-
lichen Gemeinde gibt es auffallende, von einer Anzahl von Autoren
betonte Ähnlichkeiten, sodaß die Idee eines geistigen Abstammungs-
verhältnisses viel für sich hat. Doch die Christengemeinde war
weder ein Orden noch in ihrer Gesamtheit vegetarischs. Daß aber
auch in ihr das Privateigentum abgeschafft war und Armut gefor-
dert wurde, ergibt sich z.B. aus der Geschichte von jenem An-
schlußbereiten, der alle Gebote erfüllt, aber sich zum Verzicht
auf seinen Besitz nicht entschließen kann und traurig davongeht
(Matth. 19, 16-22). Das Folgende, ebenda, 23-24, enthält über-
dies das berühmte Urteil Jesu über die Reichen; eher würde ein
Schiff stau£#^durch ein Nadelöhr gehen als ein Reicher InsH^iAM.
4^7^cA^p5)/Co^^,Eamei> statttovuAos , Schiffstau, kann nur ein alter
Schreibfehler sein, der schon längst Zweifel erregt hat,
aber in alle neuzeitlichen Übersetzungen übergegangen ist
237
und sich hartnäckig behauptet, obzwar er im Gegensatz zum
Geiste antiker Gleichnisse unlogisch und unanschaulich ist,
da ein Schiffstau zwar nicht seinem Durchmesser nach, aber ss
seinem Charakter nach einem Nadelöhr entspricht und so das
Gegensätzliche dem Gleichartigen gegenübergestellt ist;
während zwischen einem Nadelöhr und einem Kamel überhaupt
kein einleuchtender Zusammenhang hergestellt werden kann,
Hiezu ist noch zu bemerken, daß im modernen Griechisch auch
das kamilos ausgesprochene V/ort für Schiff stau, ebenso wie
das Wort für Kamel °S geschrieben wird.
Doch hängt diese Einzelheit mit einer viel größeren
Präge zusammen. Bezüglich der vorhandenen, nicht vor dem
4. Jahrhundert geschriebenen^bodices des Neuen Testaments
(nur der im 5, Jahrhundert geschriebene Codex Bezae ist
griechisch und lateinisch geschrieben) gilt es als selbst-
verständlich, daß sie Kopien der Originaltexte sind« Doch
sprechen unabweisliche Erwägungen dafür, daß sie griechische
Übersetzungen verlorener, u.zw. hebräischer, teilweise viel-
leicht aramäischer Originale sind. (In jenen Jahrhunderten
war aramäisch die jüdische Volkssprache, wurde aber nur in
Ausnahmsfällen, wie im Hauptteil des Buches Daniel, auch
Schriftsprache. Als Literatursprache blieb das Hebräische in
Gebrauch, wie die Handschriften vom Toten Meere aufs neue
klar machen.) Im 1, und 2. Jahrhundert werden diejenigen Juden,
die mit griachischen Siedlern in Berührung kamen oder auslän-
dische Handelbe Ziehungen hatten, griechisch verstanden haben,
aber das Volk sprach aramäisch und las oder schrieb hebräisch.
Die frühe Christengemeinde bestand noch ausschließlich aus
Juden. Sie war eine von religiöser Selbständigkeit noch weit
entfernte jüdische Sekte, die den Messianismus stärker betonte
als die damalige Majorität es tat und sich von dieser haupt-
sächlich dadurch unterschied, daß sie Jesus von Nazareth,
dessen Name noch wenig bekannt war, als Messias anerkannte
und an seine künftige Wiederkehr glaubte. So bestand kein Grund,
und gewiß nicht einmal eine Möglichkeit, die Schriften, die
der Besonderheit der Christengemeinde entsprachen, in einer
Eremdsprache zu verfassen, auch nicht im Griechischen, das
für den ganzen Osten des Mitteimeeree eine gewisse internatio-
nale Bedeutung hatte. Denn die Idee, das Christentum vom
Judentum loszulösen und es zu einer Weltreligion zu machen,
also das paulinische Programm, war erst am Ende des 3. Jahr-
hunderts voll entwickelt. Wenn wir die vorliegenden griechi-
schen Handschriften des NT also als Kopien der Urtexte betrach-
ten sollten, müßten wir die Urtexte selbst eben so spät datie-
ren, was ziemlich absurd wäre. So liegt es viel näher, anzu-
nehmen, daß die griechischen Manuskripte Übersetzungen sind,
in jener Zeit angefertigt, in der sie durch die Int ernational i-
sierung der Christenheit , vor allem durch den Zustrom von
Griechen und Römern, notwendig geworden waren} analog der
Septuaginta, die, etwas mehr als ein halbes Jahrtausend frühe?,
in einer Blütezeit des ägyptischen Hellenismus, als Übersetzung
des AT ins Griechische entstanden war, als die Notwendigkeit
dafür sich ergeben hatte.
Damit wäre zugleich eine Schwierigkeit behoben, um die
sich manche Gelehrte noch in der uns vorausgegangenen Generation
bemühten, ohne zu einer befriedigenden Lösung zu gelangen.
Seit langem fielen in den für ursprünglich griechisch, gehalte-
nen Texten Hebraismen auf, die weder durch die Volkszugehörig-
keit der Verfasser noch durch den angenommenen Einfluß der
Septuaginta genügend erklärt v/aren. Die griechische Version
237 a
des Neuen Testaments kann nur in einer der Septuaginta
analogen Weise entstanden sein. Die Annahme hebräischer Origis
nale erfordert nur eine Einschränkung. Während der Großteil äs
des NT, der für die Christen des Inlandes und zur Verbreitung
der Lehre im Inland geschrieben worden war, entweder hebräisch
oder teils hebräisch, teils aramäisch verfaßt worden sein
muß, v/erden die in das NT aufgenommenen und für das Ausland
bestimmten Briefe ursprünglich griechisch geschrieben worden
sein.
Wenn auch unvollständig und unentschieden oder unklar,
war diese Gewißheit längst vorhanden, sogar schon im späten
Altertum. In Bezug auf das Matthäus-Evangelium liegt eine
ausdrückliche Mitteilung vor, von Papias, vermutlich einem
Enkelschüler der Apostel, und diese ist in der ältesten Kir-
chengeschichte zitiert, in der von Eusebius von Caesarea
im Anfang des 4. Jahrhunderts verfaßten Historia Ecclesiastica«
u.zw. fff 111,39,16. Da berichtet der wahrscheinlich wörtlich
wiedergegebene Papias, Matthäus habe die "Aussprüche" Jesu
in hebräischer Sprache HtsäsxgsgstaK niedergeschrieben. Ob-
wohl sich diese Peststellung weder auf das gesamte NT noch
auch auf das ganze Matthäus-Evangelium bezieht, ist sie für
die Klärung unserer Präge ungemein wertvoll. Im 18. Jahrhun-
dert näherte sich u.a. Lessing der Wiederentdeckung des ver-
gessenen Sachverhaltes, während sich das 19« Jahrhundert
eher von ihm entfernte. Die moderne Zweiquellentheorie,
nach der die Evangelien des Matthäus und des Lukas außer dem
des Markus noch einen andern Text zur Voraussetzung haben,
hat in der Präge seiner Sprache keine Aufhellung gebracht.
Als Pranz Delitzsch noch im vorigen Jahrhundert seine
meisterhafte hebräische Übersetzung des NT schrieb, ahnte
er nicht, daß es eine Rückübersetzung sei. Er schloß sich
eng an den Stil der Propheten an, sodaß gerade seine Arbeit
geeignet ist, uns eine Vorstellung von den verlorenen Origi-
nalen zu geben, die durch den Stil der Rollen vom Toten Meer
noch verdeutlicht wird. Angesichts dieser hoffentlich noch
nicht abgeschlossenen Punde scheint es nicht mehr ganz un-
möglich, daß einmal auch Teile des ursprünglichen NT zum
Vorschein kommen werden.
Dann würden sich die Lösungen vieler Prägen von selbst
ergeben, auch die des Verses, der den Ausgangspunkt dieser
Digression bildet.
x 237b
Leider werde ich erst nach Abschluß dieses Kapitels auf
mir noch unbekannt gebliebene wichtige Forschungen aufmerksam,
u.zw. durch einen in der hebräischen Monatsschrift "Moznaim"
im Februar 1968 erschienenen Aufsatz von M. Ungerf eld über das
wissenschaftliche Vermächtnis von Zvi Perez Chajes (1876-1927)»
Es ist die früheste Publikation dieses Forschers, "Markus-Studien','
Berlin 2B$x 1899» die in unserem Zusammenhang bedeutungsvoll ist.
Dank früheren Vermutungen anderer Verfasser und eigenen
Erkenntnissen war auch Chajes zum Schluß gelangt, daß das Markus-
Evangelium, das früheste, nicht ursprünglich gre\i,chisch geschrieben
worden sein konnte. Die sekundäre Frage, ob das Original hebräisch
oder aramäisch gewesen war, entschied er zu Gunsten des Hebräischen,
trotz der Tatsache, daß das Aramäische die jüdische Volkssprache
jener Zeit gewesen war. Er fatxd Wortspiele, die sich in allen
andern Sprachen verflüchtigen und nur im Hebräischen ihren vollen
Sinn haben, Auch der"aussätzige" Simon, in dessen Hause Jesus nach
den Evangelien des Markus und Matthäus zu Gaste aaoqp gewesen war ,
wurde durch Korrektur eines einzigen hebräischen Buchstabens zum
bescheidenen oder keuschen Simon. Dieses Epitheton, das nur auf
einen für besonders würdig Befundenen gemünzt sein kann, wird
schwerlich den Apostel Simon "Kananaios" meinen, sondern mit
aller Wahrscheinlichkeit Simon-Petrus. Die dem Apostelfürsten
zugeschriebene Tugend wird dadurch plausibler, daß sie an den
"sehr demütigen" Moses (Num.12,3) erinnert. Dank Chajes wird also
zur Gewißheit, daß der "aussätzige" Simon nur ein Schreibfehler
war, ein irtsum- des griechischen Übersetzers, der das Original
falsch las, oder eine Fehlleistung des Schreibers der Handschrift,
die dem Übersetzer vorgelegen war, u.zw. sarua* statt sanuä*.
Endlich hat diese sprachliche Entdeckung auch einen sachlichen
Widersinn beseitigt. Ein aussätziger Gastgeber war völlig unwahr-
scheinlich. In allen Bereichen antiker Zivilisation waren die
Leprakranken von den Gemeinschaften der Menschen zumeist ausge-
schlossen und in unbewohnte Gegenden vertrieben. Israel besaß
seit dem frühen Altertum die in Leviticus Kap. 13 und 14 darge-
stellte £xx Diagnostik, nebst radikalen Maßnahmen zur Verhütung
weiterer Ausbreitung, aber keine TJpapie, und wir erfahren nur
von einzelnen Wunderheilungen, wie Numeri 12, II Könige 5 und
schließlich Lukas 5fl2. Die Richtigstellung des so lange gedul-
caer Sprache
deten Dehlers bildet den in der Fraget des Urtextes wertvollen
s~ » « n i Schlußpunkt.
238
Allerdings bereitet es heute nicht Vielen besondere
Freude, vor allem weder antikommunistischen noch kommuni-
stischen Historikern, der prinzipiellen Haltung des ersten
Christentums auf den Grund zu gehen und sie zu definieren.
In ihm wie in den essäischen und den diesen verwandten
Gemeinden war es offensichtlich ein absolut friedlicher,
weil nur für sie selbst bestimmter Kommunismus, der mit
privater, auf Gewinn berechneter Wirtschaft keinen Streit
gehabt zu haben scheint. Sie griffen niemanden an und
machten nicht nur keine Propaganda, sondern ließen Novizen
nur unter schweren Bedingungen und nach erstaunlich langer
Bewährung zu. Zwar wurden sie angegriffen, aber aus Texten vom
Toten Meere geht hervor, daß die Motive der Angriffe mit
ihrer Wirtschaft nichts zu tun hatten.
Die spätere Vorgeschichte des Kommunismus ist vor allem
die inhaltsreiche Geschichte der Mönchsorden, der des morgen-
ländischen und des abendländischen Christentums wie auch
der des Buddhismus und anderer Religionen Asiens. Es ist demaac
nach klar, daß der Kommunismus an sich weder eine politische
Gesinnung ist noch eine solche zur Voraussetzung hat. Obgleich
Mönche auch unsagbar Böses getan haben, sowohl indirekt als
auch mit eigenen Händen, ist ihre Rolle in der Geschichte
der Zivilisation doch eine vorwiegend positive und durch kul-
turschöpferische Arbeit von höchster Bedeutung charakterisiert»
"Über ihre kleinen, doch in ihrer Gesamtheit keineswegs belang-
losen Wirtschaftskörper, die, abgesehen von der Planmäßigkeit
ihrer Produktion, auf weitgehender Autarkie beruhen, erfahren
wir aber aus keiner Quelle von Kämpfen mit anderen Wirtschafts-
mächten, und damit stimmt auch die gegenwärtige Situation
überein. Auch hier waren, bzhw. sind die Konfliktstoffe von
anderer Art.
239
Die modernen landwirtschaftlichen Koperativen, die gelegen fr-
lieh auch einzelne Industriezweige einschließen, bzhw. mit
analogen städtischen Institutionen in Verbindung stehen,
zerfallen in zwei Gruppen, die der kommunistischen und die
der nichtkommunistischen Länder. Die erstgenannte Gruppe ist
von unserem Standpunkt weniger interessant, da sie einen Teil
eines großen oder riesenhaften, mehr oder weniger totalitären
Wirtschaftsorganismus bildet und an dessen Erfolgen oder Mißer-
folgen ihren logischen Anteil hat. Der genossenschaftliche
Sektor der Landwirtschaft kommunistischer Länder ist allerdings
noch nicht so weit wie man theoretisch annehmen sollte. Z.B.
Polen, das trotz einer gewissen Industrialisierung seinen
Charakter als vorwiegender Agrarstaat nicht geändert hat, hat
zwar keinen privaten Großgrundbesitz mehr, aber private Klein-
wirtschaften bilden nach neuen, wahrscheinlich übertriebenen
und von keinem Amt bestätigten Berichten 85% der polnischen
Landwirtschaft .
Innerhalb der kapitalistischen Ökonomie sind hingegen
auf Gemeineigentum aufgebaute Arbeitsgemeinschaften inselhafte
Gebilde heterogenen Charakters, Experimente, deren Gelingen wohl
an das Schicksal der ganzen umgebenden Wirtschaft geknüpft ist,
die aber anderseits in wichtigen Belangen unabhängig sind und
eigenen Gesetzen folgen. Ihre Existenzbedingungen sind also
widerspruchsvoll und ungünstig. Die essäischen Gruppen standen
Ja zu ihrer Umgebung in analogen Beziehungen, und die späteren
Klöster, einschließlich der heutigen, ebenso. Allen diesen gro-
ßen und kleinen Wirtschaftsinseln ging es immer relativ gut,
wenn man sie in Ruhe ließ. Unter allgemeinen Krisen pflegen sie
in unserer Zeit sogar weniger zu leiden und scheinen höhere
Stabilität zu besitzen als die Privatwirtschaft.
Die gigantischen Organisationen, die hauptsächlich auf
den Ideen Owens und ihrer in Rochdale weiterentwickelten Praxis
beruhen* und zu einem bedeutenden Paktor der britischen Volks-
wirtschaft geworden sind, gehören insofern hierher, als durch
sie sowohl Konsum als auch Produktion wieder gemeinnützig
werden. Nicht weniger mächtig sind Parmer-Organisationen
Amerikas, doch ist die von ihrer Mehrheit vertretene Arbeits-
weise dem Kapitalismus zu eng verwandt, um in unsere
Betrachtung zu gehören.
Hingegen sind Siedlungen landwirtschaftlicher Arbeiter
240
der Stolz des kleinen Israeüjund der fcrklm Hauptfaktor seiner
Landwirtschaft, Es gibt da mehrere Kategorien, aber bei allen
fällt zunächst auf, daß der Boden weder Einzelnen noch auch
der ihn gemeinsam bearbeitenden Gruppe gehört, sondern einer
das Volk repräsentierenden Institution; das scheint auch der
mosaischen Beschränkung des Bodenbesitzes am nächsten zu kom-
men.^Die Früchte der gemeinsamen Arbeit gehören der Gruppe,
aber sie verkauft sie nicht an den privaten Konsumenten,
sondern an eine das ganze Land umfassende, wie die Siedlungen
selbst einer Gev/erkschaf t angeschlossene Organisation» der
die Weiterleitung an den Konsum obliegt. Dieser praktische Kom-
munismus hat mit den Essäern wie auch mit den Klöstern einen
beachtenswerten Zug gemeinsam. Es ist die kleine, freiwillige
und gewaltlose Gemeinschaft, die niemandem ihre tVirtschafts-
und Gesellschaftsform auf zuzv/ingen sucht und z.B. auch Handels-
beziehungen mit der andersartigen Umgebung pflegt. Denkwürdig
ist aber auch die Divergenz zwischen eben diesem objektiven
Kommunismus und der subjektiven politischen Zugehörigkeit.
M.W. ist keine dieser Siedlungen im Sinne eines politischen
Programms kommunistisch; abgesehen von einer bescheidenen
Anzahl einzelner kommunistischen Stimmen bei Parlaments wählen.
Die meisten Gruppen sind teils radikal, teils gemäßigt sozia-
listisch, doch eine starke Minorität ist orthodox religiös,
während eine viel kleinere Minderheit mit den Parteien der
bürgerlichen Mitte eines Sinnes ist. Diese Verschiedenheit
der objektiven Funktion und der subjektiven Gesinnung ist die
carte d'identite eines diktaturlosen und wirklich friedlichen
Kommunismus. Er bringt uns das in unserer Zeit fast vergessene
Endziel des Marxismus in Erinnerung, die klassenlose und herr-
schaftslose Gesellschaft, die, in einem der munizipalen Admi-
nistration ähnlichen Sinne verwaltet, dem Ideal des Anarchis-
mus, doch nicht dem der Anarcheie entspricht.
wir sollten, meine ich, glücklich sein, wem wir komplizier
te Fragen überhaupt lösen können und dürfen uns nicht einbilden,
daß es Ideallösungen überhaupt gibt. Die Vollkommenheit eines
Gesellschaftstypus geht aus der Darstellung seines Prinzips an
sich durchaus noch nicht hervor, im Gegenteil, man würde sich
der Schönfärberei schuldig machen, wenn man nicht ausdrücklich
auf die .Kluft hinwiese, die sich zwischen dem Prinzip und seiner
56) Lev. 25,23
241
Verwirklichung täglich und stündlich auf tut. Vor allem w±&4.
wird über eine innerhalb des israelischen Kibutz entstandene
Oberschicht geklagt, die mit vergrößerter Verantwortung sich
größere Recht herausnimmt. Ungerechte oder unzweckmäßige
Arbeitsteilung und die Oberschicht, die schon durch ihre
bloße Existenz dem Prinzip widerspricht, und durch ihre Praxis
der Unzufriedenheit unablässig Berechtigung und -Nahrung liefert
bilden auffallende Gerne insamkeiten zwischen dem Kommunismus
des kleinen Maßstabes mit dem des großen.
Der sinnfälligste aller Vorzüge des Kommunismus der klei-
nen Dimension gegenüber dem der großen ist hingegen die Dikta-
turlosigkeit und die Preiheit des Individuums, sich seine Gruppe
zu wählen und sie gegebenenfalls zu verlassen. Auch innerhalb
der Gruppe besteht unbestreitbare Meinungsfreiheit, die durch
nie endende Dikussionen genügend bezeugt wird.
Betrachten wir auch am Kommunismus des großen Maßstabs
in erster Linie das Prinzip. Wer das Recht des Menschen, den
Ertrag seiner Arbeit uneingeschränkt zu genießen, anerkannt ,
hat damit, auch wenn er sich dieser Konsequenz nicht bewußt ist,
k®*~4®es?% xket auch das dem Kommunismus zu Grunde liegende Prin-
zip anerkannt. Wer darüber hinaus der Ansicht ist, daß der
Boden, die Rohstoff lager und die Mittel zu ihrer Verwertung
Allen gehören und daß die Arbeit Aller Allen zugute kommen soll,
hat seine Bejahung der Idee noch weiter vervollständigt. Von
da aus könnten wir zu weiteren Polgerungen gelangen, die insof er-
irreal wären, als sie der Geschichte des modernen Kommunismus
nicht entsprächen; aber doch nicht völlig irreal, da sie einer-
seits in ferner Vergangenheit und in bescheidenen Dimensionen
schon verwirklicht waren und in den existierenden kleinen Grup-
pen teilweise verwirklicht sind, und anderseits schwerlich als
in sich selbst unlogisch bezeichnet werden können. Auf der defi-
nierten Grundlage sind also kleine und große Gemeinschaften
denkbar, in denen Eigennutz, Habgier, und alle das Zusammen-
leben vergiftenden Laster verschwunden oder auf ein unbedeuten-
des %ß reduziert wären. In denen gesunde Zusammenarbeit und
gegenseitige Hilfe zu gegenseitigem Verständnis und zu natürli-
cher Gerechtigkeit und Brüderlichkeit führen würden. In denen
der mensch in seinem Fühlen und Denken frei wäre und die Preiheit
seines Tuns nur durch die Rücksicht auf das Gemeinwohl und durch
die gleiche Preiheit jedes Andern beschränkt wäre. In denen an
24-2
die Stelle von 'Über- und Unterordnung eine dem Können des Einzel-
nen entsprechende Verteilung der Funktionen treten würde. In
denen zwischen den Menschen die ursprüngliche, ihrer Natur
gemäße Beziehung bestünde, Liebe.
Wer nicht umsonst gelebt haben will, muß den Mut haben,
sich gegebenenfalls lächerlich zu raachen. Viele haben den Mut,
zu sterben, aber nicht den, zu sagen, was sie denken, unabhängig
von Lob, Tadel oder Gelächter. Ein Kommunismus der Liebe ist
nicht aus unserer vergifteten Luft gegriffen. In unserem Jahr-
hundert war er die Vision und der Lebensinhalt von Karl x±b32xhee&
Liebknecht, Rosa Luxemburg und Gustav Landauer. Er war der
Traum von Unzähligen, unter denen nicht allein Geistige, sondern
auch Einfache und Unbekannte waren. Ungleich jenen Revolutionären,
die das Glück hatten, durch die Hände der Reaktion zu fallen,
und so den Sinn ihres Lebens zu erfüllen, war aber Vielen das
schlimmere Los beschieden, an der ihrem Traum so unähnlichen,
ebenfalls Kommunismus genannten Wirklichkeit zu scheitern.
Es war ein Unglück für die Menschheit, daß sowohl Marx
als auch Lenin eher kalte, bei all ihrer Größe in ihrer Liebes-
fähigkeit wohl unterentwickelte oder einseitig entwickelte
Naturen waren. Marx war durch und durch intolerant und orthodox ,
der Begründer der marxistischen Strenggläubigkeit, die verschie-
dene Auffassungen oder Erlebnisse der Idee von vornherein aus-
schloß und gegen jede ideologische Differenz mit erbarmungs-
loser Verketzerung vorging. Seine Version des naturwissenschaft-
lichen und vor allem des historischen Materialismus war als Dog-
ma derart festgelegt, daß jede Abweichung oder persönliche Inter-
pretation im voraus als sündig gebrandmarkt war. Zur Charakteri-
sierung dieses Verhaltens drängt sich die kirchliche Terminologie
unwillkürlich auf. Wie es in der Geschichte der Kirche der Fall
war, war auch innerhalb des Marxismus in dessen weiterem Verlauf
für eigentliche Neuerer kein Platz. Legitime, wenn auch nicht
ganz ungefährliche Existenz war nur einer bestimmten Kategorie
von Kommentaren und Fortsetzungen eingeräumt, nämlich der sinn-
getreuen Auslegung und Anwendung, die jedoch zum Teil auch schon
durch den Meister selbst vorweggenommen waren. So durfte auch
Hegel, da er als Marx1 Vorläufer anerkannt war, nicht grund-
sätzlich bestritten werden. Der maximal doktrinäre Ausschluß
jeder denkbaren Heterodoxie sollte der Lehre zum Panzer werden
24-3
und wurde es. Auch wenn einer der Praxis zustimmte, sie aber
theoretisch anders "begründete, "beging er Häresie, wenn nicht gar
Verrat, Als Lenin das Ansehen erlangte, das ihm ermöglichte,
die karx'sche Dogmatik zu vollenden und die Lehre ganz und gar
gebrauchsfertig zu machen, ohne selbst Kritik und Anklage be-
fürchten zu müssen, war an eine geistige Andersartigkeit nicht
mehr zu denken» Kommunist sein hieß Soldat sein: verstehen,
doch nicht kritisieren, studieren, um Andere überzeugen zu
können, aber nicht etv/a, um zu eigenen Ideen zu gelangen. So
fand Stalins brutale Diktatur, die mit Hitler paktieren konnte,
ohne einen Aufstand hervorzurufen, bereits einen fertigen
Untertanentypus vor, und führte Trwx^m konsequent zu dem grotes-
ken Sachverhalt, daß der Kapitalismus die Idee der Freiheit
als sein Monopol in Anspruch nehmen konnte, um ± sie als stärk-
sten und bis heute ungeschwächten propagandistischen Trumpf
gegen den Kommunismus auszuspielen.
Es muß Stalin unbenommen bleiben, daß er, auch wenn seine
Uniform des militärischen Generalissimus usurpiert war, in dem
auch ihm auf gezwungenen Verzweiflungskampf gegen Hitler den
Löwenanteil hatte. Doch diese einzigartige historische Verdienst
ändert nichts an dem tragischen Umstand, daß er dem Gegenspieler
so schaurig ähnelte. Auch vor ihm zitterten alle Denkenden sei-
nes Reiches, denn sie wußten, daß er zu allem fähig war, nur
sich selbst liebte und verehrte und nicht Skrupel noch Erbarmen
kannte. Es entsprach dem gesunden Instinkt der Massen, daß jeder,
der flüstern konnte, diese außermenschliche Persönlichkeit
mit dem andern Wichtmenschen verglich.
Unter Stalins Herrschaft verlor der russische Kommunismus
alle i-enschlichkeit, die ihm bis dahin noch geblieben war. Die
Schauprozesse, durch die seine Gegner und prominente Verdächti-
ge nicht nur physisch vernichtet, sondern moralisch zertreten
wurden, waren dem Vergleich damit, was sich schon vor dem Zwei-
ten Weltkrieg unter dem Hakenkreuz abspielte, durchaus gewach-
sen. Der originellen Methode der Moskauer Prozesse genügten
zaristische Muster nicht mehr. Revolutionäre, die ein Leben
des Kampfes gegsn für das Proletariat hinter sich hatten, wie
Sinowjew, der Mitarbeiter Lenins und Vorsitzende der dritten
Internationale, oder Kamenew, der Vorsitzender des Rates für
244
Arbeit und Verteidigung gewesen v/ar, wurden, um hingerichtet
werden zu können, ohne daß jemand ihnen nachtrauerte, nicht nur
des Verrates zu Gunsten der kapitalistischen Mächte angeklagt;
die satanische Beschuldigung, sie seien schon in ihrer Jugend
professionelle Agenten des Feindes gewesen, und in dieser
Eigenschaft hätten sie sich in sozialistische Organisationen
eingeschlichen, konnte von Stalin persönlich ersonnen worden s
sein.
Hauptvertreter der dialektisch-materialistischen Geschichts
auffassung, nach der es nicht auf Personen ankommt, bilden also
selbst deren stärkste Widerlegung. Das innere Schicksal des
Kommunismus wurde durch einige Charaktere entschieden, die den
virtuellen Kommunismus der Liebe zur Utopie gemacht hatten.
Sine rein hypothetische Rekonstruktion der Geschichte des Kommu-
nismus ohne den Materialismus, die Orthodoxie und den Machia-
vellismus, die sich seiner bemächtigt hatten, würde ein Doppel-
antlitz enthüllen. Aus dem Gesichtswinkel der Parteidoktrin
würde es so aussehen, als wäre es ohne solche Faktoren den
Kapitalisten und Imperialisten längst gelungen, die Sowjetunion
zu zerstören, dem internationalen Kommunismus den Boden zu ent-
ziehen und die Weltherrschaft der Klassen- und Rassenausbeutung
außs neue aufzurichten. Der andere Aspekt des Doppelantlitzes
ist der einer Welteroberung durch die Macht der Liebe. V/er an
die Unwiderstehlichkeit dieser iwacht glauben kann, kann sich
vorstellen, wie sie nach und nach alle an Ausbeutung, Haß und
Krieg Interessierten isoliert hätte. Und diese so Isolierten,
ein paar Generäle, Rüstungsindustrielle und Berufsfaschisten,
zu einem kleinen, eher bemitleidenswerten Häuflein geworden
wären, um schließlich spurlos zu verschwinden, wenn die Völker
und Menschen sich zum Pest der Verbrüderung bereitet hätten.
Daß es so ganz anders kam, brachte unsagbar viel Leid,
zunächst über hunderte Millionen in den kommunistischen Staaten,
überschwemmte die ganze Erde mit dem Unrat der Feindseligkeit
und erfüllt die Atmosphäre mit immer unerträglicher kondensier-
tem Blutgeruch. Die Menschheit ist in eine innere Situation
geraten, die einer geistigen Heimatlosigkeit oder gar einer
seelischen Obdachlosigkeit ähnelt. Die ungezählten Millionen,
die unter dem Kapitalismus leiden, erkennen teils erfahrend
und urteilend, teils instinktiv, daß er vom Übel ist. Aber auch
die kommunistischen i-olizeistaaten haben ihrer Sehnsucht nach
dein besseren Heim nichts zu bieten. Aber £s ist sicher, daß
diejenigen, die unter einem gänzlich verderbten Regime darben
und dahinvegetieren, von schnöden Minoritäten unterdrückt und
ausgesaugt, sowohl die Heilslehre als auch die Realität des
Kommunismus hoch über ihrem Jammertal sehen, Sie sind es, die
uns vor die ganz große Frage stellen, ob irgend jemand auf
Erden das Recht habe, sie ihrer einzigen Hoffnung zu berauben.
Nicht so der Mittelstand derjenigen Länder, die überhaupt
einen solchen haben, denn dieser fühlt sich in unserer unmittel-
baren Gegenwart keineswegs zu jener Realität hingezogen, und
cum grano salis gilt das auch von ihrem Proletariat, Dieses wäre
wohl bereit, den Kapitalismus mit einem bessern System zu ver-
tauschen, aber unter der Voraussetzung, daß das Neue gerechtere
und freundlichere Lebensbedingungen und Erhöhung der Menschen-
würde brächte. Aber in der Diktatur, die theoretisch das Prole-
tariat ausübt, ist dieses selbst praktisch passiv, es hat sich
zu fügen. Der Druck von oben nimmt bald zu bald ab, hört aber
nicht auf. Das Selbstbewußtsein des Arbeiters in den kommuni-
stischen Staaten ist natürlich viel höher, denn er lernt früh
und spät und weiß es auswendig, daß er der Hausherr ist. Freilich|
widerlegt das tägliche Leben die schöne Lehre. Wer im Diktatur-
staat emporgelangt ist, herrscht, bis er von Andern gestürzt x
wird, und auf solche irgendwo ganz oben stattfindenden Vorgänge
hat der Arbeiter keinen Einfluß. Wichtiges erfährt er erst post
factum, und jene Unerreichbaren sorgen dafür, daß er es hinnimmt.
Einmischung in sein Leben erfolgt anderseits unaufhörlich
und ist lückenlos. Soweit die an ihm geleistete Erziehungsarbeit
erfolgreich war, hält er selber sein Denken und Handeln für
frei und ihm eigen. In diesem Falle merkt er nicht, daß seine
Anschauungen ihm eingeflößt worden sind daß er nach Vorsätzen
und Plänen handelt, die nicht die seinen sind. Aus eben diesen
Gründen tut es ihm umso wohler, die Proletarier der kapitalisti-
schen Länder zu bemitleiden, die nicht für sich, sondern für die
Profitmacher arbeiten. Er liest wohl, daß jene wählen, wen sie
wollen, aber er weiß, daß sie ihre Lage dadurch nicht ändern.
Oder glaubt jemand ernstlich, daß der Arbeiter der Sowjetunion
mit dem besser essenden, besser wohnenden und besser gekleideten
Arbeiter Amerikas tauschen würde?
So bleiben die Fragen ungelöst, man leidet weiter und darum
haßt man weiter. Solange es noch nicht zum Krieg kommt,
246
braucht der Haß auf "beiden Seiten Argumente. Die Argumentation
des Ostens gegn den festen bezieht sich vorwiegend auf das S&x.
System an sich, die des Westens gegen den Osten hauptsächlich
auf die Realität. Und das ist nicht allein logisch, sondern
unbestreitbar richtig. Im Westen ist das System an sich schlecht
und die Realität viel besser. Im Osten ist die Idee sehr gut ,
die Realität sehr schlecht .
In dieser zentralen Präge ist also die Auffassung beider
Seiten und daher auch ihre Polemik sachlich im Recht. In einer
Reihe anderer Prägen fällt es auf, daß man am Eigentlichen g&K
geschickt vorbeizielt, als ob es gerade darauf ankäme, sich
und Andere von den Dingen wie sie sind abzulenken. Personen
und Organisationen, die mit Religion weder etwas zu tun haben
noch zu tun haben wollen, können es den Kommunisten nicht ver-
zeihen, daß sie irreligiös sind den Klerus unterdrücken, der
vor der Revolution der eifrigste Helfer der Unterdrücker gewesen
war. Die antireligiöse HaJJun^der kommunistischen Mächte ist
natürlich das Hauptargument der /'Kirches des Auslandes, die,
um diese Motivierung benützen zu können, für die Xiirchen Rußlairs
die religiöse Freiheit in Anspruch nitomtn, die sie selbst jetzt
zum ersten ^ale in ihrer Geschichte anerkennen. Gewiß, der katho-
lischen Kirche fehlt das Gefühl für diese ihre Schwäche nicht.
Doch alle Debatten über diese Prägen enthüllen jedenfalls einen
wunden Punkt des Kommunismus; denn statt das Hauptgewicht auf
den sozialistischen Aufbau, den der Gesellschaft und der Wirt-
schaft, zu legen, waren die kommunistischen Parteien von Anbe-
ginn auf die ideologische Dogmatik und deren Totalität erpicht,
ganz wie die Kirchen und nicht minder fanatisch als sie. Auch
andere Parallelitäten zwischen den Gegnern fallen auf. Bei
Beiden erzeugt die kleine Differenz fMifeüePeindschaf t als die
große. Die Kirchengeschichte, deren bekannte Passungen nicht
gerade als Vorbild der Objektivität gelten können, ist in jeder
Passung ein ungeheueres Verzeichnis, aus dem nicht nur das
Schicksal jeder realen Heterodoxie als Beispiel herausgegriffen
werden kann, sondern, noch lehrreicher, jede der Beschuldigungen,
die den Greueln der Inquisition als Vorwand zu dienen hatten.
Und der Hormalkommunist haßt den Imperialisten, Kolonialisten,
Faschisten und Kapitalisten weniger als den Sozialdemokraten
oder einen Anhänger ideologischer Minoritäten im Kommunismus.
In monumentalstem und bedrohlichstem Maßstab wiederholt sich
24-7
dieses Phänomen in der aller Skrupel baren Agression des
maoistischen China gegen die Sowjetunion. Hier allerdings
hat sich ein Richtungswechsel jener Dynamik vollzogen, da
der ungehemmt aktiven Wut der Angreifer die des Revisionismus
"bezichtigte Sowjetunion unerhört maßvoll reagierend gegen-
übersteht. 1/
Die westlichen Gruppen, die in ihrem Kampf gegen den
Kommunismus mit einander wetteifern, sind von reichster,
u.a. moralischer Verschiedenheit. Auch die x von niemandem
unterschätzten Organisationen der Berufsverbrecher sind
scharf, vielleicht am schärfsten, antikommunistisch. Sie leben
parasitär vom Kapitalismus und sind deshalb auf Gedeih und
Verderb mit diesem verbunden. Sie wissen, daß er sie immer Esk
bekämpf en und nie ausrotten wird. Auch in der kommunistischen
Gesellschaft sind z.B. Einbrüche unschwer durchführbar, aber
den großen Geschäften ist der Boden entzogen.
Es ist anderseits wie ein Zwischenspiel derber Komik in
einer Tragödie, wenn politische Angriffe sich auf das Legali-
tätsprinzip stützen. Der Kapitalismus hat, wie erwähnt, die
Einhaltung der von ihm stammenden Gesetze seit seiner Frühzeit
von den Proletariern immer rücksichtslos gefordert, hat sich
aber, wenn er sich bedroht fühlte oder es wirklich war, über
die selbstgemachte Legalität großzügig hinweggesetzt. Von kom-
munistischer Subversion reden heute mit Vorliebe die führenden
Vertreter der kapitalistischen Subversion. Man hat es ja nicht
leicht, für schöne Reden über Friedlichkeit ein frommes Publi-
kum zu finden, wenn die Hände vom Blut militärischer Interven-
tion triefen. Kommunistische Länder werden der Expansionstendenz
oder des versuchten Raubes bezichtigt, wenn sie nationale Erhe-
bungen, die zu sozialen führen oder führen können, unterstützen,
verstohlen oder offen, mit Leitartikeln, Waffen oder sogenannten
Freiwilligen; während ihre Ankläger schon mit voller Brutalität
handeln, wenn ihr Informationsdienst ein nahes oder fernes
Volk auch nur verdächtigt, daß es sein Schicksal selbst zu
bestimmen wünscht, um von dem heiligen Recht Gebrauch zu machen,
durch dessen Proklamierung in unserem Jahrhundert Präsident
vVilson Amerika aufs neue zum Rang einer Beschützerin der
Völkerfreiheit erhoben hatte. De]i größte Finanzmacht kann in
vielen Ländern die Bildung entsprechender Regierungen v/irksam
begünstigen, die gegebenenfalls die größte Militärmacht wunsch-
gemäß zu Hilfe rufen. So wird jegliches Recht zur Illusion,
248
zur Theaterdekoration. Das Legalitätsprinzip selbst wird in
ein teuflisches Instrument verwandelt, das uns Alle in den
Abgrund drängen hilft.
Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, warum die Völker,
und warum schließlich fast drei Milliarden Ansehen mithalten,
wenn es so offensichtlich gegen sie geht. Es ist aber nicht nur
die Furcht der vielen Einzelnen vor den Folgen der Auflehnung.
Propaganda als Hilfskraft der Herrschaft oder des Widerstandes
hat es seit der frühesten geschichtlichen Zeit gegeben, vielis:
leicht auch schon in der "Vorgeschichte. Doch erst das techni-
sche Zeitalter erfährt eigentlich, was Propaganda sein kann.
Durch die Macht der Technik, einschließlich der pharmakologi-
schen, kann sie bald zu einer massenpsychologischen Riesen-
waffe werden, und darüber hinaus auch zum direkten Kriegs-
gerät, und jene in ihren ersten Anfängen gescheiterte Idee
des Bakterienkrieges bei weitem übertrumpfen. Die Aussichten
für die Macht der Propaganda und für die Propaganda der Macht
wachsen ins üngemessene. Auch die bisher angewandten Mittel
genügen aber, Menschen und Völker ihrer Urteilskraft zu berau-
ben und ihren Realitätssinn aufzuheben, vor allem aber ihre
Wertmaßstäbe bis zur Unkenntlichkeit zu verkrümmen. Wenn dieses
vernichtende Ergebnis der propagandistischen Singriffe in die
elementaren Funktionen des Verstandes nicht schon eingetreten
wäre, wie könnten Massen hüben und drüben denken, was sie
denken? Ist das Kapital wichtiger als das Leben? Ist die kom-
munistische Gesellschaftsordnung wichtiger als das Leben? In
diesen Fragen ist der Propaganda die Hauptaufgabe überantwortet.
Sie hat die Massen eine gewisse Geringschätzung des Lebens zu
lehren und zugleich den Haß gegen die andere Seite auf eine
solche Spitze zu treiben, daß die Befriedigung, die man von
der Vernichtung der Verhaßten erhofft, größer zu werden ver-
spricht als der Wert des Lebens. Selbstverständlich wirkt diese
vorwiegend künstlich gemachte Pathologie in allen kriegerischen
Situationen, aber im Streit zwischen Kapitalismus und Kommunis-
mus stößt sie uns direkter als alle andern Motive in den Ab-
grund, aus dem es keine Rettung gibt. Mehr als jede andere Pro-
paganda arbeitet die antikommunistische und die antikapitalisti- i
sehe auf die Verbreitung der Vorstellung hin, daß das Leben
wertlos sei und fortgeworfen zu werden verdiene, wenn man den
Todfeind nicht aus der Welt schaffen kann. Die politische
24-9
Propaganda adoptiert einen Trick, dessen Wirksamkeit die kommerzi-
elle Propaganda längst reichlich erprobt hat. Die Leute brauchen
es nicht demjenigen zu glauben, der es behauptet; sondern es
wird als ihr Wunsch, als ihre längst gehegte Überzeugung und
als ihr unabänderlicher Beschluß in ihrem Namen verkündet. Und
das Schlimmste ist der Umstand, daß diese gräßliche Lüge für
zunehmende Massen zur Wahrheit wird, Sie protestieren nicht
nur nicht gegen den in ihrem Namen proklamierten Wahn, sondern
er hat sich ihrer bereits in solchem Maße bemächtigt, daß der
Protest gegebenenfalls nur noch relativ wahr wäre.
Um nun über das Ergebnis der voranstehenden Erstörterung
keinen Zweifel zu dulden und nichts unklar zu lassen, sei es
251
zusaimangef aßt und ein Teil der Schlußf olgerung sei vorausgenom-
men, lie dem Christentum und jeder Lehre und Bewegung, können
wir auch dem Kommunismus nur dann Gerechtigkeit widerfahren
lassenxxKSiirai und ihn realistisch "beurteilen, wenn wir Idee und
Praxis oder den ursprünglichen Kern und das historisch aus ihm
Gewordene -gs-trcnnt botr-n^hf nn nnri konfrontieren, tfenn ethisch
Erhabenes in Diktatur und Unmenschlichkeit ausartet, ist es an-
gesichts der Dynamik der Geschichte und der Wendungen in unserer
Zeit nicht utopisch, sondern realistisch, an die Rekonstruierte
"barkeit der Idee zu glauben; jener Idee, die im Altertum schon
realisiert war, in bescheidenen Maßen, aber in vollkommener
Reinheit. Die Rekonstruktion kann also nicht verwerflich, sondern
nur verdienstlich sein. Wie jeder Kommunist, der gesunden Men-
schenverstand besitzt, wohl begreift, daß die Bevölkerung der
kapitalistischen Länder nicht in ihrer Gesamtheit teuflisch
sein kann, und daß demnach ein modus vivendi immer erreichbar
sein muß, kann im Westen jeder vom modernen Kreuzritterwahn nicht
völlig Verblendete begreifen, daß die Entwicklung der kommunisti-
schen yVelt nicht abgeschlossen ist und daß der Sieg der mss&nsmösg
ursprünglichen Idee nahe bevorstehen kann, ja daß ein Zusammen-
wirken von Ost und West den Sieg der Idee befördern und beschleu-
nigen würde. Solange die kommunistischen Massen des Ostens die
gewissenlose Behauptung hinnehmen, sie könnten nur dem Kapita-
lismus erliegen oder ihn überwältigen und es gäbe nichts drittes;
und solange es noch möglich ist, Amerika mit einem Schlagwort
wie Better dead than red zu verdummen, müssen wir Alle am Rande
des Abgrunds dahinsiechen und dem allgemeinen Untergang v/ehrlos
entgegensehen. Darum sollten die Menschen, die sich noch einige
Gesundheit gewahrt haben, sich da und dort aufraffen, um sich
dem Irrsinn zu entwinden. Wir Alle müssen zur Liebe des Lebens
zurückkehren und erkennen, daß das Leben die Grundbedingung
für alles ist und deshalb wichtiger als jedes Ideal. Diese
Besinnung wird die Kommunisten lehren, den Kapitalismus dem
allgemeinen Tode vorzuziehen und den Bürger des Westens zur
Erkenntnis bringen: Better red than dead.
Sobald aber beide Seiten so weit ernüchtert sein werden,
wird sich bald herausstellen, daß es nur eine künstliche,
in den Arsenalen der Gewissenlosigkeit und der Vernunf tlosigkeit
fabrizierte Alternative gewesen war und daß es sich in der
Realität keineswegs um aktive oder passive Unterwerfung handelt,
sondern um die Herstellung eines Zusammnlebens und Zusaimen-
wirkens, in dem, wie wir sehen werden, die Freiheit, die
Menschenwürde und die Liebe uns Alle einer bessern Zukunft
entgegenführen können. Auf diese Möglichkeit hin wollen wir
<wW. bedeutende Kräfte der Realität prüfend betrachten.
Ein Versuch über Amern
Vi
251
geg
■Vas am Kapitalismus groß ist, ist am größten in Amerika,
a^er auch die Größe Amerikas ist ohne den Kapitalismus
mm tiMenkbar. Sohon diese historische Tatsache genügt zur
Identifizierung des gewaltigen Landes mit dem Kapitalismus
und macht zugleich die ganze Reihe psychologischer Auswirkung ,
gen einer spezifischen Verbindung von Menschen mit ihrem Besitz*
verständlich. Während in der übrigen Welt Sein und Haben in
jedermanns Bewußtsein getrennt sind, und dies# jenem als eine
sexner virtuellen Funktionen untergeordnet ist, ist der erste
der beiden Begriffe in der Mentalität des typischen Amerikaners
wohl das Substrat, das jedoch durch den zweiten Ziel und Sinn
erhalt. Die populäre Redensart "Er ist so und so viel Dollars
wert", die amerikanische Übersetzung der in der übrigen Welt
üblichen Formel "Sein Besitz wird auf .. geschätzt" ist nicht
nur eine Abstraktion, wie Erich Fromm meint57), sondern die
Societv"m Fo\?eb£ere? ^f"ÄÄ( Buche "?he Sane
oociety , Holt, Rmehart & Winston New ^-m, iocc j T ,
Übersetzung, "Der moderne Mensch und seine LkS.deutsclle
Europäische Verlagsanstalt, RrankCt aS? ^geo** '
sprachpsychologische Rüdewirkung der durch den Besitz bestimmten
Selbsteinschätzung und gegenseitigen Einschätzung, die eine
Art Rollenwechsel des Besitzenden und des Besessenen zu unwill-
kürlichem Ausdruck bringt. "Der-Amerikaner ist weder geizig noch
nartherzig, sondern oft freigebig und hilfsbereit, doch ist
der Besitzlose in üiemandes Augen so ganz unwertig wie in den
seinen, und keiner bewertet sich selbst so negativ wie er
"laTlT* ^ S6ine BeWertUnS And— U*d seiner'selbst
lerkunf tSvomeiaSieniSLeheA ^ nUr die se^r
von arm hat? als Ei-enschaff^F SntsPr<^ende Bedeutung
Leisten US^s™t~ » ^
« - Besitz steigt und sinkt, bilden
it
>n a nation is very powerfulx but lacking in self-conf idence,
x^i«<likely to behave in a manner dangerous to itself and
to others,
All of the traö!±t4onal attitudes of our ancestors, ab out
war and peace, about^Mie^conf licfes of nations and the brother-
hood of man, have been called^into question and are in need
of re-examination.
The obvious value of liberating the
j^Lnation is that it
might enable us to acquire some understandrög^oj the world-
view held by people whose past experiences and preaenb circum-
stances and belief s are radically diff erent from ourowa*^
There are two Americas. One is the America of Lincoln and
Adlai Stevenson; the other is the America of Teddy Roosevelt
and the modern superpatriots. One is generous and humane,
the other narrowly egotistical; one is self-critical, the
other self-righteous; one is sensible, the other romantic;
one is good-humored, the other solemn; one is inquiring, the
other pontif icating; one is moderate, the other filled with
passionate intensity; one is judicious and the other arrogant
in the use of great power.
J.William Fulbright, The Arrogance of Power*
r
*) Random House, New York 1966.
"Vgl. James William Pulbright, Old Myths and New Realities,
ebenda;
Tristram C off in, Senator Albright, Portrait of a Public
Philosopher, New York, Dutton 1966.
253
Zutaten, die aber noch lange nicht ein Gewicht haben wie in
Europa. Doch ist der amerikanische Geldmensch seinem europäi-
schen Kollegen Charakterologien darin überlegen, daß er seine
Beziehung zum Gelde nie verbirgt oder durch irgendwelche Ideale
zu übertünchen sucht; es spricht eher für ihn, daß er sich
seines Geldmenschentums nicht schämt. Ihn in Bausch und Bogen
einen extremen Egoisten zu nennen, ist völlig falsch. Doch
wendet er den altruistischen Sektor seines Charakters haupt-
sächlich seinesgleichen zu. Er bemüht sich nicht viel um das
Verständnis ihm fremder Interessen, hat aber volle Sympathie
flu? die Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle Anderer, wenn sie
den seinen gleichen. Von den Armen erwartet er, daß sie zufrie-
den oder doch stiljjseien und sich seiner Sphäre fern halten.
Als Steuerzahler und überdies noch Philanthrop ist er sicher,
genug für sie z± zu tun, findet also keinen Grund, sich von
ihnen stören zu lassen. Wenn Leute dennoch Ansprüche an ihn
stellen, verhält er sich ablehnend, oft mit einer gewissen
emotionalen Schroffheit, weil er in ihrem Auftauchen einen
Einbruch in sein Recht auf Ungestörtheit sieht. Daß sein Land
die Hochburg des Kapitalismus ist und sich mit diesem stärker
identifiziert als jedes andere Land, vervielfacht seinen
Patriotismus. Sein Land hat so mächtig zu sein wie es ist,
oder womöglich noch mächtiger, um seine Bürger vor Neid und
vor jeder Störung zu schützen und nah und fern Alle niederzuhal-|
ten, die irgend eine Störung im Schilde führen. Sie müssen
überall aufgespürt und der strafenden Gerechtigkeit zugeführt
werden, womöglich noch bevor sie Schaden stiften und den Besitz
gefährden können.
Diese Vorstellungen eines Durchschnittsbürgers machen es
verständlich, daß kein Wesen ihm bösartiger, übler, ruchloser
und verächtlicher dünkt als ein Kommunist. Wer in irgend einer
Hinsicht von der Norm abweichende Meinungen äußert oder sich
ausgesprochen fremdartig benimmt, macht sich verdächtig, einer
zu sein. Noch Jahre nach McCarthy muß jeder, der auf seine bür-
gerliche Ehre bedacht ist, sich vor einem solchen Verdacht hüten
und Anschauungen, Neigungen und Handlungen, die von den durch«
schnittlichen verschieden sind, überzeugend zu begründen wissen,
womöglich mit nationalen oder religiösen Motiven, oder aufbin
einigermaßen beruhigendes Alibi hinweisen können.
Der geschilderte Bürger findet es natürlich scheußlich,
254
daß es auf seinem Planeten ganze Staaten solcher Leute gibt,
die sicherlich die "bösesten Absichten hegen. Wenn sie nicht
dieselben furchtbaren Waffen besäßen, wäre man wohl längst
mit ihnen fertig geworden. Die unbegreiflichen, des Kommunismus
schuldigen eigenen Landsleute sind selbstverständlich ihre
Agenten. Da sie fast überall sind und nach und nach alles
rauben wollen, wird man gewiß Opfer bringen müssen, um sie
für immer loszuwerden. Das sieht umso unumgänglicher aus als
es noch viele andere Schwierigkeiten gibt, hinter denen gewiß
auch die Kommunisten stecken, wie die mit den/Negern oder
mit den eigenen Leuten in Europa, und noch viel weiter östlich
und mit den verschiedenen unverläßlichen Regierungen, die für
so kostspielige Hilfe noch undankbar sind und womöglich frech
werden.
Obzwar es leider Viele sind, die so denken, müssen wir ver-
stehen, daß es nicht lauter Verlorene sind. Man ist oft genug
überrascht, auch solche Amerikaner zugänglich und revisions-
bereit zu finden, wenn man aufrichtig und freundlich an ihre
Menschlichkeit appelliert; aber auch an das Verständnis für j§m
den Andern, das sie zu besitzen glauben, aber leider nicht
besitzen.
Im selben Amerika leben, wie alle Welt sieht, auch zahlrei-
che Geistige, Friedens neiden und Selbstlose, und auch sie sind
keine Fremden und nicht weniger berechtigt, ihr Land zu reprä-
sentieren. So fragt es sich nur, auf wessen Seite die Macht ist.
Ist es nicht ein mathematisches Unding, daß beide Seiten wach-
sen? Vielleicht geschieht das auf Kosten von Massen, die früher
indifferent schienen, noch indifferenter als der Durchschnitts- .
bürger mit seinen mitunter scharfen Reden. So gibt es viel
Unruhe und Geschrei, und die Regierung tut dennoch, was sie raxü.
für richtig findet. "rung^s,
a ^ * • t-, . dessen Erweite J
sooft die Proteste gegen den Krieg in Vietnam<"wie seiner-
zeit auch gegen den analogen Einfall in die Dominikanische
Republik, an Bedeutung und Umfang unerwartet zunahmen, kamen a
über den amerikanischen Bürger allerhand Zweifel. Der schlimmste
ist wohl einer, den niemand deutlich ausspricht. Es ist der an
der Planmäßigkeit des ganzen Vorgehens, die besonders angesichts
der Wendungen und Wandlungen nicht einfach als Elastizität und
Anpassung an die jeweilige Lage erscheint. Was eher einem Ssse
Geschleudertwerden ähnelt, einem Reagieren ohne eine ihm zu
255
Grunde liegende Planung, ist ja mehr als jedes Vorgehen an sich
geeignet, die Fundamente zu erschüttern, da der Glaube an die
Planmäßigkeit die Hauptquelle des Sicherheitsgefühls und daher
eine der psychologischen Existenzbedingungen bildet.
Die aphoristische Schilderung einer Duehschnitts-
mentalität wäre zweifellos ein Unrecht an den Amerikanern,
wenn man sich nicht zugleich daran erinnerte, daß der Durchesfe
schnitt überall analog denkt, fernab aller Objektivität und
nur vom privaten und nationalen, bzhw. Standesegoismus geleitet,
ohne das, was jener andere tut und was man jenem tut, als Sssicfe
Rechtsproblem zu behandeln und sich über ungewöhnliche Rechts-
probleme überhaupt den Kopf zu zerbrechen. Schon in Anbetracht
der weiten Allgemeinheit dieser Denkungsweise führt diese
Betrachtung keineswegs zu einem negativen Urteil über die
Majorität Amerikas. Im Gegenteil, Merkmale eines engen Horizonts
fallen an Amerikanern gerade darum auf, weil solche mit ihrem
unvergleichlichen Reichtum, ihrer gewaltigen Macht und ihrer
globalen Erfahrung in einem so seltsamen Gegensatz stehen,
der die in sie gesetzten Erwartungen besonders enttäuscht.
So kommt es, daß man einander so v/enig versteht und der ameri-
kanische Intellektuelle sich vergeblich fragt, warum selbst
Völker, für die das seine so viel tut, wzczjxmxxsäänä± seine
Konsulate angreifen und die für sie eingerichteten Bibliothe-
ken zerstören, zumal jene Vandalen selbst oft ausgesprochene
Antikommunisten sind* 59). Eine Antwort auf solche Fragen
59) Ganz rätselhaft scheint es, daß amerikanische Soldaten
m Sudkorea nach Einbruch der Dunkelheit nur in Gruppen
ausgehen können sollen. Sollte sich in diesem tief verarm-
ten Volk eine solche Sinnesänderung vollzogen haben oder wis-
sen Verelendete einfach nicht zu schätzen, daß Amerika an
nebst phantastischen finanziellen Opfern eine Unzahl seiner
üohne geopfert hat, um ihnen das zu geben, was sie Alle
oiienbar eindeutig wollten ? Solche Nachrichten le^en einen i
weiten tfeg zurück und mögen verzerrt ankommen; aber im Gegen-
satz zu andern fällt an ihnen z.B. die Gleichartigkeit mit
Berichten aus Südvietnam auf.
fällt natürlich jedem leichter als dem .unmittelbar Betroffenen.
Es slit begreiflich, daß seine Menschenkenntnis und alle seine
Objektivität ihn verläßt, wenn es um ihn selbst geht. Für den
nicht direkt Beteiligten liegt die Frage einfacher, denn sie
beruht auf den folgenden drei Tatsachen:
1) Der Mächtige ist meistens unbeliebt, auch wenn manches
an ihm und an seinem Verhalten geeignet ist, Sympathie zu
erwecken. Er wird umworben und umschmeichelt, aber nicht gsüsb
256
geliebt. Man fürchtet ihn mehr oder weniger, doch Furcht und
Liehe schließen einander so ziemlich aus. Zusätzliche Faktoren
machen Unbeliebtheit leicht zu Haß, wie jede eingesperrte emo-
tionale Energie bei günstigen Gelegenheiten zu einzelnen oder
serienweisen, harmlosen oder fatalen Ausbrüchen kommen muß.
2) Durch die Art, wie Amerika von seiner enormen Macht
Gebrauch macht, mobilisiert es das Rechtsgefühl unzähliger,
ursprünglich eher neutraler Menschen gegen sich. Nach der
Auffassung einfacher Leute in aller Welt haben alle Völker das-
selbe Selbstbestimmungsrecht, das Amerika seit seiner Selbstbe-
freiung für sich in Anspruch nimmt. Gegen Völker, die in analo-
gem Sinne beschließen, im Namen der Freiheit unbarmherzig mili-
tärisch vorzugehen, ist unverkennbar widerspruchsvoll. Es kann
unter Umständen zu Siegen führen, aber nicht zu internationaler
Sympathie. Die Menschen erwarten von überlegener Macht, daß sie
Gefahren beseitige, nicht Gefahren schaffe.
5) Die Armen brauchen den Reichen allzu oft und wissen
ihn zuweilen auszunützen, aber sie können ihn unmöglich lieben,
wenn sie ihm in deutlichem Grade Dank schulden. Krasse Ökonomie
sehe Unterschiede erzeugen nicht unbedingt Kommunismus, aber
sie begünstigen eine kommunistische StimmungxöO ) .
60) Die internationale Rolle der amerikanischen Wirtschaft hat
der Catholic Digest %oe£@Bfeäi%^ in lehrreicher Weise veranschau-
licht, indem er die ganze Erde durch ein Dorf mit 1000 Einwoh-
nern ersetzte, in welchem 90 Nordamerikaner, 50 Südamerikaner,
210 Europäer, 85 Afrikaner und 565 Asiaten wohnen. Von diesen
1000 sind 500 weiß, 700 farbig. 60 von den 1000 vertreten die
Vereinigten Staaten, und das -Einkommen dieser 60 ist wie das
von 500 Andern. Einem Dollar eines Amerikaners entspricht bei
jedem andern Einwohner die Summe von 6 cent. Die Amerikaner ha-
ben 12mal so viel Elektrizität, 21mal so viel Kohle, 50mal so
viel Stahl und 50mal so viel andere Güter grfrrajrtHrw- wie alle 'übri-
gen zusammen.
In Anbetracht der v/eiteren Unterschiede zwischen "allen
Übrigen " fragt es sich, wie viele von diesen mit ihrer Lage
zufrieden sind, ihrer Aufrechterhaltung zustimmen und für die
Amerikaner Gefühle der Brüderlichkeit hegen können.
Die aufgezeigten und eine Fülle andere Umstände führen zu
dem Ergebnis, daß es wohl unmenschlich schwer, aber dennoch
das beste wäre, einen systematisch und einigermaßen gerechten
Ausgleich in die Wege zu leiten, der den vehementen revolutio-
nären Bewegungen den Wind aus den Segeln nehmen würde. Gewiß w
wäre das besser investiert als die für politische Philanthropie
verausgabten Milliarden und natürlich unsagbar vielfach besser
als jede Ausgabe für Kriegszwecke. Denn was würde nach dem
257
Atomkrieg, zu dem all das führen zu sollen scheint, sowohl
von den Armen als auch von den Reichen übrigbleiben?
Den Ausblick auf eine freundliche innere Entwicklung
Amerikas verstellt leider ein langlebiges Ungeheuer mit zwei
Köpfen, das Zweiparteiensystem. Seit die demokratische Partei
aufgehört hat, die Zentrumspartei zu sein, und die Republika-
ner in manchen Hinsichten an Schärfe noch übertrifft, haben
die Vereinigten Staaten nur noch zwei Rechtsparteienkolosse ,
aber kein Zentrum. Die Linke sieht vorderhand recht hoffnungs-
los aus, ohne eine wirkliche Partei, ohne konkrete Aussichten
auf koalitionsfähige parlamentarische Stärke oder gar Mehrheit,
ohne eine wirksame Presse, ohne TV zsnoobc Radio, selbst ohne eine
der Psychologie der Massen genehme Ideologie. Das ist tief
tragisch, wenn man bedenkt, in wie hohem Maße die Aussichten
auf friedliche Entwicklung der ganzen Erde von der nahen Zukunft
eben dieser Linken abhängen, die in Amerika die Entscheidung
zu Gunsten des Friedens und des Fortbestande© herbeiführen
könnte. Ein Zweiparteiensystem, das nur noch von privaten
Ambitionen und dröhnenden, aber hohlen Phraseologien geheizt
ist, aber nicht mehr reale Ideologien vertritt, macht auch
Wahlen zu einer schlimmen Farce, Der nationalistische und agres
sive Wähler hat es leichter als je, denn in beiden Fällen tegj B
trifft er das Richtige. Ihm kann nicht mehr passieren als daß
er, wenn er am radikaleren Draufgänger interessiert is#, sich
von der bombastischen Propaganda des faktisch weniger Radikalen
irreführen läßt, wenn sie mit noch größerem Geldaufwand arbeiten
kann. Der an Erhaltung des Lebens und friedlicher Entwicklung
interessierte Wähler kann hingegen nur den alten Schlagworten
der Demokraten folgen und dem Vogel Strauß nacheifern, um nicht
die Realität zu sehen, die sich noch teilweise jener Schlagwort
bedient; oder er kann, statt zur Urne zu gehen, sich in den
Schmollwinkel der Nichtbeteiligung stellen, um deren Deutung
sich sowieso keiner kümmert noch auch zu kümmern braucht. Da
die gesamte Linke nur bescheidene Geldmittel besitzt, die im
Vergleich mit denen der beiden Rechtsparteien nicht ins Gewicht
fallen, bleibt nur die vage Hoffnung auf Wahlen, in denen nicht
die Finanzmacht entscheidet. Das scheint nicht absolut utopisch
wenn man in Betracht zieht, daß die Wählermassen selbst nicht
aus lauter Agenten der Finanzmächte, sondern vorwiegend aus
258
Menschen bestehen. Und unter der Voraussetzung einer
vernünftigen Ideologie und einer psychischen Dynamik
wie sie unter Umständen auch unerwartet einsetzt, wäre
eine günstige Wendung de^bar. Jedoch könnte eine Wendung
sich auch in falscher Richtung vollziehen. Oder sie
könnte zu spät kommen.
Es sind aber keineswegs nur Amerikas .Fehler, die
für die eigene Politik und für die globale Gesamtheit
bedrohliche Komplikationen heraufbeschwörei^können,
denn neuerdings sind es eher die Russen, die, menschheit-
lichem Denken erst halb und allzu einseitig aufgeschlossen,
der Sache regionalen Friedens buchstäblich entgegenarbeiten,
Ihre widerspruchsvolle Rolle, in Südostasien defensiv und
aktiv friedensfördernd, im mittleren Osten aber offensiv,
dem Frieden aktiv feindlich, scheint Amerika jede Aussicht
auf nahe gemeinsame Lösungen zu nehmen, zumal die schon
nach Glassboro eingetretene Versteifung der russischen
Haltung weiter anhält. Doch obwohl die Zusammenarbeit
noch schwieriger geworden ist, muß vom Standpunkt der
Fragen dieses Abschnittes erwogen werden, ob Amerika
zeitweilig nicht auch ohne die Sowjetunion Besserungen
der globalen Situation durchsetzen könnte, die zu friedli-
chen Lösungen führen und dem Weltfrieden den Weg bereiten
helfen würden. Wie ich zu zeigen hoffe, ist das nicht un-
möglich, aber an eine schwer erfüllbare Voraussetzung ge-
knüpft. Irder Erkenntnis, daß es nur die Rettung der Mensch-
heit vor der nuklearen Katastrophe sein kann, die für
Amerika mit der eigenen Rettung gleichbedeutend ist,
müßte die amerikanische Politik allseitig revidiert werden,
zunächst prinzipiell und methodisch. Die Erkenntnis der
Identität beider Rettungen müßte ihr als Ziel vorschweben.
Eine solche Umstellung, aber wohl nur eine solche und nicht
weniger, würde überall, in Amerika selbst und in der Welt,
höchst positive folgen bringen.
Das Ergebnis kann schon jetzt in der
259
einfachsten ./eise vorausgenommen werden: Die regionalen
Brände werden sich löschen lassen und die Erde kann gerettet
werden, wenn jeder selbst großzügig Opfer anbieten und bringen
wird, nicht auf Kosten Anderer, und sich nicht damit begnügen
wird, Opfer von Andern zu fordern und zu erwarten.
China und der Bankrott doktrinären Denkens
Tao ko tao
Pu jung tao ye.
iviing ko iiiing
Pu jung ming ye.
Jen chf chou
Hsing pen shan.
Gang kann gehen
Nicht ewiger Gang wahrlich.
Name kann nennen
Nicht ewiger Name v/ahrlich.
C Lao tze, Tao te ching I ),
Mensch des Anfangs
Natur Wurzel gut.
Shi tze ch'ü (?),~>
Drei-Schriftzeichen-Lehre, I 61)
61) In dieseat Transkriptionee sind die Konsonanten englisch,
die Vokale deutsch angm^po^Q^ y111ir-., r^n i r,-__^ .
Das 19. Jahrhundert und das beginnende ZÜ. bis zum Auf-
treten des Sun yat sen waren das traurigste Kapitel der langen
chinesischen Geschichte. Das korrupte Beamtentum der mandschuri-[
sehen Tschingdynastie war unfähig, die Volksgesundheit, die
Wirtschaft, die Selbständigkeit und die Ehre des großen Landes
vor den fremden Räubern zu bewahren, die es gänzlich durchsetz-
ten und zersetzten und sich in China benahmen wie in ihren afri-|
kanischen Kolonien. Die Diplomatien der Raubmächte arbeiteten
als Rivalen gegeneinander, spielten einander aber in die Hände,
sooft es galt, das Land immer mehr zu erniedrigen und die ein-
zelnen Chinesen, die damals auf 400 Millionen geschätzt wurden ,
in einen Zustand hoffnungsloser Depression zu versetzen, der
zu den bekannten schlecht organisierten Ausbrüchen der Verzweif-
lung führte.
Die lange und bis 1911 ausweglose Bekanntschaft mit den
weißen Borellbesitzern, Bodenspekulanten und Opiumhändlern sowie
ihren Diplomaten mußte sich dem chinesischen Volke derart tief
einprägen, daß sie trotz den stürmischen Ereignissen eines hal-
ben Jahrhunderts nicht in Vergessenheit geraten konnte. Als sich|
in dieser Nation schon die drastisch sichtbaren politischen
Veränderungen vollzogen, blieb die ungeheuere Menge der ange-
sammelten Erbitterung noch zu einem großen Teil erhalten.
260
Schläge können in der Richtung, aus der sie kamen, zurück-
prallen, unter Umständen aber auch nach andern Richtungen,
Die erste Etappe der Selbstbef eiung, die demokratische Republik,
verschaffte den Massen erst halbe Befriedigung. V/er nie am
eigenen Leibe erfahren hat, wasr der tief Beleidigte empfindet,
wird das von chronischer Beleidigung gefolterte Riesenvolk
schwerlich verstehen können. Die nationale Auferstehung war
an sich eher Versprechen als Erfüllung. Man brauchte etwas viel
Radikaleres, und es war u.a. das Bedürfnis nach Radikalität
schlechtweg, das dem Kommunismus zum militärischen Siege über
Tschang kai schek und sein Kuo min tang-Regime verhalf, dessen
logische Funktion in der Geschichte des chinesischen Kommunis-
mus etwa der des Kerensky-Regimes in Rußland glich. Die psycho-
logische Verfassung der chinesischen Massen macht uns verständ-
lich, daß es dann dana gerade die härteste, die stalinistische
Version des Kommunismus war, die ihren emotionalen Bedürfnissen
Genüge tat, nicht der rationale, realistische Kommunismus der
späteren Sowjetunion. Da das Verhalten jedes Einzelnen vor
und nach Erlangung einer dringend benötigten Befriedigung so
verschieden ist, sollte man sich vorstellen können, daß eine
siebenhundertmillionenfache Multiplikation der einfachen Erfah-
rung deren reale Verstärkung oder Vergrößerung ergeben muß.
Die Genugtuung, die sie brauchen, haben die chinesischen Massen
offenbar noch nicht, jedenfalls fehlte sie noch vor Ausbruch
des zur Kulturrevolution ernannten Sturmes. Es wäre nur allzu
begreiflich, wenn der einfache Mann immer noch von einem der
Menge der angesammelten Wut entsprechenden Rachebedürfnis ge-
plagt wäre. Kann diese nur in primitivster und grausamster
//eise befriedigt werden, diich ein nukleares Schlachtfest,
nach dem von der weißen Rasse, zu der auch die Russen gehören,
nicht viel übrig bliebe? Wenn das auch nur eine Phantasie
weniger Chinesen wäre, ?/äre es immerhin eine mörderische Dosis
faschistischen Rauschgiftes in schönem Rotwein. Ohne das Gift
wüßte ja .jeder, daß dann auch von den farbigen Rassen wenig
übrigbliebe. So führt ein wenig Ernüchterung zu der Frage,
ob die ganze von ihnen aus westliche Welt den Chinesen für
alles Erlittene nicht eine bessere Genugtuung zu bieten ver-
suchen könnte. Oder sollte es zweckmäßiger sein, die Empörung
der Chinesen noch weiter bis zur Weißglut anzufachen und einen
noch größeren Zusammenstoß zu arrangieren, um ihnen zu
261
beweisen, daß"inan" stärker ist?
Der Wahrscheinlichkeit alles Absurden gemäß gibt es Staats-
männer, die solche Lösungen zu bevorzugen scheinen. Im Gegensatz
zu jenen begingen die Häupter der Sowjetunion einen gut gemein«
ten, aber in seinen Auswirkungen nicht viel weniger verhängnis-
vollen Fehler, der in ihrem doktrinären Denken bestand. Sie
nahmen die ideologische Thematik der frühen chinesischen Angriffe
ernst und erwiderten sehr eingehend ideologisch, als ob der
ganze Konflikt so ideologisch wäre wie er zu sein vorgab und da-
her auch durch ideologische Polemik jemals liquidierbar wäre.
Da die Russen selbst jede Spur nicht- orthodoxer, und gar synkre-
tistischer Richtungen, wie z.B. den Freudo-Marxismus, längst
abgeschafft hatten, um an dem zwar vor-stalinistischen, aber
auch seinerseits genügend starren Marxismus-Leninismus mit
seinen Scheuklappen festzuhalten, hätten sie durch ein elastische
Denken in psychologischen Kategorien den Ast abgesägt, auf dem
sie nun einmal saßen; da sie sich nicht entschließen konnten,
ihre Position gründlich zu ändern. Psychologie ist in ihrer Auf-
fassung sozusagen ein anderes Fach und darf weder mit der offi-
ziellen Geschichtsauffassung noch mit der politischen Linie in
Berührung kommen. So waren die Heutigen naiv genug gewesen,
zu hoffen, der Sturz Chruschtschews werde die Chinesen versöhnen.
r^^^jjU^eren Bemühungen waren umsonst und die sowjetischen
^habCn offenbar trotz mehr als bitteren Erfahrungen bis heute
nicht herausbekommen, warum sie auf dem Holzweg sind; daß es ihre
Doktrin und doktrinäre Haltung ist, die ihnen jede Aussicht
nimmt[und daß sie auf diese Weise an der andern Seite immer nur
vorbeireden können. Schon die bloße Lektüre der chinesischen
Reden und Schriften seit 1965 konnte jedem, der sehen und hören
wollte, Augen und Ohren öffnen. Seit die Führung einer großen
Staatsmacht auf alle internationale Höflichkeit und Korrektheit
verzichtete und einem nur unter unerzogenen und ungehemmten
Jugendlichen üblichen Stil der Drohungen, Schmähungen und Be-
schuldigungen freien Lauf läßt, mußte man nicht einmal Berufs-
psycholog sein, um die schwere Gestörtheit zu merken. Allerdings
hatue ja schon der Klassiker Marx eine Methode der Polemik aus-
gebildet, die den Gegner, auch denjenigen, der kein Gegner sein
wollte, absolut annullierte und darüber hinaus auch geringfügige
Abweichungen von der Doktrin ebenso schonungslos bekämpfte wie
die Todfeindschaft. Seit China jenen Stil derart übertrifft
als ob sich nichts mehr sachlich sagen ließe, wurde die
262
psychologische Situation völlig unverkennbar.
Den unrühmlichen Heden mußten natürlich bald noch unrühm-
lichere Handlungen folgen. Der ganz große, Kulturrevolution
betitelte Sturm hatte gewiß auch das unbezähmbare Bedürfnis
nach Dynamik zum Motiv, und den Wunsch, der bedrängten und
drängenden Jugend irgend eine intensive, nicht nur orale Be-
friedigung zu bieten. Die völlig neuartige Belagerung der
Sowjetbotschaft in Peking u»d alle ähnlich beängstigenden
Inszenierunger^prregten die Phantasie aller Politiker und
Journalisten auf Erden. Da die Phantasie umso stärker arbeitet,
je undurchsichtiger ihr Objekt ist, konnte man an Intrigen
denken wie an die Vorbereitung eines militärischen Manövers,
das die Vereinigten Staaten und die noch viel verhaßtere
Sowjetunion gegen einander treiben sollte. Pür den leider
nicht unmöglichen Fall, daß Amerika China mit Krieg überziehen
sollte, konnte diese Bewegung als Ganzes vielleicht als Maßnahme
gedacht sein, um dieser Jugend nicht allein physischs und tech-
nisch, sondern auch durch Dynamisierung ihres Charakters
höhere Abwehrkraft zu verleihen, damit sie in der Lage sei,
lang, wenn nötig lebenslänglich, Widerstand zu leisten. Aber
bis in die Sphäre der eigentlichen Motive reichen diese und
ähnliche Erklärungen nicht, selbst wenn sie in gewissem Grade
richtig sind. Zu den Motiven führt die Psychologie, die des
Individuums oder die der Massen oder eine Mischung beider.
Auch der seelisch ausgesprochen Kranke, der nur zur Veranschau-
lichung und Vereinfachung erwähnt sei, bedient sich zur Reali-
sierung seiner Motive zuweilen ungewöhnlich gründlich durch-
dachter Methoden und oft genug übertrifft die Klugheit seiner
Planung die xs von seihen normalen Mitmenschen aufgebrachte.
Daher bedeutet es nicht so viel, wenn man geheime Pläne
aufdeckt oder aufzudecken glaubt, ohne die Präge der eigentlich
treibenden Kräfte in Betracht zu ziehen.
Es ist in der Tat nicht leicht, die irref ührenden Tenden-
zen, die im ideologischen Denken entspringen, aufzudecken und
zu überwinden. Unter äisss» Einfluß neigen wir dazu, in Aktionen
von Personen immer die Auswirkung einer Auseinandersetzung von
Ideen zu sehen, und besonders die Lektüre Hegels pflegt in die-
sem Sinne zäh nachzuwirken. Eine solche Auffassung wird vor
^du^ch die reale Komplexität der Phänomene/gefördert, da
^mitspielen und mit größerer oder geringerer Berechtigung
263
zur Begründung verwendet werden. Mit diesen Begründungen
wurde China seit Beginn der Kulturrevolution überschwemmt
und ein hübscher Teil von der Riesenarbeit der chinesischen
Druckereien ist, hauptsächlich in Exzerpten japanischer Reporter,
auch nach dem '//esten gelangt. Doch für eigentlich ideologische
Auslegung ist in dieser Plut kein genügend überzeugendes Materi-
al zu finden, töfäre es nur um den Kampf gegen die in der Sowjet-
union vollzogene Einkehr zur Vernunft gegangen, die vom maoisti-
schen Kurs als Revisionismus geschmäht wird, so hätte sich die
chinesische Anhängerschaft des gemäßigten russischen Kurses
durch viel einfachere und minder gefährliche Aktionen aus ihren
Stellungen verdrängen und politische beseitigen lassen. Aber der
schonungslose Kampf im Innern Chinas begann erst später; der
Vorwurf des Revisionismus war eher der erwünschte, in vielen
Fällen bestimmt aus der Luft gegriffene Vorwand zur Beseitigung
persönlicher Eeinde des Urhebers, Mao tze tung. Es liegt ja
derart auf der Hand, daß man es allzu schwer hat, es zu glauben,
welchen Löwenanteil an dieser Tragödie des zahlreichsten Volkes
eine proportional winzige Privatangelegenheit hat, die Rache
des Alten an den Kampf genossen, Exfreunden und Konkurrenten,
die ihn vor einigen Jahren aus der höchsten Stellung verdräng-
ten. Da es um die größten Männer Chinas ging, hinter denen zu
einem guten Teil der Staatsapparat, die Armee, die Landwirtschaf i
und die Industrie Ktotanto stand, vor allem aber auch die
Partei, mußte die kleine Privatrache chinesische Dimensionen
annehmen und mit allen gegen die Sowjetunion gerichteten Ambi-
tionen des chinesischen ifetionalismus verquickt werden. Und da
der alte Mann, eine Mischung von Genialität und Primitivität,
keine Zeit hat, mußten bei der in Deutschland geborenen Idee
des Blitzkrieges ausgiebige Anleihen gemacht werden.
Doch der Grundgedanke ist neu genug, um uns Respekt ein-
zuflößen. Diese für die enorme Aufgabe über i\Tacht mobilisierte
Jugend ist als Macht präzedenzlos, denn sie ist weder eine
Klasse noch sonst eine Gruppierung im soziologischen Sinne.
Als politischer Paktor ist sie die Ausgeburt der nimmer rasten-
den und nie befriedigten x-hantasie Maos, dessen Ambition,
Intensität und Hartnäckigkeit keine Grenzen zu kennen scheinen,
auch nicht die der Verantwortlichkeit. Die aus dem politischen
Wichts hervorgeholt, Jugend weiß nicht, was Rücksicht ist, hat
nichts zu verlieren, ist unberechenbar, kann darben, leiden
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264
und sich opfern, Sie schöpft aus dem Kräftereservoir der
unbefriedigten und immer wieder unbefriedigten Triebe, die
nach ungeheuerer, überirdischer Expansion verlangen. Diese
Expansionskräf te fachen die Zerstörungswut dieser Jungen an
und ihren verzehrenden Haß, doch sie erzeugen in[ihnen auch
ein riesiges Vakuum, das nach Füllung schreit. Die am nächsten
liegende Füllung ist der Kult des Führers, und die kultischen
Handlungen schließen einen Freibrief zur Hichtbef olgung der S±
Eltern und zum Zerbrechen des Altehrwürdigen ein. Das erlaubte
Zertrümmern des Althergebrachten rückt bald zur Rolle ethischen
Verdienstes empor und wird zum Ersatz für das Studium, Die Aus-
führung der Befehle des Führers enthebt des Lernens und jeder
andern Pflicht, Die Schriften eines Zeitgenossen machen eine
unvergleichliche 3000jährige Literatur überflüssig, ja lästig
und der Abschaffung würdig. Die Zitate aus der Weisheit des
Führers werden über Nacht zum Maßstab des Denkens und iiaMtawlfMsrfiflj
Handelns 62).
62) Jenes rote Büchlein, dessen Riesenauflage in China
Papiermangel hervorgerufen haben soll, hat natürlich auch ein
amerikanischer Verlag in Übersetzung herausgebracht (Quotat-
ions_from Chairman Mao Tse Tung, Bantam, New York 1967),
Die .Leser, denen alte und neuere Weisheit des Ostens und
Westens nicht fremd ist, werden da manches finden, was sie
nicht zu lesen gewohnt sind, sondern als Äußerungen kluger
Leute gelegentlich in ihrem Alltag hören können.
^nn wir aber versuchen wollen, auch diesen Horden der
len Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, dürfen wir
nicht übersahen, daß sie opferbereit und weder ganz verantwor-
tungslos noch ganz undiszipliniert sind. Zum Vergleich müßten
wir uns auch vorzusstellen versuchen, wie eine ähnlich losgelas-
sene Jugend sich in e^nem großen Lande des bestens benehmen
würde, wenn sie plötzlicSa die Macht hätte. Würde sie nur zu
Gunsten politischer Schlagv>orte rasen? Oder wären ihre Ausschrei-
tungen viel privatere Orgien'-Nsfo wäre die Zerstörung von Kultur-
werten und Idealen wohl größer? Brachten wir des theoretischen
Vergleiches wegen, daß die Hitlerjugend keine derartige Selbstän-
digkeit genoß und m.W. für nichts Positives verwendet wurde.
Die Maoisten sollen das Heiligtum an der Ge^urtsstätte des Kon-
fuzius in Shantung verwüstet haben, weil die Lyhren des alten
Weisen mit denen des Mao nichtaiin Einklang stehenv Welche Paral-
lelität wäre gegebenenfalls für den Westen anzunehmen? £
Daß dieses ganze Kapitel der neuen Geschichte Chinas sich
■ee ais vorwiegend als Privatangelegenheit entpuppt, ist wohl
Jugendli*
265
die klarste Widerlegung jeder doktrinären Geschichtsauffassung ,
da es ja der dem Altmeister Stalin abgeguckte und ihn an kom-
promißloser Dogmatik und otarror Doktrin noch übertrumpfende
maoistische Kommunismus^ der diese Widerlegung persönlich
liefert. So hilft uns das Beispiel des modernen China, unsere
Beziehung zur gesamten Weltgeschichte grundlicher zu Esx±±toE_
revidieren 63).
63) Pascal^ (Pensees, 4) sagte es: Le nez de Cleopätre;
s ll eut et<§ plus court, toute la face de la terre
aurait c hange.
Mit der Deutung der gegenwärtigen Phase der neuen Revolu-
tion Chinas haben es Politiker und Journalisten einfacher. Sie
erklären sie für abgeschlossen oder erwarten noch Portsetzungen,
eine Entscheidung in persönlichen Tragödien wie der des Liu
shao chi, weitere Kämpfe, auch militärische; oder sie ^zlern
Mao als Sieger. Wir Historiker freilich glauben nie recht an
Endsiege. Ich gebe zu, den gesamten Streit zwischen den beiden
kommunistischen Großmächten und das Ringen im Innern Chinas
hauptsächlich vom Standpunkt des Weltfriedens und der Aussichten!
auf Koexistenz zu betrachten. Falls es die in der ersten Runde
geschlagene Opposition ist, die zur Mitarbeit an der Rettung
der Menschheit bereit ist, oder falls es auch nur ein Teil von
ihr ist, möchte ich diese Erörterung der neuesten Geschichte
Chinas nicht ohne eine Kundgebung von Sympathie beschließen, 3d
die in diesem Falle der Opposition gebühren würde.
Die Gewißheit, daß jede revolutionäre Unruhe unter den Be-
dingungen unserer Zeit enorme Gefahren in sich birgt, oder die
eigentliche, die größte aller Gefahren, drängt sich uns immer
wieder auf. Der Verdacht, daß ein systematisch* inszenierter
-assenaufruhr, ob er den tarnen einer Revolution verdient oder
nicht, der Srste Teil einer Kriegsplanimg sein kann, liegt schon
nach Hitlers Analogie nahe genug. Der die Massen sofort verein-
heitlichende Krieg sichert dem Macht sucht igen zunächst den Sieg
über die Opposition im eigenen Lande, für den er die Ungewiß-
heit des größeren Kampfes in Kauf nehmen mag, zugleich mit dem
vervielfachten Maßstab der Gefahr. Natürlich gilt das am meisten
vom volkreichsten Lande, das trotz dem fast alles erschütterndem*
Gewitter fieberhaft an seiner atomischen Aufrüstung arbeitet.
Wehe uns, wenn die Verwirrung in China Verwirrung der Köpfe
des Westens zur Folge haben sollte.
Wie eine von blindem Egoismus oder noch viel böseren
266
Absichten geleitete Einmischung das Furchtbarste herbeiführen
kann, könnte anderseits eine auf ß gründlicher, vorurteilsfreier
Menschenkenntnis und Kenntnis Chinas^ selb st jetzt noch, und
vielleicht gerade jetzt, zu günstigen Ergebnissen führen.
Sollten die Russen nicht die Fähigkeit aufbringen, umzulernen ,
sich von ihrer doktrinären Unfreiheit zu befreien und endlich
zu verstehen, daß China vor allem ein psychologisches Problem
bildet? [UL*+J
fixier Hinsicht aber ist die Sowjetunion sicherlich
würdig, N&ller Welt als Beispiel zu dienen. Ihre Köpfe sorgen
für Abwehr e^nes allfälligen Überfalls, bleiben aber kühl und
halten einer Flv£ von nie vorher ersonnenen Provokationen
stand, denen anderes« im Geiste des Prestiges erzogene Politiker
niemals gewachsen wärt
Wenn wir versuchen, aus diesem ganzen Schock, dessen
Auswirkungen ja erst begonnen haben, prognostische Schlüsse
zu ziehen, ihn sozusagen als Manöver betrachten, um die aus
ihm gewonnenen Lehren auf den furchtbaren Ernstfall anzuwenden,
werden wir auf einige boroito mo.nifostc Züge der Massen und
der Int e 11 ektuellen^auf merksam, dio uns oino Vorstellung davon
ermöglichen} wio oio sich in jonor teEdr^hen^renr-^ak-unf t vorhal-
-ton würden ^ Sie wären voraussichtlich in maximalem Maßey :
a) aufopfernd, todesverachtend ;b)ge schickt, zäh5c)pl anmäßig,
besonders in der Ausnutzung ihrer Vorteile, wie des weiten Rau-
mes und der numerischen Stärke; d) erfinderisch, unkonventionel
überraschend; e) zerstörerisch, rücksichtslos; f) kompromißlos,
konsequent.
Die denkenden Menschen, an die sich diese Betrachtungen
wenden, wird diese Serie unheilvoller Möglichkeiten in ihrem
Glauben an die Notwendigkeit und Dringlichkeit von Bemühungen
um einen friedlichen Ausweg bestärken. Solange China sich auf
einen Großkrieg noch nicht einlassen kann, ist noch Zeit, rasch
und gründlich umzulernen und zu begreifen, daß die Opfer, die
der Friede erfordert, unter keinen^^^e*» so schmerzlich sein
können wie die, die der Krieg erfordern würde.
Da ich nun mit so viel Nachdruck hervorgehoben habe, wie
sehr es zur Beurteilung des chinesischen Phänomens auf die
emotionalen und irrationalen, ja privaten treibenden Kräfte
ankommt, doch nur teilweise darauf, was Mao und sein engster
Kreis sachlich planen, möchte ich diese Pläne auf Grund der
NB
266a
Das ist eine gewaltige Aufgabe, und schon deren Erfassung
ist schwer genug, weil sie gründliche Selbstprüfung zur Voraus-
setzung hat, seihst mit der völligen Durchführung eines
solchen Planes wäre es nicht getan, da die an sich schon so kom- i
plizierte psychologische Situation mit äußerst konkreten Tatsachen
eng zusammenhängt und von diesen noch viel, mehr kompliziert wird.
Die kfejjnES fe^fefeg aller dieser Tatsachen sind Chinas territoriale
Ansprüche, die von führenden Chinesen vor 1969 immer nur mit ganz
leiser Stimme oder überhaupt nicht vorgebracht wurden, als wäre
irgend einem weitreichenden Plan entsprechend die Zeit für diese
Forderungen noch nicht gekommen.Sie beziehen sich auf schwere Ver-
gehungen, die das russische Zarenregime inder 2 »Hälfte des 19» Jahr-
hunderts begangen hat, indem es einem von mehreren Haubmächten
militärisch wiederholt geschlagenen, im Innern zerrütteten und
kaum noch verteidigungsfähigen China 1858 und 1860 Verträge ab-
preßte, die der Anti-Imperialismus und Anti-Kolonialismus unserer
Zeit nur eindeutig als Raub verurteilen kann« Sowohl von seinem
äußersten Westen in Zentralasien, von Sinkiang, bzhw. Turkistan,
als auch von seinem mandschurisch-sibirischen Nordosten mußte
China an Rußland Ländereien abtreten, die an Umfang Deutschland,
Prankreich und England annähernd entsprechen. Angeblich sollen
einige russische Revolutionäre der Zeit Lenins es als Pflicht der
Sowjetunion angesehen haben, jene Raubverträge freiwillig zu revi-
dieren, aber einen Beweis dafür kenne ich nicht, und jedenfalls
kam es nie zu einem offiziellen Beschluß darüber. Im Gegenteil,
in der Sowjetunion nahm $%xx£Mgx$&£xjegM die Verhärtung in der
Haltung des beatus possidens immer mehr zu. Während aber auf der
russischen Seite der Grenze die Bevölkerung immer mehr abnahm,
nämlich durch Abwanderung, nahm sie auf der chinesischen Seite
bedeutend zu, wodurch der wachsende chinesische Druck auf die
Grenzen verständlich wird. Die russische Ideologie des Pesthaltens
eher noch überbetönt
an den zaristischen Verträgen zeigte siclMsaSBfcfc nach den ersten
militärischen Kämpfen um die Ussuri-Insel Chen pao, bzhw. Damansky,
9mgmmmmsmm%m. Es ist, als wüßte das Sowjetregime keinen k
bessern Rat als "Bereitschaft", obgleich an der heutigen oder
morgigen Bedeutung dieses Wortes kein Zweifel möglich ist.
Wird jotat innerhalb der USSR auch nicht ein einziger realistisch
und gerecht Denkender dii^§8rgef ährlich gewordene freie Meinungs-
äußerung wagen? Oder werden solche Versuche erfolgen ohne daß wir
PORTSETZUNG : p . 266b
266b
etwas von ihnen erfahren? Oder werden 3§@gc die "Revisionisten"
endlich
selbst sich^zur größten und schwersten aller Revisionen entschlie
ßen? wenn ihre Kühle und Härte gegenüber Provokationen, ihre von
der Prestige-Krankheit unberührte Gesundheit und ihre Fähigkeit
zur Selbstprüfung siegen sollten, wäre das ein wesentlicher
Schritt zur Erhaltung des Lebens auf Erden, Ein solcher Triumph
der Einsicht ist aber heute nur von ihnen zu erwarten, nicht
von den so tief in den Mao-Kult gesunkenen chinesischen Massen,
die gegenwärtig offenbar nur emotional reagieren können und von
vernünftigen Erwägungen grausam weit entfernt sind. Läßt ihr
heutiger Zustand vielleicht eine Vorstellung von ihrem mön-liohon
künftigen Verhalten zu?
i
267
biherigen Beobachtungen zu erraten versuchen, was natürlich nur an-
nähernd und unter Vorbehalten möglich ist:
1« Er xund die Seinen arbeiten an der restlichen Zerstörung der
noch bestehenden Partei und des staatlichen Verwaltungsapparates, an
deren Aufbau er einen so bedeutenden Anteil hatte, um den Gegnern ihre
Instrumente und ihren Unterschlupf zu entziehen. Seine Macht will er
auf die organisierte Jugend und auf die seinem Willen untertane Armee
gründen. Die Jugend soll die Reste der Opposition liquidieren und die
zertrümmerten Institutionen später wieder aufbauen.
2. Er will der USSR die Reste einer Hegemonie des kommunistischen
Lagers entwinden und möglichst viele kommunistische Länder und Partei-
en auf die chinesische Seite ziehen. Obzwar das erste Ziel noch nicht
erreicht ist, arbeitet er intensiv am zweiten und an der mit beiden
zusammenhängenden Wiedererlangung der jetzt sowjetischen Territorien
im Nordosten Chinas. Der bisherigen Desorganisierung des kommunisti-
schen Lagers entsprechend kann Moskau kommunistische Länder und Par-
teien nur noch ideologisch, diplomatisch oder brutal militärisch be-
einflussen oder bezwingen, aber nicht mehr als übergeordnete, zur Dis-
ziplin verpflichtende Macht beherrschen. Schon d<r ungarische Aufstand
und dann die Ansätze zu polnischen und tschechoslovakischen Selbstän-
digkeits^fcendenzen warfen grelles Licht auf die heikle Situation Mos-
kaus. Bis heute haben nur Wenige den Zusammenhang mit China erfaßt;
theoretisch konnten ja alle kommunistischen Länder Chinas Intervention
anrufen.
3. Dann soll China den internationalen Kommunismus reorganisieren
und die Sowjetunion erst isolieren und dann zur Kapitulation, zur
Annahme des stalinistisch-maoistischen Kurses und zur Aktivität in
einer untergeordneten Rolle zwingen.
4. Das unter chinesischer Diktatur geeinigte Lager soll unter
fortgesetzter politischer Expansion seine nukleare Macht benützen,
um dem Kapitalismus durch unblutige Erpressungen Zugeständnisse abzu-
nötigen. Hingegen ist unwahrscheinlich, daß ein nuklearer Angriff
auf Amerika und den übrigen Westen oder auf die Sowjetunion in diesem
Plan inbegriffen ist; doch soll nicht vergessen werden, daß verschie-
dene Ursachen die Katastrophe auch ohne Plan und direkte Absicht her-
vorrufen können. Wenn es zu solchem Unheil käme, hätte China eine
gewisse Chance, dank seiner numerischen Überlegenheit und seines
weiten Raumes etwas zu retten.Es ist aber offensichtlich, daß der Mao-
ismus diese Chance stark übertrieben einschätzt.
5. Zugleich sollen die maoistischen Parteien in Ost und West den
russischen Revisionismus direkt zersetzen und durch Inszenii&Sng
regionaler Revolten oder Ausnützung schon vor sich gehender Revolten
oder Bürgerkriege ein maoistisches Ende der bestehenden Gesellschaf*
ten anbahnen,
6. Das Endziel des Planes ist wahrscheinlich eine chinesische
Weltherrschaft.
Ich gestehe, in diesen Vermutungen über die Absichten Maos und
des Maoismus von den grausigen Erinnerungen an die Pläne und Taten
Hitlers nicht unbeeinflußt zu sein, jene schaurigen Wahngebilde, die
erst nach fatalen Jahren zuschanden geworden sind, vielleicht nicht
für immer. Die neuerdings zuweilen unternommene Zusammenstellung
Maos mit den blutrünstigsten aller Diktatoren, Hitler und Stalin,
muß jedoch als schwere Ungerechtigkeit entschieden abgelehnt werden.
Es ist unbestreitbar, daß die kraß kulturwidrigen Exzesse in China
bisher relativ unblutig verlaufen sind. An Maos Stelle hätte mancher
Abendländer mit Hinrichtungen und privaten Morden gearbeitet. Trotz
den seinen Opfern angetanen ethischen Absurditäten hat er Blutver-
gießen systematisch vermieden, ob das nun Sittlichkeit oder nur
Berechnung war. Seinen Emotionen gestattete er offenbar nicht, seine
Planung zu stören; nur die Emotionen Anderer bildeten einen Paktor
in seinem politischen Programm. Da die Uhrzeiger unaufhaltsam kreisen,
wäre es unweise, die knappe Zeit mit billigen Befriedigungen zu ver-
geuden; daraus ergab sich einer der Maßstäbe für die Größe seiner
Ambitionen. Auch wenn meine Formulierung seines Endziels unrichtig
sein sollte, unterliegt es keinem Zweifel, daß im Maoismus der Natio-
nalismus dem Kommunismus zumindest die Waage ^tdundidinirSmitMunbe-
irrbarem Internationalismus nicht verglichen werden kann.
Zwischen Plänen und Verwirklichungen besteht aber der allgemein
bekannte Unterschied. Die einzelnen Phasen dieses phantastischen und
doch keineswegs unlogisch gebauten Programms haben einander zur Vor-
aussetzung. Mir scheint es sicher, daß die erste Bedingung, die seines
Sieges zu Hause, noch nicht erfüllt ist, zumal er selbst nicht be-
hauptet hat, die Opposition sei tot. Deren Aufgabe scheint die denk-
bar schwierigste und objektiv bedeutendste zu sein.
Sollte es nach uns noch Generationen geben, so wird es eine der
Aufgaben ihrer Historiker bilden, über Mao und seine
269
Folgen zu dem objektiven Urteil zu gelangen, das uns noch
nicht erreichbar ist.
Trotz allen blutigen seiner Geschichte und trotz der
beängstigenden Gegenwart ist China die Heimat einer pazifisti«
sehen Tradition, einer unvergleichlichen Größe des philosophi-
schen Gedankens, einer tief menschlichen foesie und Kunst,
einer positiven Ethik als Grundlage für den Staat und das indi-
viduelle Leben. Von diesen hohen Gütern ist das für uns ent-
scheidende die alte Friedensliebe, die mit einer rein positiven
Beziehung zu der als gut angenommenen ursprünglichen Natur
des Menschen zusammenhängt. Auf Grund solcher Anschauungen
wurden viele Generationen erzogen 64).
64) Vgl. das zweite der diesem Abschnitt vorangestellten
Motti. Es ist dem Anfang eines im 1J. Jahrhundert entstandenen
Lesebuches entnommen.
Wenn man die historische Gesamtgestalt des chinesischen
menschen mit der des abendländischen vergleicht, muß man zu
dem Resultat kommen, daß er in seinem psychologischen Habitus
trotz der tragischen Krise von heute in seiner Gesamtheit immer
noch gesünder ist. Im Vergleich mit der verheerenden Rolle der
Religion in der Geschichte der europäischen Völker und des
europäischen Menschen erscheint die Religionsgeschichte Chinas
als reines Idyll. Vor der Auswirkung der religionslosen Erzie-
hung im kommunistischen China bestand dort zwischen den Kirchen
in historischen Zeiten eine Zusammenarbeit wie sie im Westen
erst jetzt angebahnt wird. Dieselbe Familie, die für Hochzeiten
einen konfuzianischen Priester in Anspruch nahm, pflegte für
Begräbnisse einen buddhistischen zu bestellen. Es war also eine
eher auf Funktionsteilung oder Spezialisierung beruhende Sym-
biose. Nirgends ist die Familie für das Fühlen und Leben der
Menschen wichtiger als dort; wenn diese Grundlage zerrüttet ee±
oder geschwächt sein sollte, so hat ein für alle Revolutionen
geltendes Gesetz auch auf China automatisch Anwendung gefunden,
sodaß angenommen v/erden kann, daß die Festigkeit der Familie
früher oder später wiederkehren wird. Der alten Verbundenheit
mit der Sippe, otxx deren Grad dem Abendländer schwer verständ-
lich ist, entspricht auch das kollektive Denken der Chinesen,
das in gewissem Maße allen Ostasiaten eigen ist. Die Selbst-
Identifizierung des Einzelnen mit der Gesamtheit ist ein
Grundzug und die immer vorhandene Bereitschaft zur
2?0
Selbstaufopferung beruht nicht nur auf besonderem Heldentum,
Unter den vielen Sichtungen der chinesischen Philosophie
erscheinen die individualistischen als Ausnahmen; Tendenzen
mit einem Einschlag von Egoismus sind in der chinesischen
Ethik importierte Fremdkörper. Es ist wohl nur wenig übertriefe
ben, den Kollektivismus als eine von der chinesischen Mentali-
tät unabtrennbare Eigenheit zu bezeichnen. Ebenso ist der
für den Durchschnittstypus seines Volkes charakteristische
Chinese von Haus aus mit mehr als durchschnittlicher Vernunft
begabt; daher waren ihm emotionale Störungen vor dem 19. fahr-
hundert fremder als den Menschen aller andern Nationen. Seine
heutige psychische Verfassung ist eine Gabe des Abendlandes,
deren Beseitigung zu den bedeutendsten Obliegenheiten des
Abendlandes gehört.
Chinas
Wenn wir von den Leiden torx^kois^saa: in der Vergangenheit
sprechen, kann das freilich die irrige Vorstellung erwecken, ±
daß es den Chinesen heute gut gehe. Das ist insofern richtig,
als seit Sun yat sen ihr menschliches Wertbewußtsein Wiederkehr
wenn auch mit den begreiflichen Übertreibungen. Es ist aber
in Anbetracht einer Reihe anderer Faktoren unrichtig, u.a. we-
gen des immer noch äußerst niedrigen Lebensstandards. Anderseit
wäre es einseitig, nur an China selbst und seine bodenständige
Bevölkerung zu denken. Da Armut und Vermehrung sich gegenseitig
fördern, litt das riesengroße Land schon im 19. Jahrhundert an
einer solchen Übervölkerung, daß es ohne massenhafte Auswandes?
rung nicht leben konnte. Schon damals hätte also alle Welt
verstehen können, daß die Statistik von Geburt und Tod nichts
weniger als eine innere Angelegenheit ist. Wo immer die vielen
Chinesen sich ansiedelten, waren sie bis zum ruhmlosen Ende
der Ching-Dynastie der Gnade und Ungnade des Wirtsvolkes aus-
geliefert. Die schwachen Regierungen Chinas konnten buchstäb-
lich nichts für sie tun, zumal sie sich ja auch im Inland des
empörenden Frevels der Fremden nicht erwehren konnten. Doch bei
aller seiner zunehmenden Stärke hat auch das kommunistische
China an der konsularischen Schuldlosigkeit seiner Landsleute
im Ausland nicht viel ändern können. Viele haben sich wegen
dieser Lage um die Staatsbürgerschaft des Einwanderungslandes
bemüht und sie bekommen. Sie un<|^icht wenige von den Inhabern
di^n^^ti 111116513011611 ^sse Mf^^^ efcliTOm neuen China?
^um nichTin aoe ^krasseren Widerspruch zurefcea? Wahlheimat zu
271
geraten. Am besten scheint es ihnen in v/esteurppa und in Nord-
amerika zu gehen, wo ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit, ihre
Anspruchslosigkeit und ihr Verharren auf der niedrigsten Stufe
der ethnischen Kriminal Statistik ihnen sogar einige Anerkennung
gebracht haben. Aber auch da, wo niemand sie angreift oder fceä
kränkt, ist es unverkennbar, daß sie sich nie ganz aufrichten.
Sie sind eher übertrieben korrekt und bescheiden und benehmen
sich so unauffälig wie möglich; als lebtens sie in ständiger
Furcht vor einem Umschwung zu ihren Ungunsten. Und das sind
diejenigen Chinesen, die von den andern beneidet werden, und
mit Recht. |27[3^ 1
Denn im Osten, in Indonesien, haben die 3 Millionen Chine-
sen in der jüngsten Vergangenheit eine Hölle durchlebt, aus
der nur spärliche und unklare Berichte nach dem Westen gelangt
sind. Als dem dilettantischen und fehlgegangenen kommunisti-
schen Umsturzversuch, an dem diese Chinesen keinen bemerkens-
werten Anteil hatten, die blutrünstige faschistische Gegenrevo-
lution folgte, in der nach hoffentlich übertriebenen Darstel-
lungen 400.000 Kommunisten und Verdächtige niedergemetzelt
wurden, waren die Chinesen Indonesiens dem fortgesetzten Mord,
der Plünderung und der Zerstörung ihrer Habe schutzlos preisge-
geben. Von allen den Opfern, den von mohammedanischer und christ-
licher Jugend zu Krüppeln Geschlagenen, den Arbeitslosen ohne
Hoffnung und den zu Bettlern gewordenen kleinen Geschäftsleuten,
ließ die chinesische Regierung, wenn die vorliegenden Informa*
tionen stimmen, zuerst sage und schreibe 500, später, als die
verzweifelten Schreie um Hilfe noch zimahmt^/vcm Schiffen
abholen und in die Heimat zurückbringen. Die ersten diplomati-
schen Bemühungen der Pekinger Regierung gegen diese Massenkri-
minalität waren erfolglos und einen Krieg konnte und mochte
sie nicht entfesseln, aber angesichts der Lebenswichtigkeit
permanenter Auswanderung konnte sie sich auch unter keinen
Umständen auf Rückwanderung- in ernsten Maßen einlassen. In ihrer
Verzweiflung versuchten es die indonesischen Chinesen, von denen
eine Million in Indonesien geboren sein soll, mit Anti-Peking-
Demonstrationen, die nichts nützten; im Gegenteil, es war
Demonstration der Hilflosigkeit, ein Entblößen des geschundenen
Rückens für ochlokratische Fußtritte. Die Propaganda der Schmä-
hung und Austreibung und ein Leben der Angst am Rande des
Hungers gehen weiter. Erst seit Anfang 1967 versucht Peking
271a
Irjdieser unerfreulichen Lage, die allerdings den Vorteil
einer gewissen Eindeutigkeit hatte, begann erst 1969 ein leichter
Umschwung. Die Chinesen Kanadas z.B., von denen manche noch Papiere
der Taiwan-Regierung hatten und einige in deren Sinne noch aktiv
waren, bekamen aus Peking Aufforderungen, Dokumente über ihre
Zugehörigkeit zum kommunistischen China in Empfang zu nehmen;
mag sein, daß ihnen für die Zukunft gewisse Aufgaben zugedacht
sind. Die Zahl derjenigen, die dieser Einladung Folge leisten,
ist offensichtlich im Zunehmen, und es ist bemerkenswert, daß
ausgesprochen bürgerliche Elemente zu ihnen gehören. Ihr Schwan-
ken und ihre Entscheidung bedeuten aber schwerlich, daß es der
Kommunismus als solcher ist, der sie auf einmal so magisch anzieht
oder in Furcht versetzt. «Tie man auf Grund früherer Analogien
der an Führerverehrung erkrankten Hassen des Westens verstehen
kann, ist es eher der Mao-Kult an sich, dessen Auswirkungen
Viele sich nicht mehr entziehen können und der in ihnen g
Interesse für die zugleich vorteilhafte und nachteilige doppelte
Staatsbürgerschaft erweckt. Solche Problematik der relativ gutge-
stellten Chinesen ist aber immerhin noch leicht lösbar oder
erträglich.
272
der mörderischen Brutalität der neuen Herren Jakartas
Repressalien von adäquater Schärfe entgegenzusetzen, kam aber
dabei auf so schlechte Einfälle wie den, die verelendeten
Chinesen, die sich letztens zu einer gewissen Selbstwehr auf-
zuraffen suchen, zu einem Alfstand aufzurufen, in dem sie viel-
leicht sämtlich umkämen. Es ist gewiß gut, daß der Rückkehr
Indonesiens in die Vereinigten Nationen keine Schwierigkeiten
bereitet wurden; sollte aber die Gelegenheit, vor diesem Forum
etwas für die Zivilisation und für elementare Menschlichkeit
zu tun, völlig ungenützt bleibeniW^
Ein gemäßigt antikommunistischer Journalist, Mark Gayn,
der den Fernen Osten mehrmals bereist haty und das Verhalten ±
der indonesischen Armee bei einem der blutigen Überfälle beob-
achten konnte, sprach mit indonesischen Studenten und fragte x
sie nach den Gründen ihres Hasses. Einer, der zum besten gab,
er habe einem Chinesen die Nase eingeschlagen, gab ihm zur
Antwort, sie seien ja Chinesen. Und fügte hinzu: "Sie sprechen
indonesisch mit einem Akzent. Wir können sie nicht leiden."
Ein Schluß von der Mentalität der Intelligenz auf die der Massen
ist nicht allzu schwer*
Diese Massen, annähernd 100 Millionen, sind ganz und gar nicht
einheitlich. Die Ethnologie dieser Inselwelt besteht aus stark
verschiedenen Elementen einschließlich der Dayak-Stämme in
Kalimantan, dem ehemals holländischen Teil von Borneo 65). Die
65) Die Kulturstufe der Dayak ist im Sinne der in der modernen
Ethnologie anerkannten, auf systematischem Vergleich mit
prähistorischem Material beruhenden Klassifizierung durch ihren
den Anfängen der Metallverarbeitung entsprechenden Zustand
charakterisiert. Diese ihre Stellung ii^ier Entwicklung wird
durch serienweise, im ±.aufe späterer, bereits geschichtlicher
Epochen erfahrene Einflüsse kompliziert. Die Kultur, der die •
Dayak am meisten verdanken, ist die chinesische. Die Ornamentik
an einigen Stücken handwerklicher Arbeit der Dayak, die in westliche
Museen gelangt sind, zeigt das besonders deutlich, nur daß die in
ihren Formen überreiche, tiefsinnige und rätselhafte chinesische
Zierkunst des Altertums von den Ahnen der heutigen Dayak weitgehend
Vereinfacht, ins Primitive rückgebildet wurde.
anderthalb luillionen der Dayak in West-Kalimantan, Kopfjäger mit
schweren Schwertern, führen seit 1967 auf eigene Faust einen Ver
nichtungskrieg gegen die regionale chinesische Bevölkerung, die
nicht zahlreicher ist als eine halbe Million und vorwiegend aus
Kleinbauern besteht. Indonesische Truppen haben in diesen Urwäldern s
und an deren Rändern "nur" etwa 500 kopflose chinesische Leichen
gefunden, was ein indonesischer General einem in Jakarta tätigen
Journalisten, Garth Alexander, unter Hinweis auf die Tradition de
Dayak erklärte, ihren Opfern nicht nur die Köpfe abzuschlagen,
sondern ihre Körper zumeist zu fressen, sodaß deren Zahl nicht
festgestellt werden kann« In Flüchtlingslagern aber sind die
überlebenden Chinesen mit Frauen und Kindern in eine andere Hölle
geraten, indfc der sie von Hunger und Krankheiten gefressen werden.
Ein einziges Lager soll 15 bis 20 Todesfälle täglich haben. Diese
Eericht bezieht sich jedoch nur auf die für harmlos befundenen FlüchtJ
linge. Hingegen ist nichts über Sonderlager zu erfahren, in denen die|
des Kommunismus verdächtigten Chinesen von indonesischen Soldaten f>
gefangen gehalten oder getötet werden. Zugleich ist eine von den
neuerdings zusammengehenden indonesischen und malaysischen Truppen
gemeinsam unternommene Offensive gegen die Reste kommunistischen
./iderstandes im Gange. Es ist nichtsdestoweniger zweif elhaf t , ob
diese allseitige Verfolgung so emotional ist wie sie aussieht.
Denn es ist bemerkenswert, wie genau ein Dayak- Häuptling im in
einem Gespräch mit dem soeben erwähnten Journalisten jene früher ;
szjEEiraiSE zitierte Äußerung eines indonesischen Studenten kopierter
"..das ist erst der Anfang.. wir müssen die Chinesen lehren, zu
denken und zu sprechen wie Indonesier.." . . .- -
hty*>JrL \ j^o wird eine Exkursion nach Indonesien
zu einem Beitrag zur Kenntnis der Lage Chinas. Denn wenn west-
liche Politiker die Rückwirkung der Leiden aller Chinesen
auf die ohnmächtige Großmacht ermessen wollten, brauchten sie
,ja nur mutatis mutandis ihr Land und ihr Volk sich in einer
solchen Lage vorzustellen. So könnten auch sie begreifen, wohin |j
**4
nie endende Bedrängnis und nie endende Zurückhaltung führen muß«
Können ohne Ende Getretenes andere Träume haben als den einer
phantastisch großen Rache? Und kann deren erträumtes Objekt
gründlich geprüft und genau definiert sein? Aus ethischen und
noch viel konkreteren Gründen ist es also höchste Zeit, daß
alle Völker ihre Haltung gegenüber China und den Chinesen
revidieren.
Der gebildete Abendländer kann, wenn er wirklich will,
die meisten psychologischen Tatsachen leicht verstehen, doch
gibt es auch solche, die für ihn schwer begreiflich sind,
weil die Tradition, in der er selbst verwurzelt is£, ihm eine
Art Brille aufsetzt, durch die er auch das von ihm Verschiedene
sieht. Oder er kann nicht umhin, dasjenige, was ihm als selbst-
verständlich erscheint, in den Andern zu projizieren. Zu den
Grundzügen westlicher Psychologie gehört der Glaube , der von x
273
ihr z.T. schon in vorchristlicher Zeit Besitz ergriffen hat.
Er beherrscht den Geist des Westens auch neuerdings, seit der
Auflösungsprozeß des religiösen Denkens begonnen hat, indem
er mit negativem Vorzeichen auftritt, als Gegner des Glaubens
oder dessen Verneinung. So wird es zum Verständnis des östli-
chen Renschen nötig, einen kurzen Versuch zur Deutung des west-
lichen zu unternehmen. Um zunächst eine Definition des Glaubens
zu versuchen, würde ich ihn die Annahme dessen nennen, was
nicht automatisch oder spontan angenommen wird; was nicht
durch einfache Erfahrung zum Gegenstand des Wissens wird,
sondern durch Erlebnisse und Einflüsse, die Erfahrung und Wissen|
ersetzen, ins Bewußtsein aufgenommen wird und sich zumeist mit
unbewußten Kräften eng verbindet. Glaube kann das Wissen ver4zäs|
drängen oder neben diesem bestehen. Was einer glaubt, verbindet
ihn Andern, die dasselbe glauben. Ebenso führt sein Glaube ihn
eher zur Abneigung gegen jeden, der ihn nicht teilt, und das
bezieht sich nicht allein auf den Glauben an Götter, Heilige,
legendäre Gestalten und erzählte Vorgänge, sondern auf viele
Gebiete außerhalb des einfachen Erfahrens. Heute ist wohl alle
Welt so weit, die Absurdität von Kriegen wegen andern Glaubens
zu erkennen, aber eben dieses Absurde bildet einen ganz großen
Teil der gesamten Geschichte des Abendlandes und es ist schwer
zu sagen, ob der schaurige Unsinn mit allen denkbaren und un-
denkbaren Variationen für immer vorüber ist. Jedenfalls nimmt
heute einer dem andern es nicht besonders übel, daß er nicht
denselben Boxer für den besten hält oder die Seereise besser £
findet als die Luftfahrt; im selben Sinne wird nun die Zuerken-
nung des Hechtes auf jeden Glauben oder Unglauben in religiösen
Fragen nach und nach zum Gemeingut. Das Schuldgefühl, das ein
Wichtglauben oder Wichtglaubenkönnen seit dem Altertum zu bewir-
ken pflegte, wird immer schwächer und das einst unüberwindlich
intensive Bedürfnis, den eigenen Glauben auf andere zu übertra-
gen, nimmt zusehends ab.
Dem Ostasiaten war ein Glaube in diesem Sinne oder eine
solche Bewertung des Glaubens immer fremd. Die Machtkämpfe
zwischen Kirchen ^ten dort einen andern Sinn. Die mystische
Spekulation ging auch imAOsten sehr weit, oder noch viel weiter,
aber dort kam es nie zur Ausbildung einer Dogmatik. Wofern
ein Ostasiate nicht westliche Schulung durchgemacht hat, ver-
steht er im Grunde nicht einmal, was ein Dogma ist. Seine
274
Religion ist, wenn man diesen lateinischen Namen überhaupt
auf sie anwenden kann, pragmatisch oder vorwiegend pragmatisch*
Vom Menschen wird nicht das Glauben an ein Bestehendes oder
Gewesenes oder Künftiges gefordert, sondern eine bestimmte
Lebensführung wird ihm auferlegt, ein Handeln nach gewissen
Prinzipien, gleichviel ob dieses Handeln eine Glaubens annähme
zur logischen Voraussetzung hat oder nicht. In den Schriften z
aller asiatischen Religionen, nicht nur der fernöstlichen,
kann man schwerlich Stellen finden, aus denen die Verdienstlich-
keit eines Glaubens eindeutig hervorginge; es ist vielmehr immer
wieder ein Tun, das empfohlen oder verworfen wird, und dieses
Tun ist das Kriterium. In dieser Hinsicht verläuft die erkenn-
bare Grenze zwischen dem Osten und dem Westen weit westlich von
China. Auch das Judentum ist vom Christentum durch seinen prag-
matischen Charakter unterschiede^ Selbst im Neuen Testament a
gibt es noch keine Ansätze zu einer eigentlichen Dogmatik.
Diese scheint vom Westen gekommen und gerade vom östlichen
Christentum rasch zur Hypertrophie gebracht worden zu sein,
u.zw. weil dieses anfangs um seine Durchsetzung und seinen
Bestand zu kämpfen hatte, später gegen Heterodoxie und um die
Hegemonie im Innern, wie auch gegen andere Glaubensmächte,
vor allem gegen den Islam. Daß dieser den Glauben von vornherein
derart betonte, und mit einer gewissen Erstarrung schon begann,
geht eher auf die Reibung mit dem Christentum als auf jüdischen
Einfluß zurück. Wenn wir in Betracht ziehen, daß die chinesi-
schen Religionen in wechselnden Mischungsverhältnissen aus
Spekulation, Lebensweisheit, Sozialethik und Ritual bestehen,
v/ird uns verständlich, daß China einen Glauben im christlich-
abendländischen Sinne nie gekannt hat. Darüber hinaus müßte man
die politische Orthodoxie im modernen China mit ihrer auffallen-
den Starrheit und Unduldsamkeit gegen die ideologische Differenz
entweder als Import deuten oder als Reaktion auf das feindliche
Abendland. Daß dem so ist, geht aus dem Vergleich der in der a
altchinesischen Literatur widergespiegelten Mentalität mit der
modernen hervor. Als Grundlage für prognostische Schlußfolgerun-
gen ist es sicherlich günstig, daß der chinesische Mensch ur-
sprünglich undogmatisch ist. Dieser Umstand ermutigt zu der
Voraussage, daß ein umfassendes Nachlassen der internationalen
Spannung und ehrliche Wiedergutmachung China früher oder später
zu sich selbst zurückführen wird, zu der diesem Volke eigenen,
u)
0
275
undogmatisehen, toleranten, freundlichen Menschlichkeit,
Wenn ich jemanden beleidigt haben und das erkennen sollte,
werde ich meinen steifen backen tief beugen und meinen Stolz
in überzeugender Weise demütigen, um das ihm Angetane gutzu-
machen, sein Vertrauen zu Meschen wiederherzustellen und das
ihm beigebrachte Gift zu entfernen. Ich werde das nicht nur
tun, um die etwaige Rache des beleidigten abzuwenden, also
nicht aus Furcht oder Egoismus, sondern als meine Pflicht,
Ähnlich handeln Viele, auch Politiker, die in ihrem Privatleben
durchaus nicht so unwahrhaftig sind, wie sie in ihrem Beruf
sein zu sollen meinen. Doch muß die Politik für alle Zeiten die
Brutstätte der Falschheit und der Intrige bleiben? Fast hat ja
die ganze Menschheit vergessen, daß die Politik im Grunde
erhabene Aufgaben hat; jlenn die Staatsmämer^xSÄszxWt des
20, Jahrhunderts, die so dachten oder denken, kann man an den
Fingern einer Hand aufzählen^). Wäre es zur Erhaltung des
£5) Ich halte Thomas Garrigue Masaryk für einen solchen.
\< Lebens nicht lohnender, die als Idee allgemein bekannte
und offiziell überall anerkannte politische Ethik versuchsweise
einzuführen? Die ganze Kunst bestünde darin, die für die Be-
ziehungen zwischen Individuen geltenden und für diesen Zweck
von so ziemlich allen Gesetzgebungen übernommenen Normen
auf den Umgang der Mächte mit einander anzuwenden. Im Falle
Chinas wäre ein nicht nur politischer, sondern in erster Linie
psychologischer Plan auszuarbeiten, nach dem Amerika und die
Sowjetunion in vollendeter Fairness zusammenwirken würden,
um ein zu versöhnendes China in eine zu versöhnende Völker-
familie zurückzubringen.
Nun höre ich den traurigen Einwand "Utopie". Ist es nicht
viel, viel utopischer, von einem Atomkrieg irgend ein Heil
zu erwarten? Oder zu hoffen, es werde nicht dazu kommen,
obwohl alle großen Kräfte dahin drängen^ Ä niemand genügend
entgegenwirkt? Politische Ethik in Verbindung mit Mut und
Konsequenz könnte die Kräfte der Verderbnis besiegen. Die
Besinnung des Menschen auf sich selbst wäre eine der Vorbeding
gungen.
Das Ideal ist unerreichbar, was schon Viele konstatiert
haben, auch ich. Ein erreichbares Ideal wäre eine contradictio
in adf-jecto. Aber indem wir uns ihm nähern, wird es, wie wir b±
wissen, zu unserer stärksten treibenden Kraft, der Magnet,
276
äer anzieht, was ihm entspricht. Virtuell ist das in uns^S^).
Vgl. S.
So döll uns voranschweben, was wir nicht erreichen, denn dann
hilft es uns, über uns hinauszuwachsen und einen guten Teil
unseres Strebens zu vollbringen. Im Bewußtsein unserer Relativi-
tät erfahren wir also das Absolute; es ist das Wissen um unsere
Begrenztheit, die uns das Unbegrenzte ahnen läßt. Das ist wohl
irrational, doch eben das scheint der Sinn der altchinesischen
Erkenntnis zu sein, die diesem Abschnitt als erstes Motto
voransteht.
Rüstungsindustrie
Die kardinalen Tatsachen sind allgemein bekannt und ich sc
weiß ihnen nichts hinzuzufügen. Jeder kennt die Rolle, die
sie vor, in und nach den beiden Weltkriegen gespielt hat.
Wer lesen kann, hat eine Vorstellung davon, wie sie kriegs-
lustige Parteien finanziert, Haß gesät, Konflikte geschürt,
durch unkenntliche Agenten Friedensbemühungen zum Scheitern
gebracht frsrfc und Abrüstungskonferenzen gelähmt hat. Es muß
gar nicht wahr sein, daß während der beiden Weltkriege zwi-
schen den Rüstungsmagnaten beider Seiten Verbindungen bestan-
den; die tatsächliche Gemeinsamkeit der Interessen genügt,
und schwerlich konnte noch etwas die begangenen Verbrechen
vergrößern. Aber indem wir von denen, die aus den Leibern
der Millionen Milliardenprofite preßten, in der Vergangenheit
reden, lenken wir uns selbst und unsere Mitmenschen von der
leibhaftigen Gegenwart ab, die ja um ein Vielfaches unbegreif-
licher geworden ist als die gute alte Zeit der Krupp und &akaLK
Zaharoff . Denn damals konnten sie mit ihrem physischen Selbst,
mit ihren Familien und andern für sie belangvollen Personen
und vor allem mit ihrem astronomischen Besitz außerhalb des
Blutbades bleiben. Da sie aber besser als ihre naiven Mitbürger
und ihre hochgestellten Mitarbeiter wissen, wohin ihr mmmk-mk««
monströses und von Tag zu Tag weiter wachsendes Geschäft führt,
sehen sie ja mit aller Deutlichkeit, daß sie auch die Zerstüc-
kelung und Verbrennung ihrer höchsteigenen Leiber vorbereiten,
und selbst die der ihnen noch teureren Werte, ihrer Kapitalien^;
denen doch dasselbe Los droht wie sämtlichen sie garantieren-
den Versicherungsgesellschaften und deren Garanten.
Während die Schuld der westlichen und der östlichen Regie-
rungen am eigentlichen Rüstungswahn annähernd symmetrisch
277
verteilt ist, ist in dieser entscheidenden Beziehung der
Osten im Vorteil. In seinen Entschlüssen und Handlungen ist
er insofern ebenso unfrei wie der Westen, als dessen tatsächli-
che oder befürchtete Schritte auch die seinen bestimmen. Aber
hinter ihrem Rücken haben die Kommunisten keine profitgierigen
Waffenlieferanten. Sie sind nicht in jenes kunstvolle und un-
entrinnbare Uetz verstrickt, in dem ihre Gegenspieler nicht
umhin können, die grausigste aller Waren unaufhörlich zu
kaufen und weiter zu bestellen. Mit dem Rüstungskapitalismus
sind auch gewaltige Massen von Arbeitern samt ihren Familien
auf Gedeih und Verderb verbunden. Da wird also auch der Arbeiter,|
ebenso wie der aus dem Mittelstand hervorgegangene und dem
Kapital untertane Spezialist, zum Komplizen des unbegrenzten
Mordes und Selbstmordes. Die Propaganda, die ihn von der ersten
Schulklasse an bearbeitet, erlaubt ihm schwerlich, seine Rolle
zu erkennen. Er glaubt zum Abgrund nur gedrängt zu werden,
sieht aber nicht, wie stark er mitdrängt.
Diese Industrie mit ihrem übermächtigen Apparat der
Beeinflussung, der Intrigen und der Interessenbeteiligung
ist in ihrer Wirkungskapazität eine für den Portbestand der
:-enschheit noch viel gefährlichere Macht als die faschistischen
Parteien. Denn in diesen gibt es manche entwicklungsfähigen
Menschen, und auch Stimmungen von Massen schlagen zuweilen um.
Auch Generäle sind Menschen. Aber in der Industrie des Massen-
mordes ist alles bewundernswert geplant, wirksam und konsequent
Sie gibt von ihren gewaltigen Überschüssen an philanthropische
Institutionen, an brave patriotische Bewegungen und an Univer-
sitäteiJr^ie von ihr aus gesehen nur spärliche Almosen sind,
dem Empfänger aber riesengroß erscheinen, sodaß er für die
Vampire Dankbarkeit und Verehrung hegt und unwillkürlich an
der Verbreitung solcher Gefühle arbeitet.
Außer dem in unserer Generation entstandenen Unterschied
zwischen Ost und West hat sich in den letzten Jahren noch eine
ungeahnte und dem großen Publikum noch unbekannte Verschiebung
der Produkt! onsmacht und Verkaufsmacht innerhalb des Westens x
vollzogen. Diese iviacht ist so sehr nach den Vereinigten Staaten
gerückt und hat da solche Konzentration und Vervollkommnung
erfahren, daß die Natoländer kaum noch richtig konkurrieren
können und sich bald mit der Rolle des Konsumenten begnügen
müssen\werden, und mit der des Lieferanten an die ärmeren
Kleinen, die dort irgendwo am Rande der Kultur leben und sterbenl
278
lassen wollen. Wie aus einem Bericht des amerikanischen
Senatskomitees für Außenpolitik* doocon Vorsitzender Fulbright
■ict+ hervorgeht, drängt das amerikanische Übergewicht die euro-
päischen Konkurrenten zur Suche nach ferneren Absatzgebieten,
zu einem Hochdruck des Angebots an benachteiligte und mittel-
lose Länder, u.zw. an beide Seiten aller vorhandenen und poten-
ziellen Antagonismen einschließlich der Brudermorde afrikani«Kk
scher Völker. So hält es auch die amerikanische Riesenproduktion
selbst; ein hübscher Teil der Waffen, die alle des Kommunismus '
angeklagten südamerikanischen Guerillakämpfer besitzen, stammt
aus den Vereinigten Staaten. M^er eigentlich über den Export zu
entscheiden hat, weiß nicht e/inmal das kompetente Senatskomitee.
Aber gewiß weiß das Mr. Henry J. Kuss, der größte Mann in den
International Logistics Nego/biations, der Firma, die in den
letzten Jahren z.B. an Westdeutschland Ware um 3 Milliarden
Dollar verkauft hat und in fien siebziger Jahren -d*e noch nicht
erfundene^ Instrumente der /Lebens Zerstörung um 70 Milliarden
zu exportieren plant. Für/ diesen Betrag könnten die Völker
der Erde wahrscheinlich aJch ohne Amerika, Kußland und China
einander den Garaus mache
Die Menschheit wird wahrhaft erwachen müssen, um mit
ihren größten Feinden ringen zu können.
Sozialismus und Wirklichkeit
...die Umwandlung der Gesellschaft kann nur in Liebe,
in Arbeit, in Stille kommen.
Zum Sozialismus sollen wir führen; wie anders könnten
wir führen als durch unser Beispiel?
•••nur aus dem Geiste, nur aus der Tiefe unsrer inneren
Not und unsres inneren Reichtums wird die große Wendung
kommen, die wir heute Sozialismus nennen.
Dies sei unser Sozialismus: ein Schaffen des Zukünfti-
gen, als sei es ein von Ewigkeit her Gewesenes.
Gustav Landauer, Aufruf zum Sozialismus
ibe das Gefühl, daß dieser ganze moralische ffl«fa**i«Hj
Schlamm^^dTire-h.^en wir waten, dieses große Irrenhaus, in
dem wir leben, aur^ e~±r*ma 1 * so von heute auf morgen, wie
durch einen Zauberstab insGe~ge«teii^umschlagen, in unge-
heuer Großes und Heldenhaftes uiiiscnlä^eTr-ianru.
Rosa Luxemburg, Briefe aus dem Gefängnis
278 a
was endlich auch dem einfachen Mann die Augen hätte öffnen
müssen, ist das Schicksal der von der mächtigen Industrie so
gründlich inspizierten Abrüstungsverhandlungen und die Rolle
des berühmten ABM-Systems. Um den mit Widersprüchen gefüllten
ABM-Kuchen ein wenig schmackhafter zu machen, behauptete man,
daß er, obwohl er die Städte Amerikas nicht vor einem russischen
Angriff schützen könne, immerhin einen chinesischen abwehren könnte,
weil die Bomben der Chinesen, oder ihre ballistischen Errungenschaften,
noch nicht so gewaltig seien. Soll das etwa besagen, daß die Chinesen
Idioten sind und Amerika nuklear attackieren wollen, solange sie
das noch nicht können, daß sie also einen völlig ungleichen Kampf
provozieren wollen? Da niemand die Intelligenz der Chinesen so
beurteilt, glaubt so etwas auch niemend. Wenn sie aber später angrei£
f en sollten, sobald ihre Rüstung der Amerikas gleichgekommen ist
oder sie gar übertroffen hat, würde ja von ihrer Angriff s kraft
dasselbe gelten?: was man jetzt der russischen zuschreibt,
nämlich die Wertlosigkeit jeder Verteidigung gegen sie.
Doch denjenigen, die das Geld um so viel höher schätzen als
das Leben, auch das ihre, kommt es wohl auf wichtigeres an: Wie
Stuart Simson, der frühere amerikanische Staatssekretär für die
militärische Luftflotte, annimmt, hoffen jene, den ursprünglich
vorgesehenen Preis von sieben Milliarden bis 400 Milliarden
emporzudrücken.
279
Was der Sozialismus mit dem Kommunismus gemeinsam habe
und was sie trenne, ist eine jener Fragen, deren theoretische
oder praktische Behandlung schon an sich politischer Kampf zu
werden pflegt. Ich fühle mich nicht gedrängt, den vorhandenen
Definitionen noch eine hinzuzufügen, weil sie nicht neu genug
wäre, h um auf Existenzberechtigung Anspruch erheben zu können»
Doch glaube ich, um zur Klärung beizutragen, nicht nur auf
das von Marx postulierte Endziel, die klassenlose und herressfea
schaftslose Gesellschaft, als unbestritten gemeinsames, wenn
auch in nebelhafter Ferne schwebendes Prinzip hinweisen zu
sollen, sondern auch auf zwei Unterschiede.
Der eine liegt in dem verschiedenen Grad der Realität
da und dort. Während der Komrniinismus , wie der Kapitalismus,
ganz Wirklichkeit ist und diese beiden ihre Ziele erreicht
und Herrschaft ausgeübt haben und ausüben, ist der Sozialismus
ganz oder doch vorwiegend Idee. Seit den großen ökonomischen,
soziologischen und politischen Theoretikern des 19. Jahrhun-
derts, wie Owen, Proudhon, Marx und Engels, tegxtaecfex ist er
bis heute nicht in einem Staatsgebilde zur Verwirklichung
gelangt. Doch das ist keineswegs ein zufälliger Mißerfolg oder
eine Serie zufälliger Mißerf olge , sondern ergibt sich logisch
aus einem den meisten sozialistischen Theorien eigenen Prinzip,
das gewaltsame und insbesondere militärische Machtergreifung
durch eine Minderheit ausschließt, aber ebenso die Unterdrückung
einer Mehrheit und selbst die einer Minderheit. Britische und
kontinental-europäische sozialistische Regierungen mußten auf
halbem Wege stehen bleiben und schließlich fallen, weil sie es
nur zu schwacher Majorität brachten und daher Wirtschaft und
Gesellschaft nicht ernstlich umbauen konnten, jedoch von vornhe^
^ein auch mit Programmen antraten, die schon an sich Kompromisse
mit den mächtigen Gegeninteressen bedeuteten. Gerade in den se±
wichtigsten Angelegenheiten war oder ist es unmöglich, sich
des Eindrucks zu erwehren, daß der Wunsch mancher sozialisti-
schen Politiker, dem Kapitalismus oder gar dem Imperialismus
zu gefallen, stärker sei als die Bindung an die eigene Ideologie,
Es ist demnach unverkennbar, daß die immer wieder scheiternde
Praxis auf schwache oder ungenügend entwickelte Elemente der
Theorie und teilweise auf persönliche und psychologische Motive
zurüclkgeht. Ungenügende Erziehungsarbeit an den Massen und
ungenügende Selbsterziehung der sozialistischen Intelligenz
spielen offenbar mit. War diese Lückenhaftigkeit 280
nicht der Hauptgrund dafür, daß der organisierte internationale
Sozialismus zwei Weltkriege nicht verhindern konnte und inner**
halb ijfg£fsnaucil noch alle Greuel ohnmächtig mitansehen mußte?
Und SfiS in der ^X^lTOlTp^aac^täi^a'b our Party, die zur Ver-
hinderung des Untergangs so entscheidend wirken könnte, die
sozialistisch Denkenden nicfiiPoedrängt und in schwieriger
Opposition? Sooft die beste aller Ideen zur Wirklichkeit
werden wollte, scheiterte sie an dieser.
Der andere Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus
liegt in der Beziehung zur Menschlichkeit, bzhw. im Menschli-
chen selbst. Alle wissen es, auch diejenigen, die es bestreiten
und diejenigen, die es mit allerhand Spitzfindigkeiten beschö-
nigen oder gar rechtfertigen wollen, daß der Kapitalismus in s
seinem Kern unmenschlich ist, auch wenn er, wie vermöge der
Philanthropie, menschliche Züge annimmt; und daß der Kommunis»
mus, edel in seinem Kern, zu Unmenschlichkeiten geführt hat.
Wenn uns die Kunde von den kommunistischen Gemeinschaften des
Altertums den Kern in seiner Reinheit ahnen läßt, und uns ander-
seits das immer noch nicht tote, nun mit dem Maoismus gepaarte
Schreckgespenst des Stalinismus vor Augen steht, erinnern wir
uns auch an den analogen Antagonismus in zwei Kapiteln der Gee
schichte des Christentums, u.zw. an die Lehre Christi selbst
und an die Inquisition, die im Hamen des Heilands handelte.
In beiden Fällen war die tiefe Degeneration nicht das Resultat
einer innern Entwicklung oder zumindest nicht ausschließlich
einer solchen. Sondern Faktoren wie der Egoismus, die Machtgier,
die i"acht selbst und der Sadismus hatten sich eines Ideals
bemächtigt, um es in ihren Dienst zu stellen. Doch wie steht es
mit den gemeinsamen Ahnen des modernen Sozialismus und des mo-
dernen Kommunismus?
Es ist klar, daß nichts Unmenschliches sich je auf Proudhon*
Persönlichkeit oder auf seine Ideen berufen können wird. Weit-
aus komplizierter wird die gleiche Frage, wenn sie an Marx
gestellt ist. Denn der geniale Theoretiker war ein von Zwiespalt
durchaus nicht freier Mensch. Einerseits war er von dem Ideal
der Befreiung des Menschen erfüllt, dem er auch den unter dem
Kapitalismus zum Götzen gev/ordenen Staat opfern wollte. Aber
als Übergang, oder als Mittel zum Zweck, konstruierte er theo-
retisch einen starken, zentralistischen Staat, auf den dann
das blutige, von Stalin geschaffene Zerrbild sich berufen
281
konnte. Es ist seltsam, daß in Scferiften so klarar Denker
wie Marx und Engels sich unklare St^ellen finden, durch die
unheilvolle spätere Auslegungen begünstigt wurden. Im "Kommuni-
stischen Manifest" z.B. resümieren die beiden Autoren das erste
Kapitel so, daß sie den mehr oder minder versteckten Bürger-
krieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkte
verfolgen, "wo er in eine offene Revolution ausbricht und
durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat
seine Herrschaft begründet". Sind das also Voraussagen vorwärts'
blickender Historiker oder sind das Forderungen? Andere Stollon
Andere Stellen sprechen allerdings für die letztere Deutung.
So kann Marx von der Mitschuld an den zerstörerischen Polgen
seiner Werke nicht freigesprochen werden. Seine Größe liegt in
der Ökonomie, nicht in der Humanität. Daß schließlich der von
Marx postulierte reine Zweck einer klassenlosen Gesellschaft
dazu herhalten mußte, die grausigen Mittel Stalins zu heiligen,
war also kein bloßer Zufall, denn auch das Böse kam, wie das
Gute, aüs^ der Wurzel; der Stalinismus wurde zum klassischen Bei-
spiel jenes ethischen Sturzes, den ich schon früher -67^ zu
definieren versuchte. So führte die Entwicklung von vollendeter
Menschlichkeit der Antike zu inneren Konflikten denkender
Köpfe an der Schwelle unseres Zeitalters und schließlich in
den Abgrund der Unmenschlichkeit.
Von dieser Abwegigkeit blieb der Sozialismus schon darum
frei, weil er nicht einmal zu einer Machtergreifung kam, die
genügt hätte, um ihm derartige Greuel auch mir zu ermöglichen.
Doch da sich die Doktrin von der Notwendigkeit einer Diktatur,
sei es auch nur einer zeitweiligen, in der sozialistischen
Bewegung nierfc durchgesetzt hat und sie den Boden der Demokratie
nie verließ, war sie auch theoretisch vor dem Verlust ihrer
Menschlichkeit gesichert. Der Umstand, daß eine Demokratie,
solange sie sich überhaupt als solche erhält, nie in absolute
Unmenschlichkeit sinken kann, schützte den ihr verbundenen Sozi-
alismus vor dem völligen Verlust seiner selbst.
In Zeiten der Not ist es schwer, Geduld auf zubringen oder
von Leidenden, Erbitterten und Bedrohten Geduld zu verlangen.
Der Sozialismus ist aber noch nicht gekommen. Schon länger als
ein Jahrhundert ist er unterwegs und vielleicht nicht mehr
allzu fern, denn er könnte auf zwei Wegen kommen: Indem in den
07) Q%
282
kommunistischen Indern Menschlichkeit und Vermenschlichung
die Oberhand gewännen und der Mensch dort, ^barbarischen
Diktatur überdrüssig ^-^'ÄL
stürmte; oder indem die materiell und die gel*««
der kapitalistischen Länder, des Unrechts, der Falschheit
der entwerteten Demokratie und der verkappten Diktatur mude,
eine menschliche Gesellschaft auf richten würde».
Demokratie ohne sozialistischen Inhalt, welche die esistie
rende und scheinbar blühende ist, wird zusehends sinnloser,
weil die bereits überentwickelte Technik zur Beeinflussung
der Wähler die Wahl vom Wesen eines freien Willensaktes immer
weiter abbringt; und weil dem Wähler kein Einfluß darauf zu-
steht, ob der Gewählte die Linie einhält, für die er gewählt
^de oder sie ungetreu in ihr Gegenteil kehrt. Und -hlie^
weil der Wähler in der stolzesten und am meisten vorgeschritte-
nen Demokratie praktisch nicht verhindern könnte, daß der
Gewählte, wenn er es aus irgendwelchen Gründen wollen sollte,
alle Wähler, ihre Familien und ihre meisten Hitmenschen zum
Tode verurteilt und. die Erde in eine Wüste verwandelt, m der
auch er selbst umkesHs*» . .
Seit einigen Generationen haben Kommunisten und Sozialisten
nur selten zusammengearbeitet und einander fast imuner bekämpft,
nicht immer unblutig. Zur Gehässigkeit der unablässigen Polemik
scheint es aber nicht trotz der teilweisen Identität der Theorie
gekommen zu sein, sondern gerade wegen dieser. Die objektive
Gemeinsamkeit, die im gemeinsamen Objekt besteht, hat ein altbe-
kanntes psychologisches Gesetz zu neuer Wirkung gebracht, das
des Hasses infolge der kleinen Differenz. Wie in fast jeder
Polemik, ist es schlechtweg unmöglich, Hecht oder Unrecht ganz
auf einer Seite zu finden. Ich gebe auch hier aufs neue zu,
daß für mich die Menschlichkeit das Kriterium bildet. Die Sozia-
listen haben nicht nur das Endziel im Auge behalten, das mit
Menschlichkeit ja geradezu identisch ist, sondern auch in
ihrer Praxis wird man nichts von den schweren Sünden gegen die
Menschlichkeit finden, die der stalinistischen Phase des Kommu
nismus eisen sind, oder genauer, durch die der Stalinismus den
Kommunismus verfälscht hat. Um gerecht vergleichen zu^konnen,
müssen wir in Betracht ziehen, daß in der^Geschichte fflfti
die Unmenschlichkeit viel stärker war. «efifi es imantiken
r^^PfäXSSnt Menschlichkeit gab, so war sie nicht boi/ovf^-fc
SnS« - finden, sondern nur ganz unten, unter
283
den Enterbten und Versklavten; selbst ein Kopf wie Chamurabi
bildete keine Ausnahme, aber die Ausnahmsstellung Echnatons
ist deutlich genug» Anderseits hatte die biblische und beson-
ders die prophetische Ethik selbst im eigenen Volk wenig Ein#±
fluß. Das römische Imperium beruht geradezu auf Unmenschlich-
keit mit ein paar eher dekorativen humanen Zügen, Die Erben
des Weltreichs setzten diese Tradition so würdig fort, daß
Ansätze zu Menschlichkeit immer wieder zu tragischem Beginnen
wurden; die meisten unserer mächtigen Zeitgenossen haben sich
eine gewisse Phraseologie der Humanität zu eigen gemacht,
finden diese selbst im Grunde i\aber,.o hör lächerlich. Daher
erfordert Menschlichkeit mehr Mut und mehr Festigkeit als
die Unmenschlichkeit, die diese Potenzen ja ebenfalls besitzt.
Die Größe des Sozialismus besteht meines Erachtens darin,
daß er und die Menschlichkeit als Prinzipien einander ergänzen
und einander erfordern. Ohne Menschlichkeit würde der Sozialis-
mus sich selbst guf heben, unsozialistisch v/erden wie etwa die
Labour Party unter tViloon, die von Anfang an elementar Mensch-
liches für ephemer diplomatische, den Interessen des Kapitals
genehme Vorteile aufgeopfert hat und erst in ihrer neuesten
Phase die fundamentale Verfehlung durch Friedensbemühungen
auszugleichen sucht. Ohne Sozialismus gibt es anderseits für
einen, der die Erfordernisse der Gesellschaft und das Walten
der sie zerstörenden Mächte verstanden hat, keine Menschlich-
keit. Oder konkreter: ohne Sozialismus wäre Menschlichkeit
eine gesellschaftlich funktionslose Privatangelegenheit, zur
Gewicht slosigkeit verurteilt, eine unwirksame Abstraktion.
Oder einfacher: in der Realität der Zeit wäre eine nicht-sozia-
listische Humanität nur vage Schwärmerei, eine körperlose Lieb-
haberei, die sich jeder Aussicht auf eine Besserung dieser Welt
und ihres Loses begeben hätte. Wenn auch begrifflich geschieden,
sind Menschlichkeit und Sozialismus in den Gegebenheiten unseres
Daseins identisch.
Es liegt auf der Hand, daß die Kongruenz von Sozialismus
und Menschlichkeit im vollen Sinne in den Internationalen
sowie in den älteren und neueren sozialistischen Parteien nur
teilweise verkörpert ist und sein konnte. Nichtsdestoweniger
ist der Sozialismus, wie jeder weiß, keine abstrakte Idee,
sondern hat eine Anzahl von ideologisch und organisatorisch
ungleichen Realisierungen erfahren, deren Verschiedenheit und
deren experimenteller Charakter gerade auf die Lebendigkeit der
284
Idee hinweisen, während die Rolle des Individuums, nicht nur die I
des führenden, mit dem menschlichen Grundzug übereinstimmt und I
ihm zur Bestätigung wird. Es ist z.B. die europäische, vor allem
französische, communaute de travailJWerkgemeinschaf t,die sich zum
Sozialismus ähnlich verhält wie die früher erwähnten antiken Grup-
pen zum Kommunismus. Da und dort sind es undoktrinäre, zahlenmäßig
kleine Gemeinschaf ten, für die Freiheit, Gleichheit und Brüderlich-
keit keine bürokratisierten Phrasen sind, sondern für die Höher- |
entwicklung und das Glück der Einzelnen die Grundlage bilden 68j>»
68)Claire Huchet Bishop, All Things Common, Harper & Bros.,
New York 1950.
Communaute, Organ mensuel de 1* Entente Communautaire, Paris.
Die größtenteils industrielle, zum kleineren Teil landwirtschaft-
liche Zusammenarbeit ist keineswegs das Um und Auf dieser Gruppen,
denn ethische Erneuerung und Kulturschaffen scheinen höher bewerten
zu werden als der materielle Erfolg. Das sind nicht nicht Nachzüg-
ler bedeutender Ideen, sondern verheißungsvolle Anfänge. Dennoch
steht die Übertragbarkeit solcher ermutigenden Erfahrungen auf
nationale oder gar internationale Maßstäbe durchaus noch nicht
fest. Hingegen konnte das Ringen von Generationen von Arbeitern,
wie auch die sozialistische Theorie an sich mit allen ihren Varia»
anten nicht ohne Einfluß auf die Industrie bleiben. Wer nicht auf
halbem Wege stehen bleiben will und es mit der Suche nach friedli-
eher Wegen zur Abschaffung des Kapitalismus und &&& Endziel ernst
nimmt, wird an keinem Gedanken noch Versuch und an keiner Neuerung
zur Besserung der Situation des Arbeiters auch innerhalb des Kapi-
talismus gleichgiltig vorbeisehen dürfen 69).
69) ed. George Bernard Shaw, Fabian Essays in Socialism.
Fabian Society, London 1889. !
ed. R.H.S. Crossman, New Fabian Essays. Turnstile Press,
London 1953»
Obzwar wir in einer Welt leben, die dem selbstmörderischen
Egoismus völlig anheimzufallen droht, wissen denkende Köpfe in
Ost und West, daß es sozialistische Einsicht ist, die zum Heil
Aller werden kann 70).
^O^ig^Frage der begrifflichen Differenzierung zwische Sozialiö-
Kommunismus , die hier Eingang des Abschnitte nur berührt
wurde, erfordert schließlich den Hinweis auf die Schwierigkeit
einer Grenzziehung in der Realität. Eine der zeitgenössischen
Gemeinschaftsformen in eine wenn auch rs±a±±EE beschränkte
Beziehung zum Kommunismus zu setzen, eine andere als verkörper-
ten Sozialismus zu betrachten, ist nicht frei von Willkür.v
Bedenken wir aber, daß das in gewissem Grade für jede Anwen-
dung einer Systematik auf eine Realität notwendig zutrifft.
• ganz
Von dieser kann ich also auch mich selbst leider nicht^f reisprechen.
Zwischenspiel
285
DIE LETZTEN MENSCHEN
Im Hintergrund das Wrack eines Schiffes. Im Vordergrund PICK,
sitzt auf einer Eiste, NICK, kauert auf dem Boden, MIHI, HfflSE
liegt.
P Halt 's Maul, Nick, mit deinem scheußlichen Gewäsch!
N Ich nah doch nichts gesagt.
P Du langweilst mich mit deiner chronischen Blödheit, hast
nichts zu sagen, ich muß dich erledigen.
N Du hast ja gesagt, daß du mich nicht töten wirst, weil ich
ein Drittel der Menschheit bin.
P Wenn du das nicht wärest, hätte ich dich längst liquidiert.
N Bediene ich dich zu wenig? Stöbere ich nicht genug im
Schiff, um dir die besten Bissen zu bringen? Fisch magst
du ja nicht.
P Schau daß du weiter kommst mit deinen grausigen Fischen.
Lebend und verfault, so wie du. Du siehst doch selber aus
wie ein Fisch, ein fauler Fisch.
N Und du siehst aus wie ein Hund. Bitte beiß mich nicht.
P Du würdest es sowieso nicht fühlen. Du fühlst ja nichts.
Nie ist dir kalt. Mir ist kalt.
N (kriecht zum Schiff) Ich werde warme Kleider finden.
Diesmal wirf sie nicht weg. Diese Leute waren gesund (ab).
PICK, MIMI
M (weint)
P Was heulst du denn wieder, wirst du denn nicht aufhören,
über dein Kleines zu plärren? Es hat viele Kinder gegeben.
M (stotternd) Nnein - iichweine - üüber -
P Über den Kerl? Bist du denn ganz verrückt? Oder sehnst du
dich nach BücWn? Im Schiff sind genug Bücher und aller
mögliche Unsinn. Ich habe so etwas auch einmal benützt.
Ich erinnere mich nur nicht wozu. Sie nannten mich Student
oder so irgendwie. Ich hatte einen Hund. Hör* auf zu
winseln, du -
M Ich trrrauere uum - mmmein Haar. Mmein schschönes Haar,
lieh bin - kkahl (weint) ! Wwie ssehe ich - aus?
P Sei ruhig, Mimi. Nein, du siest nicht aus wie ein Vogel,
nein. Du bist gut, aber hör1 auf mit dem Geplärre. Du bist
warm, mir ist kalt. Mit dir ist mir besser. Du hast nicht
einen Zahn im Mund. Arme Mimi! Weine nicht (weint). Du
286
hast nicht so ausgesehen als ich begann, dich zu -
warum zitterst du? lettre rde dich wieder behandeln«
M Nnein.
P Nein? Sehe ich aus wie ein Hund? Willst du den Nick?
Diesen faulen Fisch! Ich muß ihn erschlagen (bricht in
Gelächter aus).
M Ddu hhast - mmir verspprochen, ihn lieben zu Hassen.
N (kriecht aus dem Wrack hervor).
PICK, MTMT , NICK
P Hast du was? Mir ist scheußlich kalt.
N Ich hab nur Kinderkleider gefunden. Aber hier ist ein
guter Damenmantel. Er muß warm sein. Nimm ihn.
P Hilf mir ihn anziehen.
N Mit Vergnügen (bemüht sich, P den Mantel anzuziehen).
P (schreit) Er ist naß! Idiot! Du empfindest ja nichts.
Nicht Kälte, nicht Nässe. Hör» auf!
N (fährt fort, zwängt P's Arme in die Ärmel. Sie raufen) Du
hast mich ja gebeten, die zu helfen.
P Mimi! (Fällt um.) Hilfe!
N Du hast das anzuziehen, verstanden?
P Gut. Laß mich. Laß mich aufstehen (steht auf).
N Willst du das jetzt anziehen?
P Ich werde dir zeigen (hebt die Kiste hoch, um sie auf M zu
schleudern), die Kiste wird dir zeigen!
N Oder dir! (Springt P an, die Kiste fällt auf dessen Kopf
und tötet ihn. Atemlos) Schade. Das habe ich nicht gewollt.
Ich habe es nur getan. Verzeih mir, Mimi! Weißt du, das
war nicht meine Absicht, nein, es war nicht meine Absicht.
Er war so gut. Sei mir nicht böse. Jetzt werde ich für dich
sorgen, Mimi. Willst du - warum sagst du nichts, Mimi?
(Betastet und schüttelt sie, hält inne.) Alles ist aus.
0 wie schade! Hu, allein! Ich habe Angst. Was zischt denn
im Schiff? Kein Weib, nicht einmal ein Mann. Nur der Wind
oder das Wasser. Wer soll sie denn begraben? Ich werde ver«
suchen, sie ins Wasser zu ziehen. Aber mir scheint, ich kann
nicht. Und helfen kann niemand«
VII
287
NUKLEARER KRIEG UND DIE ALTERNATIVE
Gott wird den Regen deines Landes zu einem Pulver
machen und ein Staub wird vom Himmel auf dich
niedergehen, bis du vernichtet bist.
Deuteronomium 28 , 24
Am Morgen wirst du sagen: o daß schon Abend wäre,
und am Abend wirst du sagen: o daß schon Morgen wäre,
vor Herzensangst, die über dich kommen wird und wegen
des Anblickes, den deine Augen sehen werden.
Ebenda, 28,67
Lasciate ogni speranza, voi ch1 entrate.
Dante, Inferno 111,9.
Erfahrung und das Neue
Rückblickend können wir mit einiger Sidterheit feststellen,
daß jedes Zeitalter s±Ek aus seinen Notwendigkeiten heraus
sich sein Denken und vor allem seine Denkprinzipien bildet.
Die vom 17. Jahrhundert eingeleitete Verdrängung des Glaubens
durch Forschen und Erkennen hatte das 18. Jahrhundert zu voll-
enden. Aber sein Rationalismus war so voller Spekulation und
Deduktion, daß erst das 19» Jahrhundert diese Schwäche über-
winden konnte, indem es in eine andere verfiel, seinen ex-
tremen Empirismus. Erfahrung wurde zur Grundlage und zum
Kriterium der Wissenschaft und die Überschreitung ihrer selbst-
gesteckten Grenzen war nicht minder verpönt als früher einmal
die Sünde wider den Heiligen Geist gewesen war. Erfahrung war
aber für das vorige Jahrhundert nicht nur die einzig legitime
Quelle des Wissens, sondern auch des Handelns. Unversehens
änderten sich diese Begriffe im Laufe der ± ersten Hälfte unse
res Jahrhunderts. Wir se&en die schon eingetretene Veränderung
erst jetzt und fangen an zu verstehen, wie notwendig sie gewee
sen war. Theoretische Kritik einer sensualistisch fundierten
Empirie ist nicht neu; es waren auch nicht allein mystische
und mystischen Einflüssen zugängliche Gegenströmungen, von
denen solche Kritik ausging. Schon das bloße Vorhandensein
der Mathematik zwang von jeher zu einer gewissen Einschränkung
der Geltung des Erfahrungsbegriffes, denn mit dessen erweitern
der Revision war es ja nicht getan, wenn man das eigentliche
Phänomen des mathematischen Denkens erklären und in ein weiter
288
gespanntes System einbauen wollte. Die Revisionsbedürftigkeit
des Empirismus rückt noch, viel deutlicher ins Prinzipielle
dadurch, daß die unvergleichlichen Leistungen der theoreti-
schen Physik nicht aus direkter Erfahrung hervorgegangen sind,
sondern aus Denkvorgängen, die der aus der modernen Wissenschaft
verbannten Intuition wieder näher gekommen sind als der den
Sinnen entstammenden empirischen Kenntnis. Den Hauptanteil
an der heutigen Entthronung der Erfahrung hat aber weder die
Mathematik noch die theoretische Physik noch sonst eine Katego-
rie wissenschaftlicher, bzhw. geistiger Arbeit, sondern die
Realität des menschlichen Daseins, die der ethnischen und der
sozialen Gruppen und der politischen Mächte, die in ihrer
Problematik präzedenzlos ist und Entscheidungen von präzedenz-
loser Tragweite erfordert, sodaß sie sich nicht von Erf ahrungem
ableiten oder auf Erfahrung gründen lassen; zumal die Hölle von
Hiroshima und Nagasaki einstimmig als relativ belangloses Vor-
spiel bezeichnet v/ird und daher keine adäquate Erfahrungsgrund-
lage bietet. Durch die mit dem Mangel an Erfahrung tautologisch
identische Präzedenzlosigkeit wird auch die Kompetenz zur Lösuag
völlig neuer Probleme zu einem eigentümlichen Pröblem, weil die
alte Definition des Spezialistentums nicht mehr anwendbar ist.
Physiker z.B. waren nie Generäle noch Politiker, haben aber mn
solche Funktionen de facto übernommen, v/eil Generäle nirgends
gelernt haben und nirgends lernen konnten, wie ein Atomkrieg
zu führen ist. Sie haben andere Generäle besiegen gelernt,
aber indem sie sich, an der Vorbereitung eines thermonuklearen
Krieges beteiligen, können sie nur von ihrer natürlichen Intel-
ligenz Gebrauch machen, da sie über keine andere Kompetenz ver-
fügen. So werden sie halb und halb zu Dilettanten. Mathematikern i
Physikern und allerhand Technologen ist jedoch Strategie von
Haus aus fremd; wenn sie darin einiges lernen, geraten sie
ihrerseits in einen gewissen Dilettantismus, der ihnen nicht
allzu zart unter die -Nase gerieben zu werden pflegt. Auf derart
unsoliden Grundlagen werden also Pläne für Angriff und Vertei-
digung ausgearbeitet und Entscheidungen von nie gekannter Bedeu-
tung getroffen. Pür den umfassendsten und mörderischesten aller
Kämpfe versuchen daher Halbdilettanten verschiedener Kategorien
ihre mangelnde Kompetenz durch Zusammenarbeit einigermaßen zu
ersetzen und eine Systematik zu schaffen, deren Erprobung die
weitere Verwertung ja sowieso ausschließen würde.
■ >
289
Selbstverständlich fehlen unter den so fragwürdigen Spezialisten
auch die Politiker nicht. &s± Die Armen wissen ihren Mitarbei-
tern, die eine Strategie auszuarbeiten haben, bis heute nicht
einmal zu sagen, wer gegen wen gehen soll, sodaß eine Berechnung
der Stärke des Gegners unmöglich bleibt und vor allem eine
elementare topographische Planungsgrundlage fehlt und man genö-
tigt ist, kaum noch zu steigernde Drohungen zu deklamieren,
ohne mit einiger Bestimmtheit zu wissen, gegen wen sie eigent-
lich gerichtet sind« In der neuen Lage gibt es also keinen
wirklichen Spezialisten mehr, Benennung und Rolle des Fachmanns
wird zur Illusion. Ohne Erfahrung gibt es nur noch Vernunft
und in Binzefällen Intuition. Wie jeder verstehen kann, haben
diese Gaben mit Macht und Stellung so wenig zu tun wie mit der
alten, auf die neue Lage unanwendbaren Erafahrung. Wir müssen
uns das klar machen und uns der populären Illusionen entledigen,
um zu begreifen, in was für Hände sowohl dieses als auch jenes
Steuerrad gegeben ist und wie kritisch wir diejenigen zu lesen
und zu hören haben, die heute die Autorität von Experten für
sich in Anspruch nehmen. Nicht nur daß sie einander und sich
selbst in den wichtigsten Fragen drastisch widersprechen; ihre
Aussagen und Voraussagen beweisen zur Genüge, daß sie in den
Belangen des noch nie geführten und keinem vorausgegangenen
ähnlichen Krieges ebenso Laien sind wie wir Alle. Erinnern wir
uns jenes klassischen Experten, der erklärt, der totale Krieg
könne bis zu 30 Tagen dauern, und selbst hinzufügt, er könne
in 30 Minuten beendet sein; was also sollen wir ihm glauben?
Eine ähnliche logische Leistung besteht darin, zur Abschreckung
zu verlautbaren, um ein Wievielf aches die neuen Bomben jene
von Hiroshima übertreffen, und anderseits, für den internen Ge-
brauch,über das Ausmaß der möglichen Zerstörung Schilderungen zm.
verbreiten, die an das in Hiroshima Geschehene nicht heran-
reichen; was als können wir ihnen glauben?
Am ehesten können noch die Psychologen innerhalb ihres
Faches bleiben, doch haben auch sie heikle und nicht widere
spruchslose Aufgaben. Einerseits haben sie den noch nicht
identifizierbaren Feind zu überzeugen, daß er nicht die gering-
sten Aussichten hat, sich gegen eine derart beispiellose und
der Gesamtheit aller andern Mächte weitaus überlegene Macht
zu behaupten und daß er im Ernstfalle mit Mann und Maus verloren
ist. Für die eigenen Leute werden aber nicht hurrapatriotische,
sondern glaubwürdig klingende Darstellungen verlangt.
290
allerdings mag cm Gonauigkoit viol su wünoohon übrig lQooon»
rirmn Ob die Psychologen die offiziellen Erklärungen ersinnen
oder nur prüfen und verbessern, wissen nur Eingeweihte, und
ich schätze mich glücklich, nicht einer von ihnen zu sein.
Sicher isit nur, daß diese Schritte nicht ohne Psychologen
erfolgen, und wahrscheinlich ist, daß sie mehr tun als sie
können. Wie sollen sie es denn dem Bürger noch plausibler
machen, alles geschähe höchst planmäßig, doch habe man keine
Wahl, weil letzten Endes alles von der Gegenseite abhänge?
Und wenn man auch mit dem Tode von einigen Dutzend Millionen
Mitbürgern rechnen muß, werde bestimmt nicht noch mehr gesche-
hen, dafür werde man schon sorgen. So hat jeder Einzelne eine
Chance, unter denjenigen Millionen zu sein, denen man das
Überleben verspricht, wenn auch ziemlich unverbindlich. Von
der vagen Aussicht auf Lebenserhaltung und der billigen Flucht
in das Nichtwissenwollen macht man umso williger Gebrauch,
je primitiver der wunschgeleitete Narzißmus funktioniert;
und je mehr die Riesenzahlen das Vorstellungsvermögen lähmen
und an seiner Stelle die Apathie und der stumpfe Fatalismus
sich einnisten; und je scheußlicher und vernichtungswürdiger
der Feind in der so ausgearbeiteten offiziellen Darstellung
aussieht; und je verlockender die Aussicht auf völlige und
endgiltige Befreiung der Erde von solchen Ausgeburten der
Hölle wird; und je weniger man sich den Kopf darüber zerbricht,
was das erhoffte Amiebenbleiben selbst im besten Falle bedeuten
muß und ob es überhaupt begehrenswert sei; und je weniger man
an eine reale Alternative, an Rettung, zu denken wagt.
Der Globus als Spielball
Um zu einer möglichst objektiven Einschätzung der Aus-
sichten zu gelangen, versuchen wir nun, uns über die Lage
klar zu werden, wie sie für den glücklicherweise Außenstehendem
aus dem kritischen Studium der publizierten Dokumente erkenn-
bar wird, vor allem über die gegenwärtige Politik der Atomare hte,
Daß es jetzt fünf sind, besagt an sich wenig, nicht nur
wegen der Lückenhaftigkeit des Vertrages gegen Ausbreitung,
und selbst unter der Voraussetzung der Erfüllung seitens der
Signatare, sondern da nukleare Bewaffnung auch für andere Staaten
und sogar für nicht Staat liehe Organisationen, und unter Umständen
291
selbst für Individuen erreichbar werden kann. Solche Aussichten
wären natürlich vervielfacht, wenn die den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion geheim oder offen entgegenarbeitenden Kräfte
sich durchsetzen sollten. Die Möglichkeiten geheimer Atomrüstung
sind teilweise bekannt; besonders nahe liegt die Umstellung von
angeblich für Friedenszwecke arbeitenden Atomindustrien. Ebensowe-
nig müssen die vor sich gehenden und die bevorstehenden Waffen-
lieferungen aufi die konventionellen Kategorien beschränkt bleiben;
potenzielle Gefahren wie die der Apartheid können über Wacht höchst
akut werden, wenn eine hochgerüstete und einem extrem reaktionären
^WÜertane Macht es ihnen ermöglicht. Angesichts der durch so unbe-
kannte Multiplikatoren vermehrbaren Drohungen ist eine Lage ge-
schaffen, in der die Sache des Fortbestandes der Menschheit mit
den unheimlich destruktiven Interessen der heute führenden Atom-
mächte zusammengeht. Das ist unsagbar tragisch und jetzt doch der
einzig mögliche Realismus. Die konkrete Deutung jener Interessen
ist nicht mehr so einfach wie sie noch in den 60er Jahren zu sein
schien, weil die objektiven Komplikationen um so vieles zugenommen
haben. Der trotz den Verhandlungen und bindenden Beschlüssen fort-
gesetzte Krieg um Vietnam ist durch brutale Erweiterung zu einem
Krieg um Südostasien geworden. Er bringt China, dessen Massen nach
der Kulturrevolution keineswegs beruhigt sind, in eine Situation,
in der Festigkeit gegenüber skrupellose^ Herausforderung immer
schwieriger wird. Die Explosion wäre gewiß schon erfolgt, wenn
China es bereits wagen könnte und vor allem, wenn die Gruppierung
der nuklearen Mächte nicht immer wieder vereitelt worden wäre.
Dank eben diesem Umstand atmen wir ja noch, aber die Bedrohung von
mehreren treibenden Kräften her nimmt noch zu; und wenn es einen
Faktor geben sollte, auf den sich alle militärischen Gefährdungen
der Existenz zurückführen ließen, ist es wohl immer noch die
Hauptlinie der Politik Amerikas, die von Regierung zu Regierung
bisher nahezu unverändert geblieben ist. Es fe& die schon erkannte
psychologische und politische Haltung, die allzu oft den schauri-
gen Eindruck macht, daß man einen wirklichen modus vivendi mit
dem Kommunismus nicht einmal wünscht und das Heil immer noch in
einem vielgestaltigen oder allseitigen Kreuzzug sucht. Dieser
Schwund der psychischen Gesundheit kann nicht anders als durch
das fortgesetzte Anwachsen von Angst und Mißtrauen erklärt werden.
Es §£t kein Trost, sondern beschleunigt die nahende Katastrophe,
292
daß der analoge Wahn beide Seiten, oder gar alle drei Seiten frißt.
..onin die phantastischen Ausgaben für militärische Zwecke und die
Vorstöße in den Kosmos Amerika führen müssen, dessen Bevölkerung
nicht darben kann wie die Russen und besonders die Chinesen, hat
keiner so deutlich gesehen wie Bertrand Russell, der dem Gespenst
der Verarmung Amerikas lange vor seinem Tode in die Augen sah,
Bednken wir, daß die Vereinigten Staaten enorme Summen auch an
andern antitommunistischen Fronten ausgeben, wie für viele Nationen,
die es schwer haben und durch freigebige Hilfe gegen die Lockungen
des Kommunismus immunisiert werden sollen, aber nicht immunisiert
werden, weil die Hilfe durch einen demütigenden Faktor gBg±g±gfa
ihrem Zweck zugleich entgegenwirkt 71)«
7l)Ein Plan des Senators Fulbright, die amerikanische Auslands-
hilfe in einen Teil internationaler Hilfe umzuwandeln^(vgl,S. ),
blieb bisher unausgeführt.
Die von allen Staaten während des letzten Jahrzehnts für mili-
tärische Zwecke verausgabte Summe wird auf 2000 Milliarden ge-
schätzt. Das würde wahrscheinlich genügen, alle Armut auf Erden
konstruktiv und produktiv abzuschaffen und alle Probleme zu lösen,
denen biher keine Finanzmacht gewachsen war. Vergessen wir nicht,
daß diese ökonomischen Schätze von denen der Natur stammen, die
alles Leben hervorbringt, und von der Arbeit der Menschen, die
leben wollten und wollen,
was mit dieser ökonomischen Energie unternommen wird, ist
längst nicht mehr so geheim wie einst, denn Geheimhaltung ist nicht
nur schwerer geworden, sondern auch nicht mehr wünschenswert. Die
Veröffentlichung dient demjenigen Mittel zum Zweck, das zum Um und
Auf der Strategie geworden ist, der Abschreckung. Das Prioritäts-
recht für diese Erfindung steht nicht den Mächten von heute zu,
sondern dem Dritten Reich. Der früheren Tradition zufolge hatte
man die wirkliche Rüstungs stärke abzuleugnen und sich schwächer zu
stellen als man war. Es war Göring, dessen dröhnende Erklärungen
über die Stärke seiner Luftwaffe die damalige Welt in Bestürzung
versetzten, auch die eigenen Bundesgenossen, die zu verstehen be-
gannen, weiche unentrinnbare Dienerrolle ihnen zugedacht war. Die
amerikanische Regierung ging auf dem Wege des Ausposaunens weiter,
indem sie schon in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs, noch
vor ihrer eigentlichen Beteiligung, Zahlen über ihre Waffenproduk-
tion und ihre Lieferungen an die Alliierten publizierte, die den
Zweck hatten, Ermutigung und Entmutigung entsprechend zu verteilen.
Damals war das insofern diplomatisch als es selbst während der
293
schwersten Kämpfe noch so etwas wie eine Diplomatie gab.
Seit den Anfängen des kalten Krieges wurde die Gegenseitig-
keit der Abschreckung immer deutlicher, bis das Ausschreien von
Zahlen und Tatsachen objektive Symmetrie der Kriegsstärke unver-
kennbar zeigte, und das weitere Erfinden und Rüsten änderte an
der Symmetrie nichts. Sollten wir uns darum aber auf die Gegen-
seitigkeit und Symmetrie verlassen können, sie gleichsam als
Gewähr für das Ausbleiben des Untergangs begrüßen? Oder würden wir
so aus dem Regen in die Traufe gelangen? Denn wie alles, was der
Angst entspringt, führt auch das Wettrüsten mit den ihm eigenen
Gesetzen nicht vom Abgrund fort, sondern teeibt notwendig auf ihn
zu. E's gibt eine Art Sport, eine dem Maschinenzeitalter und der
Degeneration des Menschen gemäße Variation des alten europäischen
Duells, die in Amerika Ghicken Game heißt. Das Hühnchen wird nicht
nur geschlachtet und gefressen, sondern muß auch als Synonym für
Schwäche und Feigheit herhalten. Der sozusagen sportliche Kampf
vollzieht sich zwischen zwei Automobilisten, die iijder Mitte einer
geraden Landstraße auf einander zurasen, um tödlich zusammenzusto-
ßen, wenn nicht einer im letzten Moment ausweicht. Diesem schreit
dann der Andere die Beleidigung "Hühnchen" zu 72). Dieses Spiel,
72)Sowohl Bertrand Russell als auch der später zu zitierende
Herman Kahn erwähnen es. In Nordamerika ist es allgemein bekannt«
manchen Millionärssöhnchen ein Ersatz für einen Lebensinhalt, ist
in der großen Politik nicht mehr ein Spiel mit dem Selbstmord,
sondern mit der Ermordung der Menschheit und allen Lebens. Diplo-
maten denken daran mit Gruseln, zumal Viele nicht mehr umhin kön-
nen, sich dieses Greuel in voller Anwendung vorzustellen. Am
28. Oktober 1962 ereignete es sich ja tatsächlich, als Kennedy die
Blockade gegen Kuba verhängt hatte und Chruschtschew buchstäblich
und
im letzten Moment auf sich nahm, was seinen Gegnern gewiß auch
vielen seiner Leute als furchtbarer Prestigeverlust erschien,
indem er seine Kriegsschiffe von ihrem Kurs nach Kuba zurückberief. ;
Das konnte nur ein vom Prestige-wahn völlig freier, über den diese
Krankheit des Westens keine Macht hatte. Als Gefangener des
Prestiges scheut man sich vor der Anwendung der eigenen Vernunft,
ja man macht sie durch eine Art Ab sperrungs Vorgang für sich selbst
unzugänglich. Dann kann man nur noch auf die Vernunft der Gegenseite
rechnen. Diese Rechnung hat sich wiederholt richtig erwiesen, aber
kann sie darum als Regel für dauenden Gebrauch empfohlen werden?
294
So hat der gesunde Menschenverstand also drei Todfeinde, oder
vielleicht sind sie nur ein einziges monströses Gebilde mit drei
kungswahn und das Chicken Game, ebenfalls eine westliche Speziali-
tät, Da es um alles geht, ist begreiflich, daß da und dort Wider-
sprüche auffallen und daß es oft genug aussieht, als hätten die
Köpfe den Kopf verloöen. Das gilt besonders für alle Berechnungen
der wahrscheinlichen oder unvermeidlichen Folgen des wahrschein-
lichen, aber durchaus vermeidlichen nuklearen Ausbruchs, Diesbe-
züglich hüllen sich dj^ kommunistischen Mächte in Schweigen, was ±
ihnen Angaben erspart o deren Ernsthaftigkeit niemand glauben würde»
Aus der guten alten Johnson-Zeit sind zwischülP&en Schätzungen des
Präsidenten und seiner nächsten Mitarbeiter bte-Immm^ iuiay noch
Unterschiede erinnerlich, bei denen es auf ein paar Dutzend
Millionen Menschenleben nicht ankam. General Gavin meinte damals,
ein amerikanischer Angriff auf die Sowjetunion würde mehrere hund
Millionen Tote zur Folge haben; aber wo, das würde vom Wind abhäng
gen. Die meisten Toten könnten innerhalb der USSB sein, aber eben-
sogut könnten die japanischen Inseln und auch die Philippinen
betroffen sein, und unter Umständen wäre Westeuropa vom amerikani-
schen Angriff am schwersten heimgesuchte 73) • Nicht minder illuexs
73)ln einem natürlich veralteten und 'doch nicht belanglosen
Bericht eines UNO-Komitees vom Oktober 1967 wird die altbekannte
Tatsache bestätigt, daß das vorhandene nukleare Arsenal zur Ver-
nichtung der ganzen Menschheit ausreiche. Neu war damals die
Errechnung, daß eine einzige 20-Me gat on-B omb e genüge, von einer
Bevölkerung wie der New Yorks sieben Millionen zu töten.
Solche Gewißheiten bergen eine noch immer zu wenig begriffene
Gefahr. Da sie in Dimensione]%eraten, die außerhalb unserer
Maßstäbe liegen, also allzu unanschaulich werden, gefährden sie
auch unsere bis zu einem gewissen Grade lebenserhaltende Angst,
die von Fatalismus, Nihilismus und Willenslähmung verschlungen
werden kann. Der Beginn dieser Symptome ist bei vielen Zeitge-
nossen eindeutig zu beobachten.
sionslos berechnete schon damals Linus Pauling, da^ o pro
Vorrat das 150fache der Menge war, mit der die ganze Menschheit
umgebracht v/erden konnte 74).
74) Prof .Pauling ging von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs
aus, daß einer Tonne Sprengstoff die Tötung eines Menschen ent-
sprach, und 1967 gab es 500.000 Megaton.
Köpfen: Das im Westen geborene P&tige, den ostwestlichen Abschrek
300
<^erfolgen sollte - eine Erwartung, die niemand zu motivieren
wü^e -| würde die Zahl der Verwundeten auf 21 Millionen sinken
und dxe der Toten bis 72 Millionen ansteigen. So würden auf
Grund dersveralteten Statistik 58 Millionen am Leben und unver-
wundet bleib^, Nach Rüssel könnte es die amerikanische Regie-
rung als eine Art Sieg betrachten, wenn der russischen Toten
noch mehr wäre. Auf die reale Bedeutung solcher Ergebnisse
will ich zurückkommen*^
Die Präge, wofür eigentlich gekämpft werden soll, haben
wir schon wiederholt berührt, aber noch nicht abschließend
behandelt. Ein sachlicher geschichtlicher Rückblick auf die
Motive von Kriegen hat das grauenvolle Resultat, daß fast
alle schnöder Interessen wegen oder um Belanglosigkeiten
geführt wurden. Es waren Habgier und Macht int eressen verbre-
cherisch gesinnter Individuen oder Familien und ähnlicher Ego*
ismus von Einzelnen und Gruppen, die auf Massen Einfluß gewana
nen, ihre Interessen zu Ideologien zu machen wußten und Viele
bis zur Selbstaufopferung brachten. Die Wichtigkeit der Kriegs-
ziele umfaßt auch hohe Zivilisationen, wie den blutigen Hader
um die Hegemonie in Griechenland oder die Kriege der Städte
Italiens um schäbige Privatinteressen. Erst in einem Zeitalter,
das auch altehrwürdige Bemäntelungen aufzuheben sucht, den
Fortbestand der Religion in Frage stellt und Kirchen in ihrer
Defensive zu tiefen geistigen Revisionen und kühnen Zusammen-
schlüssen führt, sehen wir den ganzen grausamen Hohn der um
lächerlich substanzlose Unterschiede vergossenen Ströme von fi±
Blut, den mörderischen Fanatismus, den es bis heute nach neuen
Opfern hungert, und schließlich die Personen, die beide Welt-
kriege entfesselten. Wären Menschen nicht dazu gebracht worden ,
den Andern zu hassen und wäre es nicht immer wieder gelungen,
sie glauben zu machen, sie seien bedroht und müßten angreifen,
um sich zu verteidugen, so hätte es auch nicht das den Inter-
essenten genehme Heldentum gegeben und die Menschen hätten
sich bessere Ideale und höhere Güter geschaffen als die Aushän-
geschilder der Kriegsgewinner und Kriegsverlierer. So also
sehen Kriegsziele oft schon nach kurzer Zeit aus, geschweige
denn nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Wieviele von allen
Kriegen konnten ohne gefälschte Argumente und verlogene Begrün-
dungen geführt werden und wie oft gingen Menschen überhaupt in
den Kampf, ohne über den Zweck und die Notwendigkeit irrege-
führt worden zu sein? Aber selbst die Inszenierungen der
•I
nur
501
beiden Weltkriege waren noch weitaus geringere Untaten als
jede den Frieden heute bedrohende Handlung, Darf es noch
Fahrl&igkeit oder irgend eine Beschönigung geben, seit es
um Sein oder Nichtsein des Lebens auf Erden geht? Halten wir
mit den Faktoren der Zerstörung möglichst genaue Abrechnung.
Prüfen und entlarven wir die irreführenden Phrasen mit rück-
sichtsloser Eindringlichkeit. Den alten und neuen Erfindungen
zur Verdummung und Einschüchterung sollen Besinnung und Ver-
antwortung systematisch, gründlich und mit der Furchtlosigkeit
entgegenarbeiten, die sich logischx au& der Alternative ergibt.
Kann das bestreiten, wer sich noch ein Minimum an Verstand
gewahrt hat?
Daß es mit den Ideologien, für die diesmal alles riskiert ,
bzhw. geopfert werden soll, nicht genau so steht wie behauptet
wird, zeigt schon der simple Umstand, daß für die in Betracht
kommenden drei Lager nicht einmal allgemein als sachlich rieh*
tig anerkannte Bezeichnungen bestehen. China spricht der
Sowjetunion apwrfli ng.s den Kommunismus ab und nennt sie revi-
sionistisch; China selbst frönt dem Stalinismus, jener Abart,
die den Kommunismus total verfälscht hat, um an seine Stelle
einen fatalen Personenkult zu setzen, der in chinesischer
Übersetzung Mao tze tung-Kult heißt, abgekürzt Maoismus. Am
schwersten geht es mit einem Namen für das dritte Lager, da®
insofern das erste zu sein hätte, als es ja die beiden andern
hervorgebracht hat und deren Voraussetzung bildet. Als demo-
kratisch oder frei kann es nicht gut bezeichnet werden, da
Südafrika und Südwestaf rika, Rhodesien, Angola, Spanien,
Portugal, Haiti sowie die faschistischen und halbfaschistischen
Diktaturen Südamerikas dazugehörenj^.uch die Benennung Kapita-
lismus ist ziemlich unpassend, nicht nur weil ihr in den kom-
munistischen Ländern ein schmähender Sinn anhaftet, sonder weil
sie an sich mit Idealen nicht viel gemeinsam hat, jedenfalls
nicht mit solchen, für die Menschen zu leben oder gar zu ster-
ben bereit sein können. So hat in dieser letztgenannten Gruppe
jedes einzelne Land seinen Namen, und manche dieser Namen haben
einen hübschen Klang, aber ein Wort zur Benennung des Gerne insa-
■äää, Verbindenden«, fehlt. Wenn man diese Länder schließlich die
antikommunistischen nennen wollte, täte man ihnen bitter Unrecht^
denn das würde besagen, daß ihr Sinn und ihre Funktion nur in
der Negation bestehe, zugleich aber auch, daß der Kommunismus
302
das einzige sei, was ihnen zusammen einen Inhalt gibt.ttaär-
oio vorbindet» Wenn man es schließlich mit geographischer
Sachlichkeit versucht und von Ost und West spricht, was soll
man z.B. mit Japan und mit Kuba anfangen? So bleibt praktisch
als Nomenklatur nicht viel mehr übrig als die Namen dreier
Länder mit ihren Hauptstädten, ohne die Verbündeten, die durch
sie nur halb und halb repräsentiert werden.
Stellen wir also an jede der drei Hauptmächte die ein-
fache Frage, warum sie ihr gesamtes Dasein aufs Spiel setzen sz
will, um Andere zu vernichten. Es ist bereits klar, daß es
heute in China am schwersten sein muß, eine sachliche Antwort
zu bekommen, weil die emotionale Situation dieses Volkes so
unvergleichlich kompliziert und erschwert ist« wofür die
als Kulturrevolution bozoichnoto Explosion zum krassesten
Indikator geworden iofrjy Für unsere Generation ist es gewiß ein
hohes Glück, daß China weder ganz monolith noch ganz starr
ist und daß es jetzt, im Vorstadium der letzten Entscheidungen,
erst teilweise gerüstet ist. Wenn in den Vereinigten Staaten
und in der Sowjetunion jetzt, da China auch die H-Bombe hat,
die Einsicht siegen sollte, wäre noch Zeit genug, die ins
Auge gefaßten Möglichkeiten zu ergreifen, um China durch
ernste und aufrichtige Taten zu versöhnen.
Die USSE kann antworten, daß sie keinen Krieg will, daß
sie sich von der Doktrin einer kriegerischen Auseinandersetzung
mit dem Kapitalismus abgewendet hat und Koexistenz erstrebt;
daß sie von Amerika zum Wettrüsten gezwungen wird und daß
schon Chruschtschew am 18. September 1959 allgemeine und voll-
ständige Abrüstung beantragt hat, ohne Gehör zu finden. Die
Zustimmung Amerikas war damals daran gescheitert, daß die Sow£
jetunion die gegenseitige Überwachung durch Inspektion ablehn*
te, mit der Begründung, daß sie dadurch dem Mißbrauch durch
Spionage Tür und Tor öffnen würde. Angesichts der ungeheueren
Bedeutung eines solchen Übereinkommens hätten die Bemühungen
hartnäckig fortgesetzt werden müssen, bis sie schließlich zu g
gegenseitigen Konzessionen und zum Ziel geführt hätten. Doch
statt der Vervielfachung solcher Bemühungen kam es zum ver-
vielfachten Krieg in ^e4nai^finla^ubagmämiFlhm ursächlich
zusammenhängenden arabisch-israelischen Krieg.
Was würde Amerika auf die gleiche Frage entgegnen? Daß
es zur definitiven Beendigung des kalten Krieges bereit sei und
303
unter der Bedingung der gegenseitigen Inspektion 3äääaaäK
WSääBS^S^SSSSSSSksB±t der totalen Abrüstung einverstanden sei.
Verorderung an GMm&Ble&dB^^
HHteHK jgjH rtrtttf6ft&&fe£^ würde die Lage
ungemein komg^ziere^n^zumal China vor Abzug der amerikanischen
Truppen aus ^tajetssm. mit Amerika wahrscheinlich überhaupt nicht
verhandeln würde« Noch schlimmer wird die Komplikation durch
Argumente, die so viele Amerikaner im Sinn haben, aber lieber
nicht laut äußern. Es ist niolaffi^ine abstrakte Furcht vor dem
Kommunismus, sondern die vermutete Absicht der kommunistischen
und zu berauben.
urch-H
Staaten Nordamorikao goht oino-
intensive und permanente Propaganda, die alle Schichten des Xh
Volkes umfaßt und dite Situation so darstellt, als gäbe es nur
eine einzige Wahl, di\ zwischen Unterwerfung und Kampf. Da
man die Unterwerfung ais unabwendbar und unabänderlich real
hinstellt, es aber vermeidet, zum Kampf mit allen seinen genau
definierten Konsequenzen Wf zurufen, und nur "Bereitschaft"
verlangt, den Aufruf zum totalen Vernichtungskampf also in
eine nichtssagende und ziemlich plausibel klingende Phrase htüLt»
ist der Amerikaner eben ^erei\& Wäre die Prämisse richtig,
_ .. , Jfc&iKder. , des einfachen Amerikaners
so wäre auch ee^/^ntschluß^hodhgradig richtig und psycholo-
gisch mehr als begreiflich. Fällte man nur zwischen Knechtschaft
und Tod zu wählen hat und in Freiheit zur Freiheit erzogen ist ,
wird man zumeist den Tod vorziehenV doch dazu neigt der einfae
che Mann nur darum, weil er sich übeV zwei höchst wichtige
Dinge nicht klar wird. Erstens, daß d\eses Dilemma nicht real
ist und weder den Intentionen der Sowjetunion entspricht noch
ihren Möglichkeiten. Denn ihr Stalinismüß ist vorüber und auch
in ihr wird die Diktatur, der kommunistischen Lehre entspreefes
chend, nicht ewig dauern; und ebensowenig ibann von Unterjochung
die Rodo coin, da von oinooitigor Entwaffnung nie und nirgcndc
dio Rsdo warn. Auch über die Bedrohung durch China ist der ein£
fache Mann in Irrtümern befangen, von denen er unschwer befreit
werden könnte. Hat denn selbst einer der heutigen Chinesen je
einseitige Abrüstung beantragt? Auch die Agr%sivsten unter ihne
die dem rotgefärbten Faschismus völlig Verschriebenen, träumen
"nur" von einem Sieg, der die nukleare Überlegenheit zur Voraus-
setzung hat; und diese wäre wohl nur dann zu erwarten, wenn
sowohl die Amerikaner als auch die Russen aus unerfindlichen
304-
Gründen, freiwillig oder unfreiwillig, ihre Rüstungen aufgäben,
um China allein weiterrüsten zu lassen. Ein anderer Denkfehler
jenes einfachen Mannes besteht in seiner veralteten Auffassung
von eben dem Tode, den er der andern Fehlvorstellung vorzieht;
denn nun hat der Tod nicht mehr die idyllische Bedeutung des
individuellen Endes, sondern des allgemeinen und endgiltigen.
Sodaß diesen zu wählen der sinnloseste aller vorstellbaren
Beschlüsse geworden ist.
Um den einfachen Mann zu realistischer Entscheidung in
der Lage, die ihm so hohe Verantwortung auferlegt, zu befähi-
gen, müßte man ihm helfen, nicht in Schlagworten zu denken,
sondern den Dingen auf den Grund zu gehen, solange es noch nicht
zu spät ist und er überhaupt noch Entscheidungen treffen kann.
Denn selbst wenn der Kommunismus eine ganz und gar teuflische
Idee wäre und seine Anhänger lauter Banditen und Räuber wären,
die eben das planen, was die gehässigste Propaganda ihnen
zuschreibt, wäre zumindest zu bedenken, daß sie nicht Alle g»g
gleich sein können und daß sogar zwischen ganzen kommunistischen
^ändern auffallende Unterschiede bestehen. Jugoslawien z.B. hat
Amerika und seinen Verbündeten nie Feindseligkeit gezeigt. Die
USSR selbst war einmal Amerikas Kampf genos sin, und ohne Stalin
und die schwere Unfreundlichkeit auf der amerikanischen Seite
hätte es nie zu dieser Lage kommen müssen. Bevor man eine Ent-
scheidung trifft, die der Inbegriff des Definitiven sein muß,
sollte man aber auch nicht vergessen, daß selbst das härteste
Regime und System nicht ewig dauert, sondern erfahrungsgemäß
sich oft als überraschend kurzlebig erweist; daß also selbst
für den absurdesten Fall einer russischen oder gar chinesischen
Fremdherrschaft in Amerika noch nicht aller Tage Abend wäre -
unter der einzigen Voraussetzung, daß die Weltgeschichte fort-
gesetzt würde und nicht plötzlich zu Ende ginge. Daß dem gegebe-
nenfalls so wäre, will ich zu zeigen versuchen, und das ist
leider nicht schwer. Der einfache Mann hätte also selbst für
den nach seiner Meinung schlimmsten Fall zu wählen? :
Zwischen einem^fi$»bfö^u Leben, dessen Gestaltung er doch
immerhin mitbestimmen könnte, und dem Untergang. Würde er, wenn
er von seiner Gedankenfreiheit vollen Gebrauch machte, zu dem
selben Resultat gelangen, zu dem die grausam verwirrenden
Schlagworte ihn drängen?
Ist aber nur der einfache Mann ein Opfer von Schlagworten ?
305
Wenn ich nicht irre, sind Schlagworte oft genug Namen für
vergangene, nicht mehr existierende Realitäten, während
existierende und entscheidende Begriffe zumeist noch nicht recht
benannt sind, weil sie noch nicht genug erkannt sind. Mit Recht
wird darauf hingewiesen, auch von Russelt, daß die Diplomaten
es auf Siege abgesehen haben, statt auf Ausgleiche und Über-
einkommen. Das Keißt aber, daß sie in Kategorien denken, die
dem 19. Jahrhundert adäquat waren, vor allem seiner Krieg-
führung; ohne zu verstehen, was das nukleare Zeitalter bedeutet
und wie kindisch oder senil eine solche Auffassung von Diplo-
matie heute g^orden ist. An der Diplomatie als Maßstab müssen
wir mit Bestürzung und Grauen erkennen, daß die Mehrheit der
Menschen noch keine realistische Vorstellung von ihrer Lage
hat, noch nicht imstande ist, zu begreifen, worum es geht.
Der gesamte Streit um Kommunismus oder Kapitalismus ist in der
Perspektive des nuklearen Zeitalters nicht bedeutender als ein-
mal der Hader zwischen Florenz und Pisa war.
Abgesehen von den schäbigen Belanglosigkeiten, die eine
der mächtigsten Regierungen veranlassen könnten, auf den Knopf
zu drücken, um alles in Agonie und Chaos zu stürzen und zugleich
sich selbst jeder Verantwortung für immer zu entziehen, war vor
manchem pttitischen Forum und in der Presse oft von den Gefahren
einer sozusagen unbefugten Auslösung der nuklearen Vernichtung
die Rede. Wie man uns versichert, soll einer sochen Möglichkeit
in Amerika ein so schwerer Riegel vorgeschoben sein, daß wir
praktische einen solchen Ausbruch nicht zu befürchten brauchen.
Darüber hinaus hat es die US Regierung für notwendig befunden,
nicht weniger als 10000 Personen, deren seelische Gesundheit
für unsicher befunden wurde, aus Stellungen, die mit der nukle-
aren Rüstung zusammenhängen, in andere zu übertragen. Und es
kann keinem Zweifel unterliegen, daß nach analogen Systemen
ein Maximum an Vorsicht auch in der Sowjetunion und in den
drei andern heute in Betracht kommenden Ländern geübt wird.
Doch schon eine bloße Definition der Neurosen begegnet
Schwierigkeiten, geschweige denn ihre präzise oder wenigstens
für die praktische Vorsicht ausreichende Abgrenzung gegenüber
dem "Normalen", dessen Existenz bestritten werden kann und von
manchen bedeutenden Kennern hartnäckig als Legende bezeichnet
wird. Diese beklagenswerten Unsicherheiten führen zusammen zu
dem furchtbaren Endresultat, daß wir im Dunkelt tappen und
306
nicht mit dem als wissenschaftlich geltenden Wahrscheinlichem:
keitsgrad zu sagen wissen, mit wessen psychischer Gesundheit
gerechnet werden kann. Die Erfahrung des Alltags bestätigt
diese grausame Relativität menschlicher Zurechnungsfähigkeit
und Verantwortlichkeit durch die häufigen mit dem Sammelnamen
des Nervenzusammenbruchs bezeichneten £SO££Mföfö£ krisenhaften
und annähernd katastrophalen Phasen im Leben Vieler, die sonst
keine besondern Merkmale der Krankhaftigkeit aufweisen. Diesen
oft diagnostisch schwer zugänglichen Fällen ähneln andere, die
• . -r-v , , TT , „Simulation
mit Recht oder Unrecht als Simulanten bezeichnet werden, doch
gibt es auch diverse Mischungen echter und vorgetäuschter
Pathologie, die?Ent Scheidungen in der enorm praktischen Frage
der Verantwortlichkeit noch ungemein komplizierend wirken.
Zwischen den beiden Extremen der ausgesprochenen Krankheit
und rein verbrecherischer Planung gibt es allerhand Möglich-
keiten, die in den Bedingungen der Gegenwart die größte Kata-
strophe auslösen können 75). Die Rauschgiftseuche, die an sich
einem andern Gebiet angehört, trägt wie die Neurosen mit allen
ihren Folgen zur Unsicherheit unserer Lage nicht wenig bei.
Wenn hingegen ein Psychiater versichert, Fälle ausgesprochener
Schizophrenie seien relativ selten, so ist das in unserem
Zusammenhang ein ziemlich unangebrachter Beruhigungsversuch,
denn praktisch "SÄ es gewiß weniger dieiS^^^^^^^x sondern
die ^ae±xsa^snK&äsc±sn unter Intellektuellen und Halbintellek-
tuellen, wenn auch nicht nur unter solchen, unübersehbar weit
verbreiteten Neurosen, die den psychologischen Gesundheitszustand
der Gesamtbevölkerung kennzeichnen. So scheint es nicht allein
technisch, sondern auch psychologisch durchaus möglich, daß
Unbefugte den allgemeinen Untergang herbeiführen.
Muß schließlich noch ausdrücklich hervorgehoben werden,
daß das^iSt die vielen Unbefugten Gesagte auch für die wenigen
Befugten gilt? Woher haben wir eine Gewähr für ihre psychische
Gesundheit? Sollten wir uns nicht vor allem hüten, ihre zuweii
len allzu deutlich sichtbare Bedrängnis noch zu verschlimmern?
Sollten nicht diejenigen, die das können, bemüht sein, ihnen
in ihren Schwierigkeiten zu helfen, um zu verhindern, daß ihre
Lage jemals ausweglos werde? Doch wenn man die Untergebenen
75) Ein phantasievoll und klug geschriebener Roman von
Eugene Burdick, Fail Safe, McGraw-Hill, New York 1962,
gibt über diese Möglichkeiten hübschen Anschauungsunterricht.
307
und Ratgeber der Obersten und sicherlich nicht Beneidenswerten
mustert, so gut es ein Außenstehender kann, nimmt das Gefühl
der Sicherheit nicht merklich zu. Man möchte ihnen und Allen
wünschen, daß sie die Tragweite ihrer Arbeit in dieser beispi
losen Epoche verstehen. Und daß sie das, worauf es ankommt,
rechtzeitig erfassen, nicht zu spät.
Denn man kann völlig sicher sein, daß im letzten Moment
auch die Staatsführer, Rüstungsindustriellen, Generäle und
Diplomaten sich und die Ihren werden retten wollen, aber sie
werden es nicht mehr können, und ihre unterirdischen Festungen
werden ihnen wenig helfen. Wenn nicht auch sie bald umkehren.
Wenn nicht endlich Amerika sich mit dem bisher vergossenen
Blut der Asiaten und Amerikaner begnügt und seine Jugend aus
restlos,
dem fernen Vietnam weise, großmütig und heroisch« zurück-
beruft. Und wenn die Sowjetunion sich nicht gründlich auf ihre
Möglichkeiten zu Gunsten einer systematischen und konsequenten
Friedenspolitik besinnt, den von aller Welt gewürdigten Erfolg
ihrer Methode in Taschkent auf alle bestehenden und kommenden
Situationen anwenden lernt, zunächst auf/. Südostasien Tind auf
den -Nahen Osten. Und wenn nicht das kommunistische Vietnam,
mit den kommunistischen Großmächten oder ohne sie, Amerikas
3B^BBB§^gB^|Bge'bote mit aller ünvoreingenommenheit und Elasti-
iTeTlweise
zität prüft undy\annimmt , um den Gegner nicht zu noch viel
schlimmerem Unheil zu drängen. Und wenn nicht bald die ganze
Menschheit sich an einen riesengroßen Verhandlungstisch setzt,
um nicht einen Zustand heraufzubeschwören, in dem es keinen Sü
Tisch, keinen heilen Körper und kein richtig funktionierendes
Gehirn mehr geben kann.
Womit beschäftigen sich Menschen heute?
Heute - das ist, wie nun Alle wissen sollten, aber immer
noch nicht Alle wissen wollen, die Zeit mehrerer Gefahren,
deren jede das Leben auf Erden in Frage stellt, und einer
einzigen Gefahr, die das unerbittliche Ende bedeutet. Um die
vorliegende Arbeit nicht unnötig zu verlängern, will ich der
Frage, was die Menschen in dieser Zeit tun, nicht gründlich
nachf orscheny und die Fülle des Informationsmaterials, das
durch eigene Beobachtung und in Bibliotheken zu finden ist,
unberührt lassen. Scjgebe ich also nur einige Antworten, die
auf der Hand liegen.
Die Meisten (lassen wir nun nähere Bestimmungen
308
wie auch prozentuelle Schätzungen dahingestellt) tun, was
Leute seit Menschengedenken getan haben. Sie gehen ihrem Erwerb
nach, essen und trinken soviel sie wollen oder können, haben
diverse Genüsse, zu denen auch der Sport des ^agens und Tötens
gehört, zeugen und gebären oder vermeiden Zeugung und Geburt.
Auf der Suche nach Bereicherung und Vorteil geraten sie zuweü
len in das Verbrechen, in dessen Bereich sie solchen begegnenf
die aus andern Motiven dahin gelangt sind. Viele leben in bit-
terer und oft so verdummender Not, daß sie selbst nicht recht
wissen, womit sie eigentlich ihre Zeit verbringen. Manche
schaffen, und das tun sie entweder im Bewußtsein (oder im
Gefühl) der begrenzten Zeit, die ihnen noch zur Verfügung
steht und mit dem Wunsche, diese Spanne möglichst sinnvoll zu
verwerten; oder aber, um sich selbst von der Realität abzu-
lenken, ihr zu entrinnen. Dazu benützen zahllose Andere billi-
gere, nämlich käufliche Mittel, die sie axs aus der Wirklichkeit
hinausgelangen und das finden lassen, was sie in ihr nicht fin-
den, sodaß der Widerstand gegen solchen Anreiz Charakter er-
fordert. Manche sammeln Brfef marken, graben nach Resten chalko-
lithischer Kulturen, schreiben Studien über Heraldik. Doch ist
es keineswegs eine allzu gewichtige Mehrheit, die sich mit
dem Zeitfernen und Inalcfcuellen befaßt oder sich in Indifferenz
verschanzt. Eine zahlenmäßig nicht zu verachtende Kategorie
bilden ja die Köpfe und Hände der Kriegsindustrie einschließ-
lich der Erzeugung von A- und H-Bomben, der Raumforschung ein-
schließlich der so praktische gewordenen Astronomie und Mathe-
matik und aller andern vom Rande des Abgrunds nicht mehr fernen
Spiele. Mit ihnen teilen noch die Technologen, Naturwissenesta
schaftler, Psychologen und Politiker die Beschäftigung mit Zeit-
Problemen, die zu einem gewissen Teil allerdings eine verkehr-
te, sinnwidrige Beschäftigung ist, ein Drängen der Energien
geradewegs zum Abgrund. Dieser Kategorie gehören schließlich
sämtliche Soldaten an, die schon kämpfenden und die bereitge-
haltenen, lernenden und übenden, aber auch die Knaben, die
ihre Einberufung erwarten.
Womit beschäftigten sich die Meisten am 28. Oktober 1962,
als manche ihrer Mitmenschen mit verhaltenem Atem am Radio
saßen und die zu Greueln gewordenen Routineprogramme hinnahmen,
um zu erfahren, ob Chruschtschew seine Kriegsschiffe mit
Kennedvs Blockadeflotte zusammenstoßen lassen oder sie doch
309
noch zurückberufen würde. Den Rand des Abgrunds, aus dem es
keine Rückkehr gibt, hatten wir mit einem Fuß schon überschrit-
ten. Ich war in den Vereinigten Staaten und kannte ein Eltern-
paar, das sich in eben jenen Stunden über eine Kindergärtnerin
beschwerte, die seinem Kind nicht genügende Aufmerksamkeit
erwiesen hatte; statt daran zu denken, wie lange das Kind noch
leben und Nahrung, Eltern und ein Obdach haben xft würde. Als
ein Knabe seinen Vater fragte, wo man sich denn bergen könne,
mußte dieser schweigen; er konnte ihm nur raten, nicht hinauf-
zuschauen, weil man vom Anblick erblinden könne. Man war
gewohnt, in der Wir-Form zu sprechen, aber in jenem Moment
brach das Ich hervor, als der Junge bitter klagte: "Ich habe
erst so wenig gelebt und nichts verbrochen!" Manche verstanden
bald darauf, daß ohne die Einsicht, das Heldentum und den
Opfermut Chruschtschews nie mehr ein Nobelpreis hätte verliehen
werden können.
An jenem Tage hielt das Geschäftsleben aber nicht inne,
Kinos, Restaurants und Lokale anderer Kategorien waren so voll
wie sonst, auch die Schönheitssalons, und in den Museen er-
zählte das gleichgeschaltete Personal den Besuchern, Picasso
sei ein Genie und Moore ein Bildhauer. Die Gerichte registrier-
ten die durchschnittliche Anzahl von Klagen. Das TV brachte
die normalen Brutalitäten. Die Kriminalpolizei hatte nicht weni
ger zu tun als sonst. Die Leichenbestattungsanstalten arbeite*
ten wie gewöhnlich und nur Wenige dachten an die Möglichkeit,
daß die Toten noch am selben Tage beneidenswert werden könnten.
In Klöstern sprach man einander Mut zu, betete inniger und er-
wartete das Heil von einer wunderbaren Wendung.
Von öffentlicher Meinung
In Diktaturen ist eine öffentliche Meinung im demokrati«z
sehen Sinne, oder zumindest deren Äußerung, naturgemäß nicht s
möglich, am wenigsten im heutigen China, wo der alte Mao die £
Jugend erobert hat und beide in seiner stürmischen Apotheose
reichliche Ersatzbefriedigung finden. Die ihm vor ihrer Zoit
als Huldigung überreichte H-Bombe ist das Symbol der Erfüllung,
der Erfülltheit des Volkes von seinem Geiste, neben dem es nicht
«aa&sr zeitgenössischen noch antiken Geist iQ» wo& geben soll
D^iirChi»e8rn restlose Annahme alle AnsprücheaM£ eigenes '
denken erloschen sollen.
Die Sowjetunion ist wohl näher daran, freie Meinungs-
310
äußerung zuzulassen, doch gut Ding braucht Weile. Ihr
allgemeines Tempo ist wohl eine seltsame Synthese von
rasender Geschwindigkeit und zähem Ausharren, doch in der Frage
der Meinungsfreiheit neigt sie eher zu einer gewissen Starr-
heit.
In Amerika hat Meinungsäußerung als solche nichts Revo-
lutionäres an sich, sondern ist Bürgerrecht und geachtete
Tradition. Sie hat ihr wohlgebautes Rahmenwerk und man übt sie
auf legalen, halblegalen und illegalen Wegen aus, wählend,
demonstrierend, schreiend, raufend und schießend, und all das
im stolzen Bewußtsein des Hausherrn, ob diese Vorstellung nun
ganz realistisch oder zum Teil Illusion sei. Mit der Erforschung
der öffentlichen ^einung^sich zwar vorwiegend private Institu*
tionen und Individuen, doch sind ais Fälle falscher Wiedergabe
oder gefälschter Statistik bisher nie bekannt geworden; ver-
suchen wir einen Querschnitt. mil Tau^innem wir da, wo die
Richtigkeit der Wiedergabe keinem Zweifel unterliegen kann,
l amerikanischen Senat.
Der Senator Wayne Morse, der nach früheren Etappen seines
politischen Werdegangs sich den Demokraten anschloß *md oo
^ft^feeigenosse des Präsidenten Johnson wurdo, nimmt als Mit-
glied der Senatskommission für Außenpolitik^ doron Vorsitzen-
der V«W« ffulbrigfct— is-ky eine besonders einflußreiche Stellung
ein, \km. 16. März 1966 horchten Amerika und andere Länder auf,
als M6rse erklärte: "Die Vereinigten Staaten sind die größte &
Drohung für den Frieden auf diesem Globus," Mit Bezugnahme
auf das amerikanische Vorgehen in Vietnam, das er "weder
rechtliih noch sittlich" nannte, fragte er: "Mit welchem
Recht spielen wir die Polizisten der Welt?" Später fügte er fe±
hinzu, es seia nur eine Frage der Zeit, wann China "auf unsere
Gesetzlosigkeit (outlawry) wird erwidern müssen"; doch "Es ist
für das Volk der Vereinigten Staaten noch nicht zu spät,
darauf zu bestehen, daß seine Regierung in ihrer Außenpolitik
nach unseren religiösen Prinzipien handle." DeiatyPräoidcntcn
nannte er "das Opfer unzulänglicher (poor) Beratung" und
warnte: "Wenn wir das erste russische Schiff versenken, sind
wir mit Rußland im Kriegszustand und der dritte Weltkrieg wird
begonnen haberL ">
Um sowohl das rein deskriptive Aufzeigen von Tatsachen
als auch Zitate auf das unerläßliche Minimum zu beschränken,
unterlasse ich eine Schilderung der innerlich großen und in
ihrem Umfang mehr als beträchtlichen Bewegung des Widerstan-
3H
des gegen Krieg überhaupt und gegen den Krieg in Vietnam und
die Vorbereitung des weitaus größeren Unheils; auch die Dar-
stellung von Persönlichkeiten dieser Bewegung und der Märtyrer,
die durch Aufopferung ihres Lebens viele Menschenleben zu
retten gedachten, scheint mir eher einer besonderen Studie
würdig. In manchen ihrer Verzweigungen und Ausdrucksformen
scheint diese Bewegung dem Kommunismus nahe, doch beruht
dieser Anschein vorwiegend auf der seit Hitler üblichen
Bezeichnung alles Unbequemen als kommunistisch. Daß sie auch
die gläubigsten Katholiken, ja Jesuiten umfaßt, wäre unter der
Voraussetzung psychologischer Normali-
tät des Beurteilenden gewiß ein reichlich genügendes Alibi,
doch müssen wir ja in unserer Generation unaufhörlich erle-
ben, daß eine solche Voraussetzung nicht zutrifft. Daher erle-
ben wir, daß die gewaltige Seelenkraft, die in all dieser
Hingabe zum Ausdruck kommt, der Macht der Rüstungsindustrie
und der Unzähligen, die deren Interessen wenn auch bona f ide
vertreten, nicht gewachsen ist. Dennoch ist die moralische
Kraft der Bewegung bedeutend genug, um nah und fern Bewunderung
auszulösen, und diese ist so menschlich und so natürlich, daß
Fehlschlüsse über ihre praktische Bedeutung und über das Ver-
hältnis zwischen ihr und den Kräften des Regimes naheliegen.
Seit langem mußte man den Eindruck gewinnen, daß die Regierung
Nordvietnams a und wohl auch die politische Führung der Viet-
kong von der Opposition in Amerika entscheidenden Einfluß er-
warten, vom Druck der Opposition auf die amerikanische Regie*
rung eine für den Frieden direkt belangvolle Wendung erhoffen
und diese Hoffnung zu einem Teil ihrer Planung gemacht haben.
Eine Gruppe von führenden Oppositionellen in Amerika fühlte s
sich deshalb verpflichtet, die vietnamischen Kommunisten darü-
ber aufzuklären, daß sie die realen Kräfte der amerikanischen
Opposition überschätzender Warnung stimmte diTRe^ung
natürlich zu. Es^i^-eln ungewöhnlicher Fall gemeinsamer Inter-
essen indej^elgentlich strittigen Frage, da beide Seiten, wenn
3ht^Te, die unnötige Verlängerung des Krieges vermeiden
-en.>
Gewiß, das Regime ist so stark, daß wer es schwach nennt,
nur ein Blinder oder^ein Prophet sein kann. Die Regierung mag
zuweHen überrascht Asein, etwa wenn Offiziere sie gerichtlich
klagen, weil ihr Verlangen nach Entlassung vom Militärdienst
in Vietnam abgelehnt wurde und wenn sie sich in ihrer
. 312
Begründung auf den 13. Zusatz zur Konstitution beriefen, der
Sklaverei verbietet. Die Regierung bedient sich auch ihrerseits
legaler Mittel, wenn Soldaten, die sich nicht nach Vietnam
einschiffen wollen, mehrjährige ^£^^MS^&S^^J°Ch
gerade angesichts solcher Reibungen^ t cino 1966 veranstaltete
Befragung amerikanischer Soldaten in Vietnam charakteristisch.
Die meisten der Befragten waren im Alter zwischen 18 und 20.
Nur ein kleiner Teil von ihnen schwankte oder gab Gewissens-
zweifel zu. Die Gesinnung der meisten entsprach dem Kriegs-
dienst, und manche wiederholten genau die offizielle Version,
es sei klüger, den Kommunismus in Vietnam zu bekämpfen als
in Amerika. Obwohl es noch leichter wäre, eine militärische
Enquete zu fälschen als eine zivile und man die Äußerungen
Andersdenkender ja nur zu verschweigen brauchte, scheint die
Echtheit der Wiedergabe durch eine einfache Erwägung gesichert:
Wenn nicht eben das die Denkungsweise der meisten Soldaten
wäre, wäre der Krieg ja schon längst beendet.
<Ber Meinung der jüngsten Soldaten steht allerdings die
eines Veteranen gegenüber, Donald Duncan, der, in Kanada
geboren, ssUjh freiwillig den Green Berets anschloß, einer
amerikaniscmn Kampf truppe, die für schwierige Aufgaben
spezialisiertest, und schließlich mit der Auszeichnung des
Silver Star heimkehrte, die er sich durch Planung und Kampf
gegen die VietkongNrardient hatte. Auch er hatte sich jene offi-|
zielle Version zu eigen gemacht. Wie er aber nach einem CP-
Bericht vor 600 Studenten der University of British Columbia
erzählte, begann er an der\Berechtigung jener Version zu
zweifeln, als er sah, wie unbeliebt die Amerikaner in Südvieta
nam sind und gelegentlich sogai\beschossen werden. In der
gewaltigen Armee, die Amerika seit dem zweiten Weltkrieg unter-
hält, sieht er nun ein Instrument d&r Interessen mächtiger
Firmen. Es sei die systematische Propaganda, die den Bürger
glauben macht, Krieg diene der SicherherU Der Kriegsveteran
lief seine Hörer auf, den amerikanischen Drückebergern zu
helfen, die in Kanada Zuflucht suchen, denn aas seien die
Amerikaner, die wirklich Gefühl für ihr Land habe\.>
Doch gibt es noch einen Maßstab für die Haltung der
Soldaten, der viel weniger als eine Meinungsäußerung ist,
aber auch viel mehr als eine solche. Es ist ein erschreckender
1{ 313
Prozentsatz, 1 1/2 % aller amerikanischen Soldaten in Vietnam,
die dort in solche Zustände geraten sind, daß sie psychiatri-
scher Behandlung bedürfen. Von keinem früheren Kriegsschau-
platz ist dergleichen bekannt, sodaß es also nicht die Stra-
pazen, Gefahren und physischen Leiden sein können. NäherjLäge
die Vermutung, daß ein innerer Konflikt die psychologische
Zerrüttung verursache. Wenn Menschen zu Prinzipien oder
Idealen, mit denen sie gefühlsmäßig verbunden sind, in ihrem
Handeln in einen schroffen Gegensatz geraten, freiwillig oder
unfreiwillig, und ihren emotionalen Widerstand durch interna ivo
Verdrängung bekämpfen, kommt es zu Ausbrüchen, die je nach der
Prädisposition und andern individuellen Faktoren verlaufen.
Je stärker jener innere Widerstand ist, desto lauter sucht
man ihn zuweilen zu übertönen. Wenn psychologische Untersuchun-
gen objektiv und genau durchgeführt werden, können sie jeden-
falls ergeben, daß die offiziellen Versionen nicht so schnur-
gerade aus den Tiefen des Menschen kommen.
Noch lehrreicher wird es sein, die primitive und herz-
hafte, wenn auch nicht unproblematische Zustimmung der mobili-
sierten Jungen zur Linie der Regierung mit der Haltung von
Intellektuellen zu vergleichen, die ein Maximum ggp houto snas
ftr-reichbaron Sachkenntnis und den Durchschnitt an Urteilsfähig-
keit und Phantasie doutlioh überragen. Herman Kahn ist Autor
von zweifrhorico boachtoton wio um<3 tritt onon) Büchern 76), in
76)0n Thermonuclear War. Princeton University Press 1960.-
Thmking about the Unthinkable. Horizon Press, New York 1962.1
denen er die brennenden Prägen mit erstaunlicher Kühle behan-
delt. In Anbetracht der Erscheinungsdaten ist es nicht verwun-
derlich, daß er China so ziemlich links liegen läßt und seine
eigentlichen Spekulationen auf die veraltete Voraussetzung gzft
gründet, daß nur Amerika und die Sowjetunion einander gegen-
überstehen. Doch seine andern Schwächen sind weit schlimmer,
w!derspLgelnt0matiSCh **** ^ V±el m6hP als einen Beifall
* Er kann nicht *eefefc glauben, daß sich der große
Krieg durch Verhandlungen vermeiden ließe. Das einzige Mittel,
das in Sicht ist, um die Vermeidung wenigstens zu versuchen,
sei die Abschreckung, die nicht stillstehen darf und die des
Gegners womöglich immer übertreffen muß. Die Kommunisten stellt
auch er sich als Imperialisten vor, deren Ziel es ist, Amerika
314
zu erobern oder zur Kapitulation zu zwingen. In der Hülle
viel komplizierterer Erwägungen kehrt die primitive Formel
wieder, Amerika müsse entweder kapitulieren oder zur Vertei-
digung seiner Freiheit bereit sein» "Kurz, es ist die über-
einstimmende Auffassung Amerikas, daß, solange die kommunisti-
sche Partei in der Sowjetunion herrscht, ein krisenhafter
Zustand (subcrisis) besteht, gleichviel was ihre Führer tun
oder sagen ("Thinking..",p.l89)» Der deshalb als unvermeid-
lich anzusehende nukleare Krieg werde nicht so schlimm sein,
denn, obwohl von der unüberwindlichen Furcht vor dem ersten
Angriff ausgelöst, werde er nicht total (all-out) geführt
werden, sondern planmäßig, bedächtig (cpntrolled). Warum der
Krieg nicht total zu sein braucht, erfährt Motivierungen, die
bei Erwachsenen überraschen: "erstens hat es keinen Sinn,
zweitens braucht es nicht wahr zu sein" (ebenda, S. 72). Der
Krieg werde wahrscheinlich weniger als 30 Tage dauern; doch
vielleicht nur 30 Minuten (ebenda, S. 82; vgl.S. ). Während die«
ses Krieges werde es auch eine Diplomatie geben, und diese
werde dann leichter erreichen können, was sie vor dem Kriege
und ohne ihn nicht erreichen konnte. Man werde eine Reihe
von Städten zerstören und durch Drohungen und Erpressungen
die Vergeltung einschränken. Wohin während dieser 30 Tage oder
30 Minuten so eine Diplomatie führen soll, sagt uns der Verfas-
ser, der Berater des amerikanischen Verteidigungsministeriums
war oder ist, auf S.154 desselben Buches: "Sie wissen ja besser
als wir", würde man dem Feinde zu sagen haben, "was für ein Sa
Land Sie nach dem Kriege haben wollen. Wählen Sie unter den
großen Städten diejenigen, deren Zerstörung Sie wünschen,
und wir werden sie zerstören, ohne daß Sie sie zu zerstören
brauchen." Wenn der Krieg in der Mitte oder am Ende der 60er
Jahre stattfinde, wäre der Gegner imstande, 73% bis 100% von
der Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu töten. Um dieses
Ergebnis zu erreichen, hat also, wie früher erwähnt, alles, was
die andere Seite sagen will, nur als Teil eines Krisenzustandes
behandelt zu werden. Das ist wohl unthinkable, aber ist
das thinking? r-
\snicht einfach
Mr. Kahn ist trotz allem^ifeein Kriegshetzer, im Gegen-
teil, einzelne Stellen klingen, wenn|auch unter Einbuße an
Konsequenz, ziemlich vorurteilsfrei und beinahe pazifistisch.
Seine Bücher sind beiweitem besser als manche andern, in denen
noch
515
|
gute Absichten yfsat schwerer zu entdecken sind. Er ist
vielleicht der intelligenteste Repräsentant einer ganzen
Schule, Es ist auch gewiß nicht gerade seine persönliche
Schuld, daß er vor lauter Realismus in einen Irrealismus gerät,
in dem er das eigene Land die angeblichen Absichten des Feindes
selbst ausführen läßt. Wenn das 'iffeifo 4£e Ideen von Wissenschaft
lern und Beratern sind, wie sollen die Denkprozesse der ein-
fachen Leute aussehen?
Vor vielen Jahren erlebte ich einen verzweifelten und
kurzen Aufstand, der von einer ebenso schwachen wie grausamen
Regierung blutig unterdrückt wurde. Mitten in den Ereignissen
hörte ich einen armen Kerl salbungsvoll sagen: "Was die Regie-
rung tut, ist wohlgetan." Das war klassischer Anschauungs-
unterricht über Volksmeinung. So ziemlich überall gibt es ja
einen hübschen Prozentsatz von infantilen Erwachsenen, die
keine Meinung haben und eben diese bei allen Gelegenheiten
zum besten geben. Wenn eine Regierung sich auch verpflichtet
fühlt, mit der Volksmeinung zu rechnen, liefert eine so
amorphe, richtungslose und reaktionsunfähige Mentalität ihr die
gebrauchsfertige Möglichkeit, zu tun, was immer sie mag,
ohne zu allen diesen Leuten in einen definierbaren Gegensatz
zu kommen. Schon minimale und routinemäßige propagandistische
■Nachhilfe genügt, um die gesamte Indifferenz gewissermaßen zu
aktivieren und sie zur Stimme des Volkes zu machen, wobei die-
jenigen, die eine Meinung haben, u.zw. die dem Regime genehme
oder eine über sie noch hinausgehende, willkommene Dienste
leisten. So wird die Tragödie der Demokratie verständlich,
die immer wieder sich selbst schwere Stöße versetzt, schließ-
lich auch solche, die sie und alles in den hoffnungslosen
Abgrund schleudern können. In diesem Sinne wurde eine im
Dezember 1965 für das Columbia Broadcasting System durchge-
führte Enquete zu einer gräßlichen Enthüllung: Mehr als die
xxx^^^öa^^d^c Hälfte der Bevölkerung der Vereinigten Staa*
ten as± dieser Dokumentation zufolg^Äer Benützung nuklearer
Bomben in Vietnam nicht abgeneijplKgffl würden dicoca Mittel
77) Die Befragung wurde von der Opinion Research Corporation, *33s
Princeton, N.J., durchgeführt, die Berichte über das Ergebnis
stammen von der Associated Press.
ifi
non Umständon bonütat worden sollen, si
58% lohnton oio ab, 10% nahmen nicht Stellung.- -töfas-
[2% au,
316
So ist es also nicht richtig, daß die amerikanische Regierung
sich über die Meinung ihres Volkes hinwegsetzt. Nichtig ist viel-
mehr, daß in den über Sein oder Nichtsein entscheidenden Stun-
den das Majoritätsprinzip aufs neue zum Problem wird, indem die
denkenden Köpfe durch die andern Köpfe und duch die tätigen
Hände in eine fast ohnmächtige Lage gedrängt sind. Solange wir
aber leben, dürfen wir an den Aussichten des Appells an die ele-
mentare Vernunft nicht verzweifeln. Erheben wir unsere Stimme,
auch wenn wir fürchten, daß sie nicht gehört wird. Und auch wenn
wir mehr als das zu befürchten haben 78).
78) Diese Revision des Begriffes der Demokratie wird in der
durch ihren Mißbrauch geschaff eben äußersten Not unerläßlich.
Vergessen wir aber auch nicht, daß es so etwas wie eine
Weltmeinung doch noch gibt, auch in den neutralen und ii^ien mit
Amerika mehr oder weniger verbündeten Ländern. Wenn injien Staaten
außerhalb Amerikas, den kommunistischen und den nicht kommunisti-
schen, Befragungen in vollem Umfange stattfänden, würde sich
wahrscheinlich zeigen, daß auch die Menschen unserer Zeit zu
leben wünschen und kommenden Generationen Leben ermöglichen wol-
len. Nationale und internationale Konferenzen von Politikern und
Nichtpolitikern, Wissenschaftlern und Vertretern verschiedener
Kirchen und Weltanschauungen bestätigen diese Gewißheit mit ihren
manchmal rückhaltlosen und hochherzigen Resolutionen, die in
andern Generationen die Menschheit in höchste Erregung versetzt
hätten, aber heute allzu ephemere Eindrücke hervorrufen. So er-
ging es auch de Gaulle s Rat an Amerika, sich in vollem Bewußtsein
seiner Kraft aus Vietnam freiwillig zurückzuziehen, der seiner-
zeit von 65% der befragten Franzosen gutgeheißen wurde. Doch
lassen wir uns keinesfalls darüber täuschen, in welchem Maße das
Los des Planeten von Amerika abhängt.
Wohin dessen Öffentliche Meinung tendiert, ist zwar eine
höchst belangvolle, aber nicht die einzig entscheidende Frage,
denn sie wird von der andern Frage durchkreuzt, in welchem Grade
die Öffentliche Meinung auf die Geschehnisse wirkt, was wir also
von ihr zu erwarten haben. Soweit das ein amerikanisches Problem
bildet, ist woh^Jgsine Stimme kompetenter als die des Senators
Fulbright, der ddax niederschmetternde Enthüllung machte: der
Präsident beherrsche den Kongreß in so überwältigendem Maße, daß
er, wenn er wollte, das Land morgen in einen dritten Weltkrieg
führen könnte»
320
Das Recht
Der Gemordete soll einmal den Mörder gefragt haben,
mit welchem Recht - aber er konnte nicht zu Ende fragen.
Die Frage an sich war allerdings nur in einer Zeit möglich,
in der eine gewisse Beziehung zum Recht allgemein war,
auch in der Mentalität dessen, der es verletzte und zuweilen
sich selbst durch Schuldgefühle bestrafte. In unserer Zeit
ist es aber oft, als wäre dem Begriff des Rechtes überhaupt
der Boden entzogen und als wüßten nicht mehr Viele, was das xs
sei. Sie verwechseln es zumeist mit dem Gesetz, dessen Organe
in Handlungen eingreifen und Handlungen ahnden, sodaß man sich
vor ihnen in Acht nehmen muß.
Krieg hatte ja nie eine eigentliche Rechtsbasis. Er
wurde von Starken gegen Schwache oder von Starken gegen Starke,
manchmal auch von Schwachen gegen Schwache geführt. Der Anfüh*
rer gab das Zeichen, das den Mann aus Haus und Hof hervorzog,
um des Andern Haus und Hof zu erstürmen und zu rauben oder zu
zerstören. Der Feind war, wer vom Anführer als Feind erklärt
wurde. Der theoretische Begriff eines internationalen Rechtes
entwickelte sich spät genug, denn noch 1625 war Hugo Grotius'
"De jure belli et pacis" ein gewagter Versuch; und erst viel
später mehrten sich die Staatsmänner, die es besser fanden,
eine Art Recht auf den ^rieg auszudehnen, der so lange mit
völliger Rechtlosigkeit identisch gewesen war und das Recht
des Stärkern geheißen hatte. Während eine Tendenz die Greuel
des Krieges in den Rahmen irgend eines Gesetzes zu zwingen
suchte, um die allseitige und unaufhörliche Gefahr zu verrings
gern und die Praxis des Massenmorde© graduell zu vermenschliefe
chen, waren andere Köpfe von der Überzeugung durchdrungen,
daß dem Kriege an sich der Status einer legalen Institution
nicht eingeräumt werden darf, und daß diese Anerkennung,
so weit sie dem Ungeheuer durch Implikation schon halb kon-
zediert war, ihm in aller Form und für immer entzogen werden
muß. Durch den 1928 in Paris unterzeichneten Briand-Kellog-
Pakt ehrte die zivilisierte Menschheit sich selbst, denn in
diesem Dokument ist der Verzicht auf Krieg in höchst feierliefe
eher und verbindlicher Weise ausgesprochen, mit der Ein-
schränkung, die Selbstwehr gegen einen schon erfolgenden
Angriff und Bekämpfung des Angreifers für zulässig erklärt.
Trotz der tragischen Kurzlebigkeit dieses Manifestes inter-
nationaler Ethik hat es als Vorbild zu bestehen nicht
321
aufgehört. Doch hat uns unsere Abstumpfung gegen den Krieg
als Tatsache in eine Lage gebracht, aus der wir jene Höhe nicht
leicht nochmals werden erklimmen können, obzwar äs die dem
Krieg entgegengesetzte Rechtfidee uns geblieben ist, Leitstern
und Hoffnung,
Faktisch gab es seit den Anfängen des Völkerrechtes
kaum einen Krieg, während dessen und nach dem die Gegner
einander nicht der Verletzung einer sosgäs als existent vorausg
gesetzten oder gar beschworenen Übereinkunft beschuldigt hättoi,
die auch tatsächlich erfolgt war; doch gab es immerhin noch
etwas zu verletzen. Es scheint nun ein Privileg unserer Zeit
zu werden, die Rechtsidee an sich auf den Mist zu werfen.
Soweit sie mit der Autoritätsidee zusammenhängt, ist es logisch,
daß sie ihr Schicksal teilen muß; aber sie ist mit ihr keinesw
wegs|identisch, was ja schon durch die Existenz eines Rechts-
empfindens erwiesen ist, eben jenes Empfindens, welches jetzt
derart im Schwinden ist, daß man sich seiner kaum noch entsinnt.
Wie restlos der Begriff des Rechtes sich aus dem populären £sx
Bewußtsein verloren haben muß, erhellt zur Genüge aus dem
Rückschluß von den am höchsten entwickelten Intelligenzen
auf den Bevölkerungsdurchschnitt. Unter den modernen politiszfe-
schen Schriften sind manche ethisch einwandfrei und einzelnen
muß sogar ethische Vorbildlichkeit zuerkannt werden; ich muß
aber gestehen, daß ich nicht eine einzige kenne, in der ein
eigentlicher Rechts Standpunkt als Grundsatz und Leitgedanke
klar herausgearbeitet wäre.
Unzählige Erscheinungen des sozialen und privaten Lebens
werden zu direkten Beweisen für den Schwund der Rechtsidee.
Daß man vorteilhaftes Tun unterläßt, geschieht immer seltener
dank den Resten jenes Rechtsgefühls oder in Anerkennung von
Prinzipien. Im Gegenteil, die komischen Alten, die noch so
denken, werden ihrer Umgebung durch nichts so fremd wie durch
solche Doktrinen. Dementsprechend bezieht sich auch die inter-
nationale Argumentation auf alles eher als auf Rechtsprobleme.
Auf diesem geistigen Hintergrund wird das kongeniale Verhalten
zweier so entgegengesetzten Mächte wie Amerikas und der Sowjet-
besser verständlich. Die Rolle der Sowjetunion im 31
-Nahen Osten ist insbesondere seit dem Aifbr-uoh doc arabisch-
israelischen Kriege*» der Rolle Amerikas in Südostasien unver-
kennbar analog geworden, trotz der graduellen Verschiedenheit
der Radikalität und Aktivität.
322
Die -seirfcher teilweise gutgemachte Zerrüttung des inter-
nationalen Rechtes setzte praktisch im zweiten Weltkrieg ein,
als Nazideutschland Millionen Zivilisten mit Frauen und Kindern
hinrichtete. An dieser durch viele andere Verbrechen vermehr-
ten Schuld erwarben sich auch die Alliierten einen wenn auch
vergleichsweise geringen Anteil, indem sie Städte kaum minder
schonungslos bombardierten« Brutale Verletzung von Neutralität
war ja schon im ersten Weltkrieg verübt worden; und daß die
Schweiz dem Zugriff solcher Nachbarn entging und aus dem zwei-
ten Weltkrieg heil hervorging, war nicht der Beachtung ihrer M
Neutralität, sondern realistischen Erwägungen etea? Deutschen zu
verdanken. Aber noch galt der Krieg bis zur Mitte unseres Jahr-
hunderts als eine Angelegenheit zwischen den Kriegführenden,
auch wenn der Eine der Überfallende, der Andere der Überfallene
war. Solchen Resten von Recht und Logik droht nun radikale
Li quidierung •
Denn Beschränkung auf Grund irgend eines Rechtes ist
kaum noch denkbar, da der totale Krieg an sich das genaue
Gegenteil jedes vorstellbaren Rechts ist; da schon der Begriff
der methodischen Totalität die topographische Totalität, also
zumindest die Globalität, impliziert; und da, wie jeder weiß h
und manche geflissentlich bestreiten, in der durch einen
solchen Krieg geschaffenen Lage keinerlei Einschränkung
durchführbar sein kann.
Daß das Kind als Inbegriff der Unschuld unbedingten
Anspruch auf Schonung und Schutz hat, gehörte bisher zu den
Maximen jeder Gesellschaft; da zuweilen auch manche Tiere
ähnlich handeln, ist das wohl mehr als ein Prinzip internatio-
naler Zivilisation. Wie aber können wir überhaupt noch von
Ansprüchen reden, da jeder nur die seinen durchsetzen und
von denen des Andern nichts wissen will? Wenn der Tod über den
Erdball dahinrasen soll, wird es auch für die Kleinsten und
Unschuldigsten keinen Unterschlupf geben, keinen Keller und
keine Felsspalte. Da müßten holländische und italienische,
russische und amerikanische, skandinavische und arabische,
chinesische, japanische, israelische, brasilianische und austra-
lische Kinder verbluten und verbrennen. Ihre verkohlten Über-
reste würden gleich aussehen, ob ihre Haut schwarz oder weiß,
braun oder gelb war. Allen soll es widerfahren, auch denen,
die noch nicht von Feinden, von Kommunismus, Kapitalismus
und Neutralität gehört haben. Wenn also eine Berechtigung
konstruierbar wäre, um die Kinder und erwachsenen Nicht-
kombattanten in den Ländern des "Feindes" zu töten, dürfen
die Schuldlosen auch in neutralen Ländern, in denen der Ver-
bündeten und im eigenen Lande getötet oder der Tötung preis-
gegeben werden? Gewiß, die Hand, die auf den Knopf drücken
kann, werden wir Alle möglicherweise doch nicht hindern
können; aber wir sollten unsere Urteilskraft wahren und
deutlich sehen, woran wir uns durch Nichtwissenwollen und
Stillschweigen mitschuldig machen«
Möglichkeiten der Entstehung und des Verlaufes
Gev/iß, es gibt kein unwillkommeneres Thema, und warum soll-
te man seine Mitmenschen und sich selbst quälen, wenn man so-
wieso nicht viel ändern kann und in den schlimmsten Fatalismus
versinken muß, den es je gegeben hat? Doch ganz sinnlos ist
es nicht, daß wir einander und uns selbst die Augen öffnen.
Seit Jahren ist eine hauptsächlich von der Rüstungsindustrie
ausgehende Propaganda im Gange, die überall ihre Agenten und
Helfer hat, natürlich vorwiegend solche, die nicht wissen, was
sie tun. Die ihnen zugewiesene Aufgabe ist die Verbreitung von
Gleichgültigkeit, von Vertrauen auf die Spezialisten und vor a
allem die Verbreitung der Lehre, es werde nicht so schlimm sein.
"Man" müsse nicht unbedingt unter denen sein, die leider umkom-
men werden. Besonders das letztere Argument ist eine nicht zu
unterschätzende Waffe. Es beruht auf dem psychologischen Mecha-
nismus des Narzißmus, der nicht immer ausgesprochen pathologi-
schen Infantilität des Erwachsenen, der sich nicht vorstellen
kann, warum ein Unglück, selbst ein massenhaftes, auch ihm
geschehen sollte. Er ist ja so gut, so liebenswert. Auch seine
Erfahrung bestätigt ihm sozusagen, daß er noch nie gestorben ±
ist, sodaß er hoffen kann, es werde ihm auch weiterhin nicht
passieren, jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten. So vollzieht
sich in ihm ein Vorgang milden Bedauerns der Andern, und über
deren Los ist er nicht ganz untröstlich. Seiner Tendenz, sich
selbst von einer der Allgemeinheit drohenden Katastrophe aus-
zunehmen, braucht die Propaganda nur ein wenig nachzuhelfen.
Für diesen Zweck genügen zuweilen ganz primitive Tricks, wie
die Hoffnung auf Schutzmaßnahmen, auf organisierte Rettungs-
mannschaft und jedes Gerede solcher Art. Da es der Scheinerfah-
rung nicht an Belegen fehlt, akzeptieren viele sonst kluge
Leute die Behauptung, es werde nicht so schlimm sein. Über das i
324
definitiv Böse, nicht mehr Gutzumachende, läßt man sich gern
täuschen, sodaß das Aller-allerwichtigste viel weniger kritisch
behandelt wird als die Nebensächlichkeiten des Alltags .Diverse
Spielarten der Männlichkeit, Habsucht und Querulantentum
bäumen sich auf, wenn z#B. die Gefahr besteht, um einen belang-
losen Betrag betrogen zu werden oder wenn etwa üble Nachrede
die gesellschaftliche Stellung zu gefährden scheint, so daß wjsl
man, von Wichtigkeiten dieser Kategorie in Anspruch genommen,
nicht recht auf den Einfall kommt, sich für eine Massen-ka±ax±
katastrophe zu interessieren oder gar durch irgendwelche Maßax
nahmen vorzubereiten. Daß es nicht so schlimm sein werde, steht
ja schwarz auf weiß in Büchern und Zeitungen, und wenn die &«rfr
Gefahr so groß wäre, würden ja Radio und Television davon be-
richten. Außerdem hat man genug eigene Sorgen.«
Je mehr Menschen es jedoch ablehnen, sich durch das System
der Vernebelungen um ihr Urteil bringen zu lassen, desto besser
werden unsere Aussichten auf Rettung. Denn ganz ohnmächtig ist
eine auf den gesunden Menschenverstand gegründete Bewegung
nicht: Die von allen Atommächten mit voller Rücksichtslosig-
keit betriebenen Versuche hatten die Atmosphäre in einem Maße
zu vergiften begonnen, das in vielen Ländern, vor allem in den
neutralen, die Massen alarmierte. Nie waren vor allem die
Intellektuellen aller Nationen so eines Sinnes gewesen wie in
dieser Angelegenheit. Linus Pauling 79) sah voraus, daß für
79)No More War! Gollancz, London 1958.
den Fall fortgesetzter Atomversuche die Zahl der defektiven
Neugeborenen auf 230.000, die Zahl der noch im Mutterleib
oder sofort nach der Geburt Sterbenden auf 420.000 jährlich
anwachsen müßte; und das infolge der Versuche allein, ohne
Krieg. Als der allseitige Druck den beteiligten Regierungen
mehr als unbequem wurde, kam ein Vertrag zustande, der zwar
von China und Frankreich nicht unterzeichnet wurde, aber
seitens Amerikas, der Sowjetunion und Britanniens zu der
bekannten Beschränkung auf unterirdische Versuche führte,
wodurch vorläufig das Unerträglichste beseitigt war. Das ist
nicht viel, aber immerhin ein Lichtblick, ein tröstlicher
Beweis dafür, daß Einsicht nicht immer ohnmächtig ist. f
Ehe wir daran denken, wie es kommen könnte, müssen wir
theoretisch erwägen, wer gegen wen gehen könnte. Wenn wir die
Möglichkeit eines selbständigen Angriffs nuklear weniger toto
324 a
Beseitigung des Unerträglichsten hat aber bisher wohl
nicht mehr bedeutet als die Aufhebung des unserem Bewußtsein
Q
oder unseren Sinnen Painlichsten. Die aus oberflächlicher Beob-
achtung gezogenen Schlüsse stützen sich auch auf primitives
Wissen und gänzlich vage Vorstellungen. Erst nach und nach
kommen Seismologen und Laien auf die ebenfalls recht unbequeme
Idee von Zusammenhängen zwischen jenen in den unsichtbaren
Tiefen veranstalteten Explosionen und den Erdbeben, die unsere
sichtbare weit so grausig verwüsten und irgendwo unten unauf-
hörlich zu lauern scheinen, um irgendwann irgendwo wieder aus-
zubrechen und uns auf die Relativität unserer Haus he rrnr olle
nochmals in so unzarter Weise aufmerksam zu machen. Diese uner-
gründliche Kruste hat Sprünge, die trotz unserer teilweisen Kennt-
nis ihrer Topographie nicht minder unergründlich sind. Zuweilen
ist es, als hätte auch dieses rätselhafte Unheil uns vor dem
Verwerfen des letzten Restes unserer Demut und Selbstbeschränkung
und vor dem Verlust unserer Einsicht zu warnen, damit wir weder
durch die Entgegnung der Natur noch durch unser direktes Tun
untergehen.
325
bedeutender Mächte ausschließen dürfen, und solche nur als
Verstärkungen der Hauptmächte zu bewerten brauchen, bleiben
die Vereinigten Staaten, die USSR und China übrig. Dieses ist
jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, den beiden Andern
noch nicht vergleichbar, aber von ihnen nicht mehr weit ent-
fernt und hat sich ihnen im Tempo der Aufrüstung überlegen kejr
erwiesen. So hat die Annahme, China werde die großen Rivalen
in einigen Jahren eingeholt haben, einige Wahrscheinlichkeit
für lieh r'inl Irniiih rrirVi nUrn MrliwnnlmriGrri nnrl (Tncnnr.nilri crn
ffühlungna
men sowohl Arae-eika alo auch dio Sowjetunion au dor
kootopiol
: .gen Entoohoidung au Gunr.ten^de-p--Raketenabwohroyotoiae
bringen» !)ao warft— zugleich ein Symptom zunehmender Verfinstern:
rung._UB^
in die horraohondo Finsternis noch nnhPiTnlirh ehren-
der ffakfrOF'p' Jedenfalls haben wir für eine rooht nahe Zukunft
mit drei Mächten von höchster Stärke zu rechnen. Nennen wir
sie A, B, C und nummerieren wir die theoretisch gegebenen
Möglichkeiten, in denen jedoch die Frage, von wem der erste
Streidh zu erwarten ist, unberücksichtigt bleibt.
1. A könnte gegen die vereinigten oder zur Verteidigung
und zum Gegenangriff zwangsläufig zusammengeschlossenen
B und C kämpfen: AOB+C.
2. B würde die zusammengeschlossenen A und C gegen sich
haben: B*-*A+C.
3. C würde gegen A und B kämpfen müssen: A+B^C.
4. C würde unbeteiligt bleiben, A und B würden einander
bekämpfen: A«-*B.
5. B wäre bei einem Duell von A und C neutral: Af*C.
6. A würde sich in einen Krieg zwischen B und C nicht
e inmi s c he n : B c .
7* Nach einem Krieg zwischen A und B würde C über die
Reste beide r-*herf allen, die sich nicht mehr verteidigen
könnten: & % C -*-d.
8. B würde gegebenenfalls das Gleiche tun: B-»«.
9« A würde es ebenso halten: A-»g.
10. A, B und C würden gleichzeitig gegen einander los-
schlagen, jeder gegen die beiden andern, was als überlegte
Strategie völlig ausgeschlossen scheint, präzedenzlos ist
und in einem "konventionellen" Krieg, in dem die Verwirrung h±
nie einen solchen Grad erreichen könnte, ganz unmöglich
wäre, aber in einer z.B. durch Intrigen bewirkten Panik
JB. 326
durchaus vorstellbar ist:
Ilm Im Lande A käme es während des gegen einen oder
zwei Gegner geführten Krieges zu einem Verzweiflungsausbruch
des Volkes und zu einem Bürgerkrieg: A<-*A.
12. Dasselbe geschähe im Lande B: B**B.
13. Dasselbe in C: C<->C.
14. Das könnte auch in nur einem yhä oder in zweien der
drei Länder geschehen und das Eingreifen des vom Bürgerkrieg
Verschonten in das auch von einem solchen verheerte Gebiet
begünstigen.
Ein so schematischer Versuch, alle Möglichkeiten zu
umfassen, ist gewiß lückenhaft, da auch die absurdesten
Vorstellungen hinter den unberechenbaren Geschehnissen zurückte
bleiben können. Das gilt in Anbetracht der Präzedenzlosigkeit
auch vom eigentlichen Verlauf, d.h. ü den direkten Folgen
der Kriegshandlungen, ob sie nun von bewußten Laien oder von
Fachleuten vorausgesagt werden, die sich nicht scheuen, ihre
Kompetenz in ebenfalls präzedenzloser Weise zu definieren.
Denn hat man wohl schon von Ärzten gehört, die den Patienten
zu behandeln nicht einmal versuchen und ihn sterben lassen,
in der Erwartung und mit der Behauptung, sie würden ihn dann
wiederbeleben und heilen können? Und was sollen wir von Zoo-
logen halten, die uns versichern, man könne es ruhig darauf
ankommen lassen, daß Tiger und Bären aus ihren Käfigen brechen,
sie würden sich gegenseitig nur ein paar Kratzwunden beibrin-
gen, um einander zum Rückzug zu zwingen? Solche Delusionen
werden uns in der Tat in ernster Buchform vorgesetzt: Es werde
in einem solchen Krieg Lenkung, Steuerung geben (controlled
war). Diplomatie während solcher Kampfhandlungen sei nicht
nur möglich, sondern dann erst recht wirkungsvoll und aussieht,
voll. Die Kriegführenden würden die Bevölkerungen der Gegensei-I
te schonen und nur die militärischen Aktionszentren und Arsena-|
le zerstören, um die Städte als Geiseln zu benützen und Kon-
zessionen zu erpressen. Da niemand den Status quo mag, bestehe
während der gegenseitigen Zerstörung die Aussicht auf gründli*
che Lösung der Fragen.
Daß über solche Aussagen von Experten überhaupt mehrere
Meinungen möglich sind, bedeutet an sich einen nützlichen
Beitrag zu unseren Beobachtungen über die öffentliche
Meinung, von der so viel abhängt.
Angeblich wird jetzt irgenwo an Erfindungen gearbeitet,
327
die den ungeheuem Vorteil, den der erste Streich dem
Angreifer sichert, aufheben oder verringern sollen. Eine
solche Erfindung wäre von höchst positiver Bedeutung. Sie
würde die Völker und Staaten vor allem vom Gespenst des
eigenen Angriffs aus Angst und von der chronischen Zwangs-
vorstellung des Gegenangriffs in panischem Schrecken befreien
und vernünftige Erwägungen erleichtern. Der vielfach gefahr-
volle Zustand, intern wir jetzt leben, stammt zu einem großen X
Teil von der leider berechtigten Furcht vor den verheerenden
Folgen eines ersten Angriffs, der den Gegenangriff schon
nahezu unwirksam und unter Umständen sogar unmöglich machen
könnte und jedenfalls den zuerst Angegriffenen derart schwä-
chen würde, daß ihm wohl noch einige Vergeltung, aber kaum em
noch eine strategische Aussicht übrig bliebe. Was der zuerst &
Getroffene behielte, wäre also eher eine romantische Chance
als eine reale. Da es um alles ginge, würde derjenige, der
das ganz große Verbrechen beginge, alles aufs Spiel setzen,
wenn er auf Grund irgendwelcher Erwägungen Rücksicht oder
Zurückhaltung übte. Wenn er überhaupt losschlägt, kann er es
nur mit seiner ganzen Kraft tun, mit eben dem Ziel, den Gegen-
angriff auszuschließen« Ebenso muß der Angegriffene mit der
ganzen ihm noch gebliebenen Kraft zurückschlagen, weil ihm in
diesem Falle jede andere Möglichkeit genommen ist; vielleicht
sogar die der Kapitulation, denn es wäre unsicher, ob der xsta
schon so stark überlegene Gegner ihn noch hören will oder kann«
Keiner wird in einer solchen Lage Minuten verlieren dürfen.
Die Behauptung von der Möglichkeit einer Diplomatie nach Ausfez
bruch des Krieges, kb±s: wird also, welcher Absicht immer die
Behauptung entspringe, zu schlimmster Irreführung. Wenn das
Schreckliche einmal wahr geworden ist, kann eben nur das
kommen, was die von Wünschen geleiteten Diplomaten als absurd
hinstellen wollen, indem sie es den Krampf krieg (spasm war)
nennen. Auch phantastische Festungen unter Bergen und Felsen
werden vielleicht nicht stärker sein als die Maginotlinie war.
Doch selbst wenn ein zentrales Kommando in ihnen ausharren
können sollte, ohne lebendig oder tot begraben zu werden,
müssen ja die untergeordneten Kommandanturen bald zertrümmert
und zu weiteren Aktionen und Reaktionen unfähig sein. Vor ^HHrar
allem scheinen alle Strategen elementare psychologische Tatsae
chen zu vergessen. Das menschliche Nervensystem ist nur be-
grenzten Anstrengungen gewachsen. Von einem gewissen Punkte an
328
tritt ein, was das Volk Zerreißen der Nerven nennt, der
Zusammenbruch, in dem kein rationales Handeln mehr möglich
ist. Doch in eben diesem Moment des nuklearen Krieges muß
ein kardinaler Unterschied gegenüber jedem früheren Krieg
in Kraft treten. Die bisher praktizierte Ablösung der
Kämpfenden durch frische Kräfte als Mittel gegen die Er-
schöpfung der Nerven und des gesamten Organismus kommt nicht
mehr in Frage, da der Krieg gegen die Gesamtbevölkerung
auch alle potenziellen Kombattanten einbegreift. Solange wir
es noch können, müssen wir z.B. in Betracht ziehen, daß die
Radarsysteme sofort zerstört sein können, sodaß es unmöglich
werden kann, festzustellen, woher die mörderischen Geschosse
überhaupt kommen. So besteht nicht einmal die Gewähr, daß man
den Gegenangriff gegen den Angreifer richtet und nicht gegen
einen noch untätigen oder sogar unschlüssigen Dritten. Selbst
im Idyll von Vietnam haben Amerikaner bisher nicht wenige
Amerikaner getötet, abgesehen von der Niedermetzelung von
ihnen gewogenen Einheimischen. Auch im ifaS-äSa* Osten hat es nicht)
an gleichartigen Fehlleistungen gefehlt; sobald Beweise unmögi j
lieh werden, wird naturgemäß amria jede Beschuldigung möglich.
In dem beispiellosen Kampfe darf ja alles nur blitzschnell
erfolgen, denn die Zeit erhält in ihm eine völlig neue Bedeu*
tung als entscheidender Faktor. Man wird wissen können, wann s
es begonnen hat, aber nicht wissen können, wann und ob es zu
Ende sein wird, denn selbst wenn Kapitulation möglich wäre,
könnte auch sie ein Trick sein. Vielleicht werden die noch i
Lebenden während des ganzen Krieges nicht einmal wissen,
wer der Gegner ist, lhrssMsüsxx& Rätselraten wird sich nur !
auf die Vorkriegspropaganda stützen können. Auch muß es j
durchaus nicht klar und nachweisbar sein, wer angefangen hat, '
und vielleicht wird der Angreifer behaupten, angegriffen |
worden zu sein und hoffen können, daß der Gegenbeweis
nie gelingen wird.
Es war Bertrand Russell, der hellsichtig auch auf Möglich-
keiten hingewiesen hat, an die später viele Normalmenschen
dachten* 80). Nicht nur daß die künstlichen Satelliten, die
heutigen, und künftig auch größere und wirksamere, einen |
tödlichen Hagel über die Erde niedergehen lassen können,
u.zw. einen durch Komputer zu genauen Zeiten ausgelösten
^80°) l?c.bcit^pe. l7^ot.°rien Serichteten? wozu nur zu
329
bemerken ist, daß hiebei kostspielige Fehlleistungen nicht
unwahrscheinlich wären; sondern von Basen auf dem Monde soll
die Erdex vernichtend bombardiert werden, Russell dachte
darüber hinaus an einen Krie! auf dem Monde, an militärische
Pläne zur Besetzung von aars und Venus und an Beschießung von
Himmelskörpern. Ob der Mond zerbrökeln könnte, sodaß Spreng stücke
auch auf die Erde stürzen würden, wie er annahm, hängt von der
Konsistenz des Mondes, oder genauer, von der Beschaffenheit
seines Innern ab, das wir so wenig kennen wie das der Erde.
Doch von diesem schaurigen Akt unseres Angsttraumes sind wir
wohl endlich befreit, seit es zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion znter aktiver Teilnahme der Vereinigten
Nationen und eines Großteils ihrer Mitgliedstaaten zu dem Pakt g
gekommen ist, der kriegerische Vorbereitungen auf dem Monde und
auf jedem andern Himmelskörper ausschließt und zugleich freien
Zutritt zu allen kosmischen Gebilden und zu sämtlichen Instal-
lationen im kosmischen Räume garantiert. Da mit hochgradiger
Sicherheit gesagt werden kann, daß Verletzungen dieses Vertrages
nicht geheim begonnen oder gar unentdeckt durchgeführt werden
könnten, und da gegenseitige Inspektion ausdrücklich gewährleistet!
ist, bedeutet diese Übereinkunft gewiß eines der positivsten
_ _ r
Ereignisse des Jahrhunderts. Duch die erstmalige, wenn auch
topographisch beschränkte Einräumung gegenseitiger Überwachung,
der dann auch die analoge Demilitarisierung des Meeresbodens
folgte, war ja der Bann gebrochen, der früher alle Bemühungen
um gründliche Abrüstung zum Scheitern gebracht und Mißtrauen
und Angst in ihrer Herrscherrolle immer wieder bestätigt hatte.
530
■hartnäokigig fortwirkenden und letztens nooh vormohrten •
GegcnDÄtacnk> Mit einigem Optimismus können wir ferner annehmen,
daß China diplomatisch zugänglicher geworden sein wird als es
jetzt ist, sobald <dio 2cit gekommen ocin wirdfgda» es ähnliche
Vorstöße in den Raum wird unternehmen können wie die Sowjet-
union und Amerika oder gar noch kühnere. Die Zugänglichkeit
Chinas für konstruktive Zusammenarbeit hat freilich zur
Voraussetzung, daß Amerika, vom Erfolg einsichtiger Politik
an einer Front ermutigt, sich umstellen wird, solange es
noch Zeit ist, um seine gesamte Zielsetzung und Methode
weitgehend und unter pein realistischen Gesichtspunkten
zu revidieren; was mit entsprechenden Variationen auch für
die Sowjetunion rUt t\\*\ tt\ \u 1 1 Vn f' nf y" *'i wifefeAay^
geheim^isvof^edeDfalls besser kennen als die nun weniger
SttdywkVndm: Natur des Mondes, ist die Natur des Menschen,
und die Grenze seiner Fähigkeit, Leiden zu überstehen.
Unser Wissen um die menschliche Natur lehrt uns z.B., daß
die komplizierten,, rntiinrn i r»hn Tfnrm-w-n ^ "rp^-Hcmdon Alrtionon
im Laufe der Kriegshandlungen immer schlechter ausfallen
müssen, zumal die fallenden Techniker nur von immer schwächerem
Ersatz gefolgt sein können, bis der Krieg sich selbst auffres-
sen, die Zerstörung sich selbst zerstört hat. Erinnern wir uns,
daß der primitivste Krieg nur eine Schlacht war. In den späte*
ren Kriegen waren Schlachten die Höhepunkte. Es scheint, als s
sollte die ursprüngliche Primitivität wiederkehren und der dro-
hende Krieg wieder zu einer einzigen Schlacht werden. Schon
in allen bisherigen Kriegen war die Fähigkeit, in Schlachten a
auszuharren, erfahrungsgemäß eng begrenzt. Diese Fähigkeit
kann aber nun nicht zunehmen, sondern nur bedeutend abnehmen,
zumal die Möglichkeit jeder gegenseitigen Hilfe und Zusammenar-
beit auf ein nie gekanntes Minimum reduziert sein muß. Keiner
wird voraussichtlich in der Lage sein, Feuer zu zu löschen oder
sich um Verwundete zu kümmern. Auch muß leider angenommen werä
den, daß die Verzweiflung den Zusammenbruch der meisten Charak-
tere und die Alleinherrschaft ihres Egoismus herbeiführen wird.
Falls es private Schutzkeller geben wird, werden viele wahres*
scheinlich durch blutige Gewaltakte erstürmt werden und ähnlie
ches dürfte sich in gemeinschaftlichen Schutzräumen ereignen.
So wird der mörderische Angriff von außen voraussichtlich nicht
durch Zusammenhalten im Innern gemildert sein, sondern durch
brutale Kämpfe unter den so grausam Leidenden noch weitere
331
Verschärfung erfahren.
Es ist "bemerkenswert, daß es dieselben Strategen sind,
die- einerseits die einerseits die Gefahr des Ausbruchs durch
Irrtum oder Irrsinn Einzelner mit anerkennenswerter Exaktheit
ins Auge fassen und Umstände darzustellen wissen, an denen a±±
alle Vorsicht und Sorgfalt scheitern muß; und anderseits
während der rapiden gegenseitigen Zerstückelung und während
des über die Kontinente stürmenden Feuers Verhandlungen für
möglich erklären und empfehlen, und auf einer solchen Absur-
dität noch mit allem Nachdruck bestehen. Vor lauter -Nachdruck
sehen sie aber nicht, woran ihre Logik scheitert. Denn wenn xe
Verhandlungen dann überhaupt noch irgend einen Sinn hätten,
würde das ja bedeuten, daß diese Experten selbst die voll-
ständige Vernichtung des Gegners für unmöglich halten und
gar nicht erhoffen. Wozu also der Krieg? Wer Krieg ohne die
Erwartung unternimmt, den Frieden diktieren zu können, ist
doch ein Kranker oder ein Verzweifelter oder ein Verbrecher,
vielleicht eine Mischung dieser Typen, aber unter keinen
Umständen vernünftig oder verantwortlich. Denn wenn dann noch
ein anderer Ausweg betreten werden mußte oder konnte, war
der Krieg eben nicht unvermeidlich. Diese Strategen betonen
auch selbst, daß in den der Zerstörung folgenden Verhandlungen
weitgehende Zugeständnisse notwendig sein werden. Warum sollen
solche also nicht zur Verhinderung des Krieges gemacht werden?
Sowohl ihre Logik als auch ihre Ethik laufen also darauf fajbgaaa
hinaus, daß der gegenseitige Massenmord annehmbar machen soll,
was vorher für unannehmbar erklärt wurde. Ist das nicht der
theoretische Zusammenbruch der Kriegspropaganda, den diese
durch die eigene Argumentation herbeiführt?
Das bringt uns zu dem einzig möglichen Schlüsse, daß
wir mit der Blitzesschnelle, die der nukleare Krieg erfordern
würde und mit einem annähernd gleichen Energieaufwand uns
selbst und unsere Mitmenschen umerziehen müssen, um logischer
und sittlicher zu denken; und daß wir trotz unserer Verschie-
denheit uns gegenseitig helfen sollen, einander zu lieben
und menschenwürdig zusammenzuleben.
Nach dem Ende
Nein, es muß durchaus nicht so ausfallen, daß auf der gas
ganzen Erde nur ein paar Menschen am Leben "bleiben würden.
Es können auch drei Millionen sein oder dreihundert Millionen,
das hängt von unvorhersehbaren Umständen ab, vielleicht auch
von Vorkehrungen zum Schutze der Zivilbevölkerung, die hüben
und drüben noch ausstehen} und natürlich bei sämtlichen Neu-
tralen, da auch sie, wenn sie überflüssige Milliarden hätten,
sie lieber in der Tasche behielten und sich darum der mysti-
schen, aber billigen Hoffnung hingeben, es werde nicht"zum
Schlimmsten kommen" und es gleichzeitig durch ihre Passivität
herbeiführen helfen. Abgesehen von jenem noch strittigen,
doch angesichts der emp^sc hießenden Macht Chinas nun viel
plausibleren Projekt des defensiven Raketensystems müßten die
als Idee eher primitiven -^jf tschutzkeller, um auch nur für
den günstigsten Fall großer Perne von eigentlichen Schau-
plätzen einigermaßen wiksam und wenigstens für kurze Zeit
bewohnbar zu sein, einem großen Land ebenfalls astronomische
Summen kosten; gegen sie führt man also lieber ins Treffen,
ihr Bau könnte auf den Feind den Eindruck machen, man schicke
sich an, anzugreifen, und auf diese Weise könne man provozier
rend wirken. Während man sich anderseits vor diplomatischen
und maximal konkreten Provokationen keineswegs scheut, sondern
durch solche gerade den Eindruck der auf höchste Stärke ge-
gründeten Furchtlosigkeit machen und diesen Eindruck zu weites?
rer Abschreckung ausnützen will. Wenn solche Widersprüche die
Besorgnis erregen müssen, die Planung sei lückenhaft oder die
noch viel schlimmere Befürchtung, das ganze Vorgehen sei im
Grunde planlos, muß man naturgemäß umso fester überzeugt sein,
es werde irgend ein planmäßiges Sazgg Handeln nach dem Auftakt
zur globalen Katastrophe nicht mehr geben, es werde nur ein
blinder Verzweiflungskampf sein, bis es nicht mehr geht.
Ich habe zwar die vom Gesichtspunkt der Gegenwart in
Betracht kommenden Hauptmächte bei Namen genannt, dann aber
in die Erwägungen über den möglichen Verlauf abstrakte Bezeic
nungen eingeführt und die kämpfenden Mächte unbenannt gelas-ess
sen. Die bessere Eignung der Abstraktion beruht auf der Wahr-
scheinlichkeit, daß für den drohenden Krieg gerade in den
entscheidenden Hinsichten neue Maßstäbe und neue Gesetze gel^E
ten. Was zunächst so ziemlich jeder akzeptieren dürfte, ist
die Gewißheit, daß es das Potenzial im alten Sinne nicht mehr
333
geben kann, den Faktor, dessen entscheidende Bedeutung
besonders in den beiden Weltkriegen anschaulich wurde.
Benn anach dem Ausbruch wird nun keiner rüsten -noch neue
Kriegsgeräte beziehen können. Er wird vom Ausbruch an nur
das haben, was er nicht selbst verbraucht hat und was noch
nicht zerstört, unbrauchbar und unerreichbar geworden ist.
Meine Ansicht geht darüber noch hinaus, indem ich den alten £sg
Begriff der Kriegsstärke für unanwendbar und revisionsbedürftig
halte. Dieser Begriff war seit Menschengedenken durch seine
Relativität definiert. Nie gab es eine absolute Stärke,
sondern die Differenz, bzhw. die Proportion zwischen den
beiden Stärken war das Entscheidende. Wenn wir aber jetzt das
früher vereinfachte Schema noch weiter vereinfachen, auch von
G absehen und nur A und B in Betracht ziehen, muß sich bei völ-
liger Unvoreingenommenheit herausstellen, daß ja jeder von l&saaä:
Beiden maximal stark ist, in der Lage, den Andern gänzlich
aus der Welt zu schaffen; oder genauer, daß schon ein Teil
seiner Kraft dieses Ergebnis herbeiführen kann. Da keiner
stärker ist als der Stärkste, auch der andere Stärkste nicht,
wird das Denken und Sprechen im Komparativ sinnlos, das Prinzip
des Vergleiches wird unanwendbar, die Bemühungen, den Andern
zu übertrumpfen, werden unzeitgemäß. Auch wenn die Kriegsstär-
ke mathematisch ausdrückbar bleibt, muß es in der durch das
Übersteigen des erforderlichen Maßes gegebenen Lage irrelevant
werden, ob A nur x oder x + y besitzt, da er mit x + y dem B &t$£
nicht mehr antun kann als mit x, was natürlich ebenso für B
gilt. Die daraus resultierenden Aussichten für den Verlauf
des Krieges gelten folgerichtig auch für dessen Ausgang.
Diese Aussichten nun näher zu betrachten, bleibt uns leider
nicht erspart.
Bei aller Unmöglichkeit, präzedenzlose Vorgänge zu
schildern, können wir immerhin einige Schlüsse auf das Kriegses
ende ziehen, indem wir versuchen, die Faktoren heranzuziehen,
deren Wirkungen für den Fall des Krieges als zwangsläufig
erachtet werden müssen, weil, im Gegensatz zu allerhand
wunschgeleiteten Voraussagen, nicht einzusehen ist, warum
sie ausbleiben sollten. Denken wir an die Bestattung eines WEM.
Toten und an die Anzahl der Hände, die im Frieden mit dieser
Aufgabe beschäftigt sind. Denken wir an ein Eisenbahnunglück,
an ein Erdbeben, eine Seuche, lassen wir jeden Ritus weg,
reduzieren wir die Bestattung auf das Unerläßliche, etwa
auf ein hastiges Verscharren, und erwägen wir, welcher
Energieaufwand dann immer noch notwendig bleibt. Denken wir
ferner an die Pflege, die Verwundeten und Kranken bisher
selbst im Kriege zuteil wurde und welcher Teil der Gesamt-
energie eines Volkes an diese Tätigkeit gewendet wurde.
Erinnern wir uns der Bemühungen zur Löschung einer Feuerstasmxfc
brunst; und der umfangreichen Maßnahmen bei Hochwasser, vor
allem zur Rettung der direkt Bedrohten und zur Abwehr von
Seuchen. Und nun versuchen wir uns die Lage von Lebenden
nach einem ganz kurzen nuklearen Krieg vorzustellen, voraus-
gesetzt, daß der Kampf zu Ende ist, daß das Feuer Städte,
Wälder und Felder mit Menschen und Tieren gefressen hat und
nach und nach erlischt, weil ihm keine Nahrung mehr geblieben
ist. Die Lebenden befinden sich noch mitten in einer weitaus I
überwiegenden Mehrheit von Leichen. Die Kanäle sind geborsten
uQd^off en, die Fische in den Flüssen und das Getier des Feldes
iefc tot und verpestet, es gibt kein Trinkwasser, keine Nahrung,!
kein Obdach, keine Bekleidung, alles ist verbrannt und ver-
giftet, unkenntliche Reste von Mensch und Vieh röcheln ringsum.
Den Lebenden wird es ergehen, als wären sie von den Toten und
den Sterbenden angesteckt, denn sichtbares und unsichtbares
Gewölk wir unaufhörlich auf sie niederrieseln und sie werden
in Massen fallen, von unsichtbaren Händen erwürgt. Manche
der immer noch am Leben Gebliebenen werden sich durch veren-
detes und verkohltes Fleisch zu retten suchen, von dem der
Tiere oder gar von dem ihrer Mitmenschen. Auch das wird schwer-|
lieh nützen, weil der Tod überall sein wird, in der Luft, in
den Tümpeln, in den Fetzen am eigenen Leibe, im Boden, in
jedem noch atmenden Kadaver, in jedem Knochen.
Was für edle Tugenden werden in diesen Seelen übriggebli*
ben sein? Wird der Zerfall des Menschen und der Gesellschaft
nicht schon in der Not des dem ersten Angriff* vorausgehenden
Alarmzustandes beginnen? Werden solche Menschen, die einst
Leidenden halfen und in manchem Unglück viel opferten, um den
Betroffenen beizustehen, nun für den Nächsten überhaupt Interej
esse haben? Oder wird jeder, von der Not verzehrt, nur anrieh
denken und vor nichts zurückschrecken, um sein Elend noch zu
verlängern? Nein, nicht jeder wird gesondert seine Erhaltung
suchen. Auf einmal werden sich Gruppen gebadet haben, die gegen
335
Einzelne und gegen andere Gruppen vorgehen werden, und
bald werden Gruppen durch interne Kämpfe zerfallen, und aus
den immer noch davongekommenen lebenden Leichen sx werden
neue Gruppen entstehen und vergehen,
Falls aus fortgesetzter Feindschaft der Unglücklichen
gegen einander und aus einem Zustand des Faustrechtes und
der Bürgerkriege irgend eine neue Gesellschaft hervorgehen
sollte, wie wird sie aussehen? Wird in ihr etwas von den alten
staatsbildenden Prinzipien wiederkehren? Welcher der heutigen
Gesellschaften wird sie ähneln? Wird etwa eine Gruppe die
Herrschaft an sich reißen, sich irgendwelche ausnützbaren
Werte aneignen, Rohmaterialien ausfindig und zugänglich machen
und sie von Andern verarbeiten lassen, um ihnen für die Arbeit
einen Teil der Produkte zu überlassen? Sollte also eine Art
Kapitalismus auf primitivster Stufe aufs neue entstehen?
Oder sollten Menschen dann von kommunistischer Diktatur immer
noch nicht genug haben? Oder sollte etwa dann die Zeit für
eine sozialistische Gesellschaft reif werden?
Diese Hoffnung wage ich nicht zu hegen. Das würde eine
moralische Kraft, einen menschlichen Aufschwung voraussetzen,
der im Zustand des totalen Verfalls nicht zu erwarten ist.
Eher sind völlig verelendete Exmenschen zu erwarten, die zu a±±
allem und zu nichts fähig wären. Wofern solchen mehr oder grmfor
minder zur Antisozialität herabgesunkenen Individuen überhaupt
eine Gesellschaft im engern Sinne entsprechen kann, wird sie
nicht weniger beklagenswert sein als die Einzelnen.
So ist aus mehreren Gründen keinerlei Status quo zu
erwarten, auch kein geistiger. Daß wir un$ überhaupt Illusionen
machen und daß unser Handeln in mancher Hinsicht von ihnen "kwxi:
bestimmt ist, bildet eine unserer fiä höchsten Fähigkeiten.
Doch in den Überlebenden der großen Katastrophe wird eine sol-
che Fähigkeit sich nicht erhalten haben. Der Gott, der weder ss
seine Anbeter noch seine Heiligtümer schützen konnte, wird
illusionsunfähige Überreste der Menschheit unter keinen Umstän-
den noch anziehen, Wesen voller Gier und Erbitterung werden
wahrscheinlich aller Ideale von einst nur höhnend gedenken.
Sie werden uns, ihre Vorgänger, der Schuld an ihrem Zustand
bezichtigen, und mit Recht. Jeder Altruismus und Idealismus
wird ihnen fiemd und wohl auch unverständlich sein. Vielleicht
werden sie sich mit nichts beschäftigen, was nicht sofortigen
336
Nutzen verspricht.
Die Lebensbedingungen werdenx so gründlich zerstört
sein, daß der allgemeine Abstieg auch nach der eigentlichen
Katastrophe nur weitergehen kann; es ist nicht abzusehen, was
ihn aufhalten und neuen Aufstieg bringen sollte. Wenn auch
zu hoffen ist, daß die Wirkung von Strontium 90 wie auch die
von Caesium 137 bald erheblich abgeschwächt sein wird, ist
seit Einsteins Erklärungen allgemein bekannt, daß die Verderb-
lichkeit von Carbo 14- Jahrtausende lang anhalten muß. Trotz
der furchtbaren Reduktion des Umf angs der Menschheit ist schon
wegen der gründlichen Durchgiftung aller virtuellen Mährstoffe
auf das notwendige Minimum an Nahrung in denjenigen Genera-
tionen, die für die Präge der Erhaltung unserer Spezies
entscheidend sein werden, schwerlich zu hoffen. Zugleich
lauern der Menschheit sekundäre Zerstörer auf, wie die zuneh-
mende Entartung und Verkrüppelung , von der auch die Zeugungs-
fähigkeit betroffen werden muß. An der unberechenbaren Größe
dieses Paktors versuchen heute manche Fachleute für Beschwich-
tigung ihre Talente, indem sie uns erzählen, daß der ProzenteadJ
satz von etwa 4% defektiver Kinder nach einem nuklearen Krieg
auf 5% anwachsen würde! Nach meiner bescheidenen Meinung müßte
er, wenn eine beträchtliche Anzahl von Geburten überhaupt
vorausgesetzt werden kann, auf zumindest 90% anwachsen.
Nach der weit verbreiteten und auf nicht mehr anwend-
baren Analogien beruhenden Ansicht würde nach einem nuklearen
Krieg der Sieger in das geschlagene Land einfallen, um ihm
seinen Willen aufzuzwingen. Da ist aber nicht nur die Prämisse
eines Siegers zu streichen, sondern die eines glücklicheren
Gegners schlechtweg, der noch Kraftreserven hätte, um eine
Eroberung oder Besetzung selbst ohne besondern Widerstand durc]
zuführen; und der überhaupt an einem Lande oder an einem Kon-
tinent interessiert wäre, wo es ebensowenig Nahrung gibt wie
in seinem Territorium oder noch weniger. Warum sollte man dem
eigenen Elend noch das fremde gesellen oder sich mit der Pür-
sorge für noch ärgere Not belasten wollen? Soweit man überhaupt,
das Rüstzeug zur Gewinnung von Rohstoffen besitzen sollte,
könnte man sie wahrscheinlich durch einfachere Mittel erlangen
als durch militärische Besetzung. Auf einem verwüsteten Plane-
ten wird eben alles anders sein.
Sa dem (jmch von Russell wiedergegebenen) National Planning
Association- s Report vom Mai 1958 werden naoh einem einzigen
337
Tage nuklearen Bombardements während eines halben Jahrhunderts
Sterbefälle im Umfang der ersten Ernte des Todes fortdauern,
u.zw. durch die direkte Radioaktivität und deren Folgen, vor
allem den genetischen Tod und Tumor, Die Verluste der neutra-
len Länder auf nur 5-10% von denen der kriegführenden zu
schätzen, mag als ein an Euphorie grenzender Optimismus ver-
zeihlich sein, ist aber nicht weniger gefährlich als absichtli-
che Irreführung. Vor einigen Jahren hat übrigens eine der strei
tenden Parteien die andere des ruchlosen Planes bezichtigt,
nicht allein den Gegner, sondern auch unbequeme Neutrale
nuklear auszurotten. Es ist natürlich schwer zu sagen, was
hinter einer solchen Beschuldigung steckt. Auch eine solche
Schurkerei wäre jedenfalls durchführbar und könnte dann ent-
weder dem Feinde oder einem Versehen zugeschrieben werden.
Doch auch ohne einen derartigen Zusatz zu dem schon an sich
beispiellosen Verbrechen wäre das Los der nicht aktiv betei-
ligten Menschheit schwerlich um vieles besser als das der dire
betroffenen Länder und die Folgeerscheinungen würden ±h überall
nach denselben Gesetzen eintreten. Am ehesten könnten Stämme
der Sahara oder außerhalb der Zivilisation lebende Bewohner
des südamerikanischen Westens oder Eingeborene im Innern
Australiens eine ganz bescheidene Aussicht auf Fortbestand kate
haben j doch für unsern Lebenswillen ist das wohl ein schwacher
Trost.
So sehen wir, daß eine Menschheit, die sich in den
Abgrund gestürzt hätte, aus ihm voraussichtlich nicht mehr
herausgelangen könnte. Wem eine solche Lösung der heutigen
Probleme annehmbar scheint, der braucht keine bessere zu suchen»
Er mag an seinen Delusionen festhalten solange er kann und
denjenigen, der für Erhaltung des Lebens eftritt »einen Kommu-
nisten oder Imperialisten nennen. Doch für uns, die wir uns noch
einige Gesundheit gewahrt haben, ist die Zeit gekommen, die
Dinge so zu sehen wie sie sind und wie sie gegebenenfalls
kommen müssen.
So kommt uns die berühmteste Stelle aus Dante in ErinsaxH:
nerung, ein Motto dieses Kapitels.
Noch können wir umkehren.
338
Schlußf olgerungen
Aus dem "bisher Erkannten ergeben sich die folgenden
Schlüsse :
I» Haß, Wettrüsten, Drohung, Abschreckung und Provokation
sind nicht Mittel zur Vermeidung der nuklearen Katastrophe,
sondern zu deren Herbeiführung,
2. Ein nuklearer Krieg wäre mit dem Ende der Zivilisation,
mit der Ermordung eines großen Teiles der Erdbevölkerung
und mit der Zerstörung ihrer Lebensbedingungen gleichbedeutend«
3. Niemand hat das Recht, einen solchen Krieg zu führen
oder Handlungen zu begehen, die einen solchen zur Folge haben
können,
4. Ein nuklearer Krieg würde weder Probleme lösen noch
die Lösung von Problemen ermöglichen,
5» Durch Einsicht und Menschlichkeit, durch weitgehende
Zugeständnisse und durch mutige und ehrliche internationale
Zusammenarbeit kann der Krieg vermieden werden,
6, Da der Status quo zum Kriegsausbruch drängt, ist er
an sich keine Lösung.
7» Jede durch Verhandlungen erzielte Lösung, auch die
schlechteste, ist der Katastrophe vorzuziehen,
8, Durch Verhandlungen im Geiste des 5»Punktes lassen
sich Lösungen finden, die der ganzen Menschheit neues leben
in Frieden, Freiheit, Menschenwürde und Wohlfahrt ermöglichen.
VIII
FRIEDENSKONFERENZ OHNE KRIEG
mm
Er wird zwischen den Nationen richten und viele
Völker zur Einsicht führen, zerschlagen werden sie
ihre Schwerter und zu Spaten machen, und ihre
Lanzen zu Gärtnermessern, eine Nation wird gegen
die andere kein Schwert mehr erheben und man
wird nicht mehr Kriegführung lernen,
Jesaias 2, 4
In diesem Marsch dem irrsinnigen Tode entgegen
ist keine andere Entscheidung möglich als
rechtsum und zurück, zur Gesundheit, zum Lehen •
Unser gegenwärtiger Kurs führt unvermeidlich,
früher oder später, zum Aussterben der Menschen-
rasse. Wir sind nicht verdammt, dieses Wettrennen
zur Katastrophe beharrlich fortzusetzen. Mensch-
licher Wille hat es bewirkt und menschlicher
Wille kann es zum Stillstand bringen.
Bertrand Russell
Grundlegung
Die Erkenntnis der Lage vermöge der Logik der Tatsachen
und der Aussichten verlangt von Allen, denen es gegeben ist,
diese Erkenntnis zu teilen, einsichtiges, entschlossenes,
rasches und konsequentes Handeln. Es muß zunächst in einem
aufrichtigen und überzeugenden Appell an alle Mitmenschen
bestehen, besonders an diejenigen, die durch ihre persönli-
chen Fähigkeiten und durch wichtige Positionen zur Rettung der
Gesamtheit in bedeutender Weise beitragen können. Die WichtigfcE
keit der erforderlichen Aktionen wie auch die Not und die
Dringlichkeit sind beispiellos, verlangen also Maßnahmen, die
über das Herkömmliche weit hinausgehen müssen; die höchste
gemeinsame Gefahr läßt sich nur durch höchste gemeinsame
Bemühungen abwehren.
Die folgenden Anträge lassen sich kurz vorausnehmen:
1. Sofortige Einstellung aller im Gange befindlichen
Kampfhandlungen»
2. Einberufung einer umfassenden internationalen
Konferenz zwecks Erzielung eines Einvernehmens über
die wichtigsten politischen Streitfragen sowie
Sicherung ergänzender Aktionen permanenter Friedens-
institutionen. Zur Definition ihrer Aufgaben sei die
Konferenz Friedenskonferenz genannt, wobei das
Hauptgewicht auf dem Unterschied liegt, daß
340
die einzuberufende fi±± Friedenskonferenz nicht wie
die bisherigen einem Kriage folgen, sondern zu dessen
Vermeidung stattfinden und die Voraussetungen für wei-
tere Vermeidung von Kriegen schaffen soll.
3. Die Friedenskonferenz wird noch vor ihren Bemühun- I
gen um Lösung der die Menschen und Völker trennenden
und ihre Existenz gefährdenden Fragen allgemeine
und totale Abrüstung zu beschließen haben.
4-. Alle Einzelheiten der Abrüstung, ihrer Durchfüh-
rung und Überwachung, werden von einer besonderen,
sofort nach Fassung des Beschlusses zu eröffnenden,
gleichzeitig mit der Friedenskonferenz stattfindenden
und mit allen erforderlichen Vollmachten auszustatten-
den Abrüstungskonferenz beschlossen.
5. Zum Schutze und zur Verbürgung der Abrüstung und
des gesamten Friedenswerkes wird eine internationale
Friedensarmee errichtet.
6. Fragen, welche die Friedenskonferenz nicht lösen
kann sowie solche, die sich erst nach deren Abschluß
ergeben, werden auf Grund eines Systems von Petitionen
vor ein permanentes internationales Tribunal gebracht,
um von diesem untersucht und entschieden zu werden
(S. ). Die Giltigkeit dieser Entscheidungen besteht
für die Lebensdauer einer Generation. Über die Durch-
führung wacht die Friedensarmee und schützt die durch-
zuführende, bzhw. durchgefüfe^e^r^F^hre ganze gesetzi
liehe Giltigkeitsdauer. Nach deren Ablauf beschließt
die direkt oder indirekt von der Friedenskonferenz
hiefür eingesetzte Institution über diese Frage
für die Zeit einer weiteren Generation, u.s.f .
Diesez wichtigsten aller erforderlichen Maßnahmen können
entweder in einem eigenen, zu diesem Zwecke aufzubauenden
Rahmenwerk stattfinden oder innerhalb der Vereinigten Nationen.
Beide Möglichkeiten haben ihre Vor- und Nachteile. Der zunächst
sinnfällige Nachteil der VN besteht gegenwärtig darin, daß
diese Organisation noch nicht universell ist. China, das volk-
reichste und ändern Hinsichten überaus belangvolle Land, steht
noch außerhalb; die Schweiz, die Heimat von drei friedlich
zusammenarbeitenden Nationen, vorbildlich in ihrer Neutralität
und in manohor andorn Berijohiua^^Ts^'e Dens owenig Mitglied.
Auch sind innerhalb der boctohendon Organisation die
341
bestehenden Machtverhältnisse für Zusammenarbeit und Frieden
zuweilen so ungünstig, daß sie ^Mm&Bm. eher geeignet scheinen,
Konflikte noch zu fördern. Schon die permanente antichinesische
Haltung muß Zv/eif el am richtigen Bau des ganzen Rahmens er-
wecken. Nicht nur Besorgnis, sondern Bestürzung muß es erregen,
daß der blutige Vietnamkrieg sich jahrelang hinzieht, ohne
von den VN direkt diskutiert, friedlich entschieden und been-
det zu werden. Eine weitere Schwäche der VN bildet der Umstand,
daß in Diskussionen von bedeutender Tragweite, wie die Nach-
wehen des arabisch-israelischen Krieges gezeigt haben, die
meisten Beteiligten in einem extrem parteiischen Geiste vor-
gehen, als ausschließliche Vertreter ihrer Regierungen;
während diejenigen, denen auch das internationale Gemeinwohl
nicht gleichgiltig ist, sich als zu schwach erweisen, um oino
Entscheidunganin einem solchen Geiste herbeizuführen. Schließ-
lich ist auch die Charta der VN noch nicht gründlich genug
durchdacht und formuliert, um Eigenmächtigkeiten des General-
sekretärs oder gegebenenfalls auch anderer Funktionäre aacsx
zjzasB&kxE&m zu verhindern. So schwere Nachteile können nicht
übersehen werden. Anderseits ist schon die bloße Existenz der X]
VN und ihrer Institutionen ein einzigartiger Vorteil, der
noch durch die bedeutenden ihnen zur Verfügung stehenden
Mittel und durch das hohe Ansehen vermehrt wird, das sie sich
ungeachtet ihrer Unvollkommenheit und ihrer beklagenswerten Se
Fehlleistungen erworben haben. Nach allen Erwägungen für und w±|
wider müssen wohl die Vorteile der bestehenden Organisation
entscheiden. Trotz ihren Schwächen war die Verhinderuig mancher
Kriege ihr Verdienst und ohne sie wäre es vielleicht schon
zum größten Unglück auf Erden gekommen« Das Werk zur Rettung
und Sicherung des Frieden soll also von den VN vollbracht
werden. Wir müssen daher hoffen, daß diejenigen, von denen die-
se Tat zu erwarten ist, auch eine Reform der UNO durchführen
werden, die für das Gelingen des Rettungswerkes eine bessere &
Gewähr bieten als die jetzige legale und tatsächliche Situation|
innerhalb der Organisation der Staaten. Der Vorschlag für eine
Serie von Reformen wäre daher als siebenter Punkt den voran-
stehenden sechs Punkten anzuschließen.
Mein Ruf ist das Ergebnis langen und intensiven Studiums
der Lage der Menschheit in dieser Zeit. Ich fühle mich berech-
tigt und verpflichtet, meine Stimme zu erheben, ohne ohne mich
auf mehr berufen zu können als auf Menschlichkeit und
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34-2
h M jj, ehrliches Nachdenken« Doch gibt es auch andere, vowmeinen
IPScö-h Ergebnissen verschiedene Möglichkeiten, die alle denselben
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wwN^rHägciNiä ^spruch auf unvoreingenommene Prüfung haben wie auch auf
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Bereitschaft zur Durchfuhrung der als gut erkannten Ideen.
Menschen, die kein Amt dazu verpflichtet, sondern ihre Be-
ziehung zum Leben und ihre Erkenntnis, trachten in manchen
Ländern nach Lösungen der brennenden Prägen. Dank brieflicher
Mitteilung von Dr. Erwin Hirsch, Jerusalem, ist mir bekannt,
daß dieser bedeutende Psychoanalytiker an einem Friedenswerk
arbeitet, hauptsächlich an einem Abrüstungsplan, durch dessen
Lethode das Haupthindernis überwunden werden soll, nämlich
die gegenseitige Furcht und das gegenseitige Mißtrauen, an
denen alle bisherigen Versuche gescheitert sind. Leider bin
ich nicht berechtigt, die Ideen des Autors zu publizieren,
bevor er es selbst getan hatMÜnter den bisher veröffentlich-
ten Arbeiten zur Planung undVSicherung des Friedens wärde ich
dfi&c£on Grenville Clark und Louis B. Sohn, "World Peace through
World Law" 81) äasDdssntariamä: die praktisch wichtigste nennen.
q q I Fh Fh Ö
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iiner erneuex
erten Organisation der Völker als Grundlage zu dienen; obzwar e
CO eS <D
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ij ö-h 0.S-H i d q 3 g **°-h meisterhaft ^obauUs Rahmenwerk bildet, ein System forä
ÜoS w S^d q w o-S ^malj"uridischer Bestimmungen für den internationalen Frieden
' > d'H Söll 1121(1 dessen Befestigung. Die Verfasser geben ihrer Initiative
© S^§eS höchst Problematische Punkte enthält, auf die wir zurück-
g, können müssen. Von der Gesamtheit des Problems her gesehen,
besteht seine Schwäche darin, daß es nicht mehr als ein wenn
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Fh I o -h -S m-h 3 § q 0 die Form von Revisionen zur bestehenden Charta der VN mit
•S^xFxJ S2 Gründungen und neuen Anhängen. Doch ist es höchst zweifelhaft
73 11 §S5hq J ° °b wohldurchdachte und S^* zusammengefügte Gesetze, selbst
wenn eine entsprechende militärische Macht für ihre Einhaltung
sorgen und gegebenenfalls ihre Verletzung bekämpfen soll,
einen auch nur einigermaßen dauerhaften Frieden verbürgen,
falls dieser Friede nicht die Revision desjenigen Status quo
zur Voraussetung hat, der eben zur Gefährdung des Friedens
geführt hat und Rettungsmaßnahmen erfordert. Ein Gesetz, besonö
ders ein von einer bedeutenden Macht gründlich geschütztes,
ist an sich mit Festlegung gleichbedeutend. Trotz Komitees
zur Prüfung von Be schwenden W^o&mc^m^Mms^c
34-3
SS
%&lpzgg%%33Qr>ffii^^ hat die Dynamik
des historischen Geschehens gegen sich, weil es zumindest
einen Versuch zur Betätigung des "bestehenden Zustandes bildet«
Wenn aber dieser Zustand an sich schwere Unzulänglichkeiten
aufweist, oder sogar unerträglich ist, entbehrt das Bemühen,
ihm maximale Dauer zu verleihen, sowohl der Berechtigung
als auch der Aussicht auf Erfolg, Es ist, als würden in starke
Fundamente eines Heubaues Zeitbomben eingebaut. Es gibt z.B.
Länder, deren Regierungen feigenblattlose Agenturen reicher
Geschäftsleute sind und in denen ein Knabe, wenn er für
Mundraub ins Gefängnis kommt, ohne daß das Datum seiner Ein-
lief erung notiert wird, als Greis hinausgeworfen werden kann,
falls er dort nicht noch in jungen Jahren umkommt. Ebenso
teilen wir diesen Erdball mit Gebieten gemeinsamer Herrschaft
des frevelhaften Luxus und des chronischen Hungers, ferner
mit Angola und andern Fremdherrschaften, mit dem Regime von
Rhodesien, mit der Apartheid, mitrder bekannten Lage Südwest-
afrikas, mit Papa Doc in Haiti ,/\und frische Reste von Sklaverei
und Menschenhandel gibt es auch. Sollen und können derart
flagrante Greuel, die nicht einfach als Streitfragen bezeichnet
werden können, und namentlich diejenigen, über welche westliche
und östliche Zivilisationen einer Meinung sind, durch ein für
alle Länder bindendes Gesetz, das Gewaltakte jeder Art ohne S
Rücksicht auf ihre Motive verbietet, verhindert und gegebenen-
falls ahndet, sozusagen verewigt werden? Und soll die größte
der Gefahren, die kapitalistisch-kommunistische Weltlage in
ihrem Mangel eines erträglichen modus vivendi und in ihrem
unbändigen Drang zur Katastrophe einfach so erhalten bleiben?
Es ist also offensichtlich, daß Aufrechterhaltung des Status 35H
quo nicht die stillschweigende Voraussetzung einer aufs neue
zu festigenden Weltordnung bilden kann. Es ist ein elementares
Gebot der Einsicht und Sittlichkeit, daß Kriege und Revolutioa
nen jeder Art verboten und verpönt sein und mit allen Mitteln
verhindert werden söllen; aber sie müssen vor allem unnötig wwtt
werden. Erst das kann den Frieden zwischen den Völkern und
innerhalb ihrer sichern. Welche Bedeutung der Vorbeugung
zukommt, d.h. sowohl der Verhinderung als auch dem Überflüssig-
werden blutigen Kampfes, kann durch unzählige Tatsachen erwie-
sen werden. Allein die kommunistische Revolution in China hat
nach Schätzungen, die nicht stark übertrieben sein können,
50 Millionen Menschenleben gekostet. Nach den Vorschlägen,
die ich im Folgenden unterbreiten will, sollen revolutionäre
Bewegungen eine Chance haben, ihre Ziele ohne Blutvergießen
zu erreichen. Aus den Tatsachen und mit einfachster Logik
läßt sich der Schluß ziehen, daß eine auf Einsicht gegründete,
die Lebensbedingungen der ganzen Menschheit berücksichtigende I
Neuordnung, die nicht nach der Katastrophe, sondern zu deren
Verhütung erfolgen soll, der Schaffung, Bestätigung und Festi-
gung eines internationalen Gesetzes vorauszugehen oder sie zu
begleiten hat.
Ein solches Riesenwerk, vielleicht die schwerste aller
Aufgaben, die Menschen je auf sich genommen haben, muß ange«fask
sichts der einzigen Alternative, die der Untergang ist, um
jeden Preis unternommen und konsequent vollendet werden.
Sie scheint weder zu schwierig noch zu groß zu sein, wenn wir
sie daran messen, welche geistigen und materiellen Energien
im 20. Jahrhundert zum Zwecke der Zerstörung und deren ebenso
zerstörerischen Abwehr bereits^ worden sind. An
Verdienstlichkeit würde das ÄfeäsaäÄerk keiner menschlichen
Leistung nachstehen, auch nicht jenen schöpferischen und
richtunggebenden Taten ferner und naher Vergangenheit, die
wir am meisten bewundern. Wenn es nach uns noch lebendige und
lebensfähige Generationen geben wird, werden sie wahrscheinlich!
selbst den bescheidensten Beitrag zur Lösung der heutigen um-
fassenden Krise und zur Sicherung einer Zukunft höher bewerten
als die talentvollen Massenmorde Alexanders, Caesars, Attilas,
Dschingis khans, Timurs und Napoleons. Im Gegenteil, die Ab-
scheulichkeit des Überfalls auf Länder und Menschen, des
Raubes, des Gemetzels, und der Massenhinrichtungen von Schuld-
losen muß endlich die sinngemäße Bewertung erfahren. Die Men-
schen werden sich dessen zu schämen beginnen, daß ihre Vorfah-
ren und sie selbst die Kriegsherren und Kriegshelden bewundert
haben und daß sie in diesem Wahn so wenig lichte Momente hattenj
An jenen lichten Momenten, den wenigen Unterbrechungen jahr-
tausendelangen Irreführens und Irrens, sehen wir zumeist un-
aufmerksam vorbei. Erinnern wir uns eines solchen Moments:
Der König David hat nach der biblischen Darstellung zwar alle
seine Kriege auf das Geheiß Gottes geführt; aber angesichts
des bloßen Umstandes, daß er es doch getan hat, findet ihn
Gott nicht würdig, den Tempel zu errichten und zeichnet
345
durch diese Aufgabe Davids Sohn aus, Salome-, den Friedens-
fürsten. Das Heiligtum, das die Menschheit nun errichten soll,
darf nicht das Werk eines Fürsten? sein, sondern das gemein-
samer Einsicht und Hingabe, der Tempel der Menschlichkeit,
die Sinn und Ziel sein soll.
Drei Konferenzen und deren Vorbereitung
Die Friedenskonferenz, die Abrüstungskonferenz und die
Reform der Gesetze der UNO bilden eine logische und program-
matische Einheit, werden aber wegen der Verschiedenheit ihrer
Erfordernisse und daher auch wegen der notwendigen methodi-
schen Unterschiede getrennt durchgeführt werden müssen. Da
es in der ^atur der Sache liegt, daß sich im Vorgehen dieser
drei Konferenzen immer wieder gegenseitige Abhängigkeit erge-
ben wird, indem Fortschritte einer Instanz durch die der
andern erst ermöglicht oder doch erleichtert sein werden,
wird es ratsam sein, die Tagesordnungen der Konferenzen von
vornherein in Einklang zu bringen und auch während ihrer
Dauer einander nach Tunlichkeit anzupassen.
Daß insbesondere die Friedens- und Abrüstungskonferenz
einander logisch voraussetzen, ergibt sich aus Tatsachen und
einfachen Erwägungen. Verhandlungen zwischen kampfbereiten
Leuten, die ihre Waffen in den Händen halten, haben nie als
bequem noch als aussichtsreich gegolten. Am schwersten sind
Verhandlungen natürlich im Zeitalter der zur Ermordung der MsbsI
Menschheit geeigneten Waffen, weil die Furcht vor dem Andern
mit den bekannten emotionalen Segleitmotiven sich zuweilen
geradezu lähmend auswirkt; und weil der Zustand der schwersten
und immer noch zunehmenden Bewaffnung die Verantwortlichen
und Verhandelnden in eine psychologische Lage bringt, in der
sie den Einflüssen getarnter Intriganten, die Verdacht und
Mißtrauen säen, leichter zugänglich werden. Es gibt noch eine
andere psychologische Tendenz, die Bemühungen um Frieden
zwischen Gerüsteten fast jede Aussicht nimmt, eine Tendenz,
die für Wasserstoffbomben ebenso zutrifft wie für Dolche.
Jeder praktische Kriminologe weiß, daß eben der Besitz von
Waffen zu ihrer Benützung verführt, zuweilen mit unwiderstehlie
eher Macht, und nicht nur in eigentlich pathologischen Fällen.
Theoretisch sollte man annehmen, daß Friedensverhandlungen
an sich schon durch die bloße Tatsache ihres Stattfindens
entspannend wirken und darum emotionale Gefahren auf ein
Minimum herabsetzen. Praktisch ist das aber durchaus
346
nicht immer der Fall; denn $k diesen günstigen Tendenzen
wirken jene ungünstigen entgegen. Hinzu kommt, daß von den
eigentlichen Konfliktstoffen die Rede ist, von eben jenen
Gegensätzen, die zum Kriege drängen und auch bei überlegen
klugen Leuten sich in gewissem Grade des Unbewußten bemäch-
tigen. Daß gerade im Beginn der Friedensverhandlungen die
Atmosphäre noch explosiver werden könnte, ist also denkbar,
weshalb es angezeigt sein wird, mit solchen Schwierigkeiten
zu rechnen, um ihnen einigermaßen vorbeugen zu können. Erst
wenn zur Abrüstung selbst die ersten Schritte getan sein
werden, und wenn ihre Gegenseitigkeit, bzhw. Allseitigkeit
offensichtlich sein wird, wird die grausame Spannung wirklich
zu weichen beginnen und Menschen werden nach und nach fähig
werden, in einander Menschen zu sehen, nicht Ungeheuer, und
einiges Verständnis für einander aufbringen.
Anderseits muß der psychologisch so schwer gewordene
Entschluß zum Verzicht auf die Mordwerkzeuge von den nicht
mehr abstrakten, sondern schon deutlich vor Augen stehenden
Aussichten auf eine bessere Neuordnung und realen Frieden
begleitet sein, um leichter, einfacher zu werden, in prakti-
sche Reichweite zu kommen. Der Preis für das Abrüsten, der
Friede mit seiner Fülle des Segens, an den man kaum noch
glauben konnte, muß direkt sichtbar, greifbar werden.
Was die beiden so unvergleichlich notwendigen und so
unvergleichlich schwierigen Aufgaben mit einander theoretisch
gemeinsam haben, ist zunächst eine Negation. Der Friede ist ine
sofern negativ, als er die Abwesenheit oder das Nichtvorhanden-
sein derjenigen Faktoren bedeutet, die uns hindern, in der
unserer Natur, unserem Glück und unserer Würde entsprechenden
Weise zu leben und unsere persönlichen und pvmi^L*»^ kollek-
tiven Kräfte produktiv zu entfalten. Der Friede ist also die
elementare, u.zw. negative Voraussetzung für unser Dasein
selbst wie auch für die Entwicklung unseres Wesens, die Erfül-
lung unseres Sinnes. Die Erlangung dieser Voraussetung ist in
der heutigen Lage die fundamentale, wenn auch nicht die letzte
Aufgabe des Menschen; über diese letzte will ich nach dieser
Schrift noch eine Aussage wagen. Daß wir uns entwaffnen, ist
in einer noch konkreteren und präziseren Wortbedeutung Negation
einer Negation. Wir entledigen uns dadurch der Mittel zur
Zerstörung des uns Gleichen, die zugleich die Mittel zu
347
unserer Selbstzerst'ärung sind. Dadurch bahnen wir den Weg
für die Rekonstruktion des Menschen in seiner Echtheit,
und wir müssen ihn nicht unbedingt als göttlich bezeichnen,
um ihn in der ihm gemäßen Weise zu benennen.
Es liegt auf der Hand, daß Verhandlungen, durch die man
von jemandem etwas höchst Belangvolles erreichen will, nicht
ohne ihn stattfinden können; in dieser Lage sind die VU bis
heute, sodaß entscheidend Wichtiges hartnäckig ins Leere
gesprochen wird. Zum neuen Friedenwerk, dem zweifachen, bzhw.
dreifachen, müssen alle Völker nicht nur formell eingeladen
sein. Sondern zur Erreichung der Universalität, die allein
uns auf Rettung hoffen läßt, wäre keine Mühe und wohl auch kein
Opfer zu groß. Amerika muß sein gesamtes Können aufbieten,
im die (wider die7Menschhei|) durch Aussperrung Chinas von den
VM begangene SündeVgut zumachen.
Schon im Stadium der Vorbesprechungen über die Abrüstung
werden auf allen Seiten Argumente bereit sein, vor allem die
altbekannten, die alle früheren Bemühungen um Abrüstung und
die gegenwärtig noch unabgeschlossene lähmten und lähmen,
und manche Argumente werden den Charakter von Bedingungen
für die Teilnahme annehmen. Außer jenen Imponderabilien, deren
immenses Gewicht wir zu wägen versuchten, gäbe es zur Gewinnung
Chinas für die Idee der allseitigen Abrüstung zwei bedeutsame
Argumente: a) In der nächsten Zukunft hätten die beiden Groß-
mächte, die das reale Maximum an nuklearer Bewaffnung längst
erreicht haben und nur noch in gegenseitigem Wettstreit weiter-
rüsten, dieses Maximum aufzugeben und es bis auf den Nullpunkt
abzubauen; während China vom Maximum immerhin noch weit ent#aaas
f ernt is^u^L^^Sne^in^n ungeheueren zusätzlichen Energieauf-
wand zur Gleichheit mit den beiden jetzt Stärksten gelangen
könnte, b) In Anbetracht der numerischen Stärke des chinesi-
schen Volkes, das im Notfalle auch ohne schwere Bewaffnung
immer ansehnliche Armeen rekrutieren kann, bliebe nach all-
seitiger nuklearer Entwaffnung und nach allgemeinem Verzicht
auf die konventionelle Bewaffnung ein bedeutender Trumpf in
den Händen Chinas, das auch ungerüstet niemals wehrlos zu werÄE
den brauchte*
Auf die übrigen Fragen der eigentlichen Abrüstung kommen
wir zurück.
Der Geist der Friedensverhandlungen
Haben die elastischen Diplomaten sich den Erfordernissen
dieser Zeit angepaßt? Haben sie begonnen, die Zeit zu verstehen
und eine ihr gemäße Methode auszubilden? Schon Russell hat klar
erkannt, daß in diesem Zeitalter nicht Siege, sondern Überein-
künfte den Erfolg einer Diplomatie bestimmen. Für die vorge-
schlagene Friedenskonferenz wären Siege jedenfalls nicht
minder unheilvoll als Niederlagen. Ihr ideales Ziel ist der
Sieg Aller. Realistisch definiert, ist es ein weit verzweigtes
und umfassendes Übereinkommen, das, wenn auch nach Reibungen,
Widerständen, Komplikationen und objektiven Schwierigkeiten
erlangt, zu einer für Alle annehmbaren Grundlage freundlicher
Zusammenarbeit werden kann. In jener heute leider noch nicht
veralteten Schule der Diplomatie wird der Verhandlungspartner
im Grunde immer als Gegner betrachtet, auch wenn er Bundesgesas
nosse ist und formell als Freund behandelt wird; man sucht ihn
oft auch tatsächlich zum Freund zu machen, aber um mit ihm
gegen einen Dritten zu gehen. So bleibt eine Art Kriegsvor-
bereitung erhalten, wenn auch mit starker Variabilität ihrer
Richtung. Verhandlungen, die in einem solchen Geiste begännen,
würden zu Siegen im Sinne der guten alten Zeit führen, d.h. zu
einer furchtbaren Niederlage im Sinne der unsera. Während es
früher die eigentlich entscheidende Frage war, was man von der
andern Seite erreichen will und wie man es zu erreichen hofft,
wird jeder verhandelnde Staat und jeder seiner Vertreter von
nun an zuerst sich selbst klar machen müssen, was er dem PartöE
ner bieten, was er ihm konzedieren kann, um das erwünschte
Entgegenkommen auch von ihm erwarten zu können. Während er bisfe
her geheimzuhalten pflegte, worin er schließlich, wenn es nicht
anders ginge, nachgeben würde, wäre es jetzt ganz bestimmt bese
ser, wenn er es als Angebot von vornerein offen präsentierte,
wie eine Morgengabe, ein Geschenk, dessen er sich nicht zu
schämen braucht und das den Partner zu adäquater Erwiderung
veranlassen sollte, das alte do ut des ln^verbesserter Auflage.
Die vielseitige Neuordnung, die da diskutiert und dann
beschlossen werden soll, muß auf langen Bestand berechnet sein
und den Menschen größtmögliche Wohlfahrt bieten, sodaß sie sich
nicht bald nach Umsturz sehnen würden. Bestand für Jahrhunderte
wäre im Bereich der Möglichkeit, wenn es eine Serie vön Neu-
ordnungen in echt demokratischem Geiste wäre, also auf der
349
Zustimmung derer beruhte, die es angeht. Während eine noch so
energische Unte:rdrückung, oder gerade eine solche, im allgemein
nen viel kurzlebiger ist als der Profitierende sich einbildet.
Hitler hatte sich gerühmt, sein Reich werde 1000 Jahre bestehen,
während der Buddha allzu bescheiden angenommen hatte, die Lehre,
die er vor fast 2500 Jahren verkündet hatte, werde 500 Jahre
lebendig bleiben. Wir können die nahen und insbesondere die
ferneren Folgen unseres Wirkens zwar weder bestimmen noch
voraussehen, aber wir können tun, was an uns liegt, damit es
gut genug sei, umi langen Bestandes würdig zu werden und ihn
zu rechtfertigen. Bemühen wir uns also, das Leidvolle und das
Schnöde zu tilgen, so gut wir können, um womöglich noch uns xsx
selbst, aber vor allem kommenden Generationen das Leben lebens-
wert zu machen.
Selbst die schönste Medaille hat freilich auch eine Kehr-
seite. Das politische Werk einer Generation kann sich erfahsasg
rungsgemäß in kommenden Generationen lähmend auswirken, wenn
es, zu starr oder allzu schwer verpflichtend formuliert, unvor-
hersehbaren Entwicklungen nicht Rechnung trägt und für Anpassung
an künftige Veränderungen nicht genügende Möglichkeiten offen-
läßt. In diesem Kapitel wird darum eine Methode beantragt,
politische Regelungen in einem voll verpflichtenden Sinne
auf die Lebensspanne einer einzigen Generation zu beschränken,
um den Kommenden das Recht und die Möglichkeit einsichtiger
Neuordnung bestehender Ordnungen zu belassen.
Prinzipien des Völkerrechts
Wenn die Realität des internationalen Lebens der Theorie
entspräche, wäre die Mehrheit der Renschen gewiß nicht so un-
glücklich und würde weder darben noch in Erbitterung dahinleben.
Obzwar die von früheren Pionieren und in unserer Generation
unternommene Fundierung des internationalen Rechts, auch die
innerhalb der UNO durchgeführte, noch lückenhaft ist und eine
einwandfreie Lösung der formaljuridischen Legitimitätsfrage
noch aussteht, sind die Prinzipien des internationalen Rechts,
ebenso wie die bestehenden Konstitutionen der meisten Staaten,
an sich nicht schlecht. Ihre einzelnen Reformbedürftigkeiten
wären unschwer in Ordnung zu bringen. Es hapert im Grunde an
der rechten Praxis, nicht an guter Theorie. Was in der Hauptsae
che unsere Aufmerksamkeit erfordert, damit die Erde uns zu einer
350
freundlichen Heimat werde, sind demnach nicht die Prinzipien
als solche, sondern deren Anwendung. Im Lichte rechter Anwen-
dung würden zunächst die ideologischen Gegensätze auf Erden
ganz anders au^eJien^Da z.B. Amerika das Selbstbestimmungs-
recht der Völker und in der theoretischen Prägung und Durch-
setzung des Begriffes sogar die wichtigste Führerrolle gespielt
hat, würde vor allem das Hauptargument in Wegfall kommen,
das die gesamte kommunistische und ein Großteil der neutralen
Menschheit gegen Amerika geltend machtr-wenn es nur um die
Theorie ginge. Was Alle noch von Amerika zu fordern haben,
ist nur die Anwendung des eigenen Prinzips durch Nichtein-
mischung in die Rechte anderer Völker. Viele Amerikaner versteh
hen ja sehr gut, daß sie in Vietnam nicht mehr Rechte haben '
als die Vietnamesen in Amerika; und daß Reichtum, überlegene
Macht und höher entwickelte Technologie an sich kein Recht
verleihen, am allerwenigsten das Recht, einem andern Volke
die eigene Denkungsweise oder das eigene Wirtschafts- und &5E3H±
Gesellschaftssystem aufzuzwingen. Ganz im Gegenteil, die besten
Geister aller Zeiten waren der Meinung, Überlegenheit verpflichj
te. In dem blutigen Konflikt geht es also um ein von Amerika
proklamiertes und von der übrigen Welt anerkanntes Prinzip,
gegen das Amerika sündigt. Aber auch auf der andern Seite sind
es keineswegs nur die Prinzipien selbst, aus denen sich für die
übrige Welt Schwierigkeiten ergeben, sondern eine analoge Dis-
krepanz von Theorie und Praxis. Während in der Theorie die
soziale Revolution zum Aufbau der kommunistischen Gesellschaft
führt, war es nach dem zweiten Weltkrieg militärische Eroberung
die in mehreren Ländern Ost- und Mitteleuropas den kommunistiei
sehen Umbau des Staates, der Gesellschaft und der Wirtschaft
mit sich brachte, wodurch auch die injder Theorie vorgesehene
Aufeinanderfolge verletzt war. Freilich muß anerkannt werden,
daß die Sowjetunion ihre Anmaßung von Hausherrenrechten in
jenen Ländern darauf gründete, daß sie deren Gesamtheit von
der bösesten aller Fremdherrschaften befreit hatte; während
Amerika gegen die Majorität des vietnamischen Volkes kämpft.
Gunotcn der flow Je lo muß auch eingeräumt worden, daß in
nnroror Gonernfion oino rTOf:iar weiterer Eingriffe ihroreoitß
«a dao Solbctb^ntimmungcrooht
der Nationon ohor abetrakt fort».
^^efe%, während Amerika eprungbereit auf vcrrlä?hticc Rcgun^M
ia^d^m LwnrlP horcht, nm rloa ii^prpoliticch^U^adungeA,
4% W
351
äic oin nahes oder ferne o Land in die Nähe de 3 Kommunismus
bringen könnten, durch militäriooho Intervention womöglich
vorzubeugen»»
Da also die schwierige Situation der Menschheit nicht
so sehr auf bestreitbare und bestrittene Satzungen zurück-
geht wie auf deren widerspruchsvolle und willkürliche Anwen-
dung, ergibt sich bezüglich der Satzungen selbst der Schluß,
daß es ihre Hauptschwäche ist, willkürliche Auslegung und
Anwendung zuzulassen oder ihrer Verletzung sogar Vorschub zu
leisten. Nur so ist es zu erklären, daß Länder mit klassischer
Unterdrückungspraxis freiheitlich klingende Konstitutionen
haben können, was kaum möglich wäre, wenn die Formulierung
straff und präzis genug wäre, um offensichtlichen Mißbrauch
auszuschließen oder zumindest zu erschweren. Weitaus wichti-
ger als für die nationalen Konstitutionen ist das natürlich
für das noch unfertige Völkerrecht. Ein Neubau der theoreti»KfeSE
sehen Grundlagen für das internationale Leben wird diese fatale
Schwäche in Betracht zu ziehen haben; man wird so vorgehen müs«
sen, daß der Verbiegung und Umgehung in jeder erdenklichen
Weise vorgebeugt wird. Das ist wohl der Hauptgrund für die
Unerläßlichkeit der Neuformulierung.
Bevor wir eine Darstellung der dringenden politischen
Probleme der Gegenwart versuchen und Lösungen ersinnen und
prüfen, wird es notwendig sein, einen verhängnisvollen
Widerspruch, der schon allein genügt, um die friedliche
Konsolidierung der Menschheit zu verhindern, theoretisch auf-
zuheben. Die Ideale der Freiheit und Gerechtigkeit einerseits
und des Friedens anderseits geraten immer wieder in schwere
Konflikte, sodaß Völker und andere Gruppen sich oft zwischen
chronischer Duldung von Abhängigkeit, Beraubung, Fremdherr-
schaft und anderer ihre natürlichen Rechte und ihre Würde
verletzenden Zustände und einem zuweilen verzweifelten Kampf
gegen einen weitaus Stärkeren zu entscheiden haben. Daß
Freiheit mit Blut bezahlt werden müsse, war eine der furcht-
baren Regeln einer steinalten und zähen Politik, die erst neuer-
dings in Stücke zu gehen beginnt, seit, wie in einigen afrika-
nischen Beispielen, der Kolonialismus es vorzog, seine Beute
loszulassen und Völker durch einen Federstrich in den Besitz
der erträumten Unabhängigkeit gelangten. (Auf die Probleme,
die sich oft erst aus der Freiheit ergeben, und vor allem auf ±
352
die Frage, wie ein aus ihr resultierendes Blutvergießen
verhindert werden kann, kommen wir zurück, S. )# Die erste
Tat eines vervollkommten internationalen Rechtes muß es sein,
zwei alte grausame Identifizierungen aufzuheben: Die des ggrwäw
Friedens mit der je nach Bedarf entv/eder milden oder brutalen
Aufrechterhaltung des status quo, wie immer dieser beschaffen
sei; und die der Befreiung mit blutigem Kampf. Die erste der
beiden Identifizierungen ist ein Erbe absoluter Monarchien,
in denen selbst jeder Gedanke an eine Änderung als Verbrechen
hingestellt wurde; und in denen selbst ein äußerst gemäßigter
Reformismus Verdacht erregen konnte und unter Umständen peinvol-l
i
Es bedarf keiner allzu tief-
gründigen Analyse, um aufzudecken, daß diese den Interessen
der Alleinherrschaft durchaus gemäße Auffassung noch in sämtlie
chen modernen Staaten nachwirkt, da doch kein Regime geneigt
ist, auf die Macht zu verzichten oder den Hausschlüssel leicht
herzugeben. Die Erziehung zu der Auffassung, daß jene, die das
fiegime repräsentieren und diejenigen, die es lieben und die
sich unter ihm ruhig verhalten, die Guten seien und daß die
Andern, die unzufrieden sind, kritisieren und Wünsche nach
einer Neuordnung hegen, als die Bösen anzusehen seien, fogfagrn,
beherrscht nach wie vor die Schulsysteme aller Länder ohne
Ausnahme. Nur das letztere Verhalten pflegt man von altersher
politisch zu nennen; das erstgenannte galt oder gilt nicht als
eine andere Richtung von Politik, sondern hat immer noch Namen
wie königstreu, gesetzestreu, patriotisch oder, noch einfacher,
friedlich. Erneuerte Menschlichkeit wird den Standpunkt selbst
wie auch dessen Benennungen ändern müssen. Der Status quo ist
nur dann gut und hat nur dann Anspruch auf internationalen
Schutz, wenn er den elementaren Bedürfnissen und Rechten der
menschen entspricht. Er ist schlecht, wenn er diesem Anspruch
nicht gerecht wird. In diesem Falle dürfen die Menschen, die
den bestehenden Zustand durch einen bessern ersetzen wollen,
weder zu Verbrechern gestempelt werden noch zur Verletzung
des Friedens gezwungen sein. Vorkehrungen müssen getroffen
werden, die ihnen ermöglichen, ihre Ansprüche in voller
Legalität vor ein internationales Forum zu bringen, das von fcfefe
Ethik und Einsicht geleitet, nicht von^der jenen Interessen fc
beherrscht zu sein hat. Das klingt geradezu selbstverständlich,
aber daß es so klingt, beweist nur, ribdä wie berechtigt es
353
als Forderung ist und wie unbeirrt das natürliche Rechts-
empfinden des Lesers das Prinzip annimmt. Aber wie weit wir
sogar noch von der theoretischen Erfüllung dieser Idee entfernt
sind, davon kann jeden die uns heute vorliegende, in anderen
Hinsichten überaus verdienstliche, ja bewunderungswürdige
Literatur über internationales Recht überzeugen, einschließ-
lich der Charta der VM und der früher erwähnten Vorschläge
für ihre Revision. Die hohe Bedeutung dieser Schriften besteht
hauptsächlich in ihrer wohldurchdachten Planung von Maßnahmen,
die eine wirksame und weitgehende Verletzung des Friedens
unmöglich machen sollen. Was ihnen jedoch fehlt, Isp das nicht
minder wesentliche Ziel, Verletzung des Friedens auch unnötig
zu machen; das ist es also, was für die nächste Zukunft wie
auch für fernere Zeiten zur ebenso wichtigen Aufgabe wird.
Das Prinzip der Gutheißung von Zuständen oder weitgehender Vera
änderungen im Leben der Völker auf Grund einer Berechtigung
und nicht auf Grund brutaler Tatsachen ist selbst für denkende
Köpfe noch allzu neu, da es sich weder alter noch neuer histori-
schen Erfahrung einfügt und da seine Verwirklichung ein umfang-
reiches Aufbauwerk auf neuen Grundlagen erfordert. So seien
allen um eine glücklichere Menschheit Bemühten Vorschläge unter-
breitet, die später(S. ) durch Ausführungen zum sechsten der
an den Anfang dieses Kapitels gesetzten Punkte ergänzt werden
sollen. Selbstverständlich behaupte ich nicht, daß die mir vor-
schwebenden Lösungen die einzig möglichen sind. Aber ich glaube
an den folgenden Themen, die zu den großen Sorgen unserer
Generation zählen, für die Tagesordnung der beantragten Frieda»
denskonf erenz auf einige notwendige Anwendungen des internatioa
nalen Rechtes, besonders des Selbstbestimmungsrechts hinweisen
zu sollen. Um die vorgesehenen Anwendungen auf ihre objektive
Berechtigung prüfen zu können, müssen wir nur versuchen, uns
über die bekannten Interessen hinwegzusetzen, uns also von
denjenigen Einflüssen freizumachen, die wir unseren Gegnern
vorzuwerfen pflegen.
Anwendung auf Vietnam
Go, I discharge thee of thy prisoner..
Shakespeare, Much Ado about Ifothing, V,l
I am simply anti-war and pro-humanity. It is the
only moral and the only rational and the only
truly revolutionary position to hold.
A. J. Muste
354
Solange der schonungslose Kampf zwischen der riesenhaften
amerikanischen Militärmacht und jenem kleinen fernen Volke
noch in vollem Gange ist und das Blut von Soldaten und Parti-
sanen wie auch das. von Frauen und Kindern in Strömen vergossen
Meine Auffassung kommt an mehreren vorausgegangenen Stellen
dieses Versuches bereits zum Ausdruck und verlangt hauptsäch-
lich noch Präzisierung der Anwendung des Selbstbestimmungs-
rechtes, Diese Anwendung ist allerdings fast zu einfach, um
überhaupt formuliert zu werden; es ist dennoch unumgänglich,
sie einzubeziehen und an die Spitze einer Reihe internatio-
naler Probleme zu stellen.
Ob die armen Bauern und ein Teil der nicht sehr zahl-
reichen Städter, die zusammen die Mehrheit Süd-Vietnams
bilden, berechtigt waren, ein verhaßtes, moralisch schwer
defektes und als Agentur des Auslandes betrachtetes Regime
abzuschütteln, war nach den bis dahin anerkannten und noch
heute geltenden Begriffen eine ausgesprochen innere Angelegen-
heit. Nach den internationalen Gesetzen, die später vorgeschlag
gen werden sollen, wird bewaffneter Aufstand verboten und
durch Petition und Rechtsprechung zu ersetzen sein. Damals
war das aber weder in Vietnam noch sonst irgenwo der Pall
und ist es leider auch heute noch nicht. Unterdrückten Minder-
heiten oder Mehrheiten stand bisher nur der Weg revolutionärer
Gewaltanwendung offen. Die ersten amerikanischen Stimmen, die
sich in jenem Prühstadium der Kämjfe hören ließen, waren die
der Presse und der Diplomatie, die gegen den z?/ar nicht aus-
schließlich kommunistischen, aber wahrscheinlich vorwiegend
kommunistischen Aufstand Argumente suchten. Die ersten Anklagen
richteten sich gegen angebliche Hilfe aus China und aus dem
1954 durch den Genfer Vertrag abgetrennten Norden Vietnams.
Der eher experimentelle Charakter jener frühen Beschuldigungen
ging he^k daraus hervor, daß die offiziellen amerikanischen
Kommentatoren sich bald genötigt sahen, die Behauptungen dahin
. militärische ^
zu modifizieren, daß^HiIfe aus China nicht erwiesen sei, was
bis heute nicht geändert wurde. Ob damals, noch vor der mili-
tärischen Intervention der Vereinigten Staaten, aus Nord-Viet-
nam überhaupt Partisanen oder Waffen kamen, ist bis jetzt ua«
gewiß. Die indisch-kanadisch-polnische Kontrollkommission,
zu deren Obliegenheiten eine solche Peststellung gehört hätte,
hat sich offenbar nie auf einen gemeinsam publizierbaren
objektiv Stellung zu nehmen.
355
Bericht einigen können. Daß der schon damals mit allen Mitteln
vorgehende Informationsdienst kein genügendes Material "bei-
bringen konnte, ging aus der tastenden Unsicherheit der begin-
nenden Einmischung hervor, da die amerikanischen Truppen damals
und noch bis Anfang 1965 den Titel "Berater" führten. Bei jenen
frühen Bombenangriffen auf die Stellungen der Vietkong flogen
sie offiziell nur als Gäste in den der südvietnamischen Regie-
rung gelieferten Plugzeugen mit, ohne am Kampf gegen die
Bauernsoldaten und die uniformlosen und barfüßigen Kleinbauern
eigenhändig teilzunehmen. Als mit den schweren Bomben auch die
schönen Titel fallen gelassen wurden, und das Volk Südvietnams
der so vielfach überlegenen Bewaffnung und wachsenden Zahl
der Amerikaner nicht mehr standhalten konnte, kam Mannschaft,
Nahrung und Bewaffnung mit unzweifelhafter Deutlichkeit auch as
aus dem Norden Vietnams. Die Hauptzüge der Geschichte des Krieg
ges und seiner Hintergründe kennt jeder.
Es ist also unbewiesen und vielleicht unbeweisbar, welche
der beiden Einmischungen von Anbeginn aktiv und welche Reaktiv
war. Die Wahrscheinlichkeit ist der amerikanischen Argumentation
nicht günstig. Was aber keines weiteren Beweises bedarf, ist
der rechtliche Unterschied zwischen den Vietnamesen aus dem
Norden Vietnams und den Amerikanern aus dem Norden Amerikas.
Wer bereit ist, antikommunistische Ideologie als Ersatz für eine
Rechtsbasis hinzunehmen, ist gewiß auch für die Auffassung zu k
haben, daß die Vereinigten Staaten berechtigt seien, jedem Volke
seine Gesellschaftsordnung vorzuschreiben. Aber es ist wohl s^rfer
schon mehr als die Hälfte der Menschheit, die einen solchen
Rechtsstandpunkt nicht teilt. Und wenn wir uns auf das Wesen
des Rechtes besinnen, und dessen Verwechslung mit Macht und
mit Interessen entschieden ablehnen, müssen wir hinzufügen,
daß das Recht überhaupt keine quantitative Größe ist. Mehrheit
kann ein Rechtstitel sein, aus ihr kann sich ein Recht ergeben.
Aber Mehrheit kann an sich auch das Unrecht, eine Minderheit
kann das Recht vertreten, und selbst ein Einzelner kann be-
drängt und verfolgt sein und doch recht haben.
Ereilich zeigt gerade Vietnam, daß das Recht viel mehr
als eine abstrakte Präge ist. Recht und Unrecht werden allzu
leicht zu zwei Lagern und das Unrecht ist der Gefahr ausgesetzt,
in den eigenen Abgründen zu versinken. Andere übel, wie das
Prestige, stoßen es leicht immer tiefer hinab. Auf der schiefen
übene wird alles schwerer; während es dem Recht eigen ist,
ydurchgef ührte 86%
Untersuchung
356
Sympathie zu erobern und durch sich selbst an Kraft zu gewinnen82)«
82) Das sind nur grundsätzliche Erörterungen über diesen Krieg,
unter Weglassung der Einzelheiten und der Methoden in ihrer Ab-
scheulichkeit. Aus der Menge der nui? teilweise bekannt geworde-
nen Dokumente müssen aber zunächst solche beachtet werden, die
das Los der Zivilbevölkerung Vietnams grell beleuchten. Über
Massenmorde an Zivilisten, wenn auch nicht über die angegebenen
Zahlen, stimmen Amerikaner und Bürger kommunistischer und neutra-
ler Länder überein. Schon vor Jahren ergab eine im Auftrag des
jugoslavischen Präsidenten Titoyunter den Todesopfern in Vietnam
'% Zivilisten. Die Zahl der gefallenen amerikanischen Soldaten,
die lange äußerst widerspruchsvoll angegeben wurde, hat noch vor
der Ausdehnung des Krieges auf Vietnam 50.000 fast erreicht,
während Nordvietnam und die Vietkong ein Vielfaches an Toten
haben , worüber man nach verläßlichen Zahlen vergeblich sucht.
Die Proteste gegen die Rolle Amerikas in Vietnam, gegen die
Art der Kriegführung und gegen die Erweiterung des Krieges sind
ein ruhmreiches Kapitel in der Geschichte des amerikanischen
Humanismus. Einer von denen, die von innen her eine ganz intime
Kenntnis dieser Bewegung besitzen, sollte sie in allen ihren Verejtf^
zweigungen darstellen und sowohl die Stellungnahme der Geistigen
als auch die riesigen Massenaufmärsche deskriptiv und analytisch
behandeln. Greifen wir nur ein Beispiel heraus, die American
Association for the Advancement of Science mit ihren 105.000 zu
einem guten Teil prominenten Mitgliedern, die endlich gegn die
chemische und biologische Kriegf ührung ihre unüberhörbare Stimme
erhob. Sie und viele andere Organisationen wenden sich gegen die
schonungslose Vergiftung der Vegetation zur Entblätterung der
tiefen weiten Wälder und Vernichtung der Reisfelder und unterneh-
men diese Initiative nicht allein aus Menschlichkeit, sondern weil
der ßälsenmaßstab der Anwendung teilweise noch unbekannter und un-
erprobter Zerstörer das ökologische Gleichgewicht, das der Bezie-
hung zwischen allen Lebewesen und ihrer Umgebung, derart erschüttere
kann, daß die Polgen für den ganzen Planeten verhängnisvoll v/erden
können. Das Problem, dem unser zweites Kapitel gewidmet ist, kehrt
also in Vietnam in amerikanischem Maßstab wiederx 83).
83) In manchen der zahllosen Kundgebungen von Wissenschaftlern
ist das Los der gemarterten ITatur die überwiegende Sorge. Das
Verbot der chemischen und biologischen Kriegführung (CBW) ist in
Genfer Konvention von 1925 festgelegt und von der USSß,
der
China, Britannien, Deutschland und Italien ratifiziert, aber
nicht von Amerika und Japan. Schon 1964 gab die amerikanische
Armee für lebensfeindliche fisrsahimgsH chemisch-biologische
Porschungen allein 158 Millionen aus, für die Gifte selbst fast
137 Millionen.
Nicht Viele wissen, daß auch die Sowjetunion sich für künf-
tige Möglichkeiten die Benützung solcher Greuel gesichert hat,
statt einer weitblickenden Politik gemäß und im Sinne der Genf
er
357
Verpflichtung eine Position zu wahren, in der sie chemisch-biologi-
sche Waffen konsequent verurteilen könnte.
Die Unruhe wächst auch unter denkenden Kirchenmännern, die nicht
durch Schweigen mitschuldig werden wollen, Gedenken wir drei greiser
Priester, die sich von Nordamerika nach Nordvietnam aufmachten, um für
kurze Zeit die Gefahren der Bürger Hanois zu teilen. Der Presbyteria-
ner Abraham John Muste 84), der aus Johannesburg ausgewiesene anglika-
w vxtxtdw 84)Zuneist wird er als Fresbyterianer bezeichnet, doch betrach-
ten ihn zwei oder gar drei Kirchen als den Ihren,
nische Bischof Richard Ambrosius Reeves und der pensionierte Rabbi
Abraham .Feinberg waren zur Zeit ihrer Reise 82 bis 67 Jahre alt. Für
kuste, den Helden ±ee und Priester der Menschlichkeit und Menschenwürde,
war es die letzte Reise gewesen. Seine tiefe Körperschwäche war den
Anstrengungen nicht gewachsen. Kurz nach seiner Rückkehr starb er.
Hingegen würden die ohne Unterlaß produzierten offiziell amerika-
nischen Äußerungen zu diesem Kriege , wenn sie systematisch zusammen-
gestellt wären, ein nicht gerade ruhmreiches Dokument bilden. Auf die
wohl nicht so unberechtigte Anfrage eines Kongreßkomitees, wozu denn
eigentlich die Bombenangriffe auf Nordvietnam unternommen und trotz
den furchtbaren Opfern fortgesetzt werden, wurde einmal buchstäblich
die Antwort erteilt, gewisse unparteiische asiatische Führer hätten
sich gegen den Abbruch ausgesprochen. Als die Parlamentarier, verblüfft
über das Rätsel, seit wann denn asiatische Führer die Politik der Ver-
einigten Staaten bestimmen, zu wissen begehrten, wer jene asiatischen
Führer seien, bekamen sie keine weitere Antwort, Solche Vorgänge?: sä±E
der den Angsttraum der Planlosigkeit herauf; und erinnern durch das
Motiv dieser einzigartigen Anonymität an das zentrale Thema unserer
Analyse des modernen Erziehungswesens (S, f , )Auch dort vollzieht
sich eine Destruktion von noch unerkanntem Wirkungsradius, ohne daß
eine persönliche Verantwortung zu entdecken wäre. Diese Gemeinsamkeit
muß in einer Studie über unsere Zeit als einer der Grundzüge auffallen.
Aus allen betrachteten Umständen ergibt sich die Gewißheit, daß
es der Friede an sich ist, der für eine Lösung und für die Schaffung
v/eiterer Lebensbedingungen die Grundbedingung bildet. In Anbetracht
der brenzlichen Lage beantrage auch ich sofortige Einstellung aller
Kampfhandlungen, Auszug aller amerikanischen Truppen aus ganz Südost-
asien und gleichzeitigen Einzug einer ad hoc zusammengesetzten Truppe
der VN, Diese internationale Truppe steht unter äsa indisch-kanadisch-
polnischem Kommando, entsprechend der Zusammensetzung der noch existie-
renden Kontrollkommission. Die internationale Truppe hat die gesamte
352
ausführende Gewalt in Südvietnam im Geiste der Neutralität
und Nichteinmischung zu übernehmen, um die Einwohnerschaft
auf eine Volksabstimmung vorzubereiten, die über die Zukunft
des Landes zu entscheiden haben wird. Das der feHMO^vRyKSimmliMH
Vollversammlung der UNO unterstehende^ soll den Stimmberechtigt
ten Fragen vorlegen, durch deren Beantwortung sie sich zwischen
folgenden Möglichkeiten zu entscheiden haben werden:
a) Anschluß an das kommunistische Nordvietnam,
b) Selbständigkeit unter einer eigenen parlamentarischen
Regierung, ^j_e ^joq Grundsätze sdfrst bestimmt und nur
dem Parlament verantwortlich ist.
Die internationale Truppe verläßt das Land nicht sofort
nach der Abstimmung, sondern erst nach völliger Durchführung
des Volksbeschlusses, für die sie der Vollversammlung der VN
verantwortlich ist« Die weitere Sicherheit des Landes nach
innen und außen bildet einen Teil der internationalen Sichertest
heit, deren Gestaltung noch erörtert werden soll.
Die Entwicklung eines freiwillig vereinigten Vietnam
zur Neutralität wäre als weitere Auswirkung dieser Lösung
durchaus möglich und sicherlich wünschenswert. Sie müßte aber
freiwillig erfolgen, nicht durch Zwang. Einen politischen Kurs
einem Lande aufzuzwingen ist meines Erachtens niemand berech-
tigt, selbst wenn dieser Kurs Neutralität ist. Gegenüber mili-
tärischer Intervention im alten Stil wäre darin nur ein gradu-
eller Unterschied zu finden, aber kein prinzipieller. Das ein-
zige, was durch Zwä% erreicht werden darf und gegebenenfalls
erreicht werden muß, ist der Friede an sich, also vor allem
das Ende des Kampf esx 85).
§51 Meinen .Vorschlägen sei noch kurz die von S^r^-f-n-n
Fulbright beantragt! Lösung gegenü^rgelt Jllt. G§ie ist in
359
seinem auf S. zitierten Buche enthalten, das mir allerdings
erst zugänglich geworden ist, als die vorliegende Schrift fast
beendet war: Bald nach Erreichung der Waffenruhe soll das Volk
Südvietnams über seine Zukunft frei entscheiden. Eine internatioöj
nale Konferenz soll den Friedensvertrag nach Unterzeichnung ga-
rantieren und auf Neutralisierung ganz Südostasiens hinarbeiten.
Anwendung auf Tai wan
Zur Beurteilung der folgenden und aller andern Lösungen
bedenke man, daß es keinen Frieden geben kann, der Allen in
gleichem Maße genehm wäre; wenn es einen solchen gäbe, &
gäbe es keinen Krieg, Krejig nur um des Krieges willen will
allerdings schwerlich jemand. Auch der rabiate Imperialist
wünscht Frieden, wenn auch einen solchen wie ihn die Römer
pax romana nannten, den ihren Interessen entsprechenden, von
ihnen diktierten, von ihnen beherrschten. Wenn aber so etwas
möglich und außerdem auch noch haltbar wäre, würde ja das
imperium romanum noch existieren. So führt uns jede politische
Frage aufs neue zu unserem ideologischen Ausgangspunkt zurück,
zu der Überzeugung, daß der Friede Opfer erfordert, daß er ein
tragbarer Ausgleich sein muß, u.zw. hauptsächlich aus zwei
Gründen, einem allgemein giltigen und einem spezifischen:
l) Da ein "Sieg", d.h. eine einseitige und kompromißlose
Lösung, keinen Bestand hat und gewöhnlich den Keim zu einem
nächsten Krieg in sich birgt; 2) da in den Bedingungen unserer
Zeit auch ein regional begrenzter Krieg zu dem nicht mehr gut-
zumachenden Unglück Aller führen kann und unter Umständen muß.
Das muß aus einem praktisch höchst wichtigen psychologi-
schen Grunde nochmals betont werden. Zwar versteht schon fast $
jeder, daß der Friede zur Bedingung der Existenz geworden ist
und deshalb Opfer verdient und Opfer erfordert. Aber die Opfer
verlangt man noch immer vom Andern, nicht von sich selbst. So
stoßen wir in der Realität immer wieder auf den Standpunkt,
der, sooft wir einen Schritt vorwärts getan haben, uns um
zwei Schritte zurückwirft. Daher brauchen wir als
il
365
erste Hilfe vor allem die postulierten psychologischen und
gedanklichen Revisionen, die unsere Urteilskraft von ike®«.
ihren emotionalen Hemmnissen befreien und uns zu Einsicht
und Opferbereitschaft befähigen würden.
Die sinnfälligsten Tatsachen sind ziemlich allgemein
bekannt. Die große Insel Tai wan, im Westen meistens Pormosa
genannt, mit 78 kleinen Inseln ringsum, war der Zufluchtsort
der Armee Tschang kai Schecks gewesen, als 194-9 die chinesi-
schen Kommunisten aus der von ihnwn beherrschten Region
hervorbrachen und das ganze festländische China eroberten.
Blitzschnelle und gründliche Intervention Amerikas half den
Nationalisten, sich dort zu verschanzen und für eine Bevölke#m
rung, die heute auf etwa 11 Millionen angewachsen ist,
nichtkoiomunistische chinesische Staatlichkeit zu erhalten$86).
86) Diese Einwohnerschaft besteht allerdings nur zu einem
kleinen Teil aus den ursprünglichen IkMWMkjfRn? Eingeborenen
der Insel und in ihrer Mehrheit aus den Soldaten und dem
zivilen Gefolge Tschangs nebst Flüchtlingen und deren Nach-
kommen. Ob die vielen Amerikaner, Militär und Zivilisten,
eingerechnet sind, ist nicht verläßlich zu ermitteln.
Amerika kümmerte sich v/enig um eine Serie von Protesten auch
aus 15 nichtkommunistischen Staaten, als es über die faktische
militärische Einmischung hinaus mit^Tg^hang 1954- einen Pakt
zwecks "gegenseitiger Verteidigung" ^una^ ihm nicht nur den
Schutz Pormosas und der Pesadoren, sondern auch Intervention
im Palle "bewaffneter Angriffe und kommunistischer umstürz-
lerischer Tätigkeit von außen gegen territoriale Integrität
und politische Stabilität" versprach. Nun erhebt nicht nur das
große China Anspruch auf das kleine und brüllt in alle Welt, es
sei ihm geraubt worden, sodern das kleine tut dasselbe. Das
große China war schon einige Male nahe daran, das kleine zu
erobern, überlegte es sich aber immer noch im letzten Moment,
sich mit Amerika zu messen. Auch das kleine wäre schon auf
das große losgegangen, wenn Amerika das zugelassen hätte.
u
Die Einmiscnrig, die nach und nach an Dynamik verlor
und einen eher konservierenden Charakter annahm, kann sich
also auf keine Rechtsbasis stützen, sondern nur auf einen
Vertrag, der alle Merkmale der Illegalität trägt. Doch soll
nicht bestritten werden, daß die Handlungsweise Amerikas
nicht auf ausschließlich egoistischer Politik beruht, sondern
auch eine Sympathie zum Motiv hat, und diese kann jeder verstete
hen, der Diktaturen ablehnend gegenübersteht, ob sie kommu-
nistisch oder faschistisch seien. Selbst wenn wir sicher wären,
366
daß die Gesamtheit der Riesenbevölkerung des chinesischen
Festlandes unter ihrer Diktatur glücklich ist, würden wir
der kleinen Inselminorität wünschen, in der ihr genehmen
Weise glücklich zu sein und der Gleichschaltung zu wntgehen.
Um dem Charakter und Willen von Bevölkerungen Rechnung zu
tragen, können und müssen selbst Städte politisch geteilt
werden, geschweige denn Territorien, die einen ansehnlichen
'Teil der Erdoberfläche bilden. Wenn wir jedoch zum eigentlichen
Rechtsstandpunkt zurückkehren, sehen wir ein, daß die zivili-
sierte Menschheit sich in ihrer Differenzierung zwischen
Recht und ^acht nicht irremachen lassen darf» Die bestehende
Teilung Chinas war das werk einer fremden, den Chinesen
durch und durch fremden Macht, und eben diese Macht erhält
auch die Teilung aufrecht. Diese Auf recht erhalt ung ist an sich
nicht weniger gewaltsam als die Herbeiführung der Teilung war
und kann sich nicht auf Abscheu vor Gewaltsamkeit berufen,
da Amerika unserer Generation so oft bewiesen hat und täglich
beweist, daß es vor Gewaltsamkeit nicht zurückschrickt, wenn
es um seine politischen Interessen und auch nur virtuell um
seine Wirtschaft und sein Gesellschaftssystem geht.
Da uns schon genügend klar ist, wohin nackte Machtfragen
uns führen müssen, obliegt es einer auf Leben bedachten Mensch-
heit, auch im Falle Tai wans die Rechtsfrage als solche zu
rekonstruieren. Das ist jedoch nur ohne Terror möglich, ohne
den Druck der größten nuklearen Macht von heute und ohne den
der neuen, die oene noch zu übertreffen hofft. So versuchen
wir, es dem bürgerlichen Recht gleichzutun, in dem der Richter
von Armut und Reichtum der Parteien nicht beeindruckt sein
darf .Im Geiste korrekten Zivilrechts müßte Amerikas unberechig-
ter Vertrag mit der Tai wan-Regierung mrwsrtr annulliert werden.
Amerika kann überhaupt nicht länger in den die Chinesen betref-
fenden Fragen Partei sein. Es ist unbestreitbar, daß Amerika
in China nicht mehr Rechte hat als eine chinesische Regierung
in Amerika beanspruchen könnte, wenn sie ins einen Streit
zwischen amerikanischen Bevölkerungsgruppen oder ffwricfr kMkviwM
Territorien eingreifen wollte.
Doch gilt es, eben das Rechtsproblem in seiner ganzen
Kompliziertheit zu sehen und es nicht einfacher darzustellen
als es istx 67). Nach den Prinzipien, deren Annahme und
87)Der alte Sozialist Norman Thomas, der sechs mal vergeblich
367
versuchte, Präsident von Amerika zu werden, beging wohl
klassische Vereinfachung, wenn er von Tschang kai schek
sagte, er repräsentiere die 7» Flotte der USA, sonst nichts«
Anwendung den befugten Sachwaltern der Menschheit empfohlen
werden soll, kann eine Minorität einer Majorität nicht auf
Gnade und Ungnade ausgeliefert werden, da das eine Einladung
neuer Gewaltsamkeit wäre. Daraus ergibt sich die Folgerung,
daß eine Situation geschaffen werden muß, in der die in Tai v/an
wohnende Bevölkerung ein den natürlichen Rechten einer boden-
ständigen Nation gleiches Selbstbestimmungsrecht furchtlos
und frei ausüben kann, u.zw.:
a) Alle amerikanischen und der nationalistischen Regie-
rung dienenden Militärpersonen sowie auch alle Mitglieder und
zivilen Angestellten beider Regierungen verlassen Pormosa mit
ihren Familien. Die spätere Rückkehr jeder zu dieser Kategorie
gehörenden Person ist an eine Genehmigung der VS gebunden.
b) Eine internationale, der im vorigen Abschnitt beschrie-
benen analoge Truppe übernimmt im gesamten Territorium der
nationalistischen Regierung den Sicherheitsdienst und alle
Zweige der Verwaltung sowie die dieser Regierung gehörende
See- und Luftflotte und das gesamte militärische Arsenal.
Sie bereitet die Bevölkerung zu einer Abstimmung vor und
führt diese durch. Das Kommando der internationalen Truppe
erstattet an ein Komitee der Vollversammlung der VN Bericht.
Das internationale Tribunal der YS untersucht das Ergebnis
der Abstimmung und empfiehlt der Vollversammlung Übergabe
der Territorien an eine der beiden chinesischen Regierungen.
Da vorauszusetzen ist, daß die Bevölkerung dasjenige
Regime bekommt, für das sie in ihrer Mehrheit gestimmt hat,
brauchen Repressalien der nach der Abstimmung amtierenden Regie-
rung nicht befürchtet zu werden. Auch für Tai wan treten nach $
30 Jahren die später zu präzisierenden Bestimmungen über
Petitionen und deren Konsequenzen in Kraft, sodaß die nächste
Generation die Erfahrungen der ersten verwerten können wird
und in der Lage sein wird, einen andern Entschluß zu fassen.
Anwendung auf Tibet
Die umfassende Reinigungsaktion, in der die legitimen
Organe der Völker das Unrecht überall, wo sie seiner habhaft
werden können, aus der Welt schaffen sollen, muß auch die Gegen-
den aufspüren, aus denen Stimmen des Widerstandes nur undeutlich
368
hörbar werden, um Klarheit darüber zu schaffen, ob die gegen-
wärtige Lage sowohl berechtigt als auch haltbar ist.
Im großen Hochlande von Tibet lebt ein kleines Volk,
Nach chinesischen Angaben gibt es weniger als 3 Millionen Tibe£
taner, doch noch weniger als 1,300.000 leben in Tibet; die
andern, also die Majorität, sind eine über vier Provinzen
verstreute Minorität in China 88). Die Geschichte dieses
88) Gegenüber diesen Zahlen, die etwas veraltet sein dürften,
soll die Bevölkerung Tibets in den letzten Jahren noch abge-
nommen haben, was auf ihrai beklagenswerten Gesundheitszu-
stand zurückzuführen ist. Innerhalb der undichten Einwohner-
schaft besteht noch ein hoher Prozentsatz aus nomadischen
Hirten.
kleinen Volkes ist dersrt kompliziert, daß die meisten Leser
sich an die im Telegrammstil zusammenfassenden Vereinfachungen
halten, an die Erzählungen von dem alten buddhistischen Kirchen
Staat mit den zwei einander zumeist feindlichen Oberhäuptern,
mit nie endenden inneren Fehden und Kriegen, mit imperialisti-
schen Einbruc hsversuchen und Einbrüchen von Indern und Briten
und einer von der mandschurischen Ching-Dynastie während ihrer
ganzen Dauer aufrechterhaltenen Vorherrschaft Chinas, die 1959
vom kommunistischen China wiederhergestellt wurde. Obwohl diese
militärische Besetzung sich völkerrechtlich weder begründen
noch entschuldigen läßt, muß es den chinesischen Kommunisten
zugute gehalten werden, daß sie es waren, die in Tibet endlich
die Leibeigenschaft abschafften. Um die Lage möglichst viel-
seitig realistisch beurteilen zu können, muß man verschiedene
Berichte über die neueste Geschichte in Betracht ziehen. Auch
werm wir uns vor Augen halten, daß es einen einheitlichen poli-
tischen Willen in keinem Lande gibt noch je gegeben hat, und
daß scheinbare Einheitlichkeit immer nur fallweise als Reaktion
auf bestimmte Paktoren auftritt, z.B. auf einen alle gegensätzi
liehen Gruppen gefährdenden Feind, wenn wir uns also die Relati-
vität jeder politischen Kohäsion vergegenwärtigen, fällt in
Tibet ein alle Analogien merkwürdig übertreffender Mangel an
politischer Konsistenz auf. Einen Staat von Kirchen und Klöstern
abzulösen wäre allzu schwer gewesen, sodaß das kommunistische
Regime es vorzog, sich auf militärische und außenpolitische
Vormundschaft zu beschränken, alles andere aber der tibetani-
schen Autonomie und der Zukunft zu überlassen. Die Behauptung,
Tibet sei in der kommunistischen Zeit von Unruhen freier alsfje,
wird von da aus etwas plausibler. Allerdings hat die chinesische
369
Kulturrevolution Tibet nicht verschont, doch fehlt den neuesten
Meldungen das Merkmal der Verläßlichkeit, vor allem die Über-
einstimmung verschiedener Berichte«
Tibet ist nicht eines der begehrenswertesten Ziele impe-
rialistischer Raubsucht. Außer mittelmäßiger strategischer
^erwertbarkeit und problematischen Besiedlungsmöglichkeiten
ist dort vorläufig nicht viel zu holen. Dennoch ist es mehr als
wahrscheinlich, daß nach etwaiger Beendigung der chinesischen
Oberhoheit ein Vakuum entstehen würde und bald andere Hände
sich nach diesem armen Lande ausstrecken würden; das müßte nicht
unbedingt der Expansionsdrang anderer Nachbarn oder überhaupt
eine militärisch vorgehende Macht sein. Es bleibt fraglich, ob
Tibet volle Selbständigkeit lange aufrechterhalten könnte,
wie es in Anbetracht der Zentrif ugalität und des politischen
Dualismus, bzhw. Pluralismus, fraglich ist, ob dieses Land
einen|eigenen, einigermaßen einheitlichen oder einer Majorität
entsprechenden politischen Willen in naher Zukunft zu klarem
und verläßlichem Ausdruck zu bringen vermöchte. Daher ist
gegenwärtig unsicher, ob die Friedenkonferenz, deren Aufgabe
die Lösung der großen und dringenden Probleme bildet, sich
aus eigener Initiative mit Tibet befassen könnte; zumal es
möglich wäre, daß eine jetzt nicht vorhandene Dringlichkeit
gerade durch eine solche Initiative geschaffen würde. Doch
beruht diese Schlußfolgerung nur auf den Umständen der unmittel-
baren Gegenwart. Ein neues Nationalbewußtsein könnte früher
oder später auch in Tibet entstehen und über die zentrifugalen
Tendenzen die Oberhand gewinnen. Sobald das Petitionsrecht,
von dem bald die Rede sein soll, in Kraft treten wird, wird dem
Volke Tibets mit allem Nachdruck gesagt werden müssen, daß es
ihm offensteht, in unserer Generation und später«
Anwendung auf Kaschmir
Rasch verflüchtigte sich in unserer kurzatmigen Zeit die
Unruhe, die sich des Ostens wie des Westens bemächtigt hatte,
als Indien und Pakistan um dieses Tibet benachbarte Himalyaland
einen kurzen, aber bedrohlichen Krieg führten. Daß er sich nicht
in die Länge zog, war der sowjetischen Friedensintervention zu
verdanken, den von Kosygin geführten Verhandlungen in Taschkent,
die aber noch ein Menschenleben forderten, das Shastris, des
Chefs der indischen Regierung. Die diplomatische Leistung itojig:
370
Kosygins war leider kein eigentlicher Friedensschluß, sondern
weist nur Züge eines Waffenstillstandes auf. Die kämpfenden
Armeen haben sich zurückgezogen und ernste Zusammenstöße sind
seither nicht wiedergekehrt. Aber die Probleme, die zum Blut-
vergießen geführt hatten, bestehen unverändert weiter; sie
waren und sind zu verwickelt, um in wenigen Tagen gelöst zu
werden. Das Land hat eine geistig wie auch künstlerisch reiche,!
seit dem späten Altertum aus buddhistischen und hindui^stischenj
Kräf tenjzusammenge setzte Kultur, die später noch mohammedanische]
Elemente aufnahm. Die heutige Bevölkerung besteht vorwiegend
aus Bekennern des Islam, u.zw. aus Sunniten, Schieten und
Anhängern der Malai-Sekte; doch zahlreicher als man im Westen
annimmt, sind dort auch die Hindus, und in weiten Landstrichen
hat eine mongolische Bevölkerung den alten Buddhismus bewahrt.
Kaschmiri, eine der Dardistan-Sprachen, die aber nicht im
ganzen Lande gesprochen wird, hat einen hauptsächlich aus
Sanskritelementen abgeleiteten Wortschatz?: und gilt deshalb alsl
eine der indischen Sprachen. Nach Aufrichtung der indischen und|
der von ihr getrennten pakistanischen Selbständigkeit fiel der
größere Teil, als Jammu und Kaschmir bezeichnet, an Indien,
während der kleinere Teil Pakistan zufiel. &e± Die leidenschaf tJ
liehen Ansprüche beider Staaten auf den größeren Teil beschlos-
sen die VN schon 194-8 durch eine Volksabstimmung entscheiden zu|
lassen, doch infolge schroffer Ablehnung seitens Indiens, das
sich aus der Rolle des beatus possidens nicht verdrängen ließ,
kam es bis heute nicht zur Ausführung jenes Beschlusses.
Was die Zugehörigkeit zu einer Religion für Hindus wie für|
i..oha:me daner bedeutet, ist schon aus der Zeit vor der Teilung
allzu gut erinnerlich. In der asiatischen Umkehrung kehrt da
ein Gruel wieder, das wir aus der europäischen Geschichte als
cujus regio eius religio kennen. Denn wessen die Religion ist,
dem hat nach östlicher Auffassung das Land zu gehören; nur daß
der Osten endlich so weit ist, der Minorität ihre Religion
belassen zu wollen. Weitere Fortschritte sind recht unwahr6KkE±
scheinlich, solange die Religion den orientalischen Menschen
derart beherrschen wird.
Um den bestehenden Waffenstillstand zu einem auf lange
Sicht tragbaren Frieden zu machen, und um Grausamkeiten wie
Zwan^sübersiedlung ganzer Bevölkerungen zu vermeiden, kommt
kaum eine andere Lösung in Frage als die Ausführung des alten
371
Beschlusses der VN. Die einzigartige Autorität, die für die
Beschlüsse der Friedenskonferenz zu erhoffen ist, ws. u.zw. in
Anbetracht ihrer Lehenswichtigkeit für jedes Land, wird Indien
voraussichtlich bewegen, der als internationale Forderung
erneuerten Idee des freien Volksentscheides zuzustimmen.
Wer die Aufgabe übernehmen wird, mit indischen Staatsmännern
darüber zu verhandeln, wird in den bedeutendsten Werken der
indischen Literatur manche der Sache günstigenStellen finden
können. Mit Vertretern von Völkern, die eine so ausgeprägte
Kultur besitzen, sollten Diplomaten im Geiste dieser Kultur
zu reden lernen und sich nicht länger mit einseitig westlichen
Begriffen und Formeln begnügen, da diese oft versagen, wo
es auf Verständnis ankommt.
Anwendung auf Afrika
Leider muß hier der ganze Kontinent en bloc behandelt
werden, denn die Biff erenzierung in Nationen ist eben das
Problem. Mit Ausnahme einiger Lander, namentlich Ägyptens,
dessen Geschichte vom Diluvium bis zur Ge^iwart uns nicht weni-
ger gut bekannt ist als die der um so vieles jügern Völker Euro-
pas, haben wir es in Afrika mit vielen schwer definierbaren eth-
nographischen Einheiten und deren territorialen Korrelaten
zu tun. Y/ir verstehen nach und nach, daß der Antagonismus von
Kapitalismus und Kommunismus unter den gründen für das viele
Blutvergießen, das in den vom Kolonialismus befreiten Landern
zur allgemeinen Bestürzung einsetzte und voraussichtlich noch
nicht beendet ist, für die Afrikaner von minmaler Bedeutung
war und nur indirekt mitgewirkt haben kann, etwa im Sinne eines
Dritten, der einen Konflikt zwischen Zweien für seine Zwecke
auszunützen sucht. Um das Schreckliche zu begreifen, das gerade
seit der Befreiung Neger einander und gelegentlich auch Weißen
angetan haben, am krassesten wohl im Kongo, und um daraus eini-
ge Schlüsse zu ziehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß
die Grenzen der neuen Staaten wie sie auf den Landkarten er-
scheinen, ohne organische Entwicklung und ohne Logik entstanden
sind, vorwiegend auf Grund beklagenswerter und für die weiße
Rasse tief beschämender Tatsachen. Der an Afrika verübte Landes
raub hatte sich in Hast und ziemlich wahllos vollzogen. Die
weißen Raubmächte handelten ähnlich wie die weißen Menschen-
372
räuber, die nachts Dörfer anzuzünden und die Opfer
lebend oder sterbend wegzuschleppen pf legten.Die Kolonial-
mächte ergriffen Territorien, die sie wenig kannten, rückten
ein wo sie konnten, suchten einander zuvorzukommen und vermie-
den gegenseitige Zusammenstöße nach Tunlichkeit, rissen aber
einander den blutigen Bissen zuweilen auch aus dem Rachen.
In den so umgrenzten Ländern kam es auf Mineralschätze und
andere Waren an, auf Menschen aber nur insofern, als sie eben-
falls zu Waren gemacht wurden. Deren Eigenheiten, wie etwa ihre
Zusammengehörigkeit als Völker und Stämme oder ihre Sprachen,
die auf 6 - 800 geschätzt werden, waren ökonomisch belanglos.
Die Umstände des überstürzten Raubes waren es gewesen, die
zusammenschlössen und trennten, und diese Besitzverhältnisse
blieben bis gestern aufrecht, soweit nicht die Europäer Terri-
torien einander abzwangen oder abhandelten. Als Komplikation
kommt hinzu, daß während der Kolonialperiode weite Wanderungen
afrikanischer Völker stattfanden und daß nicht wenige Stämme
immer noch nomadisch leben.
Besonders ungünstig war für die Befreiten das Tempo der
Befreiung. Auch ihrerseits konnten sie nicht lang prüfen,
was sie zurückbekamen und ergriffen mit der gleichen Hast,
was ihnen zufiel, und möglichst viel, als wären sie von der
Gesinnung der abziehenden Herren angesteckt. Was sie zurückneh»
men konnten, waren zumeist nicht Länder im Sinne geographischer
und aus natürlichen, vorjallem ethnographischen Gegebenheiten
gebildeter Einheiten. Bald mußte sich herausstellen, daß die
als wild geltenden Menschen auch einiges von den übelsten Triefe
ben und Komplexen ihrer früheren Herren in sich hatten, wie
den Haß gegen das Ähnliche und doch Andere, Blutdurst, Habgier
und Herrschsucht. Es war die falsche Einteilung des Kontinents,
die solche Triebe zu vervielfachtem Ausdruck brachte; und das
durch Generationen angesammelte Bedürfnis nach Rache vermehrte
jene Energien, die sich nun blind am Bruder auslebten. Wie
wenig diese Realität mit pro- oder antikommunistischer Politik
zu tun hat, zeigte sich mehrfach an plötzlichem Umschwenken
von einer Richtung in die andere, dessen private und unideolo-
gische Motive manchmal unverkennbar sind. Propaganda verliert
ihre Beute zuweilen ebenso leicht wie sie sie gewonnen hat.
Mag sein, daß die Entscheidung zwischen den beiden Systemen
irgendwann zur Frage Afrikas werden wird; aber für heute,
373
und vielleicht auch noch für morgen, sind die Versuche, diese
Entscheidung zur Frage Afrikas zu machen, gewiß als gescheitert
anzusehen 89 )•
89) Kommunismus im modernen, nicht antiken Sinne hat den
Kapitalismus zur Voraussetzung. Ohne die barbarische Ver-
fälschung durch den Kolonialismus ±s±K±fcK±ka wäre Afrika
noch viel vorkapitalistischer als Rußland es vor 1917 war.
Diese einfache Erwägung macht die Heterogenität , bzhw. Un-
ze itgemäßheit , Verfrühtheit des kapitalistisch-kommunisti-
schen Antagonismus verständlich.
Die Befreiung des Erdteils in einsichtiger und verantwort-
licher Weise zu vollenden und Afrika zur Harmonie und zum
Frieden zu führen, ist also noch viel schwieriger als gute
Lösungen für die soeben betrachteten asiatischen Länder^.
Es ist der feste Glaube mancher Menschen in unserer Zeit, daß
die Vereinigten Nationen, wenn sie auch nur zugunsten der
ihnen gemeinsamen Ideale wirklich vereinigt wären, zu einer
so bedeutenden moralischen und materiellen Macht werden müßten,
daß sie militärische Mittel gar nicht anzuwenden brauchten, um
selbst die brutalsten Gegenkräfte zu brechen und ein Regime
der Schmach wie das südafrikanische , bzhw- südwestaf rikanische,
das rhodesische oder die portugiesische HerrscloaA ^in
vermöge der Kraft des Rechtes und echter Ethik aus der Welt
zu schaffen. Doch in eben diesem Geiste des Rechtes und der
Ethik sollen die Minoritäten, die mehrfache Majoritäten so srerfrat
lange und so schändlich unterdrückt haben, nicht aller Rechte x
beraubt werden. Ihre Menschenrechte und physischer Schutz sol-
len ihnen gewahrt sein und ihre wirtschaftlichen Lebensbedingun-
gen müssen Berücksichtigung erfahren, soweit sie nicht auf
Ausbeutung beruhen. Von furchtbaren Erfahrungen sollten wir
endlich lernen« Das Blutbad nach der Befreiung ist den Kolo-
nialmächten nicht immer unwillkommen. Es soll sozusagen zeigen,
daß es unter ihrer Herrschaft besser gewesen war und daß diese
Wilden Freiheit schlecht vertragen. Um das zu vermeiden und
dem noch zäh lebenden Kolonialismus die üblichen Argumente zu
entziehen, sei für die noch nicht vollbrachten Befreiungsakte
und für alles Ähnliche, das noch fällig ist, die folgende RaSLax
Reform beantragt:
Die Übergabe der Macht darf weder durch schäbigen Abzug
noch auch direkt von einem Regime an das andere erfolgen. In
solchen Fällen v/ird das ferritorium von der zu organisierenden
374
Friede narmee der VN übernommen, um von ihr ein fahr verwaltet
zu werden. Während dieser Zeit werden die Eigenheiten des
Landes und seiner Bewohner studiert und diese werden zur Mit-
verwaltung herangezogen. Nach Ablauf eines Jahres kann die
Interims Verwaltung auf Beschluß eines Komitees der VE um ein
zweites Jahr und unter Umständen noch weiter verlängert wer-
den, um erst dann der neuen Regierung Platz zu machen. Die
-ahrscheinlichkeit der Wiederholung jener grausigen Ereignisse
wäre dadurch gewiß auf einen Bruchteil reduziert» Doch sollten
auch nach so geordneter Übergabe die neuen Staaten und ihre
Grenzen noch nicht als definitiv anerkannt sein.
Denn was auf Grund der grausam konkreten Erfahrung alle
Länder Afrikas brauchen, ist vor allem Rekostruktion. Eine
solche wird ein Riesenwerk sein, das weder rasch noch billig
getan werden kann. Es erfordert in erster Linie die Schaffung
organisatorischer und politischer Voraussetzungen im größten
Teil des Kontinents und physische Sicherheit für alle mit der
enormen Aufgabe Betrauten. Das Kernstück der Arbeit ist inten-
sive Forschungs- und Revisionstätigkeit von Geographen, Ethno-
graphen Philologen? und Historikern. Auf dieser Grundlage
wird in Afrika angebahnt werden können, was in klareren BedingH
gungen unmittelbar möglich ist, Befragung von Völkern, die in
Afrika eine ganze Serie von Volksabstimmungen bedeutet. Doch
dem Werk der Rekonstruktion stellen sich immense Schwierigkeiten
in den Weg. Die falsch gezogenen Grenzen sind bis zu einem gE3E±
gewissen Grade Wirklichkeiten geworden, denn in diesen
Prokrustesbetten sind Generationen gezeugt und geboren worden.
Die Rekonstruktion wird also nicht rein historisch-geographisch
vorgehen können, sondern wird mit einem Maximum an Elastizität
nach einem guten Ausgleich zwischen dem Ursprünglichen und dem
bestehenden suchenz müssen.
Es ist elementar gerecht, daß diejenigen, die an all dem
schuld sind, ein Teilchen ihrer Schuld gutmachen, indem sie
den Hauptanteil an der Ke kons truktions arbeit und die gesamten
Kosten übernehmen.
Die Durchführung von Rejisenwerken dürfen wir erwarten,
doch wunder nicht. Auch in einem rekonstruierten Afrika werden
die Schrecken nicht sofort aufhören. Aber aufhören werden sie,
weil Eihre Gründe zu wirken aufhören müssen, sobald sie besei-
tigt sein werden. In Anbetracht der Bedeutung eines befriedeten
375
und gesundeten Afrika sowohl an sich, als auch vermöge der
voraussichtlichen Auswirkungen auf die ganze Erde wird die ähss
Beschlußfassung über Richtlinien und die organisatorische
Grundlegung für dieses Werk zu den wichtigsten Augaben der Frie-
denkonferenz gehören.
gQ-faa£~-d:or Einblick in dio Situation Afrikao u«a» dao
denkwürdi^^Ergebnis gebracht, daß es einen Kontinent gibt,
dessen eigentliches Problem nicht die Entscheidung zwischen (
Kapitalismus und Kommunismus bildet. Wie bereits betont, in
einiger Zeit könnte diese*Sr^blemstellung auch für Afrika
zentrale Bedeutung erlangen; dcfcfe Heute würde jeder politische
und selbst jeder propagandistische Druck , ob er von Kußland,
von China, von Amerika oder von welcher Seite immer ausginge,
nur einen Versuch bedeuten, von der aktuellen, dem Kontinent
eigenen Problematik abzulenken, um ihn und seine Völker wieder,
wenn auch in anderer Weise, für fremde Interessen auszunützen»
Daraus resultiert die Forderung an die kapitalistischen und die
kommunistischen Mächtegruppen, Afrika in dieser Generation
aus ihrem Streit auszuschließen*» qllo Mäohto, dio , coi oc te±H±*
blutig, sei es unblutig, im Ringen usa die Vorherrschaft oder gs^
gar Alleinherrschaft zu siegen hoff en,Ntössen gebeten werden:
Laßt bis auf weiteres Afrika aus dem fipier! Es wäre in hohem
Grade zu wünschen, daß eine solche Bitte nicht abstrakt und
unverbindlich bliebe, sondern durch einen weitgespannten inter-
nationalen Vertrag maximal verpflichtend würde. Einem solchen
Experiment würde im Riesenmaßstab eines Erdteils über dessen
Belange hinaus enorme Wichtigkeit zukommen. Objektiver als
durch jede andere Methode der Untersuchung würde sich zeigen,
ob das Problem, das andere Kontinente derart in Atem hält,
aus jedem Boden auch ohne künstliche Überpflanzung von selbst
erwächst, wie die Doktrin es behauptet.
Die Raubmachte des 19. Jahrhunderts mußten, um die Gefahr
gegenseitiger Zusammenstöße einzudämmen, zu Demarkationslinien
ihre Zuflucht nehmen, durch die ihre schon gefaßte und womög-
lich auch die noch zu fassende Beute vor andern Jägern geschützt
werden sollte. Da heute der gänzlich schamlose Raubmord an Völ-
kern und Ländern nicht mehr so einfach durchführbar ist, und
zumindest dekorativer Motivierungen bedarf, hätten eigentliche
Demarkationslinien keinen Sinn mehr, v/eder unter Einschluß oder
Ausschluß Afrikas nosh durch Afrika hindurch, und wohl auch h±e
nicht in der übrigen Welt; wobei unter Demarkationslinien
376
die Aufteilung zwischen mehreren Besitz ergreifenden, bzhw. an
Besitzergreifung Interessierten zu verstehen ist. Hingegen
sind bezüglich Afrikas Vereinbarungen notwendig, die Allen
auch ideologische Besitzergreifung verwehren, damit es vor
allem aus seiner heillosen Verwirrung zu gesunder Ordnung
gelangen kann und seine Befreiung vollende. Damit ahnungslose
Stämme nicht etwa zwischen dem russischen und dem chinesi-
schen Koiamunismus hin und her gezerrt werden, wie sie sich ei
katholischer und protestantischer Missionäre zu entscheiden
hatten.
So könnte Afrika auch für die Großmächte zu einer lehrrei^
chen Prüfung werden, zu einem höchst inhaltsreichen Versuch,
der zeigen würde, ob sie in einem so eigenartigen und belang-
vollen Falle das Selbstbestimmungsrecht uneingeschränkt achten
-wtvcI sich zu einem Verzicht zu Gunsten des Gemeinwohls aufraffen
können; ob also von Menschen und Mächten eine nicht blind
egoistische Handlungsweise überhaupt erwartet werden darf.
Was geht im südlichen Sudan vor?
Wenn Afrika als Ganzes die menschliche Einsicht und
elementare Ethik vor eine gigantische Aufgabe stellt, die
Entschlossenheit und Opfermut erfordert, so gilt das für eine
seiner Gegenden in erhöhtem Maße, angesichts einer unklaren
f
Lage, die jedoch äußerste Dringlichkeit deutlich ekennen läßt.
Das seit 1956 selbständige Lnd hatseine? Bevölkerung von
ca. 10 Millionen eine unzweif elhaf t arabisch sprechende und
mohammedanische Majorität, auch für den Fall, daß der Zensus
desselben Jahres nicht ohne Terror und andere ünkorrektheiten
x
duchgeführt worden sein sollte. Aber südlich vom 10. Grad
n.Br. wohnt ebenso unzweif elhaf t eine Negerbevölkerung, die
grauenvoller Verfolgung ausgesetzt war und ist. Von diesen
Armen konnte nur eine Viertelmillion in die angrenzenden
Länder flüchten, in die Zentralafrikanische Republik, in den
Kongo, nach Uganda, Kenya und Abbessynien. Sie sind Massakern
entronnen und haben nur ihr nacktes Leben gerettet, sind aber
dem Hunger und der Obdachlosigkeit preisgegeben. Die Heimat
dieser Flüchtlinge ist für Reisende schwer zugänglich und die
spärlichen ITachrichten, die von dort in die zivilisierte Welt g
gelangen, sind bisher ±k fast nur in wenig bekannten Zeitungen
mal zwischen
den ihnen gleich unverständlichen Behauptungen
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377
erschienen, die letzte in einem katholischen Mitteilungsblatt
einer italienischen Provinzstadt, dem der Missionäre von
Verona, Die geringe Verbreitung kann aber kein Argument gegen
die Glaubwürdigkeit der Nachricht bilden, zumal sie mit frühe-
ren Meldungen aus anderen Quellen übereinstimmt. Südsudanische
Negerdörfer v/erden von bewaffneten Horden überfallen und
niedergebrannt, Alte und Kinder werden schonungslos gemordet,
Frauen werden davonge schleppt. Wer die uniformierten Mörder-
■ banden sind, ist leider unklar« Es sind vermutlich nicht
• Einheiten der sudanischen Regierungstruppen. Es ist auch
schwerlich anzunehmen, daß diese himmelschreienden Verbrechen
direkt von der Regierung begangen werden. Wahrscheinlich trifft
die große Blutschuld diese nur indirekt. Wie immer dem sei, XEk I
scheint objektive internationale Untersuchung der Tatsachen
mit höchster Dringlichkeit geboten, damit unverzüglich getan
werden kann, was zum Schutze einer Bevölkerung vor Genocide
! sofort möglich ist.
Aus einer vor mehr als einem Jahr veröffentlichten Schil-
derung ging hervor, daß in einem jener Dörfer sich eine bewaff-*
nete Selbstwehr gebildet hat. Liag sein, daß eine solche Organie
sation der Verzweiflung nicht die einzige ist. Aber wie kann
die schon so zerrüttete und immer noch stolz in den Spiegel
blickende Zivilisation die alte Tragödie wiederkehren lassen?
Warum soll ein verblutendes Volk zum letzten, vielleicht aus-
' sichtslosen Kampf gezwungen sein? Warum soll ihr nicht ele- j
mentarer Schutz gewährt werden, bis ^Le vom gerechten
Petitionsrecht Gebrauch machen kann
Anwendung /Tauf Deutschland
Daß die Westmächte und die Sowjetunion, die ungerüstet
in den Zweiten Weltkrieg stürzten, in diesem schließlich doch 2
siegten, wird zumeist auf ihr höheres Rüstungspotenzial, beson-
ders auf das der amerikanischen Industrie, zurückgeführt.
Andere schreiben den Sieg moralischen Werten und der überlegest
nen Strategie zu. Statt es Strategie zu nennen, könnte man 3
den Ausgang auch viel allgemeiner als Auswirkung hoher Intel-
ligenz erklären, die der Planung und den wichtigsten Entschei-
dungen eigen war. Wenn man jedoch die Politik derselben Mächte
in der gesamten Nachkriegszeit ihrem Denken und Handeln während
des Krieges gegenüberstellt, kanrjnan freilich nicht umhin,
einen tief entmutigenden Verfall ihrer Intelligenz f estzustel-
WL
•
(p.377 des Llaskr. ,nach "Was geht im südlichen Sudan vor?")
Biafra JL?^
..ie grundfalsch die Befreiung Afrikas in ihrer bedeutendsten
Etappe, nämlich in der e'sten und entscheidenden, «t¥iiygy verlaufen
war, indem hauptsächlich die kolonialen Grenzen als Richtlinien
für die neuen Staatengebilde gedient hatten, war zuerst durch die
blutige, nun beruhigte, aber nicht beendete Tragödie des Kongo
demonstriert worden. Die parteiische Befangenheit der großen und
der kleinen Flächte und ihre Sucht, aus dem Frieden oder aus dem
Krieg für sich selbst Kapital zu schlagen, hatte das klare Sehen
der Sachlage verhindert und daher natürlich umso mehr ein von
echter Vernunft geleitetes Handeln vereitelt. In der Tragödie Biafrasl
kehrte jene Problematik mit einer Genauigkeit wieder, die jeden hätte|
erschrecken müssen, der überhaupt willens war, zu verstehen, worum
es ging. Es mußte zunächst auffallen, daß auch da nicht der
kapitalistisch-kommunistische Zwist widerkehrte und daß selbst
Versuche, ihn künstlich zu konstruieren, zu keinem logischen Ergebnis!
führten. Denn es geht^hier'ebeif darum, worum es auch in Vietnam, in
der Tschechoslovakei und, weniger ausgesprochen oder noch unentwickelfc|
oder noch ausgezeichnet unterfückt, in vielen Landschaften beider
Hemisphären geht. Es ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker,
das die Benachteiligten in Anspruch nehmen oder in Anspruch nehmen
möchten und das auch mächtige Regierungen gern proklamieren und
deklamieren, wenn es auch für ihre Interessen förderlich ist, «sä
das solche Mächte in Acht und Bann tun, wenn es ihnen direkt oder
durch voraussehbare Konsequenzen unbequem wird. Daß sich nicht nur
London, Spidern auch Lloskau auf die Seite Nigerias stellte und daß
sowohl mmm^ls auch China eine Biafra freundliche Haltung einnah-
men, sollte genügen, den Ausschluß der kapitalistisch-konmnmisti-
schen Motivierung drastisch zu zeigen. Und wie man das Selbstbestim-
mungsrecht nach Belieben entweder leidenschaftlich fordern und aktiv
377b
unt er stützen oder brutal unterdrücken kann, ist durch die Sowjet-
bewaffnung Nigerias zwar nicht zwar nicht mit ungarischer oder
tschechoslovakischer Deutlichkeit, doch auch nicht allzu abstrakt
bewiesen.
Es ist erhebend und immerhin ein Trost, daß reiche Lander den
hungernden Kindern Biafras unter bedeutenden Schwierigkeiten mit
Lebensmitteln helfen^ Doch weiß fast jeder, wie wenig das mit der
Lösung des Problems zu tun haUt Vor jeder faktischen Intervention
hütete man sich, weil man sich selbst um des Friedens willen nicht
mehr in Kriege zerren lassen will. Die allzu frischen und allzu
ruhmlosen Beispiele wie Korea, Vietnam, Ungarn und die Tschechoslo-
vakei beginnen nun, Großmächten als lebendige 'Warnungen zu dienen.
Und seit Korea können auch die Vereinigten Nationen, die durch ehrlicl
gemeinte Versuche gegenüber Südafrika und Rhodesien sich in Afrika
nur Prestigeverluste zuzogen, nicht leicht wieder in der Rolle des h
neutralen Friedensstifters auftreten. Daher mußte es so schwer oder
gar unmöglich werden, selbst eine Waffenruhe zwischen Nigeria und
Biafra mit Nachdruck zu fordern, damit weiteren Bemühungen um Frieden
ein Weg geöffnet werde.
Denn innerhalb des bestehenden Rahmenwerks geht es eben nicht.
Eine UNO, die nicht viel mehr ist als ein Dikussionsf orum für alle
Interessen und daher manche der übelsten Tatsachen zuweilen nicht
einmal zur Erörterung bringen kann, sondern von unausgesprochenen
Gefahren für die allgemeine Existenz manchmal zu einer eher unbedeufc
tenden Tagesordnung übergehen muß, kann in ihrer gegenwärtigen Ver-
fassung die Probleme nicht aufrollen, geschweige denn lösen. Entrech-
tung, Massenmord an Erwachsenen und Kindern, Zerstörung und Hungertod
gehen mit oder ohne Genocide ungestört, wenn nicht auch unentdeckt,
weiter, weil keine palliative Bemühung ihnen gewachsen ist. Auch ein
377c
von den klassischen Zeitaltern der Unterdrückung und Kolonial-
herrschaft unverändert übernommener Legalitätsbegriff nimmt
zuweilen die offizielle Maske ab, um durch Enthüllung eines
Gorgonenhauptes das Blut Anderer erstarren zu machen. Gewiß,
nach eben der Ideologie, nach der die Ukraine deutsch war und
Llozambique portugiesisch ist, können auch die Yorüba oder die
Tiv, Pulani, Hausa und andere Stämme des eigentlichen Nigeria
die Herrschaft über die Ibo und andere Stämme des Östlich an-
stoßenden Landes für sich fordern. Und der Bevölkerung dieses
Biafra genannten Gebietes bliebt nichts übrig als sich der Herresfe
schaft für immer zu fügen oder im Kampfe gegen die Übermacht ihre
Existenz zu wagen. Die Negation dieser ebenso alten wie grausigen
und immer noch als selbstverständlich geltenden Alternative
und das Aufweisen eines Weges zu ihrer Überwindung ist wohl der
praktisch wichtigste der in dieser Arbeit vorgebrachten Anträge;
der Hauptzug dieses Grundsatzes ist die Allgeme ingilt igkeit des
Rechtes auf Freiheit und ihrer unblutigen Erlangung.
Doch leider waren es in Afrika und auf den andern Kontinenten
zu Viele, und überdies auch zu Mächtige, die am mörderischen
Status quo direkt interessiert waren und sind. Die in diesem
Freiheitskampf Stärkeren hatten aktivere Bundesgenossen und er-
träglich gute Versorgung mit Lebensmitteln, die Schwächeren mußten
also schließlich erliegen, vor allem dem Hunger. Ihr Zusammenbruch
zog prompt den angeblicher Freunde nach sich, deren Charakter-
losigkeit sich eher übertrieben entblößte. Über Nacht gab es
kein Biafra mehr, man redete und schrieb nur noch von Rebellen,
und eine drohende Haltung gegen Separatisten -war plötzlich auch
in den Vereinigten Nationen offiziell. Das Mitleid zog sich
beschämt zurück, und da und dort wohl auch ängstlich. Manche,
die noch weiter reden wollten, bekamen entsprechende Winke
und befassen sich nun mit anderem Unrecht, über das sie noch
nicht zu schweigen brauchen. Und Andere benützen es als eine
Art Trost, daß gegenwärtig in Afrika noch mehrere Kriege im Gange
sind.
Aber trotz diesem furchtbaren, nämlich symptomatischen
Ausgang ist die Lage der Menschheit nicht/1 völlig hoffnungslos:
Je mehr Menschen erkennen, wohin die brutalen Verkehrtheiten
der Politik führen müssen, desto mehr bessern sich die
377&
mtt*
Aussichten für entschlossene Maßnahmen wie die Friedenskonferenz
ohne Krieg und das Petitionsrecht. Für die afrikanischen Völker
wären durch Einführung und Anwendung solcher internationalen
Prinzipien mehrere ihrer brennenden Probleme zugleich gelöst.
378
len, als o"b diese nur in der Zerstörung zu Hause wäre, den
Aufgaben des Aufbaus aber nicht gewachsen wäre oder zwischen
jenen und diesen Zielen nicht zu unterscheiden wüßte und daher
nach dem Kriege nur dessen variierte und abstraktere WiederhoiE
lung zu inszenieren vermocht hätte. Seitens der Westmächte
bestand die Variation darin, daß sie sich anfangs zwar nicht
formell, aber faktisch mit ihrem deutschen Besatzungsgebiet
verbündeten und die früher verbündete Sowjetunion zum Feind
machten, Obzwar der Keim zum Konflikt schon in den Umständen
der Besetzung Deutschlands lag, und später namentlich Stalin
zur Verschärfung nicht wenig beitrug, war in erster Linie
ein teilweise eher sublogisches Motiv ausschlaggebend, u.zw.
die rapid wachsende Furcht vor der Sowjetunion, der nun die
frühere Furcht vor Deutschland Platz machte. Auf sublogischen
Wegen ging es so weiter. Die Besetzung Deutschlands blieb
aufrecht, nahm aber bald den Charakter des Schutzes vor den
Russen an, sodaß die Deutschen sich durch das fremde Militär
nicht gedemütigt, sondern ermutigtjf ühlten und eine Forderung
nach dessen Abzug nicht einmal in ihr politisches Programm aufs
nahmen; gleichzeitig wurden der USSR gegenüber die objektiv
vorhandenen Konfliktstoffe von Tag zu Tag mehr aufgeblasen
und bald wurde Berlin zum Weltproblem gemacht. Als ob es die
Hauptstadt der Erde wäre und als ob die besetzenden Mächte
sie für immer annektieren könnten und nicht sowieso früher oder
später zu verlassen hätten, und als ob das Ringen zweier Geselle
schafts Ordnungen hier zu entscheiden wäre, hat diese Stadt es
vermocht, eine Welt an den Rand des Abgrunds zu bringen. An
der amerikanischen Westküste saß der Farmer tief besorgt am £a&
Radio und folgte jeder Phase des Haders um Berlin wie seiner s±
eigensten Existenzfrage, überzeugt, daß er ohne Berlin nicht
leben könne und daß er alles opfern müsse, wenn die roten
Ungeheuer es wagen sollten. ..An der Spitze des gigantischen
Unternehmens stand in der schwersten Zeit ein Multimillionär,
jung, talentiert und mit sympathischen Zügen ausgestattet,
Kennedy, der, schließlich leider ermordet, zum Gegenstand eines
richtigen Kultes gemacht würde. Wahrscheinlich wäre trotz der
Ungunst der Lage alles anders gekommen, wenn nicht nahezu die
ganze westliche Welt der Kreuzritterpsychose anheimgefallen
wäre, innerhalb deren pnnedy beiweitem nicht der Extremste was
da es noch vor ihm einel^cCarthy und selbst schwerere Fälle
379
gab und noch gibt« Verglichen mit solchen Leuten war ein
Chruschtschew ein gesunder Bauernschädel, der trotz seiner
strategisch günstigeren Lage und seiner Hartnäckigkeit
zumeist in einer defensiven Haltung war, um nicht immer wieder
mit dem Kopf gegen dauern zu rennen. Vielleicht empfand er
instinktiv, wie irrational es auf der andern Seite zuging,
als es für ihn so schwer war, herauszubekommen, ob man ihn
eigentlich zum Rückzug oder zum Angriff zwingen wolle. Oft
genug machte jene Irrationalität, oder, da sie zum System
wurde, jener Irrationalismus, den einfachen Mann im Westen
stutzig, auch wenn er dem Kommunismus ebenso abgeneigt war, zfeia
denn manches hätte er zweifellos besser gemacht als die Pro-
fessionellen. Z.B. wäre es vielleicht eine gute Idee der
westlichen Diplomatie gewesen, der Sowjetunion die Umwandlung
Berlins in eine demilitarisierte, von internationaler Polizei
zu sichernde freie Stadt vorzuschlagen und auf die Kommunisten
unter Mobilisierung der Weltmeinung jeden möglichen Druck aus-
zuüben, um sie zur Annahme eines solchen Friedensplanes zu
zwingen. Die Erreichung dieses Zieles hätte dem Westen auch
das gebracht, was er immer heiß begehrte, einen enormen
Prestigegewinn. Leider aber waren es die Russen, die nahezu auf
dieselbe Idee gekommen waren und diese Lösung den Vereinigten
Staaten und ihren Verbündeten offen angeboten hatten. Ein
klares Angebot dieser Art hatten die Russen damals zwar nur
bezüglich West-Berlins gestellt. Doch war es deutlich genug,
daß das nicht das letzte Wort war und daß sie wohl dazu zu
bringen gewesen wären, der Einbeziehung Ost-Berlins in%ean-
tragte freie Stadt zuzustimmen.
Mit ihren Anträgen an den Westen hatten aber die Russen
seit 1946 nicht viel Glück. Das Bedürfnis, den Gegner zu demütig
gen, war oft viel stärker als das Verständnis für den eigenen
Vorteil. Ein einflußreicher Amerikaner hatte schon vorher an
Berlin als freie Stadt gedacht, aber seinem Plan hatten die
Russen geschadet. Wie die spätere Diskussion bewies, war vom
Standpunkt der USA-Interessen schwerlich ein stichhältiges
Gegenargument zu finden gewesen. Auch wußte niemand zu sagen,
warum denn diese Lösung den Berlinern selbst mißfallen sollte.
Wenn sie Frieden und Freiheit brauchen, konnten sie die Tanks
in ihren Straßen ebensowenig als Frieden deuten wie die unabläs-
sige militärische Okkupation durch vier femde Mächte als
380
Freiheit.
Das drastischeste Ergebnis des Irrationalismus war jedoch
die eigentliche Teilung Deutschlands, die der Westen dadurch
vollzog, daß er statt aller Verhandlungen über die Wiederver-
einigung der besetzten Gebiete oder deren Anbahnung unter trag*
baren Bedingungen seinem Okkupationsgebiet staatliche Selb-
ständigkeit verlieh, dem Ostblock zu Trotz, worauf die Sowjet«*
umon in ihrem Okkupationsgebiet nolens volens dasselbe tat.
Einmal zur Tatsache geworden, wurde die Teilung immer konkrete*
Sie umfaßte immer weitere Gebiete des Lebens, der Riß wurde
tiefer. Im Gegensatz zu dan privaten Stimmungen wurden die
politischen Oberschichten immer feirieliger. Die Irrationalität
steckte auch den Osten an. Die Berliner chinesische Mauer
bezeugt es. Die westdeutsche Diplomatie adoptierte die von den
festmachten gegen den Ostblock eingenommene Haltung durch die
schroffe Negation Ostdeutschlands, obwohl dieses hartnäckig ve^
suchte, mit Westdeutschland zu verhandeln.!/
' galten und neuen Verirrungen mußten sich schließlich
im 'Weltmaßstab bemerkbar machen. Die westdeutschen Politiker ws
wollen sich Ä*ht langer damit begnügen, ihr Lamd weiter den
Amerikanern für ihr^asen zu vermieten. Sie wollen auch selbst
..^ mbSn e^^ren d1irfen- 30 m^ten sie sich
^die dasselbe wollen. Für den so
^kt gegen die weitere Austefcx
heilte als erste Hilfe eee-en
21 I t TS GSfahr SStan WerdeD die westIL
deutsche Politik zum Stein des Anstoßes gewo^
2r7 welT^T mS6n hat_alS SOl^"-^StTe^
iZt 7l\ VT^ UnmÖSlich ist* ^ ^ zu rekonstruieren,
£ inITs Ml%^fK°Ch ™— «« -rden konnten, sowie auc*
die m der sie noch f^h genug waren, um die den Umständen
L n , ^"s™**^- Was heute möglich erscheint,
um Deutschland die Einheit und die Hauptstadt wiederzugeben
und um m diesem für das Wohl und Wehe Aller derart wichtigen
Lande nicht aufs neue Feindschaft gegen diese oder jene Seite
- züchten und neuen Militarismus zur Explosion reifen zu las-
sen, kann nicht mehr eine losgelöste, regionale, spezifische
nur Deutschland betreffende Lösung sein. Die reale Lösung i t
nur noch in einem unbegrenzt weiten internationalen Rahmen
auch zu Sprechern für Ande:
lange schon fast unterzeichnet! _
breitung, der das beste wäre, was "hsl
381
möglich, in organischem Zusammenhang mit dem Weltproblem
und der Weltlage, vor allem mit der allgemeinen und totalen
Abrüstung. Unter dieser Voraussetzung wäre Deutschland weder
von der Sowjetunion noch sonst einer nahen oder fernen Macht
bedroht. Es würde sich auch nicht bedroht fühlen und weder
glauben noch sich einreden lassen, daß es zum Zweck der Selbst-
wehr angreifen müsse. Neuer Militarismus könnte dann in ihm
schwerlich noch gedeihen. Sobald die Menschheit vom nuklearen
und vom konventionellen Arsenal westlich und östlich von
Deutschland und innerhalb Deutschlands befreit sein wird,
wird die deutsche Präge von selbst gelöst sein. In der Atmoe;
Sphäre der allgemeinen Abrüstung v/erden zwischen den beiden
deutschen S^^^^ürtferwiederkehren. Was heute Neutralität
heißt, wird nach vollzogener Abrüstung der allgemeine Zustand
sein und Mitteleuropa organisch einbegreifen. Verschiedenheit
ideologischer Systeme wird nirgends mehr eine unüberbrückbare
Kluft bedeuten, am wenigsten innerhalb eines Volkes. In der ümz
durch die allgemeine Abrüstung geschaffenen Weltlage werden die
das geteilte Deutschland betreffenden internationalen Fragen
von heute zu inneren Angelegenheiten Deutschlands werden.
Wie das brutal militaristische Japan nach dem schaurigen
Massenmord von Hiroshima und Nagasaki zum radikalen Kämpfer &sg
gegen A- und H-Kri?gist, dürfen wir erwarten, daß die Erfah-
rung und das eigene Lebensinteresse auch in Deutschland eine
überwältigende Mehrheit für Abrüstungfund Frieden gewinnen wird.
Es ist einleuchtend, daß ein solches Deutschland wirtschaftlich
gedeihen und zu geistiger und sittlicher Erneuerung gelangen
würde. Nur so wären die alten Nazis und ihre gefährlicheren
neuesten Schüler, die nach wie vor die Atmosphäre vergiften,
bald isoliert und ihre Organisationen würden nach und nach
verdorren.
Für Deutschland und jedes andere Land, in dem verbrecheri-
sche Mächte sich frisch oder auffrischungsfähig erhalten haben,
wird also die Friedenkonferenz und die Abrüstung zu einer
besondern nationalen Notwendigkeit. Doch jei länger es dauert,
bis diese Aktionen zur Rettung und Sicherung des Lebens in
Gang kommen, desto schwächer v/erden ihre Aussichten, weil die
Äynamik der Zerstörung inzwischen am Werke ist. Man kann sich
leicht vorstellen, daß ein an sich relativ belangloser Wahlerts
folg in einer westdeutschen Provinz eine Schneeballwirkung Mas
haben kann, weil eine fast unvermeidliche Terrorwirkung den.
382
Erfahrungen einer noch frischen Vergangenheit zum Multipli-
kator wird. Selbst eine phantasiearme Bevölkerung müßte das
allzu deutliche Geschwür wachsen sehen. Die Furcht vor der
Rache der noch kleinen Gruppe macht viele ehrlich Gesinnte
kleinlaut und zur Kapitulation geneigt; während noch schwächere|
Charaktere sich auch der bösartigsten Gruppe rechtzeitig an-
schließen. Dieser unausgesprochene und unauffällige, weil
konkreter Handlungen in den Frühstadien noch entbehrende
Terror wird zum Hauptfaktor der Ausbreitung, dem sich dann
die ziemlich elastische, den jeweiligen Bedingungen genau
angepaßte Propaganda einfügt. Die Juden und ihre Stellung
in der Wirtschaft und Kultur Deutschlands werden als Argument
gewiß nicht mehr den Vordergrund einnehmen, da von ihnen zu
wenig übriggeblieben ist, um für effektive Propaganda brauch-
bar zu bleiben. Unwahrsc heinlich ist auch, daß die Partei
wieder den Sozialismus als epitheton omans mißbrauchen wird,
da die Stimmung in Westdeutschland einer solchen Verzierung
nicht mehr bedarf. Die außenpolitische Orientierung des NeonaeiJ
zismus ist vorderhand noch unklar und wird wohl von der SteliaJ
lungnahme des Auslandes abhängen; in einer so unstabilen Welt
kann es an Brückenköpfen nicht fehlen. Wird also alle Welt
auf ihren Lorbeeren ausruhen und Hitlers Erben für die
Zukunft sorgen lassen?
Sicherlich, Friedenskonferenz und Abrüstung sind für die
ganze Erde nicht nur wichtig, sondern höchst dringend. Doch das
größte Verbrechen der Weltgeschichte, das Deutsche im 20. Jahr-
hundert f st vor unser aller Augen begangen haben, gibt dem
Problem des in Deutschland und vielleicht auch anderswo wieder
wachsenden Ungeheuers eine eigene Dringlichkeit, die es zu
einer brennenden internationalen Frage macht und eine vorbeu-
gende internationale Regelung erfordert. U.zw. unmittelbar,
ohne die Friedenskonferenz und die ihr organisch angeschlossene
Abrüstungskonferenz und deren logisch voraus sehbar e* Ergebnisse!
abzuwarten, zumal sie ja noch reine Idee ist, während die
Partei der Greuel arbeitet so rasch sie kann.
Wenn außer den Indern selbst noch irgend ein Volk das
Recht hatte, auf Abschaffung der Witwenverbrennung zu bestehen,
obzwar es ja dort ausschließlich um Inderinnen ging, kann die 3
Duldung einer Völkermordpartei als innere Angelegenheit eines
Staates gelten? So wird zunächst die prinzipielle Regelung
383
der Frage zu einer unaufschiebbaren Aufgabe für die
Tfttt VN . In Mitgliedstaaten und in solchen, die es werden
wollen , wie auch in jedem andern Staat, darf die Duldung orga-
nisierter §ruppen, die eines Genocide-Planes auch nur verdäch-
tig sind, sich unter keinen Umständen wiederholen. Auf Grund
von Beschlüssen der Generalversaimulung, zu deren Legalisierung
auch die bestehende Charta genügen würde, soll es allen Staaten
sHfedbsgfc auferlegt sein, derartige Organisationen legislativ
zu bekämpfen, auf Grund von Anti-Genocide-Gesetzen, um solchen
Gruppen den Mißbrauch dco Principe der Demokratie und ihrer
Institutionen nicht nochmals zu ermöglichen. Darum handelt es
sich ja zunächst. "Gesetz gegen den Mißbrauch der Demokratie"
wäre wohl die richtige Benennung. Es wäre eine erste Hilfe,
die dem Monster viel von seinem Fraß entziehen und seine
Gewichtszunahme verlangsamen würde, bis die Friedenskonferenz
und die Abrüstung wirken und auch Mitteleuropa eine bessere
Zukunft verbürgen könnten.
Unter legislativer Bekämpfung versteht man im allgemeinen
Beschlüsse von Parlamenten, durch die eine Gruppe außerhalb des
Gesetzes gestellt, für illegal erklärt wird. Diese Maßnahme ist
jedoch ein zweischneidiges Schwert. Erfahrungsgemäß hat sie nie
das Verschwinden der Gruppe zur Folge, sondern macht die verbot
tene Partei zu einer Untergrundbewegung, deren propagandistiesdi
sehe Kraft dann womöglich noch zunimmt, während der unterge^sss
tauchten Organisation vielerlei Aktionen, besonders auegooproek
ohon terroristisches, bedeutend erleichtert sind. Da also die
Greuelpartei im Schatten der Illegalität noch besser gedeihen
würde, scheint eine methodische Variation empfehlenswert, die
m.E. die Partei in ihren Aktionen behindern würde, ohne das kb±
volle Tageslicht zu beseitigen, das ihre gesamte Tätigkeit
stört: Ihren Vertretern sollte gesetzlich das passive Wahlrecht
entzogen v/erden, sodaß das Parlament und alle andern demokratie
sehen Institutionen, auch die munizipalen, von ihr verschont fei
bleiben. Umso leichter wäre dann die Reinigung und Heinhaltung
des Beamtentums. Das wäre wohl wirksame erste Hilfe, bis zu
jener internationalen Lösung, für die mit der für alles Men-
schenwerk geltenden Einschränkung Def initivität zu erhoffen istJ
So wäre die Frage, für welches Land die 3ta± Friedenskonfe-
renz ohne Krieg die höchste Bedeutung erlangen kann, am besten
zu beantworten: Für Deutschland.
384
Anwendung auf Ungarn
Wie sich, in alten Zeitungen und verläßlichen Kompilationen
nachprüfen läßt, brachten die Russen in Ungarn noch Monate vor
Beendigung des zweiten Weltkrieges eine Koalitionsregierung
ans Ruder, u.zw. im Dezember 1944. In dieser Regierung saßen
außer Kommunisten und Sozialdemokreten auch Horthy-Easchisten
u.dgl. In den folgenden Jahren hatte Ungarn kiLto Ungarn trotz
der andauernden militärischen Besetzung durch die Sowjets
nach wie vor gemischte Regierungen, und erst 1949 wurde unter
dem zunehmenden Druck der ungarischen Kommunisten eine dem
Sowjetsystem nachgebildete Konstitution eingeführt. Dieser 5ta±
Verlauf entspricht z?/ar nicht der weit verbreiteten Vorstellung
daß die Sowjetarmee am Tage der Eroberung Ungarn den Kommunis-
mus aufgezwungen habB; aber noch weniger entspricht er der im
marxistisch-leninistischen Theorie, nach der die proletarische
Eevolution die Änderung herbeizuführen und spontan zu erfolgen _
hatte, nicht unter dem Druck einer Militärmacht. Wie sehr das
Regime den Prinzipien der Demokratie widersprochen und die
Mehrheit vergewaltigt hatte, also nicht nur keine revolutionäre,
sodern auch keine demokratische Grundlage hatte, zeigte die
Tatsache des weltbekannten Aufstandes von 1956, der schon nach
Stalin, im Beginn der um so viel freisinnigeren Chruschtschew-
Ära, ausgebrochen und in weniger als einem Monat von einmar«gfax
schierten Sowjettruppen unterdrückt war. So viel demokratische
Sympathie dieser Aufstand auch verdiente und so sehr seine
Unterdrückung auch zu verurteilen ist, kann freilich seine im
Westen üblich gewordene Bezeichnung als Revolution schwerlich
aufrechterhalten werden. Die Rolle eines Kardinals und der über
die Enteignung des Großgrundbesitzes erbitterten Aristokratie,
also der Anteil der am früheren Zustand interessierten Element^
macht die Bewegung trotz ihren demokratischen Zügen zu einer
typischen Konterrevolution. Später erfolgte allmählich eine
gewisse Annäherung an die Demokratie. Die vielen, vorwiegend in
Amerika ansässigen Emigranten, die Ungarn neuerdings privat
oder geschäftlich besuchen, erheitern ihre Landsleute mit
erstaunlichen Erzählungen über Wohlergehen und einen ungeahnten
Liberalismus in ihrer Heimat.
Doch ist es zweifelhaft, ob dieser faktische Liberalismus
als die Ißsung gelten kann. Der zu einem guten Teil berechtigte
Vorwurf des aufgezwungenen Kommunismus ist eines der beliebte-
sten Argumente des kalten Krieges gegen die USSR und
385
wird in heikein Situationen wie eine Kanone verwendet,
wenn man gegen an sich nicht unberechtigte Forderungen und
diplomatische Kscsi Vorstöße der Sowjetregierung Material für
recht scharfe Erwiderung "braucht. Als a»B» in den VN noch von
Bizerta die Rede war und Morozow namens der Sowjetunion die
für die internationale Abrüstung lebenswichtige Abschaffung
aller militärischen Auslandsbasen beantragte, sprach Stevenson
den Sowjets das Recht auf diese Forderung unter Hinweis auf
Ungarn ab. Die Analogie war damals dadurch ermöglicht, daß die
Idee der allgemeinen Abschaffung der BasenNnicht einen Teil
eines internationalen Abrüstungsprogramms bildete, und darum
nur das Recht jedes Landes auf Kündigung von Verträgen über
Basen in Anspruch genommen und unterstützt weroen konnte,
daß also das Mieten und Vermieten von Land für Stützpunkte
militärischer Agression völkerrechtlich noch eine\Angelegenheit
zwischen zwei Ländern war - und ist. Im selben Sinne bildet
allerdings auch die Konstitution jedes Landes, bzhw. Veren
Änderung, ausschließlich dessen eigene Angelegenheit, \sodaß an
der Widerrechtlichkeit einer unter militärischem Druck >erf ol-
gendon Beeinflussung von außen koin Zwoif ol bestehen kann»
Auch h im Steit um Vietnam ist Ungarn zum stereotypen Gegen-
argument geworden. Die meisten ungarischen Emigranten schwei-
gen verlegen, denn sie sind wohl Antikommunisten, aber damit,
was in Vietnam geschieht, sind sie keineswegs einverstanden.
Vielleicht fühlen sie sogar eine Schicksalsgemeinschaft, da
den Vietnamesen ein astronomisch Vielfaches davon getan wird,
was sie selbst zu erfahren hatten.
Trotz dem wohltuenden Nachlassen der Spannung innerhalb
Ungarns ist das Land seit 1956 eine Quelle internationalen
Unbehagens geblieben. In der USüR empfinden sicherlich Viele,
daßdie Verewigung dieses Zustandes weder wünschenswert npe-h
mögli^&^lst. Da Prestigepolitik den Sowjets fremd is^wäre
zu erwart enT^daJ^sie und war allem das kommunistische Regime
Ungarns die Idee e ^in^^Volksbef ragung>ar1!Jngarn , vrxmm wenn ein
solc*fer Antrag taktvoll, v^r^^O^ig^ind im Rahmen friedlicher hh
und freundlicher interna£i«rnaleii^^ vorgebracht würde,
in Erwägung zj^^n^und vielleicht aön^iimen würden.
Obgleich^Siiitiativen solcher Art frühe r sc^hsu^ff zurückge-
v/iesen^tfwerden pflegten, steht es ourchaus nicht fes>>^daß
ätc Annahme für den Koim.iimiomuo auch jstat und in naher Zukunft
386
durchaus unratsam wäre. Gegen die kommunistische Politik
aiNs Ganzes könnte das übliche Argument nicht mehr ins Treffen
geführt werden. In seinem Ringen um die Sympathie der Welt
könntev der Kommunismus den Imperialismus ohne die Behinderung
durch die eigene Schwäche anklagen; ohne die ungarische Butter
auf dem Kopf wäre es viel leichter, an die Sonne zu gehen.
SchließlichNist auch keineswegs sicher, daß eine Volksabstimsana:
mung, wfklichNneutrale Bewachung vorausgesetzt, heute eins
für das Regime ungünstiges Ergebnis hätte. Doch ist es nicht he
mehr die Sowjetunion, die einen solchen Antrag annehmen oder
ablehnen könnte. D^e Zeit ihrer Vorherrschaft über den ganzen
Ostblock ist vorüber ,\yiell eicht für immer. Die kommunistischen
Länder Suropas sind selTs^ständig geworden, nicht nur formal.
Der praktische Anstoß zu sieser Emanzipation kam von China,
indem auch das kleinste koaWinis tische Land im Konflikt zwiesto
sehen den beiden kommunistischen Großmächten eine Entscheidung ■
zu treffen hatte, u.zw. zu Guns\en einer von beiden oder keiner
von beiden, in der Haltung e ine rsieuart igen Neutralität und mit
deren bekannten Vorteilen. Was sichVLm kommunistischen Mittel-
und Osteuropa vollzog, gleicht dem Volljährigwerden von Kindern
mit allen seinen Konsequenzen, tiber ungarische Angelegenheiten
kann nur noch mit Ungarn verhandelt werdefi.ly^Jy
Ungarn als zeitgeschichtliches Motiv und politische Streik
frage hatte auch ein komisches Echo. Mr. Jan Smith, prime
minister, Salisbury, Rhodesia, erklärte, Rhodesien stehe wie
Ungarn an der Front des Kampfes gegen die Schrecken des Kommu-
nismus. Er meint offenbar den erschreckenden Kommunismus der
Londoner Regierung.
Polen^-tmd Osteuropa TjcLiuA^i^-MM
In der Nähe und unmittelbaren Nachbarschaft Ungarns gibt
es noch Länder, über deren kommunistische Spontaneität sich
streiten ließ, besonders in den ersten Jahren nach 194-5>. Doch
läßt sich mit voller Sicherheit sagen, daß z.B. Polen schon vor
dem zweiten Weltkrieg eine intensiv arbeitende kommunistische
Partei hatte, mit einem weiten Anhang selbst in erstaunlicher
sozialer Ferne von den Arbeitern und Kleinbauern. Besonders
unter den Intellektuellen, und keineswegs nur unter den jüdi-
schen, war der Wirkungsradius des Kommunismus bedeutend. Ein
paar Jahre nach 194-5 traten aber schon die kommunistisch erzo-
genen Jungen auf den Plan und wurden zum Zünglein an der Waage.
386 4L
e USSH
n die diktatur:
aar in rapidem
1 A
und ihre Selbstbestimmung nicht nur fordernden, sondern auch schon
schrittweise durchfuhr enden TschechoslovakenS§x§§, war die ungarische
Regierung, die man, je mehr die Erinnerung an 1956 verblaßte, nach
und nach als nationale übrigkeit anzusehen sich gewöhnt hatLe,
unter denjenigen, die ihre Truppen den Unterdrückern sofort zur
Verfügung stellten. Obzwar die Herren des Kreml, die sich plötzlich !
benahmen, als ob Stalins Geist in sie gefahren wäre, weder ungarische I
I»
noch ostdeutsche, polnische oder bulgarische Hilfe brauchten, um
den reformsüchtigen tschechoslovakischen Kommunismus zu "normalisie-
ren", war der Diensteifer des ungarischen Regimes doch nicht geringer
als dessen Angst. Das Volk, das im Ausland eher allzu laut über Untere
drückung schrie und sich im Inland eher allzu artig benahm, war auf
anscheinend
einma^zur nand, um määds&easasößoffi^^
yjränntfgnnwnraTng^ d 1 e Okkupation des Nachbarlandes
zu einer allgemein kommunistischen, alle kommunistischen Nationen
betreffenden Angelegenheit stempeln zu helfen, zur gemeinsamen Aktion-
gegen ein der gemeinsamen Sache untreues Volk, das im Begriffe war^J
■ zu tun, was auch Ungarn versucht hatte. So ist die Aussicht auf ein
s Plebiszit in Ungarn zur objektiven Erforschung der sich selbst bestim*
■. menden Denkungsweise dieses Volkes in noch viel abstraktere Ferne H
gerückt; aber glauben wir nur nicht, daß die Serie der Überraschun—
Und auch für Ungarn bedeutet die
Recht auf Selbstbestimmung.
»
387
Die stalinistische Version war den meisten Kommunisten Polens
innerlich fremd gewesen«. Die dann zum Durchbruch gelangte
liberalere Tendenz entsprach ihnen viel mehr. Es ist über-
raschend, in welchem Maße das kulturelle Leben im heutigen
Polen von doktrinärer Einseitigkeit frei ist; das entspricht
einer Vergangenheit, in der das Bauerntum den östlichen Typus
vertreten hatte, während die herrschende Schicht mit aller
Macht v/estliche Tendenzen importierte. In seinem geistigen
Habitus bildet das Land auch heute eher eine Brücke zwischen
v/estlichen und östlichen Traditionen. Es ^at^ixhe^lich gute
Aussichten für schöpferische Entfaltung, ?/enn -ärie- umgebenden
Welt einschließlich dor deutschen Nachbarn sich für den Frieden
entscheiden wird.
In den angrenzenden Ländern Osteuropas liegen die Verhält-
nisse insofern unähnlich, als ihr Kommunismus hauptsächlich
Import war; und insofern ähnlich, als der Kommunismus auch in ±
ihnen durch das Nachrücken einer neuen Generation zu einer gaset
gewissen Konsolidierung gelangt ist. Für Befragung eines Volkes
ohne dessen besondere Initiative liegt jedoch nur dann Grund gs
genug vor, wenn seine Zustimmung zum bestehenden politischen
System zumindest ausgesprochen zweifelhaft ist. Eine numerisch
unbodoutondo ootniooho Domonotration in Toronto ist wohl koin
Anzeichen für Unzufriedenheit einer Nation. Immerhin muß den
baltischen Ländern das Petitionsrecht offenstehen, wie allen.
V Die Revolution der Neger Amerikas
I am convinced that for practical as well as
moral reasons , non-violence offers the only
road to freedom for my people.
Martin Luther King
Die Heger Amerikas, die Nachkommen derjenigen, die, *au&
aus der afrikanischen Heimat auf die Menschenräuberschiffe
geschleppt, -jeneJa mörderischen Land- und Seetransporta, über-
lebten, haben Jahrhunderte der Knechtschaft und Mißhandlung
überstanden. Die Sklaverei ist vorüber, nachdem auch das
weiße Amerika für die Befreiung einen hohen Preis bezahlt hat.
Doch noch besteht das vielgestaltige Erbe des Sklavenlebens.
Für die Massen der Neger ist ein menschenwürdiges Dasein
noch in weiter Ferne. Die theoretische Anerkennung i^er
vollen Menschen- und Bürgerrechte, die im 19. Jahrhundert
387a
Iiierdings kann wirkliche Selbstbesinnung und Selbstbestimmung
von Volkern zu einem vielseitigen und innerhalb einer Generation
kaum eWtwirrbaren Problem werden. Für Außenstehende und Ferne war es
allzu Schwer, zu beurteilen, ob der Studentenaufruhr in Warschau
und andern Städten Polens im März 1968 mit den ihm zeitlich gefolg-
ten revolutionären und eher prokommunistischen Bewegungen der west-
lichen iknder zusammenhing oder ob etwa umgekehrte Tendenzen in
ihm stecAten. Die nach der ersten Runde, aber gewiß nicht für immer,
erdrückten Revolten stimmten da und dort nicht nur darin überein,
daß Massen von Nicht Studenten sich spontan anschlössen, sondern vor
altern in irirer leidenschaftlichen Stimmung gegen das Regime. Mag
sein, daß Aaotionalität und Spontaneität dem Osten und Westen gemein
sam und dielpolitischen Vorzeichen dennoch verschieden waren. Es
war zuweilen, als würden sich auf der einen Seite dieser neuesten
internationalen Front die verschiedensten »teilweise stark entgegen-
gesetzten Kräfte zusammenschließen, die nichts so verbunden haben
wird wie ihre \Opposition gegen den Status quo. Auf der andern Seite
dieser seltsamen Front sind die Gegensätze nicht minder stark und
noch stärker sdheint da die Gemeinsamkeit vitaler Interessen, in-
dem sowohl kommunistische als auch antikommunistische Regierungen
ihren Status quo\ verteidigen oder ihn durch Gegenoffensive zu
befestigen suche:
Ob die Lage in der Tschechoslovakei* in dor von Unruhen inner-
halb nur oinor EovölkorungCGohioht gar koino Rodo coin konnte,,
analog definierbar war, muß noch dahingestellt bleiben. Nach Über-
windung ihres immer noch halb stalinistischen Kurses waren die
I-assen eher vereinheitlicht und schienen zwischen einem liberali-
sierten Kommunismus und einem noch weiter gehenden Liberalismus
zu schwanken. Dieser konnte in eine nichtkommunistische Demokratie
zurückführen oder vorwärts zu einer noch nie" vollzogenen
387b
Verkörperung einer an sich seit langem lebendigen Idee, zu der
einer diktaturlosen?: und schlechtweg herrschaftslosen Gesellschaft,
von der sich jeder heute existierende Kommunismus noch scheu fern-
hält, obzwar kommunistische und sozialistische Theoretiker sich zu
ihr als dem Endziel bekennen. Allerdings stand dieser theoretischen
Möglichkeit die Begrenztheit eines verhältnismäßig kleinen Landes
mit einer nicht besonders zahlreichen Bevölkerung entgegen. Daß ein
kleines Volk zu einer internationalen Avantgarde werden könnte, ist
ja an sich nicht neu, doch wird jeder kühne Vorstoß ins Unbekannte
in den konkreten Bedingungen der politischen Geographie zu einer
höchst bedeutenden Machtfrage. Eine solche Lage mußte die Sowjetunion
in die Rolle einer konservativen Macht zurückdrängen und sie vor die
Schicksalsfrage stellen, wie weit sie zur Verteidiging des Status
quo gehen kann, ohne in eine Wiederholung des ungarischen Widersinns
von 1956 oder in eine noch gefährlichere Fehlleistung zu verfallen.
Es ist der Hauptzweck dieser Schrift, dazu beizutragen, daß die
wichtigen Entscheidungen nicht den Bomben überantwortet werden,
weder den kleinen noch, den großen, sondern dem menschlichen Gewissen
und der menschlichen Intelligenz. Wenn die in unserer Zeit stattfinä
denden und keimenden Revolutionen weder brutal vorgingen noch brutal
unterdrückt würden, wäre die Rettung des Lebens auf Erden möglich
und wir hätten Aussicht, unsere mörderischen Raufereien endlich ein-
stellen und unsere Kräfte größeren Aufgaben widmen zu können. Dieser
recht einfachen Möglichkeit folgte aber eine -Wirklichkeit, die von
einer weitaus schwächeren Logik geleitet zu sein schien.
Die neue Sowjetpolitik und ihre Opfer
Die neue Sowjetpolitik, die im August 1968 zu weithin erschüttern-
der Wirklichkeit wurde, war doch nicht so neu wie sie nach der relativ
langen vorausgegangenen Epoche aussehen mußte. In jener guten alten
Zeit hatte Amerika die Anklagebank des empörten internationalen
387c
Gewissens fast nie verlassen und nicht nur der kommunistischen
Propaganda, sondern auch der Urteilskraft der neutralen Nationen
und den oppositionellen Tendenzen im eigenen Innern und in den
Ländern der Bundesgenossen reichlich Material geliefert. Die Sowjet-
union stand seit Chruschtschew hauptsächlich auf Seiten der Ankläger
und organisierte das weltgewissen gegen das agressive Amerika. Diese
Holle der Sowjets übte eine mächtige psychologische 1/1/irkung aus,
und hatte vielerlei bedeutende Folgen, solange sie eine gewisse Ein-
heit von Theorie und Praxis wahrten und nicht selbst taten, was sie
r
Amerika vowerf en konnten. Als aber die ungarische Wunde im Weltruf
der Sowjetunion als der Hochburg des Rechtes und des Friedens gerade
ein wenig zu vernarben begann, kam der ganz große Schock, der nicht
nur die Tschechoslovakei, sondern alle Welt der früher gehegten
Illusion beraubte.
Die relative Selbständigkeit der kleinen kommunistischen Staaten,
ihre gelegentlichen Frechheiten und ihr zuweilen imposantes Aufbe-
gehren hatte Moskau also nur so lange dulden und sogar weiter anwach-
sen lassen können, solange sie nicht gefährlich wurden. Es war aber
keineswegs nur die ideologische Selbstbesinnung des altneuen Sozia-
lismus, die dem Sowjetregime bald schwere Sorge einflößte. Das immer
noch genug frische Beispiel von Titos Jugoslavien, dem selbst Stalins
Skrupellosigkeit nicht beigekommen war, vermehrte nun die Sorgen
Moskaus und die Hoffnungen des bestens, mußte der Sowjetunion aber
noch weit weniger schlimm erscheinen als die Gefahr des Abfalls der
Tschechoslovakei. Denn diese Möglichkeit enthielt einen noch viel
konkreteren Sinn, der in den Kommentaren der internationalen Presse
entweder ganz übersehen war oder entschieden zu kurz kam. Eine ins
gegnerische Lager übergehende oder auch nur neutralisierte Tschecho-
slovakei bedeutete die direkte Aufdeckung einer Flanke; eine solche
387d
Situation hätte sowohl einer konventionellen als auch der nuklearen
Offensive auf die Sowjetunion ganz neue Chancen und damit auch
einen vervielfachten Anreiz geboten. Das Abwägen alier wider spruchs-
vollen Aussichten spiegelte sich in der anfänglichen, für eine
Weile noch ausschließlichen Anwendung diplomatischen Hochdrucks
zur Wiederherstellung eines Regimes im Geiste des Stalinisten
Novotny. wieder^ Sobald aber die Wirkung halb und halb zivilisierter
Methoden sich als zweifelhaft erwies, mußte man, ja, man mußte wohl,
auf die Zivilisation und auf die Phrasen der eigenen Propaganda
pfeifen, um den günstigen Augenblick der internen und der vietnami-
schen Schwierigkeiten Amerikas und eines ganzen Knäuels internationa-
ler Ratlosigkeit mit einem Schlage auszunützen. Daß das nicht sofort
ein europäisches Vietnam zur Polge hatte, war natürlich nicht das
Verdienst der für einen konventionellen Landkrieg mehr als genug
ausgerüsteten Russen und ihrer fast lächerlich überflüssigen
Hilfstruppen, sodern ein neuer Beweis der realistischen Besonnen-
heit des Überfallenen kleinen Volkes, das auch vor der hrTnungslosen
Übermacht Hitlerdeutschlands kapituliert hatte; wie im Sinne der
altchinesischen Weisheit die Weide, die sich im Sturm tief beugt,
um nicht wie die Eiche zu brechen, sondern sich dann wieder aufzu*±s
richten.
Auch die Sowjets, deren hübsche Phraseologie selbst nach ihrer
überwältigenden Gegenaktion noch ziemlich gebrauchsfähig geblieben
ist, sind auf der Linie des geringsten Widerstandes vorgegangenes*
Leicht können noch andere Opfer an die Reihe kommen, wenn sie, nicht
genügend geschützt, der "Normalisierung" bedürftig oder strategisch
bedenklich erscheinen sollten. Minder realistisch denkende Regierun-
gen oder Nationen könnten auf eine solche Wendung leicht anders
reagieren und viel größeres Unglück herauf b eschwären. Und wenn die
387e
Angst, vor allem die vor China, und vielleicht die vor einem nun
noch reaktionäreren Amerika, die Sowjetunion in immer tiefere Agres-
sivität treiben sollte, aus der ein Rückweg allzu schwer werden wür-
de, käme die Lage unseres Planeten der Aussichtslosigkeit noch näher.
Die hier vorgebrachten und alle andern realistischen Ideen für
Frieden und Abrüstung haben also an Dringlichkeit loidor noch bedeu-
tend zugenommen. Denn die Probleme der kleinen und mittleren, und
selbst die der großen Völker, die innerhalb ihres bestehenden System.,
freier sein wollen als sie sind, oder von ihrem Selbstbestimmungs-
recht vollen Gebrauch machen und über ihre Zukunft in einem radikal
neuen Sinne beschließen wollen, sind innerhalb einer gerüsteten und
rüstenden Welt nicht lösbar; vor allem deshalb nicht, weil eine
Großmacht, die ebenso brutal wie unfrei gehandelt hat, sich ihre
Beute auch nicht leicht entreißen lassen kann. Prankreich war einer
seits stark genug gewesen, sich den Austritt aus dem Nato-Rahmen
erlauben zu können, und anderseits bedeutete der Portbestand und die
Macht des französischen Kapitalismus eine genügend sichere Gewähr £:"
für Beibehaltung der politischen und militärischen Generallinie und
damit auch für eine gewisse Zusammenarbeit mit der Nato-Strategie.
Schon darum ist das Beispiel eines ganz und gar nicht revolutionären
Prankreich auf die Prägen der Willensfreiheit und des Schicksals
anderer Länder nicht anwendbar. Würden oder könnten die Nato-Mächte
etwa ein kommunistisches Belgien dulden? Das wirtschaftliche,
gesellschaftliche, politische und militärische System jedes Landes
ist heute rja keineswegs nur dessen eigene Angelegenheit, sondern
ein integraler Teil der internationalen Angst. Deren Abschaffung auf
den hier geforderten Wegen oder, wenn es das gäbe, auf andern Wegen,
bildet also die Voraussetzung nicht nur für den allgemeinen Portbe-
stand, sondern auch für Preiheit und Selbstbestimmung.
FORTSETLUHb:
mit Hilfe der progressiven Weißen in den Nordstaaten einsetzte, genüg-
te, innen bald über ihre fast noch unveränderte Lage die Augen zu öff-
nen und dann in der Mitte unseres Jahrhunderts eine der größten Bewe-
gungen der neueren Geschichte hervorzurufen, Ihr bis gestern noch vor-
wiegender Charakter wurde durch einen Kopf von besonderem Profil be-
stimmt, Dr. Martin Luther King, den der Geist der Gewaltlosigkeit zu s±s
einem Schüler Gandhis gemacht hatte. King hatte eine angenehme Wohnung,
in Atlanta, Georgia,|$ej? um^es nicht besser zu haben als sein Volk,
übersiedelte er 196^iireine Behausung in den Slums von Chicago. Er
lehrte sein Volk, durch Landschaften und Städte des haßerfüllten Südens
und die nicht viel weniger feindseligen des Nordens würdig protestiesx|
rend und fordernd zu marschieren und weder auf die Flut der Schmähun-
gen noch auf den Hagel schmerz- und ekelerregender Gegenstände zu er-
widern. Doch andere Neger denken anders. Mord erzeugt Drang nach Vergeh I
tung. So rennen Viele andern Führern nach, erwarten das Heil von brutaj|
ler Gewalt.Gewalt stürmt auf das nächste, wenn auch sinnlose Ziel los.
Juden, die für die Sache der Neger sich den Gefahren und Strapazen der
langen Märsche ausgesetzt hatten, werden blutig, überfallen. Und Rockwell, I
-die amerikanische Hitler- Imitation^ weitaus der Verwirrung Kapital zu
schlagen, wütende weiße Massen für seine giftige Sache zu mobilisieren.
So wird die reine Sache von innen und außen besudelt, gerades wird fczs
krumm, im tosenden Lärm versteht einer den andern nicht. Der echte
Steuermann bekommt heftige Stöße, hat es immer schwerer, das Rad in sei-
nen Händen zu behalten. Es geht wie in jeder Revolution, aber es dauert
viel länger, die Gegenseite ist stärker und ungehemmt agressiv,die inne«|
ren Zusammenstöße mehren sich, und Sieg, Kompromiß oder Konsolidierung
kommen nicht in Sicht. Der Ratlosigkeit entspringt Verzweiflung. Das Er- |
lebnis der schwarzen Ohnmacht gebiert das Gespenst der schwarzen Machli
Kaum geboren, schreit es nach Blut, nach viel rotem Blut. So hebt Raserei
an.
Als es noch ein theoretisches Ziel gab, war es De segration,bzhw. In-
tegration. Da es aber keine einheitlich gesinnten Völker gibt, waron
auch andersdenkende Gruppen aufgetaucht, die das Gegenteil wollen,
u.zw. weitgehende Absonderung von den Weißen und Rekonstruktion einer
afrikanischen Kultur, obwohl nichts von ihr in den Erinnerungen dieser
Generation erhalten ist. So verbinden sich solche Programme mit religiö-
sen und mystischen Ideen. Manche Sekten träumen von einem Land in der
afrikanischen Heimat, die jedoch kein Territorium für sie bereithält
und sie nicht erwartet. Um das Utopische dieser Minorität zu attackier
ren, nennen Viele es schwarzen Zionismus, bis ihre Anhänger sich diesen
Namen selbst zu eigen machen.
389
Doch solche Problematik rückt ganz in den Hintergrund,
wenn plötzlich alles ausartet und in den Abgrund der Plünderung
und des massenhaften Mordes stürzt. Nun wird es unsagbar schwer
sich dessen bewußt zu bleiben, daß die amerikanische Negerbewe-
gung an sich eine höchst bedeutende und reine Sache ist. Vom
weißen Gewissen her gesehen, bedeutet selbst noch der entmensch-
te Kampf des Negervolkes die Aussicht, eines der großen Verbre-
chen der weißen Rasse in später Stunde -aee^ teilweise gutzuma#k
chen.
Lassen wir beschämende und bejammernswerte Tatsachen nicht
unsere Logik trüben. Lassen wir uns durch Verirrung und Irrsinn
nicht unserer Ethik berauben. Versuchen wir zu erkennen, warum
Neger gegen Weiße und gegen Neger unmenschlich geworden sind.
Lassen wir uns weder von Angst lähmen noch von Hochmut verdum-
men. Verwechseln wir Eigenliebe nicht länger mit Menschenliebe.
Morgen, wenn es um die Ruinen der weißen Paläste und der schwär-
zen Wohnungen des Elends *± s±fc still geworden sein wird,
begnügen wir uns nicht mehr damit, den Negern papierene Rechte
einzuräumen. Hindern wir sie nicht, die zuerkannten Menschen-
und Bürgerrechte frei auszuüben. So werden die Neger uns helfen,
Menschen zu werden.
Südamerika
Von Südamerika war hier wiederholt die Rede, obzwar es
allzu schwer ist, diesen Kontinent auch nur zu erwähnen, ohne
der Erschütterung über seine Lage Ausdruck zu geben. Daß diese
Lage unhaltbar ist, verstehen buchstäblich Alle, nur daß es
natürlich nicht Alle zugeben wollen. Daß sie die Lage verstehen
beweisen sie, wenn sie sich krampfhaft so stellen, als sähen
sie nichts. Oder indem sie mit aller Macht ihrer Diplomatie,
ihrer Propaganda, ihrer Pinanzmacht, ihrer Philanthropie und
vor allem mit noch viel konkreteren Mitteln den südamerikani-
schen Kontinent und jedes seiner großen und kleinen Länder be-
arbeiten. Und dadurch, daß so ziemlich Alle, denen die feSäcfcbc
sprichwörtlich häufigen Umstürze unbequem oder gefährlich
sind, sie anzuklagen pflegen, sie seien nicht spontan,
p.389a-d, einzuschalten ^.389 zwischen deLa l.und 2 .Absatz^ ^89a\
Doch fast immer, wenn Menschen einen Sinn in der Geschichte
suchten und ihn durch das eigene Leben und Tun erfüllen wollten,
gerieten sie in den wüsten Haufen der realeren Paradoxien. Manche,
die King liebtenx und so manche Hasser wußten es ja seit Jahren, daß
nach dem schwarzen Kopf, der einer der hellsten unserer Zeit war,
tückische Mordwaffen zielten und ihn über kurz oder lang treffen
mußten. Aber erst nachdem es wahr geworden ist, erfuhren wir Alle,
wie gut erjselbst es gewußt und wie er es als ein Patuni hingenommen
hatte, doch ohne dem vielgestaltigen Widersacher ein Kompromiß zu
bieten oder seine Rettung durch Kapitulation in irgend einem Punkte
in Erwägung zu ziehen. Im Gegenteil, er stellte die Erreichung seines
Zieles immer klarer über sein Leben. Das Laben galt ihm niemals gering,
und gerade ti~snrma weil er es liebte, wollte er dessen Sinn um jeden
Preis erfüllen.
Heldisch und beharrlich arbeitete er unter unablässigem Durchdenken
und Revidieren an einer endgiltigen Formulierung seines Lebenssinnes.
Freiheit, Gerechtigkeit und Würde für das eigene Volk blieben Alpha
und Omega. Doch der Inhalt des Strebens erfuhr umso mehr Erweiterung,
je mehr Beobachtung, Einsicht und Menschlichkeit die Augen für analoges
Unrecht und Leid in der übrigen Menschheit öffneten. So war seine selbst
lose Hingabe ah die Sache der Menschen- und Bürgerrechte des eigenen Vol-
kes auf dem besten Wege, zum Kernstück eines weitgespannten, in seinen
ferneren Konsequenzen sicherlich universalen Kampfes für die Mühseligen
und Beladenen jeder Hautfarbe zu werden« Es lag ganz nahe, daß die
prinzipielle Einbeziehung der ganzen Menschheit in die Ziele seiner
Bewegung ihn zunächst mit einem machtvollen Schritt auf die Seite des
gemarterten vietnamischen Volkes brachte; und daß er seine Stimme für
Israel erhob, als er erkennen mußte, daß es um dessen Existenz ging;
und daß er in der Endphase seines kurzen Lebens den schwarzen und
weißen Arbeitern der Mistabfuhr von Memphis zum Bruder und Helfer wurde«
Es war die machtvollste Stunde am Tage seiner Bestattung,
als das Aufnahmsgerät wiedergab, was er in der von seinem Vater und
ihm selbst betreuten Ebene zer-Kirc he in Atlanta schon im Februar
19&8 gesprochen hatte:
"Gewiß denken wir Alle immer wieder realistisch an jenen Tag,
da wir dem zum Opfer fallen werden, was der gemeinsame Wenner des
Lebens ist, jenem Etwas, das wir den Tod nennen. SSTxe wir Alles,
denke auch ich immer wieder an meinen Tod und meine Bestattung.
Ich denke nicht in einem krankhaften Sinne daran. Immer wieder frage
ich mich selbst, was es ist, das ich gesagt sein möchte, und an
diesem Morgen sage ich es euch.
"Falls jemand von euch anwesend sein wird, wenn mein Tag kommt,
wißt, daß ich kein langes Begräbnis will, und wenn ihr einen findet,
der die Grabrede halten will, sagt ihm, daß er es nicht zu lang
machen soll. Immer wieder denke ich anjcLie Frage, was ich ihn gern sa
sagen ließe.
"Sagt ihm, er möge nicht erwähnen, daß ich einen Nobelpreis habe
das ist nicht wichtig. Sagt ihm, ermöge unerwähnt lassen, daß ich
drei- oder vierhundert andere Priese habe, denn das ist unwichtig.
Er soll auch nicht erwähnen, wo ich zur Schule ging. Ich möchte an
jenem Tage erwähnt wissen, daß Martin Luther King Jr. sein Leben
geben wollte, um Andern zu dienen. Ich möchte, daß an jenem Tage
gesagt werde, Martin Luther King Jr. habe jemand lieben wollen.
"Ich möchte, daß ihr an jenem Tage saget, ich sei bemüht gewesen,
rechtlich zu sein und mit Ihm zu gehen. Ich möchte, daß ihr an jenem
Tage sagen können sollt, ich sei bemüht gewesen, die Hungrigen zu
nähren. Ich möchte, daß ihr an jenem Tage sagen können sollt, daß
ich in meinem Leben die Nackten zu bekleiden suchte. Daß ihr an
jenem Tage sagen sollt, ich hätte mich in meinem Leben bemüht,
Gefangene zu besuchen. Und daß ich die Mensdhheit zu lieben und
ihr zu dienen suchte. Ja, wenn ihr wollt, sagt, ich sei ein
Tambourmajor für die Gerechtigkeit gewesen.
"Sagt, ich sei ein Tambourmajor für den Frieden gewesen,
oder ein Tambourmajor für Rechtschaf renheit. Alle die andern,
die seichten Dinge, sind unwichtig.
"Ich habe kein Geld, das ich hinterlassen könnte. Ich habe nichts
von den im Leben als kostbar oder luxuriös angesehenen Dingen zu
hinterlassen. Ich will nur ein Leben der Hingabe hinterlassen.
Das ist alles, was ich gesagt sein möchte.
"Wenn ich jemandem im Vorbeigehen helfen, ihn mit einem guten
Liede erfreuen oder ihm zeigen kann, daß er auf falschem Wege ist,
dann werde ich nicht umsonst gelebt haben.
"wenn ich meine Christenpflicht tun, der geschaffenen Welt
Heil bringen und die Kunde verbreiten kann wie der Herr sie lehrte,
wird mein Leben nicht umsonst gewesen sein."
Diese Rede wird zumindest in unserer Generation unvergessen feis
bleiben. Doch sei eine Einzelheit hervorgehoben, die in dem gesamten
erschütternden Inhalt überhört werden könnte. In der Antike war es
zumindest verdächtig, wenn ein Politiker reich war, und Armut galt
als Ausweis seiner Ehrenhaftigkeit. Im heutigen Westen sind die
führenden oder führen wollenden Staatsmänner entweder berühmte
Millionäre oder sie glauben doch "beweisen zu müssen, daß auch sie
ansehnliche Reichtümer besitzen. Die persönliche und politische
Ethik Kings wird voraussichtlich auch in diesem Punkte Anerkennung
und Nachahmung hervorrufen und vielleicht einer sozialistischen
Erneuerung den Weg bereiten.
Kings Ermordung kam in einer Zeit, die als Vorstadium einer zwei-
ten Runde im amerikanischen Rassenkampf gedeutet wurde. Schon zu
seinen Lebzeiten war seine Bewegung zu einem beängstigenden Teil
390
sondern vom Ausland erkauft und arrangiert. au -eoiau Gerade die
unablässigen gegenseitigen Verdächtigungen und Beschuldigun-
gen, die logisch einander aufheben, vollenden den Beweis für
die unerträgliche Unrast, die sich mit unbestreitbarer Notwen-
digkeit aus der nicht wegdiskutierbaren -Realität ergibt. Ob
diese chronisch darbenden und unmenschlich verelendeten Massen
kommunistisch denken, ist nicht die eigentliche Frage. Ihre
Frage ist die, ob sie den Kommunismus brauchen oder ob auch s±
eine andere Lösung für sie in Betracht kommt.
Die Antwort auf diese Frage ist in dem Umstand zu finden,
daß kein kapitalistisches noch kommunistisches Üand von Demo-
kratie so weit entfernt ist wie diese Länder und daß deren
Unterdrückungsmethoden zu einem Synonym für Unmenschlichkeit
geworden sind. Daß aber die herrschenden Minoritäten auch ab-
geneigt, radikal abgeneigt sind, ihre Korruption einzudämmen,
Kompromisse zu erwägen, Reformen zu planen; als wären sie ge-
fühlsmäßig sicher, daß sowieso nichts mehr nützen würde und
es darum vorziehen, so viel und so lang wie möglich zu genie-
ßen. Die Geschichte liefert reichlich Belege dafür, daß eine
Gesell schaftsmoral des Apres nous le de luge dem Ende voraus-
zugehen pflegt.
Elend und Unterdrückung unendlich prolongieren zu wollen
oder sie in Zusammenarbeit mit der Korruption philanthropisch
zu versüßen, ist gewiß naiv. Versuche, Revolutionen zu erstic-
ken oder sie anzufachen, sind gewiß unfair oder verbrecherisch.
Doch steht beiden Kategorien von Versuchen und Aktionen die
Frage gegenüber, ob es nichts gibt und nichts geben kann als
brutale Unterdrückung oder untätiges Abwarten, bis ein Konti-
nent in eizne Kettenreaktion von Blutbädern sinkt. Wie lange h
noch soll es nichts geben als Morden oder Gemordetwerden? Wie
lange sollen völlig illegitime Regierungen diese Völker hinter
denMauern der "innern Angelegenheit" und unter dem Kommando
äemder Mächte ihres Selbstbestimmungsrechtes berauben können?
Vernünftige und saubere Anwendung des Petitionsrechtes (S. )
könnte den Leiden Südamerikas ein unblutiges Ende setzen und
diesem Kontinent eine menschenwürdige Zukunft sichern.
Eine solche Lösung hätte noch gestern als krasse Utopie
erscheinen müssen und wäre ziemlich allgemein mit Lachen
abgetan worden. Ö7er aber auch heute noch lacht, vergißt nur,
daß unser Aller .bos auf dem Spiel steht, auch das seine.
391
G-re-nelmärchen aus Guatemala
. .eines Wissens brachte von der ganaon Woltprooco nur ein
kanadisches Blatt einen Bericht 90), der damit begann, daß
90) Von Norman Gall, Toronto Daily Star, 24. Mai 1967
im zentral amerikanischen Guatemala, nahe der Stadt Ipala,
ein Hund aus einem Walde hervorkam, mit einem menschlichen
Arm im Maul. Das führte dann zur Entdeckung von Massengräbern,
in denen nicht einfach Ermordete aufgehäuft sind, sondern
beispiellos verstümmelte Leichen beiderlei Geschlechts,
zumeist junger Leute. Ein Dichter namens Otto Rene Castillo,
eine Lehrerin und manche Mittelschüler und Universitätsstuden-
ten konnten identifiziert werden. Glieder waren in Undefinierte
barer Weise vom Körper getrennt, die meisten Leiber in Stücke
geschnitten, in weiblichen Brüsten und andern Organen waren
tiefe Brandwunden, Schädel waren eingeschlagen und ihre Stücke
waren im selben Grab zu finden, mit Blutflecken und Haaren.
Die Zahl der in solchen Zuständen aufgefundenen Opfer wird
mit 5 - 700 angegeben. Sie waren Guerillas oder gehörten kommu-
nistischen und andern revolutionären Organisationen an. Als
Täter werden die Leute der "Weißen Hand" und anderer antikom-
munistischer Verbände genannt, doch den Hauptanteil scheinen
Offiziere der Armee selbst zu haben, die solche Organisationen
ausbilden, mit Waffen versorgen und bei ihren Aktionen anführen.
An Systematik fehlt es daher nicht. In einem Dorfe namens
Tolteca schleppte die "Weiße Hand" alle Bauernfamilien aus
ihren Hütten hervor, ließ nichts am Leben und brannte die
Hütten nieder; auch andern Dörfern scheint es nicht viel
besser ergangen zu sein. Als Denunzianten und Wegweiser fungie-
ren ehemalige Mitglieder der revolutionären Linken, die durch
den Verrat wahrscheinlich ihr Leben erkaufen.
So kam es, daß die vielen örtlichen katholischen Priester
es nicht länger ertragen konnten und^ die Bischöfe Guatemalas
^auf" ihr Drängen/einen~*Aui'ru±' erließen, in dem sie sagen: "Wir
können nicht gleichgiltig bleiben, während ganze Bevölkerungen
dezimiert werden und jeder Tag neue Witwen und Waisen bringt.
Opfer geheimnisvoller Kämpfe und Racheakte oder Leute, die in
ihren Häusern von unbekannten Entführern ergriffen werden,
v/erden an unbekannten Orten gefangengehalten oder grausig
ermordet und ihre Leichen kommen später fürchterlich
verstümmelt zum Vorschein. "
392
Die ausführenden Gruppen scheinen eine Dachorganisation
zu haben, das MLN» Movimiento de Liberacion Nacional, und
dessen Führer heißt Mario Sandoval Alarcon. Manche bezeichnen
es als Tatsache, daß eine der größten Kräfte der Vereinigten
Staaten, die CIA, Central Intelligence Agency, dahintersteckt,
und beschuldigen die Gesandtschaft der USA h in Guatemala,
daß Geld und Waffen von ihr staiTunen. Ich bin überzeugt, daß
das Weiße Haus die Weiße Hand nicht kennt und würde eher
glauben, daß es der amerikanische Pluralismus ist, dank dem
die Verantwortlichen llo^^SSäSä&e. wahren. Doch sollte das
von Politik nicht bestochene Weltgewissen schreien, bis auch
sie nicht umhin können, es zu hören.
Die Indianer leben
In der Volksschule hörte ich von einem Lehrer, die
Indianer seinen ausgestorben. Das Leid darüber vertiefte
meinen Glauben an diesen Irrtum derart, daß er den später rrfy
erfahrenen Tatsachen nicht recht weichen wollte. Erst als ich,
Jahrzehnte später, an einem eindrucksvollen Treffen von India-
nern aus ganz Nordamerika teilnahm, schwand das Gefühl des
Unwirklichen nach und nach und ich konnte beginnen, die Wirk-
lichkeit unvoreingenommen zu beobachten.
Obwohl es Analogien gibt, ist ihre gesamte Lage einschli
lieh der psychologischen von der des Negervolkes stark ver-
schieden. Ziemlich wenige leben in Städten, und das sind in
der Hauptsache jene weitgehend Assimilierten, die außer ihren
nicht immer deutlichen Sassenmerkmalen kaum noch Zeichen ihrer
Volkszugehörigkeit bewahrt haben. Das Leben in den Reservatio»
nen mit ihren maßlos schäbigen Hütten, die noch nicht überall
die noch viel schäbigeren, zuweilen aus Häuten und Baumrinde
bestehenden Zelte verdrängt haben, ist so entmutigend, als
sollte es der Legende von der Ausgestorbenheit neue Glaubhaf-
tigkeit einflößen. Ihrer unermeßlichen Ländereien durch über-
legene Waffen, durch Tücke, Grausamkeit, chronischen Vertrags-
bruch und lange Serien von Vernichtungsfeldzügen beraubt,
schlichen sie, nach wie vor in einander z.T. noch feindliche
Stämme getrennt, hungrig, krank und ohne Hoffnung, in das
20. Jahrhundert. Ihre gesamte Lage läßt sich vielleicht durch
die eines Teiles von ihnen ganz kurz charakterisieren. Während
die Sterblichkeit der Kleinkinder für die Gesamtbevölkerung
393
Kanadas 26.3 von tausen beträgt, steht sie heute bei den
Indianern Kanadas 74.87 von tausend. Dr. G. Graham-Cumming
vom Gesundheitsministerium findet den Hauptgrund für diesen
trostlosen Zustand der Säuglinge in der Unterernährung der
schwangern Frauen. Natürlich trifft ein solcher Ernährungs-
zustand für beide Geschlechter und alle Altersstufen zu.
Sie hüten sich vor jeder Provokation der weißen Herren ihrer
Heimat, denn sie halten sie für fähig, das Werk der Vernich-
tung zu vollenden und sehen keine Aussicht auf wirksame Ver-
teidigung gegen ihre allseitige Überlegenheit. Man hat den
Eindruck, daß sie nicht tief atmen und nie lachen. Sie reden
zumeist mit gedämpfter Stimme und es ist schwer, ihr Mißtrauen
zu überwinden. Manche prominenten Vertreter ihrer Stämme
empfinden ihre Aufgabe als allzu schwere Last, ade v/eil sie
nur an die Vergangenheit denken und keinen Ausweg aus dieser
Gegenwart entdecken können. Einer ihrer Führer hat mir anver-
traut, er stehe mit dem Höchsten, den er nicht Gott, sondern
den Großen Geist nennt, in enger Verbindung. Er werde eines Ta-
ges auf Erden erscheinen, die Heimat befreien und Allen Frei-
heit und Frieden bringen. Diese Hoffnungen erinnern an die
auf den Messias und auf Krischna, die ja aus ähnlichen Voraus-
setzungen entstanden sind. Wie die jüdischen Mystiker, stellt
auch er merkwürdige Berechnungen über das Datum der Ankunft
des Erlösers an, und der Tag ist nicht fern, noch innerhalb
dieses Jahrhunderts.
Aus derselben Bitternis suchen die geistig Unentwickelten
einfachere Auswege, und einer ist die Trunksucht, die Übelge-
sinnte ausnützen, um auch den Beraubten etwas vorwerfen zu käu
können. Es ist eine Mischung solcher Gründe, die Initiative
seitens der Indianer selbst nicht recht aufkommen läßt, so
daß sie in den Fragen ihrer nahen Zukunft eine eher passive
Rolle spielen. Doch auch gegenüber den weißen Beherrschern
ihres Kontinents ist ihre Haltung rein negativ. Die Führer der
Indianer Ontarios erklärt enA in aller Offenheit, daß sie keinen
Grund finden, an der kanadischen Jahrhundertfeier teilzunehmen,
denn die vergangenen hundert Jahre haben dem Leben der Indianer
nur unvorstellbaren Verfall gebracht. "Ein einst stolzes und a
arbeitsames Volk hat in einem zu seiner Zahl in keinem Verhält-
nis stehenden Grade Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit, K$M
394
Kurzlebigkeit und Benachteiligung erlitten." "Seine sozialen
Bedingungen würden auf die Phantasie der ?/eißen Bevölkerung
schwindelerregend wirken." Arthur Laing, Minister für
indianische Angelegenheiten, fand diese Anklagen berechtigt^
Scnsfe $ie in den Vereinigten Staaten und in Kanada bearbei-
teten Pläne zur Besserung ihrer Lage sina^vor allem Programme
der Assimilation innerhalb de© städtischen Lebens. Für einen
Teil der Indianer mag das ein Weg sein. Aber man sollte nicht
das Verschwinden von Völkern planen, selbst wenn es in der
sanftesten Weise erfolgen könnte. Die natürliche Kohäsion von
Nationen sollte geachtet und nach Tunlichkeit gefördert werden»
Daher würde ich den vorhandenen Ideen zwei hinzufügen:
a) Regierungen der Länder Amerikas sollten ihnen gute
Territorien zur Verfügung stellen, die nicht den Reservaten g±
gleichen, mit weitgehender Autonomie, und dort sollten sie,
soweit sie es wünschen, ihre Eigenart und Kultur ungestört
entwickeln können.
b) Wie, wenn ich nicht irre, schon einmal beantragt
wurde, sollten in die V3J nicht nur Staaten, sondern auch solche
ethnische Einheiten aufgenommen werden, die keinen Staat be-
sitzen und als nationale Minderheiten leben. Die legale und
permanente Vertretung im Bund der Nationen würde solchen Volks
kern besser als jede andere Hilfe internationale Aufmerksamkeit
und schließlich faire Lösung ihrer Fragen sichern. Diese Mitg±
gliedschaft würde zugleich internationale, liberale und gesunde
Lösungen solcher Probleme ermöglichen, die immer wieder auf
das von den betreffenden Regierungen geltend gemachte Argument
der "inneren Angelegenheit" stoßen und objektive Behandlung
verhindern, sodaß ganze Völker bisher einseitigen Interessen
ausgeliefert geblieben sind. Eine solche Reform der Vfi wäre
eine logische Weiterentwicklung des Petitionsrechtes. Daß ein
Volk durch ein anderes, auch wenn zwischen beiden Konflikte
bestehen, vor dem internationalen Forum vertreten sein soll,
ist ebenso widersinnig wie unmenschlich. Die beantragte Reform
würde manchen Kampf überflüssig machen und könnte, wenn auch
manchen unbequem, ein kostbares Werkzeug der Sicherung des £e±
Friedens werden. Das Wjfeen einer solchen Delegation würde den
Indianern schon rein psychologisch bedeutenden Fortschritt
bringen. Es versteht sich von selbst, daß auch die Weger
Amerikas das Recht auf eine solche Vertretung hätten. So könnte
enarbeit ein Teilchen der auf den Messias
395
gesetzten Hoffnungen erfüllen.
yrTlt» Brasilien wird tin Volle trmordtt)
njüer»cJgrjas Unberührbare
Es ist ein zweifellos positiver Zug des Renschen, daß
der Gedanke an den Tod ihn reinigt, zur Reue und zu Revisionen
geneigter macht und sich oft mit der Bereitschaft zur Gutma-
chung von Verfehlungen verbindet. So sollte die Möglichkeit
des allgemeinen Todes die Menschheit als Ganzes ähnlich stim-
men: sie zur Kritik an sich selbst befähigen, sie Sünden
klarer & sehen lassen und in ihr das Bedürfnis nach Sühne und
Gufcmachung erwecken. Ein solches Erlebnis sollte auch eine
-feibende Kraft der Friedenskonferenz sein, und sowohl in der
zu ihr führenden Vorarbeit als auch in ihr selbst wirkem.
In früheren Generationen hat das menschliche Gewissen die
Abschaffung der Knechtschaft gefordert und ein guter Teil
der Menschheit hat- für die Befreiung der Sklaveft kein Opfer
gescheut. Eine Religion, die Menschenopfer vorschriebe, könnte
nicht mehr als innere Angelegenheit gelten und würde nicht
geduldet werden. Die britische Herrschaft in Indien kann zumin-
dest vier hohe Verdienste für sich in Anspruch nehemen,
nämlich die Sklaverei, die Ermordung neugeborener Mädchen
und die Witwenverbrennung abgeschafft und die Ritualmord sekte
der Thagi liquidiert zu haben. Noch aber gibt es ganz große
und unbestreitbare Verbrechen, die nicht ein Land noch einen
Subkontinent, sondern den ganzen Planeten angehen, Greuel,
deren weitere Duldung eine schwere Schuld der Menschheit und
mit einer Neuordnung auf sittlichen Grundlagen unvereinbar
wäre. Nicht eigentlich das indische Kastensystem, sondern
das Los seiner ärmsten Opfer ist ein solches Greuel, und die
Religion, die das gesamte Übel nicht nur duldet, sondern gebie-
tet, spricht sich selbst ihr Urteil, das wir bestätigen müssen,
ohne uns durch die Altehrwürdigkeit des der Menschheit zu tiefst
Unwürdigen oder durch geistvolle philosophische und mystische
Motivierungen irremachen zu lassen.
Ein Südamerikaner, der in einer aus Abfallblech zusammen-
geflickten Hütte geboren wurde und dem mit hoher Wahrschein-
lichkeit der Tod in derselben Hütte oder im Gefängnis bevor-
steht, hat theoretisch die Chance auf persönlichen Aufstieg
und auf alle Güter dieser Erde einschließlich einer geachteten
gesellschaftlichen Stellung. Jedenfalls gibt es in seinem
3%.
In Brasilien wird ein Volk ermordet
Diese Hiobspost stammt nicht aus einem dem internationalen
&eser unbekannten italienischen Provinzblatt, sondern aus mehreren
•oßen Tageszeitungen beider Hemisphären und wurde von "Time"
Zusammengefaßt. Die Initiative zu diesen furchtbaren Mahnrufen a*
das Weltgewissen ist von französischen Anthropologen ausgegangen,
hauptsächlich wohl von Claude Levi-Strauss. Und diese an sich zur
Genüge glaubwürdigen Stimmen konnten sich auf einen Bericht berufen,
den ein brasilianisches Hegierungsamt selbst in 20 Bänden publiziert
hat.
Wenn einmal alle erreichbaren historischen Tatsachen über die
Verbrechen der weißen Eroberer auf der westlichen Halbkugel gesam-
melt und geordnet vorliegen v/erden, wird sich wahrscheinlich heraus-
stellen, daß es in Brasilien am schlimmsten zugegangen istx und daß
diese Hölle am längsten gedauert hat? denn sie besteht noch heute.
Und es gilt, 75.000 brasilianische Indianer zu retten, die von der
einstigen Millionenbevölkerung dieses gewaltigen Territoriums übrig-
geblieben sind. Es sind zahlenmäßig unauf klärbare einfache Hinrich-
tungen oder solche von anderer Art, verbunden mit primitiver oder
Verstümmelung ,
hochgradig erfinderischer Folter, mit Versklavung, Menschenhandel,
Massenerschießung, Giftmord an ganzen Stämmen und selbst Bombard ea/£/i
ments aus der Luft. Selbstverständlich hat der Sadismus an allem
seinen alten und von Stunde zu Stunde erneuten Anteil, aber das
entscheidende Motiv ist Habgier, denn diese Stämme v/erden von dem
Boden, den sie noch besitzen, zunächst durch Bedrohung und Terror
vertrieben und in Fällen der Unwirksamkeit diese! milden Maßnahmen
werden alle andern Mittel angewendet.
Die Täter sind nicht anonyme oder halb anonyme Truppen^wie im
Süd-Sudan, khs! die Rolle der Regierung und ihres Personals ist nicht
so unerforscht wie dort. Die Ruchlosesten sind vielmehr Beamte des
brasilianischen Indian Protection Service, die sowohl durch Kom-
plizen als auch düCekt arbeiten und überdies die ihnen von amtswegen
zur Verfügung gestellten Gelder für kriminelle Geschäfte anderer
Kategorien ausnützen. In den erwähnten Quellen werden rinn Tic ihe
von ihnen bei Namen genannt. Unter ihnen sind solche, die in den
3K<
5t z ten • ie obersten Leiter dieser Regierungsinstitucion
waren«
Wie lange noch können wir uns stolz auf die Zivilisation
[berufen? Welchen Sinn haben politische und Wirtschaf tsmächte ,
welchen Sinn haben Diplomatien und insbesondere die vielfachen
Möglichkeiten der UNO, wenn sie dein Raubmord an den Resten
eines gemarterten Volkes nicht Einhalt gebieten können?
* *
*
Leider müssen wir schließlich vieler weißen Menschen
Brasiliens gedenken, deren Los heute nicht viel beneidenswerter
ist als das der unablässig gemordeten Indianer, Der Erzbischof
von Recife, Dom Helder Camara, den Rechtsradikale einen Kommu-
nisten nennen, ist I-To.l auf der Liste von Kandidaten für Ermordung
Einzelner. Dessen ist er sich voll bewußt. Doch erklärt er,
daß das Volk Gottes in der Entwicklung und Integration
Latein-Amerikas eine aktive Rolle spielen muß und zögert nicht,
die Wirklichkeit zu definieren: "Sechs Prozent der Herren des 3£
Bodens in diesem Lande besitzen 96% des Landes. Das Durchschnitts-
einkommen in Brasilien ist nur 240 Dollar jährlich. Drei von
zehn Kindern leben kürzer als ein Jahr, und von den Überlebenden I
v/erden nur ganz Wenige alt. Tatsächlich besteht mehr als die
Hälfte der Bevölkerung aus Menschen unter zwanzig."
396
Lande kein Gesetz, das ihn an der Befreiung hindern würde,
Nicht sä in Indien. Die soziale Definition eines Menschen,
die dort weitaus mehr bedeutet als alle Güter, die geistigen
und die materiellen, und sein Geschick ganz und gar "bestimmt,
ist in Indien für ihn und seine Nachkommen für alle Zeiten im
voraus festgelegt.
Wenn man in langatmigen Abhandlungen und Büchern darstellt,
wie kompliziert das Kastensystem sei und daß es nicht einige
Kasten, sondern innerhalb jeder unzählige voneinander in ihren
Zielsetzungen, Gesetzen, Bräuchen und Rangstufen verschiedene
und in sich noch reichlich untergeteilte Gruppen gebe, so mag
das zuweilenjmit dem Wunsche geschehen, davon abzulenken, worauf
es ankommt; oder im Leser Wertschätzung und Sympathie für enor-
me Leistungen der Phantasie und der Spekulation zu erwecken,
für die Leistungen, deren praktischer Zweck es ist, tiefster
Unmenschlichkeit Hechtfertigung, ja Heiligung zu verleihen.
Jene Bücher sind zum Teil von unseren indischen Zeitgenossen
geschrieben und als Apologetik durchaus begreiflich, zum Teil
aber von Abendländern. Diese verteidigen mit all ihrem Wissen
und Können eine von einer mächtigen Religion geweihte Praxis,
gegen die sie daheim Strafgericht und Polizei mobilisieren
würden. Und wenn sie darauf hinweisen, daß auf dem Subkontinent
gegenseitige Hilfe innerhalb vieler Unterkasten den Mangel an
staatlicher sozialer Fürsorge, die noch in den Anfängen steckt ,
zu einem guten Teil ersetze, so hat das wohl für die oberen
Kasten, also für die Nutznießer des ganzen grausamen Systems,
seine Berechtigung, versagt aber für die eigentlichen Opfer
des Kastenwesens, für die Untersten in dem Stufenbau, da
diesen Unglücklichen gegenseitige Hilfe nicht viel nützt.
Auch für die Andern scheint, wie das immerhin besser gestellte
Abendland zeigt, die Entwicklung vernünftiger Wohlf ahrtsein-
richtungen mehr Erfolg zu versprechen. Die erwähnten Autoren x
möchten darlegen, daß die Mauern des sozialen Gefängnisses,
in dem die Gruppen und die Individuen geboren werden und ster-
ben, nicht so ganz lückenlos seien und belegen diese Behauptung
mit drei Sinnlosigkeiten:
a) In alten Zeiten hätten Könige und Fürsten einzelne
Untertanen durch Versetzung in eine höhere Kaste belohnen oder
durch Degradierung in eine niedrigere bestrafen können.
b) Gruppen hätten als Ganzes eine Chance, auf der Stufen-
leiter höherzurücken.
397
c) Nach seinem Tode, in einem nächsten Leben, werde der
Mensch, seinem Tun, und vor allem seiner Treue zu seiner Kaste
gemäß, in einer höheren oder in einer niedrigeren Kaste geborea«
Die erste Angabe trifft m.W. nur für für jene frühgeschich
lic*en Epochen zu, in denen es nach einer der Hymnen im Rig-Veda
erst vier Kasten gegeben haben soll, die Militärkaste,
Ks^hatriya; die als Brahmanen bekannte Priesterkaste, die
später den ersten Rang erlangte; die Händler und Bauern,
Vaishya; und die Unteren, Shudra. Aus der späteren Geschichte
sind mir Fälle individueller Transferierung in eine andere
Kaste nicht bekannt 91). Aber ist es überhaupt mit elementarer
91) Sollte ein Leser dennoch einen solchen Fall kennen,
wäre ich für Mitteilung dankbar.
Logik vereinbar, in einem Riesenvolke, das die Inder trotz der
entsprechenden proportionalen Verkleinerung schon im Altertum
gewesen sein müssen, glückliche Einzelne als Beweis gegen
die Tatsache einer allumfassenden Macht von beispiellosem
Beharrungsvermögen anzuführen?
Die zweite Begauptung hat etwas für sich. Gruppen, die in ü
Nachahmung von Gesetzen und Bräuchen höherer Gruppen ihre Äste»-
Lebensführung, vor allem die Praxis ihrer rituellen Reinhaltung,
revidieren und auch die Speisegesetze der Höheren annehmen,
haben tatsächlich eine solche Aussicht, aber erst nach Genera-
tionen, sodaß schon darum bezweifelt werden muß, ob die ganze
schwierige und opferreiche Umstellung lohnt; zumal der Endeffekt
für äE die Nachkommen nur eine minimale Zunahme an Achtung
seitens Anderer ist, bzhw. minimale Abnahme der Verachtung.
Besonders schwer ist allerdings zu verstehen, wie westli-
che Gelehrte ernstgenommen werden wollen, wenn sie sich, u.zw.
in ihrer dritten Behauptung, plötzlich als orthodoxe Hindus
herausstellen, indem sie die Seelenwanderung zum Axiom macfen,
um damit etwas zu beweisen. Es ist nicht mehr und nicht weniger
als die Lehre vom Karma(S. ), die im Hinduismus leider mit
einer so schlechten Sache wie Entwertung, Entwürdigung, Ächtung
und Entrechtung verquickt ist. Diese mystische Lehre wird also
dazu mißbraucht, und ist vielleicht dazu erdacht, den Menschen
in einem Leben grausiger Erniedrigung durch Vorspiegelung von
Lohn und Strafe nach dem Tode ganz tief unter das KlassengesetzS
zu beugen und auch in seinem Gefühlsleben einen Widerstand
nicht erst aufkommen zu lassen. Dem Karma zufolge muß er sein
398
furchtbares Los durch Sünden in früheren Lebensläufen
verdient haben« Er wird also zeitlebens vom Gefühl einer Schuld]
gefressen, die er büßen zu müssen glaubt, und zugleich zwischai
Furcht und Hoffnung gekettet, da durch das Maß seines Gehor-
sams und seine Hingabe an das Gebot der Kaste seine Wieder-
geburt und deren Polgen bestimmt werden. Die religiöse Weihe
erstreckt sich auch auf die angeborene Zugehörigkeit zu einer
"Verbrecherkaste. In diesem Falle ist aufopfernde Treue nicht
minder verdienstlich, Abtrünnigkeit nicht minder sündhaft.
Die Autorität des Karma-Prinzips ist absolut, gerade weil es
eine automatisch erfolgende Selbstvergeltung des Tuns ist,
nicht, wie ein indischer Gelehrter zu interpretieren bemüht
ist, eine von einem Gott geregelte, der in diesem Falle doch
nur relative Autorität zustünde« Das Kastensystem gleicht in
seiner Unentrinnbarkeit wirklich der "Vorstellung vom Karma,
das, tiefer versiavend als jeder weiter westlich blühende
Fatalismus, dem Menschen schon im Mutterleib, und noch ehe
er gezeugt wird, sein Leben vorzeichnet. Das Kastensystem hat
mit dem Karma die Zwangsläufigkeit gemeinsam. Es ist wie
dieses von Denkern des Klassenegoismus ersonnen und als Ele-
ment der Weltordnung geheiligt. Wie das Karma, begleitet es
den Armen durch die Zeiten und wird ihn nicht loslassen,
solange nicht die erwachende Menschheit ihn dem von Menschen
erzeugten Verhängnis entreißt.
Da es aber im menschlichen Leben nichts Absolutes gibt,
können wir jenen drei infantilen Versuchen, Grenzen der Kasten-
herrschaft ausfindig zu machen, eine einzige Tatsache anfügen,
die allerdings mathematisch nahezu substanzlos ist und uns
deshalb nicht zu trösten vermag. Wenn einer so viel Charakter-
stärke aufbringt, um auf alle irdischen Güter, auch auf seine
bescheidene Ernährung, sein Obdach und seine Familie zu ver-
zichten, reißende Tiere nicht fürchtet und sich in irgend
einer Eirörä« Einöde von Wurzeln und wilden Kräutern nähren
will, hat er eine Chance, sich den Ketten der Kaste zu ent-
winden. Auf jede Million ihrer lebenslänglichen Untertanen
kann aber schwerlich mehr als ein Einsiedler entfallen. Wie
es schon vorgekommen sein soll, daß gefesselte Delinquenten
entkommen sind, aber dadurch für ihre Kategorie nur die Regel
der Aussichtslosigkeit bestätigen, zählt auch der Anachoret als
Ausnahme nicht tatsächlich mit. Daher können ihn seine Lands-
399
leute, ohne damit dem Klassenegoismus zuwiderzuhandeln, als
heilig verehren und ihn wegen der verbesserten Aussichten für
sein künftiges Leben glücklich, preisen.
Wie gesagt, nicht das Kastenwesen als solches ist das
Unheil, das die ganze Menschheit angeht, sondern das Los ihrer
beklagenswertesten Opfer, denen zu menschenwürdigem Dasein zu
verhelfen wir Alle verpflichtet sind, sei es durch die Frie-
de nkonferenz , sei es außerhalb ihrer, durch umfassende Aktionen
unserer Gene rat io^feken auf Indien und in Indien.
Wir sprechen hier von der Hindu-Gesellschaft. Einzelne
Stämme, die ihr nie angehört haben und sich ihr gewisser Vor-
teile wegen anschließen, werfen sich dadurch selbst dem Unge-
heuer des Kastensystems zum Fräße hin, indem sie sofort in die
untersten Schichten stürzen.
Lassen wir uns von der Furchtbarkeit und Dringlichkeit
der Tatsachen du£h nichts ablenken, am allerwenigsten durch
historische und protohistorische Fragen nach dem Ursprung der
Ächtung, denn solche Forschungen und Erörterungen haben bisher
eine Lösung nicht nähergebracht und werden auch weiterhin
praktische bedeutungslos bleiben. In Indien leben auch nomadi-
sche und halbnomadische Stämme, die nicht Hindus sind, oft in
Waldregionen hausen und z.T. als Verbrecher verschrien sind.
Da es weder individuell noch kollektiv ein ursprüngliches und
freiwilliges Verbrechertum gibt, liegt die Vermutung einer
wenn auch weit zurückreichenden Mitschuld der Anklagenden nahe.
Zwischen dieser Kategorie und den dem Hinduismus angehörigen,
aber von ihm derart mißhandelten Kasten besteht nur eine Ana-
logie des Schicksals. Jene verhaßten Stämme werden auf 20 Mil-
lionen geschätzt, die als unberührbar bezeichneten Hindu-
Kasten auf 40 Millionen. Merkwürdig parallel der Situation der
lieger in den Vereinigten Staaten, wird auch das Los dieser
Kastendüäfi schlimmer, je weiter man nach dem Süden des Sub-
kontinents kommt. Es handelt sich da nicht nur um eine £E±±g±m
religiös auf das strengste festgesetzte Verabscheuung direkten
und indirekten Berührens und Absonderung von dörflichen und
städtischen Wohnbezirken, um strikte Verbote der Benützung sä
aller den Andern gehörigen Brunnen und vieler ihrer Straßen und
Wegefund um Ausschluß von Schulen und Tempeln. Die behauptete H
Unreinheit überträgt sich auch über bestimmte, ebenfalls reli-
gionsgesetzlich geregelte Entfernungen, die mit dem Rang des
400
als rein und dem des als unrein Geltenden zu- und abnehmen.
Dieser hat jenen "bei etwaiger Annäherung auch vor der Gefahr
für seine Reinheit akustisch zu warnen. Der Ausschluß von den
Schulen bedeutet zumindest theoretisch das Vorenthalten jeder
Bildung. Dieser monopolisierte Anspruch der privilegierten Kias-
Klassen nimmt noch einen besonders sadistischen Akzent an, als
würden geistige oder religiöse Uferte dadurch entweiht werden,
daß die Elenden durch etwaiges Studium sich mit ihnen befassen.
Wenn einer von ihnen eine Stelle aus den heiligen Schriften
auswendig lernt, wird das als Verbrechen geahndet.
Der durchschnittliche Hindu ist weder gewillt noch
fähig, sich in die Lage eines solchen Menschen zu versetzen.
Aber wir Außenstehenden können wenigstens versuchen, uns das
Gefühlsleben eines Renschen vorzustellen, der von der Geburt Tb.
bis zum Tode in solcher Weise gelehrt wird, er sei unrein,
drastisch und unabwaschbar unrein. Auf diesem Hintergrund gese-
hen, wird das Leben eines Dr. Bhimrao Ramji Ambedkar, der
höchste indische und abendländische Bildung erwarb, durch poli-
tische und finanzwissenschaftliche Publikationen und durch
eigene Zeitungen die Achtung seiner aufgeklärten Landsleute er-
zwang und wohl der hingebungsvollste Führer seiner unberührbaa?
ren Brüder wurde, zu einem Heldenepos ohne gleichen.
1949 hatte der Kongreß Indiens endlich die historische Sac
Tat vollbracht, die Institution der Unberührbarkeit für illegal
zu erklären. Pakistan tat in seiner Konstitution dasselbe.
Von den ehrenvollen Beschlüssen bis zur Realität des Lebens
ist allerdings noch ein Stück Weges zurückzulegen, gewiß noch
viel längera±s alsj&ie Strecke von der legislativen bis zur
faktischen Desegration in Amerika. Von der Vergeblichkeit des
fortgesetzten Kampfes zermürbt, ging Ambedkar 1959 kurz vor
seinem Tode mit 200.000 seiner Anhänger zum Buddhismus über.
Das mag ihnen subjektiv geholfen haben, objektiv aber nicht ms
mehr als vielen ihrer Leidensgenossen die Flucht in das snflffgy
Christentum und in den Islam, da selbst Religionwechsel das
Benehmen der flajorität gegenüber den Untersten nicht merklich
ändert. Praktische Besserungen sind kaum zu entdecken, im
§e genteil, in den letzten X Jahren ist sogar eine bisher noch
unbekannte Abscheulichkeit an die Öffentlichkeit gelangt.
Nach einem von H.N.C. Stevenson zitierten Bericht einer
indischen Zeitung gibt es in dem im äußersten Süden gelegenen
Tirunelveli eine Unterkaste, die Purada-Vanan, die ein Hindu
401
nicht einmal sehen darf, weil er schon durch den bloßen
Anblick unrein wird. So müssen sie bei Tage unsichtbar bleiben
und dürfen ihre Arbeit nur nachts tun. Diese soll im Waschen x
von Kleidern der andern Unberührbaren bestehen. Es fragt sich
u.a., warum in jener Gegend die etwas weniger Geächteten ihre
Kleider nicht selber waschen; vielleicht zahlen sie den Un-
sichtbaren dafür so wenig, daß es ihnen lohnt. Doch ist es
nicht so sicher wie angenommen wird, daß es eben ihre Beschäf-
tigung sei, die sie in efen solchen sozialen Abgrund gestoßen
hat. Mag sein, daß ihre Arbeit nicht die Ursache, sondern die
Wirkung war, indem diese Gruppe aus andern, vielleicht spezi-
fisch rituellen Gründen, oder infolge eines politischen Antago-
nismus, schon vorher derart hinabgedrückt gewesen sein kann,
daß ihr nur dieser Erwerb übrig blieb.
In meiner Jugend konnte ich, zusammen mit einer Europä-
erin und einem indischen Freunde, eine köstliche Stunde mit
dem greisen Rabindranath Tagore verbringen. Er ging mit väter-
licher Wärme auf jede prage und jeden Einwand ein, solange von
allgemeinen und abstrakten Themen die Hede war. Als ich aber
an die Unberührbarkeit rührte, antwortete er mir, noch freund-
lich, doch weniger warm, etwa im folgenden Sinne: Junger Mann,
es gibt doch Dinge, die Sie nicht verstehen können und die wir
lieber unerörtert lassen. Diese Haltung eines so freien, so
lichten und so liebreichen Geistes konnte ich nie vergessen.
Überdies mußte ich mir schon damals vergegenwärtigen, daß ja
die großen Entscheidungen nicht nur von den Geistigen, son-
dern wohl nicht minder von der Masse abhängen, und fühlte nun
eine erstickende Aussichtslosigkeit. m&Wi Gandhi, dem ich
leider nie persönlich begegnete, erlebte, lehrte und handelte
anders. Für ihn war das Unberührbarkeitsdogma keineswegs unbe-
rührbar. Dieser Unvergleichliche, der einmal seine Juristerei
an den Nagel gehängt hatte? und Staßenkehrer geworden war,
stieg ganz in die Tiefe der sozialen und menschlichen Not
hinab, wie Faust zu den Müttern. Doch stellte er die Einheit
der Nation über alles. Als nach einer Erklärung Ambedkars vor
einer britischen Kommission den Unberührbaren, die Gandhi
"Eaj^^L92) ^mt&9 eisene Wahllisten zugebilligt wurden,
32) Die übliche Ubersetzung "Gotteskinder" ist insofern
richtig, als die dritte Silbe, dem lateinischen genus,
eigrifi-pft . und dessen europäischen Derivaten stammverwandt,
402
Nachkommenschaft bedeutet. Doch Hari ist einer der Namen
des Gottes Vishnu. Hari ,i an ist im Begriffe, sich in
Indien als höflicherer Sammelname oder doch Euphemismus
statt der bisherigen Namen für alle unbe rührbaren Kasten
einzubürgern, während man die Bezeichnung Untouchables
trotz der fortgesetzten Praxis lieber vermeidet. Vielleicht
kann die in der Umgehung des Wortes zum Ausdruck kommende
Verschämtheit als gutes Omen für die künftige Entwicklung
gedeutet werden.
Z/Ix.
drohte Gandhi bis zum Tode fasten zu wollen» wodurch er einen
Kompromiß erzwang. Doch weder die Beiden noch Wahlen und alle
Errungenschaften im neuen Indien haben der Tragödie ein Ende
gesetzt. Die Apologeten machen sich in ihren Schilderungen
der Regierungshilfe für die Haridschan unverantwortlicher
Übertreibung schuldig, indem sie von ohnedies völlig unzuläng-
lichen Programmen so sprechen, als wären sie bereits durch-
geführt und die grauenhafte Unmenschlichkeit so darstellen,
als ob sie der Vergangenheit angehörte. Sie besteht fort und z
ruft die Menschheit zu einer Lösung auf, die nicht nur den
40 Millionen Unbe rührbaren, sondern auch den 20 Millionen jener
verfemten Stämme Erlösung aus ihrer untermenschlichen Lage
bringen würde.
Prüfen wir nochmals die Möglichkeiten für die nahe Zukunft
wie die Aussichten des Religionswechsels. Es ist ja nicht er-
mutigend, daß jene 20 Millionen sowieso nicht Hindus sind,
sondern Anhänger einer ziemlich primitiven Naturreligion, oder
mehrerer Kulte dieser Ar t . ZHg±s±Bta Trotz den äußerst schwachen
Ergebnissen der Eintritte in die Gemeinschaften der kastenlosen
Religionen wäre ein wirklicher sozialer Erfolg immerhin denkbar
doch nur unter der Voraussetzung, daß diese Religionsgemeinesda
Schäften in einigermaßen geschlossenen Territorien gesellschaft-
liche Majoritäten aufbauen könnten oder wenn auch nur eine von
ihnen das zustande brächte. Eine Renaissance des in seinem
Heimatlande bis zur Bedeutungslosigkeit verfallenen Buddhismus
oder ein innerer Umbau des ihm in manchen Beziehungen geistes-
verwandten Jainismus wäre theoretisch aussichtvoll, wenn diese
Kirchen einen solchen Aufstieg erhoffen könnten, wofür aber
gegenwärtig kein Anzeichen zu entdecken ist. Auch die seit den
Eroberungen der Moghulen zum Islam bekehrten Minoritäten im
eigentlichen Indien haben nicht v/enig vom alten Kastengeist
bewahrt, sodaß wip eine mohammedanische Lösung unserer Frage
nicht erwarten können. Hingegen scheinen dem Christentum
gewisse Möglichkeiten offenzustehen; u.zw. weniger dem Prote-
4-03
stantismus, der in seiner rationalistischen Haupttendenz
der Mentalität der meisten Inder weniger entspricht, als
dem Katholizismus, dessen Mystizismus, soweit er nicht durch
Modernisierung verblaßt ist, indischem Geiste affin erscheint.
Vom Standpunkt der beklagenswertesten Bewohner Indiens war es
also bedauerlich, daß ein kurzer Besuch Papst Paul VI. bisher
keine sichtbaren Früchte trug. Das aber könnte auch im besten
Falle nur ein langer Prozeß der Einwurzelung des Christentums
in Indien bewirken, und es ist allzu schwer, von den Unberühr-
baren noch weitere und unabsehbar lange Geduld zu verlangen.
So scheinen sie nur die eine nahe Aussicht zu haben,
die der Kommunismus ihnen bietet. Sehen wir davon ab, daß
innerhalb dieser Kasten ein massenhafter Hang zum Kommunismus
vorderhand nicht aufgekommen zu sein scheint. Zögernde oder
ablehnende Haltung wird auf Propaganda, oder noc Einfacher, sh
auf Mangel sssMsEgB± an Bekanntschaft mit politischen Ideen Sk
überhaupt zurückzuführen sein. Lassen wir auch die Frage der iE
Neigung dahingestellt und betrachten wir nur das Problem des
objektiven Wertes einer kommunistischen Lösung. Es unterliegt
keinem Zweifel, da^ auch ein kommunistisches Indien das alte
Ungeheuer nicht über Nacht aus der Welt schaffen könnte; aber
keine Kraft könnte das rascher und radikaler vollbringen.
Wenn wir an diese heikle Frage also nicht parteiisch herangehen,
wie es in Ost und West üblich ist, sondern von dem grundver«E&E
schiedenen Standpunkt praktischer Menschlichkeit, ist Indien s
wohl das erste jener Länder, für die der Kommunismus eine ange-
messene Lösung bildet. Denn nicht ein abstrakt verallgemeinern-
der und wahlloser Entschluß über Kapitalismus oder Kommunismus
kann ein Ziel praktischer Menschlichkeit sein, sondern adSquate
und sinngemäße Anwendung, die jedem Lande und Volke geben soll,
was es braucht. So fremd der Kommunismus dem satten Westen ist
und so stark der Widerstand wäre, auf den er dort bei den weit-
aus Meisten stoßen würde, so sehr braucht ihn Indien zur Lösung
seiner spezifischen Fragen. In naher Zukunft könnte es im
Prinzip sowohl der russische als auch der chinesische Kommunis-
mus sein, denn für die praktische Menschlichkeit wäre selbst ±
dieser heute eine Welt erregende Unterschied eine so zweitrangi
ge Frage wie eine Entscheidung Indiens zwischen Katholizismus
und Protestantismus. Es ist eine jener Fragen, die irgendwann
gelöst v/erden müssen, ohne aber in Zuständen der dringenden
404
Hilfsbedürftigkeit im Vordergrund Platz zu finden. Im gegen-
wärtigen Wettbewerb zwischen den Kommunismen der Sowjetunion
und China spricht natürlich das in den Grenzgebieten vergos-
sene und noch allzu frische Blut mit. So neigt sich die Waage
zu Gunsten der Sowjetunion, Wie immer dem sei, kann unter der
bescheidenen Voraussetzung, daß menschliche Intelligenz immer
noch höher zu schätzen ist als die der Bomben, der neuen und
der alten, die Behauptung gewagt werden, daß die Übergabe von
Territorien an eine kommunistische Verwaltung sich auf Grund
eines internationalen Übereinkommens friedlich vollziehen
kann. Es braucht sich durchaus nicht um ganz Indien zu handeln,
sondern nur um bestimmte Bezirke, innerhalb deren kommunistieE
sehe Gesellschaften aufgebaut werden könnten. Aussichtsvolle
Ansätze zu einer solchen Entwicklung existieren bereits 93)«
93)Die Majorität des indischen Staates Kerala, der den
Westen der Südspitze einnimmt, mit der Hauptstadt
Trivandrum, etwa 17 Millionen Einwohnern und dem im
Vergleich mit ganz Indien geringsten Prozentsatz an
Analphabeten, hat zum zweiten Mal kommunistisch gewählt,
ohne daß die prozedurale Korrektheit beider Wahlen
angefochten werden konnte. Der im äußersten Osten Indiens
am Gangesdelta liegende Staat West-Bengalen, mit 35 Mil-
lionen Einwohnern und der Hauptstadt Kalkutta, hat seit
den neuesten Wahlen gleichfalls eine kommunistische
Majorität. Die Erbitterung über die extrem Reichen, die
den Kampf gegen den Hunger der Auslandshilfe überlassen,
mag dazu nicht wenig beigetragen haben.
Eine reifende komuiunistische Bewegung in Indien würde vielisxsfa:
leicht Unabhängigkeit sowohl von Peking als auch von Moskau
erlangen und einen eigenen Typus von Ideologie und Verwaltung
entwickeln, der indische Tradition organisch einbeziehen
würde, doch ohnedem Egoismus der oberen Klassen entstammen-
den Übel. Unter solchen Umständen würden die Geächteten von
gestern und heute bald zur Entfaltung ungeahnter konstruktiver
Fähigkeiten gelangen, als geachtete und beliebte Mitglieder
gE&4Ug&^ffigii«iH|« unserer Familie, der
Menschheit.
Erwägungen über eine so radikale und doch friedliche
fe§Ä§ mögen ^gj^Qck utopisch klingen, weil unsere uncoro
auf die Ideale des Krieges und der Heldenverehrung gegründete
Erziehung nachhaltige Folgen hinterlassen hat. Wer sich auch h
nur in dem Maße befreit hat, daß er sich außer Massenmord
noch andere Lösungen der zwischen Menschengruppen bestehenden
Fragen vorstellen kannx und eine umfassende Friedenskonferenz
405
ohne Krieg nicht lächerlich noch sinnlos findet, wird im
Vertrauen auf menschliche Einsicht und menschlichen Lebens-
willen auch diese Frage nicht länger unberührbar finden und
an ihrer Untersuchung unvoreingenommen teilnehmen.
Innerhalb einer organisch-territorial geteilten Gesell-
schaft könnte sich dann auf iSST indischen Subkontinent eben
das vollziehen, was äEKxgK&x einer vernünftig geteilten
Gesellschaft auch anderer Kontinente Krieg und Vernichtung
ersparen und das Heil schöpferischer Entwicklung bringen
würde: ungestörte Nachbarschaft, Leben nicht mit einander,
aber bei einander, und Umwandlung der feindlichen Energien
in friedlichen Wettbewerb.
* Die arabischen Staaten und die Existenz Israels
Besser wenig durch Recht
Als reicher Ertrag gesetzlos.
Proverbia 16,8
Besser ist ein Langmütiger als ein Held,
Besser wer sich beherrscht als der Eroberer
einer Stadt.
Ebenda, 16,32
Obzwar niemand Schweden in schwedischen Fragen für
inkompetent hält oder Griechen Urteilsfähigkeit in griechischen
Belangen abspricht, mit der Begründung, sie seien befangen,
hätte ich diesen Abschnitt lieber ungeschrieben gelassen,
wenn er nicht unumgänglich notwendig geworden wäre. So muß ich
meinen Willen zur Objektivität noch auf diese harte Probe
stellen»
Nicht Tatsachen als solche bilden den Inhalt dieser
Schrift, zumal unmittelbarer! Zeitgenossen alle Informations-
quellen offenstehen; und wenn es Spätere geben wird, werden
sie über die uns geläufigen Ereignisse nach Belieben nachlesen
können. Hier soll die Kenntnis der Geschehnisse daher eher
vorausgesetzt sein und nur durch knappe Hinweise sollen sie
erwähnt werden, während ihre Analyse und ihr Einbau in eine
Betrachtung der Zeit die Aufgabe bilden. Es sei vorweggenommen,
daß die folgenden, auch in dieser Frage nur vom eigenen Gewis-
sen bestimmten und in menschheitlichem Interesse unternommenen
Erörterungen und deren Ergebnisse keinem der Beteiligten unge-
trübte Freude bringen werden, nicht Ägypten mit den verbündeten
Das Martyrium der Zigeuner
Keiner hat "bisher errechnet, wieviel gestorbene Völker
erkennbare Spuren ihrer einstigen Existenz hinterlassen haben;
und völlig vage wird unsere Vorstellung, wenn wir uns zu ver-
gegenwärtigen versuchen, wieviele Völker späterem Gedächtnis
gänzlich entschwunden sein mögen« Doch gibt es heute auch
ethnische Gruppen, von denen man den erschütternden Eindruck
hat, daß sie untergegangenen Welten angehören und nur dank uner-
r
f oschlichen Umständen oder vermöge unerklärlicher innerer Kräfte
noch fortleben. Ein solches Volk sind die Zigeuner, heimatlos,
seit Jahrhunderten oder gar -Jahrtausenden immerzu wandernd,
ohne Unterlaß gehaßt und schonungslos verfolgt, mit oder ohne
Beschuldigungen, Als in Auschwitz und andern Todeslagern ihr
heroischer Widerstand von den deutschen Waffen gebrochen war
und die meisten bis zur Wehrlosigkeit verwundet und verblutend
mit ihren Frauen und Kindern in die Gaskammern ge zerrt und gesto-
ßen wurden, in dieselben, in denen Millionen Juden den Märtyrertod
erlitten, war das nur der Höhepunkt der Leidensgeschichte unzäh-
liger Generationen von Zigeunern, Ob zwar fast überall noch viele
leben und es auch einige Literatur über sie gibt, sind sie doch
das geheimnisvollste aller lebenden Völker, Gewiß war es eben
dieses Geheimnis ihres Wesens und Daseins, das zugleich mit Ver-
leumdung und widerspruchsvollen Anglagen die Schrecken der nie
endenden Verfolgung noch vertiefte. Und diese ist noch nicht
vorüber. Selbst in den fortschrittlichsten Ländern sind sie von
sadistischen Gesetzen niedergehalten und zu Übeltätern oder
Verbrechern gestempelt.
Die bisherigen Bemühungen um Aufklärung ihres Ursprungs
und ihrer Frühgeschichte sollten nicht aufgegeben werden. Mehre-
re Umstände, auch sprachwissenschaf tlichey Belege, die oft deutlich
auf Sanskrit-Stämme hinweisen, sprechen immer noch für die Herkunft
dieses Volkes aus Indien, und zu dem bekannten Material ließe sich
neues hinzufügen. Es ist unwahrscheinlich, daß sie von den dravid.i-
schen Ureinwohnern Indiens abstammen, die vom arischen Eroberervolk
teils in die untersten Schichten seines Kastensystems hinabgedrückt,
teils in den äußersten Süden gedrängt wurden« Aber zu jenen dem
Hinduismus nicht angehörenden Stämmen im heutigen Indien, die
jedoch durch ihre Abstammung Verwandte der indischen Majorität
sind* (3. ), führen unverkennbare Spuren. Beide Gruppen weisen
Hasse nmerkmale von seltener Reinheit auf und haben matriarchali-
sche Traditionen gemeinsam«
Doch so erwünscht weitere Forschungen auch wären, dringend
sind sie keineswegs. Es ist das rechtlose Leben dieser Menschen,
das zur unaufschiebbaren Forderung wird, zu einer der elementaren
Aufgaben für unsere Friedenskonferenz ohne Krieg. Noch vor der irm^r
- , sollte
umlassenden Aköion für unser Aller Fortbestand -js&aa&e aber kom-
petente Prüfung des Zigeunerproblems beginnen, das ein Problem
unserer würde ist. Rechtlose Menschen und rechtlose ethnische
gruppen darf es nicht länger geben. Die schlimmsten der zigeunerest
feindlichen Gesetze, die keine interne Angelegenheit, sondern
eine intenationale Schmach sind, müssen unverzüglich in die
?ag es Ordnung der Vereinigten Nationen aufgenommen werden.
Staaten, noch Israel, und weder ebsts kommunistischen Lager noch
&±e Westmächt ea»
Im Lehen der Individuen rühren zahllose Tragödien und
Katastrophen von Mißverständnissen her 94). Leider trifft das
94) Darauf beruht ein guter Teil der gesamten dramatischen
Literatur; eines meiner Dramen ist ganz diesem Thema
gewidmet,
auch für die Biographien der Völker und für die Chronik ihrer
Beziehungen zu. Solchen Mißverständnissen ist eine schier
unglaubliche Zähigkeit eigen. Über die alten Irrtümer, von
denen sie stammen, wachsen sie als wirkende historische Faktoa?
ren hinaus, sodaß ihre Herkunft in Vergessenheit gerät. Die
ItsFortbildung des Mißverständnisses vollzieht sich in einem
Zustand der Amnäsie, die oft genug durch Feierziehung und
propagandistische Irreführung systematisch prolongiert und
hoffnungslos abgedichtet wird. Vermöge eigenen Erkennens
oder hoher Bildung können Einzelne sich dieser wie jeder andern
Verblendung entwinden, aber auf die Massen gewinnen solche
Personen selten Einfluß; das geschieht nur in Zeiten besonde-
rer Konjunkturen, die den Durchschnittsmenschen vorübergehend
zugänglicher machen. Doch pflegen solche Aufhellungen allzu
ephemer und oft von noch tieferem Dunkel gefolgt zu sein.
Im 20. Jahrhundert sind die Beziehungen zwischen der
arabischen Nation und der jüdischen Nation zu eitenem traurigen
Schulbeispiel beiderseitiger Verständnislosigkeit geworden.
Jenem jüdischen Einwanderer aus Europa, der es in Israel nur
zu einem kleinen Laden gebracht hat, sind durch Reflexe der
hebräischen Literatur oder zumindest durch das Medium der
Liturgie antike Erinnerungen genug gegenwärtig, daß er das
Land mit dem Boden seiner Ahnen auch ohne moderne Propaganda
identifiziert. Auch wenn die untermenschlichen Lebensbedingung
gen der Nazizeit ihn zum Ignoranten und geistig obdachlosen
Flüchtling gemacht haben, hat er das Gefühl einer Verbundenheit
mit historischen Werten nicht ganz verloren. Aber vom Nachbarv
volk hat er eine nicht nur vage, sondern völlig verdrehte Vor-
stellung, an der Propaganda in seinem Lebensbereich nicht un-
schuldig ist. Er sieht nur wilde, raubgierige, verbrecherisch
gesinnte Halbmenschen und empfindet die rassenmäßige Verwandt-
schaft mit ihnen als Makel. Er deutet ihre Existenz als barbari-
sches Eindringen in das Land seiner Väter und trachtet danach,
407
sein Land von diesen Fremden zu befreien, Wohl lernen seine
Kinder in der hebräischen Schule, daß diese Wilden einmal
stolze Königreiche einnahmen, viele Bücher schrieben und von
Weisen belehrt wurden; aber mit den handgreiflichen Erfahrun-
gen kann er sich das nicht zusammenreimen.
Auf der andern Seite steht es mit dem Verständnis keines-
falls besser. Der arabische -^auer ist auf seiner Scholle gebo-
ren und hat sie weder je verlassen noch je einen solchen Wunsch
gehabt. Auch seine Großeltern und deren Großeltern haben da
gelebt und nie ist ihm in den Sinn gekommen, daß es nicht
seit der Erschaffung der Welt so war. Erst unlängst tauchten
fremdartige Leute auf, die aus Europa sein sollen, aber sie
entfernen sich nicht wieder wie andere Fremde, Und dann behaup-
ten sie noch, es sei ihr Land, sie seien schon viel früher
da gewesen. Sie wollen auch alles kaufen und rauben, so muß
man sie eben vertreiben. Unblutig wollen sie nicht hinaus,
darum muß man so viele von ihnen niedermachen, bis sie Alle
verstehen, daß sie im Lande nichts zu suchen haben. Eines
Tages aber lassen sie sich nicht mehr, schwingen sich zu
Herren auf, man muß sie bekriegen, und der Krieg ist
natürlich heilig.
Gewiß, wer die Tragödien der Gegenwart gewollt hat
oder sie für notwendig hielt, war an anständiger Aufklärung zx
über die andere Seite nicht interessiert. Das Fischen im Trüben
versprach bessere Erträge. Nach drei Kriegen ist das System
wohl bakrott genug, aber man setzt es fort, und das paßt auch
weitaus Mächtigeren.
Denn genau so wie der arme Bauer, der sein Analphabetentum
erst in dieser Generation abzustreifen beginnt, haben arabische
Intellektuelle vor den VH gesprochen: Die zionistischen Horden
haben in Palästina keinerlei Rechte, sie sind Eindringlinge
aus Europa, die nie im arabischen Palästina waren und wieder x
v/eg müssen, und man wolle sie nicht kennen und finde keinen
Grund, mit ihnen zu verhandeln. Auch nach diesem Krieg brauche
man mit ihnen nicht Frieden zu schließen. Sie haben alles nur
geraubt. Sie haben es zurückzugeben und irgendwohin zu ver-
schwinden. Jedenfalls haben sie sich von ihren neuesten
militärischen Besitzergreifungen zurückzuziehen.
Gewiß, es ist ein lichtvoller Gedanke, daß der Eroberer *
408
das Eroberte zurückgeben soll und die Früchte eines Sieges
nicht genießen darf .Wenn dieses sittliche und zugleich den
realen Notwendigkeiten gemäße Prinzip sich durchsetzte, auch
von den Großmächten klar und verpflichtend adoptiert würde
und Gemeingut wäre, wären wir schon auf halbem w©ge^zu men-
schenwürdigem Zusammenleben. Der Krieg würde danF*herrlichen
Prinzip einen Großteil seiner Anziehungskraft verlieren,
würde nicht mehr lohnen. Es ist doch unwahrscheinlich, daß
jemand noch ein Verbrechen beginge, das keinen Ertrag mehr
verspräche. Im gegebenen Falle ist nur gegn die Methode der
Anwendung, der recht unv/ählerisch mit ethisch unhaltbaren
Mitteln und mit höchster Vehemenz versuchten Anwendung des
Prinzips etwas zu sagen« Man mußt? schon in einer emotionalen^
Verfassung sein wie die arabischen Politiker nach dem
Zusammenbruch ihrer jahrelang entwickelten Kriegspläne,
oder in einer durch eine unerwartete Lage geschaffenen
Bedrängnis wie die russischen Führer, um einen aller Welt
bekannten Sachverhalt so darzustellen wie sie es tun und eine
solche Darstellung zur Grundlage ihrer diplomatischen Offensive
zu machen. Wird Israel dadurch zum Angreifer, daß man diese M
Beschuldigung durch tausenr'ache Wiederholung allen Gehirnen
einzuhämmern sucht, bis man es womöglich selber glaubt?
Wenn einer von Bewaffneten umzingelt ist und diese ihre ff
Waffen gegen ihn erheben, kann er sich nur verloren geben oder
sich durch sofortigen Gegenangriff verteidigen. Selbst wenn auch
er bewaffnet ist, wird er gegen mehrere nur schwache Aussichten
haben. Diese Tatsache genügt an sich, einem unvoreingenommenen
Richter zu zeigen, daß er in Notwehr gehandelt hat, auch wenn
er den Angreifern durch den ersten Schuß zuvorgekommen ist.
Man sollte meinen, daß ein Normalmaß an Unvoreingenommenheit
ausreiche, um diesen Sachverhalt zu erkennen und anzuerkennen.
Nur daß in der gegebenen Lage von den VN Meinungsbildung,
Meinungsaustausch und Entscheidung in solchem Geiste nicht zu
erhoffen war. Ob eine Behauptung richtig oder falsch befunden
wird, ob Vorgänge und Handlungen als verwerflich verurteilt
oder als verdienstlich gefeiert werden, hängt gerade vor diesem
zu vorbildlicher Objektivität berufenen Forum recht wenig von
der Richtigkeit einer Aussage ab, SS ihrer tibereinstimmung
mit einer Realität oder von der an sich positiven oder negativ
ven ethischen Werthaf tigkeit von Aktionen und Reaktionen.
409
Das Kriterium jeder Angelegenheit liegt für die meisten
Delegierten ausschließlich in den Interessen ihrer Regierungen»
Was für diese günstig ist, wird mit aller lÄacht gefordert
und gefördert, was ihren Wünschen und Bestrebungen zuwider-
läuft, wird bekämpft. So ist die UNO leider ein diplomatischer
Kriegsschauplatz geworden, statt daß das Majoritätsprinzip
in ihr zu unbestechlicher und maximal würdevoller Rechtspre-
chung führen würde. Nur in den Motivierungen sucht man sich
auf die meritorische Substanz der Sache zu stützen, folgt aber
auch darin der Tendenz, die im voraus festgelegt ist.
Trotz dieser beklagenswerten Wirklichkeit sollte man noch
hoffen dürfen, daß die Delegierten der an der jeweils behandel-
ten Angelegenheit nicht direkt interessierten Regierungen
die Dinge wie sie sind tendenzlos zu sehen und zu beurteilen
fähig und bereit sind. Um uns eines solchen Restes an Illusion
nen zu entledigen, brauchen wir uns nur zu erinnern, daß
selbst diese Erwartung nur in Ausnahmsfällen eintrifft.^ oino
solche Qualität kann der Haltung Kanadas, bzhw, dem percönliefa
chon Verdienst Lester Pearsons und Paul Martine zuerkannt
wordon* In den meisten Fällen scheinbarer Neutralität nehmen
indirekte Interessen den Platz der direkten ein und man
findet es vorteilhafter, ein Stimmrecht als **andelsob jekt zu
benützen, wofür zumeist weder eine schriftliche noch auch eine
mündliche Abmachung nötig ist, denn der Anspruch, den man durch
die Abgabe einer Stimme zu Gunsten einees Antrages erwirbt,
kann als stillschweigend gutgeschrieben gelten und früher oder
später ergibt sich eine Gelegenheit, eine Gegenleistung ebenso
stillschweigend einzukassieren. Daraus ergibt sich der Schluß,
daß die Verhandlungen vor dem Weltforum das normale Niveau s±s
eines ordentlichen Gerichtes noch nicht erreicht haben. Auch
theoretisch nicht, da jeder ein Ankläger oder Angeklagter,
ein Staatsanwalt oder Verteidiger, und zugleich Richter sein k
kann. Auch die als selbstverständlicher Brauch allgemein hin-
genommene Blockbildung, das programmatisch-taktische Einverneh-
meojzwischen Regierungen, ist objektiver und verantwortlicher
Meinungsbildung drastisch abträglich. Um dessen Paradoxie
ermessen zu können, muß man sich nur die Absurdität derartiger
Abmachungen zwischen Richtern vorstellen.
In dieser Schrift 3$(Sf ich "bcsssddxs: auf noch unerfüllte
hin,
Aufgaben des Haager Gerichtshofes ZstiS&VQfce&exx, mit der
410
besondern Absicht, dessen Ausbau, Erweiterung und vor allein
weitgehende Aktivierung zu beantragen. Unter dieser Voraus«s±x
setzung könnten dem internationalen Gerichtshof in erster
Linie eine Anzahl von Agenda übergeben werden, die bisher dem
Sicherheitsrat und der Vollversammlung vorbehalten waren. Die
von den prozeduralen, psychologischen und faktischen Eigen-
heiten dieser Institutionen völlig verschiedenen Prinzipien
und Methoden des Gericht-es wären, abgesehen vom Charakter
echter Richter und der ihnen eigenen Auffassung, die bestmögli-
che Gewähr für die rechte Behandlung von Aufgaben wie z.B.
Peststellungsurteilen. Zur Erlangung solcher sollte jede3£
Mitglied-Nation dem Gericht nach Gutdünken Fragen vorlegen
dürfen, aber dem Gericht stünde das Recht zu, die Fragen
selbst zu modifizieren. Ich bin fest überzeugt, daß eine
Frage wie die, wer der Angreifer sei, im internationalen
Gerichtshof gründlicher, objektiver und kompetenter behandelt
werden würde. In dringenden Angelegenheiten sollte dem Sicher-
heitsrat das Recht zu einstweiligen Verfügungen gewahrt bleiben,
doch dürften diese für den Gerichtshof nicht bindend sein.
Auf Grund seiner Feststellungsurteile wären von der General-
versammlung und vom Sicherheitsrat Lösungen zu erwarten,
denen ein gewisses Maß an Objektivität gesichert wäre. Die
Feststellungsurteile hätten also zur Voraussetzung der Verhand-
lungen und Entscheidungen zu v/erden, analog der geteilten Vera
antwortung innerhalb der Geschworenen-Gerichte; nur daß die
Funktionen umgekehrt verteilt wären, da im internationalen
Gericht den Berufsrichtern die Aufgabe der Meinungsbildung
auf Grund ihres Wissens und Gewissens zufiele.
Für die Sowjetunion schien in den diplomatischen Nachwehai
des arabisch-israelischen Krieges selbst eine relative Objekti-
vität im voraus unerreichbar. Während Amerika in den Fragen des
-Nahen Ostens keinen Grund hatte, gegen eine der streitenden
Parteien schamlos parteiisch vorzugehen, bzhw. selbst ganz
Partei zu werden, war die Sowjetunion in dieser Sache von
vornherein zu allseitiger Unfreiheit verurteilt. Durch ihre $sc
Hauptrolle in der Finanzierung und Planung der Riesenarbeit
von Assuan und durch die Ausstattung Ägyptens und auch Syriens
mit hochmodernen Luftflotten und einer vielfach übertriebenen
Bewaffnung für ihre Landarmeen, die diese trotz allem Training
nicht zu benützen wußten, war der russische Standpunkt
411 &m
bereits unverrückbar festgelegt. Israel mußte als
Angreifer gebrandmarkt werden, damit es nach Tunlichkeit
auch verurteilt werde, Milliarden an Entschädigungen zu
bezahlen, um die USSR direkt oder indirekt für das zerschla-
gene und erbeutete Kriegsgerät wenigstens teilweise schadlos
zu halten. Zugleich war die Sowjetunion infolge der nun ein-
mal übernommenen Berater- und Beschützerrolle verpflichtet,
den Arabern die militärisch verlorenen Territorien diploma-
tisch zurückzuerobern. Darin aber standen die Russen nicht
nur unter dem genügend peinlichen Druck von 60 Millionen
Arabern, sondern auch unter dem von 750 Millionen Chinesen.
Da diese nicht herbeigerufenen, doch aus der Perne wirkenden
Partner den willkommenen Stoff sofort aufgriffen, um die
für die Araber so übereifrigen Sowjets noch des Verrats an
jenen und des Paktierens mit Amerika zu beschuldigen, natür-
lich nicht nur gegen China, sondern auch gegen die Araber,
mußte womöglich noch radikaler alles getan werden, um den
mächtigen Konkurrenten den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Die Beschützer hatten ihre Treue sämtlichen von den Chinesen
unaufhörlich umworbenen Ländern durch unbestreitbare Tatsachen
zu beweisen. Jene immer wieder zum Vergleich und zur Stellung-
nahme aufgerufenen und in eine Art Richterrolle im russisch-
chinesischen Konflikt eingesetzten kleineren Mächte sind
nicht allein die kommunistischen Staaten und die kommunisti-
schen Parteien, sondern auch die mehr oder weniger neutralen
Länder, deren Sympathien nicht ohne konkrete Bedeutung sind,
und nicht zuletzt alle jene Gebiete, in denen nationale Bewe-
gungen unter scharfer russischer und chinesischer Beobachtung
gären.
Als die Begegnung Johnson-Kosygin so gar kein reales Resul-
tat brachte und auch aus dem idyllischen Glassboro nur die be-
kannt inhaltslosen Versicherungen des Friedenswillens zu hören
waren, i± von den unveränderten Wiederholungen der beidersei-
tigen Standpunkte begleitet, ging eine tiefe, wenn auch nicht
ganz laut geäußerte Enttäuschung durch beide ****** Hemisphä-
ren. V/er sehen und hören wollte, wußte schon seit geraumer Zeit,
an was für bösen Vorbereitungen die Sowjetunion sich mitschul-
dig gemacht hatte. Sie hatte die unaufhörlich gebrüllten
Dränungen Naccoro und der andern arabischen .Führer gegen Israel
mit schweigender oder halblauter Ermutigung quittiert, I
4-12
die Ankündigungen des Henkerstricks, der Abdrängung ins Meer,
des Wegwischens von der Landkarte, des totalen und unbegrenzts-
ten Krieges. Gegen Nassers definitive Ablehnung jeder Koexisis
Stenz mit Israel und seine Erklärung des 'brennenden Verlangst
gens" nach dem Krieg hatte die Sowjetunion nichts einzuwenden
gehabt. Ihre präzedenzlosen Kriegslieferungen an Ägypten und
die andern arabischen Staaten begannen konsequent nach der
arabischen Führerkonferenz von 1964, in der sie den Vernich-
tungsfeldzug gegen Israel beschlossen. Die Sowjetunion hatte
die seit der Mitte der 50er Jahre von organisierten Einschleie
ehern in Israel verübten Anschläge der Zerstörung und des
Mordes so wenig verurteilt wie schließlich im Mai 1967 die
Blockade von Tiran, die Israel bald hätte erdrosseln müssen.
Durch ihre hochaktive Mitarbeit an den panarabischen Vorberei-
tungen zum Vernichtungskriege gegen die Nation, von der die
Nazis in derselben Generation sechs Millionen ermordet hatten,
hatte sich die Sowjetunion im Rahon Osten in eine Rolle begetes:
ben, die der Amerikas in Südostasien in erschreckender i-Symme-
trie mehr als entsprach. Wäre das Treffen in jenem stillen
Städtchen nicht eine ausgezeichnete Gelegenheit gewesen,
alle dringenden Probleme einschließlich Vietnams vorurteils-
los aufzurollen, v/irklich aufzurollen, um in ehrlichem und
e
zielbewußtem Handel die gquälte Menschheit dem Heile näher
zu bringen? Warum führte diese seltene Gelegenheit nicht einmal
zu einem Versuch solcher Art? ^JML^AJUc^
Sollte etwa die Dringlichkeit der^Frageh des hiahcn Osteae
eine Hast zur Foge gehabt haben, in der auch nicht für die
normale Vorbereitung einer solchen Konferenz Zeit blieb? War
sie beiderseits oder von einer Seite wirklich so ungeplant
gewesen wie man behauptete und kam sie nur durch den Druck
von Personen und Umständen zustande, sodaß man nichts mit-
brachte -ata- M<»^t»ete8bBa±iea als die bekannten Behauptungen und
Forderungen, die wegen ihrer Bitterkeit durch jene abgestanden
nen Phrasen der Friedlichkeit versüßt werden mußten, damit eini-
ge Höflichkeit gewahrt bleibe? Nein, das Scheitern aller &kam&
Chancen kam nicht vom Mangel an Vorbereitung.
An dem niedlichen Tischchen in Glassboro hatte vielmehr
auch jener unsichtbare, aber intensiv fühlbare Gast Platz
genommen. Das war China, nach dem Kosygin nicht hinzublicken
wagte und dessen extrem agressiven Plänen und Machenschaften
er durch jedes Wort des Ent
413
Kegenkommens an Johnson nur noch
geholfen hätte. So hatte er hart und schroff zu "bleihen und
nach Tunlichkeit zu lächeln, ohne sich um die noch weiter
abwärts gleitende Weltlage zu kümmern.
Mag sein, daß diese auf Unfreiheit beruhende Unzugänglich-
keit die Amerikaner endlich vor die Frage stellen wird, ob
die V/eltprob lerne überhaupt noch durch zweiseitige Verhand-
lungen mit der Sowjetunion allein zufrösen sind oder ob nicht s
China schon jetzt ein nicht minder wichtiger Partner geworden
ist. Ohne dessen Einbeziehung wird eine Weltpolitik gewiß bald
völlig unmöglich geworden sein.^ba China aus der Ferne und
fast schweigend wohl noch gefährlichere, nämlich nicht parier-
bare Wirkungen ausübt 95) »scheinen diejenigen recht zu
95) Chinesisch heißt ein handlungsloses Wirken
wei v/u weil tun nicht tun; es wird als Leitsatz politi-
scher Weisheit den legendären Herrschern der Frühzeit
zugeschrieben und gilt als Maxime weisen Verhaltens
überhaupt.
behalten, die seit langem die Heranziehung Chinas fordern,
um es trotz allen Schwierigkeiten vor allem zugänglich zu
machen. Gegliüber der gegenwärtigen Situation dos Nahen Ostens
genügt die inaktive Aktivität Chinas, um die USSR an der ihr
oonct oigonon Mäßigung zusthindern und sie zu einer auch vom
Standpunkt der Weltlage Besorgniserregenden Radikalität zu
zwingen. Um für diesen ungewöhnlichen Mangel an Elastizität
noch eine Erklärung von innen her zu finden, müssen wir uns
des Umstandes erinnern, daß der Sowjetstaat nicht allein
kommunistische Interessen hat, sondern auchjäer Erbe des alten
Rußland^ist; und daß der Expansionsdrang des Zarenreiches einst
den Wabe«, Osten in die Sphäre seiner Interessen energisch
einbezogen hatte. Als die staatliche Selbständigkeit Israels
begründet war, beeilte sich die USSR kaum weniger als USA,
den zugleich antiken und neuen Staat durch diplomatische
Anerkennung zu ermutigen und ihm eine f reucLschaf tliche Haltung
in Aussicht zu stellen. Der anfangs annähernd symmetrischen
Freundlichkeit Amerikas und der Sowjetunion entsprach die
israelische Neutralität von den drei Standpunkten der Logik,
der Ethik und des politischen Realismus. Auch in weiterer Folge
wäre es, wie jeder Unbefangene längst versteht, eben jene
Neutralität gewesen, die Israel als dem Volk des Buches die
seiner großen Tradition gemäße innere Entwicklung und
414
zugleich die Achtung der Völker verbürgt hätte. Wie selbst
eine völlig durchsichtige Schein-Neutralität und ein ästhetisch.
sehr anfechtbares Schielen nach rechts und links zugleich
fette. Erträge einbringt und immer noch ratsamer ist als ein-
der äf^votischen
seitige Verpflichtung, hätte Israel von sfelÄ lernen
Leider aber gab Ben Gurion die Neutralität als Grundlage der
Politik Israels auf, und das sogar ohne auf einer genauen
Fixierung des Preises zu bestehen. Damit war der Umschwung
in der Haltung der Sowjetregierung eingeleitet. Wenn es ur-
sprünglich ihr noch nicht herauskristallisiertes Programm war,
ihre Ziele mit beiden feindlichen Partnern zu erreichen
oder wenn sie damals die Entscheidung zu Gunsten eines von
beiden noch hinausschieben wollte, konnte ihre Reaktion auf
den Anschluß Israels an die amerikanische Politik keinem
Schwanken mehr unterliegen. Der Staat Israel wurde als Agent
des Westens gebrandmarkt, und bei dieser Ächtung als Begründung
für alle weiteren Angriffspläne blieb es, zumal niemand bohaup -
tot noch behaupten kann, daß diese Anklage aus der Luft gegrif-
fen ist. Inzwischen raffte Ägypten nicht nur von den Russen
die überreichen Gaben, die sie in die arabische Freundschaft ±
investierten, sondern auch von den Amerikanern empfing Nasser,
was diese mit Vergnügen hergaben, um ihre Position nicht ganz
an die USSR zu verlieren. Die Erträge dieses sowjetisch-
amerikanischen Doppellebens kamen den langen und umfassenden
Vorbereitungen zu dem so reichlich angekündigten Vernichtungs-
krieg gegen Israel zugute; der Anteil der Russen war die direk-
te Rüstung, der nach und nach geschrumpfte Anteil der Amerikas
ner half immerhin indirekt.
Der gesamt Charakter des arabischen Nationalismus schien
in eben diesen Jahren der kommunistischen Auffassung von
nationaler Erhebung als Vorstufe der kommunistischen zu ent-
sprechen« Aber es schien wohl nur so. Denn die lange politi-
sche und diplomatische Doppelrolle, die vielleicht nicht für i
immer beendet ist, war der Ausdruck eines eher rotgestrichenen
Faschismus, der antiroyalisticoh ist, oovjoit das für die Ambi-
tionen der arabioohon Führer Inkarnation günstig ist und au
gloick das bereits dagewesene 2 national-sozialistische
Zwittergebilde ins Arabische übersetzt; aber auf dieser Linie
auo-h anhält, um nicht etwa den äußerst unerwünschten, A im arabi-
schen Bereiche a-uck ohne offizielle Genehmigung tätigen Eommu-
Politik
können.
4-15
nisten wirkliche Bewegungsfreiheit zu gewähren. Die Zwitterhaf tlgi&Z
keit dieses arabischen Rotf aschismus scheint Moskau ganz falsch,
nämlich nicht realistisch, sondern doktrinär zu beurteilen, also
den Grundfehler in der Auffassung von China hier in einem andern
Sinne zu wiederholen. Dieses getrübte Urteil brachte auch dem Mit-
telosten verhängnisvolle Polgen. Mit ihren frischen Wunden wurden
die arabischen Völker sogleich nach dem jähen Zusammenbruch 11 jähri-
ger Kriegsvorbereitungen für einen neuen Krieg gedrillt und die
Sowjetunion eilte mit neuen Milliarden, moderneren Waffen und noch
bessern Kriegslehrern herbei, a»x3ts Koch 1967, nach dem von den VÜT
erzwungenen Waffenstillstand, begann die irrsinnige Kettenreaktion
mit der Ausnützung der Guerillas auf der einen Seite und den israe-
lischen Vergeltungen durch Plugangriffe auf der andern, und schließ-
lich der beinahe direkten Teilnahme der Russen, sodaß nur die unter
amerikanisch-russischem Hochdruck erfolgte Auffrischung des Waffen-
stillstandes den neuen Ausbruch eines ganz ungehemmten Krieges ver-
hinderte oder vielleicht nur aufschob. Die Bemühungen Jarrings,
direkte Verhandlungen zu ersetzen, sind durch objektive und wohl
noch mehr durch emotionale Gegensätze behindert. Wie kann denn die
Regierung Israels die eroberten Territorien ohne Verhandlungen auf-
geben, und vor allem ohne irgend ein reales Unterpfand, das sie
gegen die phantastische russisch-arabische Übermacht sichern würde?
Wie alles, was je über eine Gegenwart gedacht und geschrieben wurde,
muß auch diese Betrachtung ohne einen Abschluß bleiben.
Da wir aber alle theoretischen Möglichkeiten in Betracht ziehen
müssen, denken wir auch an die, daß auf der russischen Seite der
Realismus sich doch noch stärker erweisen wird als die Neigung
mancher Sowjetpolitiker, dem arabisch-chinesischen Diktat zu erlie-
gen; so würde Moskau sich das Vorrecht wahren, den amerikanischen
Krieg in Südostasien konsequent zu verurteilen, indem es etwas
jenem Krieg Analoges unterließe.
416
überg^n ^<>t> gpnmipr. wpnn nicht etwa, clio tiow.jot-
uft3bOBr4em chinegiGch»arstbif3cfron Diktat erliegen und sich ihrer
Vornunft und doc einzigartigen Vorroohtoc bornubon lacaon
oolltoi Amorikao Intervention in Vietnam verurteilen m dürfen:
f~Für diesen Fall ist vorauszusehen, daß die Zukunft des ffanorT*
Ostens zu einem guten Teil von Israels eigener Entscheidung
abhängen würde. Doch auch diese Aussicht ist ^^t^gr^e^altlos
begrüßenswert, weil eine von zwei entgegengesetztenfdle das
jüdische Volk seit der Antike beherrschen, in unserer Genera*!
tion in bedenklichem Grade die Oberhand gewonnen hat. Die eine
Tendenz ist der Geist der Propheten, ihre Menschlichkeit, ihre
Ethik und ihr Pazifismus. Die andere ist in den zahllosen £x±k
Kriegshelden verkörpert, von Josua M?fl x%8% Richterzeit bis
zum letzten Widerstand gegen die römische Übermacht. Hoch im
Anfang dieses Jahrhunderts verstand Suropa unter einem Juden
einen physisch schwachen, zu keinem Kampf tauglichen, auch
durch Mangel an Mut der Selbstwehr unfähigen Degeneratem.
öbzwar es auch für frühere Epochen an Gegenbeispielen nicht fifc
fehlt, war es gerade die Palästina-Bewegung, die seit dem
Ende des vorigen Jahrhunderts den Typus umzubilden begann.
Aber die einschneidende und massenhafte Änderung kam erst spä*
ter, offenbar im Gefolge der Hitlerkatastrophe , in der erst
gegen Ende der Schlachtung von oeoho Millionen kleine jüdische
Gruppen zum aussichtslosen Kampf antraten« Die Fortsetzung taa
kennt jeder. Da es sicher ist, daß das Land Israel sowohl als
Zentrum des verstreuten Volkes für seine Erhaltung unerläßlich
ist als auch für die im Lande Lebenden den letzten Zufluchtsort
bedeutet, fühlen heute wohl die meisten Juden, daß sie ihr
kleines, von einer weiten feindlichen Umwelt schier erdrücktes
Heim um jeden Preis verteidigen müssen.Den Selbsterhaltungs*z±
trieb von Völkern als gesund und berechtigt vorausgesetzt,
kann dem jüdischen Heldentum eine historische Funktion nicht
abgesprochen werden. Die Substanz, das Wesen, die Identität
dieses Volkes ist trotzdem auf der andern Seite zu finden,
auf der prophetischen, und darum beklagt eine Minorität, der
auch ich mich zugehörig fühle, das Überhandne hörnen des wenn
auch vorwiegend defensiven kriegerischen Geistes. Was ist von
ihm zu erwarten, wenn er durch die Ereignisse in eine aus-
schlaggebende Position kommen sollte?
417
In diesem Falle wird Israel, wie aus mehreren Erklärungen
hervorgeht, das Folgende durchführen:
Die 1948 von Jordanien eroberte und seither ausschließ-
lich von Arabern bewohnte Altstadt von Jerusalem dem bisher
jüdischen modernen Jerusalem als erweiterter Hauptstadt ein-
verleiben und den Religionsgemeinden .und don RoligionogcmcindsQ
ihre heiligen Stätten zu selbständiger Überv/achung übergeben;
das Land westlich vom Jordanfluß direkt verwalten oder
dort einen halb und halb neutralen arabischen Staat errichten,
der die meisten arabischen Flüchtlinge aufnehmen und ihnen
Staatsbürgerschaft verleihen soll;
das bestzte Stück des äußersten Südens von Syrien
nicht verlassen;
im Süden den Gaza-Streifen annektieren oder neutrali-
sieren;
die Sinai-Wüste bis an den Suez-Kanal besetzt halten.
Für Israel hätten diese Erweiterungen Vorteile, die
jedoch kritischer Betrachtung nur teilweise standhalten,
bzhw. von Nachteilen aufgewogen werden. Erwähnen wir einige
solcher Vorteile: Die Inf iltranten, die durch Jahre das eigene
Leben riskierten, um in Israel Sabotage und. Mord zu verüben,
wären leichter abzuhalten, doch auch leichter zu fassen, weil
sie von Syrien, Ägypten und Jordanien lange Strecken zurückzui
legen hätten, um in das eigentliche Israel zu gelangen und
zu ihren Basen zurückzukehren. Tiran wäre vor neuerlicher £±h
Blockade gesichert. Ein israelisches %s$^nzxsmdM Militärlager
am Suez-Kanal würde gp^8ffiöä^b&^ dessen Sperrung verhindern
können. Die syrischen Angriffe auf Siedlungen im nördlichen
Galiläa wären jedenfalls stark erschwert. Der starken psycho-
logischen Bindung der Juden aller Länder an ihr altes Jerusalem
wäre Genüge getan.
Dem gegenüber erhebt sich zunächst die Frage, ob das
kleine Volk, das es schon bisher mit einer großen arabischen
Minorität im Innern schwer hatte und die Situation noch vor
kurzem ohne UnteroRickungsmethoden nicht meistern konnte, eines
solchen territorialen Zuwachses überhaupt Herr werden könnte;
und ob es durch ein sei es strenges, sei es mildes Regiment
sich mit der noch hinzugekommenen arabischen Bevölkerung Rat
zu schaffen wüßte, selbst für den Fall, daß nicht ansehnliche
Massen von Flüchtlingen zurückströmen sollten. Für denj5<v^e^u^j.
418
würde schon die Ausdehnung der neuen Territorien zu einem schwer
lösbaren Problem , kompliziert durch die Verbindung mit Endpunkten
weiter Wüsten. Garnisonen wären dort viel zu weit entlegen,
Angriffen ausgesetzt, schwer zu versorgen und zu verteidigen,
leicht abzuschneiden. In solchen Bedingungen würde, abgesehen
von den militärischen Schwierigkeiten, auch die Verwaltung von
Gebieten, die nichts einbringen, zu einer ökonomisch unerträglie
chen Last. Man kann sich sogar vorstellen, daß solche Umstände
einen Staat, der trotz den Bemühungen einer fleißigen und begab-
ten Bevölkerung wirtschaftlich noch nicht ganz auf eigenen Füßen
steht, in heillose Abhängigkeit vom Ausland und zum Ruin treiben
könnten. Reibungen mit einer so zahlreichen und territorial
ausgedehnten Minorität würden mit einiger Wahrscheinlichkeit
einen Zustand herbeiführen, der einer chronischen Entzündung
gliche. Die Mobilisierung dieser disproportionierten Minderheit
als 5. Kolonne, die das arabische Ausland unablässig vorbereitete ,
aber im Juni 1967 nicht zustande brachte, wäre durch die enorme
Expansion erleichtert. Doch das sind nur einige spezifische
Schwierigkeiten, und prinzipielle Einwände sind damit noch nicht
berührt.
Die prinzipiellen und wesentlicheren Bedenken lassen sich
auf eine einzige Frage zurückführen; es ist diejenige, die dem
Sieger zur Schicksalsfrage werden kann: Ist es für ihn ratsam und
sinnvoll, seinen Sieg voll auszunützen oder handelt er klüger,
wenn er Selbstbeschränkung übt, um auf Trümpfe, die er in wunden
Händen hält, freiwillig zu verzichten, teilweise zurückzugeben,
was nach dem grausamen alten Kriegsrecht ihm gehört?
Um auch in dieser höchst belangvollen Frage nicht in Ein-
seitigkeit zu geraten, betrachten wir nochmals den Gegner Israels.
Genauer definiert, ist es nicht Gegnerschaft, denn unter einer
solchen verstehen wir einen eher sachlich motivierten Antagonis-
mus von einiger Relativität, der weder als zeitlich unbegrenzt
gedacht noch an die Zielsetzung unbedingter Ausrottung gebunden
sein muß. Aber in unserer Generation hat der Hader zwischen den
arabischen Staaten, Parteien und machtgierigen Individue&^und
wird bekanntlich
die gegenseitige Feindschaft xxsfcdbcxisa^xoEccRS auch blutig und
kriegerisch, doch der alle Gefühle und Erwägungen übersteigende
Haß gegen Israel vereint sie alle. Die stärkste der gegenseitigen
Beschuldigungen ist Mangel an Radikalität in dieser Vernichtungs-
wut, und durch Übertrumpfen haben sie einander von 1948 bis heute
419
geschlagen. Wer diese Definition ihrer Mentalität der ÜbertreiteH
bung verdächtigt, braucht nur in den Protokollen der VN nachzule-
sen, in die ja die Wolerzogenen und Maßvollen als Vertreter ihrer
Länder entsandt werden. Im Stile ihrer infantilen Schmähsucht
haben sie dort alle erklärt, niemals mit Israel verhandeln zu
wollen, Israels Existenz nie anerkennen zu wollen und nach wie
vor auf Israels Nicht-Existenz zu bestehend/Diplomaten, die in
zivilisierten Kategorien zu denken pflegen, mußten diese rheto-
rische Easerei so auslegen, daß es jenen darum gehe, Israels
staatlichen Bestand aus der Welt zu schaffen, doch in tiefere
Denkkategorien steigen die mangelhaft informierten UN-Diplomaten
nicht hinab. Sie wissen nicht, was schon injien idyllischen Zeiten
des britischen Mandats die sogenannten Unruhen bedeuteten und
was es selbst für jüdische Kinder hieß, einer aufgehetzten ara-
bischen Menge in die Hände zu fallen; wie es etwa 1929 der noch
wehrlosen jüdischen Minorität in Hebron erging, wo in einem
Massengrab die Leichen der von Messern und Äxten massakrierten
Opfer beisammenliegen und wo in einem mir wohlbekannten Fall
ein Märt5ü?er über einem Spiritusbrenner zu Tode geröstet wurdevy
Keiner der neutralen Diplomaten wird begriffen haben, was ganz *
Israel deutlich vor Augen stehen mußte, als ringsum an allen
drei Festlandsgrenzen die hochgerüsteten und vereinigten arabie
sehen Armeen heranrückten. Keiner konnte diese Armeen anders
deuten denn als Vortrupp des erträumten Schlachtfestes, durch
das keineswegs nur ein Staat als politische Einheit, sondern
eine Bevölkerung physisch liquidiert werden sollte, wobei der
emotionalen Befriedigung wegen die Messer und Äxte noch viel
wichtiger gewesen wären als die zum Plündern mitgebrachten
Säcke. Diese unvergeßlichen, für die betroffenen Familien immer
gegenwärtigen Erfahrungen und die unablässig wiederholten usd
■mit allen Mitteln noch gesteigerten Drohungen der arabischen
Führer und schließlich, die neuesten Kriegoerklärungen und Abi o ha
nungen jeder Priedoncbomühung müssen in Betracht gezogen werden,
. „_ oder eine große Minorität '
wenn man ermessen will, warum die Majorität/\Israels entschlossen
ist, den im David-Goliath-Kampf e errungenen territorialen Trumpf
festzuhaltend^/
Der intensive Trieb, zu schlachten, gehört leider nicht
einer abgetanen Vergangenheit an. Ein Dokument, das schwarz auf
weiß zeigt, wie eine siegesgewisse arabische Militärmacht sich
diese populäre Begierde zu eigen gemacht und sie in ihre Planung
4-20
aufgenommen hatte, war eine besonders lehrreich Beute israeli-
scher Soldaten im sechstägigen Krieg. Für das unverminderte
Gedeihen der vom arabischen Faschismus gesäten Gefühle fehlt es
auch nicht an neuesten Blutzeugen, wie einen von ägyptischen
Ixten zerhackten israelischen Flieger, und ähnliche Leistungen,
zu denen jene psychologischen Tendenzen trotz der Geschwindig-
keit des Krieges Gelegenheit fanden; während nicht übersehen
werden darf, daß Massen der geschlagenen ägyptischen Truppen,
die infolge der von ihren Leuten abgeschnittenen Wasserversor-
gung in der glühenden Sinaiwüste tödlichem Durst pr%sgegeben
waren, von ihren Feinden Wasser bekamen und in Zusammenarbeit
mit dem Roten Kreuz durch Abtransport nach Ägypten gerettet
wurden. [Tber obwohl wir uns hier mit der problematischen Lage
befassen, die, durch die Greuel des arabischen Faschismus ge-
schaffen, einsichtige Beschlüsse dos Siogoro derart erschwert,
darf auch die furchtbare Kehrseite nicht unent hüllt bleiben,
die bis in die Knochen beschämende Erinnerung an zwei blutige
Verbrechen, die israelische Faschisten an Arabern begangen haben.
Das eine spielte sich noch 194-8 ab, während des Krieges, in dem
die noch schwach gerüsteten jüdischen Siedler dem allseitigen
Ansturm der besser gerüsteten und zahlenmäßig weit überlegenen ±
Araber standhielten und den vor fast zwei Jahrtausenden verlore-
nen Staat aufs neue begründeten. Es war freilich nicht reguläres
Militär, sondern die vorher von den Briten schonungslos bekämfte
Terror-Organisation EZL, die in einem rächenden Überfall von
einem ganzen arabischen Dorf, Dir Yassin, nichts am Leben ließ.
Als Jahre später, 1956, in einem der vielen ruhelosen Grenzge-
biete ein Aufstand der arabischen Minorität in Israel mit Hilfe
der arabischen Staaten befürchtet wurde, wurde die Gefahr durch
das vorher von den Briten mit Vorliebe angewendete Mittel des
Curfew bekämpft, das Zivilisten verbot, sich vom Abend bis zum
Morgen außerhalb ihres Hauses aufzuhalten. Als Araber, die nichts
davon wußten, von der Feldarbeit spät in ihr Dorf Kafr Kassem
heimkehrten, stießen sie auf eine Militärabteilung, die, über
ihr plötzliches Auftauchen angeblich erschreckt, sie alle erschoß
mit Frauen und Kindern. Das Militärgericht verhängte über die
des Mordes schuldigen Soldaten unzulängliche Kerkerstrafen, die
nach vielen erregten Interventionen von unten und oben noch wei-
ter gemildert wurden. Mit einer über die des Gerichtes auch nur
ein wenig hinausgehende Objektivität ist ein Milderungsgrund
421
aber nicht zu finden, auch nicht in der durch den gleichzeitigen
Sinai-Feldzug verursachten Nervosität.
In der ohnmächtigen Erbitterung und Ersphütterung über diese
israelischen Greuel erinnerte man sich derS1§3$öW Deutschen,
die wahrscheinlich auch bereit gewesen wären, ihr Leben hinzu-
geben, um Auschwitz und die andern Vernichtungslager zu verhin-
dern oder deren Abbruch zu erwirken. Erst im Schmerz solcher
eigenen Erfahrung versteht man besser, daß die noch menschlich
gebliebenen Deutschen damals noch nichts wußten und, als sie es
erfuhren, ihr Leben umsonst geopfert hätten und nichts geändert
hätten; und beugtfc sich noch tiefer vor jenen viel Größeren,
den Deutschen, die im aktiven Widerstand fielen.
Nach Erfüllung der traurigen Pflicht des Aufdeckens der
Kehrseite können wir zum Thema zurückkehren, dem Problem, wie die
Sieger, soweit sie über die Zukunft werden entscheiden können,
nach den Geboten der Vernunft und Menschlichkeit entscheiden
sollen; wobei natürlich auch diese Erörterung ohne optimisti-
sche Hoffnung auf Gehörtwerden erfolgt. Wie Allen klar ist,
besteht zwischen den faschistischen Tendenzen unter den Arabern
und denen in Israel u.a. der fundamentale Unterschied, daß das w
was früher oder später etwa 80 Millionen Araber den 2 1^2 Millio-
nen Israels unter Umständen antun können, nie und unter keinen
Umständen Umkehrung erfahren kann. Aber gerade das ist einer der
Gründe dafür, daß maßvolle Verwertung der dem Sieger gegebenen
Möglichkeiten dringend zu empfehlen ist.
Wer immer bereit ist, von der Geschichte zu lernen, kann j
von ihr auf die Farge, ob volle Ausnützung von Siegen ratsam sei,
ein vielfaches %in zur Antwort bekommen. Die Neuzeit bietet eine
Reihe hübscher Beispiele für weitblickende Selbstbeschränkung, £
für spät, aber reichlich belohnten Verzicht, Tatsachen, die glän-
zend geeignet sind, Individuen und Völker den anfangs oft schwer
erkennbaren Wert des Großmuts zu lehren. Die furchtbarste Lehre
läßt sich aus dem Lose Vorderasiens im Altertum ziehen, besonders
aus dem Geschick der Völker Mesopotamiens, das eine einzige grau-
sige Kettenreaktion von Vernichtung und Rache war, in deren
Pausen hohe Kulturen blühten. Jene Zerstörungen waren so gründi±
lieh, daß erst die neuere Archäologie nach und nach Namen verges-
sener Nationen zu Tage fördern kann. Die Idee einer Rücksicht,
einer Schonung, eines Lebenlassens war jener Weltgegend damals
so fremd, daß innerhalb ihres Horizonts nichts in Betracht kam
4-22
als die Gegenseitigkeit der Ausrottung 96). Es ist trotzdem
96) Noch, in Alexander lebt diese Tradition fort. Ihn als
Pionier der Humanität zu deuten, ist nicht nur maßlos über-
trieben, sondern kraß unberechtigt»
in hohem Grade wahrscheinlich, daß eine einzige wohlduchdachte
Ausnahme genügt hätte, den Bann zu brechen und in die bodenlos
unmenschliche Praxis eine Dosis Menschlichkeit einzuführen.
Könnte das nicht noch jetzt nachgeholt werden? Sollte
Israel sich nicht seiner Identität erinnern, coram mundo in allen
Belangen Großmut walten lassen, auf die Gefahr hin, daß dies
als Schwäche verhöhnt würde, und der unstillbaren Feindseligkeit
das eigene alte Seelengut und ethische Erbe entgegensetzen?
Die Lehre der Großmut und Rücksicht müßte sich auch in|der
gegenwärtigen Phase des Ringens um Existenz wiederbeleben lassen,
angesichts des Umstandes, daß sie auch im Mittelalter nicht
verloren ging 97). Was Israel zu seinem Fortbestand auf seinem
97) Vgl.Maimonides, "Die starke Hand" , äfe^'Wenn man eine
Stadt belagert, um sie einzunehmen, umschließt man sie nicht
von den vier Weltrichtungen, sondern nur von drei Weltrich-
tungen, und läßt Platz für den flüchtigen und jeden, &er
sich retten will."
Boden braucht, ist ein modus vivendi mit den Nachbarvölkern,
der Abbau des Hasses, der eine Majorität der Nachbarn und viel
Rationalere ihres Verstandes bereits beraubt hat und in seiner
Auswirkung auf Israel dasselbe Resultat haben kann. Israel soll
erobern, aber nicht Land mit Städten und Dörfern, sondern
Menschenherzen nah und fern. Ohne die konkreten Eroberungen
kann Israel bestimmt leben, ohne die moralischen vielleicht niclfc.
<Wcnn es Israel vergönnt sein sollte Keine -übermächtige » feurige,
auf d Gonge gehende und nioht nur diploinatiooho Off onoive absu-
wehren» wäre co in einer Situation, in doV oo nicht goawungon
wäre, die einganomTnenon den besiegten zurückzugeben; und das
wäre der rechte Augenblick, oc freiwillig zu tuh»> Nach einer
diplomatischen Niederlage unter dem schonungslosen Druck von
Großmächten kapitulieren und die Früchte eines so ungewöhnlichen
Sieges auch diesmal hergeben zu müssen, müßte als tiefe Demüti-
gung empfunden werden; dasselbe in vollkommener Freiwilligkeit g
getan, wäre Ehre und Größe, keinem Hohn und keiner schäbigen
Mißdeutung erreichbar. Ich bin von dem Glauben durchdrungen, daß
eine solche Tat unter der Voraussetz tung echter Freiwilligkeit
höheren realen Wert hätte als jeder militärische Sieg. In sämtli-
chen arabischen Staaten gibt es jetzt nur einen einzigen
Bourguiba, der es gewagt hat, zur Mäßigung aufzufordern und sich
dem panarabischen Haß auszusetzen. Die Tat, die ich vorzuschlagen
■HR
M ff '
423
wage, würde viele Bourguibas hervorbringen, und früher oder
später eine Bewegung, deren Ziel es wäre, den von einem bankrotten
Faschismus verblendeten Nationen die noch sehfähigen Menschen-
augen zu öffnen.
Mein auf dieser Überzeugung beruhender Friedensvorschlag«.
schließt Rückerstattung fast zur Gänze ein, aber nicht zur
Gänze, u.zw.:
1. Alle arabischen Staaten anerkennen Israel; zwischen
ihnen und Israel werden Friedensverträge und Verträge über dip-
lomatische Beziehungen und definitive legale und praktische
Beendigung des Wirtsc haf ts-Boykotts*m£fc&^0«^
2. Die Regierungen von Ägypten (UAR), Jordanien, Libanon
und Syrien verpflichten sich, Infiltration nach Israel\J4owie
auch deren Vorbereitung unter schärfste, vertraglich definierte
Strafen zu stellen und poli^ilich permanent nach Gruppen und
Individuen zu fahnden, die dcr'feilt^ioii nach Israel oder
deren Vorbereitung verdächtig sind.
3. Der Suezkanal und die Meerenge von Tiran werden mit
Zustimmung Ägyptens internationalisiert und der Verwaltung
der VN übergeben, zwecks Verbürgung freier Durchfahrt für die
Schiffe aller Nationen ohne Ausnahme. Amerika und die Sowjetunion!
übernehmen die Garantie für die ungestörte Verwaltung seitens
der VN und für die Freiheit der Schiffahrt.
4. Aus den Einnahmen des Suezkanals werden die Kosten der
VN gedeckt; die Überschüsse fließen Ägypten zu.
3. Israel gibt Ägypten die Sinaihalb insel zurück.
6. Israel verläßt die Gaza-Region.
7. Israel gibt Jordanien alles vor dem 5. Juni 1967 besessene
Land westlich vom Jordan mit Ausnahme der Altstadt von Jerusalem
zurück.
8. Die in den Punkten 5,6,7 genannten Territorien werden
demilitarisiert und die Demilitarisierung wird von den VIT
garantiert.
9. Die Souveränität auf dem Gebiete der Altstadt von
Jerusalem geht an Israel über.
10. Israel garantiert jeder in Israel wohnhaften und jeder
legal nach Israel gekommenen Person freien Zutritt zu den heili-
gen Stätten aller Religionen in Jerusalem.
11. Die Polizeigewalt in der Altstadt von Jerusalem **»sstt&
424
einschließlich der Beteiligung am Schutze der heiligen Stätten
wird von Israel gemeinsam mit den VN ausgeübt; am Schutz der
heiligen Städten haben die betreffenden Religionsgemeinden
den Hauptanteil, der durch Verträge zu definieren ist.
12. Israel erstattet die von Syrien vor dem 5. Juni 1967
innegehabten Territorien an Syrien zurück,
13. Ein juridisch und organisatorisch zu reformierender
Beobachtungsdienst der Vg (UNEJ?) wird in allen arabisch-
israelischen Grenzgebieten wieder aufgenommen und in Permanenz
durchgeführt.
14. Zwischen allen arabischen Staaten und Israel wird ein
Nichtangriffspakt abgeschlossen, der für Streitsachen die Anru#n
fung des Haager Gerichtshofes und Verpflichtung der Signatare
zur Annahme und Durchführung seiner Urteile vorsieht«
Die Altstadt von Jerusalem, einer der empfindlichsten
Punkte der Erde, ist, wie jeder zugibt, nicht nur politischer
oder militärischer Besitz. Jerusalems historische Bedeutung für
Israel läßt sich kaum mit dem Besitz irgend einer andern Stadt
vergleichen. Der fapst hat das gewiß empfunden, als er trotz
seinen intensiven Sympathien für die Araber noch während des
sechstägigen Krieges die Internationalisierung der Altstadt
beantragte. Doch als Lösung wäre ein solcher Zustand, wenn die
organische Verbundenheit durch Internationalisierung allein
ersetzt werden sollte, nicht minder problematisch als etwa
ein Prankreich ohne Paris oder eine Sowjetunion ohne Moskau.
Wenn man über die Zukunft Jerusalems im Namen einer Milliar-
de Christen und für 700 Millionen Mohammedaner spricht, so mag
das plausibel klingen, doch nur^^wenn man Phrasen hinzunehmen
pflegt, ohne sie näher zu betrachten. Selbst wenn diese Zahlen,
die für die Mohammedaner bestimmt nicht zutreffen, als richtig
vorausgesetzt werden könnten, wäre es irreführend, die gesamte
Christenheit stillschweigend als einen einheitlich gesinnten
Sektor der Menschheit hinzustellen. Doch sind die Christen nicht
nur in viele Kirchen geteilt, sondern gehören vielen Nationen
und mehreren Rassen an, sowie auch den politischen Lagern,
deren Gegensätze die Probleme der Menschheit bilden, u.zw. die
vielen kleinen Probleme und jene großen, die den Planeten be-
drohen. Selbst wenn angenommen werden dürfte, daß z.B. die Bevöl«
kerungen, die in unserem Jahrhundert kommunistisch geworden sind
nicht aufgehört haben, christlich, bzhw. mohammedanisch zu sein,
425
"bliebe noch die Frage offen, durch was für Interessen sie,
wie auch sämtliche unzweifelhaften Christen oder Mohammedaner,
mit Jerusalem verbunden sind« Erst dann kann wohl gefragt
werden, ob ihre Bedürfnisse und Wünsche nicht vollkommen erfüllt
sind, wenn sie nach Jerusalem wallfahren können, sooft sie wol-
len und dort tun können, was sie wollen. Wie es eine von religiö-
sen Interessen einheitlich beherrschte Christenheit in keiner
Geschichtsepoche gegeben hat, totatehm bestehen auch die Moham-
medaner aus einer arabischen Minorität und einer nicht-arabischen
Majorität, und die Araber zerfallen in einen mohammedanischen
und einen christlichen Sektor. Die Juden sind das einzige Element
dessen rassenmäßige und religiöse Definitionen von jeher kon-
gruent waren und geblieben sind. In der hebräischen Literatur und
in den jüdischen Gebeten spielt das Land Israel und insbesondere
Jerusalem eine so zentrale Rolle, daß die auf Ausmerzung der msrk
nationalen Erinnerungen erpichte Srömung im neueren Judentum
sich ihnen gegenüber als bse machtlos erwies. Kann also internatio-
naler guter Wille eine so einzigartige historische Beziehung
zu Jerusalem übersehen? Daher glaube ich, daß Israel einen
unverlierbaren Rechtsanspruch auf Jerusalem hat.
Dieser Überzeugung muß ich aber einen einschränkenden
Schlußsatz hinzufügen, und diese Hinzufügung erfordert besondere
Betonung. Wenn eine unvergleichliche Übermacht ihren brutalen
Druck durch Drohungen und Tatsachen noch mehr verstärken sollte
und ein ganzer Chor von Nationen von Israel fordern sollte, sein
altes Jerusalem aufzugeben, wäre es viel besser, dem Drängen
der Völker nachzugeben, als einen neuen, noch viel riskanteren
Krieg heraufzubeschwören oder einen kriegerischen Zustand
chroniscfc(werden zu lassen. Diese unvollkommene Welt, wie sie ist,
ist unsagbar mächtig und unberechenbar. Keine Nation sollte ihre
Kraft überschätzen oder in der Trunkenheit eines Sieges unaus-
führbare Beschlüsse fassen. Ohne ein Minimum an internationaler
Sympathie kann selbst ein großes Volk nic\. leben, umso weniger
ein kleines. Aber ohne das ihm gebührende Jerusalem, das seit
3000 Jahren seine legitime Hauptstadt ist, kann Israel leben.
Das Leben ist wichtiger als was in ihm teuer ist. Und der eigene
Bestand ist nicht die einzige Israel auferlegte Verantwortung.
Israel trägt hohe Mitverantwortung für das Los der Menschheit
und muß gegebenenfalls schmerzliche Opfer bringen, um den
Weltfrieden zu retten und seiner Gefährdung vorzubeugen.
426
So manches Memorandum wird zur Zeit seiner Aktualität
verworfen, doch kann es später, auch viel später, einen von
der ursprünglich erwarteten Wirkung verschiedenen Wert erlangen.
Auf diese und andere Gefahren hin mußte auch das vorliegende
geschrieben werden, um bald oder irgendwann Nutzen zu bringen.
Durch die Meerengen zum Frieden
In einer Welt, in der das Recht des Stärkeren einerseits
und die gegenseitige Gefährdung der Stärksten anderseits
durch Einsicht und Übereinkunft auch nur merklich eingeschränkt
wäre, könnten Menschen und Völker schon bedeutend freier atmen.
Doctjsind brutale Eingriffe in Leben und Arbeit der Nationen
an empfindlichen geographischen Punkten, u.zw. an den wichtigen
Meerengen möglich und aus neueren und neuesten Erfahrungen
genügend|bekannt. Solange internationale Beziehungen normal
bleiben, ist dieDurchf ahrt problemlos. Aber ein Mißbrauch seitens
einer verwaltenden Macht, und schon die bloße Möglichkeit,
einen dieser nahezu unersetzlichen Seewege^oder für die Schiff-
fahrt bestimmter Völker zu sperfen,kann zu einem bösen Druck-
mittel werden und verhängnisvolle Spannungen oder Kriege nach
sich ziehen. In einer von lauernden Gefahren und insbesondere
von gegenseitiger Erbitterung zu befreienden Familie der
Nationen wäre daher die Kontrolle über alle Meerengen durch
Übergabe an die VN zu internationalisieren.
Daß dem nicht längst so ist, daß die|für Handel und Wandel
aller Völker lebenswichtigen Seewege immer noch Privateigentum
der Nachbarstaaten oder imperialistischer Großstaaten sind,
ist im Grunde so unbegreiflich wie etwa die Duldung von Sklaverei
oder wie Verfolgung wegen einer dogmatischen Andersartigkeit
oder Hinrichtung wegen einer sexuellen Abnormalität . Die Absurdi-
tät eines solchen Rechtstitels ließe sich durch eine städtische
Straße mit intensivem Verkehr veranschaulichen und durch ein an
einer Kreuzung gelegenes Haus, dessen Besitzer nur die ihm geneh-
men Leute passieren ließe. Es ist nicht mehr als ein verschim-
meltes Gewohnheitsrecht, dessen Morschheit sich durch plötzliche
einseitige Proklamationen nicht ändert. Die Schäden, die Gewohn-
heiten dem Denken und Wirken der Einzelnen und der Gemeinschaften
zufügen, anerkennt die Menschheit instinktiv, indem sie unvor-
eingenommene Köpfe, die vom Joch der Gewohnheiten befreien,
teils abhaut, teils krönt. Wenn aber der Bann einer kritiklosen
4-27
Gewohnheit einmal gebroiW ist, fällt es den Meisten schwer,
zu glauben, daß etwas wie der abgeschaffte Brauch überhaupt
jemals bestanden hat; und das wird, falls wir Glück haben,
in nicht allzu ferner Zukunft für das Eigentum an den Meerengen
zutreffen, das dann nur noch als schmachvolle Usurpation gelten
wird.
Da die UNO glücklicherweise existiert und sowohl abwärts
als aucn aufwärts entwicklungsfähig ist, fehlt es nicht mehr
an Händen, die Schätze wie Sb& die internationalen Wasserwege
als Eigentum der Menschheit werden verwalten können.
Neuerdings hat das alte Problem zwei Aktualisierungen
erfahren, deren eine tausende Menschenleben gefordert hat,
während die andere gute Aussichten auf unblutige Beilegung hat.
Dem Problem von Gibraltar gebührt chronologisch der Vortritt.
Der senile, wenn auch nicht alte, Faschismus Spaniens sehnt sich,
nach neuer Popularität, als könnte sie ihm noch zum Jungbrunnen
werden. Der alte Franco soll einen jungen König ernannt haben
und versucht das welke Regime durch ein paar billige demokraties
seile Ornamente aufzufrischen. Die als Appetit auf Prestige KÖdÖt
erklärliche Forderung an das todwunde britische Imperium nach
Rückerstattung Gibraltars wäre in dem Falle berechtigt, wenn
die Meerenge weder dem fremden Eindringling noch der Allgemein^
heit gehörte, sondern dem Anrainer. Dochjsollten wir endlich so
weit sein, daß dieser Punkt zumindest nicht mehr unstrittig
wäre. So schiene es wohl vernünftig, wenn die internationale
Diplomatie, besonders diejenige, der Franco seine Anerkennung
verdankt, ihn noch ein wenig beruhigte, bis die langst fällige
prinzipielle Frage eine einer gesitteten Menschheit würdige
Regelung erfährt.
]2eue rdings
In Ägypten und in dessen Nähe ist es 3ä®6£$ der Mißbrauch
durch den Anrainern, nicht ein imperialistischer Eingriff aus
der Ferne. Den Suezkanal hat das unabhängig gewordene Ägypten
kostenlos geerbt, noch kostenloser als die arabischen Eroberer
des Nillandes das Inventar einer uralten, ihnen lange völlig
unverständlich gebliebenen Hochkultur geerbt hatten. Solange
die Gewohnheitsrechte an benachbarten Wasserwegen nicht einmal
Kritik hervorriefen, fiel es nichtm besonders auf, wie sich
Nasser in der noch unbestrittenen Bauberrarolle benahm und das
angemaßte Recht offen mißbrauchte, um alles Unbequeme zu terro-
risieren und Israel zu würgen. Wenn der Haager Gerichtshof von
428
jeher das gewesen wäre, was er sein sollte und hoffentlich
noch in unserem Jahrhundert werden wird, wäre schon Naocors
Mißbrauch des Suezkanals als Friedensbruch und Kriegshandlung
verurteilt worden. Daß-** schließlich 4*a?eh die Blockade von Xiz
Tiran Israel von Süd und Ost abschnitt und auch andere Staaten i
ihrer freien Handelsrechte beraubte, war eine Agression, etwa
damit vergleichbar, daß jemand das Schwarze Meer für die Sowjet«
union gesperrt oder die atlantischen Häfen Frankreichs blockiert
hätte. Wenn es überhaupt internationale Interventionen gegen
solche Wegelagererethik gab, worin bestanden sie? Wer war nicht
heilfroh, selbst unbehelligt durchfahren zu dürfen?
Angesichts des grausamen uherhandnehmens einseitig egoisti-
scher Interessen in den VN und des gegenwärtigen Verfalls völker-
rechtlichen Denkens wird es gewiß nicht bald zu einer prinzipi-
ellen Revision des Eigentumsrechtes an allen Meerengen kommen.
Doch wenn die Friedenskonferenz ohne Krieg der Menschheit ver-
gönnt sein sollte, wäre ein allgemeiner Neuaufbau ohne diese
Regelung lückenhaft und fast sinnlos. Die große Konferenz wird
sämtliche Seewege den Usurpatoren zu entziehen und der UNO als
Treuhänderin der Menschheit zu übergeben haben, um Giftstoffe
wie Erbitterung und Verzweiflung aus dem internationalen Leben
zu entfernen, ^itens Amerikas ist offenbar keine Störung einer
fairen Lösung zubeCurchten. Im Gegenteil, eine jüngst publi-
zierte autoritative iuBer^ung kann in dem Sinne interpretiert
werden, daß die Vereinigten&taaten im Rahmen eines globalen
Übereinkommens auch der Internafcionalisierung des Panamakanals
zustimmen würden. Da einer der Wege^sum Weltfrieden durch die
internationalisierten Meerengen führt, wtfcc^e diese Lösung eine
ganze Reihe weiterer guter Schritte ermöglicfea«^
Bas Hauptziel der Friedenskonferenz
NachDarstellung einer Reihe von Fragen, deren Lösungen als
schwierige Aufgaben der Friedenskonferenz anzusehen sind,
versuchen wir, der schwierigsten aller Menschheitsfragen von tes
heute furchtlos in ihr furchtbares Auge zu sehen: Wie kann der &
Zusammenstoß zwischen den drei gefährlichsten nuklearen Groß-
mächten und ihren Verbündeten vermieden, wie können die aus
ihren wirklichen Gegensätzen erwachsenen Schwierigkeiten aufge-
hoben oder so weit verringert werden, daß ihre Bevölkerung
und die der ganzen Erde gerettet werden kann?
429
Vor dem Versuch einer Beantwortung ist schon klar,
daß eben das Zustandekommen einer Friedenskonferenz ohne Krieg
der erste Prüfstein ist. Wenn unser Aller Not zu jener Auf ersteter
hung der menschlichen Einsicht geführt haben wird, die Verhandiii
lungen zwischen den mächtigen Gegnern und zwischen allen Völkern
überhaupt ermöglicht, wird die chronisch explosionsreife Gehäs-
sigkeit und Angriffswut bereits gemildert sein. Diese Voraus-
setzung zu erwirken, die großen und kleinen Völker an den Verkäs
handlungs tisch zu bringen, ist s± an sich ein Ziel, nicht viel
weniger bedeutend als alle diejenigen Aufgaben, die der Wationen
dort harren. Es gibt dazu keinen besseren Auftakt als den in-
ständigen Appell an Einsicht und Logik und den unermüdlichen
Hinweis auf die Tatsachen und auf die gräßliche Alternative,
die ja niemand wirklich wollen kann und die kein einigermaßen
Gesunder wählen wird, wenn irgend eine Hoffnung übrig bleibt.
Aber die vielen bisherigen Fehlleistungen haben die Lage schon
derart kompliziert, daß eben die ersten Schritte zur Gesundung,
zur Bereitschaft und zum Entschluß jetzt als die größte Schwie-
rigkeit erscheinen. Vor allem hält nichts auf Erden von VersöhsH
nung intensiver ab als frisches Blut, das die Lage nicht sehen
läßt wie sie ist und die Alternative vernebelt. Auch kühle, von
he
unlängst gesehenem Unglück nicht direkt betroffene Köpfe können
sich kaum von diesen unheilvollen Fernwirkungen blutiger Tragödi-
en freihalten. Wenn trotz so immensen psychologischen Gegenkräf-
ten auch nur eine einzige Macht zu gewinnen wäre, eine der Drei,
so stünde ihr ein Weg zur erfolgreichen Friedensoffensive offen:
Die Andern durch eine große, heroische Konzession zu gewinnen,
durch ein offenes, freimütiges Angebot eben dessen, was sie
bisher von ihr vergeblich gefordert hatten. So etwas ist heroisch
zu|nennen, denn wenn es einen Politiker gäbe, der darüber, daß das
Schiff nicht an seinem, sondern am andern Ende leck ist, sich
nicht freuen würde, sondern den Sinn verstünde, einfach logisch
dächte, hätte er ja das eigene Hinterland gegen sich, denn aus
echten Konzessionen würde man ihm einen Strick drehen. Wenn er
in seinem Lande nicht besonders hohes Ansehen genösse, würde werter
schon der bloße Versuch zu einer einschneidenden politischen
Konzession ihn zu Fall bringen. Ein Wagnis von ähnlichen Dimen-
sionen unternahm de Gaulle, indem er Algerien aufgab, als er
einsah, daß weiteres Blutvergießen gänzlich zwecklos sei. Diese
Einsicht kam sehr spät, aber noch nicht zu spät; sie müßte nun
430
zum Vorbild werden. Wir wären glücklich zu preisen, wenn
Einsicht und Mut in den noch viel wichtigeren Belangen in
ähnlichem Geiste die Rettung herbeiführten. Nur müßte die
Konzession, die Allen das Heil brächte, noch viel freiwilliger
erfolgen, nicht unter dem Druck eines verlustreichen und zu-
nehmend hoffnungslosen Krieges» Wenn ein solcher Akt von einer
Seite vollbracht wäre, ohne daß der so handelnde Führer von
den eigenen Leuten als Verräter hingerichtet würde, wäre die
gesamte Weltpolitik bereits von Grund auf geändert. Die Gegen-
seiten würden leichter verstehen, worauf es ankommt, und hätten
für ihren Hausgebrauch etwas höchst Konkretes, worauf sie sich
stützen könnten. Dann könnten auch sie es wagen. Das erste
große Zugeständnis müßte nicht unbedingt im voraus durchgeführt
werden, sondern brauchte nur als Beitrag zum Erfolg der einzu-
berufenden Friedenskonferenz verbindlich und feierlich verspro-
chen zu werden, unter der Voraussetzung analoger Schritte der
Gegnseitea. Es braucht wohl nicht nochmals hervorgehoben zu
werden, daß es sich nicht um Kleinigkeiten oder um Angelegen-
heiten diplomatischer Routine handeln dürfte, sonder nur um
ganz große, für den Andern oder für die Andern höchst wertvolle
Gaben territorialer, militärischer oder politischer Natur. Wie
jeder weiß, sind solche Zugeständnisse an das Ausland in den
Konstitutionen der meisten Länder verboten und widersprechen
dem Eide von Staatsoberhäuptern und Regierungsmitgliedern.
Aber damals, als die Konstitutionen und die Eide formuliert
wurden, war von Waffen, die das ganze Land und zugleich alle
andern Länder vernichten können, noch nichts bekannt. Wie tforytibna-
de Gaulle in voller Legalität die Zustimmung des Volkes zu seiner!
verständigen und kühnen Tat erlangte, können und müssen die
wirklich verantwortlichen Führer der Weltpolitik derjenigen
Verpflichtungen entbunden werden» die unsinnig und schädlich
geworden sind, da ihre starre Einhaltung zum beispiellosen
Unglück des den Regierenden anvertrauten Landes „und jedes
andern Landes werden müßte. Eine einzige^Tat solcher Art, in
den Weltmaßstab übertragen, wäre der Weg zur Friedenskonferenz
und zu ihrem Erfolg.
Schon durch die bloße Möglichkeit solcher Taten wäre
virtuell eine neue Geschichtsepoche eingeleitet. In der kommenden
Ära wären Nationalismus und Patriotismus voraussichtlich auf
ein für uns noch unvorstellbares Minimum reduziert. Ihre histori-
sche Funktion xa des Schutzes von Völkern und Ländern hätten sie
431
erfüllt und würden daher von andern Ideen und Beziehungen
abgelöst werden, soweit sie sich nicht im Gefolge konservativer
Tendenzen als Schatten erloschener Funktionen erhielten. Was
wäre es, das den riesigen von ihnen heute eingenommenen Raum
dann füllen würde? Vielleicht wäre es das den ethnischen und
territorialen Einheiten Gemeinsame, ein auf dem Wissen um die
Gefahr und auf einer gewissen Einigung beruhendes Streben nach
Erhaltung des Ganzen. Jenseits dieses Zieles wären es Faktoren,
die jetzt wohl unserer Phantasie, doch noch nicht einer
Definition zugänglich sind.
Die Kategorie der Opfer, die in voller Freiwilligkeit
dem TiHrerr Frieden zwischen den drei Hauptmächten und dem der
ganzen Erde darzubringen sind, oder die Größe der erforderli-
chen Konzessionen würde ich durch zwei Beispiele darzustellen
wagen, wobei zuzugeben ist, daß auch das unter den gegebenen
Umständen ein Wagnis sein muß, schon darum, weil durch einen
Mißerfolg eines der Anfangsgründe der gesamte Friedensplan
scheitern könnte. Ein solches Beispiel wäre die Erf üllung der
territorialen Forderungen Chinas an die Sowjetunion^^ wird dem
i^eser nicht schwer fallen, nach der Geschichte des 19. Jahr hunderte
zurückzublicken. Das jeder politischen und militärischen Abwehr
unf äna^ge Riesengebilde China war der nimmersatten Habgier der
westlichen Raubmächte hoffnungslos preisgegeben. Sooft es ver-
möge der Überreste seiner Würde und aus Furcht vor gänzlichem
Ausgeweide twXrden sich zu kriegerischer Verteidigung aufraffte,
geschah es im bexb Bewußtsein der Aussichtslosigkeit und in
dumpfer Verzweiflung. Jeder jener tragischen Kriege brachte noch
mehr Verluste und Demütigungen. Das klassische Beispiel war das
schändliche Unternehme» des Opiumkrieges, durch das ein von der
Raubsucht seiner Oberschicht auch seiner Urteilskraft beraubtes
Britannien in unvergeßliches. Schmach versank. Durch diese Verbree
chen war das geschlagene ChinSi gezwungen, auch noch Hongkong
herzugeben; mit der vielleicht bevorstehenden Rückerstattung
dieser Kolonie an China wird der vorletzte oder der letzte
Besitz des britischen Kolonialreiches^ verloren sein und das
britische Volk wird beweisen müssen, daß es kraftvoll und ehrbar
auf eigenen Füßen stehen kann. Wie das he\tige England als Erbe
und bisheriger Nutznießer sich zum viktorian^schen verhält,
verhält sich leider auch die Sowjetunion zu jehem skrupellosen
und doch innerlich schwachen Zarenreich, das einemvon Demütigung
zu Demütigung geschleuderten Ching-China jene in des*
432
^storischen Erinnerung des Westens fast vergessenen asiatischen
Territorien abzwang. Es war seitens Rußlands nicht eigentlich
blutigerBaub, sondern schnöde Erpressung durch parasitäre Aus-
nützung britishen und französischen Raubmordes ^Sollte der
Kommunismus dem Sowjetstaat ein nur nach ausgesprochen imperia-
listischen Begriffen geS^tendes Recht verleihen? Oder sollte
der russische Kommunismus , ^selbst wenn er ideologisch mit dem
chinesischen annähernd identisch-vWäre , für China einen genügen-
den Grund bilden, auf die ihm vom zaristischen Rußland so ruhm-
los entrissenen Territorien zu verzichten^ Angesichts des unver-
gleichlichen Gewinns, den die gana und gar fnoiwilligo Rückgabe
in unserer Zeit der Sowjetunion und der ganzen Menschheit
bringen würde, scheint der Augenblick für diese Tat gekommen«
Das Angebot paritätisch und international überwachter Volks-
abstimmungen wäre wohl die beste Einleitung zu würdiger Durch-
führung dieses Planes zur Begründung des Friedens,
Einen nicht weniger bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden
könnte am Vorabend der erhofften Konferenz Amerika leisten.
Es sind nicht eigentlich Territorien, die es zurückerstatten
müßte, sondern die Militärbasen (S, ), die der amerikanischen
Kriegsmacht einen für Alle. und für sie selbst überaus gefährli«
chen Wirkungsradius geben|\ für die kommunistischen Länder eine
dauernde -Bedrohung und Provokation bilden, «äel^sie in unaufhörli-
chem Alarmzustand halten. Wenn Amerika sich großmütig entschlösse,
alle diese Basen aufzugeben, hätte es damit nicht allein eine
beispiellose moralische Eroberung vollbracht, sondern das wäre
der monumentale Beginn der Abrüstung, die erste Etappe auf dem
Wege aller Renschen zum Frieden und zum Heil.
Es ist der tiefe und feste Glaube vieler Gutgesinnten,
daß sittliche Taten der Einen ebensolche der Andern zur Folge
haben. Solange die Haltung der Tibetaner unklar oder uneinheit-
lich bleibt, stellt niemand an China. territoriale Ansprüche,
und militärische Auslandsbasen^hat es nicht. Aber es hat einen
Kurs der unberechenbaren Feixfechaft, der rapiden Aufrüstung und
hemmungslosen Drohung, der fast überall, auch unter Heutralen
und unter potenziellen Bundesgenossen, zunehmende Besorgnis
erregt. Was China dem Frieden in der vorbereitenden Phase dar-
bringen soll, ist weniger konkret, doch nicht weniger bedeutend.
Es ist die radikale Änderung des gesamten Kurses der Agressivi-
tät, oder, positiv ausgedrückt, der von Beweisen begleitete
433
Beschluß zur Zusammenarbeit und zur Abrüstung. Dann stünde
dieser unter der elementarenVoraussetzung der Allseitigkeit
nichts Unüberwindliches mehr im Wege.
Wenn wir in diesem Sinne positive einleitende Leistungen
und das Zustandekommen der Friedenskonferenz voraussetzen dürfen,
gehen wir nun an die Hauptfrage heran, mit der sich die Konferenz
als solche nicht unbedingt beschäftigen, die sie sich aber in
allen ihren Verhandlungen und Maßnahmen vor Augen halten müßte,
die Frage nach der unmittelbaren und ferneren Zukunft äbx dieses
kapitalistisch-kommunistischen Planeten. Es sei mir gestattet,
zunächst darzustellen, was nicht nur mein persönliches Ideal,
sondern ein gemeinsames geistiges Gut vieler Menschen dieser
Zeit ist. Es ist die Aufhebung der Gegensätze durch eine Synthe-
se, ein Gesellschaftssystem, das zwischen den beiden Extremen
die Mitte hält, indem es von beiden das Schlechte ausschließt
und das Gute entwickelt; wobei unter schlecht dasjenige verstand
den sei, was Leid, Unrecht, Unterdrückung und Krieg verursacht;
und als gut bezeichnet sei, was Wohlergehen der Renschen, die
Pflege ihrer Werte, ihre gegenseitige Achtung und Zusammenarbeit
und vor allem den Frieden unter ihnen fördert. Eine solche Mitte
wäre ein diktaturloser Sozialismus, in dem zunächst die Boden-
schätze, die Schwerindustrie, der Transport und der Großhandel
Gemeingüter würden und der Laufes itz teils an Arbeitergruppen,
teils an arbeitende Kleinbauern überginge; während andere Wirtes
schaftszweige, den Ergebnissen der grundlegenden Sozialisierung
entsprechend, in diese in fernerer Zukunft einbezogen werden kön-
nen. Die ursprünglichen Besitzer sollen nicht der Verelendung
und Erbitterung preisgegeben, iwd w h y sodern in möglichst pro-
duktiver Weise entschädigt und konstruktiv versorgt werden.
In der neuen Gesellschaft wäre nach einer gewissen Übergangs-
zeit extreme Armut ebenso abgeschafft wie extremer Reichtum.
Freiheit des Denkens wäre durch nichts begrenzt, die des fffrftareT^
Handelns nur durch elementare Interessen der Allgemeinheit, wie
das Prinzip der Erhaltung und Förderung von Leben und Gesund-
heit, nicht durch Macht- und Klasseninteressen.
Doch das ist nicht mehr als das Bekenntnis zu einem Ideal
und daher wohl Recht und Pflicht zugleich. Es wäre aber eine g
gefahrvolle Illusion, zu hoffen, daß es in einer absehbaren &hxh
Zukunft einen Weg geben könnte, die Gesellschaftssysteme
Amerikas, Rußlands und Chinas auf diesen oder auf sonst einen
gemeinsamen Nenner zu bringen. Ein ideologischer Ausgleich
zwischen dem russischen und dem chinesischen Kommunismus
ist nicht nur theoretisch unschwer vorstellbar; denn die Atmo-
sphäre der erhofften Friedenskonferenz, die vom Bewußtsein der
katastrophalen Alternative erfüllt wäre, würde manche verbar-
rikadierten Zugänge öffnen und offen halten. Zwischen jedem
von beiden kommunistischen Großstaaten und dem von Amerika
mehr oder weniger repräsentierten Westen oder den beiden zusam-
men und dem Westen ist hingegen in naher Zukunft ein Ausgleich
der Systeme fast undenkbar; fast, denn auf historischen Grund-
lagen kann es keine positive oder negative Voraussage ohne eine
solche Einschränkung geben. Unter der Voraussetzung, daß es
überhaupt ein Morgen gibt, wäre angesichts der unberechenbaren
Dynamik der Geschichte sogar eine Art Rollentausch denkbar,
wie er z.B. darin vorgebildet ist, daß der Buddhismus und das
Christentum in ihren Heimatländern später viel schwächer gewordai
und anderswo erstarkt sind. Behalten wir also eine Möglichkeit
gegenseitigen Ausgleiches im Auge, aber setzen wir keine allzu
unzeitgemäßen Hoffnungen auf diese Unwahrscheinlichkeit , betrach-
ten wir vielmehr eine realere Chance.
In der bösen Stalinzeit machte man sich auf beiden Seiten
der Front verdächtig und gefährdete sich, wenn man von Frieden
sprach. Dennoch dachten schon damals Viele, die sich nach dem
von der Propaganda des Hasses diskreditierten Frieden sehnten,
an Koexistenz. Ist das nicht die im Grunde einfache Idee, daß
Zwei, die in ihrem Denken und Leben von einander völlig verschie-
den sind, denselben Planeten bewohnen können, ohne einander
umzubringen? Man sollte meinen, daß gegen diese Idee an sich
nichts einzuwenden wäre und daß logische Argumente gegen sie
nicht zu finden sind; trotzdem sind die Kräfte, die gegen sie
arbeiten, allzu mächtig. Zu diesen Gegenkräften gehören auch
zwei tief beklagenswerte Vorstellungen: Die eine ist die, daß man
Störungen seitens des Andern nicht zulassen dürfe und verhindern
oder vergelten müsse, aber in seinen Bereich nach Beliebet! ein-
greifen oder einbrechen dürfe, soweit die Machtverhältnisse es
zulassen. Die andere ist die Annahme oder die Voraussetzung,
daß der Andere nicht wirklich Ruhe geben will und daß man zur
Verteidigung oder zum Angriff immer "bereit" zu sein habe. Die
Wurzeln dieser Vorstellungen reichen tief hinab, ihre Zähigkeit
ist aber nicht absolut hoffnungslos; selbst ein starr und unver-
änderlich erscheinender Wahn kann unter unvorhoroohbaron IJMMtftBP»
435
Einf lüasen und in Situationen der Entscheidung verschwinden.
Wer kennt nicht die Geschichte von jenem chronisch Gelämten,
der, als das ^aus "brannte und Alle ihn vergessen hatten,
aus dem Bett sprang und sich rettete? Vielleicht besteht eine
gewisse^ Hoffnung, daß schon der Brandgeruch an unserer in
mancher Beziehung gelähmten Logik das gleiche Wunder vollbringen
wird. Ein so klassisches Mirakel wäre aber nicht unbedingt not-
wendig* Im Augenblick der äußersten Gefahr würde, um im Bilde
zu bleiben, teilweise Aufhebung der Lähmungen genügen, so daß
der Kranke sich immerhin bis zum Ausgang schleppen könnte.
Ohne irreal zu werden, dürfen wir ein relatives Wunder solcher
Art X38CH für die Menschheit als Ganzes erwarten, zumal ihre
mentale Gelähmt he it glücklicherweise nicht total ist.
In Amerika einerseits und in der Sowjetunion anderseits
war die Koexistenz zeitweilig nahe daran, zu einer offiziellen
Formel zu werden, aber nur in einem virtuellen Sinne, und für
die Diskrepanz zwischen offiziellen Reden und dem realen Ver-
halten bildet gegenwärtig ferictaägte gerade diese ^ormel ein Schul-
beispiel. Faktisch geht ja der kalte Krieg mit dem Irrsinn des
Wettrüstens weiter und es schien schon im Juni 1967 mehr als
zweifelhaft, ob Glassboro etwas an dieser bejammernswerten Dyna-
mik ändern wird. Die Negativität der Chinesen ist noch extremer,
da sie es bis jetzt strikt ablehnen, sich auch nur an der hohlen
Deklamation der Koexiste'zf ormel zu beteiligen; mit diesem ideolo-
gischen Ge^iisatz von höchster Bedeutung hat ja der Konflikt
zwischen den beiden kommunistischen Großmächten tatsächlich
eingesetzt. Unzeitgemäß und im Widerspruch zu einer gigantischen
Realität sind heute nicht nur die Konstitut! onon und die EidesgH
formein mit ihren Verboten realer Konzessionen an andere Staaten.
Nicht minder unzeitgemäß und noch w± weitaus gefährlicher ist
die orthodox marxistisch-leninistische Auffassung von der Welt-
revolution als einer Art Armageddon, einem letzten Krieg, dessen
Idee die kommunistische Orthodoxie von der kirchlichen geradezu
entlehnt zu haben scheint. Es war ja schlimm genug, daß die
frühen Ideologen des Kommunismus das Heil überhaupt von einem
Kriege erwarteten« obwohl es ein Milderungsgrund sein mag,
daß es der letzte sein sollte. Aber sie wären gewiß nicht so
hirnverbrannt gewesen, Krieg voauszusagen, sogar im Sinne eines
unentrinnbar notwendigen Übels, «set geradezu als Postulat, wenn
sie die Kriegstechnik vorausgeahnt hätten, nach deren Anwendung
es weder Sieg noch überhaupt Existenz gibt. Selbst die 436
liatholicoho Auffassung vom gesamten Alten und Neuen Testament
als der von Gott stammenden ewiggiltigen und in jedem Buchstaben
gleich heiligen Wahrheit hat sich ihrer unzugänglichen Starrheit
längst entledigt. Die Sowje£ideologen waren, jedenfalls nach
dem Stalinregime, realistisch und elastisch genug, um von ihrer
Bibel nur das aufrechtzuerhalten, was angesichts der neuen
Wirklichkeit noch in Geltung bleiben kann; und die Armageddon-
Idee zu streichen, seit sie mit einem Selbstmord der Menschheit
gleichbedeutend geworden ±e%-. Seit sie verstanden, daß eine
noch so relative Koexistenz zur Bedingung der Existanz geworden
ist, führten sie die große Revision ihrer ideologischen Grundlage
durch, der sie die Einheit des kommunistischen Lagers und die
Freundschaft Chinas opfern mußten. Sie müooon mit weiteren Opfern
rechnen, denn das Ringen um die Reste ihrer sowieso schon bis
zur Unkenntlichkeit eingeschränkten Hegemonie hat sie in eine
ausgesprochen defensive Rolle gedrängt, für alloo das» wao in
ihrer Politik oinoiohtig und roalioticch ist, habon oio also
oohon bisher oinon gowaltigon Proio br^hllr-. Sowoit cino Hege-
monie der Sowjotunion.nooh boatohtf wird sie mit propagandistieg
sehen, und diplomatischen Mitteln ausgeübt. Kann also angesichts
des Preises, den sie für die Koexistenz^Eezahlt haben, noch ein
Zweifel daran bestehen, daß sie einen Großkrfg wirklich
vermeiden wollen?
Man könnte vielleicht zwischen zwei Arten von Koexistenz
unterscheiden« Die eine wäre nur eine gegenseitige Unterlassung
von Störungen, also etwas rein negatives. Die andere wäre ein
organisches Zusammenwirken, also positiv. Um das Ergebnis vor-
wegzunehmen: Es ist diese letztere Auffassung von Koexistenz,
von der die Menschheit eine bessere Zukunft erwarten darf.
In diesem Stadium, in dem jeder Versuch der Rettung vor
dem Untergang noch gegen den Vorwurf der Utopie verteidigt
werden muß, ein eingehendes Programm für ein solches Zusammen-
wirken auszuarbeiten, wäre ebenso verfrüht wie unnötig, weil es,
abgesehen von den schon bestehenden Regeln für internationale
Zusammenarbeit, als lebendige Realität sich mit einer gewissen
Spontaneität, schrittweise ergeben muß. Unglücklicherweise ist
es vor allem das^f atale Vorgehen Amerikas in Vietnam, das ein
paar Ansätze zu echter, aktiver Koexistenz nicht aufkommen
läßt, weil in dieser Lage jede noch so erwünschte Verständigung
mit Amerika für die USSR zu einer nicht mehr tragbaren Kompro-
mittierung geworden ist, in erster Linie zur Materiallieferung
437
an den chinesischen Ankläger. Erst die Einstellung aller
militärischen Kampfhandlungen in Vietnam und Ruhe in den an-
grenzenden Ländern würdet ermöglichen, die Friedenskonferenz in
Gang zu bringen. Zur Erreichung echter Koexistenz als Endziel
bildet ein elementares Minimum an Koexistenz, das modus vivendi
genannt zu werden pflegt, schon eien Voraus setung. Je länger sr*ür
alle positiven Schritte hinausgeschoben werden, und jo länger
im fornon und im'n^oe Ooton dno militärische Verderben mit
seinem unabwendbar waohoenden wflcungsradius andauert, desto
schwächer werden die Aussichten jedes positiven Bemühens« Je
weiter man auf der schiefen Ebene hinabgelangt, desto schwerer
wird der Rückweg. Doch selbst ein zäher kriegerischer Konflikt
muß leichter aus der Welt zu schaffen sein, wenn etwas von
jener positiven, lebendigen Koexistenz schon vorhanden ist.
Dann wäre zu hoffen, daß feierlichen Erklärungen nicht gleich-
zeitige Handlungen entgegenarbeiten, in Vietnam seitens Amerikas,
im nahen Orient seitens der Sowjetunion.
Eine positive, wenn auch vorläufig nicht durch Einzelheiten
darstellbare Koexistenz müßte der Friedenskonferenz als Ziel
vorschweben; wenn sie Zustandekommen wird, wird das jetzt erst
andeutbare Ziel auch erreichbar werden.
Je optimistischer man wird, desto mehr muß man sich vor dem
Entgleiten der Maßstäbe realistischen Urteils hüten. Doch unwill-
kürlich denken wir an die noch so fernliegende Frage eines über«
nächsten Entwicklungs Stadiums. Theoretisch mag der Gedanke
einer harmonischeren Welt in Betracht kommen, in der große
Ländergebiete einen sich mehr oder weniger natürlich ergebenden
ideologischen Ausgleich durchführen; das Territorium eines
solchen Ausgleiches wird nie die Erde umfassen können, denn tota-
le Unif ormität widerspricht den deutlioh orkennbaron Entwicklungs
gesetzen und vor allem der menschlichen ^atur. Nur unter Druck h"
und Zwang wäre globale Einheitlichkeit nicht ganz unmöglich,
aber Freiheit und Harmonie unter Druck und Zwang sind undenk-
bar widerspruchsvoll. Als Möglichkeit wäre es wohl nicht von der ■
^and zu weisen, daß der Umfang sozialistischer Länder einmal
etwa denjenigen Teilen der Erde entsprechen könnte, die heute
vom ausgesprochenen Kapitalismus und vom ausgesprochenen Kommu-
nismus eingenommen sind. Man braucht nicht utopisch-messianisch
inspiriert zu sein, um sich eine solche Zukunft als praktisch
ungestörten Friedenszustand auszumalen. Noch einfacher kann man s
sich mit der Annahme begnügen, daß faire Schiedsgerichtsbarkeit
438
und noch mehr eine verbessete psychische Gesundheit und somit
auch Veredelung der Menschenrasse die nie verschwindenden Rei«
bungen auf ein Minimum reduzieren wird; und daß der Wegfall
von Tendenzen zum Raub, zur Unterdrückung und zur Ausbeutung
die noch vorhandenen Gegensätze zwar nicht aufheben, aber
bis zur Erträglichkeit verringern wird.
Erst eine solche Verbesserung des Menschen würde eine
pluralistische Menschheit ermöglichen und gewährleisten, eine
solche, deren Teile aufgehört haben Wörden, einander zu fressen
oder fressen zu wollen. Als Vorläufer des Pluralismus einer
Menschheit, die wir uns lebenswillig, lebensfähig und lebenswür-
dig vorstellen, kann im Prinzip die Demokratie aufgefaßt werden.
Doch wirkt die bestehende Demokratie eher als Warnung denn als
Vorbild, solange sie selbst von der Sucht des gegenseitigen
Fressens besessen ist. , . ,
Ein so gereinigter Pluralismus^ gewiß länger erhalten als
eines der weithin herrschenden und in|sich einheitlichen Systeme.
Innerhalb seiner hätten diese einander entgegengesetzten Systeme
eine Existenzberechtigung, die auf einer logischen Punktion
beruhen würde, auf der Herbeiführung ± und Sicherung des Gleich-
gewichtes. Das wäre also der globale Pluralismus einer Gesell-
schaft, deren einander heute bekämpfendem Komponenten für die
Gesamtheit notwendig und unentbehrlich wären. Und in eben diesem
Sinne, wenn auch erst virtuell, sind sie das wohl schon heute.
Die Konsequenz, daß die existierenden Systeme in ihrer ßegensätz-
lichkeit einen positiven Sinn haben, mag überraschen, aber sie
ist unvermeidlich. Sie könnte überdies, von Vielen angenommen,
sich schon jetzt günstig auswirken. Umso mehr gilt das für künf-
tige Möglichkeiten» Die Erkenntnis einer Notwendigkeit des
Gegenspielers kann eine friedensfördernde Kraft werden.
Von Sinn und Bedeutung des Friedens hat die kriegserfah-
rene genschheit eine recht vage Vorstellung; sie bringt die
Schwäche ihres Begriffes von Frieden ungewollt zu sinnfälligem
Ausdruck, indem sie ihn rein negativ zu definieren pflegt, als
Zustand ohne Krieg. Doch haben wir eine Ahnung davon in uns,
daß erst Menschen, die ihre besten Kräfte nicht mehr in gegen-
seitigem Kampf mißbrauchen und verbrauchen, im vollen Sinne
als Menschheit gelten können. Eine solche Menschheit könnte
Aufgaben erfüllen, die sie in den Situationen der gegenseiti-
gen Paralysierung nie bewältigen kann. Die Abwehr aller tödlichen
Gefahren erfordert Einigung. Auch den Katastrophen, die uns durch
4-39
Verpestung der Erde und ihrer Atmosphäre und durch Übervölkerung
drohen, wird nur eine befriedete und zusammenwirkende Menschheit
begegnen können«
Unter der Voraussetzung der Abschaffung des Krieges als
internationalen Regulators würde die Wissenschaft, die zur
Todfeindin des Ftenschen geworden ist, wieder Freundschaft mit
uns schließen» Der Abbruch des Rüstens würde schon allein genügst
gen, gewaltige Energien freizumachen, die sofort konstruktiven
Zwecken zugute kämen. Den unserer Befreiung und Veredlung zu-
strebenden Kräften würden nicht länger die größeren Mächte der
Zerstörung entgegenarbeiten. Eine nicht mehr gegen uns, sondern
für uns arbeitende Technologie könnte das Leben lebenswerter
machen als es jemals gewesen ist«
Abschließend sei es noch klarer zusammengefaßt: Der Friede
und die Lösung der ihn am schwersten gefährdenden Probleme ±
sind unerläßlich« Ideologische Synthese oder politischer Synkre*
tismus sind nicht unerläßlich« Sie sind hypothetische Möglich-
keiten, deren Realisierung sich aus verbesserten Lebensbedingung
gen organisch ergeben kann« Die realere Zielsetzung ist daher
die Versöhnung der Menschen mit einander, ohne daß wir auf Auf-
hebung ihrer Gegensätze bestehen; und Zusammenarbeit der mensch-
lichen Gruppen wie sie sind, damit der Friede selbst weiterhin
ausgleichend und verbessernd wirke.
E^-^gMA-^l£-M| größte politische Errungenschaft werden
könnte
In Anbetracht der Grenzen, die jedem Menschenwerk gesetzt
sind, und der beschränkten Zeitdauer jeder Konferenz, soll das
Petitionsrecht ergänzend, fortsetzend und korrigierend wirken,
eine Friedenskonferenz in Permanenz bilden« M. Es soll dem
Aufbau des Friedens Elastizität verleihen, Erstarrung verhindern,
organische Anpassung an veränderte Bedingungen ermöglichen und
vor allem dem Prinzip der an Stelle von Drohung und Gewalt
tretenden, auf Einsicht beruhenden Rechtsprechung dienen«
Für den Ausbau und die Praxis des Petitionsrechtes
seien fünf Grundsätze empfohlen:
1« Jeder ethnischen Gruppe oder jeder Gruppe, die sich
als solche erklärt und keine oder nur teilweise staatliche
Selbständigkeit besitzt, wird das Recht zugebilligt, sich in s±x
einer Petition um Aufnahme an die VW zu wenden« Die Petition muß
von 10.000 Erwachsenen unterzeichnet sein und die Unterschriften
müssen von einer der Generalversammlung der VJüf
440
verantwortlichen Kommission für giltig erklärt werden»
Die Aufnahme erfolgt nach Untersuchung durch eine Kommission
wie die früher genannte auf Grund einer Abstimmung, die der
für Abstimmungen über die Aufnahme von Mitgliedstaaten vorge-
sehenen gleicht. Doch sind die Rechte nichtstaatlicher Gruppen
von denen der Mitgliedstaaten verschieden. Sie haben in einem
von der Generalversammlung zu bestätigenden Statut festgelegt
zu werden.
Den als Mi tgliedsrauf genommenen nicht staatlichen Gruppen
steht kein Petitionsrecht mehr zu, sondern das Recht auf
Anträge an die Generalversammlung,
2, Jeder ethnischen oder sich als solche erklärenden
Gruppe, die nicht Mitglied der VM ist, steht das Recht zu,
in einer Petition Anspruch auf, staatliche Selbständigkeit zu
erheben und an eine Nation oder Regierung^territcrrial% edea?
wirtschaftliche Ansprüche zu stellen. Petitionen dieser Art
erfordern die Unterschriften von 25% der Erwachsenen derjenigen
Bevölkerung, in deren Namen sie eingebracht werden, und nicht
weniger als eine Million Unterschriften, die wie in Punkt 1
für giltig erklärt sein müssen« doch ohne dio dort vorgesehene
Empfohlung» Nach Untersuchung durch eine Kommission und Prüfung
ihres Gutachtens kann die Generalversammlung den Antrag oder die
Anträge mit einer Majorität von neun Zehnteln annehmen oder
auf Grund eines mit einfacher Majorität gefaßten Beschlusses
dem Internationalen Gerichtshof zur Behandlung und Urteilsspre^k
chung zuweisen. Die Entscheidung des Gerichtshofes im Sinne des
Antrags kann nur mit einer Majorität von drei Vierteln erfolgen«
Auf Grund des eigenen Beschlusses oder des vom Internationalen
Gerichtshof gefällten Urteils übernimmt die Generalversammlung
die Verantwortung für die Ausführung.
3. Jeder Gruppe in jedem Lande, die nicht Mitglied der UM)
ist, steht das Recht zu, Beschwerden gegen eine Nation oder
eine Regierung wie auch gegen die UNO und deren Organe in einer
Petition vor die Generalversammlung der UHQ zu bringen. Die äsxfc
Bestimmungen über die Zahl der Unterschriften und deren Bestäti-
gung sind die gleichen wie in Punkt 1. Die Generalversammlung
entscheidet über solche Beschwerden entweder selbst mit einer
Majorität von drei Vierteln oder sie weist sie auf Grund eines
Beschlusses, der nur einfache kajorität erfordert, dem Interna-
tionalen Gerichtshof zur Behandlung und Entscheidung zu. In
441
beiden Fällen übernimmt die generalver Sammlung die Verantwortung
für die Ausführung des Beschlusses.
4. Wenn Petitionen wie die in Punkt 2 definierten eingefezas
bracht werden, jedoch nicht vor Ablauf von 10 Jahren nach
Abschluß der Friedenskonferenz, können sie auch zu Änderungen
von Beschlüssen der Friedenskonferenz führen.
5. Abgelehnte Petitionen können verändert oder unverändert
nach 10 Jahren unter den gleichen Bedingungen nochmals einge-
bracht und nach Ablauf von je 10 Jahren unter den gleichen
Bedingungen auch mehrfach wiederholt werden. Wenn eine Petition
nicht zur Behandlung gelangt, wie etwa infolge Nichtbestätigung
der Unterschriften, kann sie unter Einhaltung mssäs. der gleichen
Bedingungen aHsfaa&kmal^ nach Ablauf von je 10 Jah-
ren auch mehrmals wiederholt werden.
Unter der Voraussetzung unverfälschter Anwendung könnte
das Petitionsrecht eine der größten Errungenschaften der
Menschheit werden.
Durch das Prinzip a©a Gewissens und des Verstandes an Stelle der
Messer, Gewehre und Bomben wäre die Menschheit als Ganzes und jeder
Einzelne von einem unseligen Dilemma befreit, das uns seit vorge«*^
schichtlichen Zeiten peinigt: Unterdrückung und Ertragen von Unrecht
und Leid ohne Ende oder blutiger Aufstand mit Morden und Gemordet»!
werden. Seit unzählbaren Jahrtausenden wurde jeweils eine der beiden
Scheinlösungen praktiziert oder stießen beide aufeinander. Da diese
Methode bisher keinen Segen gebracht hat, muß der aus der Erfahrung
lernende Verstand es mit etwas Heuern versuchen. Auch bei unsern Zeit-
genossen findet sich immer wieder nur Entscheidung zu Gunsten einer
der beiden Seiten des alten Dilemmas. Manche ausgesprochen bedeuten-
den Köpfe lehren die Opfer des Unrechts zu dulden und zu verzichten
und das Heil von irgend einer abstrakten Zukunft zu erwarten, weil
ihr Abscheu vor Gewalt und Blutvergießen so stark ist, daß er sie
hindert, sich ihres Dienstes am Unrecht bewußt zu werden. Und Andere
m denen die Empörung über die von Herrschenden verübten Verbreche*«
lTkQ^tJiei^L^^eSSen un>ewußt' daß diejenigen, für
die sie brüderliche Gefühle hegen, in die Schlacht treiben und
furchtbare Mitschuld auf sich laden. Unklarheit des Gedankens undr
des sprachlichen Ausdrucks hilft Beiden, irgendwo stehen zu bleibe*,
um nicht bis ans Ende zu denken. Doch da es um alles geht, dürfen!
wir uns weder durch vage Implikationen oder durch Inkonsequenz
täuschen noch einer der beiden Entscheidungen Vorschub leisten,
die direkt oder auf Umwegen zum Untergang führen. Der Triumph der.
Einsicht durch Einsetzung des Rechts in seine sinngerechte Funktion
kann das Dilemma überwinden und die uralte Präge lösen.
L_i^rni^se_ajug^dem *'epe zur Abrüstung
Furchtbare Aufrüstung wird zur Versuchung, wenn
selbst Nationen, die Atomrüstung lang und konsequent ablehnten,"^"
in der Hoffnung, daß nichts sie zu dieser würde zwingen können,
in Situationen geraten, in denen ihre ehrenvolle Haltung überaus
schwer wird. Indien sieht sich mit zunehmender Sorge der unauf-
haltsam beschleunigten Aufrüstung Chinas gegenüber. Die Erinnerun
an die realen Kriegshandlungen ist noch allzu frisch. Auch nach
Pakistan späht Indien mit begreiflicher Unruhe. Indien in der
Bolle einer nuklearen Macht, das wäre trotz allem ein Widerspruch
in sich selbst, denn noch lebt die in Mahatma Gandhi am reinsten
verkörperte Tradition der Gewaltlosigkeit in den denkenden Köpfen
des Subkontinents, sodaß wir ihren Abscheu intensiv mitfühlen
können. Ähnlich geht es dem kleinen Israel, dem jede Gewißheit
fehlt, daß der arabisch-chinesische Druck die Sowjetunion nicht
auch dazu bringen würde, den Arabern aKKk Atomwaffen zu liefern,
zumal das ja die Chinesen auch selbst tun können. Sogar dem
vor um ooino Existenz geht, wordon dio über dorn Mah.cn Osten
lagernden Wölken nooh viol oohworor und düsteror. Sogar dorn
heutigen Japan, das sich von Hiroshima und Nagasaki imme^r
noch nicht erholen kann, weshalb es ganz folgerichtig an der
Spitze der Weltbewegung gegen das Verbrechen des nuklearen
Krieges steht, werden die Vorgänge in China immer unheimlicher»
sodaß der Einfluß derjenigen Japaner, die zur verhaßten Rüstung
neigen, rapid zunimmt. Jeder versteht die Beunruhigung dieser
Länder ebenso wie die Unzulänglichkeit der Verträge für
nukleare Beschirmung, die ihnen als Ersatz für Selbstwehr
geboten werden; jeder versteht auch den beschränkten Wert
einer solchen Zwischenlösung, Für diese Länder ist die all-
gemeine Abrüstung nicht nur besonders notwendig, sondern auch
besonders dringend« da für sie oinc andere Lösung noch absurder
wäre als für die nuklear bewaffneten Länder»
Abgesehen von der potenziellen Kettenreaktion als Folge
jeder weiteren Ausbreitung besteht akute Gefährdung in einer
extrem egoistischen Atompolitik zweier Mächte. Die Nichtunteresx
Zeichnung des Vertrags über Unterlassung von Atomversuchen in
..... o£üu _ eUn, VjtA&*MjL*>
der Atmosphäre und deren Beschränkung /mif unterirdische Säume,
den Amerika, Britannien und die Sowjetunion unter Beteiligung
vieler nuklear ungerüsteten Staaten abgeschlossen hatten,
bildet für China und Frankreich eine zur brutalen Fortsetzung
der Luftverpestung genügende Motivierung, Wird ein schweres
Vergehen dadurch aufgehoben oder auch nur gemildert, daß man
sich nicht ausdrücklich verpflichtet hat, es zu unterlassen?
Zunächst ist daä indiskutabel unfair gegen die Signatare, die
dadurch für ihren guten Willen und für ihre ethisch vorbildliche
Behandlung oinor internationalen Angelegenheit bestraft werden.
Daß sie auf die Vergiftung der Atmosphäre verzichten, schwächt
ihre Chancen im Wettrüsten und räumt den Ablehnenden einen Vor-
teil ein, der ihnen nicht gebührt und dessen Ausnützung nur eine
neue Auflage des alten Faustrechts bildet. China findet ein
Wort der Entschuldigung oder Erklärung nicht notwendig; die Chine-
sen, die dem Abendland für die an ihnen verübten Verbrechen
heimzahlen wollen, schlucken diese Pest freilich zunächst selbst,
Frankreich benimmt sich etwas französischer, indem es ein solches
Vorgehen mit gedruckter Propaganda wenigstens zu beschönigen
sucht. Eine so schlechte Sache wird aber dtfeh keine
vxcivix ÄCiiic n0C]a so
talentierte Darstellung unkenntlich. Eine der amtlichen
444
Publikationen, "Experiences nucleaires fran9aises dans le
Pacifique" 98) deklamiert das offizielle Credo schon in den
98)Etabli par le secretariat df etat a lf inf ormation. La
documentation fran9aise illustree. Mensuel-hors-serie .
juin 1966.
ersten Zeilen: "maintenir la paix sans rien conceder qui
compromette l1 independance, la secufcite et V integrite
de la Patrie." Ist die von vorherein erklärte, als Axiom für
das Denken und Richtlinie für das Handeln hingestellte Ableh-
nung aller Zugeständnisse nicht das Echo der fatalen faschisti-
schen Kindertrompete, mit der das Benehmen Erwachsener schwach
imitierenden Zustimmung zu einem Frieden, den Andere durch
Zugeständnisse ihrerseits zustandebringen oder aufrechterhalten
mögen? Wer es nicht schon längst gewußt hat, weiß es auf Grund
aller nun bekannten Tatsachen und Schlußfolgerungen, daß eben
das die Mentalität ist, die der verläßliche Wegweiser zum
allgemeinen Untergang sein muß.
Ist das nicht der Punkt, auf den es ankommt? Und gilt das
von allen Fragen, die jetzt xbehandelt werden? Ist nicht das
Thema der erstgggggggUnd doch noch lebenden Genfer Abrüstungs-
konferenz das WBBBm entscheidende Thema für unsere an den j&mts
Rändern mehrerer Abgründe wohnendes Generation?
Vom Standpunkt ihres zentralen Problems ist"
dreigeteilt:
a) In der Gruppe der Schwachen wächst die Furcht vor den
Starken, sodaß unter ihnen auch der Wunsch nach den für die
Welt und für sie selbst so gefährlichen Atomwaffen zunimmt
und die Neigung, vertragsmäßige atomische Beschirmung seitens
Starker als Ersatz hinzunehmen, abnimmt;
b) die Gruppe der bis an die Zähne bewaffneten, doch rela-
tiv rücksichtsvollen Starken setzt ihre Experimente zwecks
weiterer Aufrüstung unterirdisch* fort;
c) die Gruppe der ebenfalls atomisch Gerüsteten und ganz
Rücksichtslosen fährt in der Vergiftung der Atmosphäre unge-
stört fort.
Es scheid durchaus berechtigt, we*m die Schwachen fragen,
wer denn den Starken jemals das Recht auf nukleare Bewaffnung
erteilt habe, und warum gerade sie ungerüstet bleiben und
darauf verzichten sollen, was die Andern nicht nur besitzen,
sondern noch verbessern und vermehren. Ihnen xist zuzugestehen,
daß nicht nur der Standpunkt der radikal Rücksichtslosen,
öieVaJLso
445
sondern auch die Argumentation der gemäßigten Atommächte
nur das nackte Recht des Stärkeren ist. Ebenso unbestreitbar
ist, daß der Verzicht seitens der Schwachen als Beitrag zur
allgemeinen Sicherheit nur armseliges Stückwerk wäre. In unserer
grotesken Situation hat jedoch dieses Stückwerk, der Abbruch
weiterer Verbreitung, einen unanzweifelbaren Wert, nicht den
der Heilung, aber den der ersten Hilfe, um eine Vervielfachung
der Gefahr zu verhüten, ix^der Abrüstung einfach nicht mehr durch-
führbar wäre. Dieseerste Hilfe kann das größte Unglück mit einiger
Wahrscheinlichkeit aufschieben. Zur wirklichen Abwendung gibt es
nur einen Weg, und wehe uns, wenn wir uns durch irgendwelche
Manöver darüber täuschen lassen: Der einzige Weg ist die
allgemeine und totale Abrüstung. Iwvw^wlx:
Bevor wir die Frage ihrer Methode erörtern, müssen wir
für das Problem, wie die unerläßliche Allgemeinheit der Abrü-
stung zu erzielen sei, eine annehmbare Lösung finden, da an der
Nichtbeteiligung selbst einer einzigen Macht alles, buchstäblich
alles scheitern könnte. Dieser einzigen Macht wäre ja eine
ganze unbewaffnete Welt auf Gnade und Ungnade ausgeliefert,
sodaß kein Staat einer lückenhaften Abrüstung zustimmen würde
oder könnte. Es ist also grundfalsch, daß es auch mit einer
"fast einstimmigen" Annahme getan wäre. Wir müssen zunächst,
Einstellung aller gegenwärtig stattfindenden Kämpfe und Eintritt
Chinas in die UNO vorausgesetzt, an eine umfassende Serie diplo-
matischer Aktionen denken, unter Vorantritt Amerikas und der
Sowjetunion zugleich innerhalb und außerhalb der VM unternommen,
mit dem Ziel, alle Staaten durch das Angebot der eigenen, gründ-
lich überwachten totalen Abrüstung zur Mitwirkung zu gewinnen.
Da außer der profitierenden Rüstungsindustrie niemand an der
Rüstung an sich interessiert ist und diese selbst für die
schlimmste Politik nur ein Mittel zum Zweck bildet, wäre allge-
meine Zustimmung und Bereitschaft unter der Voraussetzung eines
kühnen, hochherzigen Angebots selbst von einer einzigen Seite
keineswegs unmöglich. Der Diplomatie der Abrüstung stünde gegen-
über den volkreichsten Ländern ein schon erwähntes und sicher-
lich überzeugendes Argument zur Verfügung. Nach allgemeiner
Entwaffnung muß ihnen eine nie x± abschaffbare Macht verbleiben,
die primitivste, doch nach der Abrüstung zu neuer Bedeutung
gelangende Macht, die durch die Zahl der Fäuste bestimmt wird,
sowie durch die Zahl der Messer und aller Gegnstände, die in
Menschenhänden zu Waffen werden können. Kein Argument darf
446
ungenützt bleiben, um die Mitwirkung Aller zu gewinnen,
Aller ohne Ausnahme. Doch muß mit irgend einer ernsten Lücke
gerechnet werden. Rechnen wir pessimistisch und nehmen wir an,
es seien zwei große Staaten, die ablehnen; diplomatische Bemü-
hungen wie auch Versuche, die öffentliche jjeinung der beiden
Länder zu gewinnen, seien ohne Erfolg geblieben. In diesem Falle
wäre internationale Solidarität, die in bedeutendem Umfang eben
erst hergestellt wäre, zugleich auf die härteste Probe gestellt,
denn von ihr allein hinge alles ab. Gegen die, sagen wir zwei,
Mächte wäre nach Erschöpfung aller diplomatischen Möglichkeiten
und aller in Frage kommenden persönlichen Einflüsse ein umfassen-
der Wirtschaftskrieg zu führen, mit allen einem solchen Unterfan-
gen eigenen Gefahren. Leider ist es allzu leicht, jeden, der
sehen will, zu überzeugen, daß nur der totale Tod die Alternative
bildet. Wenn also zugleich mit dem die Gesamtheit des Handels,
des Verkehrs und des Finanzwesens einschließenden Wirtschaftszone
krieg konstant alle Mittel des Überzeugens den Regierungen wie
auch den Bevölkerungen gegenüber angewendet und gefährliche
Erweiterungen konsequent vermieden würden, müßten ökonomische ±k
Realitäten in Verbindung mit psychologischen entscheiden. Da
es nur ganz wenige wirtschaftlich i» vollen Sinne unabhängige
Länder gibt und konsequente Isolierung zugleich mit allseitigem
moralischem Hochdruck selbst solchen reichlich unbequem werden
kann, besteht eine hochgradige Wahrscheinlichkeit, daß, eine
mutige und unbeirrbare Haltung der friedenswilligen Majorität
vorausgesetzt, -eteS- alle unblutigen Druckmittel zusammen den
Erfolg, nämlich die lückenlos allgemeine Zustimmung zu gänz-
licher Abrüstung, herbeiführen würden.
Die Methode der Abrüstung und die Arbeiten der Friedens-
konferenz
Die langen Bemühungen um Abrüstung, die immer wieder zu
einem toten Punkt zurückgleiten, sind bisher weder durch Zufälle
nodo. an einseitigen Intrigen gescheitert. Es ist das teils sachi±
lieh berechtigte, teils psychologisch begreifliche Mißtrauen,
das hinter den tragischen Mißerfolgen steckt und fundamentale
Mängel der bisher angewandten Methoden erkennen läßt. Wir müssen
also nach Methoden Umschau halten, durch die jene Fehlerquelle
beseitigt und den fortwirkenden Intrigen das Hauptargument
entzogen würde.
HECXBE
In dem noch nicht publizierten Plan von Dr. Erwin Hirsch
(S. ) ist die Ausführung in der Hauptsache neutralen Staaten
überantwortet • Ihnen werden alle nuklearen Waffen nach coram
mundo auferlegter und übernommener Verpflichtung zu restloser
Vernichtung anvertraut.
In dem an derselben Stelle zitierten Buche|von G. Clark
und L.B, Sohn wird ein ausführlicher Plan entwickelt, der von
einer ÜNO-Kommission durchgeführt wird und auf dem Prinzip
simultaner und abgestufter Realisierung beruht. Dieser Plan ws&a.
umfaßt nicht nur die gesamte nukleare, sondern auch die konven-
tionelle Bewaffnung aller Länder sowie ihre Truppenstärke
und soll in zehn Jahren zu vollendeter Ausführung gelangt sein.
Während die Armeen aller Staaten abgebaut werden und oeder von
ihnen nur eine bescheidene undjleicht bewaffnete Polizeitruppe
behält, organisieren die VN $4fiS eigene Armee, deren Aufbau
zugleich mit dem Abbau der nationalen Armeen und der Abrüstung
der Nationen beendet sein soll. loh möohto mich an dioocr fite:
mit kurzer Wiedergabe begnügen und den Leser an das^erianS^e Buch
verweisen, dessen Verdienstlichkeit ichsjifeen^rSüher hevorgehoben
habe; volle Würdigung gebühr^au^hr^^rAusarbeitung von Einzel-
heiten wie der ed^ej^Easßektions Systems, dem die Geheimhaltung
nuklearer jua^r^nderer Waffen oder deren spätere geheime Erzeugung
it ontoohon konnte). Einige Punkte des Planes erwecken
hingegen hingogsn Bedenken, und orfordorn Ändorungon» Die schwer-
sten Bedenken erheben sich gegen die erschreckende Idee, daß eben
die dem Frieden dienende UNO-Armee selbst nuklear bewaffnet sein
soll. Es liegt auf der Hand, daß die Verfasser* ^ren guter Wille
keinem Zweifel untcr-liu^.,. die voraussehbaren Polgen dieses einen
Punktes trotfl ihror anorkonnonoworton Gründliohkoit nicht genü-
gend bedacht haben. So müssen ihrem Vorschlag vier Forderungen
mit aller Entschiedenheit gegenübergestellt werden:
1) Daß das gesamte Arsenal an nuklearen Bomben vernichtet
und unschädlich gemacht werden muß und daß auch nicht eine einzi-
ge der vorhandenen nuklearen Bomben der Vernichtung und Unschäd-
lichmachung entgehen darf, also keinem Staat, keiner Organisation
und keinem Menschen für irgend einen Zweck übergeben werden darf.
2) Daß die zur Erzeugung nuklearer Bomben geeigneten Roh-
stoffe, die sich im Besitze von Staaten befinden, von einer
Kommission der UffO inspiziert und registriert werden, um von
den betreffenden Staaten unter strikter permanenter Aufsicht
448
der UNO ausschließlich für die friedlichen Zwecke verwendet
zu werden, die von der UNO gebilligt werden; und daß in Fällen x
von Verletzung dieser internationalen Gestezeafroder des Verdacht
tes ihrer Umgehung die UNO berechtigt und verpflichtet sein soll,
Materialien und gegebenenfalls auch Bomben zu beschlagnahmen
und Sanktionen zu verhängen.
3) Daß Export, Import und Transport solcher Materialien
nur unter Aufsicht der UNO gestattet sei,
4) Daß diese Richtlinien auch für alle Zukunft und besonders
für Fälle von Konfiskationen nuklearer Bomben und der für ihre
Erzeugung verwendbaren Materialien zu gelten haben%9)).
>Wenn diese vier Punkte überhaupt einer Motivierung bedürfen
können ä^cht weniger als fünf Begründungen geboten werden,
deren jede>allein genügen dürfte:
a) Nach a^lem bisher Vorgebrachten undBegründeten kann es
einen legitimenNiebrauch nuklearer Bomben überhaupt nicht geben.
Nicht minder als in\den Händen jeder Regierung, wäre ihr Ge-
brauch auch seitens de^r US durch nichts zu rechtfertigen,
ein niemels gutzumachendes ^erbrechen. An den tatsächlichen
Folgen eines nuklearen Bombardements würde es nichts ändern,
wennesis von den VN und nicht yon einer gewissenlosen oder
irregeleiteten Regierung käme 99.
99) Die in unserem Abschnitt "Möglichkeiten der Entstehung
und des Verlaufes", u.zw. auf S. , in Betracht gezogenen
Permutationen würden im phantastischen Fall einer nuklearen
Aktion der UNO noch eine grausame Erweiterung erfahren.
Wie trotz aller Vorsicht die für unermeßlich große
Menschenmassen tödlichen Waffen jederzeit auch durch falschen
Alarm, Intrigen, Mißbrauch oder Irrtum losgehen können, kann es
solchen Waff enV^enso ergehen, wenn sie sich im Besitz der UNO
befinden; wobei der^Sicherheit der Welt schwerlich dadurch
Genüge getan wäre, da^Zivilisten über die Verwendung zu be-
schließen hätten und der l^JO-Armee nur die Ausführung überantwor-|
tet wäre,
c) Auch die gegebenenf allsNäßn VN gehörigen nuklearen
Waffen können gestohlen, geraubt ocfer erobert werden. In den
Händen einer Macht, die kein Territorium besitzt, wären diese
Waffen solchen Gefahren in erhöhtem Maße ausgesetzt.
d) Die notwendige Vorsicht der Aufbewahrung und die auä
dem selben Grunde unvermeidliche Kompliziertheit^sLer Prozedur,
die der etwaigen Verwendung vorauszugehen hätte, würzte fSV
450
-gegenwärtige Wettrüsten ist insofern um einen Grad weniger
verwerflich, weil man es gegen einen im Prinzip gleichen oder
sozusagen stärkeren Gegner betreibt, sodaß die Hysterie der
Gegenseitigkeit fast einen Milderungsgrund bildet. Während die
geplante Militkssmacht der UNO selbst für den nicht sehr wahr-
scheinlichen Fall ms^rerer Lücken doch nur eine proportional
völlig inadäquate Gegne'xschaf t in Betracht zu ziehen hätte.
Es wäre also nicht allein Widersinnig, sondern eine jeder Zweck»
mäßigkeit entbehrende Imitat iohs^er heutigen Kriegspsychose,
die UNO zu derartigen Rüstungen ge&en einen im Grunde hypothetie
sehen Feind mobilisieren zu wollen« >.
Doch sei hervorgehoben, daß das nun reichlich erörterte
Buch nach Streichung der verhängnisvollen IrrtTämer dennoch
Achtung als bedeutender Beitrag zum Frieden vei^ie^^lOO ) •
i$©x 100) Im Anschluß an dieses Thema und darüber hinaus
seTHSüch vorgeschlagen: a) Daß jeder Export, Import und Trans-
port von Waffen jeder Art nur mit Bewilligung der UNO gesit-
tet sein soll, b; Daß es allen Ländern auferlegt sei, den
Besitz von Waffen von Lizenzen abhängig zu machen und unbe-
fugten Waffenbesitz unter Strafe zu stellen, c) Daß die
Anzahl der Personen, denen Lizenzen für den Besitz von
Waffen ausgestellt werden, einen bestimmten, nach gründlichem
Studium der gerechtfertigten Bedürfnisse festzusetzenden
Prozentsatz der Zivilbevölkerung jedes Landes nicht über-
schreiten darf.
Die nach Tunlichkeit zu internationalisierende Regelung
dieser Frage erweist ihre Notwendigkeit und Bedeutung am
deutlichsten in den Vereinigten Staaten, wo Kauf und Besitz
von Waff entykeiner^gesetzlichen Beschränkung unterliegt. und
riedeo Kind Waffen auch durch die Poot beziehen kann» Die
J
ErmordungpCennedys {/dio Entdoolmng cinoir Arsenal!
co hon Kriminalität und das kaum msk mehr zu meisternde
Überhandnehmen von Verbrechen jeder Art hat denkende Publi-
zisten veranlaßt, auf die Abgründigkeit der Lage hinzuweisen
und Einführung von Waffenpässen zu fordern. Doch die Interes-
sen von Produzenten, Händlern und Konsumenten haben sich bisfe
her stärker erwiesen.
Es sind aber wohl alle bisher bekanntgewordenen Friedensplä-
ne, die eine schlimmen: Schwäche gemeinsam haben, nämlich die
mehr oder weniger stillschweigende Voraussetzung des Status quo,
dem der Friede zur Mauer oder zur Festung werden soll. Es ist
jedochsi sonnenklar, daß das sozusagen Verewigung eines durch und
durch ungerechten Zustandes bedeuten würde, der unzählige und
unsäglich leidende Opfer gefordert hat* und weiterhin fordert.
Ich muß gestehen, daß mir auch die schwerste Ungerechtigkeit
annehmbar erschiene, wenn sie die einzige Alternative für den
a±± gemeinsamen Untergang wäre, wenn also ein von der gegen-
wärtigen Lage gründlich verschiedener Friede unerreichbar wäre.
451
Das ist er aber keineswegs» Und wir dürfen von eben dem aus«K&±±
schließlichen Standpunkt des Friedensinteresses nicht vergessen,
daß selbst die vorgocohono exklusive Militärmacht nicht imstande
sein kann, derart problematischen Zusänden unbegrenzte Dauer zu
verleihen. Die meisten pazifistischen Autoren verschließen sich
wohl nicht den nach Lösung schreienden Problemen, insbesondere
nicht den von Ost und West anerkannten und von beiden Seiten
ähnlich definierten. Aber angesichts der Größe der Probleme
und ihres dynamischen Charakters scheint es inadäquat und aus-
sichtslos, die Lösungen von Komitees und andern Institutionen
zu erwarten, die sowohl der für solche Aufgaben nötigen Autorität
als auch der unumschränkten Ausführungsgewalt entbehren. Den
nahezu präzedenzlosen Aufgaben kann nur die nahoau präzedenzlose
Friedenskonferenz gewachsen sein, Institutionen wie die gegen-
wärtig bestehenden oder analog hinzukommende werden zur Ergänzung
der Friedenskonferenz andere bedeutende Aufgaben zu bewältigen
haben, wie vor allem die Behandlung von Petitionen(S. ). Viel-
leicht wäre es zu empfehlen, daß die Friedenskonferenz in der
Methode ihrer Verhandlungen eine globale Perspektive wahren soll«
auch in ihrer Behandlung des Einzelfalles; während die Komitees
und andere permanente oder zeitweilige Institutionen vom Einzel-
fall ausgehen, ihn mit größtmöglicher Gründlichkeit erforschen
und dessen Lösung dem Rahmenwerk globalen Friedens und globaler
Wohlfahrt einzugliedern suchen sollen. Schließlich muß mit solefe
chen Problemen gerechnet werden, für die eine noch so lange Kon-
ferenz nicht genug Zeit hätte, vorausgesetzt, daß sie die Lösung
nicht diktieren, sondern unter Zustimmung äder Beteiligten her-
beiführen soll. In Fällen besonders hartnäckiger Widerstände ist
nur eine nicht minder hartnäckige »geduldige und gründliche Bear-
beitung möglich, die das Werk einer der permanenten Kommissionen
sein sollte. Den permanenten Organen werden gewiß auch alle die-
jenigen Probleme zufallen müssen, die sich erst während der
Friedenskonferenz oder nach ihr ergeben werden.
Über die Zusammensetzung der Kommissionen und Institutionen,
die während der Konferenz und nach ihr so bedeutende Aufgaben
zu erfüllen haben werden, sind natürlich verschiedene Meinungen
möglich. Man kann sie sich aus lauter Fachleuten bestehend vor-
stellen, aber ebenso auch aus einer Majorität von Fachleuten
und einer Minorität solcher Mitglieder, die kein Fachwissen und
keine organisatorischen •©^•adiainistrativen Fähigkeiten zu be-
sitzen brauchen, sondern durch hohe persönliche Kompetenz als
452
Denker und Ethiker ausgezeichnet sind, u.zw. ungeachtet ihrer
Nationalität und politischen Haltung. Z.B. wäre für Träger des
Friedens-Nobelpreises eine besondere, vielleicht sogar entschei-
dende Position vorzusehen; nicht um solche Personen zu fördern
und ihnen Ehre zu erweisen, sondern pro mundo, um das menschli-
che Niveau der Verhandlungen zu heben und dementsprechend das
Vertrauen zu stärken und die Autorität von Beschlüssen für
Frieden und Abrüstung zu erhöhen.
Die militärischen Auslandsbasen
Die militärischen Auslandsbasen zerfallen heute in zwei
stark entgegengesetzte Kategorien, nämlich in die von Ländern
unfreiwillig geduldeten und solche, an denen die vermietenden
Länder oder zumindest deren Regierungen interessiert sind.
In Situationen der Schwäche und Abhängigkeit haben manche
Regierungen der Errichtung militärischer Basen in ihren Ländern
mehr oder weniger gezwungen zugestimmt, ^ach politischen Ände-
rungen in diesen Ländern und Erstarken ihres Selbstbewußtseins
wird die einstige Abtretung oft als Verrat gebrandmarkt, aber
die neue Regierung steht einer Großmacht gegenüber, die nicht
bereit ist, über Recht und Unrecht zu diskutieren, wo es sich
um bedeutsame strategische ^elange handelt. Die Großmacht hält»
was sie hat, in furchtbar festen Händen und läßt keinen Zweifel
darüber entstehen, daß sie es friedlich niemals zurückgeben
wird. Gegenüber solchen strategischen Wertgegenständen wird die
Erbitterung kleiner Völker und der Verlust anderer Sympathien
als minder wichtig angesehen.
Die militärischen Basen der andern Kategorie sind haupt-
sächlich die Resultate einer militärischen Interessengemeinschaft
zwischen den Vereinigten Staaten und Ländern der Alten Welt,
deren Regierungen die fremden Stützpunkte als Schutz gegen die
Sowjetunion betrachten. Das Selbstbewußtsein dieser Nationen ssk
scheint unter den Abtretungen nicht oder nicht mehr zu leiden;
auch die moralisch und emotional stärksten Bewegungen des Pro-
testes gegen eine solche Regierungspolitik sind bisher über
Minoritäten nicht hinausgewachsen. Die Haltung Prankreichs hat
sich zwar in der bekannten Weise so weit geändert, daß die Nato-
Basen die höchst überraschenden Konsequenzen zu erfahren hatten,
doch ist schwerlich anzunehmen, daß Prankreichs individueller
Schritt in naher Zukunft Nachahmung finden wird.
453
Wahrscheinlich ist vielmehr, daß es für die Zukunft
dieser Basen nur zwei Möglichkeiten gibt« Entweder werden sie
beim Selbstmord der Menschheit eine bedeutende Rolle spielen
oder sie werden einen ausschlaggebenden Teil der internationalen
Abrüstung bilden. In einem zielbewußten Handel zur Zerstörung
der Zerstörungsmittel können sie zu einem Trumpf in der #and
Amerikas werden, da für ihre freiwillige Rückerstattung noch
größere Gegenleistungen erwartet werden können.
Die künftige Rolle und Bedeutung der Vereinigten Nationen
Der Völkerbund war wohl die positivste Folge des ersten
Weltkriegs gewesen, hatte aber seinen ursprünglichen Charakter
als Organ der Siegerstaaten nie ganz abstreifen können. Das war
demnach auch der Ausgangspunkt seiner Reinkarnation nach dem
zweiten Weltkrieg, als die United Kations Organization in hoff-
nungsvoller Eintracht zwischen den Westmächten und der Sowjetuni
on errichtet wurde. Daß die neue Organisation auch militärische
Kraft besitzen sollte, war keine präzedenzlose Idee, denn eine
militärische Funktion war schon Anfang 1935 vorausgenommen wor-
den, als zur Sicherung einer Volksabstimmung eine kleine, aus
Soldaten von vier Mitgliedstaaten zusammengesetzte Truppe in
das Saargebiet einrückte. Damals war wohl der neutrale Charakter
der Truppe als Beschützerin der Freiheit des Plebiszits offen-
sichtlich. Als aber die Rechtsnachfolgerin des Völkerbundes,
die UNO, sich in den Koreanischen Krieg drängen ließ, stand ihr
Sinn als Friedens Organisation auf dem Kopf, zumal in ihrer Charta
nicht einmal eine formale Ermächtigung zu einer solchen Umkehruig
ihrer Rolle zu finden war. Sie war unter amerikanischer Führung
eine der kriegführenden Parteien geworden, obwohl sogar ein
anderer Mitgliedstaat auf der andern Seite der Front stand.
Beide Seiten hatten analoge Argumente zu ihrer Verfügung, beide
beschuldigten einander der Agression und glaubten an ihre gute
Sache. Jetzt, da neue Konflikte und Probleme eine Reorganisation
der ohnedies größten internationalen Macht notwendig mache*,
sie zu den bedeutendsten Aufgaben «a« bef ähige»*/iaüssen wir
uns jene blutigen Erfahrungen vor Augen halten, um realistisch
beurteilen zu können, was für unvorhersehbare Wendungen in den
Funktionen der Weltorganisation im Bereiche der Möglichkeit
liegen, insbesondere wenn sie nicht mehr auf zeitweilig von Mit-
gliedstaaten zur Verfügung gestellte Truppen angewiesen bleiben,
4-54
sondern eine eigene Armee besitzen wM. Wie weit immer die Be-
waffnung dieser Armee gehen mag, wird sie unter der Voraussetzung
der allgemeinen Abrüstung, also unter der Voraussetzung des
Fortbestandes der Menschheit, eine Macht besitzen, wie sie noch
nie eine Armee besaß, da es dann außer ihr nur leicht bewaffnete
Polizeitruppen geben wird«
Das ist es nun, was äußerst grausame Möglichkeiten in unser
Blickfeld rückt. Auch ohne eigene Raketen, Satelliten und
Raumschiffe und ohne eigene A- und H-Bomben wie auch ohne eigene
Kriegsindustrie mit Forschungslaboratorien für immer weitere
Erfindungen zur Massenvernichtung stünde kaum noch etwas Reales
im Wege einer Entwicklung der UNO zu einem uberstaat, der eine
furchtbare und unentrinnbare globale Diktatur aufrichten könnte,
die schon wegen ihres Umfang es schlimmer wäre als die bisherigen
Diktaturen, Die Furcht vor einer solchen überall anwesenden
Alleinherrschaft ohne Gegenspieler würde Völker und Regierungen
befallen, Angst und Hoffnungslosigkeit würden sich über den
Erdball breiten und systematische Unterdrückung würde den ver-
zweifelten Meuchen charakterologisch noch tiefer hinabdrücken;
statt daß der Friede die Freiheit, die Aufrichtung, die Lebens-
freude und die Höherentwicklung brächte. Es ist eine traurige
Pflicht, dieses Gespenst heraufzubeschwören, weil es deutlich
und aus der Nähe betrachtet werden muß, um allen um den Frieden
und um das Gedeihen der Friedensorganisation Bemühten als War-
nung gegenwärtig zu bleiben. Bei Tageslicht besehen, verzieht
sich aber der düstere Schatten. Die Geschichte bietet uns den
guten Trost, daß es einen Monismus der Macht nie gegeben hat
und daß eine solche Idee niemals mehr war als die unerfüllte
Ambition räumlich und zeitlich begrenzter Diktaturen. Auch die
bloße Erkenntnis einer Möglichkeit kann zu einer realen Kraft
werden, indem sie die Wachsamkeit zur Folge hat, die ein Scheu-
sal nicht erst wachsen läßt. Machen wir uns trotzdem klar, daß
selbst die Verwirklichung des Angsttraumes, in dem ein Friedens-
engel als menschenfressendes Ungeheuer erscheint, seiner Alterna-
tive, der gegenseitigen nuklearen Ausrottung, noch beiweitem vor-
zuziehen wäre; und daß wir, wenn unsere Bangigkeit vor einem so
tragischen Wandel in der Rolle der VN das Friedenswerk und die
Abrüstung gefährden oder auch nur verlangsamen sollten, die
Diskussion über die drohende Entartung der UNO zu verschieben
hätten. Wir dürfen zunächst nicht zulassen, daß üble Mächte
455
eine solche Möglichkeit ausnützen, um sie in eine Kompromit-
tierung der Sache des Friedens umzuf älschen. Die Gefahr wird
schwinden, wenn wir von ihrer Entdeckung zu konsequenter Abwehr
fortschreiten werden. Durch Einsicht und gegenseitiges Verständ-
nis kann und spll die UNO viel stärker und aktionsfähiger werden
als sie heute ist, nicht durch eine ihren Mitgliedstaaten über-
geordnete Stellung; auch Unfähigkeit zur Einigung in vitalen
internationalen Angelegenheiten sollte niemanden in die Versu-
chung bringen, der Weltorganisation eine solche Stellung ver-
leihen zu wollen. So würde die Besinnung auf das eigentliche
Ziel gewiß genügen, die ins Auge gefaßte Gefahr zu bannen.
Diese Besinnung könnte durch eine positive Formel definiert
werden, wie sie der die Charta der VN einleitenden Proklamation
entspricht und unter Umständen vorbeugend wirken würde, wenn sie
für Jeden bindend wäre und Jeder sich auf sie berufen könnte,
wenn sie also Pflicht und Recht zugleich wäre: "Dem Frieden und
der Wohlfahrt aller Menschen zu dienen, ist das einzige Ziel
der Organisation der Vereinigten Nationen."
Wir sprechen von Fragen der Macht, denn so verlangt es
die Beziehung der Menschen zur Macht, wie wir sie in der uns
bekannten Vergangenheit und nicht minder auch heute beobachten.
Genauer ausgedrückt, geht es es sowohl um das Verhältnis des
Mächtigen zur Macht als auch um das Verlangen nach Macht. Wenn
echter Friede auf Erden herrschen wird, und wenn der Mensch
seine f2?e ige wordenen Kräfte zur eigenen Vervollkommnung verwertenl
wird, werden Machtgier, Sadismus und eine Reihe verwandter Übel
auf eins solches Minimum einschrumpfen, daß man von ihnen wird
sprechen können, wie wir uns der Hexenverbrennungen erinnern:
Von der Furcht vor Wiederkehr sind wir frei, ob unsere Sichertest
heit objektiv begründet sei oder nicht. Unter der Voraussetzung
einer solchen Entwicklung des Menschen hätte Macht einen völlig
veränderten Sinn, denjenigen, den sie heute zumeist nur vor-
täuscht, den reinen Sinn eines Dienstes an der Allgemeinheit.
Der Mensch ohne Machtgier ist nicht irreal, sondern durchaus
vorstellbar. Die Ausübung öffentlicher Funktionen könnte ein
Fach werden.m das nicht mehr Anziehungskraft erwiese als
alle andern Fächer, oder sogar weniger. In dieser Erwartung
bestärkt uns der Umstand, daß es auch Jetzt Menschen gibt,
die politische Ämter und Machtpositionen konsequent ablehnen.
Eine verallgemeinerte Erreichung dieser Stufe, die als
P
456
beginnende Heimkehr des Menschen zum eigenen Wesen gedeutet
werden könnte, hat das Friedenswerk zur Vorausefczung und würde
es krönen« Nur müssen wir damit rechnen, daß diese Voraussetzung
noch nicht gegeben ist» Noch muß die Sache des Friedens vor dem
Willen zur Macht möglichst gründlich geschützt werden« Wachsam-
keit im Bewußtsein der Gefahr kann uns davor bewahren, daß
Menschenrechte oder andere Rechte Jemals gegen die VN verteidig
digt werden müßten»
Außer ihrer wichtigsten Aufgabe, der Sicherung des Friedens,
wird die Weltorganisation noch eine Fülle anderer Probleme zu
lösen haben, für die regionale, nationale und selbst kontinen-
tale Lösungen ebenfalls unzulänglich geworden sind» Dazu gehört
die früher geforderte Rettung der Erdbevölkerung vor ihrer rapiÄ
den Zunahme und die der irdischen Natur vor ihrer zunehmenden
Durchgif tung. Die nationalen Regierungen waren es, durch deren
Duldung oder Kurzsichtigkeit diese Bedrohungen herauf beschworen
wurden» Das besagt aber nicht, daß es heute noch möglich wäre,
die verhängnisvolle Lage in den Bereichen einzelner, und selbst
der größten Nationen rückgängig zu machen» In der gegebenen
Situation hätte dieses Unternehmen nur in globalem Maßstab Aus-
sicht auf gründlichen Erfolg; woraus sich ergibt ^suß^e^ der
UNO übergeben werden sollte. Weiterhin mehren sich noch Fragen,
durch die schon jetzt ein internationaler Notstand geschaffen
ist und in denen nur von planmäßiger und umfassender Interven*±H
tion der UNO reale Abhilfe erwartet werden kann, wie etwa gegen
die organisatorische, politische und militärische Macht des
Rauschgifthandels. Auch zu gründlich geplantem Kampf gegen die
Hungersnot, die heute das Leben von Millionen Indern bedroht
und morgen noch viel weiter um sich greifen kann, scheint die KB
UNO mehr als jedes hilfsbereite Land berufen» Trotz allen
schweren Bedenken und Enttäuschungen, die auch das unwürdige
Betragen von Delegierten einschließen, ist die UNO die
größte Hoffnung der heutigen Menschheit.
Souveränität als Problem
Es liegt im problematischen Wesen des Souveränitätsbegrif-
fes, daß jeder Staat in allen Fragen der Beklagte oder der
Kläger und zugleich der oberste Richter sein kann, ohne eine
übergeordnete Instanz, niemandem verantwortlich» Sein Handeln
wird nur durch das eigene Gesetz bestimmt, das er jederzeit
auch noch ändern kann» Diese unbegrenzte Macht besteht aller-
cfcogs ma-rrfrx k m k£gsdBaacD:o3E^ feersfee^OEX3ööX5Lxl^isS. imix
dings nur theoretisch. Denn da dieser oberste Herr täglich und
stündlich auf einen andern Herrn stößt, der ebenfalls der
obersteist, bzhw. auf mehrere, ist die Konfliktsituation gegeben,
in der von altersher praktische Faktoren zu entscheiden pfleg-
ten, blutig oder unblutig. Für die Beziehungen zwischen den
Staaten bildet die Souveränität an sich also eine unerschöpf-
liche Quelle von Gefahren. Sie steht z.B. zur Verbindlichkeit xe
von Verträgen schon rein theoretisch in einem gewissen Wider-
spruch, da jede Regierung auch die von ihr selbst unterzeich-
neten Verträge aufheben kann, wenn sie ihr unbequem geworden
sind.
Die Souveränität hat bisher zwar noch keine theoretische,
aber zwei bedeutende praktisch Einschränkungen erfahren. Die
eine ergibt sich schon aus der bloßen Existenz der UNO und
teilweise auch aus ihrer Praxis, in der eine gewisse Stärkung
ihrer Position gegenüber den einzelnen Staaten zum Ausdruck
kommt. Die andere Institution, die für die Selbstherrlichkeit
der Staaten eine wohltuende Begrenzung bedeutet, ist der
Haager Gerichtshof, dessen Bedeutung voraussichtlich im Anstei-
gen ist. Das noch bevorstehende Werk des fe erforderlichen Aus-
baues Beider, der Völkerorganisation und ihres Gerichtes,
könnte der ganzen Menschheit hohen Segen bringen, wenn in diesem
Ausbau nicht Egoismus entschiede, sondern wirkliche Humanität;
wenn also Verhandlungen in allen Institutionen der VN für die
Delegierten nicht nur eine Gelegenheit wären, die Belange ihrer
Regierungen recht wirksam zu vertreten, sondern ein Bewußtsein
der Mitverantwortung für das Los der Menschheit an Boden gewänne.
Für die Haager Rechteinstitution, die noch nicht zu voller
Entfaltung ihrer Möglichkeiten gelangt ist, können die ordentli-
chen Gerichtshöfe, die innerhalb jedes Rechtsstaates fungieren,
in kleinem Maßstab als Vorbilder gelten. Auch|sie genießen eine g
gewisse Unabhängigkeit von den eigenen Regierungen, und im
Prinzip ist eine solche Position in noch höherem Maße dem Inter-
nationalen Gerichtshof verbürgt. Doch so wie die UNO selbst bisfe
her nur ein Instrument der in ihr vertretenen Staaten war,
ist auch im Haag das Bestreben nach absoluter Objektivität
eher ein ideales Postulat geblieben. Richter, die, wenn auch
indirekt, von Staaten eingesetzt sind, können sich auch beim
besten Willen nie vollkommen de» Einfluß jener Staaten entziehen.
Und ein Staat selbst ist ein Komplex bestimmter Interessen,
sodaß der Begriff des Staates von dem des Egoismus bisher nie
458
ganz ablösbar war.
Dieser offensichtlich Schwäche des internationalen
Gerichtes gegenüber scheint es empfehlenswert, das Kollegium
der fünfzehn von der Generalvers ammlung und vom Sicherheitsrat
eingesetzten Richter durch kooptierte Mitglieder zu erweitern,
u.zw. unabhängig von ihrer Nationalität und von ihrem Beruf.
Die neuen Richter brauchten weder Beruf sjuristen noch Völker*^öfa
rechtsgelehrte zu sein, sondern könnten z.B. Philosophen,
Schriftsteller, Anthropologen, Psychologen, Soziologen Ethnologen
oder Historiker sein und bedürften keiner Bestätigung seitens
einer Regierung. Diese Richter müßten so hohen Vertrauens
durch ihre Persönlichkeit sowie durch Friedensarbeit und huma-
ne Leistungen würdig sein. Wie in einem allgemeineren Sinne
schon auf S. vorgesehen, könnten mehrere Institutionen der VN
aus der Mitarbeit solcher Köpfe moralischen und praktischen
Nutzen ziehen.
Dank einer solchen Erweiterung würde die Autorität des
Internationalen Gerichtshofes gewiß zunehmen, vielleicht bis
zu dem Grade, der ihm ermöglichen würde, auch Großmächte zu
richten. Nichtsdestoweniger sollte die Wahl der Richter und
die weitere Sicherung ihrer Integrität noch den Gegenstand
eingehender Studien und Reformen bilden, damit dieser Gerichts-
hof zu Aufgaben befähigt werde, wie sie bisher noch nie ein
Gericht erfüllte und alle streitenden Staaten sich entschließen
könnten, sich zur Annahme seines Schiedsspruchs mit unwider-
ruflicher Geltung zu verpflichten. Warum sollten die für die
Menschheit gefährlichen Fragen wie die Berlins, Vietnams und
des nahen Orients von einem noch weiterhin verbesserten Haager
Gerichtshof nicht besser entschieden werden können als durch die
wenn auch nur psychologische Wirkung der alten oder gar der neuen
Waffen?
Wenn eine UNO, deren Sicherheitsrat als Heilsbringer
versagt, weil jeder in ihm nur die eigenen Interessen vertritt,
eine tragbare Lösung in der Generalversammlung sucht und trotz
allen Bemühungen nicht findet und es dann nochmals mit dem
Sicherheitsrat Sicherheitsrat versuchen muß, obwohl sich an
dessen Charakter nichts geändert hat, ist wohl die Zeit gekom-
men, eine dritte UNO-Institution heranzuziehen und diese zu
schiedsgerichtlichen Aufgaben von Höchster Bedeutung zu befähi-
gen und zu autorisieren. Während sowohl im Sicherheitsrat als
auch in der Generalversammlung die Vertretung nationaler und
459
Regierungsinteressen zulässig, üblich und zu erwarten ist,
sollen solche Interessen vom Internationalen Gerichtshof
ausgeschlossen sein. Theoretisch bildet schon jetzt, noch
vor weitereniA seiner Prinzipien und seiner Methoden, eine
Rechtsidde seine Grundlage und Voraussetung, die Wohlfahrt
der menschlichen Gesamtheit sein Ziel,
Nicht immer weiter in die Machtbereiche der Staaten
eindringende Vorstöße einer nach Allmacht strebenden UNO, son-
dern eine durch allseitiges und konsequentes Öemühem zutexh
erreichbaren Vollkommenheit entwickelte^ Rechtsprechung wäre
der geeignete Weg, um die schon aus den theoretischen Wider-
sprüchen des Souveränitätsbegriffes und dann aus dessen noch
schlimmerer Praxis erwachsenden Gefahren zu beseitigen. Von
Reibungen mit den Machttendenzen der VN würden die Großmächte
naturgemäß viel weniger betroffen als die kleinen Völker, deren
Selbstbewußtsein die volle staatliche Unabhängigkeit viel
schwerer entbehren könnte. Am schwersten würden von weiteren
praktischen oder auch nur theoretischen Einschränkungen ihrer
Souveränität diejenigen neuen Nationen betroffen, die allzu lang
unter Fremdherrschaften gelitten und Selbständigkeit erst vor
kurzem erlangt haben. Die erhöhte Autorität und erweiterte
Kompetenz des Internationalen Gerichtshofes würde ihnen aber
nicht nur nichts neh^men, sondern müßte ihrer politischen
Freiheit die größtmögliche Sicherheit verleihen.
Doch soll dieser Hinweis auf die Gefahren, die, z.T. noch
verborgen, z.T. schon offen, im Begriff der Souveränität ent-
halten sind, nicht als Antrag auf generelle Abschaffung aufge#aJB
faßt werden. Um ein gesundes Gegengewicht gegen die Macht der VN,
die zusehends wächst und zum Wohle der Menschheit weiter wachsen
soll, dennoch aufrechtzuerhalten, soll die Souveränität als sol«
che erhalten bleiben, aber sie bedarf im Interesse Aller eine zk
zweifache Beschränkung:
I. Die Anrufung des Internationalen Gerichtshofes soll
«jedem Lande ohne Rücksicht auf dessen UNO-Mitgliedschaf t
freistehen, und mit gewissen, etwa den auf S. dargestellten
Beschränkungen auch nichtstaatlichen Gruppen. Unter der Voraus-
setzung von Reformen zwecks Erhöhung der Integrität des Inter-
nationalen Gerichtshofes, etwa der hier beantragten, würde
dessen Rechtsspruch Verbindlichkeit zukommen und zur Ausführung
würde die UNO alle ihr zu Gebote stehenden Mittel einzusetzen
460
haben«
II. In den die Erhaltung des Lebans auf diesem Planeten
und die Selbsterhaltung der gesamten Menschheit direkt betref-
fenden Angelegenheiten würden die bisher von den einzelnen
Staaten ausgeübten^echte auf die VN übergehen. Diese
Angelegenheiten sind:
a) Abrüstung,
Bodens, der Gewässer, der Vegetation und der Lebewesen und
Maßnahmen zu deren Schutze.
Alle Staaten sollen sich verpflichten, diese Einschrän-
kungen ihrer Souveränität durch Einbeziehung in ihre GesetzgEferna
gebung zu bestätigen.
Geschichtsschreibung und Politik
Wenn man umfassende Geschichtswerke oder Studien über
einzelne räumlich und zeitlich begrenzte Gebiete der Geschichte
liest, freut man sich, zu sehen, wie einsichtig die Historiker
sind. Sie irren zuweilen unter dem Einfluß zeitgenössischer iss±
Gesinnungen, aber im allgemeinen spüren sie vergangenen Dingen
recht klug nach und wissen Beweggründe menschlichen Tuns und
ihre Polgen aufzudecken und zuweilen verborgene Zusammenhänge
zwischen Erscheinungen herauszufinden. Besonders schön werden
historische Porschungen, wen£eslli^Melä§c115iAsf?uSÄ?er Zeiten be-
gangen haben. Wir lesen das mit Gefühlen der Dankbarkeit, weil
wir es für lehrreich halten, als würde es uns warnen und vor
künftigem Schaden bewahren. Auch manche der Betrachtungen über
neueste Geschichte sind so intelligent geschrieben. Wenn wir
aber all dem die Geschichte gegenüberstellen, die wir selbst
beobachten und von der wir selbst ein Teil sind, wenn auch ein
fast immer passiver, erschrecken wir vor dem Unterschied. Gegen-
über denen, die Geschichte schreiben, erscheinen diejenigen, die
Geschichte machen, unintelligent, ja ihre Beschlüsse und Handlun-
gen machen oft den Eindruck von klassischen Pehlleistungen
geradezu nach dem Muster der von den Historikern aufgezeigten.
Dennoch wäre es, wenn auch naheliegend, ein Trugschluß, verallge-
meinernd die Gehirne der Historiker für hochentwickelt, die der
Politiker für unterenwickelt zu halten. Prophetische Polgerung
nach dem Ausgang der Dinge, vaticinatio ex eventu. ist nicht nur
an sich einfacher als Voraussicht oder Vorausberechnung, sondern
4-61
der Historiker hat es schon wegen seiner kontemplativen
Aufgabe leichter als der aktive Vollbringer einer Aufgabe.
Er kann das Geschehene sowieso nicht ungeschehen machen, zumal
auch der Gläubigste ein solches Vermögen selbst Gott nicht zu-
schreiben kann. Den Historiker lehrt seine Erfahrung, sich txsEk
trotz seinen lebhaften Wünschen in die Realität der Vergangenheit
zu fügen und die Dinge hinzunehmen wie sie sind oder zumindest
wie sie ihm zu sein scheinen. Der Politiker hingegen befindet x±k
sich immer auf irgend einer Art Kriegsschauplatz, kämpft gegen
Umstände und vielerlei Kräfte, hauptsächlich gegen andere Poli-
tiker. Er muß sie bezwingen, abwehren, kann sich nie der Ruhe
überlassen, solange die Verantwortung auf ihm lastet, und selbst
Pensionierung, Verdrängung oder Sturz gewähren ihm zumeist nicht
echte Ruhe. Mit den Interessen, die ihn zu ihrem Ausführungs-
organ gemacht haben, ist er oft bis zu völliger Identifizierung
verbunden. Wenn er sich irgendwann kühn außerhalb seiner selbst
stellen wollte und objektiv zu denken versuchte, könnte ihm ein
solches Experiment teuer zu stehen kommen. Er könnte unversehens
in die Nachbarschaft solcher geraten, die zu verabscheuen und
womöglich zu vernichten er erzogen ist und die er verurteilend
oder verdammend zu benennen pflegt. Auch wenn er ein gemäßigtes
Regime oder ein gemäßigtes Bestreben vertritt, hat er nicht minä
der einseitig und konsequent zu sein als alle Fanatiker. Andere
fürchten ihn zwar, aber er hört im Grunde nie auf, sie zu furch*
ten. Da sein Leben, wenn er eine hohe Stellung erklommen hat,
aus Besorgnis, Planung, Trick, Angriff, Verteidigung, Abwarten
und Vorbereitung besteht, gerät die Entwicklung seiner Urteils-
kraft notwendig ins Hintertreffen.
Das dynamische Denken der Politiker oder die Dynamik der
Politik, schien bisher in der Natur der Sache zu liegen, wie die
Betrachtung der Dynamik von einem sozusagen festen Punkte dem
historischen Denken eigen zu sein scheint. Als die eigentliche ±
Angelegenheit unserer Zeit ergab sich im Voranstehenden die
Präge, ob wir Alle zusammen imstande sein werden, uns den neuen
Bedingungen anzupassen und sowohl sie als auch uns selbst so zu
ändern, daß wir dem gemeinsamen Untergang entgehen. Innerhalb
der Serie notwendiger Veränderungen rückt die Unerläßlichkeit
fundamentaler Revisionen des politischen Denkens in den Vorder-
grund. Die zur Erreichung des Zieles, also zur Verhinderung der
Katastrophe und zur Ermöglichung des Portlebens erforderliche
4-62
Metamorphose oder Revolution im politischen Denken hat
zwei Seiten:
a) Das Ideal politischen Denkens muß die Objektivität
werden, die wir "bisher nur den Historikern zuerkannt oder
auferlegt haben. Zwischen Objektivität und der für jede Wissen-
schaft proklamierten Voraussetungslosigkeit besteht wohl nicht
Identität noch Parallelität, aber Korrelation.
b) Die Beziehung zwischen Urteilskraft und Dynamik muß
völlige Umkehrung erfahren. Das in der Funktion des Historikers
vorausgenommene Prinzip der Überordnung des Urteilens über das
Handeln oder das analytische Verhalten zur Dynamik muß von der
den neuen Aufgaben gegenüberstehenden Politik adoptiert werden.
ad a: Objektivität als Prinzip bedeutet die theoretische
Aufhebung der Verkettung von Interessen und Politik, die Lösung
der Politik von den Ketten des Egoismus. Die Konsequenzen dieses
Grundsatzes führen u.a. zu dem von praktischen Standpunkten
über Patriotismus Gesagten zurück (S. ).
ad b: Die Politik als Ganzes, nie Kleine einzelne unter
ihren Richtungen, würde damit eine höhere Stufe betreten,
entsprechend der Idee des Menschen, der, von der Macht des Schick
sals freier, sich der idealen Rolle des Herrn seiner selbst
und seines Loses nähert. So hätte der Philosoph als Politiker
keine Ausnahme mehr zu bilden.
KACHWORT
********
Der Hörende wird hören»
der Aufhörende aufhören.
Ezechiel 3t 27
und
Utopie und Prophetie
Wenn der Wunsch der Vater des Gedankens isty wenn der
Sohn dem Vater kritiklos nachgeht?: und in die Bereiche der
Phantasie gerät, aus ihren Armen aber nicht mehr den Weg
zurück findet, zeugt er mit ihr die Utopie.
Wenn aber Einer das Netz des Truges, das uns gefangen
hält, durchreißen und die dichten Nebel räumlicher und zeit-
lich Bedingtheit durchschreiten kann, wird er der Realität
gewahr. Nur er ist ganz Realist, ist zum Wissen gelangt. Er
hat nichts, nur das Wort hat ihn. Er muß es sagen und kann
es nicht ändern. Es ist einfach und ist das Heil. Er bietet
es uns. Warum können wir nicht hmaaqt sehen, was er uns zeigt?
Doch hören wir seinen Ruf. Sammeln wir unsere Kräfte,
damit auch wir uns vom Trug befreien. Der Ruf ist nahe,
folgen wir ihm!
4-62 a
Eine Begründung des Prinzips der Gewaltlosigkeit
Da es in der Natur der Gewalt liegt, Gewalt hervorzubringen,
haben die durch Gewalt erzeugten Tatsachen keinen Bestand, Und
da Friede Frieden bringt, muß es ihm eigen sein, Bestand zu
haben.
Die sinnfälligste Bestätigung des ersten Satzes bietet die
bekannte Kurzlebigkeit der auf Gewalt gegründeten Herrschaft.
Mit einer Regelmäßigkeit, die dieses Schicksal als historische
Notwendigkeit erscheinen läßt, sind alle auf Gewalt gegründeten
Mächte untergegangen.
So bleibt nur die Frage übrig, warum sich noch keine Macht
als dauerhaft erwiesen hat, auch nicht im Sinne der Relativität
unserer historischen Erfahrung. Die Antwort darauf ist einfach,
doch zugleich niederschmetternd: Weil es eine von Gewalt freie
Macht bisher noch nicht gegeben hat.
463
Ein Einblick
Den Anstoß gab die aus der unmittelbaren Wahrnehmung
und Beobachtung stammende und von der innern Erfahrung bestätig-
te Gewißheit, daß in die Beziehung zwischen dem Menschen und
der Natur schwere Störungen eingreifen, die auf beiden Seiten
der Natur, in ihrem außermensclüchen und in ihrem Mensch
genannten Teil, zu Kettenreaktionen führen. In der in ihrem
gesetzmäßigen Ablauf behinderten Natur hat die Leben und Tod
ausgleichende Dynamik gelitten, unzählige Kinder sinken
lebensunfähig und gebrochen in den wunden Mutterleib zurück.
Unsere einstigen Einzelhandlungen der Zerstörung des Lebendigen
sind zu Massenaktionen geworden. Unser Gewissen ist noch in uns,
aber es ist machtlos, hilft uns nicht mehr. Uns, die wir das
Geschehen aus seinen Geleisen gehoben haben, und unserer Selbst-
sucht zu dienen glauben, indem wir es in künstliche Geleise
übertragen, ist die Welt ringsum nicht mehr, was sie uns war.
Wir bezichtigen uns und einander einer Schuld und können trotz
allen Genüssen nicht glücklich sein. Wir fühlen, daß ein unserem
Ursprung gemäßes Leben uns das verlorene Paradies wiedergeben
könnte, in dem wir bei einiger Genügsamkeit Frieden finden
könnten. Aber wir haben ja nicht nur an der großen Mutter,
sondern auch an einander lieblos gehandelt, Entzweiung ist
um uns und in uns. Entzweit können wir die herbeigerufenen Nöte
nicht meistern, sondern beschwören die höchste Not herauf.
Wir richten die Riesenkraft der Natur gegen den Bruder und
der Bruder richtet sie gegen uns. Wir rufen ihm zu, er möge
das Unheil von uns wegwenden, aber er mißtraut uns und wir
mißtrauen ihm, weil wir uns selbst mißtrauen.
So erfahren wir, daß für uns Alle das bittere Ende gekom-
men ist und daß wir die Letzten sind, wenn wir nicht nun in
Eile tun, wofür wir früher Zeit genug hatten. Wir müssen
schneller sein als die Ungeheuer, die kriechend, springend
und sausend herankommen. Nein, wir sind nicht ratlos. Noch
haben wir etwas von einem uralten Erbe in uns, ein Wissen,
das uns beistehen wird, wenn wir seine Stimme hören können.
Ein Ausblick
Falls dieser Spuk vorübergehen und uns noch ein tiefes
Aufatmen vergönnt sein sollte, werden wir die Gabe der Einsicht,
die wir geringgeachtet haben, zu schätzen lernen. Im Ringen
464
um das Sein werden wir ahnen, daß der Inbegriff aller Krisen
zugleich der Bankrott des Hasses und ein Aufruf zur Liehe war»
Du wirst erkennen, welch ein Wahn es war, mich dafür zu hassen,
daß ich nicht du bin, da ja die Erde sonst von lauter Wieder-
holungen deiner selbst bevölkert und ein einziges Irrenhaus
wäre. So wird es uns mit euch gehen und euch mit uns, bis
wir Alle unser Herz allem Lebendigen aufs neue aufschließen
werden. Dann werden wir unsere Kräfte nicht länger im Kampfe
gegen einander vergeuden und werden im Bund der Liebe frei
und groß sein. Warum wir Frieden geschlossen haben, werden
wir ganz und gar erst wissen, sobald wir seinen Sinn
tätig erfüllen werden.
Mit einem Vers aus Jesaja, 32, 17, sei dieses Buch
beschlossen:
Die Tat des Rechts wird Frieden werden
Und die Arbeit am Recht Ruhe und Sicherheit für immer.
«■anfe
A WEIGHT AND FINISH FOR EVERY TYPING Oft DUPLICATING PURPOSE
ti|peuu riter
pa pers
Ready in stock: Bonds, Copy
Papers, Duplicating Papers,
Etc., in letter and legal size.
OFFICE SUPP
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